Mit ‘Edgar Wallace’ getaggte Beiträge

Der_Mann_mit_dem_Glasauge[1]Die Tänzerinnen der „Las Vegas Girls“, der Hauptattraktion des Odeon-Theaters in London, fallen einem geheimnisvollen Mörder zum Opfer, der am Tatort ein Glasauge zu hinterlassen pflegt. Inspektor Perkins (Horst Tappert) ermittelt gemeinsam mit dem vorlauten Sergeant Pepper (Stefan Behrens) und kommt einem Mädchenhändlerring auf die Schliche, der aus einem Billardsalon namens „Glasauge“ heraus operiert …

Die Titlesequenz ließ mein Herz in Liebe entflammen und mich glauben, ausgerechnet in einem der letzten Beiträge der auch kommerziell fast bis zum letzten Tropfen gemolkenen Serie ihren Höhepunkt gefunden zu haben: Zum schrillen, treibenden Lounge-Jazz von Peter Thomas werden die Credits wie schillernde Neonreklame präsentiert, eingefügt in die kaum weniger verlockenden Bilder nächtlicher Londoner Vergnügungsviertel. In den wenigen Minuten, die die Sequenz dauert, bündelt Alfred Vohrer alles, was die farbigen Wallace-Filme der späten Sechziger von ihren etwas altmodischen Vorläufern unterschied, transferiert er ihren grellen Charme endgültig in die poppigen Swingin‘ Sixties, treibt er ihnen aus, was bis zu diesem Zeitpunkt noch vom Geist der staubigen Schmöker des Namenspatrons übrig geblieben war. Auch danach noch schöpft Vohrer zunächst aus dem Vollen: DER MANN MIT DEM GLASAUGE sieht nicht mehr nur bunt aus wie die unmittelbaren Vorgänger, sondern geradezu opulent. Über das subtile Farbenspiel, das sich aus dem Miteinander von Bruce‘ (Fritz Wepper) fliederfarbenem Hemd und dem Grün der Wand hinter ihm in einer eigentlich nebensächlichen Hotellobby-Szene ergibt, könnte ich wahrscheinlich mehrere Absätze lang schwärmen. Überhaupt ist DER MANN MIT DEM GLASAUGE, mit dem Vohrer seinen Abschied von Wallace feierte, ein Film der schmückenden Kontraste: Dem autoritären, beinahe elitär auftretenden Perkins mit seinem an einen Zauber- oder Exerzierstab erinnenden Zeigestock (hier übte Tappert bereits für DERRICK) steht der pubertäre, im anhaltenden Stimmbruch gefangene Sergeant Pepper gegenüber, beiden wiederum der schon fast infantile Sir Arthur (Hubert von Meyerinck), der sich nicht recht entscheiden mag, ob er nun homosexuell oder doch ein Weiberheld sein möchte. Die ruppige Härte des jedes übersinnlichen Elements beraubten Krimiplots  kollidiert heftig mit dem an frühere Wallace-Filme gemahnenden, naiven Zirkus-Setting mit seinem Buffalo-Bill-artigen Messerwerfer Rubiro (Jan Hendriks), dem dicken Bauchredner mit der hässlichen Puppe und dem „Inspizient“ im weißen Wissenschaftlerkittel. Und ist die Story ausnahmsweise einigermaßen plausibel, sind es die barocken Spielereien, die DER MANN MIT DEM GLASAUGE in die Edgar-Wallace-Welt zurückwerfen: Einmal steigen zwei der Tänzerinnen vor dem Haus eines Mannes in eine gläserne Kabine, die sie dann auf Schienen hineinfährt. Wozu dieses umständliche Brimborium abgehalten wird, wo die beiden doch sehr viel einfacher und schneller einfach zu Fuß durch die Tür hätten eintreten können, wird nicht weiter erklärt. Einer der am Fall beteiligten, der Puppenmacher Nuthacher (Rudolf Schündler) führt mit seinem überfüllten Geschäft und dem grauen Gesicht direkt zu den Wurzeln des Gothic Horrors und das Glasauge ist auch so ein ornamentaler Geisterbahn-Kniff, der reichlich überstrapaziert wird. Vohrers Film setzt sich schwungvoll und fest entschlossen zwischen alle Stühle: Da werden immer wieder kleine Papierbeutelchen mit Heroin vertilgt wie Traubenzucker, ohne dass die Auswirkungen der Sucht jemals ernsthaft thematisiert würden, gibt es plötzlich eine ausufernde Keilerei im Billardsalon, an der auch Bud Spencer und Terence Hill ihren Spaß gehabt hätten, sind Sir Arthur und seine Sekretärin Mabel (Ilse Pagé) für den Comic Relief in Form Schreikrämpfe und Facepalms induzierender Zoten zuständig.

