Mit ‘Edgar Wallace’ getaggte Beiträge

Die junge Frau Jane Wilson (Karin Baal) reist nach Blackwood Castle, dem Wohnsitz ihres soeben verstorbenen Vaters, um ihre Erbschaft anzutreten. Das alte, heruntergekommene Schloss, das ihr laut Testament zusteht, will der Anwalt (Hans Söhnker) sogleich für 10.000 britische Pfund verhökern, doch Jane denkt nicht daran. Währenddessen beginnt um das Anwesen das große Sterben: Im nahegelegenen Gasthof Old Inn versammeln sich dubiose Gestalten wie Connery (Heinz Drache) oder Fairbanks (Horst Tappert) und einige von ihnen fallen einem monströsen Hund zum Opfer. Jane Wilson ruft ihren Bekannten, Scotland-Yard-Chef Sir John (Siegfried Schürenberg) herbei, um hinter das Geheimnis der Morde zu kommen …
 
Bei Eintrag 25 der Wallace-Reihe der Rialto-Film gingen offenkundig bereits die Stoffe aus, die man für die Leinwand adaptieren konnte: DER HUND VON BLACKWOOD CASTLE ist eine Bearbeitung von Arthur Conan Doyles Sherlock-Holmes-Roman „Der Hund von Baskerville“ und basiert nur noch lose auf „Motiven“ von Edgar Wallace – was immer das auch heißen mag. Als weitere Neuerung übernimmt Sir John selbst hauptverantwortlich die Ermittlungen, ihm zur Seite steht seine adrette Sekretärin Miss Finley (Ilse Pagé), die sich von dem onkeligen Herren auch häufiger anschmachten lassen muss. Dass ihr das nicht nur gut gefällt, sondern sie ihn zu diesen Avancen gar noch ermutigt, passt zur sleazigen Altmänner-Schmierigkeit, die die einst so aseptische Reihe seit einigen Jahren förmlich übermannt. Für Heinz Drache ist in seinem letzten Wallace-Film immerhin noch Platz für eine Schurkenrolle und Horst Tappert feiert ebenfalls seinen späten Einstand: Er sollte während der Spätphase der Rialto-Wallaces noch zum Stammschauspieler avancieren. Von diesen kosmetischen Änderungen abgesehen, passt sich Vohrers elfter Wallace dem Durchschnittsniveau der Reihe an: Er ist, wie alle der späten, farbigen Wallaces, etwas pulpiger und schundiger als die frühen Beiträge, stärker auf Schauwerte und Gewalt ausgerichtet, inhaltlich jedoch deutlich beliebiger. Der Clou mit dem Hund, dem ein einäugiges Faktotum mit Schlangengift gefüllte Plastikzähne aufsetzt, ist deutlich weniger furchteinflößend, als es sich die Macher vielleicht erhofft hatten: Der arme Dobermann sieht mit seinen krumm und schief abstehenden Pappzähnen aus, als habe er einen veritablen Überbiss, und dass das Gift hier wieder einmal von einer Würgeschlange stammt, deren Biss beim besten Willen nicht tödlich ist, passt  zum Rummelplatz-Charme, den die Farbwallaces noch stärker versprühen als die frühen, schwarzweißen Produktionen. Dabei ist der Plot mit den einstigen verbündeten Kriminellen, die sich nach Jahren treffen, um ihre Beute neu aufzuteilen, so interessant, dass es der albernen „Grusel“-Beigabe gar nicht wiurklich bedurft hätte.
 
Die Edgar-Wallace-Checkliste:
 
Personal: Siegfried Schürenberg (14.), Kurt Waitzmann (7.), Heinz Drache (6.), Harry Wüstenhagen, Kurd Pieritz (5.), Ilse Pagé, Tilo von Berlepsch (4.), Agnes Windeck, Uta Levka, Alexander Engel, Arthur Binder (3.), Karin Baal, Mady Rahl, Rainer Brandt, Heinz Petruo (2.), Horst Tappert, Otto Stern, Paul Berger (1.). Regie: Alfred Vohrer (11.), Drehbuch: Herbert Reinecker (6.), Musik: Peter Thomas (15.), Kamera: Karl Löb (11.), Schnitt: Jutta Hering (8.), Produktion: Horst Wendlandt (22.), Erwin Gitt (3.).
Schauplatz: Blackwood Castle und Umgebung. Gedreht wurde in Berlin, u. a. auf der Pfaueninsel.
Titel: Bezieht sich auf den Hund, der ums Schloss stromert und unliebsame Subjekte aus dem Weg räumt.
Protagonisten: Sir John übernimmt allein die Ermittlungen, Karin Baal gibt das weibliche Opfer, Heinz Drache und Horst Tappert spielen dubiose Männerfiguren.
Schurke: Es gibt gleich mehrere Schurken, die sich gegenseitig umbringen.
Gewalt: Mehrere Hundeattacken, ein Autounfall, Erschießungen.
Selbstreflexion: Alfred Vohrer absolviert einen Cameo-Auftritt, Begrüßungsformel zu Beginn.
Zwei Schülerinnen eines Mädcheninternats werden mit einem neuartigen Giftgas ermordet, außerdem fallen weitere Menschen einem rot gewandeten Mönch und seiner Peitsche zu Opfer, mit denen er ihnen das Genick bricht. Inspektor Higgins (Joachim Fuchsberger) nimmt die Ermittlungen auf. Er findet heraus, dass Ann Portland (Uschi Glas), eine der Schülerinnen des Internats, über ein großes Vermögen verfügt, das im Falle ihres Ablebens einem noch unbekannten Erben zufällt. Plötzlich verschwindet sie …
Alfred Vohrers zehnter Wallace-Film ist ein farbenfroh realisiertes Remake des zum Zeitpunkt des Entstehens gerade einmal zwei Jahre alten Reinl-Films DER UNHEIMLICHE MÖNCH. Warum man sich für eine Neuauflage ausgrechnet dieses Werks entschied, anstatt sich eines älteren anzunehmen, kann ich an dieser Stelle nicht beantworten. Auf der Handlungsebene unterscheiden sich beide Filme nur marginal. Vohrer inszeniert DER MÖNCH MIT DER PEITSCHE aber deutlich stärker auf den Knalleffekt hin, während Reinl einen deutlich gemäßigteren Stil pflegte. Diese Differenz wird vor allem durch den Wechsel von Schwarzweiß zu Farbe bedingt und zeigt sich schon in der Gestalt des Mönchs: Der im Vorgänger noch mit einer schlichten schwarzen Kutte versehene Mörder weicht in Vohrers Adaption einer imposanten Gestalt mit grellroten Gewand und spitzer Kapuze. Zur Tarnung taugt das neue Kostüm zwar nicht, bringt seinen Träger auch in der tiefsten Nacht noch eindrucksvoll zum Leuchten, macht aber in der saftig-übersteuerten Farbdramaturgie mächtig was her. DER MÖNCH MIT DER PEITSCHE suhlt sich geradezu in Bildern, die wie die filmische Umsetzung grellbunter Groschenheft-Titelseiten aussehen.
So startet der Film in einem Mad-Scientist-Labor voller blubbernder und dampfender Flüssigkeiten in allerlei Tiegeln, Gläsern und Schläuchen, das in einem düsteren Kellergewölbe untergebracht ist. Der zauselig aussehende Wissenschaftler hat soeben seine Erfindung fertiggestellt, ein duft- und geschmackloses Giftgas, das binnen Sekunden tötet, wie der finale Test an einigen Laborratten gezeigt hat. „Dieser Tod hat Zukunft!“, verkündet er im Stile eines Unmenschen und bringt dann sofort seinen Assistenten um, den späte Gewissenbisse packen. Man fragt sich, wie diese Wissenschaftler eigentlich arbeiten, dass sie am Ende vor einem Ergebnis stehen, das sie nicht einmal annähernd abgesehen haben. Ein weiteres hübsches Setting wurde im Berliner Aquarium für einen Blofeld-artigen Oberschurken eingerichtet. Er sitzt stets mit dem Rücken zum Zuschauer an seinem Schreibtisch, betrachtet die ihn umgebenden Wasserbecken und spricht mit durch ein Mikrofon verfremdeter Stimme. Wann immer Not am Mann ist, löscht er das Licht und verschwindet somit ganz unverhofft aus dem Sichtfeld seines überraschten Gastes. Hartnäckige Gegner landen bei Bedarf im Krokodilgehege. Eine weitere Kuriosität ist das Internatsschwimmbad, das über ein Unterwasserfenster verfügt, das zur Wohnung eines Lehrers gehört. Andächtig beobachtet er die jungen Schülerinnen in ihren engene Badeanzügen, damit verdeutlichend, dass die Wallace-Filme längst nicht mehr ohne Sex auskamen. Subplots wie jener, der sich um die Liebschaft eines Lehrers zu einer Schülerin dreht, wären noch wenige Filme zuvor undenkbar gewesen. Die italienischen Gialli, die der Wallace-Reihe einige Stichworte zu verdanken hatten, sollten den Bogen dann nur wenig später konsequent weiterspannen.
Aufmerksamen Lesern mag auffallen, dass es zu DER MÖNCH MIT DER PEITSCHE nicht übermäßig viel zu sagen gibt: Es handelt sich um einen durchweg unterhaltsamen, prächtig anzusehenden Film, der mir aber vielleicht eine Spur zu routiniert ausgefallen ist (ein Problem, das die Wallace-Filme von Beginn an mit sich schleppen). Echte Überraschungen oder Aha-Effekte stellen sich leider nicht ein. So ist der wirkliche einzige Irritationsmoment die Figur des Inspektor Higgins: Der kaut während des gesamten Films auf irgendetwas herum, ohne dass diese Marotte auch nur einmal thematisiert würde. Wahrscheinlich einfach ein Ergebnis von Improvisation, macht es die Auftritte Fuchsbergers merkwürdig enervierend und „edgy“.
Die Edgar-Wallace-Checkliste:
Personal: Siegfried Schürenberg (13.), Joachim Fuchsberger (10.), Kurt Waitzmann (6.), Wilhelm Vorwerg (5.), Heinz Spitzner, Jan Hendriks (4.), Ilse Pagé, Tilo von Berlepsch, Susanne Hsiao (3.), Uschi Glas, Grit Boettcher, Harry Riebauer, Hans Epskamp, Rudolf Schündler, Suzanne Roquette, Bruno W. Pantel (2.), Siegfried Rauch, Claus Holm, Narziss Sokatscheff, Ewa Strömberg, Herbert Kerz (1.). Regie: Alfred Vohrer (10.), Drehbuch: Herbert Reinecker (5.), Musik: Martin Böttcher (6.), Kamera: Karl Löb (10.), Schnitt: Jutta Hering (7.), Produktion: Horst Wendlandt (21.).
Schauplatz: Ein britisches Internat im Grünen, eine Haftanstalt. Gedreht wurde in Berlin und zwar auf der Pfaueninsel, dem Teufelsberg und im Berliner Aquarium.
Titel: Bezieht sich auf den umgehenden Mörder. Zum vierten Mal enthält der Titel einen klerikalen Begriff.
Protagonisten: Inspektor Higgins und Damsel in Distress Uschi Glas.
Schurke: Der titelgebende Mönch und ein Drahtzieher im Hintergrund.
Gewalt: Diverse Giftgas- und Peitschenmorde, Erschießungen.
Selbstreflexion: Begrüßung zu Beginn, Erwähnung von DER UNHEIMLICH MÖNCH („So einen Fall hatten wir doch schon einmal.“), am Ende sinkt ein Schild mit der Aufschrift „Ende“ ins Bild.
Dave (Klaus Kinski), eines von insgesamt fünf Kindern der Familie Emerson und Zwilingsbruder Richard (Klaus Kinski) wie aus dem Gesicht geschnitten, wird des Mordes verurteilt und wegen Unzurechnungsfähigkeit lebenslang in die Irrenanastalt Dr. Mangroves (Carl Lange) gesperrt. Doch von dort gelingt dem seine Unschuld beteuernden Dave mit der Hilfe eines Fremden die Flucht. Zurück im Sitz der Familie gibt er sich als Richard aus, der plötzlich verschwunden ist. Zur gleichen Zeit wird mit der „blauen Hand“, einem mittelalterlichen Folterinstrument, ein weiterer Mord verübt. Der Verdacht fällt natürlich gleich auf Dave, doch der setzt Scotlany-Yard-Inspector Craig (Harald Leipnitz) auf Mangroves Anstalt an …

