Mit ‘Edwige Fenech’ getaggte Beiträge

16692_895466Es war mal wieder Zeit für eine Commedia sexy all’Italiana – und das Versprechen mit Edwige Fenech und Barbara Bouchet gleich zwei Hotties zu bekommen, war zu verlockend. Zumindest war „unsere“ Bärbel angeht, hat Martino Film nicht enttäuscht. Die sieht mit ihren goldenen Haaren einfach nur fantastisch aus, verbringt einige ihrer Szenen komplett in Reizwäsche. Dagegen muss selbst die gute Edwige gnadenlos verblassen. Der Film selbst wurde leider durch die mir vorliegenden englischen Untertitel schwer sabotiert: Ich bin in dieser Hinsicht ja durchaus einiges gewohnt, aber bei diesem von einem offensichtlich nur über ein höchst rudimentäres Verständnis der englischen Sprache verfügenden Übersetzer verfassten Kauderwelsch musste ich irgendwann die Segel streichen. Nicht dass es irrsinnig viel zu verstehen oder nicht zu verstehen gegeben hätte, aber jeglicher Wortwitz, durch Unterteitel eh immer arg beeinträchtigt, ging hier vollends flöten. Schade drum: Auch wenn LA MOGLIE IN VACANZA gewiss keine Sternstunde des Genres ist, so gehört er doch zu den besseren Vertretern – wenn er Ermüdungserscheinungen gegen Ende auch nicht verbergen kann.

Der Zuschauer bekommt es mit einer klassischen Verwechslungskomödie zu tun: Geschäftsmann Andrea Damiani (Renzo Montagnani) ist mit der schönen, aber kalten Valeria (Barbara Bouchet) verheiratet. Während er sich nebenbei mit der eifersüchtigen Geliebten Giulia (Edwige Fenech) vergnügt, hat es Valeria auf einen waschechten Grafen abgesehen. Dieser existiert jedoch gar nicht: Es handelt sich um Andreas Assistenten Giovanni (Tullio Solenghi), der sich als adliger Gutsbesitzer ausgeben kann, weil sein Cousin Peppino (Lino Banfi) als Hausdiener arbeitet und seine Arbeitgeber im Urlaub weilen. Es gibt also gleich mehrere amouröse Geheimnisse, die gewahrt werden müssen, was umso schwieriger ist, als alle solchermaßen miteinander Verstrickten gleichzeitig in ein und demselben Hotel im Skiort Courmayeur landen …

LA MOGLIE IN VACANZA ist möglicherweise ein gutes Einstiegswerk für Menschen, die es mit dieser speziellen Spielart der italienischen Komödie noch einmal versuchen wollen, nachdem ihnen alle zuvor gesehenen Beispiele zu überdreht waren. Auch Martinos Film ist meilenweit von jeder Subtilität entfernt, voller infantiler Späße und beknacktem Slapstick, aber er ist dabei immerhin recht stringent und verzichtet auf die sonst obligatorischen Grimassierereien. Lino Banfi, der sonst keine zwei Minuten auskommt, ohne ein dummes Gesicht zu ziehen, agiert hier etwa sehr zurückgenommen. Der Großteil des Witzes ergibt sich tatsächlich aus der Personenkonstellation und dem Hin-und-Her, das sich zwischen den einzelnen Hotelzimmern ergibt. Naja, Raum für herbeikonstruierte Unfallketten, an deren Ende dann Valerias Popo anfängt zu rauchen oder Andrea auf einem Schlitten kopfüber einen Berg hinunterrauscht, dürfen keineswegs fehlen, genauso wenig wie gut abgehangene „Klassiker“ wie jener mit der umgedrehten „6“ an der Zimmertür und den daraufhin verwechselten Räumen oder des aus Versehen eingenommenen Abführmittels. Das tut beim Lesen bestimmt weh, ich weiß, aber bei der Betrachtung dieser Filme wird der Spaß eigentlich nur umso größer, je abgedroschener und vorhersehbarer die Gags sind. Da werden ganz tief sitzende Instinkte angesprochen und man freut sich schon diebisch, wenn das Wort „Abführmittel“ zunächst noch ganz unschuldig erwähnt wird. Man ahnt schon, was da unweigerlich bevorsteht. Als zusätzliche Witzfigur wird dann noch ein russischer Geiger (Renzo Ozzano) eingeführt, der den armen Peppino mit Wodka besoffen macht, Gläser isst und die schöne Giulia mit seinem Riesengemächt entzückt. Und Andreas Schwiegermama darf auch nicht fehlen, weil es des Konfliktpotenzials nie genug geben kann. Am Ende löst sich alles in Wohlgefallen auf, aber nicht bevor nicht die gesamte Besetzung in voller Montur in den wiinterlichen Swimming Pool gefallen ist und daraufhin Erfrierungen an verschiedenen Körperteilen erleidet. Hach, dieser sogenannte Humor ist schon eine tolle Sache.

 

Taxi-Girl-film-images-679ca646-c156-4bb6-80ca-fdfb6ea31adHach, wie wunderbar, wenn man nach dem Abstecher in fremde Gefilde – mein Ausflug ins japanische Kino – mit  liebevoll geöffneten Armen und dem weich wogenden Busen der göttlichen Edwige Fenech empfangen wird. TAXI GIRL, einer von Tarantinis vielen Beiträgen zur Commedia sexy all’Italiana, war nach den doch sehr fordernden Filmen von Nakagawa, Wakamatsu, Ishii, Suzuki und Oshima genau das Richtige, eine wunderbar spritzige, leichtfüßige, freundliche und lebensfrohe Übung in absolut folgenloser Albernheit, und nebenbei einer der bislang besten Filme aus diesem unüberschaubaren – und in seinen deutsch synchronisierten Inkarnationen manchmal starke Nerven erfordernden – Genres. 1977 entstanden und mithin ein eher später Vertreter der Commedia sexy, hat TAXI GIRL den nicht zu unterschätzenden Vorteil, auf ein bereits fest etabliertes Ensemble aus Darstellern und ihren jeweiligen Personae zurückgreifen zu können. Als Zuschauer kann man sich entspannt zurücklehnen und dem freien Fluss kurzweiliger Episödchen hingeben, die um Edwige Fenechs titelgebende Taxifahrerin Marcella kreisen.