Dieses hübsche Tohuwabohu hätte durchaus das Zeug zu einem der größten deutschen Psychotronik-Erzeugnisse gehabt, doch leider geht DER MANN MIT DEM GLASAUGE im letzten Drittel ein wenig die Puste aus. Plötzlich muss das alles eben doch noch sinnvoll zu Ende erzählt werden, auch wenn das doch eigentlich von Anfang an niemanden wirklich interessiert haben kann. Und die Auflösung ist dann eben nur halb so aufregend wie das, was Vohrer mit dem ganzen Aufbau bis dahin anzustellen wusste. Dennoch: DER MANN MIT DEM GLASAUGE ist eine Sternstunde des wilden deutschen Kinos und nimmt eine kleine Sonderstellung innerhalb der kurz vor ihrem Ende stehenden Reihe ein. Auch wenn Edgar-Wallace-Puristen diesen Film wahrscheinlich am liebsten den Fluten des Vergessens überantworten würden. Noch ein Fakt am Rande: Iris Berben feierte hier ihr Leinwanddebüt.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Ilse Pagé, Jan Hednriks, Harry Wüstenhagen, Kurd Pieritz (6.), Tilo von Berlepsch, Heinz Spitzner (5.), Hubert von Meyerinck, Arthur Binder (4.), Horst Tappert, Ewa Strömberg, Rudolf Schündler, Harry Riebauer (3.), Heidrun Hankammer, Maria Litto, Narziss Sokatscheff, Otto Czarski, Franz-Otto Krüger, Paul Berger, Michael Miller, Günther Notthoff (2.), Christiane Krüger (1.). Regie: Alfred Vohrer (14.), Drehbuch: Paul Hengge (1.), Ladislas Fodor (2.), Musik: Peter Thomas (18.), Kamera: Karl Löb (14.), Schnitt: Jutta Hering (11.), Produktion: Horst Wendlandt (25.), Fritz Klotsch (6).
Schauplatz: London, Scotland Yard, ein Varieté-Club namens Odeon-Theater und ein Billardclub. Gedreht wurde in London, Berlin und Hamburg.
Titel: Ein Mörder mit Glasauge, der die fragilen Glubscher als Visitenkarte hinterlässt, sowie ein Billardclub gleichen Namens.
Protagonisten: Inspektor Perkins ermittelt erneut mit seinem Partner Sergeant Pepper. Ihr Vorgesetzter ist Sir Arthur.
Schurke: Ein Ring von Mädchenhändlern und ein unbekannter Rächer.
Gewalt: Mehrere Wurfmesser-Morde und Erschießungen, Tod durch Giftnadeln und Strangulation.
Selbstreflexion: Begrüßungsformel zu Beginn, Alfred Vohrer absolviert einen Cameo-Auftritt.

gorilla_von_soho_derDer Titel suggeriert eine Verwandtschaft mit DER BUCKLIGE VON SOHO, doch tatsächlich handelt es sich bei Rialto-Wallace-Nr. 27 um ein Remake von Vohrers eigenem DIE TOTEN AUGEN VON LONDON (ursprünglich war DER GORILLA VON SOHO als eigenständiger neuer Film geplant, doch Probleme während der Preproduction machten ein Umschreiben des Drehbuchs in Richtung Remake unumgänglich). Gegenüber dem „Original“ werden nur geringfügige, kosmetische Änderungen vorgenommen, ansonsten aber ganze Handlungsstränge, Personenkonstellation und selbst kleinere Details übernommen. Tappert übernimmt die Rolle Fuchsbergers, Friedrichsen die von Eddi Arent, Uschi Glas ersetzt Karin Baal, Herbert Fux gibt den Ganoven, der zuvor von Harry Wüstenhagen gespielt wurde, Ralf Schermuly ersetzt Klaus Kinski – inklusive der Sonnenbrille – und Albert Lieven schlüpft in den Schurkenanzug von Wolfgag Lukschy. Statt des „blinden Jacks“ führt nun ein Mann im Gorillakostüm die Verbrecherbande an, die hier nun nicht mit einem Versicherungsunternehmen zusammenarbeitet, sondern mit einer Wohltätigkeistorganisation: Die wohlhabenden Männer, die ermordet werden, haben kurz zuvor die LPFP – Love and Peace for People – als Alleinerben in ihrem Testament bedacht. Leidiglich die Szenen in einem maroden Mädchenheim, in dem auch eine rußige Puppenwerkstatt untergebracht ist, scheinen eher von DER BUCKLIGE VON SOHO inspiriert. 
Stilistisch geht Vohrer seinen Weg unbeirrbar weiter, verbindet den altmodisch-gemütlichen Charme der alten Wallace-Filme mit dem bonbonbunten, grellen Popappeal der späteren, farbigen Beiträge und erzeugt so eine sehr eigenständige Pulp-Mischung. Nicht fehlen darf der Ausflug ins Rotlichtmilieu, hier eine plüschig eingerichteter Nachtclub, der durch die Anwesenheit des als sittliches Korrektiv fungierenden Tapperts gleich doppelt so sleazig und verkommen wirkt (das Hinterzimmer, in dem Hobby-Aktfotografen gegen Bezahlung leicht bekleidete Schönheiten ablichten können, gibt es auch in Vohrers 8 Jahre später entstandenen DERRICK-Folge TOTE VÖGEL SINGEN NICHT). Die Szenen in der Mädchenanstalt hingegen erinnern an die etwa zur selben Zeit in Europa populär gewordenen WIP-Filme und warten dann auch mit beliebten Versatzstücken wie dem taubstummen Mädchen auf, dass sich nur in Zeichensprache verständigen kann. Der Humor geht auf das Konto von Friedrichsen, als jungem, leicht übermotivierten und vorlauten Filou „Sergeant Pepper“ (ein Poster der Beatles hängt auch mal irgendwo rum), der am Ende die Uschi abgreifen darf, und auf das von Hubert von Meyerinck, dessen Sir Arthur ständig eine junge, auf ihn wartende Frau im Nebenzimmer seines Büros versteckt, jedem Rockzipfel hinterherjagt, die Schlussfolgerungen und Argumentationen von Perkins aber nur bedingt versteht. Als Schlussgag des Films besteigt er mit seiner gut 40 Jahre jüngeren Gespielin einen Fahrstuhl, dessen penisförmiger Zeiger dann mit einem Vibrieren auf „Ende“ stehenbleibt: Hier kündigen sich die in den Siebzigerjahren zu erreichenden Humorniederungen des deutschen Films schon an.
DER GORILLA VON SOHO reicht weder an sein Vorbild noch an DER BUCKLIGE VON SOHO heran, ist in seiner kruden, wilden Mischung aus frivolem Lustspiel, Krimischmier und Horror ein Paradebeispiel für die Freuden, die German Expoitation so bereithält. Putzig sind immer wieder die logischen Volten, die der Film schlägt, um Sensationen aufzubieten: Da wird ein Mordopfer unter Maschinenpistolendrohung an eine bestimmte Stelle gelotst, an der er dann von einer herabschnellenden Kranschaufel erschlagen werden soll. Der Plan misslingt, das Opfer kann fliehen und die Schurken werden sich fragen lassen müssen, warum sie nicht einfach geschossen haben. Der Zuschauer indes freut sich über die bedingungslos eingehaltene Unterhaltungsmaxime.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:
Personal: Ilse Pagé (5.), Uschi Glas, Hubert von Meyerinck, Hilde Sessak (3.), Horst Tappert, Inge Langen, Albert Lieven, Claus Holm, Bernd Wilczewski (2.),  Maria Litto, Franz-Otto Krüger (1.). Regie: Alfred Vohrer (13.), Drehbuch: Horst Wendlandt (1.), Alfred Vohrer (1.), Musik: Peter Thomas (17.), Kamera: Karl Löb (13.), Schnitt: Jutta Hering (10.), Produktion: Horst Wendlandt (24.).
Schauplatz: London, Scotland Yard. Gedreht wurde in Berlin und London.
Titel: Ein Mörder im Gorillakostüm.
Protagonisten: Inspektor Perkins ermittelt gemeinsam mit seinem Partner Sergeant Pepper und mit der Unterstützung von Susan McPherson. Ihr Vorgesetzter ist Sir Arthur.
Schurke: Der Geschäftsführer eines Wohltätigkeitsvereins und seine Handlanger.
Gewalt: Diverse Erwürgungen und Erschießungen.
Selbstreflexion: Begrüßungsformel zu Beginn, Alfred Vohrer absolviert einen Cameo-Auftritt.
Als die Angehörigen den Sarg des verstorbenen Sir Oliver Ramsey aus der Kirche tragen, ertönt urplötzlich ein schallendes Lachen. Der Bruder des Verstorbenen, Sir Cecil (Wolfgang Kieling), eh schon ein überaus nervöser, labiler Zeitgenosse, glaubt sofort daran, dass Sir Oliver von den Toten auferstanden ist. Als nur wenig später eine Gestalt mit Totenkopfgesicht gesehen und eine weitere Leiche – ermordet durch ein seltenes Gift – gefunden wird, ist Cecil felsenfest davon überzeugt, dass es sich bei seinem Bruder um einen Zombie handelt. Inspektor Higgins (Joachim Fuchsberger) greift mit seinem Vorgesetzten, Sir Arthur (Hubert von Meyerinck), ein. Und die Journalistin Peggy Ward (Siw Mattson) weicht ihnen nicht von der Seite.
 