Vohrer beschert Klaus Kinski mit seinem neunten Wallace-Film eine saftige Haupt- und Doppelrolle und stellt so auch die Weichen zum Erfolg. Sein Gruselkrimi zeichnet sich durch einen angenehm verwirrenden, aber nie zu labyrinthisch werdenden Plot, zahlreiche wüste, überaus konsequent ausgebaute Einfälle und den schon gewohnten Humor Vohrers aus. Beispielhaft sei die Szene genannt, in der sich nach dem Dialog zweier Figuren plötzlich eine Schranktür öffnet und wie selbstverständlich der Butler Anthony (Albert Bessler) herausklettert. Bei der Besichtigung der Irrenanstalt erweist sich eine der Insassinnen beim neugierigen Blick der Scotland-Yard-Beamten in ihre Zelle als Striptease-Tänzerin, die unermüdlich ihrer Profession nachgeht: eine seltene Berufskrankheit, weiß Dr. Mangrove zu berichten, die die Dame dazu zwingt, sich immer an- und auszuziehen. Vor allem Sir John (Siegfried Schürenberg) ist fasziniert, aber auch Inspector Craig lässt es sich natürlich nicht nehmen, bei seinem zweiten Besuch in der Anstalt erneut einen Blick durchs Guckloch zu werfen. Überhaupt Schürenberg: Der brilliert erneut mit zahlreichen entrüsteten Schnaufern, ihm sofort wieder unangenehmen Lachern und jener Mischung aus onkeliger Verbindlichkeit und Tolpatschigkeit, die die Figur unersetzlich macht.

Aber nicht nur dem Ermittler bietet DIE BLAUE HAND die ersehnten Schauwerte, auch der nach Ungeheuerlichkeiten im Stile von DER BUCKLIGE VON SOHO lechzende Zuschauer bekommt einiges geboten: Nebel, Käuzchenschreie und dramatische Gewitter, saftige Morde mit einer an Mario Bavas SEI DONNE PER L’ASSASSINO erinnernden Waffe, eine skandalöse Irrenanstalt mit bemitleidenswerten Insassen und der gefürchteten „Zelle 9“, einer mit einer Rattenkiste und einer Klappe zum Einlass von Schlangen ausgestatteten Folterkammer, eine Szene im modrigen Gewölbe der Anstalt mit den besonders hoffnungslosen, grunzenden Fällen und eine im Keller von Schloss Emerson, in dem es vor Geheimtüren, Skeletten und anderem Geisterbahnzubehör nur so wimmelt. Wer hier nicht vor Freude jauchzt, ist eigentlich komplett am falschen Ort.

Bei so viel Drang zum totalen Pulp fällt es auch nicht weiter ins Gewicht, dass der Plot auffallend schematisch entwickelt wird: Wie bei DER GORILLA VON SOHO oder auch DER UNHEIMLICHE MÖNCH hat die Mordserie die Funktion, das eigentliche Verbrechen zu verdecken, fungiert eine Irrenanstalt als Ersatz für Besserungsanstalt bzw. Pensionat, steht hinter dem Ganzen eine zerrüttete Familie, deren Mitglieder sich gegenseitig aus dem Weg räumen wollen. Auch im kommenden Film, DER MÖNCH MIT DER PEITSCHE wird sich an diesem Aufbau nichts Wesentliches mehr ändern. Aber wie ich schon sagte: Wen interessiert denn die Handlung, wenn es so viel auf die Augen gibt?

