Mit ‘Eduardo Fajardo’ getaggte Beiträge

Der italienische Superheldenfilm der Sechzigerjahre ist eine hübsche Zeitgeisterscheinung, die außerhalb Italiens eigentlich keine Entsprechung hatte: Von Pulpromanen und Comics um maskierte Superverbrecher ebenso inspiriert wie von den Abenteuern des britischen Superagenten 007 werfen die meist preisgünstig produzierten Filme einen ganzkörperbestrumpften Helden in die Schlacht gegen Schurken mit überkandidelten Weltbeherrschungsplänen und abstrusen Superwaffen. Der berühmteste Vertreter des Genres ist wahrscheinlich Mario Bavas psychedelisches Pop-Meisterwerk DIABOLIK, Griecos Argoman ist einer seiner zahlreichen Kollegen im Superheldenbusiness, neben solchen anderen Maskenträgern wie Superargos, Kriminal oder Satanik. Seine Markenzeichen: Ein gelber Jumpsuit mit putzigem schwarzen Mäntelchen und Maske sowie telekinetische Fähigkeiten, die ihn allerdings für sechs Stunden verlassen, wenn er sich mit einer Frau zum Liebesspiel niedergelassen hat. Was ziemlich oft passiert, denn hinter der Maske Argomans verbirgt sich der britische Superplayboy Sir Reginald Hoover (Roger Browne), der mit seinem treuen Diener Shandra (Eduardo Fajardo in Blackface) in einer unpraktischen Protzvilla mit gestohlener Mona Lisa, Indoor-Brunnen und von der Decke hängenden Loungesofas wohnt und ihn besuchende Damen gern mit Rolls Royce, Smaragdketten und Pelzmänteln beschenkt. Einfach so.

Neben seiner Tätigkeit als Superheld ist Hoover außerdem gefragter Kriminalexperte und immer einer der ersten Ansprechpartner für Scotland Yard, FBI und Konsorten, wenn wieder einmal die Kronjuwelen gestohlen wurden wie im vorliegenden Film: In der zertrümmerten Vitrine des Towers liegt nur noch ein Brief einer gewissen „Jenabell, Königin der Welt“, die mit dem Raub der Krone aber nur ihre Macht demonstrieren will, bevor sie einen Superdiamanten verlangt, der aufgrund von Irgendwas von allen möglichen Leuten wahlweise als Lösung oder Ursache aller Weltprobleme angesehen wird. Hoover hat besagte Schurkin schon kennen gelernt und sie zum Beischlaf überreden können, in der Gestalt von Argoman heftet er sich dann an ihre Fersen. In Jenabell findet er endlich einen adäquaten Gegner: Die von einer Armee in Fetischuniformen unterstützte Schurkin hat eine Möglichkeit gefunden, Menschen zu willenlosen Robotern zu machen und so auch diverse Politiker „umgedreht“. In einer famosen Szene stürzt sich einer der willenlosen Verräter aus einem Fenster in den Freitod, doch Argoman kann ihn mittels telekinetischer Kräfte vor dem Aufprall bewahren – zumindest bis es plötzlich an die Tür klopft, Argoman die Konzentration verliert und er den Unglücksseligen fallen lässt. Klatsch!

COME RUBARE LA CORONA D’INGHILTERRA ist produktionstechnisch deutlich besser als ich das eigentlich erwartet hatte: Die Settings sind hübsch und liebevoll, die Kostüme grandios, die Musik von Piero Umiliani einfach herrlich, wenn man diesen typischen Sixties-Sound mag. Dazu kommt der Humor, der nicht immer aus der Verwunderung über den damals vorherrschenden, lässigen Sexismus und den latenten Rassismus sowie den rührend naiven Vorstellungen über Wissenschaft herrührt, sondern hier und da durchaus beabsichtigt ist. Klar, wenn da ein Schauspieler in einer sperrigen Blechlitfasssäule steckt und mit steifen Armen den wenig bedrohlichen Folterroboter geben muss oder Jenabell den Helden in einer der für diese Filme typischen superumständlichen Fallen steckt, anstatt ihn einfach auf dem nächstbesten Klo einzuschließen, ist die Freude groß. Aber man muss doch einräumen, dass Grieco wusste, was er tat: Die Stunts in den ansonsten herrlich ungeschickten Prügeleien sind allererste Sahne, ein Rennen über die Dächer eines fahrenden Zuges wurde nicht etwa mit Rückprojektion realisiert, sondern tatsächlich gedreht: inklusive Unter-einer-Brücke-Durchducken! Ich kann nicht anders, als hier eine dicke Empfehlung auszusprechen, denn COME RUBARE LA CORONA D’INGHILTERRA ist ein großer, unbeschwerter, kindischer Spaß. Nicht Ultra-, sondern Argokunst sozusagen.