In meinem Eintrag zu DER HUND VON BLACKWOOD CASTLE erwähnte ich bereits den Rummelplatz-Charme, der vor allem die späten, farbigen Wallaces der Rialto in Beschlag nimmt. IM BANNE DES UNHEIMLICHEN fungiert zur Bestätigung meiner Behauptung als Paradebeispiel: Ich kann mir nur zu gut vorstellen, wie die Gestalt des „Unheimlichen“, eines Menschen mit einer klobigen Totenkopfmaske, schwarzem Hut, Mantel und Zottelperücke, von dem man immer mal wieder ein lautes, mit Echo belegtes Lachen vernimmt, nach der dritten Kurve der Geisterbahn mit glühbirnigem Blick und Kreischgeräusch aus einer Nische hüpft. Die Verkleidungen der Edgar-Wallace-Täter, zu Beginn noch recht weltlich – dem FROSCH MIT DER MASKE etwa reichte noch eine schnöde Taucherbrille, um zum Schreckgespenst für brave Bürger zu werden -, klar dem Zwecke der Tarnung verpflichtet, alte Sagengestalten höchstens als Vorbild aufgreifend, um vom meist durch und durch profanen Tatmotiv abzulenken (siehe DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE), wurden in den letzten Jahren der Serie immer absurder, unpraktischer und unverkennbar zum Selbstzweck. DER MÖNCH MIT DER PEITSCHE sollte mit seinem knöchellangen roten Gewand und der hohen Zipfelmütze besser nicht in Kämpfe oder gar Verfolgungsjagden verwickelt werden, DER BUCKLIGE VON SOHO bekommt gar einen unpraktischen Plastikbuckel aufs Kreuz geschnallt, dessen Zweck einzig in seinem Schauwert besteht, innerhalb der Handlung aber völlig sinnlos ist. Nun also der Unheimliche, der die Opfer in Vohrers zwölftem Wallace-Film mit einem putzigen Skorpionring umbringt, bevor sie angesichts seiner Karnevalskostümierung einem Lachanfall erliegen.
 