Die Edgar-Wallace-Checkliste:
Personal: Siegfried Schürenberg, Klaus Kinski (12.), Albert Bessler (6.), Harald Leipnitz, Carl Lange, Ilse Steppat, Heinz Spitzner (3.),  Richard Haller, Ilse Pagé (2.), Thomas Danneberg, Otto Czarski, Günther Notthoff, Harry Riebauer (1.). Regie: Alfred Vohrer (9.), Drehbuch: Herbert Reinecker (4.), Musik: Martin Böttcher (5.), Kamera: Ernst W. Kalinke (4.), Schnitt: Jutta Hering (6.), Produktion: Horst Wendlandt (20.), Preben Philipsen (10.), Fritz Klotsch (4.)
Schauplatz: Schloss Emerson und die Anstalt von Dr. Mangrove. Berlin, Jagdschloss Grunewald.
Titel: Bezieht sich auf die Mordwaffe, beinhaltet zum siebten Mal ein Farbwort.
Protagonisten: Inspector Craig, der Verdächtige Dave und die Damsel in Distress Myrna.
Schurke: Der „Boss“, sein Untergebener Dr. Mangrove und der von diesem beauftragte Killer.
Gewalt: Mehrere Morde mit der blauen Hand.
Selbstreflexion: Begrüßung zu Beginn, Alfred Vohrer spricht den „Boss“.

Bei den Ermittlungsarbeiten zu einem Raubüberfall fällt Inspektor Thompson (Allan Cuthbertson) in der Abtei bei Schloss Emberday einem Mörder zum Opfer. Sein Kollege Superintendent Cooper-Smith (Stewart Granger) macht sich auf die Suche nach dem verschwundenen Kollegen und kommt dabei dem kriminellen Treiben hinter Klostermauern auf die Schliche. Der ehrbare Nonnenorden ist nämlich vor allem am eigenen finanziellen Wohlergehen interessiert …

In meinem Text zu DAS VERRÄTERTOR hatte ich irrtümlicherweise behauptet, der nicht gerade erfolgreich gelaufene Film stelle die letzte internationale Koproduktion der Wallace-Reihe dar. Bei dieser Behauptung habe ich DAS GEHEIMNIS DER WEISSEN NONNE unterschlagen, der ebenfalls mit britischer Beteiligung und unter Regie des Engländers Cyril Frankel ausschließlich auf der Insel gedreht wurde. Der Film setzt den mit DER BUCKLIGE VON SOHO eingeschlagenen Kurs zumindest formal mit seiner betörenden Farbgestaltung fort: Die Sonne strahlt vom blauen Himmel auf die in quietschbunte Kleider gehüllten Damen hernieder, Innenräume sind mit viel Liebe zum Detail gestaltet und die Klosterwände künden mit sinnlichem Rosa von der Dominanz des Weiblichen, die auch inhaltlich zum Tragen kommt. Dabei scheint DAS GEHEIMNIS DER WEISSEN NONNE trotz seines melodramatisch anmutenden Titels doch auf den ersten Blick vor allem eine Männersache zu sein: Der distinguierte Stewart Granger (der diesen Film anstelle des geplatzten zweiten Teils von OLD SUREHAND zur Erfüllung seines Vertrages mit Rialto machte) gibt den Charmeur alter Prägung und wickelt die Damen reihenweise um den wohlgebräunten und sorgfältig manikürten Finger, und statt heimtückisch ausgeklügelter Intrigen geht es hier um wenig zimperlich ausgeübte Raubüberfälle. Da kommen schwere Geschütze zum Einsatz, wenn ein in eine gelbe Schutzrüstung gehüllter Eddi Arent – in seinem letzten Wallace-Film zum dritten Mal in Folge in einer Schurkenrolle zu sehen – mit einer Riesenwumme eine Tresortür durchlöchert wie einen Schweizer Käse, während die im Kundenraum Anwesenden von den Verbrechern vergast werden. Doch die Drahtzieherin ist eben eine Frau (Brigitte Horney): Und die räumt Männer, egal ob Helfer oder Feinde, mit einer Gewissenlosigkeit und Entschlossenheit aus dem Weg, dass die gar nicht merken, wie ihnen geschieht. Brigitte Horney ist vollends überzeugend und verleiht ihrer Rolle – wie auch schon in NEUES VOM HEXER – eine Gravitas, mit der zuvor schon Gert Fröbe DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE aufzuwerten vermochte.

Aber Frankel geht noch weiter: Der henchman der Räuberbande entpuppt sich am Ende als Trudy (Susan Hampshire), die Tochter der Schlossbesitzerin Lady Emberday (Cathleen Nesbitt), der man nachsagt, schon immer männlicher gewesen zu sein als ihr verweichlichter Bruder Luke (James Culliford). Der schlüpft gern in rosafarbene Fantasiekostüme, tobt mit dem Pappschwert durch den Park oder lässt sich von der Mama bemuttern. Als Trudy enttarnt wird, bricht es aus ihr heraus: Sie wollte immer der Mann sein, der Luke ist, aber offensichtlich nie sein konnte. Die „bösen“ Frauen des Films wollen sich nicht mit der ihnen zugedachten Rolle abfinden, und finden über ihre Verzweiflung und ihren Zorn zu einer Klarheit der Tat, die sie über die Männerwelt triumphieren lässt. Zumindest bis mit Scotland Yard die Ordnungsmacht anrückt und Cooper-Smith die Verhältnisse wieder klarstellt. Er greift dann zum vollkommenen Happy End auch noch die schöne, ganz ins Schema der hilflosen damsel in distress fallende Französin Polly (Sophie Hardy) ab – allerdings nicht, ohne von ihr vorher einen Stuhl über den Schädel gezogen bekommen zu haben. Das alte Machtgefüge der Welt ist in DAS GEHEIMNIS DER WEISSEN NONNE schon gehörig ins Wanken geraten.

Das macht diesen wenig besungenen Beitrag zur Reihe zu einem der interessantesten – eine Tatsache, die er formal leider nicht ganz bestätigen kann. Schwungvoll inszeniert, lässt er den skurrilen Detailreichtum und die Freude am saftigen Effekt und der expressonistischen Überzeichnung, mit denen Alfred Vohrer seine Filme zu veredeln pflegte, vermissen. Cyril Frankel begnügt sich mit sauberer, pragmatisch gestalteter, aber eben auch effektiver Spannungsware, ordnet sich aber trotzdem qualitativ im oberen Drittel der Reihe ein. Guter Film!

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddi Arent (21. Wallace-Film), Siegfried Schürenberg (11.), Brigitte Horney (2.). Regie: Cyril Frankel (1.), Drehbuch: Derry Quinn (1.), Stanley Munro (1.), Musik: Peter Thomas (14.), Kamera: Harry Waxman (1.), Schnitt: Oswald Hafenrichter (2.), Produktion: Horst Wendlandt (19.), Brian Taylor (1.), Ian Warren (1.)
Schauplatz: Schloss Emberday und das angrenzende Kloster, London. Gedreht wurde an Originalschauplätzen in London und Umgebung.
Titel: Das zweite „Geheimnis“, zum sechsten Mal ein Farbwort. Das Geheimnis der weißen Nonne bezieht sch auf das Wesen iher kriminellen Tätigkeit.
Protagonisten: Superintendent Cooper-Smith.
Schurke: Die weiße Nonne und ihre zahlreichen Helfer.
Gewalt: Drei Ertränkungen (eine davon in einem Taufbecken), mehrere Tote bei einem Giftgaseinsatz, Erschießungen, einmal Tod durch flüssiges Gold.
Selbstreflexion: 

bucklige_von_soho_derWährend in London ein Würger umgeht, der es auf junge Frauen abgesehen hat, kommt Wanda Merville (Monika Peitsch) in die englische Hauptstadt, um dort eine Erbschaft anzutreten. Stattdessen landet sie jedoch in der Gewalt des schurkischen Alan Davis (Pinkas Braun), der ihr das Vermögen abspenstig machen will. Er arbeitet für Lady Marjorie Perkins (Agnes Windeck), die ein Heim für vorbestrafte Mädchen betreibt. Was die alte Dame nicht ahnt: Die von ihr abgestellte Heimleiterin Gladys Gardner (Uta Levka) ist an dem Wohlergehen der Insassen nur wenig interessiert, lässt sie lieber wie Sklaven in einer vorsintflutlichen Wäscherei und in der zwielichtigen Mekka-Bar arbeiten. Wer nicht spurt, der bekommt es mit dem Würger zu tun. Inspector Hopkins (Günther Stoll) leitet die Ermittlungen …