Natürlich ist Marcella der fleischgewordene Liebestraum sämtlicher Kollegen (darunter der unvergleichliche Alvaro Vitali wieder einmal als gutmütiger Pechvogel vom Dienst) sowie des Hallodris Ramon (George Hilton), eines rückgratlosen Playboys mit Minipli-Frisur und herrischer Ehefrau, die von seinen Irrwegen alles andere als begeistert und noch dazu ausgesprochen wehrhaft ist, sowie des tölpelhaften Polizisten Walter (Michele Gammino), der alle ihm zur Verfügung stehende Beamtenmacht mobilisiert, um Marcella auf sich aufmerksam zu machen. Außerdem erweckt sie im Verlauf des Films noch das Interesse des Ölscheichs Abdul Lala (Franco Diogene), dem sie jedoch kurzerhand einen Laufpass gibt, weil sie nicht Teil seines Harems sein möchte, sowie des Mafiabosses Adonis (Aldo Maccione), bei dessen Festsetzung sie Kommissar Angelini (Enzo Cannavale) helfen soll. Dann gibt es da noch Walters depperten Kollegen Isidoro (herrlich blöd, wie immer: Gianfranco D’Angelo), der gern wie Tomas Milian oder Franco Nero wäre, beiden aber nur einmal wirklich nahe kommt, nämlich als er bei einem Motorradunfall mit dem Kopf durch ein Plakat von Milians SQUADRA ANTISCIPPO kracht, und natürlich Marcellas Eltern, die insgeheim davon träumen, dass endlich der Richtige für die Tochter kommt, ein gutverdienender, ehrbarer Bürger, damit sie ihren Job an Nagel hängen und sich dem Kinderkriegen und Haushaltführen widmen kann. Worauf Marcella, selbstständig Frau, die sie ist, natürlich rein gar keine Lust hat.

TAXI GIRL ist berückend und entzückend in seiner burlesken Antilogik: Gleich zu Beginn wird Marcella Zeuge eines Banküberfalls und ruft die Polizei an, die sofort schwer bewaffnet anrückt. Der vermeintliche Überfall entpuppt sich jedoch als Filmdreh und Marcella bekommt schweren Ärger von Angelini, obwohl der Fehler doch offenkundig bei der Polizei liegt. Dem Film ist das egal und auch Marcella fügt sich zwar entnervt, aber doch bereitwillig in ihr Schicksal. So geht das den ganzen Film hindurch: Alles wird immer auf den nächsten Konflikt, die nächste krachlederne Pointe hin konstruiert und man quietscht bald vor Freude, ob der sich immer neu ergebenden Katastrophen – die man natürlich schon von Weitem hat heraufziehen sehen. Alle Grenzen sprengt TAXI GIRL aber in seinem Showdown, einer vollkommen entgrenzten Verfolgungsjagd im Stile von Bogdanovichs WHAT’S UP, DOC?. Die immer absurder werdende Hatz führt die Teilnehmer schließlich nach Cinecittà, wo nicht nur die unterschiedlichsten Filmsettings, sondern auch Cowboys zu Pferde sowie als Polizisten verkleidete Statisten mit ins Chaos einbezogen werden. Man fragt sich, wohin das alles führen soll und offensichtlich wusste Tarantini selbst, dass es schwer werden würde, einen passenden Schlusspunkt zu finden, der nicht einer Enttäuschung gleichkommt. Also setzt er ihn ganz einfach: Die Protagonisten lassen spontan von der Jagd ab, deren ursprüngliches Ziel eh längst vergessen ist, fassen sich an den Händen und tanzen einen ausgelassenen Ringelpiez. Und das Herz des geneigten Zuschauer tanzt mit.

 

wg9hwqvhGustave Flauberts Roman „Madame Bovary“ (den ich gelesen habe, von dem ich aber kaum mehr erinnert habe, als dass ich ihn mochte) ist berühmt für seine damals revolutionäre, Distanz schaffende Erzählhaltung und den damit einhergehenden Verzicht darauf, das Verhalten seiner Titelfigur zu bewerten oder moralisch zu verurteilen. Besonders gerühmt wird Flauberts Gespür für charakterisierende Details und psychologische Genauigkeit. In DIE NACKTE BOVARY, dem vorletzten Film des damals bereits 67-jährigen Komödien- und Heimatfilmer Schott-Schöbinger, bleibt davon nicht mehr allzu viel übrig: Der Stoff wird vielmehr für ein seichtes Melodram zurechtgestutzt, das Anlass bietet, Edwige Fenechs „teuersten Busen Europas“ (Zitat aus dem Werbematerial zum Film) zur Schau zu stellen, was zugegebenermaßen einer der Gründe war, aus dem ich mir DIE NACKTE BOVARY angesehen habe.

Dass Schott-Schöbinger die literarische Vorlage „völlig verfremdet“, wie das Lexikon des internationalen Films schreibt, will ich nach der Lektüre einer Inhaltsangabe des Romans zwar nicht unbedingt bestätigen, von der Komplexität von Flauberts Werk bleibt aber zugegebenermaßen nicht viel übrig. Der Film hetzt in 90 Minuten durch die Handlung und verkommt so fast notgedrungen zu einer Aneinanderreihung schön anzusehender Klischees, die jede echte Signifikanz vermissen lassen. Was die Figuren wirklich umtreibt, wer sie sind, was sie fühlen, wird weniger erzählt, als via Dialog behauptet. So darf die schöne Madame Bovary (Edwige Fenech) gleich in den ersten Minuten via Voice-over gestehen, dass sie das dörfliche Leben mit ihrem Ehemann (Gerhard Riedmann) schrecklich anödet, was damit verbildlicht wird, dass sie in das eheliche Haus einkehrt, das voll mit den Patienten ihres Gatten ist, und sich über seinen Mangel an Aufmerksamkeit für sie echauffiert. Riedmann selbst, ausreichend attraktiv, aber eben von jener biederen Freundlichkeit, die ihn zum Heimatfilm-Star prädestinierte, macht sich lediglich typischer Filmvergehen schuldig: nicht auf Zuruf seiner Frau seine Patienten sitzen zu lassen, beim vornehmen Empfang nicht mit ihr zu tanzen, sondern sich am Spieltisch der drückenden feinen Schuhe zu entledigen, keine Karriere in Paris machen zu wollen. Der arme Teufel darf bis zum Ende nicht merken, was eigentlich los ist. Emmas drei Love Interests kommen aber kaum besser weg und nicht über auf den ersten Blick durchschaubare Folien hinaus: Franco Ressel gibt den Kaufmann Lheureus als angeschwulten Teufel, dessen schmierig-finsteren Absichten man ihm schon aus der blasierten Visage ablesen kann, Peter Carsten ist als Großgrundbesitzer Rodolphe brustbehaarte Virilität und Verlässlichkeit und mit dem intellektuellen Bübchen Leon (Gianni Dei) unternimmt Emma aufschlussreich-bedeutsame Spaziergänge durch die Natur, bei denen er fast weiblicher agiert als sie.