 

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Sechs Personen – der Motorradfahrer Fred (Andres Resino) und seine Beifahrerin Laura (Lisa Leonardi), die Millionärstochter Elsa (Analía Gadé), ihr Anwaltspärchen Mr. und Mrs. Tremont (Eduardo Fajardo & Yelena Samarina) sowie der Unternehmer Mr. Porter (Franco Fantasia) – verfahren sich auf ihrem Weg im Nebel und finden Unterschlupf im Landhaus von Martha Clinton (Evelyn Stewart). Deren herzerwärmende Geschichte, dass ihre Mutter angeblich eine Hexe war und  bei einem Autounfall gemeinsam mit ihrem treuen Chauffeur verstarb, beunruhigt die Anwesenden vor allem deshalb, weil die beiden vermeintlich Toten kurz zuvor auf dem benachbarten Friedhof  einen quicklebendigen Eindruck gemacht haben …

Auch wenn die profane Auflösung der schaurigen Vorgänge – die man allerdings schon von Weitem kommen sieht – am Ende ein bisschen enttäuscht: Die Welt braucht mehr spanischen Gothic Horror wie LA MANSIÓN DE LA NIEBLA! Nirgendwo sonst, die altehrwürdigen Universal-Horrorschinken aus den Dreißigerjahren und die Hammerfilme der Fünfziger- und Sechzigerjahre eingeschlossen, ist Gothic Horror mit dieser den Nagel auf den Kopf treffenden kitschig übersteuerten Farbpracht abgelichtet, die in seinem Kern schlummernde melodramatische Gefühlsduselei besser zum Vorschein gebracht, die Gratwanderung zwischen wohligem Schauer und krawallig-infantiler Geisterbahnstimmung besser umgesetzt worden als in Filmen wie diesem hier (oder dem berühmteren EL JOROBADO DE LA MORGUE). Das nebenstehende Plakatmotiv fasst die visuellen Qualitäten von LA MANSIÒN DE LA NIEBLA tatsächlich sehr gut zusammen: Ich fühlte mich bei der Betrachtung ständig an die alten Horrorcomics à lan „Gespenster Geschichten“ oder „Spuk Geschichten“ erinnert, mit denen ich mir meine Kindheit versüßt habe. Alles sieht nach Pappmaché aus, zu sehr nach Märchenbuch, erinnert in seiner Ausstattung an eine verstaubte Requisitenkammer. Zwar gilt das auch etwa für Cormans Poe-Adaptionen, doch werden diese durch die disziplinierten, zurückgenommen agierenden Darsteller und die an der literarischen Vorlage orientierten Strenge des Stils gewissermaßen geerdet: In LA MANSIÓN DE LA NIEBLA ist hingegen alles hoffnungslos übersteuert. Wenn amerikanischer Gothic Horror ein unheilvolles Wispern ist und britischer das Knarren einer Tür, dann ist ihr spanischer Kompagnon das ohrenbetäubende Krachen im wurmstichigen Gebälk.

