Mit ‘Edward Woodward’ getaggte Beiträge

Wenn ich den Rezensionen auf IMDb Glauben schenken darf, dann erwarb sich SITTING TARGET den Ruf eines „GET CARTER für Arme“. Auch wenn ich nachvollziehen kann, wie man auf eine solche Attributierung kommt – SITTING TARGET ist kleiner, roher, ungeschliffener und weniger bekannt als Hodges‘ Klassiker, gehört aber wie dieser zur selben Gattung jenes düsteren Crimekinos, das in den Seventies auf der Insel geprägt wurde -, aber die darin zum Vorschein kommende Lieblosigkeit erschreckt mich dann doch. Was ist das für eine Haltung, die einen solch tollen Film wie diesen in einem willkürlichen Vergleich demütigt, anstatt ihn für sich zu bewerten, seine Eigenheiten nicht als Verfehlungen, sondern eben als Zeichen seiner Individualität zu bewerten?

Aber die Texte, die ich zu SITTING TARGET gelesen habe, zeichnen sich sowieso durch Ungenauigkeit und Oberflächlichkeit aus. So wird Oliver Reeds Gangster Harry Lomart auffallend häufig als „brute“, also als „Wüstling“ oder „Brutalo“, bezeichnet, was die Tatsache verkennt, dass es zu allererst eine tiefe Verletzung ist, die seinen Rachefeldzug lostritt. Lomart sitzt mit seinem Partner Birdy (Ian McShane) wegen eines Raubüberfalls 15 Jahre in einem Hochsicherheitsgefängnis ein, da eröffnet ihm seine Ehefrau Pat (Jill St. John) bei einem ihrer raren Besuche, dass sie nicht nur nicht gedenkt, auf ihn zu warten, sondern auch, dass sie bereits das Kind eines anderen erwarte. Erst da gerät Lomart außer Kontrolle, bricht gemeinsam mit Birdy aus und geht auf Rachefeldzug. Doch auch, wenn er mit äußerster Gewalt und Entschlossenheit vorgeht, keine Rücksicht auf die nimmt, die ihm bei der Vollstreckung seiner Pläne in die Quere kommen, so trägt er seinen Zorn wie eine Maske, die verhüllen soll, dass er eigentlich am liebsten heulend zusammenbrechen möchte. Es ist eine der Rollen, für die Reed geboren wurde: der Gewaltverbrecher, dessen blutunterlaufenen Augen genauso furchteinflößend sind, wie sie gleichzeitig auf den verkarsteten Grund seiner enttäuschten Seele blicken lassen.

SITTING TARGET beginnt (nach kurzem, finsteren, brüterischen Auftakt) mit dem Ausbruch aus einem Hochsicherheitsgefängnis, das nichts mit modernen Vorstellungen zu tun hat. Während heute kein Prison-Break-Film mehr ohne mit allen Wassern gewaschenen Computerexperten auskommt, der die zahlreichen Science-Fiction-Fallen durch behendes Hackerhandwerk außer Kraft setzt, sind es hier ein Stacheldrahtzaun, ein scharfer Wachhund und eine hoher Mauer, die mit viel Spucke, Mut, Backstein und Seil überwunden werden müssen. Ob die Regisseure des modernen Actionkinos das auch so spannend hinbekämen wie Hickox damals? Sein Film schwankt sehr effektiv zwischen klaustrophobisch beengten, den wachsenden Druck, unter dem Lomart steht, verdeutlichenden Innenaufnahmen und nur wenig Katharsis bringenden Ausflügen in eine Londoner Betonwüste voller hässlicher Hochhäuser inmitten öder Brachlandschaften und sich wie aggressives Unkraut durch diese fressender Bahnschienen. Es sieht aus wie kurz vor oder unmittelbar nach der Apokalypse und die sich bekriegenden Ganoven haben viel Platz, um sich auszutoben. Die Polizei ist zwar da, aber doch immer zu spät. Zivilbevölkerung sieht mal allerhöchstens als schattenhaftes Huschen im Bildhintergund. Wer noch bei Sinnen ist, hat sich in seinen eigenen vier Wänden verschanzt.Wer wollte es Lomart verdenken, dass er am Ende, wenn er ganz anders als gedacht ans Ziel gekommen ist, die Flammen des Fegefeuers dem Leben im ewigen Eis vorzieht. Noch einmal etwas fühlen und wenn es nur körperlicher Schmerz ist, der ihn verzehrt.

Dieser superkompakte Film, den Edward Scaife (u. a. THE DIRTY DOZEN, KHARTOUM und DARK OF THE SUN) in gleichermaßen geschliffenen wie kalten Bildern kongenial fotografierte und dem Stanley Myers einen Score widmete, der so langsam und trügerisch vor sich hintröpfelt wie das Gift einer tödlichen Injektion (den auch nicht zu vernachlässigenden Schnitt besorgte der spätere Bond-Regisseur John Glen), sei allen ans Herz gelegt, die diese Mischung aus verheerenden Bränden und zombiehafter Leere zu schätzen wissen, die ich so gern als „Gefrierbrand“ bezeichne. Nix „GET CARTER für Arme“: Die in SITTING TARGET zum Ausdruck kommende Weltsicht ist genauso echt wie dort. Vielleicht brennt sie sogar noch tiefer. Zumindest gibt es für Lomart keinen erlösenden Schuss aus dem Hinterhalt.