Wenn DIE NACKTE BOVARY nach knapp 90 Minuten überaus abrupt zu Ende geht, wird die Vermutung bestätigt, dass sich eigentlich keiner der Verantwortlichen größere Gedanken darüber gemacht hat, was „Madame Bovary“ eigentlich erzählt, was an Flauberts Roman relevant ist, was man davon erhalten und in ein anderes Medium übertragen möchte, geschweige denn, was die Möglichkeiten des Mediums Film dabei für einen Mehrwert bringen könnten, außer der Gelegenheit, die Fenech in engen Kleidern, Unterwäsche des 19. Jahrhunderts oder auch nackt zu zeigen. Visuell ist DIE NACKTE BOVARY demnach recht üppig, wenn auch reichlich bieder und altbacken für einen Film des Jahres ’69 in all seiner trivialen Schmonzettenhaftigkeit. Da merkt man ihm die Prägung des Regisseurs im Rentenalter deutlich an.

 

la pretora (lucio fulci, italien 1976)

Veröffentlicht: Dezember 13, 2015 in Film
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3119311104_83bb04a242_bNach seinem düsteren Spät-Italowestern I QUATTRO DELL’APOCALISSE kehrte Lucio Fulci zum letzten Mal in seiner Karriere zu jenem Genre zurück, in dem er seine ersten filmischen Gehversuche gemacht hatte: der Komödie. Es entstanden die Dracula-Parodie IL CAV. CONSTANTE NICOSIA DEMONIACO, OVVERO: DRACULA IN BRIANZA und die Commedia sexy all’italiana LA PRETORA, die vor allem Fans von Edwige Fenech in Verzückung geraten lassen sollte. Sie spielt eine Doppelrolle als strenge Richterin Viola Orlando, die keine Gnade bei der Bestarfung von Sündern walten lässt und vor allem gegen die Pornografie mit schwerem Geschütz vorgeht, und als deren Schwester Rosa, die das krasse Gegenteil ist, ihre üppigen Reize gern zur Schau stellt und einem spontanen Schäferstündchen nie abgeneigt ist.

Natürlich kommt es zu den Komplikationen, zu denen es bei dieser Konstellation zwangsläufig kommen muss: Der kleine Betrüger Raffaello (Raf Luca), der die Härte der Richterin erfahren durfte (er hat Hundefutter als Gourmet-Gulasch verkauft), lernt Rosa kennen und hält sie für ihre Schwester, deren Promiskuität und vermeintliche Macht er sich sogleich geldbringend zunutze macht. Als er sie dann für ein Pornoheft ablichten lässt, stehtt Viola in der von der Schwester nichts ahnenden Öffentlichkeit plötzlich als bigotte Heuchlerin da. Während sie mit der Wiederherstellung ihres Rufs und der Rettung ihrer Karriere beschäftigt ist, macht auch ihr Verlobter Renato (Giancarlo Dettori) Bekanntschaft mit Rosa, die so ganz anders ist als die spröde Viola …

Lucio Fulci nimmt mit seiner Komödie zum einen die Verlogen- und Verklemmtheit der italienischen Gesellschaft bzw. der Gesetzeshüter sowie die allgegenwärtige Korruption aufs Korn (während Viola mit ihren ihr ständig auf die Beine starrenden männlichen Untergebenen Pornos in einem Kino begutachtet und jeden Verstoß gegen das Gesetz mit spitzer Feder notiert, macht der Vorführer ein Riesengeschäft, indem er zahlende Zuschauer vom Vorführraum aus zusehen lässt), ermöglicht seiner Protagonistin zum anderen den „Ausstieg“ aus dieser Gesellschaft, lässt sie einen goldenen Mittelweg zwischen der übertriebenen, lebensfeindlichen Prüderie und der völlig enthemmten Nymphomanie ihrer Schwester finden und in eine glückliche Zukunft finden. LA PRETORA steht intellektuell wahrscheinlich über vielen anderen Vertretern der Commedia sexy all’italiana, vermeidet die ganz wilden Zoten und die comichaften Slapstickeinlagen und Grimassen, fühlt sich etwas geerdeter an. Dass ich den Film nicht in einer deutschen Kalauersynchro gesehen habe (LA PRETORA ist in Deutschland nie erschienen), sondern im O-Ton mit (ausgezeichneter) Untertitelspur, deren Verfasser sich sogar die Mühe gemacht hat, einige Wortwitze und Doppelbedeutungen zu erklären, mag seinen Teil zu dieser Wahrnehmung beigetragen haben. Was LA PRETORA wiederum mit anderen italienischen Sexkomödien teilt, ist seine narrative Wildheit. Scheint zunächst Raffaello der Protagonist zu sein, verschwindet dieser irgendwann zur Mitte des Films um Platz für den später eingeführten Renato zu machen. Diese mangelnde Stringenz steht dem ganz großen Erfolg zumindest bei mir etwas im Wege, aber ein hübscher Film ist LA PRETORA trotzdem. Allein schon, um das hierzulande doch reichlich verengte Bild von Fulci zu erweitern. Und natürlich wegen Edwige Fenech …

 

„Nur weil ihr Frauen seid und auf dem Wasser herumfahrt, denkt ihr, ihr könnt meine Ziegen kaputtmachen!“

Diese weniger zornigen als vielmehr hilflos-verzweifelten Worte richtet der arme Bauerntölpel Andro (Salvatore Puntillo) an die wohlhabende Mudy (Maud Belleroche) und ihre Schwiegertochter Paola (Rosalba Neri), die aus purem Spaß an der Freude mit dem Gewehr Jagd auf die herumstreunenden Tiere machen. Ob ihm die Verwendung seiner Lieblinge durch Paolas Ehemann Aldo (Maurizio Bonuglia) und die Prostituierte Ulla (edwige Fenech) besser gefiele? Großzügig und freigiebig wie sie ist, lässt Ulla eines der possierlichen Tierchen an ihrem wogenden Busen und ihrem feuchtwarmen Schoß schlecken, derweil der zynische Aldo das Ganze mit seiner Fotokamera festhält. Die einmalige Chance, die deutsche Fassung vermarktungsträchtig „Edwige und die Ziege“ zu betiteln, wurde leider vergeben – wohl auch, weil die Französin mit der elfenbeinernen Haut 1969 längst noch nicht die Ikone war, zu der sie in den Siebzigerjahren avancieren sollte –, aber SKLAVEN IHRER TRIEBE klingt natürlich auch nicht schlecht.