Die Worte, die mein Interesse an diesem mir zuvor völlig unbekannten Film sofort geweckt waren, besagten, man sehe ihn sich am besten spät in der Nacht an. Das habe ich zwar nicht gemacht, aber es stimmt wohl: Vom Sujet mal ganz abgesehen, dessen Wirkung bei Tageslicht einfach verpuffen muss, wird LA MANSIÓN DE LA NIEBLA am besten genossen, wenn die Sinne nicht mehr ganz so geschärft sind, wenn die feinen Zwischentöne an einem vorbeisausen würden, die große Emotion und die große Geste aber dafür umso stärkeren Eindruck machen, weil man die Deckung schon etwas hängen lässt. Dann brandet dieser Film über einen hinweg wie eine Welle an einer unwegsamen Steilküste. Wenn die großartige Analía Gadé hier dekorativ, inbrünstig und hemmungslos vor sich hin leidet, unter der Last der Ereignisse zerbricht, ihr schwarzer Kajalstift um ihre Augen zu schwimmen beginnt, ihre Frisur mehr und mehr in Auflösung gerät, ihr romantisches Wallewalle-Nachthemdchen angesichts ihrer voranschreitenden mentalen Zerrüttung wie ein Hohn erscheint und ihr Leid von der Tonspur von entrücktem Klagegesang begleitet wird, gibt es auch für den Zuschauer kein Halten mehr. Spanischer Gothic Horror, das ist ein bisschen wie Musical ohne ätzende Songs und Tanzeinlagen, wie Gruselhöspielkassetten mit Bildern, wie eine Geisterbahn ohne Augenzwinkern. Wo Figuren mit allergrößter Selbstverständlichkeit Namen tragen wie „Tremont“, „Porter“ und „Clinton“ und trotzdem in Spanien leben. Ein besserer Ort für eine bessere Welt. Ein Gnadenhammer, dieser Film.

Seitdem Martha Caldwell (Carroll Baker) vor 15 Jahren zusehen musste, wie ihre Eltern in einem Zugunglück starben, vor dem sie ihr Vater sie durch einen beherzten Fensterwurf bewahren konnte, ist sie stumm. Als ihre Cousine Jenny (Ida Galli) sie im Haus von Marthas Onkel Ralph (George Rigaud) besucht, bei dem diese seit dem Tod der Eltern lebt, beginnt eine furchtbare Mordserie: Zuerst muss Jenny ihr Leben lassen, dann stirbt auch die Haushälterin. An den Tatorten werden satanische Symbole gefunden. Wer ist der Killer?

IL COLTELLO DI GHIACCIO, was so viel wie „das Messer aus Eis“ bedeutet, bezieht sich im Titel auf ein Poe-Zitat: „Fear is a knife of ice which penetrates the senses down to the depth of conscience.“ Diese Angst wird zu Beginn sehr schön illustriert, wenn Martha ihre Cousine an einem für sie traumatisch aufgeladenen Ort abholt – dem Bahnhof – und sich angesichts eines heranrasenden Zuges voller Angst abwenden muss. Man sollte meinen, dass Lenzi aus der Konfrontation einer traumatisierten Person mit einem rätselhaften Mörder genug Material für einen spannenden Giallo ziehen sollte, doch leider ist IL COLTELLO DI GHIACCIO zusammen mit SETTE ORCHIDEE MACCHIATE DI ROSSO der zweite Genrebeitrag Lenzis, der den mit dem famosen SPASMO geschürten Erwartungen nicht standhalten kann. Die Besetzung der knapp 40-jährigen Carroll Baker in der Rolle einer Frau, die mehr als zehn Jahre jünger sein sollte, ist dabei nicht das größte Problem des Films: Er ist einfach ziemlich langweilig, ohne wirklich schlecht zu sein. Die Serie von Morden, die von der Polizei im Brustton der Überzeugung einem „Sex Maniac“ zugeschrieben wird und dann sogar einen satanischen Hintergrund zu haben scheint, spitzt sich nie soweit zu, dass man das Gefühl hat, der Lösung des Rätsels wirklich näher zu kommen. Wenn IL COLTELLO DI GHACCIO zuende ist, fühlt man sich etwas geprellt: Zwar gehört es zu einem gescheiten Giallo ja irgendwie dazu, eine Auflösung zu präsentieren, auf die man als Zuschauer nun garantiert nicht selbst kommen konnte, dennoch gelingt es den besseren Vertretern des Genres halbwegs plausibel zu machen, dass wenigstens die Protagonisten wissen, wohin die Reise geht.  Dieser Lenzi-Giallo verpasst eine Zuspitzung, ein Aussortieren von Verdächtigen, das nicht identisch ist mit ihrer Ermordung, das Verfolgen einer Fährte bis zu ihrem logischen Endpunkt: Irgendwann sind die 90 Minuten rum und dann wird der Mörder präsentiert, ohne dass das wirklich zwingend erscheint.