Wer sagt es denn: DER BUCKLIGE VON SOHO bedeutet für die Reihe genau den Quantensprung, der nach den letzten eher mittelprächtigen Filmen so dringend nötig war. Schon die erste Szene, in der eine halbnackte Blondine im nächtlichen Nebeldunst vor der Mekka-Bar von einem buckligen Koloss überfallen und getötet wird, das Bild bei ihrem Schrei einfriert und der unglaubliche Score von Peter Thomas erklingt, ein von „Hu!“- und „Ha!“-Rufen getragenes Beat-Stück, ist wie eine Offenbarung. Die Betulichkeit, diese asketische Zurückhaltung, die das Schwarzweiß immer mit sich gebracht hatte, ist wie weggeblasen, das Edgar-Wallace-London verwandelt sich dank Vohrers Inszenierung vor den Augen des Zuschauers in ein farbenfroh übersteuertes Sündenbabel, in dessen menschenleeren Gassen unsagbare Verbrechen geschehen. Zum Glück hatte Vohrer – dessen DIE TOTEN AUGEN VON LONDON schon der mit Abstand bildgewaltigste Film der Reihe war – begriffen, dass ein nur kosmetischer Wandel von Schwarzweiß zu Farbe nicht ausreichen würde, die Serie zu erneuern: DER BUCKLIGE VON SOHO bewegt sich entschieden weg von den moderaten Murder Mysterys mit ihren mondänen Herrenhäusern, kultivierten Adligen, der dialoggetriebenen Ermittlungsarbeit ihrer Gentleman-Ermittler und der immer etwas scheinheiligen Vortäuschung geschmackvoller Filmkunst, hin zu knallbunter Exploitation, die sich ihrer Schauwerte sehr bewusst und der jegliche Scham fremd ist. Die Farben brennen alles weg, der Bucklige ist schön pittoresk, wie er da grunzend durchs Bild hinkt, und der Blick auf die rußige Waschküche, in der sich die durchweg bildhübschen Mädels in grauen Kitteln und Klotschen abplacken, macht gerade in dieser besinnlichen Zeit sehr deutlich, dass menschliches Mitgefühl nicht zuletzt durch die Hose geht. Der ganze Film ist von vorne bis hinten ein einziges Pulp-Fest, überdreht, grell, gewalttätig, geschmacklos und sexy: Da sage nochmal jemand, Deutschland habe keine brauchbaren Genrefilme vorzuweisen. Der hier spielt ganz vorn mit, und Vohrer darf sich durchaus mit den Großen der (Exploitation-)Zunft in eine Reihe stellen lassen. (In diesem Text vergleicht Tim Lucas Alfred Vohrer mit keinem Geringeren als Mario Bava.)

Aber DER BUCKLIGE VON SOHO weiß nicht nur mit Vordergründigem zu begeistern: Vohrer entwickelt vor dem Hintergrund seiner Frischzellenkur einen hochinteressanten Subtext, der wesentlich von einem Generationenkonflikt berichtet. Da werden die Jungen, denen die Zukunft gehört, von den Alten, die noch vom Empire – oder, wie Lady Marjories Ehemann, der General Edward Perkins (Hubert von Meyerinck) vom Zweiten Weltkrieg – träumen, geschändet, ausgebeutet und unterdrückt. Zwar waren die Opfer auch in den vorigen Wallace-Filmen meist junge Frauen, die den mit dem Ballast der Jahrhunderte belasteten Familienstrukturen zum Opfer fielen, aber erst in DER BUCKLIGE VON SOHO wird diese Tatsache ganz explizit gemacht. Wohl auch, weil man auf Produzentenseite gemerkt hatte, dass man eine neue Zuschauergeneration erschließen musste. Die Entscheidung, künftige Wallace-Krimis in Farbe zu verfilmen, war also mit weiteren, tiefgreifenderen Korrekturen verbunden, die sich in Vohrers Film ganz deutlich zeigen. Insofern war der auf Handlungsebene thematisierte Generationenkonflikt ein Spiegelbild jenes Konflikts, den Produzent Wendlandt mit der konzeptionellen Neuausrichtung seiner Erfolgsreihe auch extradiegetisch vom Zaun brach. DER BUCKLIGE VON SOHO war gleichermaßen ein „Willkommen“ an ein jüngeres Publikum wie die deutlich vernehmbare Verabschiedung jener Publikumsschichten, die den Schritt in das letzte Drittel der Edgar-Wallace-Geschichte nicht mehr mitmachen wollten.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddi Arent (20. Wallace-Film), Siegfried Schürenberg (10.), Kurt Waitzmann (5.), Albert Bessler (4.), Pinkas Braun, Gisela Uhlen (3.), Agnes Windeck, Hubert von Meyerinck, Uta Levka, Susanne Hsiao, Gerhard Hartig, Tilo von Berlepsch (2.), Suzanne Roquette, Hilde Sessak, Ilse Pagé, Richard Haller, Günther Stoll (1.). Regie: Alfred Vohrer (8.), Drehbuch: Herbert Reinecker (3.), Musik: Peter Thomas (13.), Kamera: Karl Löb (9.), Schnitt: Susanne Paschen (1.), Produktion: Horst Wendlandt (18.).
Schauplatz: London, Scotland Yard, Schloss Castlewood, eine düstere Wäscherei, der Nachtklub Mekka. Gedreht wurde in London und Berlin.
Titel: Bezieht sich auf den herumschleichenden deformierten Würger, der aber im Auftrag handelt.
Protagonisten: Inspektor Hopkins und das weiblich Opfer Wanda Merville.
Schurke: Ein Ring von Mädchenhändlern und der Killer, der Bucklige von Soho.
Gewalt: Einige Strangulationen, Tod durch einen Riesen-Bunsenbrenner, Erschießungen.
Selbstreflexion: Begrüßung zu Beginn, Günther Stoll wendet sich am Schluss mit einem „Ende“-Schild ans Publikum. Außerdem reflektiert der auf Plotebene verhandelte Generationenkonflikt den Status der Reihe an der Schwelle zum Einstieg in das zweite Jahrzehnt ihres Bestehens.

Als Lord Darkwood stirbt, gibt es Gemurmel unter den Hinterbliebenen: Während das Anwesen inklusive des Mädchenpensionats im Besitz von Lady Patricia (Ilse Steppat) bleiben soll, sieht das Testament vor, dass das gesamte Vermögen an Gwendoline (Karin Dor) geht, die Tochter des wegen Mordes lebenslänglich inhaftierten Reginald, eines Sohns von Lord Darkwood. Das weckt Begehrlichkeiten: Der betrügerische zweite Sohn des Lords, Sir William (Dieter Eppler), sowie sein Enkel Ronny (Hartmut Reck), planen sofort, die Verwandte aus dem Weg zu räumen – oder sie zu ehelichen –, um in den Genuss des Geldes zu kommen. Der dritte Sohn, Richard (Siegfried Lowitz), ein Anwalt und im Besitz der einzigen verbliebenen Kopie des Testaments, bietet wiederum an, diese zu verbrennen und damit jeden Anspruch Gwendolines auszulöschen, wenn ihm seine Verwandten den Löwenanteil ihres Erbteils überschreiben. Der Streit wird verkompliziert, als die Mädchen des Pensionats (darunter Dunja Rajter und Uschi Glas) dem unheimlichen, schwarz gewandeten Mönch zum Opfer fallen, der durch den Schlosspark streift. Inspektor Bratt (Harald Leipnitz) hat alle Hände voll zu tun, dem Täter auf die Schliche zu kommen …