Allerdings führt Alessi den Zuschauer mit Szenen wie der obigen durchaus etwas in die Irre. TOP SENSATION beginnt als schön anzuschauender und gediegen inszenierter, aber doch recht krachlederner Sleazefilm, der vor allem von der Schriftstellerin Maud Belleroche als herrisch-grausam-verkommener Mama bestimmt wird. Wie sie ihrer Verachtung für den abgezockten Aldo, dem sie die Augabe übertragen hat, ihrem just aus einer Nervenheilanstalt entlassenen 20-jährigen Sohn Tony (Ruggero Miti) mithilfe Ullas die Jungfräulichkeit zu rauben, und für seine vergnügunssüchtige Gattin verbal Luft verschafft, lässt nicht viel Interpretationsspielraum. Die an fantasievollen Beleidigungen und Vulgarismen überbordenden Dialoge sind neben den ausgiebig präsentierten Prachtkörpern von Rosalba Neri und Edwige Fenech eindeutig das „Alleinstellungsmerkmal“ dieses Films, dessen Prämisse einen Standard psychologisch-sexuell aufgeladener europäischer Klassenkampfdramen aufgreift: Auf der Yacht der reichen Frau hat sich ein Panoptikon der Verkommenen versammelt, von dem jeder nur den eigenen Vorteil im Sinn hat und den anderen bis aufs Blut hasst. Was sie natürlich nicht davon abhält, sich in immer neuen Konstellationen aneinander zu reiben und Körperflüssigkeiten auszutauschen. Das kennt man etwa aus Ruggero Deodatos ONDATA DI PIACERE und einigen weiteren Yacht-Thrillern und -dramen, die den beengten Raum und die unendliche Weite des umgebenden Meeres als eine Art Simulationsraum für böse „Gesellschaftsspiele“ nutzen. In TOP SENSATION wird die im trügerischen Stillstand begriffene Situation verkompliziert, als das Schiff auf einer Sandbank aufläuft und die Passagiere zum Landgang zwingt. Dort begegnen sie mit besagtem Ziegenhirten Andro und seiner jungen Gattin, dem naiven Bauernmädel Beba (Eva Thulin), zwei Menschen vom anderen Ende des gesellschaftlichen Spektrums. Ohne Wissen ihres Mannes verspricht Beba, den Reichen zu helfen und kommt mit an Bord, wo sie natürlich sogleich Zielscheibe lustvoller Manipulationen – und lesbischer Zuwendung – wird. Nur Tony scheint sie als Mensch zu akzeptieren. Keimt da im totalen humanistischen Nichts etwa doch eine Liebe, die die Klassengrenzen und den Zynismus überwindet?

Wer das italienische Kino und diese spezielle Spielart von Klassenkampf-Dramen kennt, der weiß natürlich bald, dass alles in einer großen Katastrophe enden muss. Und je mehr sich diese Dynamik herauskristallisiert, umso mehr treten auch die Geschmacksüberschreitungen in den Hintergrund, während Allessis künstlerische Ambitionen in den Fokus geraten. Echte emotionale oder auch nur intellektuelle Teilhabe ist allerdings kaum möglich, dafür sind die Protagonisten entweder zu schematisch-unsympathisch oder aber zu sehr als bloß strukturalistischer Gegenentwurf zu diesen Bastarden angelegt. Mit wachsendem Respekt für den Film schwindet so auch ein wenig die Freude an ihm, weil sich lediglich routiniert erfüllt, was man eh von Anfang an erwartet hat. Die Enttäuschung darüber hält sich allerdings in Grenzen, da man sich immer noch an den Kurven Neris und Fenechs delektieren kann, was mehr ist, als andere Filme vorzuweisen haben.

dqbMNXywtOkRqHSwnEFX4aG3NwzWenn ich mich für mein persönliches Kongresshighlight entscheiden müsste, würde ich wahrscheinlich Heinrich Georges SCHLEPPZUG M17 wählen. Das schönste und im positiven Sinne gemütlichste Sichtungserlebnis war jedoch Eberhard Schröders MADAME UND IHRE NICHTE. Der berauschte Zustand, in dem ich ihn sah, trug sehr zu seiner Wirkung bei. Die leichte Erotikkomödie ist gewiss nicht der nachhaltigste Film aller Zeiten, aber er stellte eine Menge mit mir an und hätte für mich noch Stunden weitergehen können.

Die schöne, kultivierte Michelle (Ruth-Maria Kubitschek) lässt es sich in den Betten reicher, meist älterer Männer gut gehen. Ihr aktueller Lover erleidet beim Liebesspiel einen Herzkasper, während sie in Träumen über la dolce vita schwelgt. Ein neuer Lover muss her, und mit dem Millionärssohn Peter von Hallstein (Fred Williams) und dem distinguierten Jochen Reiter (Rainer Penkert) stehen gleich zwei Kandidaten bereit. Mindestens ebenso viel Eindruck wie Michelle macht auf die beiden jedoch ihre Modeltochter Yvette (Edwige Fenech), die Michelle aus Eitelkeit als ihre Nichte auszugeben pflegt. Anders als ihre Mama ist Yvette jedoch auf der Suche nach einer ernsten Beziehung …