Die Seriösität und der (relative) Ernst, mit dem die Wallace-Filme bis auf einige wenige Ausnahmen noch bis Mitter der Sechzigerjahre inszeniert wurden, sind in IM BANNE DES UNHEIMLICHEN fast vollständig getilgt. Die Geschichte um den vermeintlichen Rächer aus dem Jenseits setzt sich aus den sattsam bekannten Zutaten zusammen – die Adelsfamilie mit dem dunklen Geheimnis, die Dutzenden von Opfern und Verdächtigen, der skurrile Modus operandi des Mörders, das Zusammenspiel von Ermittler und Vorgesetztem, die Verortung des Geschehens in mondänen Adelssitzen und nebligen Wäldern -, die mittlerweile aber ohne echte Überzeugungskraft miteinander vermischt werden. Der Effekt ist Vohrer alles, weshalb der Plot mehr und mehr hinter die grellbunte Ausstattung und Bildkomposition zurücktritt. Am schönsten zeichnet sich dieser Drang zum Plakativen in der Figur des Steinmetzes Ramiro (Peter Mosbacher) ab. Bei seinem ersten Auftritt weiß man nicht, was einen mehr irritiert: dass er mit seinem unverkennbar grünen Teint aussieht wie der unglaubliche Hulk in der beliebten TV-Serie oder dass niemand im Film über seinen ungesunden Hautton irritiert zu sein scheint. Erst in seiner letzten Szene wird sie überhaupt einmal angesprochen, bekommt man eine Erklärung für sie (zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits an meinem Verstand oder zumindest an der Farbechtheit der DVD gezweifelt) und sie ist von beeindruckender Einfalt: Ramiro leidet an einer seltenen Krankheit, die seine Haut verfärbt. Doch dass niemand sich gewundert hat, liegt vor allem daran, dass er sich als Kreole getarnt hat, deren Haut nun einmal „olivgrün“ sei. Hier hatte man sich beim Make-up wohl von der im angelsächsischen Raum gebräuchlichen Verwendung des Wortes „olive“ zur Beschreibung eines bestimmten Hauttons allzu sehr hinreißen lassen. Ob die Zuschauer von IM BANNE DES UNHEIMLICHEN damals wirklich glaubten, dass irgendwo auf der Erde Menschen mit grüner Haut herumlaufen? Man wünscht es sich fast, denn mich riss jeder Auftritt des armen Tropfs immer vollkommen aus dem Film heraus.   
 
Als Fazit lässt sich sagen, dass IM BANNE DES UNHEIMLICHEN genauso gut oder schlecht wie seine unmittelbaren Vorläufer sind: Es ist reine Geschmacks- und Veranlagungsfrage, ob man den Mummenschanz der späten Wallaces als deutsche Variante des US-amerikanischen Exploitationkinos zu würdigen weiß oder schlicht für albern und wertlos hält. Vohrer weiß natürlich wie knarziger Kintopp funktioniert, somit gibt es handwerklich nichts an seinen Filmen auszusetzen, sehen sie stets fantastisch aus, aber auch er kann sich nicht ganz über die zunehmend einfallsloser werdenden Drehbücher hinwegsetzen. Mir hat IM BANNE DES UNHEIMLICHEN als Vertreter eines marginalsierten deutschen Bizarro-Kinos wieder etwas besser gefallen als DER HUND VON BLACKWOOD CASTLE, auch weil mit Wolfgang Kieling ein Schauspieler bereitsteht, den ich immer gern sehe. Keiner gibt dieses stets vor dem Kollaps oder dem Sturz in den Wahnsinn stehende Nervenbündel mit den rotgeäderten Augen so gut wie er. Vermissen muss man hingegen Siegfried Schürenberg, der von Hubert von Meyerinck zwar mit viel Elan vertreten wird, aber eben unersetzlich ist. Er pausierte noch für zwei weitere Filme und kam dann 1971 für DIE TOTE AUS DER THEMSE noch einmal aus der Pension zurück.  
 
Die Edgar-Wallace-Checkliste:
 
Personal: Joachim Fuchsberger (11.), Pinkas Braun, Ilse Pagé, Eva Ebner (4.), Siegfried Rauch, Hubert von Meyerinck, Otto Stern, Ewa Strömberg, Thomas Danneberg (2.), Michael Miller (1.) Regie: Alfred Vohrer (12.), Drehbuch: Ladislas Fodor (1.), Musik: Peter Thomas (16.), Kamera: Karl Löb (12.), Schnitt: Jutta Hering (9.), Produktion: Horst Wendlandt (23.), Fritz Klotsch (5.).
Schauplatz: Das Schloss der Familie Ramsey und Umgebung. Gedreht wurde in Berlin, u. a. auf der Pfaueninsel, und in London.
Titel: Der „Unheimliche“ ist der masikierte Mörder – eine vermeintlich lebendige Leiche.
Protagonisten: Fuchsberger tritt erneut als Inspektor Higgins auf. Statt des pensionierten Sir John bringt er diesmal Sir Arthur mit. Higgins zur Seite steht die Journalistin Peggy Ward.
Schurke: Der maskierte Unbekannte übt die Morde aus, um sich für ein vergangenes Verbrechen zu rächen.
Gewalt: Die Mordwaffe ist ein Ring mit einem vergifteten Stachel, außerdem Erschießungen.
Selbstreflexion: Begrüßungsformel zu Beginn, Alfred Vohrer absolviert einen Cameo-Auftritt.
Die junge Frau Jane Wilson (Karin Baal) reist nach Blackwood Castle, dem Wohnsitz ihres soeben verstorbenen Vaters, um ihre Erbschaft anzutreten. Das alte, heruntergekommene Schloss, das ihr laut Testament zusteht, will der Anwalt (Hans Söhnker) sogleich für 10.000 britische Pfund verhökern, doch Jane denkt nicht daran. Währenddessen beginnt um das Anwesen das große Sterben: Im nahegelegenen Gasthof Old Inn versammeln sich dubiose Gestalten wie Connery (Heinz Drache) oder Fairbanks (Horst Tappert) und einige von ihnen fallen einem monströsen Hund zum Opfer. Jane Wilson ruft ihren Bekannten, Scotland-Yard-Chef Sir John (Siegfried Schürenberg) herbei, um hinter das Geheimnis der Morde zu kommen …
 
