Mit ‘Eduardo Fuller’ getaggte Beiträge

Schon der Auftakt verheißt Großes: Ein nicht mehr ganz so junges Mädchen malt mit Kreide Hüpfkästchen auf die Straße und beginnt fröhlich bezopft ihr ausgelassenes Spiel. Des Weges kommt der Zwerg des Titels (Torben Bille), ein diabolisch grinsender Lilliputaner mit Gehstock. Er bleibt stehen, holt einen kitschigen weißen Spielzeughund hervor, den er durch Zug an der Leine laufen und bellen lassen kann. Das Mädchen ist vollkommen verzückt und er lockt sie mithilfe des Plüschgesellen in sein Haus, in dessen Keller ihr ein tragisches Dasein als Lustsklavin für zahlende Kunden bevorsteht.

Doch vorher lernen wir die Protagonisten des Films kennen: die schöne Mary (Anne Sparrow) und den arbeitslosen Schriftsteller Peter (Tony Eades), ein junges Ehepaar in wirtschaftlichen Nöten, das eine erschwngliche Bleibe sucht und schließlich an die Tür der Pension von Lila Lash (Clara Keller) klopft. Sie ist ein ehemaliges Showgirl, deren vielversprechende Karriere durch einen tragischen Unfall beendet wurde, und außerdem die Mutter des Zwerges, der auf den schönen Namen „Olaf“ hört. Während die Mama mit ihrer besten Freunden Gin litert und in Erinnerungen an bessere Zeiten schwelgt, sorgt Olaf dafür, dass der Nachschub an schönen Frauen, mit denen sie ihr Geld verdienen, nicht abreißt. Und natürlich steht Mary als nächstes auf seiner Liste …

DVAERGEN ist ein Schundfilm fürs Poesiealbum: Geradezu irrsinnig schmierig und billig, dabei aber voller wunderbarer Figuren und Einfälle, veredelt mit einer deutschen Synchro, die den Zwerg schadenfroh feixen und frohlocken, die alten Damen überschwänglich johlen und das brave Ehepärchen zärtliche Belanglosigkeiten austauschen lässt. Gedreht wurde das gute Stück zudem als Porno, lediglich für die deutsche Fassung entfernte man die einschlägigen Szenen dann wieder, wahrscheinlich weil man die ohne Frage großen kommerziellen Chancen des Films nicht schmälern wollte. Er funktioniert auch ohne solche Handfestigkeiten ausgezeichnet, wahrscheinlich auch, weil man sich kaum ausmalen mag, in welch schlammigen Untiefen ein Hardcore-DVAERGEN sonst abgleiten würde. Er mutet ja in seiner soften Fassung schon an, als sei er aus den Fantasien der Insassen einer geschlossenen Anstalt gebündelt worden: Die der oben geschilderten Szene folgende Creditsequenz ist megahysterisch mit ihren aufgezogen rasselnden Spielzeugtieren, einmal lässt sich die volltrunkene Lila zu einer Gesangsnummer hinreißen, die sie mit Plastikobstkorb auf dem Kopf absolviert. Olaf lässt seine Puppen grienend kopulieren, derweil triste Anzugtypen die verdreckten Sklavinnen im Keller bumsen und Mary ihrem Mann zum Abendessen Ölsardinen serviert. Was für ein Szenario!

DVAERGEN ist aber nicht nur ein wirklich unfassbarer Schnenkelklopfer, er funktioniert darüber hinaus als karikaturesk verzerrtes Spiegelbild ökonomischer Beziehungen. Es geht eigentlich ständig um Arbeits- und Ausbeutungsverhältnisse: Am stärksten natürlich bei den unglücksseligen Mädchen, die im Keller angekettet die Bedürfnisse gut situierter Herren befriedigen müssen und dafür mit Heroin sediert werden, aber auch in der Ehe von Mary und Peter. Die Mittellosigkeit hat sie in die billige Pension von Lila Lash getrieben, alle Versuche Peters, seine Drehbücher an den Mann zu bringen, sind fruchtlos und so heuert er schließlich beim städtischen Drogendealer an, der sich als Spielzeughändler tarnt. Mary ist indessen dazu verdammt, in ihrer tristen Einzimmerwohnung zu hocken und Hausfrau zu spielen. Lila Lashs Karriere endete, als eine Narbe ihr Gesicht entstellte: Nun bleibt ihr nur noch der Schnaps. Der einzige, dem es gut zu gehen scheint, ist Olaf: Er geht voll in seiner Aufgabe und seinen schmutzigen Fantasien auf. Beneidenswert.

DVAERGEN war ein einmaliges Erlebnis und ich bin überglücklich, ihn nicht schon zuvor in der Heimkinovariante gesehen zu haben. Die Sichtung mit einem Publikum, das sich der wunderbar überdrehten Gefühlswelt des Filmes nicht verschließen konnte, wertete ihn noch einmal gehörig auf, und war ein echtes Gemeinschaftsereignis. Was nicht heißt, dass DVAERGEN nicht auch vo der Konserve seine Reize entfalten dürfte: Man muss Regisseur Fuller neidlos zugestehen, aus seinen kargen Mitteln das Optimum rausgeholt zu haben. Allein die Tonspur, die im Kino in mitunter ohrenbetäubender Lautstärke ihre Wirkung nicht verfehlte, ist ein kleines Wunder, und DVAERGEN entwickelt hier und da tatsächlich so etwas wie zerrende Spannung. Das gilt nicht für allzu viele Zwergenfilme.

 

 

 

Advertisements