Das Faszinierende an MADAME UND IHRE NICHTE, das, was mich den ganzen Film über fesselte und mein Interesse über die volle Laufzeit wachhielt, ist gewissermaßen sein Bastardstatus. Die deutsche Produktion lässt ihre Herkunft zeitweise vollkommen vergessen und wirkt plötzlich wie ein lupenreiner Italofilm, bevor ein Auftritt der unverwüstlichen Rosl Mayr oder des jungen Rudolph Moshammers (der auch die Kostüme beisteuerte) einen wieder zurück in die Realität holt. Kritiker könnten bemängeln, dass Eberhard Schröder sich nicht ganz entscheiden konnte, ob sein Film nun eine beschwingte Beziehungs- oder aber eine knallige Sexkomödie sein sollte, aber ich empfand gerade das ständige Pendeln zwischen diesen Polen als enorm reizvoll. MADAME UND IHRE NICHTEN wird einfach nie langweilig, bietet auf engstem Raum eine Vielzahl unterschiedlicher Attraktionen (die größte ist natürlich der Luxuskörper der Fenech), unfassliche Sleazemomente – dieser schmalzige Schlager, der zu Beginn erklingt, oder die erste Fotosession, mit einem sich fast bis zum Orgasmus verausgabenden Fotografen und einer zunehmend genervteren Yvette –, schöne Gags und haufenweise zitierwürdige Dialogzeilen, von denen ich leider nur noch eine parat habe. Aus irgendeinem Grund beschließt Yvette, dass sie gegenüber ihrer Mama einen Haschischrausch simulieren möchte. Mit tiefschwarzen  Augenringen ausgestattet und völlig apathisch lässt sie sich von ihren esoterischen WG-Kollegen nach Hause tragen, wo die tief besorgte Mutter nach Antworten sucht. Aus dem Mund einer von Yvettes Freundinnen dringt als Erklärung ein Satz, der mit verändertem Genus auch auf zahlreiche Kongressbesucher zuträfe: „Sie ist entrückt.“ Das Geschmackvolle – vor allem in Gestalt der schönen, mondänen Ausstattung – und das Niveaulose geben sich hier in einer Tour die Klinke in die Hand, ohne dass MADAME UND IHRE NICHTE dabei chaotisch oder zerrissen wirken würde. Schröder schafft es wie durch ein Wunder, sogar dann seine Würde zu bewahren, wenn er zwei schwule Studenten eine nackte Schwarze mit einer Banane füttern lässt. Ich bedauere es, kein kohärenteres Bild mehr von diesem Film zu haben, der jetzt schon auf eine hohe Platzierung in meiner Bestenliste 2015 hoffen darf. Wie wunderbar wäre es, wenn man ihm eine DVD-Veröffentlichung spendierte. Ich bin mir sicher, sein Zauber würde auch andere nicht unberührt lassen.

insegnante_va_in_collegio_edwige_fenech_mariano_laurenti_005_jpg_zfky[1]Weil Terroristen sein Leben bedrohen, tarnt sich der begüterte Unternehmer Riccardo Bolzoni (Renzo Montagnani) als einfacher Arbeiter und lässt sich von seinem Assistenten Peppino (Lino Banfi) mitsamt seiner Familie in den armen Süden Italiens, nach Apulien, bringen. In der dortigen Schule – besetzt mit dem üblichen inkompetenten Haufen verblödeter Lehrer und Alvaro Vitali als Schabernack treibendem Klassenclown – verguckt sich sein Sohn Carlo (Leo Colonna) in die neue Englischlehrerin Monica Sebastiani (Edwige Fenech) und beginnt seine nicht gerade von Erfolg gekrönte Charmeoffensive, derweil sein Vater ebenfalls Bekanntschaft mit der holden Schönen macht und Nachhilfeunterricht bei ihr nimmt. Es kommt zu den üblichen Verwechslungen und gar zum Partnertausch, da die sich von ihrem Gatten vernachlässigt fühlende Ileana Bolzoni (Paola Pieracci) zarte Bande zu Peppino knüpft …

Mit L’INSEGNANTE VA IN COLLEGIO setzte Mariano Laurenti den drei Jahre zuvor entstandenen Erfolgsfilm L’INSEGNANTE fort. Nach bewährtem Rezept fährt er in seiner Commedia sexy all’Italiana eprobte Kräfte wie den genannten Alvaro Vitali, Lino Banfi sowie Gianfranco D’Angelo auf, der wie schon in LA LICEALE NELLA CLASSE DEI RIPETENTI als Möchtegern-Hitler auftritt, was die deutsche Synchronfassung alerdings komplett unter den Tisch fallen lässt. Es gibt die grotesk unwitzigen Slapstick-Einlagen, die man von diesem Genre gewohnt ist, sowie diverse Frivolitäten, die dank Edwige Fenech natürlich auch die Stimmungshöhepunkte des Films ausmachen. Über hirnamputierte Späße, bei denen halbblinde Lehrer mit daumendicken Brillengläsern gefoppt, Priestern der Stuhl unter dem Arsch weggezogen oder Fußbälle mit Beton ausgegossen werden, ohne dass es zu den berechtigten Sanktionen käme, kann man sich mit dem Wissen hinwegtrösten, dass es bald wieder einen Blick auf den üppig wogenden Busen der Fenech geben wird. Den Modus operandi der Comedia sexy all’Italiana kann man durchaus als Zuckerbrot und Peitsche beschreiben und Laurenti ist ein guter Bestrafer. Potenziell interessante Aspekte wie der als Prämisse dienende Konflikt zwischen Arm und Reich und das explizit erwähnte Nord-Süd-Gefälle treten gegenüber den entfesselten Rammdösigkeiten weit in den Hintergrund und das Wenige, was davon noch übrig blieb, das merzte die deutsche Synchronisation erbarmungslos aus. Die deutsche Fassung ist eh ein Fall für sich: L’INSEGNANTE VA IN COLLEGIO wurde in Deutschland unter dem Titel FLOTTE TEENS UND DIE NEUE SCHULMIEZE als Sequel des italienischen EIS AM STIEL-Pendants LA LICEALE aka FLOTTE TEENS UND HEISSE JEANS vermarktet. Um das zu rechtfertigen und Gloria Guida, den weiblichen Star des Hits auf das Plakat bringen zu können, erweiterte man L’INSEGNANTE VA IN COLLEGIO kurzerhand um 20 Minuten aus ihrem Film PECCATI DI GIOVENTÙ (deutscher Titel: SONNE, SAND UND HEISSE SCHENKEL), die mit Laurentis Film rein gar nichts zu tun haben. Dankenswerterweise findet man auf der DVD auch die „Orginialfassung“, die ihrerseits zwar auf das zusätzliche irreführende Material verzichtet, den Betrachter dafür aber mit mehreren wie Ruinen im Film stehenden Dialoghinweisen auf „Loredana“ verwirrt, Gloria Guidas Charakter in LA LICEALE, auf den man dann wie weiland Estragon und Wladimir vergeblich wartet. Ein putziges Kuriosum, das zu dem entfesselten Gegurke irgendwie passt. Was Edwige Fenech, dieses Klasseweib, eigentlich über diesen Unfug dachte, in dem sie die berühmte Perle vor den Säuen ist?