Bei Eintrag 25 der Wallace-Reihe der Rialto-Film gingen offenkundig bereits die Stoffe aus, die man für die Leinwand adaptieren konnte: DER HUND VON BLACKWOOD CASTLE ist eine Bearbeitung von Arthur Conan Doyles Sherlock-Holmes-Roman „Der Hund von Baskerville“ und basiert nur noch lose auf „Motiven“ von Edgar Wallace – was immer das auch heißen mag. Als weitere Neuerung übernimmt Sir John selbst hauptverantwortlich die Ermittlungen, ihm zur Seite steht seine adrette Sekretärin Miss Finley (Ilse Pagé), die sich von dem onkeligen Herren auch häufiger anschmachten lassen muss. Dass ihr das nicht nur gut gefällt, sondern sie ihn zu diesen Avancen gar noch ermutigt, passt zur sleazigen Altmänner-Schmierigkeit, die die einst so aseptische Reihe seit einigen Jahren förmlich übermannt. Für Heinz Drache ist in seinem letzten Wallace-Film immerhin noch Platz für eine Schurkenrolle und Horst Tappert feiert ebenfalls seinen späten Einstand: Er sollte während der Spätphase der Rialto-Wallaces noch zum Stammschauspieler avancieren. Von diesen kosmetischen Änderungen abgesehen, passt sich Vohrers elfter Wallace dem Durchschnittsniveau der Reihe an: Er ist, wie alle der späten, farbigen Wallaces, etwas pulpiger und schundiger als die frühen Beiträge, stärker auf Schauwerte und Gewalt ausgerichtet, inhaltlich jedoch deutlich beliebiger. Der Clou mit dem Hund, dem ein einäugiges Faktotum mit Schlangengift gefüllte Plastikzähne aufsetzt, ist deutlich weniger furchteinflößend, als es sich die Macher vielleicht erhofft hatten: Der arme Dobermann sieht mit seinen krumm und schief abstehenden Pappzähnen aus, als habe er einen veritablen Überbiss, und dass das Gift hier wieder einmal von einer Würgeschlange stammt, deren Biss beim besten Willen nicht tödlich ist, passt  zum Rummelplatz-Charme, den die Farbwallaces noch stärker versprühen als die frühen, schwarzweißen Produktionen. Dabei ist der Plot mit den einstigen verbündeten Kriminellen, die sich nach Jahren treffen, um ihre Beute neu aufzuteilen, so interessant, dass es der albernen „Grusel“-Beigabe gar nicht wiurklich bedurft hätte.
 
Die Edgar-Wallace-Checkliste:
 