Nur um das einmal in aller Deutlichkeit gesagt zu haben: THE WICKER MAN ist ohne Frage einer der mit Abstand originellsten Horrorfilme überhaupt. Er ist so originell, dass die Etikettierung „Horrorfilm“ ihn nur noch sehr, sehr unzureichend beschreibt. Der Plot kreuzt zwar Elemente des Kriminalfilms, des Mysterythrillers, des Backwood-Films und natürlich des Okkultschockers, doch anstatt diese unheimlichen Elemente zu akzentuieren, verzerrt Regisseur Hardy (dessen nächster Spielfilm danach über zehn Jahre auf sich warten ließ) sie zu einer grellen Farce. THE WICKER MAN provoziert weniger Gänsehaut als Gelächter, wenn er seinen selbstgerechten, biederen und puritanischen Protagonisten mit dem frivolen paganistischen Treiben auf der Insel konfrontiert.

Sergeant Howie (Edward Woodward) – eine Jungfrau, die sich für die bevorstehende Ehe „aufspart“ – wird auf die schottische Insel Summerisle gerufen, um dort im Fall eines vermissten Mädchens zu ermitteln. Auf der Insel, über die der freigeistige Lord Summerisle (Christopher Lee) herrscht, trifft er erst auf widersprüchliche Aussagen oder Schweigen, dann immer wieder auf merkwürdige Praktiken und Bräuche: Paare treiben es nachts offen auf der Straße, schon kleine Kinder werden sexuell aufgeklärt, Naturgötter und -geister in empathischen Liedern besungen. Auf der äußerst fruchtbaren Insel vertritt man offensichtlich eine paganistische Naturreligion. Howie ist nacheinander verwundert, abgestoßen und erschüttert, wird in seiner Enthaltsamkeit schließlich auch noch von der verführerischen Willow (Britt Ekland) auf eine harte Probe gestellt. Während eines traditionellen Sommerfestes kommt er dem Geheimnis um das verschwundene Mädchen auf die Spur – doch er wird niemandem mehr davon berichten können …

Das Finale um den titelgebenden „Weidenmann“, eine riesige, an der Steilküste Summerisles errichtete Holzfigur, enthält das wohl berühmteste Bild des Films, sticht aber auch weit aus ihm heraus. Der Beginn, wenn Howie die Insel mit ihren eigenartigen Bewohnern besucht, die ihn wie einen Außerirdischen beäugen, und das genannte Ende, wenn er erkennen muss, dass er nie die Hebel in der Hand hatte, suggerieren einen halbwegs „normalen“ Horrorfilm, doch die 60 Minuten dazwischen sind es, die den Film eigentlich auszeichnen. Unterstrichen von den leichten, melodiösen und flockigen Folksongs und folkloristischen Tanznummern, den sonnigen Settings und dem unverstellten Wesen der Inselbewohner ist THE WICKER MAN ein zwar bizarrer, aber eben niemals schockierender Film. Die Assoziation, die sich am ehesten einstellt, ist die einer klugen Vermählung von Kafkas hintersinnig-ernüchtertem Witz und dem absurden, die steife Art der Briten aufs Korn nehmendem Humor Monty Pythons. Tatsächlich funktioniert THE WICKER MAN wie ein mit versteckter Kamera aufgezeichneter Streich, der einem religiösen Biedermann gespielt wird: Das größte Vergnügen für den Zuschauer besteht darin, die Differenz der zwischen angewidert und fassungslos pendelnden Gesichtszüge Howies und der auf dessen Entsetzen ihrerseits verständnislos reagierenden Inselbewohner zu beobachten. Die beiden Seiten werden vom adäquat hölzernen Woodward – der später den ähnlich humorlosen „Equalizer“ in der gleichnamigen Fernsehserie spielte – und dem freigeistigen Christopher Lee – hier im ungewohnten Hippielook – kongenial verkörpert. Den Kern des Films bildet ein handfestes Kommunikationsproblem: die Unfähigkeit zweier diametral entgegengesetzter Gesinnungen, sich einander zu erklären oder zu begreifen. Ganz sicher steckt in THE WICKER MAN auch ein Stück britischer Selbstkritik: Das Unverständnis Howies für die Bräuche auf Summerisle spiegelt zum einen den britischen Traditionalismus wider, der sich fast starrsinnig an liebgewonnene Bräuche klammert, aber natürlich auch den ratlosen Blick, den der Rest der Welt auf das seltsame Inselvolk wirft. Ein brillanter Film.