Gianna Amicucci (Edwige Fenech) liebt die gialli aus dem Mondadori-Verlag, öffnet heimlich die Benachrichtigungen der Polizei, die ihre Nachbarn im Briefkasten haben, und hat im Kino keine Lust, mit ihrem Verlobten Cecé (Michele Gammino) zu fummeln, weil sie ganz vertieft in den Krimi auf der Leinwand ist. Ihr größter Wunsch ist es, selbst Polizistin zu werden, sehr zum Unverständnis ihres Vaters. Dank des schon damals unverzichtbaren Vitamin Bs – der Polizeichef Moretti (Gigi Ballista) wohnt bei ihr im Haus und sein Sohn, der Arzt Alberto Moretti (Giuseppe Pambieri), macht sich Hoffnungen, bei der Schönen landen zu können – ergattert Gianna erst einen Platz auf der Polizeiakademie und wird trotz eigentlich mangelhafter Leistungen schließlich sogar übernommen. Kommissar Antinori (Mario Carotenuto) gibt ihr einfachste Aufgaben, bei deren Erfüllung die junge Frau aufgrund ihres Übereifers stets größtes Chaos verursacht. Doch dann kommt sie durch Zufall dem Kopf eines Drogenrings auf die Spur …

Nach dem ermüdend ziellosen Unsinn von L’INSEGNANTE BALLA … CON TUTTA LA CLASSE ist LA POLIZOTTA FA CARRIERA wie Balsam für meinen geschundenen Leib. Zwar zeigt auch dieser Film die Episodenhaftigkeit, die nahezu alle Beiträge der Comedia sexy all’italiana auszeichnet, doch wird er durch die Figur der Gianna Amicucchi zusammengehalten. Edwige Fenech, die ich vor allem aus Giallos kenne, wo sie meist das verängstigte Opfer gibt, bezaubert hier als freche, engagierte und charmante Möchtegern-Polizistin, die ihre mangelnde Qualifikation durch erhöhte Einsatzbereitschaft wettmacht. Der Humor des Films geht dann auch weniger auf ihre Kappe und die Tatsache, dass Frauen zu dumm für Männerberufe wären, sondern zulasten ihrer chauvinistischen Vorgesetzten, die sich alle für überlegen halten, aber sich gerade dadurch und ihre eigene Schwanzgesteuertheit als die eigentlichen Dummköpfe erweisen. Sehr lustig ist wieder einmal Mario Carotenuto mit seiner zentimeterdicken Brille: Ein Running Gag des Films lässt ihn an der Bedienung einfachster technischer Geräte scheitern, die wie durch Geisterhand ihren Dienst verweigern, wenn er sie betätigt, und die sofort wieder reibungslos funktionieren, sobald sein Faktotum Tarallo (Alvaro Vitali) von ihm zur Hilfe gerufen wird. So fügt sich der Film nahtlos in die italienische Komödientradition, die so gern die verkrusteten bürokratischen Institutionen von Staat und Kirche aufs Korn nimmt und Autoritätsfiguren als Deppen zeichnet, die von den einfachen Bürgern gnadenlos bloßgestellt werden. Man sollte ganz gewiss kein Meisterwerk erwarten, aber LA POLIZOTTA FA CARRIERA ist noch nicht ganz so stark von den Anzeichne des drohenden Niedergangs gezeichnet wie das bei späteren Vertretern der Comedia sexy all’italiana der Fall ist. Wer das italienische Trivialkino der Siebzigerjahre zu schätzen weiß und mit dem typischen Humor zurechtkommt, der sollte auch an diesem Film seinen Gefallen finden können. Auch handwerklich ist er ein ganze Ecke ansprechender als das, was einem Tarantinis Kollege Laurenti zuweilen bescherte, weiß mit den Bildern römischen Verfalls zu punkten, an denen ich mich einfach nicht sattsehen kann.

Das sah wohl auch das zeitgenössische Publikum so: LA POLIZIOTTA FA CARRIERA, der in Deutschland unter dem grandiosen Titel POLITESS IM SITTENSTRESS erschien und auf DVD als Teil der FLOTTE TEENS-Reihe vermarktet wird, ist der zweite Teil einer vierteiligen Serie. Nachdem im 1974 von Steno inszenierten Vorgänger LA POLIZIOTTA noch Mariangela Melato ins Polizeikostümchen geschlüpft war, trat die Fenech 1976 in ihre Fußstapfen und blieb der Rolle auch in den Fortsetzungen LA POLIZIOTTA DELLA SQUADRA DEL BUON COSTUME von 1979 (zu Deutsch: DAS SCHLITZOHR VON DER SITTE) und LA POLIZOTTA A NEW YORK (EINE SUPERPOLIZISTIN in NEW YORK) v0n 1981 – beide unter der Regie von Tarantini entstanden – treu. Beim Blick auf ihre Filmografie sieht man bereits, dass das italienische Kino zum Zeitpunkt jenes dritten Sequels schon nicht mehr dasselbe war: Fenechs Kinokarriere lief in den frühen bis mittleren Achtzigerjahren langsam aus, mit Ausnahmen wie Deodatos UN DELITTO POCO COMMUNE (1988) beschränkten sich ihre seltener werdenden Auftritte auf Fernsehproduktionen. Ich habe das wahrscheinlich schon oft geschrieben, aber Filme wie LA POLIZIOTTA FA CARRIERA sind für mich aus diesem Grund immer auch mit einer gewissen Wehmut verbunden. Mitte der Siebzigerjahre gab es noch eine florierende italienische Filmlandschaft, die aber nicht mehr allzu lang Bestand haben sollte. Das Schielen nach dem schnellen Erfolg, das sich in solchen populären, aber eben auch anspruchslosen Stoffen widerspiegelte, war sicherlich ein Grund dafür, dass das Publikum plötzlich wegbrach.