Personal: Siegfried Schürenberg (14.), Kurt Waitzmann (7.), Heinz Drache (6.), Harry Wüstenhagen, Kurd Pieritz (5.), Ilse Pagé, Tilo von Berlepsch (4.), Agnes Windeck, Uta Levka, Alexander Engel, Arthur Binder (3.), Karin Baal, Mady Rahl, Rainer Brandt, Heinz Petruo (2.), Horst Tappert, Otto Stern, Paul Berger (1.). Regie: Alfred Vohrer (11.), Drehbuch: Herbert Reinecker (6.), Musik: Peter Thomas (15.), Kamera: Karl Löb (11.), Schnitt: Jutta Hering (8.), Produktion: Horst Wendlandt (22.), Erwin Gitt (3.).
Schauplatz: Blackwood Castle und Umgebung. Gedreht wurde in Berlin, u. a. auf der Pfaueninsel.
Titel: Bezieht sich auf den Hund, der ums Schloss stromert und unliebsame Subjekte aus dem Weg räumt.
Protagonisten: Sir John übernimmt allein die Ermittlungen, Karin Baal gibt das weibliche Opfer, Heinz Drache und Horst Tappert spielen dubiose Männerfiguren.
Schurke: Es gibt gleich mehrere Schurken, die sich gegenseitig umbringen.
Gewalt: Mehrere Hundeattacken, ein Autounfall, Erschießungen.
Selbstreflexion: Alfred Vohrer absolviert einen Cameo-Auftritt, Begrüßungsformel zu Beginn.
Zwei Schülerinnen eines Mädcheninternats werden mit einem neuartigen Giftgas ermordet, außerdem fallen weitere Menschen einem rot gewandeten Mönch und seiner Peitsche zu Opfer, mit denen er ihnen das Genick bricht. Inspektor Higgins (Joachim Fuchsberger) nimmt die Ermittlungen auf. Er findet heraus, dass Ann Portland (Uschi Glas), eine der Schülerinnen des Internats, über ein großes Vermögen verfügt, das im Falle ihres Ablebens einem noch unbekannten Erben zufällt. Plötzlich verschwindet sie …
Alfred Vohrers zehnter Wallace-Film ist ein farbenfroh realisiertes Remake des zum Zeitpunkt des Entstehens gerade einmal zwei Jahre alten Reinl-Films DER UNHEIMLICHE MÖNCH. Warum man sich für eine Neuauflage ausgrechnet dieses Werks entschied, anstatt sich eines älteren anzunehmen, kann ich an dieser Stelle nicht beantworten. Auf der Handlungsebene unterscheiden sich beide Filme nur marginal. Vohrer inszeniert DER MÖNCH MIT DER PEITSCHE aber deutlich stärker auf den Knalleffekt hin, während Reinl einen deutlich gemäßigteren Stil pflegte. Diese Differenz wird vor allem durch den Wechsel von Schwarzweiß zu Farbe bedingt und zeigt sich schon in der Gestalt des Mönchs: Der im Vorgänger noch mit einer schlichten schwarzen Kutte versehene Mörder weicht in Vohrers Adaption einer imposanten Gestalt mit grellroten Gewand und spitzer Kapuze. Zur Tarnung taugt das neue Kostüm zwar nicht, bringt seinen Träger auch in der tiefsten Nacht noch eindrucksvoll zum Leuchten, macht aber in der saftig-übersteuerten Farbdramaturgie mächtig was her. DER MÖNCH MIT DER PEITSCHE suhlt sich geradezu in Bildern, die wie die filmische Umsetzung grellbunter Groschenheft-Titelseiten aussehen.
So startet der Film in einem Mad-Scientist-Labor voller blubbernder und dampfender Flüssigkeiten in allerlei Tiegeln, Gläsern und Schläuchen, das in einem düsteren Kellergewölbe untergebracht ist. Der zauselig aussehende Wissenschaftler hat soeben seine Erfindung fertiggestellt, ein duft- und geschmackloses Giftgas, das binnen Sekunden tötet, wie der finale Test an einigen Laborratten gezeigt hat. „Dieser Tod hat Zukunft!“, verkündet er im Stile eines Unmenschen und bringt dann sofort seinen Assistenten um, den späte Gewissenbisse packen. Man fragt sich, wie diese Wissenschaftler eigentlich arbeiten, dass sie am Ende vor einem Ergebnis stehen, das sie nicht einmal annähernd abgesehen haben. Ein weiteres hübsches Setting wurde im Berliner Aquarium für einen Blofeld-artigen Oberschurken eingerichtet. Er sitzt stets mit dem Rücken zum Zuschauer an seinem Schreibtisch, betrachtet die ihn umgebenden Wasserbecken und spricht mit durch ein Mikrofon verfremdeter Stimme. Wann immer Not am Mann ist, löscht er das Licht und verschwindet somit ganz unverhofft aus dem Sichtfeld seines überraschten Gastes. Hartnäckige Gegner landen bei Bedarf im Krokodilgehege. Eine weitere Kuriosität ist das Internatsschwimmbad, das über ein Unterwasserfenster verfügt, das zur Wohnung eines Lehrers gehört. Andächtig beobachtet er die jungen Schülerinnen in ihren engene Badeanzügen, damit verdeutlichend, dass die Wallace-Filme längst nicht mehr ohne Sex auskamen. Subplots wie jener, der sich um die Liebschaft eines Lehrers zu einer Schülerin dreht, wären noch wenige Filme zuvor undenkbar gewesen. Die italienischen Gialli, die der Wallace-Reihe einige Stichworte zu verdanken hatten, sollten den Bogen dann nur wenig später konsequent weiterspannen.
Aufmerksamen Lesern mag auffallen, dass es zu DER MÖNCH MIT DER PEITSCHE nicht übermäßig viel zu sagen gibt: Es handelt sich um einen durchweg unterhaltsamen, prächtig anzusehenden Film, der mir aber vielleicht eine Spur zu routiniert ausgefallen ist (ein Problem, das die Wallace-Filme von Beginn an mit sich schleppen). Echte Überraschungen oder Aha-Effekte stellen sich leider nicht ein. So ist der wirkliche einzige Irritationsmoment die Figur des Inspektor Higgins: Der kaut während des gesamten Films auf irgendetwas herum, ohne dass diese Marotte auch nur einmal thematisiert würde. Wahrscheinlich einfach ein Ergebnis von Improvisation, macht es die Auftritte Fuchsbergers merkwürdig enervierend und „edgy“.
Die Edgar-Wallace-Checkliste:
Personal: Siegfried Schürenberg (13.), Joachim Fuchsberger (10.), Kurt Waitzmann (6.), Wilhelm Vorwerg (5.), Heinz Spitzner, Jan Hendriks (4.), Ilse Pagé, Tilo von Berlepsch, Susanne Hsiao (3.), Uschi Glas, Grit Boettcher, Harry Riebauer, Hans Epskamp, Rudolf Schündler, Suzanne Roquette, Bruno W. Pantel (2.), Siegfried Rauch, Claus Holm, Narziss Sokatscheff, Ewa Strömberg, Herbert Kerz (1.). Regie: Alfred Vohrer (10.), Drehbuch: Herbert Reinecker (5.), Musik: Martin Böttcher (6.), Kamera: Karl Löb (10.), Schnitt: Jutta Hering (7.), Produktion: Horst Wendlandt (21.).
Schauplatz: Ein britisches Internat im Grünen, eine Haftanstalt. Gedreht wurde in Berlin und zwar auf der Pfaueninsel, dem Teufelsberg und im Berliner Aquarium.
Titel: Bezieht sich auf den umgehenden Mörder. Zum vierten Mal enthält der Titel einen klerikalen Begriff.
Protagonisten: Inspektor Higgins und Damsel in Distress Uschi Glas.
Schurke: Der titelgebende Mönch und ein Drahtzieher im Hintergrund.
Gewalt: Diverse Giftgas- und Peitschenmorde, Erschießungen.
Selbstreflexion: Begrüßung zu Beginn, Erwähnung von DER UNHEIMLICH MÖNCH („So einen Fall hatten wir doch schon einmal.“), am Ende sinkt ein Schild mit der Aufschrift „Ende“ ins Bild.
Dave (Klaus Kinski), eines von insgesamt fünf Kindern der Familie Emerson und Zwilingsbruder Richard (Klaus Kinski) wie aus dem Gesicht geschnitten, wird des Mordes verurteilt und wegen Unzurechnungsfähigkeit lebenslang in die Irrenanastalt Dr. Mangroves (Carl Lange) gesperrt. Doch von dort gelingt dem seine Unschuld beteuernden Dave mit der Hilfe eines Fremden die Flucht. Zurück im Sitz der Familie gibt er sich als Richard aus, der plötzlich verschwunden ist. Zur gleichen Zeit wird mit der „blauen Hand“, einem mittelalterlichen Folterinstrument, ein weiterer Mord verübt. Der Verdacht fällt natürlich gleich auf Dave, doch der setzt Scotlany-Yard-Inspector Craig (Harald Leipnitz) auf Mangroves Anstalt an …