DER UNHEIMLICHE MÖNCH ist ein Übergangsfilm, das zeigt sich schon an dem Farb-Testballon, den Reinl während der Title-Sequenz auf den Weg schickt, um das Publikum auf den bevorstehenden Wechsel von Schwarzweiß zu Farbe vorzubereiten. Mit diesem sollte Reinl, Regisseur des ersten Wallace-Films der Rialto und eine der prägendsten Kräfte der Reihe, dann aber nichts mehr zu tun haben: DER UNHEIMLICHE MÖNCH markiert seinen letzten Wallace-Film und bedeutete auch den Abschied seiner Gattin Karin Dor, die insgesamt fünfmal mitwirkte. Obwohl DER UNHEIMLICHE MÖNCH erneut ein gelungener Film geworden ist, merkt man ihm dennoch überdeutlich an, dass es dringend an der Zeit war, das bis hierhin nahezu unverändert durchgezogene Konzept einer Frischzellenkur zu unterziehen: Gab es zwischen den Edgar-Wallace-Filmen auf der Handlungsebene immer schon Parallelen, so ist Reinls fünfter Beitrag ganz deutlich ein Crossover bereits erprobter Zutaten: Die Titelfigur erinnert schon namentlich an den schwarzen Abt aus Gottliebs gleichnamigem Film, Frauenhandel wurde schon in DER HEXER thematisiert und die Streiterei zänkischer Verwandter kennt man sowohl aus DAS INDISCHE TUCH wie auch aus NEUES VOM HEXER. So kommt DER UNHEIMLICHE MÖNCH zwar als kompetent gemachter kleiner Thriller daher, der wieder etwas stärkere Betonung auf ein unheimliches Element legt, aber jede höhere Ambition oder auch nur einen gewissen inszenatorischen Witz oder Esprit weitestgehend vermissen lässt. Das Gefühl, das sich beim Sehen einstellt, ist das eines „Been there, done that“: Reinl hat einen prototypischen Wallace-Film vorgelegt, der gute Unterhaltung bietet, aber dem gewohnten Schema nicht den Hauch einer eigenen, neuen Idee hinzufügt. Auch die Enthüllung des Täters, die der eine große Aha-Moment des Films sein soll, hinterlässt nicht die erhoffte Wirkung. Es war einfach klar, dass diese eine, bislang noch nicht erprobte Variation irgendwann fällig werden würde.

Fazit: Nachdem die Jahrgänge 1963 und 1964 der Wallace-Reihe als eher durchwachsen bezeichnet werden müssen, konsolidiert Reinl sie mit einem leicht überdurchschnittlichen Film, der aber zeigt, dass sie eine Frischzellenkur dringend nötig hatte. Ob die Zuschauer das aber genauso sahen, bleibt fraglich: DER UNHEIMLICHE MÖNCH schnitt mit 2,6 Millionen Besuchern an der Kinokasse sehr ordentlich ab. Keiner der nachfolgenden Filme konnte ihn übertreffen. Und das obwohl mit DER BUCKLIGE VON SOHO eine echtes Meisterwerk deutscher Exploitation bevorstand.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (19. Wallace-Film), Siegfried Schürenberg (9.), Karin Dor, Wilhelm Vorwerg (5.), Siegfried Lowitz, Kurt Waitzmann, Kurd Pieritz (4.), Dieter Eppler (3.), Harald Leipnitz, Ilse Steppat, Erik Radolf (2.), Rudolf Schündler, Uta Levka, Susanne Hsiao, Uschi Glas (1.). Regie: Harald Reinl (5.), Drehbuch: J. Joachim Bartsch (1.), Fred Denger (1.), Musik: Peter Thomas (12.), Kamera: Ernst W. Kalinke (3.), Schnitt: Jutta Hering (5.), Produktion: Horst Wendlandt (17.), Preben Philipsen (9.).
Schauplatz: London, das Schloss Darkwood, eine alte Mühle. Gedreht wurde in Hamburg, Berlin und London, im Schloss Hastenbeck und der Mühle Hittfeld.
Titel: Bezieht sich auf das „Gespenst“ das durch den Park des Schlosses läuft und Menschen mit seiner Peitsche ermordet.
Protagonisten: Inspektor Bratt und die Damsel in Distress Gwendoline.
Schurke: Der Film bietet gleich mehrere Schurken auf, neben dem Mönch, der einen Mädchenhändlerring betreibt, gibt es auch noch einige mörderische Erbschleicher.
Gewalt: Diverse Genickbrüche durch Peitschenhiebe, Erschießungen.
Selbstreflexion: Die bekannte Begrüßung zu Beginn, dann wird während der Titlesequenz von Schwarzweiß zu Farbe gewechselt, wahrscheinlich, um das Publikum auf die Änderung mit dem nächsten Film vorzubereiten. Danach geht es dann noch einmal wie gewohnt in Schwarzweiß weiter.

Lord Curtain (Wilhelm Vorwerg) wird erschossen in seinem Zimmer aufgefunden, außerdem eine Nachricht des mysteriösen „Hexers“ (René Deltgen), der der Polizei vor Jahren entkommen konnte. Doch der Hexer kann es nicht gewesen sein, weilt er doch in Australien. Als ihm zu Ohren kommt, dass er in einem Mordfall gesucht wird, reist er mit seinem Butler Archibald Finch (Eddi Arent) und seiner Gattin Cora (Margot Trooger) nach London, um den Verbrecher seinerseits zu stellen. Das gefällt Inspector Wesby (Heinz Drache) überhaupt nicht, zumal es jemand auf die gesamte Familie der Curtains abgesehen zu haben scheint …

Alfred Vohrer knüpft mit NEUES VOM HEXER an den überaus erfolgreichen Vorgänger nahtlos an: Sein Sequel zeichnet sich durch eine humorvolle, selbstironische Haltung zum 1965 bereits zum Klischee geronnenen Wallace-Stil aus, bietet eine verdrehte Murder Mystery im mondänen britischen Sujet mit zahlreichen Verdächtigen, Opfern und den gewohnten Beigaben: Drache gibt den gewitzten, trockenen Wesby, Arent den stets etwas pikierten Butler, Kinski scheint die Verachtung für den Trivialstoff als Benzin für seine Darbietung als dubioser Hausdiener (mit Dreitagebart) zu nutzen, Siegfried Schürenberg ist wieder als onkeliger Scotland-Yard-Chef Sir John mit von der Partie und Barbara Rütting ist das erotische, aber keinesfalls hilflose Beiwerk.

Der Hexer bietet mit seinen Verwandlungskünsten einige Gelegenheit, die üblichen Verwirrtaktiken der Wallace-Filme durch den Einsatz von Maskerade auf die absurde Spitze zu treiben, eine Szene in einem Stall (?), in dem mehrere Zirkus- oder Zootiere gehalten werden, stellt wohl den Gipfel wilder Einfälle der bisherigen Serie dar: Der hilflose einarmige Junge, der mit den Tigern zusammen eingesperrt wird, bezähmt die Wildkatzen und reitet schließlich sogar auf einer! Das Ganze wird nicht etwa mit Tricks realisiert, die Interaktion zwischem dem Jungen und den Raubtieren ist echt – und wird von Vohrer im vollen Wissen um das Spektakel festgehalten. Ansonsten ist NEUES VOM HEXER angenehm unaufgeregt und damit ganz das Gegenteil des selbstbewussten Vorgängers. Ich habe eine Weile gebraucht, um herauszufinden, warum mir dieses Sequel ausgezeichnet gefiel, während ich DER HEXER zwar nicht schlecht, aber doch etwas anstrengend und langweilig in seiner Großmannssucht fand: Es ist die Abwesenheit Fuchsbergers, die diesen Film zum Gewinner macht. Versuchte man den attraktiven Schauspieler in DER HEXER noch als deutsche Antwort auf James Bond zu etablieren, schielte man mit diversen Modernisierungsversuchen auf das Publikum der Superagentenfilme und verlor darüber etwas die eigene Linie, konzentriert sich Vohrer mit der Fortsetzung wieder ganz auf das, was die Wallace-Reihe erst zum Erfolg machte: diesen etwas angestaubten, behäbigen Charme, der dem entspricht, was der Deutsche wohl als „typisch britisch“ empfindet, das Zusammenspiel liebgewonnener und bekannter Charaktere und ein paar makabre Einlagen.