Im Dunstkreis einer Modelagentur ereignet sich eine Reihe brutaler Morde, der Models, Fotografen und andere Mitarbeiter zum Opfer fallen. Der Fotograf Carlo (Nino Castelnuovo), der gerade eine Liebesbeziehung mit der Designerin Magda (Edwige Fenech) begonnen hat, ermittelt auf eigene Faust und gerät bald selbst ins Visier des Mörders, der in schwarzer Motorradmontur sein blutiges Werk verrichtet …

Andrea Bianchi hat sich mit seinem LE NOTTI DEL TERRORE unsterblich gemacht: Wann immer man einen Film sieht, in dem ein seltsam alterslos aussehender, erwachsener Schauspieler einen Jungen mit schwerem Mutterkomplex gibt, der seiner Filmmama im zombifizierten Zustand den Nippel abbeißt, wenn sie ihn zum Stillen anlegt, denkt man unweigerlich an Bianchi. Auch für NUDE PER L’ASSASSINO bin ich ihm zu Dank verpflichtet, liefert er mir mit seinem Giallo doch einen geeigneten Kandidaten, um einen vielleicht unscharf gebliebenen Erklärungsversuch aus meinem Text zu LA TARANTOLA DAL VENTRE NERO zu konkretisieren. Dort behauptete ich etwas umständlich, dass „objektiv“ betrachtet schwächere Filme als Cavaras Giallo gerade deshalb bessere Giallos sein könnten. NUDE PER L’ASSASSINO ist so einer: Ein schmieriger kleiner Schmuddel-Sleazer, der erst gar keinen Vorwand dafür sucht, reihenweise nackte Weiber und blutige Morde zu zeigen, sondern diese Attraktionen auf reichlich unverblümte Weise, zusammengehalten nur von dem rätselhaften Verhalten paarungsbereiter  Italofilm-Darsteller, präsentiert. Was am Ende dabei herauskommt, ist keinesfalls ein intelligenter, psychologisch fundierter Krimi, der in irgendeiner Form Anlass dazu gäbe, Tiefenexegese zu betreiben, um seinen sozialkritischen Kern zu bergen, aber eben gerade aufgrund des sich darbietenden Irrsinns mangelhafter oder fragwürdiger Motivationen ein rundum berauschendes Zauberwerk der Schmierigkeit.

Gleich zu Beginn geiert Protagonist Carlo der schönen Lucia (Femi Benussi) hinterher, lockt sie unter dem Vorwand, Fotos von ihr schießen zu wollen, in die Sauna, um sich dann nach nur kurzer Scharade unverblümt auf ihren Prachtleib zu legen. Sie findet das dann auch nur ganz kurz, eher aus vorgetäuschtem Anstand statt tatsächlich, schlimm.  Ähnlich frivol geht es weiter: Maurizio (Franco Diogene), der fettleibige Ehemann der Agentureigentümerin Gisella (Amanda), hat ein Faible für das Model Doris, und verschleppt sie kurzerhand zu sich nach Hause. Das Schäferstündchen scheitert an seinen Erektionsproblemen, die nur eine in der Kommode verwahrte Gummipuppe lösen kann, die nach dem Abschied der Angebeteten eilig herausgeholt wird. Gattin Gisella selbst ist wiederum in ein lesbisches Ringelpiez mit Lucia verwickelt und Doris‘ Ehemann ist ein brutaler Frauenschläger. Und was ist mit der schönen Magda? Wie es sich für das Rollenprofil von Edwige Fenech gehört (siehe LO STRANO VIZI DELLA SIGNORA WARDH oder IL TUO VIZIO É UNA STANZA CHIUSA E SOLO IO NE HO LA CHIAVE), ist die in eine latent sadomasochistische Beziehung mit dem Schwerenöter Carlo involviert: Als sie einmal nur ganz kurz äußert, dass ja auch er theoretisch zum erweiterten Kreis der Verdächtigen gehört, da packt er den südländischen Charmeur sofort ein, den Macho aus und sie fest bei der Kehle und droht damit, sie für solcherlei Frechheiten zu erwürgen. Sein Offenbarungseid hinterlässt dann aber keine weiteren Spuren. Carlo ist halt sehr emotional und sprunghaft. So liebt sie ihren Carlo, die Magda.

Wer hier mit den Mitteln der feministischen Ideologiekritik zupacken will, der hat reichlich zu tun, verkennt aber auch, dass sich die Gemeinsamkeiten der auftretenden Charaktere mit echten Mitgliedern der menschlichen Rasse auf schnöde Äußerlichkeiten beschränken. Dem Zuschauer eröffnet sich der Blick in fremde Dimensionen, in denen das Menschsein von Außerirdischen geprobt wird. Keine der vorgezeigten Handlungen dürfte in dieser Form jemals von einem Exemplar unserer Gattung ausgeführt worden sein und wenn unerklärlicherweise doch, so hat er es bestimmt bitter bereut und danach nie wieder getan.  Aber selbst, wenn man sich vor Augen führt, dass es Bianchi ja nicht darum ging, eine in sich schlüssige Geschichte zu erzählen, sondern seine Zuschauerschar mit dem zu bedienen, was sie seiner Meinung nach sehen wollten, wirft NUDE PER L’ASSASSINO Fragen auf. Etwa warum ein fetter Mann mit erektiler Dysfunktion und riesiger Feinrippunterhose lustig ist. Oder warum hier alle Männer verkappte Triebtäter sind, denen kein Trick zu billig ist, wenn er sie zu dem Ziel führt, nämlich dem, ihren Pillermann in die Frau reinhalten zu können. Warum sich die mondän-glamouröse Modelagentur darstellt wie ein maroder Bordellbetrieb. Oder der „Ruhm“, den seine Angestellten erlangt haben, sich in schäbigen Appartements niederschlägt, in denen wenig Platz, kaum Geschmackvolles, aber dafür immer eine Pulle J&B am Start ist. Man weiß es nicht, aber who cares?, denn diese komplette Indifferenz Bianchis gegenüber Plausibilität, Realismus und Authentizität ist schließlich genau das, was die Magie dieses Films ausmacht, vor allem, wenn sie sich auf die Form ausweitet, wie das hier oft geschieht. Da gibt es diesen Moment, wenn Carlo nach einem Angriff des Killers in einem Krankenhausbett erwacht und er beschließt, Magda anzurufen. Es ist ein eher undramatischer Moment, eigentlich nur eine Überleitung, aber weil sich Bianchi aus unerfindlichem Grund dafür entscheidet, diese Szene mit dem auf moderater Lautstärke laufenden Score von Berto Pisano  zu unterlegen, bekommt sie etwas seltsam Bedeutungsvolles, traumgleich Entrücktes, das sich in ihrem banalen Gehalt nicht spiegeln mag. Da schwebt plötzlich ein fragiler Geist über das Tumbe hinweg und betamet es kurz mit seinem Zauber. Manchmal hingegen ist es, als verschwinde etwas, als öffneten sich die doors of perception, als fiele ein Schleier zwischen dem Film und dem Betrachter: Man sieht dann nicht länger einer Inszenierung zu, sondern in eine fremdartige Realität, in der diese Personen tatsächlich existieren und leben und ihre rätselhaften Beziehungen miteinander führen und ihr ganzes absonderliches Verhalten ist plötzlich ganz normal. Die Schauspieler ringen dann nicht mehr mit ihren depperten Rollen, sondern gehen ganz in ihnen auf. Ich habe keine Ahnung, ob das einem wie auch immer gearteten Genie  Bianchis geschuldet ist oder nicht eher einer findigen Dummheit, der Unfähigkeit des Regisseurs, die frappierende Künstlichkeit seiner zurechtgezimmerten Filmwelt zu erkennen. Dass möglicherweise ersteres der Fall sein könnte, ahnt man bei seinem durch und durch überraschenden, kackfrechen Schlussgag: Nach überstandener Mörderhatz liegen Carlo und Magda mal wieder im Bett, er natürlich spitz wie Nachbars Lumpi. Sie: „Ich nehme die Pille.“ Er, sie umdrehend und sich an ihrem Hintern zu schaffen machend: „Wer weiß. Sicher ist sicher.“ Sie, erschrocken, entsetzt: „Nein!“ Er: Lacht. Alles nur ein Spaß. Fin.

Die schöne Julie Wardh (Edwige Fenech) reist mit ihrem Ehemann, dem Diplomaten Neil Wardh (Alberto de Mendoza) nach Wien. Dort hat es derzeit ein Rasiermessermörder auf schöne Frauen abgesehen und Julies Verdacht fällt bald auf ihren Ex-Liebhaber Jean (Ivan Rassimov), der ihr nachgereist ist und mit dem sie eine psychisch äußerst belastende sadomasochistische Liaison hatte, die immer noch nachbrennt.  Als sie auf einer Party ihrer Freundin Carol (Conchita Airoldi) den schönen Millionenerben George (George Hilton) kennenlernt und eine wilde Romanze mit ihm beginnt, meldet sich kurz darauf ein Erpresser bei ihr, der damit droht, ihrem Gatten von der Affäre zu berichten …

Nicht nur durch die gemeinsame Verwendung des Wörtchens „vizio“ (zu Deutsch: Laster) im Titel dieses ersten von fünf Martino-Giallos drängt sich die Verbindung zu seinem fünften, IL TUO VIZIO É UNA STANZA CHIUSA E SOLO IO NE HO LA CHIAVE, auf: In beiden Filmen ist eine Frau das Opfer eines gewalttätigen, sadistischen Ehemanns, in beiden fügt sich die Frau allzu bereitwillig in diese Rolle, als dass man übersehen könne, dass ihr diese Form der Unterwerfung auch sexuelle Lust beschert, beide Filme sind vordergründig als Giallos angelegt, lassen diesen Rahmen jedoch weit hinter sich und deuten zwischen all dem lustvollen Suhlen im Plakativen, Materiellen – den Rasiermessermorden, den zahlreichen Nackt- und Sexszenen – beunruhigende psychologische Abgründe, etwas Immaterielles an. Beide werden außerdem entscheidend geprägt von ihrer Musik. IL TUO VIZIO von Bruno Nicolais tieftrauriger, aber wunderschöner Melodie, die an eine Stimme aus dem Jenseits denken lässt, die vergangene Fehler betrauert, LO STRANO VIZIO von einem Stück von Nora Orlandi, das wie ein lustvoll-leidendes Wimmern klingt und das Paradox des Masochisten ins Gedächtnis ruft: Was bereitet ihm größeres Leid – und also größere Lust: der Schmerz oder der unfreiwillige Verzicht auf denselben? Zu guter Letzt: Der Titel von Martinos letztem Giallo taucht nahezu wortwörtlich in seinem ersten auf, als schriftliche Botschaft Jeans an seine verflossene Julie.

Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass ich diesen ersten Martino-Giallo jetzt als letzten geschaut habe: Bei der Erstsichtung vor nun auch schon sechs Jahren hatte er mir zwar durchaus gefallen, doch hatte ich ihn damals noch als sehr stromlinienförmigen und damit auch etwas unbefriedigenden Vertreter seiner Zunft abgetan. Das sehe ich heute ganz anders. Es ist ja schon sehr auffällig, wie wenig Martino an seiner Rasiermessermörder-Geschichte interessiert ist, wie sehr sie ihm eigentlich nur als Fassade für etwas dient, was sich eher unterschwellig entfaltet. Zwar muss er am Ende natürlich eine handelsüblich-unvorhergesehene Auflösung für seine Murder Mystery liefern, doch täuschen die letzten Einstellungen des Films nicht darüber hinweg, dass das eigentliche Mysterium des Films, eben das „merkwürdige Laster der Signora Wardh“, weiterhin Bestand hat, mit der Lösung des Kriminalfalles höchstens ein Subplot abgeschlossen wurde. Ja, der ganze Film ist eigentlich um die schöne Edwige Fenech herum komponiert, die eine Lust bei ihren männlichen Verehrern auslöst, die ihr gänzlich unverständlich ist, deren unschuldig-naiver Blick an einen Körper gekoppelt ist, der puren Sex verströmt, und die sich selbst das größte Geheimnis scheint. Ihre seelischen Verkrustungen werden von ihrer makellosen Schönheit trügerisch verdeckt und auch ihr eigener Blick bleibt immer an der Oberfläche hängen. Nur ihr seltsamer Name mit diesem außer im Röcheln eines Sterbenden keinerlei phonetische Realisierung findenden Dehnungs-H, das da hinten an ihm dranhängt wie ein hartnäckiger Atavismus oder ein in der Vergangenheit liegendes dunkles Geheimnis (mithin sofort Assoziationen zum Gothic Horror auslöst), deutet an, dass da etwas im Argen liegt. Und so handelt der ganze Film von einer Disposition, die niemand wirklich durchschaut, die nie konkret wird, die zwar der Ursprung aller Handlungen des Films ist, aber selbst immer im Hintergrund bleibt. LO STRANO VIZIO DELLA SIGNORA WARDH ist ein ziemlich eigenartiger Film, vor allem weil sich selbst diese Eigenartigkeit irgendwie dem Blick entzieht. Die geschäftige Handlung ist ganz Klarheit und Konkretion, aber eben doch bloß Beiwerk. Vielleicht hätte der Rasiermessermörder ja etwas freigelegt, wenn er der schönen Julie begegnet wäre. Aber diese Geschichte wollte Martino nicht erzählen.