Vohrer beschert Klaus Kinski mit seinem neunten Wallace-Film eine saftige Haupt- und Doppelrolle und stellt so auch die Weichen zum Erfolg. Sein Gruselkrimi zeichnet sich durch einen angenehm verwirrenden, aber nie zu labyrinthisch werdenden Plot, zahlreiche wüste, überaus konsequent ausgebaute Einfälle und den schon gewohnten Humor Vohrers aus. Beispielhaft sei die Szene genannt, in der sich nach dem Dialog zweier Figuren plötzlich eine Schranktür öffnet und wie selbstverständlich der Butler Anthony (Albert Bessler) herausklettert. Bei der Besichtigung der Irrenanstalt erweist sich eine der Insassinnen beim neugierigen Blick der Scotland-Yard-Beamten in ihre Zelle als Striptease-Tänzerin, die unermüdlich ihrer Profession nachgeht: eine seltene Berufskrankheit, weiß Dr. Mangrove zu berichten, die die Dame dazu zwingt, sich immer an- und auszuziehen. Vor allem Sir John (Siegfried Schürenberg) ist fasziniert, aber auch Inspector Craig lässt es sich natürlich nicht nehmen, bei seinem zweiten Besuch in der Anstalt erneut einen Blick durchs Guckloch zu werfen. Überhaupt Schürenberg: Der brilliert erneut mit zahlreichen entrüsteten Schnaufern, ihm sofort wieder unangenehmen Lachern und jener Mischung aus onkeliger Verbindlichkeit und Tolpatschigkeit, die die Figur unersetzlich macht.

Aber nicht nur dem Ermittler bietet DIE BLAUE HAND die ersehnten Schauwerte, auch der nach Ungeheuerlichkeiten im Stile von DER BUCKLIGE VON SOHO lechzende Zuschauer bekommt einiges geboten: Nebel, Käuzchenschreie und dramatische Gewitter, saftige Morde mit einer an Mario Bavas SEI DONNE PER L’ASSASSINO erinnernden Waffe, eine skandalöse Irrenanstalt mit bemitleidenswerten Insassen und der gefürchteten „Zelle 9“, einer mit einer Rattenkiste und einer Klappe zum Einlass von Schlangen ausgestatteten Folterkammer, eine Szene im modrigen Gewölbe der Anstalt mit den besonders hoffnungslosen, grunzenden Fällen und eine im Keller von Schloss Emerson, in dem es vor Geheimtüren, Skeletten und anderem Geisterbahnzubehör nur so wimmelt. Wer hier nicht vor Freude jauchzt, ist eigentlich komplett am falschen Ort.

Bei so viel Drang zum totalen Pulp fällt es auch nicht weiter ins Gewicht, dass der Plot auffallend schematisch entwickelt wird: Wie bei DER GORILLA VON SOHO oder auch DER UNHEIMLICHE MÖNCH hat die Mordserie die Funktion, das eigentliche Verbrechen zu verdecken, fungiert eine Irrenanstalt als Ersatz für Besserungsanstalt bzw. Pensionat, steht hinter dem Ganzen eine zerrüttete Familie, deren Mitglieder sich gegenseitig aus dem Weg räumen wollen. Auch im kommenden Film, DER MÖNCH MIT DER PEITSCHE wird sich an diesem Aufbau nichts Wesentliches mehr ändern. Aber wie ich schon sagte: Wen interessiert denn die Handlung, wenn es so viel auf die Augen gibt?

Die Edgar-Wallace-Checkliste:
Personal: Siegfried Schürenberg, Klaus Kinski (12.), Albert Bessler (6.), Harald Leipnitz, Carl Lange, Ilse Steppat, Heinz Spitzner (3.),  Richard Haller, Ilse Pagé (2.), Thomas Danneberg, Otto Czarski, Günther Notthoff, Harry Riebauer (1.). Regie: Alfred Vohrer (9.), Drehbuch: Herbert Reinecker (4.), Musik: Martin Böttcher (5.), Kamera: Ernst W. Kalinke (4.), Schnitt: Jutta Hering (6.), Produktion: Horst Wendlandt (20.), Preben Philipsen (10.), Fritz Klotsch (4.)
Schauplatz: Schloss Emerson und die Anstalt von Dr. Mangrove. Berlin, Jagdschloss Grunewald.
Titel: Bezieht sich auf die Mordwaffe, beinhaltet zum siebten Mal ein Farbwort.
Protagonisten: Inspector Craig, der Verdächtige Dave und die Damsel in Distress Myrna.
Schurke: Der „Boss“, sein Untergebener Dr. Mangrove und der von diesem beauftragte Killer.
Gewalt: Mehrere Morde mit der blauen Hand.
Selbstreflexion: Begrüßung zu Beginn, Alfred Vohrer spricht den „Boss“.