Es sind dann auch die kleinen, liebe- und wirkungsvollen Details, mehr als große konzeptionelle Würfe und Neuerungen, die NEUES VOM HEXER zu einem der besten Wallace-Filme machen: Allein die Dialoge und das Zusammenspiel von Drache, Arent, Schürenberg und Kinski sind das Eintrittsgeld wert, so subtil, spritzig und echt, dass man den Kriminalfall, der da irgendwo auch noch gelöst werden muss, beinahe vergisst. Und Brigitte Horney, die dem Ringelpiez der vier Würde und Contenance entgegenhält, erweist sich als kongeniale Ergänzung. Ich möchte hier aber noch einmal eine Lanze für Siegfried Schürenberg brechen, der sich im Laufe der Jahre von der sympathischen Randfigur zum unverzichtbaren Bestandteil der Reihe gemausert hat. Sein Sir John ist ein so wunderbarer Charakter voller kleiner lebendiger Details, dass sofort die Sonne aufgeht, sobald er die Szenerie betritt. In ihm verbindet sich auf kongeniale Weise all das, was die Wallace-Filme insgesamt so liebenswert macht. Da ist auf der einen Seite diese britische Haltung; stets würde- und weihevoll sowie hochzivilisiert wird da unter der Wahrung der gesellschaftlichen Etikette noch jeder bloße Gedanke an ein lasterhaftes Treiben rundheraus für unmöglich erklärt, die moralische Überlegenheit des Vernunftmenschen voll vornehmer Zurückhaltung gefeiert, während gleichzeitig das Triebhafte, Unkontrollierte als kleiner Fehlerteufel unter der Fassade lauert. So wird auch der distinuierte, „britische“ Tonfall Sir Johns immer wieder von kurzen Ausreißern in den Jargon deutscher Eckkneipen durchbrochen, wenn nach dem verführerischen Augenaufschlag einer Schönen das Menschliche, Allzumenschliche aus ihm hervorbricht. Dann blitzt es in den Augen des sonst so um Seriosität und Ernsthaftigkeit bemühten Mannes schalkhaft auf, bis das Über-Ich wieder einsetzt, zur Mäßigung mahnt, und Sir John den beinahe erfolgten Sündenfall mit einem erleichterten Seufzen quittiert. Es ist wahrlich ein Vollzeitjob, das Empire zu verteidigen.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (18. Wallace-Film), Klaus Kinski (11.), Siegfried Schürenberg (8.), Heinz Drache (5.) Wilhelm Vorwerg (4.), Margot Trooger, Kurt Waitzmann, Albert Bessler (3.), Barbara Rütting, Karl John, Heinz Spitzner, René Deltgen, Michael Chevalier (2.), Brigitte Horney, Hubert von Meyerinck (1.). Regie: Alfred Vohrer (7.), Will Tremper (1.) Drehbuch: Herbert Reinecker (2.), Musik: Peter Thomas (11.), Kamera: Karl Löb (8.), Schnitt: Jutta Hering (4.), Produktion: Horst Wendlandt (16.), Fritz Klotsch (2.).
Schauplatz: London, das Haus von Lord Curtain, diverse Apartements. Berlin, Pfaueninsel.
Titel: Benennt den Film als Sequel, bezieht sich auf die Rückkehr der Titelfigur.
Protagonisten: Inspector James W. Wesby.
Schurke: Ein Mann, der die Familie von Lord Curtain auslöschen will.
Gewalt: Diverse Erschießungen.
Selbstreflexion: Begrüßung zu Beginn, der Titelheld liest den Roman „Neues vom Hexer“, Heinz Drache wendet sich am Schluss ans Publikum und kündigt den nächsten Wallace für das kommende Jahr an, Alfred Vohrer absolviert einen Cameo, Arents Dialogzeile „Jezt hält der sich auch schon für James Bond“ ist wahrscheinlich eine Anspielung auf Joachim Fuchbergers Rolle in DER HEXER.

Dem Verbrecher Graham (Gary Raymond) wird zur Flucht aus dem Gefängnis verholfen. Dahinter steckt der Geschäftsmann Trayne (Albert Lieven), der mithilfe von Graham in den Tower einzubrechen gedenkt, um dort die Kronjuwelen zu stehlen. Wie es der Zufall so will, sieht Graham einem der Wächter des Towers, dem braven Dick (Gary Raymond), außerdem Geliebter von Traynes Sekretärin Hope (Catherine Schell), nämlich zum Verwechseln ähnlich. Bevor das Unternehmen starten kann, muss Graham seinen Doppelgänger jedoch erst studieren, wobei ihn Traynes Partnerin Dinah (Margot Trooger) begleitet. Die beiden verlieben sich und planen, sich die Beute selbst unter den Nagel zu reißen …

Film Nr. 21 der Wallace-Reihe von Rialto ist eine deutsch-britische Koproduktion, komplett in England von Hammer-Regisseur Freddie Francis (unmittelbar nach seinem THE EVIL OF FRANKENSTEIN) inszeniert und von dessen Studiokollegen Jimmy Sangster geschrieben. Ob die Koproduktion in erster Linie zustande kam, um den Tower als Drehort zu sichern, oder ob sie möglicherweise einen Expansionsversuch darstellte, kann ich auf die Schnelle leider nicht beantworten. Fakt ist, dass DAS VERRÄTERTOR nicht an den Riesenerfolg von DER HEXER anknüpfen konnte und heute ein eher vergessener Vertreter der in Deutschland immer noch überaus beliebten Reihe ist. Verständlicherweise: Aus dem doch weitestgehend homogenen Korpus von Filmen fällt Francis‘ Beitrag denkbar weit heraus und viele der Charakteristika, die der Zuschauer von einem Wallace-Film erwartete, suchte er hier vergebens. Auch wenn der Tower ein überaus stimmungsvolles (und ja auch recht spektakuläres) Setting darstellte, dürften viele den sanften Grusel- und Mysteryeinschlag vermisst haben, der die Filme von Anfang an auszeichnete. Zwar gab es auch zuvor schon reine Krimis und Gangsterfilme innerhalb der Reihe, doch warteten diese stets mit einer Ermittlerfigur und einem unbekannten Täter auf, den es zu enttarnen galt. DAS VERRÄTERTOR verwirft diesen Whodunit-Ansatz ganz, stellt die Schurken ins Zentrum des Geschehens und erzählt keine Murder Mystery, sondern eine lupenreine Einbruchsgeschichte, für die die Ermittlungsarbeit der Polizei nur eine untergeordnete Rolle spielt. Den Löwenanteil der Detektivarbeit übernimmt Eddi Arent in gewohnt komischer Manier als Tourist: Als deutlichstes Zugeständnis an den deutschen Zuschauer ist er in diesem Film reichlich deplatziert, seine Szenen wollen einfach nicht zum weitestgehend ernsten Rest passen. Außer ihm wirken vom bekannten Wallace-Ensemble nur Kinski – ständig auf seinen Fingern herumkauend und einmal zu komischem Effekt einem ausgestopften Pferdekopf im Maul herumfummelnd – sowie Margot Trooger mit, Albert Lieven absolviert nach DAS GEHEIMNIS DER GELBEN NARZISSEN seinen zweiten Auftritt innerhalb der Reihe. Die Besetzung ist – nicht aus diesem Grund zwar, aber dennoch – das Hauptmanko des Films: Es fehlt ihm ein klares Zentrum, ein Protagonist, den man durch den Film begleitet, der als emotionale Projektionsfläche fungiert. Die logischen Kandidaten für diesen Part sind natürlich der in Gefahr schwebende Dick und seine nichts Böses ahnende Freundin oder aber sein Widerpart, der Verbrecher Graham, der in die fremde Haut schlüpfen soll und hinter dem mit Dinah ebenfalls eine attraktive Frau steht. Doch beide können die Protagonistenrolle nicht wirklich füllen: Dick bleibt eine Randfigur, über weite Strecken nur schemenhaft entwickelt und als Wachschnösel geradezu unsympathisch, Graham müsste erst eine Wandlung zum Guten nehmen, einen Konflikt durchlaufen und bewältigen, um für den Zuschauer als positive Identifikationsfigur zu funktionieren. Das ist nicht der Fall, im Gegenteil: Er erweist sich im weiteren Verlauf der Geschichte als abgebrühter Halunke, der seinen Part nicht nur mit äußerster Effizienz übernimmt, sondern sich sogar als noch abgezockter als seine professionellen Partner erweist. Dieser Mangel führt zuschauerseitig zu einer gewissen Distanz, die der Film nicht auflösen kann. Der emotionale Impact, der mit der Bedrohung für Dick und seine Hope verbunden ist, kommt einfach nicht zum Tragen.

Dass DAS VERRÄTERTOR dennoch ein recht schöner Wallace-Film geworden ist, liegt zu einem nicht unerheblichen Teil gerade daran, dass er sich vom Rest der Serie so weit abhebt. Er stellt zu einem Zeitpunkt, an dem die Reihe zu stagnieren scheint, eine willkommene „Erfrischung“ und einen ernsteren Alternativentwurf zum sonst dominanten schabernackigen Ton der Wallace-Filme dar. Bei Francis stehen weder irgendwelche lustigen Mätzchen noch einzelne „Stars“ im Mittelpunkt, er ist ganz allein seiner Story verpflichtet, die er dann auch mit einiger Spannung umsetzt. Die Abwesenheit Fuchsbergers oder Draches  begünstigt es gerade, eine unvoreingenommene Perspektive auf das Geschehen einzunehmen, sich von dem Film überraschen zu lassen, anstatt ihm von vornherein mit einer festgefahrenen Erwartungshaltung zu begegnen. Wenn man die Reaktionen auf den Film so liest, scheint das aber trotzdem nur den wenigsten gelungen zu sein. Die Rialto zog dann auch ihre Lehren aus dem Scheitern von DAS VERRÄTERTOR: Bis kurz vor Ende der Reihe, als man sich – ebenfalls mit nur noch mittelmäßigem kommerziellen Erfolg – nach Italien wandte, blieb DAS VERRÄTERTOR die letzte Koproduktion der Reihe und auch der letzte extreme Ausreißer aus einem immer noch zugkräftigen Konzept. Die nächste größere Modernisierung erfolgte erst zwei Jahre später, als mit DER BUCKLIGE VON SOHO der erste Farbfilm der Reihe entstand.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (17. Wallace-Film), Klaus Kinski (10.),  Albert Lieven, Margot Trooger  (2.). Regie: Freddie Francis (1.), Drehbuch: Jimmy Sangster (1.), Musik: Peter Thomas (10.), Kamera: Denys N. Coop (1.), Ray Hearne (1.), Schnitt: Oswald Hafenrichter (1.), Produktion: Horst Wendlandt (15.), Ted Lloyd (1.).
Schauplatz: Der Tower of London, Scotland Yard, diverse Wohnungen, ein Schiff.
Titel: Bezieht sich auf das Tor, das die Hauptfigur – ein vermeintlicher Verräter, tatsächlich ein Doppelgänger – bewacht und durch das der Einbruch erfolgen soll.
Protagonisten: Der Tower-Wächter Dick und seine Freundin Hope sowie sein Doppelgänger, der Kriminelle Graham.
Schurke: Der Geschäftsmann Trayne und seine Vasallen.
Gewalt: Diverse Erschießungen, am Schluss fliegt ein Schiff mit den Schurken an Bord in die Luft.
Selbstreflexion: Eddi Arent spricht am Ende des Films von einem Happy End.

Auf die Einladung des Millionärs und Erfinders Real (Rudolf Forster) reist die junge Kathleen Kent nach England. Im Winter seines Lebens hat den reichen Mann das schlechte Gewissen zur Vernunft gebracht. Er möchte der jungen Frau die Millionen zurückzahlen, die der ehemalige Casinobesitzer ihrem Vater einst durch gezielte Manipulation abgenommen, ihn so in den Ruin und schließlich den Tod getrieben hatte. Damit sind seine einstigen Mitstreiter um den gerissenen Connor (Ernst Fritz Fürbringer) aber gar nicht einverstanden und entführen Kathleen. Als größtes Problem erweist sich der Safe, den Real durch eine Vielzahl von Schutmechanismen gesichert hat, die jeden Eindringling das Leben kosten. Und wer ist eigentlich dieser Jimmy Flynn (Harald Leipnitz), der sich zwischen die Konfliktparteien schiebt?

Gottliebs zweiter Wallace-Film für die Rialto ist nach Vohrers selbstreferenziellem, humorigem DER HEXER, mit dem man über den Kanal und zur erfolgreichen James-Bond-Reihe schielte, ist sehr bodenständiger geraten. Bis auf einen kleinen Gag zu Beginn werden sämtliche Anstrengungen, die „vierte Wand“ zu durchbrechen, unterlassen, den Zuschauern wieder ein fintenreiches Krimistück voller zwielichtiger Gestalten und makabrer Morde vorgesetzt. DIE GRUFT MIT DEM RÄTSELSCHLOSS kann zwar zu keiner Sekunde an die Glanzleistungen der Serie heranreichen, wurde von Gottlieb im Autopilot äquivalent zum Malen nach Zahlen  inszeniert und leistet sich eine einzige – allerdings wirkungsvolle – neue Idee, kommt aber immerhin einigermaßen temporeich über die Runden. Die erzählerischen Schwächen, die Gottliebs DER SCHWARZE ABT zum bis dato schwächsten Film der Reihe gemacht hatten, sind hier behoben worden: Das Hin und Her zwischen Connor und Real, mit dem dubiosen Flynn und der schönen Kathleen in der Mitte ist angenehm flott, die titelgebende Gruft trägt zur Freude begeisterungsfähiger Junggebliebener auch nicht unerheblich bei, das Finale knüpft an die von Reinl mit ZIMMER 13 eingeführten Härten an und weiß auch mit seinem schönen Mühlensetting zu begeistern. Der Clou ist aber eindeutig die schon erwähnte Gruft, mit ihrer doppelt und dreifach gesicherten Eingangspforte und einem Mechanismus, der auch die ohne Hoffnung auf Befreiung Eingesperrten mit unablässigem Getröte und Flackerlicht in den Wahnsinn oder den Selbstmord treibt. Konsequenz in Vollendung. Insgesamt ein runherum akzeptabler Wallace aus dem breiten Mittelfeld der Serie.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (15. Wallace-Film), Klaus Kinski (9.), Siegfried Schürenberg (6.), Ernst Fritz Fürbringer (5.), Harry Wüstenhagen (4.), Werner Peters, Kurd Pieritz (3.), Arthur Binder, Kurt Jaggberg, Heinrich Gies, Arthur Schilsky (2.), Harald Leipnitz, Ilse Steppat, Kurt Waitzmann, Gerhard Hartig (1.). Regie: Franz Josef Gottlieb (2.), Drehbuch: Franz Josef Gottlieb (2.), Robert A. Stemmle (2.), Musik: Peter Thomas (8.), Kamera: Richard Angst (3.), Schnitt: Jutta Hering (2.), Produktion: Horst Wendlandt (13.).
Schauplatz: Das Haus Reals, eine alte Windmühle und die Victoria Station. Gedreht wurde in Berlin und London.
Titel: Bezieht sich auf das zentrale Mysterium des Films.
Protagonisten: Jimmy Flynn, ein Mann ungeklärter Herkunft, das weibliche Opfer Kathleen Kent und der ermittelnde Inspektor Angel (Harry Meyen).
Schurke: Die Bande um den schurkischen Connor, Kinski als stummer Killer im Dienste eines unbekannten Auftraggebers …
Gewalt: Tod durch Erschießung, Messerstiche, Selbstmord. Zwei Charaktere werden vom Räderwerk einer Kornmühle zermamlt, eine fällt dem Rätselschloss zum Opfer, wird gleichzeitig vergiftet, elektrisiert und zu Tode gestürzt.
Selbstreflexion: Voice-over-Begrüßung zu Beginn. Einen Mann, der im Kino eingeschlafen zu sein scheint (er ist tot), kommentiert eine Kinobesucherin mit den Worten: „Schau mal den an, der schläft sogar bei einem Krimi ein. Aber gut, es war ja auch kein Wallace.“
EDIT: DIE GRUFT MIT DEM RÄTSELSCHLOSS erschien vor DER HEXER. Mir ist die Reihenfolge der Beiträge an dieser Stelle etwas durcheinander geraten.

Die Sekretärin Gwenda Milton wird ermordet, weil sie dem Treiben ihres Chefs Maurice Messer (Jochen Brockmann) auf die Schliche gekommen ist: Zusammen mit Reverend Hopkins (Carl Lange) unterhält er einen Frauenhändlerring. Wenig erfreut ist Messer, als er von Scotland-Yard-Inspektor Higgins (Joachim Fuchsberger) erfährt, dass es sich bei der Toten um die Schwester des sogenannten „Hexers“ handelt, der einst auf eigenen Faust in der Londoner Unterwelt aufräumte und dem die Flucht gelang, bevor er geschnappt werden konnte. Als Cora Ann Milton (Margot Trooger), die Gattin des Hexers, in London eintrifft, verdichten sich die Zeichen, dass der Hexer den Mord an seiner Schwester rächen will. Weil nur der bereits pensionierte Inspektor Warren (Siegfried Lowitz) den Vigilanten je zu Gesicht bekam, wird er reaktiviert, um Higgins zu helfen. Ein erster Verdächtiger ist der Australier Wesby (Heinz Drache), der sich als Krimischriftsteller auf Recherchetour ausgibt …

Mit DER HEXER, nominell vielleicht der bekannteste Wallace-Titel, scheint die Reihe auf dem Höhepunkt ihrer kommerziellen Kraft angelangt (ein Jahr später sollte DER UNHEIMLICH MÖNCH noch einmal ähnlich hohe Zuschauerzahlen vorweisen, doch davon abgesehen geht es ab diesem Zeitpunkt stetig  bergab). Er trägt dann auch alle Zeichen des selbstbewusst inszenierten Spektakels, des Aushängeschilds einer Reihe, die zu diesem Zeitpunkt über eine voll etablierte Form und Ästhetik verfügt, die zu einer Marke geworden ist, mit der die Menschen ein ganz bestimmtes Versprechen verbinden. Voller kleiner Gimmicks und selbstreflexiver Scherze, kann DER HEXER es zu keiner Sekunde verleugnen, sich seiner diesbezüglichen „Verantwortung“ vollkommen bewusst zu sein. Was sich in DAS INDISCHE TUCH noch auf einen in seiner Wirkung zwar gewaltigen, aber gemessen an der Gesamtspielzeit nur kleinen Scherz am Ende beschränkte, das zieht sich hier durch den ganzen Film. Die Plottwists, falschen Fährten und ornamentalen Details, die die Serie bisher auszeichneten, mögen selbstzweckhaft gewesen sein, aber es waren vor allem erzählerische Elemente. In DER HEXER wird alles zur Form: Als sei er mithilfe einer Checklist und dem Bedürfnis komponiert, auf alles noch eins draufzusetzen. Denn es reicht nicht mehr, die Erwartungen zu erfüllen, sie wollen übertroffen werden. Vohrer sieht den Weg dahin in einem „Mehr ist Mehr“: Das wird schon klar, wenn die bisherigen Stars der Reihe (Fuchsberger, Drache, Lowitz) zum ersten Mal im Verbund auftreten – quasi als die Expendables des Wallace-Films – und geht einher mit einer wahren Anhäufung von Verdächtigen. Wenn der Film kurz vor der Auflösung, einem ziemlich frechen Cliffhanger auf dem Weg zum Sequel, von einer Schrifteinblendung unterbrochen wird, die in bester William-Castle-Manier fragt, ob der Zuschauer die Identität des Hexers schon erraten habe, kann er dies angesichts der unübersichtlichen Fakten- und Verdachtslage mit der größten Sicherheit tun. Die perfekt geschmierte Entertainment-Maschine ist in den vorangegangenen 90 Minuten schließlich auf Hochtpuren gelaufen. Die Anlage von DER HEXER als großes Kinoereignis spiegelt sich auch darin wider, dass man eifrig bei den erfolgreichen James-Bond-Filmen notiert hat, die wahrscheinlich das damalige Nonplusultra in Sachen serieller Spitzenunterhaltung darstellen: Da kommt ein kleiner Indoor-Hafen samt Mini-U-Boot zum Einsatz, der auch jedem Bond-Schurken gut zu Gesicht gestanden hätte, darf sich Inspektor Higgins mehrfach dekorativ mit seiner attraktiven Gespielin Elise (Sophie Hardy) verlustieren, während Sir John die kaum weniger zauberhafte Sekretärin Jean (Anneli Sauli) zur Seite gestellt wird, die den jungen Inspektor anhimmelt wie anderswo Ms. Monepenny ihren 007.

Vohrer ist wahrscheinlich der richtige Mann für die mit DER HEXER überdeutlich vernehmbaren neuen Ansprüche, inszeniert den Film mit dem ihm eigenen Witz und Drive, steckt die Kamera auch schon einmal in ein Telefon, um von unten durch die Wählscheibe filmen und so mit ungewöhnlichen Perspektiven überraschen zu können. Aber die „Unschuld“, mit der die Wallace-Filme bis zu diesem Zeitpunkt aufwarteten, ist weitestgehend dahin: Dem zahlenden Kunden wird nicht länger einfach ein sauberer Unterhaltungsfim serviert, er wird geradezu hofiert und immer wieder direkt angesprochen. Natürlich waren auch die vorangegangenen Serienbeiträge „Produkte“, aber DER HEXER macht aus seinem kaufmännischen Interesse gar keinen Hehl mehr. Wo der Zynismus in dieser Form Einzug hält, da ist für ihn an anderer Stelle kein Platz mehr: Es lässt sich nur spekulieren, aber ein Frauenhändlerring wäre in früheren Filmen sicherlich für die ein oder andere Geschmacklosigkeit ausgeschlachtet worden, hier wird er einmal erwähnt und dann beinahe verschämt umgangen. Schade, denn ein bisschen gothischer Pomp, den in Verliese gesperrte, verzweifelte Frauen gleich säckeweise mit sich bringen, hätte dem Film bestimmt nicht geschadet. Die aufgeregte Suche nach dem Hexer, die fast schon unfreiwillig komische Häufung von konstruierten Verdachtsmomenten – unterhaltsam zwar, aber auch irgendwie leer –, kann diesen Mangel nur bedingt aufwiegen. So bleibt der Eindruck eines zwar beschwingten, kompetent gemachten Crowd Pleasers, dem aber die Seele fehlt.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (16. Wallace-Film), Joachim Fuchsberger (9.), Siegfried Schürenberg (7.), Heinz Drache (4.), Siegfrid Lowitz, Joachim Wolff (3.) Kurt Waitzmann, Carl Lange, Jochen Brockmann, Anneli Sauli, Wilhelm Vorwerg (2.), Sophie Hardy, Margot Trooger, Karl John, Hilde Sessak, René Deltgen, Tilo von Berlepsch (1.). Regie: Alfred Vohrer (6.), Drehbuch: Herbert Reinecker (1.), Harald G. Petersson (5.), Musik: Peter Thomas (9.), Kamera: Karl Löb (7.), Schnitt: Jutta Hering (3.), Produktion: Horst Wendlandt (14.), Fritz Klotsch (1.).
Schauplatz: London. Gedreht wurde in Berlin (Zitadelle Spandau, Hotel Esplanade) und London.
Titel: Der Deckname eines gesuchten Londoner Vigilanten.
Protagonisten: Inspektor Higgins, Inspektor Warren und der Krimischriftsteller Wesby.
Schurke: Ein Ring von Frauenhändlern und der Selbstjustiz übende „Hexer“.
Gewalt: Eine Strangulation, Tod durch Erschießen, Erstechen und Aufspießen, Autounfall, Dynamit.
Selbstreflexion: Der Film eröffnet mit der obligatorischen Bergüßung, die Titelmusik wird von Stimmen begleitet, die „der Hexer“ zischen, oder auch vom Tarzanschrei unterbrochen. Inspektor Higgins erwähnt einmal, dass sein Vorname „Bryan Edgar“ lautet (so hieß Edgar Wallace‘ Sohn), es gibt einen Seitenhieb auf das Fernsehen und kurz vor der Auflösung wird der Film kurz durch eine Schrifteinblendung unterbrochen, die fragt: „Wissen Sie schon, wer der Hexer ist?“