Bei den Ermittlungsarbeiten zu einem Raubüberfall fällt Inspektor Thompson (Allan Cuthbertson) in der Abtei bei Schloss Emberday einem Mörder zum Opfer. Sein Kollege Superintendent Cooper-Smith (Stewart Granger) macht sich auf die Suche nach dem verschwundenen Kollegen und kommt dabei dem kriminellen Treiben hinter Klostermauern auf die Schliche. Der ehrbare Nonnenorden ist nämlich vor allem am eigenen finanziellen Wohlergehen interessiert …

In meinem Text zu DAS VERRÄTERTOR hatte ich irrtümlicherweise behauptet, der nicht gerade erfolgreich gelaufene Film stelle die letzte internationale Koproduktion der Wallace-Reihe dar. Bei dieser Behauptung habe ich DAS GEHEIMNIS DER WEISSEN NONNE unterschlagen, der ebenfalls mit britischer Beteiligung und unter Regie des Engländers Cyril Frankel ausschließlich auf der Insel gedreht wurde. Der Film setzt den mit DER BUCKLIGE VON SOHO eingeschlagenen Kurs zumindest formal mit seiner betörenden Farbgestaltung fort: Die Sonne strahlt vom blauen Himmel auf die in quietschbunte Kleider gehüllten Damen hernieder, Innenräume sind mit viel Liebe zum Detail gestaltet und die Klosterwände künden mit sinnlichem Rosa von der Dominanz des Weiblichen, die auch inhaltlich zum Tragen kommt. Dabei scheint DAS GEHEIMNIS DER WEISSEN NONNE trotz seines melodramatisch anmutenden Titels doch auf den ersten Blick vor allem eine Männersache zu sein: Der distinguierte Stewart Granger (der diesen Film anstelle des geplatzten zweiten Teils von OLD SUREHAND zur Erfüllung seines Vertrages mit Rialto machte) gibt den Charmeur alter Prägung und wickelt die Damen reihenweise um den wohlgebräunten und sorgfältig manikürten Finger, und statt heimtückisch ausgeklügelter Intrigen geht es hier um wenig zimperlich ausgeübte Raubüberfälle. Da kommen schwere Geschütze zum Einsatz, wenn ein in eine gelbe Schutzrüstung gehüllter Eddi Arent – in seinem letzten Wallace-Film zum dritten Mal in Folge in einer Schurkenrolle zu sehen – mit einer Riesenwumme eine Tresortür durchlöchert wie einen Schweizer Käse, während die im Kundenraum Anwesenden von den Verbrechern vergast werden. Doch die Drahtzieherin ist eben eine Frau (Brigitte Horney): Und die räumt Männer, egal ob Helfer oder Feinde, mit einer Gewissenlosigkeit und Entschlossenheit aus dem Weg, dass die gar nicht merken, wie ihnen geschieht. Brigitte Horney ist vollends überzeugend und verleiht ihrer Rolle – wie auch schon in NEUES VOM HEXER – eine Gravitas, mit der zuvor schon Gert Fröbe DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE aufzuwerten vermochte.

Aber Frankel geht noch weiter: Der henchman der Räuberbande entpuppt sich am Ende als Trudy (Susan Hampshire), die Tochter der Schlossbesitzerin Lady Emberday (Cathleen Nesbitt), der man nachsagt, schon immer männlicher gewesen zu sein als ihr verweichlichter Bruder Luke (James Culliford). Der schlüpft gern in rosafarbene Fantasiekostüme, tobt mit dem Pappschwert durch den Park oder lässt sich von der Mama bemuttern. Als Trudy enttarnt wird, bricht es aus ihr heraus: Sie wollte immer der Mann sein, der Luke ist, aber offensichtlich nie sein konnte. Die „bösen“ Frauen des Films wollen sich nicht mit der ihnen zugedachten Rolle abfinden, und finden über ihre Verzweiflung und ihren Zorn zu einer Klarheit der Tat, die sie über die Männerwelt triumphieren lässt. Zumindest bis mit Scotland Yard die Ordnungsmacht anrückt und Cooper-Smith die Verhältnisse wieder klarstellt. Er greift dann zum vollkommenen Happy End auch noch die schöne, ganz ins Schema der hilflosen damsel in distress fallende Französin Polly (Sophie Hardy) ab – allerdings nicht, ohne von ihr vorher einen Stuhl über den Schädel gezogen bekommen zu haben. Das alte Machtgefüge der Welt ist in DAS GEHEIMNIS DER WEISSEN NONNE schon gehörig ins Wanken geraten.

Das macht diesen wenig besungenen Beitrag zur Reihe zu einem der interessantesten – eine Tatsache, die er formal leider nicht ganz bestätigen kann. Schwungvoll inszeniert, lässt er den skurrilen Detailreichtum und die Freude am saftigen Effekt und der expressonistischen Überzeichnung, mit denen Alfred Vohrer seine Filme zu veredeln pflegte, vermissen. Cyril Frankel begnügt sich mit sauberer, pragmatisch gestalteter, aber eben auch effektiver Spannungsware, ordnet sich aber trotzdem qualitativ im oberen Drittel der Reihe ein. Guter Film!

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddi Arent (21. Wallace-Film), Siegfried Schürenberg (11.), Brigitte Horney (2.). Regie: Cyril Frankel (1.), Drehbuch: Derry Quinn (1.), Stanley Munro (1.), Musik: Peter Thomas (14.), Kamera: Harry Waxman (1.), Schnitt: Oswald Hafenrichter (2.), Produktion: Horst Wendlandt (19.), Brian Taylor (1.), Ian Warren (1.)
Schauplatz: Schloss Emberday und das angrenzende Kloster, London. Gedreht wurde an Originalschauplätzen in London und Umgebung.
Titel: Das zweite „Geheimnis“, zum sechsten Mal ein Farbwort. Das Geheimnis der weißen Nonne bezieht sch auf das Wesen iher kriminellen Tätigkeit.
Protagonisten: Superintendent Cooper-Smith.
Schurke: Die weiße Nonne und ihre zahlreichen Helfer.
Gewalt: Drei Ertränkungen (eine davon in einem Taufbecken), mehrere Tote bei einem Giftgaseinsatz, Erschießungen, einmal Tod durch flüssiges Gold.
Selbstreflexion: