Mit ‘Edwige Fenech’ getaggte Beiträge

Gianna Amicucci (Edwige Fenech) liebt die gialli aus dem Mondadori-Verlag, öffnet heimlich die Benachrichtigungen der Polizei, die ihre Nachbarn im Briefkasten haben, und hat im Kino keine Lust, mit ihrem Verlobten Cecé (Michele Gammino) zu fummeln, weil sie ganz vertieft in den Krimi auf der Leinwand ist. Ihr größter Wunsch ist es, selbst Polizistin zu werden, sehr zum Unverständnis ihres Vaters. Dank des schon damals unverzichtbaren Vitamin Bs – der Polizeichef Moretti (Gigi Ballista) wohnt bei ihr im Haus und sein Sohn, der Arzt Alberto Moretti (Giuseppe Pambieri), macht sich Hoffnungen, bei der Schönen landen zu können – ergattert Gianna erst einen Platz auf der Polizeiakademie und wird trotz eigentlich mangelhafter Leistungen schließlich sogar übernommen. Kommissar Antinori (Mario Carotenuto) gibt ihr einfachste Aufgaben, bei deren Erfüllung die junge Frau aufgrund ihres Übereifers stets größtes Chaos verursacht. Doch dann kommt sie durch Zufall dem Kopf eines Drogenrings auf die Spur …

Nach dem ermüdend ziellosen Unsinn von L’INSEGNANTE BALLA … CON TUTTA LA CLASSE ist LA POLIZOTTA FA CARRIERA wie Balsam für meinen geschundenen Leib. Zwar zeigt auch dieser Film die Episodenhaftigkeit, die nahezu alle Beiträge der Comedia sexy all’italiana auszeichnet, doch wird er durch die Figur der Gianna Amicucchi zusammengehalten. Edwige Fenech, die ich vor allem aus Giallos kenne, wo sie meist das verängstigte Opfer gibt, bezaubert hier als freche, engagierte und charmante Möchtegern-Polizistin, die ihre mangelnde Qualifikation durch erhöhte Einsatzbereitschaft wettmacht. Der Humor des Films geht dann auch weniger auf ihre Kappe und die Tatsache, dass Frauen zu dumm für Männerberufe wären, sondern zulasten ihrer chauvinistischen Vorgesetzten, die sich alle für überlegen halten, aber sich gerade dadurch und ihre eigene Schwanzgesteuertheit als die eigentlichen Dummköpfe erweisen. Sehr lustig ist wieder einmal Mario Carotenuto mit seiner zentimeterdicken Brille: Ein Running Gag des Films lässt ihn an der Bedienung einfachster technischer Geräte scheitern, die wie durch Geisterhand ihren Dienst verweigern, wenn er sie betätigt, und die sofort wieder reibungslos funktionieren, sobald sein Faktotum Tarallo (Alvaro Vitali) von ihm zur Hilfe gerufen wird. So fügt sich der Film nahtlos in die italienische Komödientradition, die so gern die verkrusteten bürokratischen Institutionen von Staat und Kirche aufs Korn nimmt und Autoritätsfiguren als Deppen zeichnet, die von den einfachen Bürgern gnadenlos bloßgestellt werden. Man sollte ganz gewiss kein Meisterwerk erwarten, aber LA POLIZOTTA FA CARRIERA ist noch nicht ganz so stark von den Anzeichne des drohenden Niedergangs gezeichnet wie das bei späteren Vertretern der Comedia sexy all’italiana der Fall ist. Wer das italienische Trivialkino der Siebzigerjahre zu schätzen weiß und mit dem typischen Humor zurechtkommt, der sollte auch an diesem Film seinen Gefallen finden können. Auch handwerklich ist er ein ganze Ecke ansprechender als das, was einem Tarantinis Kollege Laurenti zuweilen bescherte, weiß mit den Bildern römischen Verfalls zu punkten, an denen ich mich einfach nicht sattsehen kann.

Das sah wohl auch das zeitgenössische Publikum so: LA POLIZIOTTA FA CARRIERA, der in Deutschland unter dem grandiosen Titel POLITESS IM SITTENSTRESS erschien und auf DVD als Teil der FLOTTE TEENS-Reihe vermarktet wird, ist der zweite Teil einer vierteiligen Serie. Nachdem im 1974 von Steno inszenierten Vorgänger LA POLIZIOTTA noch Mariangela Melato ins Polizeikostümchen geschlüpft war, trat die Fenech 1976 in ihre Fußstapfen und blieb der Rolle auch in den Fortsetzungen LA POLIZIOTTA DELLA SQUADRA DEL BUON COSTUME von 1979 (zu Deutsch: DAS SCHLITZOHR VON DER SITTE) und LA POLIZOTTA A NEW YORK (EINE SUPERPOLIZISTIN in NEW YORK) v0n 1981 – beide unter der Regie von Tarantini entstanden – treu. Beim Blick auf ihre Filmografie sieht man bereits, dass das italienische Kino zum Zeitpunkt jenes dritten Sequels schon nicht mehr dasselbe war: Fenechs Kinokarriere lief in den frühen bis mittleren Achtzigerjahren langsam aus, mit Ausnahmen wie Deodatos UN DELITTO POCO COMMUNE (1988) beschränkten sich ihre seltener werdenden Auftritte auf Fernsehproduktionen. Ich habe das wahrscheinlich schon oft geschrieben, aber Filme wie LA POLIZIOTTA FA CARRIERA sind für mich aus diesem Grund immer auch mit einer gewissen Wehmut verbunden. Mitte der Siebzigerjahre gab es noch eine florierende italienische Filmlandschaft, die aber nicht mehr allzu lang Bestand haben sollte. Das Schielen nach dem schnellen Erfolg, das sich in solchen populären, aber eben auch anspruchslosen Stoffen widerspiegelte, war sicherlich ein Grund dafür, dass das Publikum plötzlich wegbrach.

Im Dunstkreis einer Modelagentur ereignet sich eine Reihe brutaler Morde, der Models, Fotografen und andere Mitarbeiter zum Opfer fallen. Der Fotograf Carlo (Nino Castelnuovo), der gerade eine Liebesbeziehung mit der Designerin Magda (Edwige Fenech) begonnen hat, ermittelt auf eigene Faust und gerät bald selbst ins Visier des Mörders, der in schwarzer Motorradmontur sein blutiges Werk verrichtet …

Andrea Bianchi hat sich mit seinem LE NOTTI DEL TERRORE unsterblich gemacht: Wann immer man einen Film sieht, in dem ein seltsam alterslos aussehender, erwachsener Schauspieler einen Jungen mit schwerem Mutterkomplex gibt, der seiner Filmmama im zombifizierten Zustand den Nippel abbeißt, wenn sie ihn zum Stillen anlegt, denkt man unweigerlich an Bianchi. Auch für NUDE PER L’ASSASSINO bin ich ihm zu Dank verpflichtet, liefert er mir mit seinem Giallo doch einen geeigneten Kandidaten, um einen vielleicht unscharf gebliebenen Erklärungsversuch aus meinem Text zu LA TARANTOLA DAL VENTRE NERO zu konkretisieren. Dort behauptete ich etwas umständlich, dass „objektiv“ betrachtet schwächere Filme als Cavaras Giallo gerade deshalb bessere Giallos sein könnten. NUDE PER L’ASSASSINO ist so einer: Ein schmieriger kleiner Schmuddel-Sleazer, der erst gar keinen Vorwand dafür sucht, reihenweise nackte Weiber und blutige Morde zu zeigen, sondern diese Attraktionen auf reichlich unverblümte Weise, zusammengehalten nur von dem rätselhaften Verhalten paarungsbereiter  Italofilm-Darsteller, präsentiert. Was am Ende dabei herauskommt, ist keinesfalls ein intelligenter, psychologisch fundierter Krimi, der in irgendeiner Form Anlass dazu gäbe, Tiefenexegese zu betreiben, um seinen sozialkritischen Kern zu bergen, aber eben gerade aufgrund des sich darbietenden Irrsinns mangelhafter oder fragwürdiger Motivationen ein rundum berauschendes Zauberwerk der Schmierigkeit.

Gleich zu Beginn geiert Protagonist Carlo der schönen Lucia (Femi Benussi) hinterher, lockt sie unter dem Vorwand, Fotos von ihr schießen zu wollen, in die Sauna, um sich dann nach nur kurzer Scharade unverblümt auf ihren Prachtleib zu legen. Sie findet das dann auch nur ganz kurz, eher aus vorgetäuschtem Anstand statt tatsächlich, schlimm.  Ähnlich frivol geht es weiter: Maurizio (Franco Diogene), der fettleibige Ehemann der Agentureigentümerin Gisella (Amanda), hat ein Faible für das Model Doris, und verschleppt sie kurzerhand zu sich nach Hause. Das Schäferstündchen scheitert an seinen Erektionsproblemen, die nur eine in der Kommode verwahrte Gummipuppe lösen kann, die nach dem Abschied der Angebeteten eilig herausgeholt wird. Gattin Gisella selbst ist wiederum in ein lesbisches Ringelpiez mit Lucia verwickelt und Doris‘ Ehemann ist ein brutaler Frauenschläger. Und was ist mit der schönen Magda? Wie es sich für das Rollenprofil von Edwige Fenech gehört (siehe LO STRANO VIZI DELLA SIGNORA WARDH oder IL TUO VIZIO É UNA STANZA CHIUSA E SOLO IO NE HO LA CHIAVE), ist die in eine latent sadomasochistische Beziehung mit dem Schwerenöter Carlo involviert: Als sie einmal nur ganz kurz äußert, dass ja auch er theoretisch zum erweiterten Kreis der Verdächtigen gehört, da packt er den südländischen Charmeur sofort ein, den Macho aus und sie fest bei der Kehle und droht damit, sie für solcherlei Frechheiten zu erwürgen. Sein Offenbarungseid hinterlässt dann aber keine weiteren Spuren. Carlo ist halt sehr emotional und sprunghaft. So liebt sie ihren Carlo, die Magda.

Wer hier mit den Mitteln der feministischen Ideologiekritik zupacken will, der hat reichlich zu tun, verkennt aber auch, dass sich die Gemeinsamkeiten der auftretenden Charaktere mit echten Mitgliedern der menschlichen Rasse auf schnöde Äußerlichkeiten beschränken. Dem Zuschauer eröffnet sich der Blick in fremde Dimensionen, in denen das Menschsein von Außerirdischen geprobt wird. Keine der vorgezeigten Handlungen dürfte in dieser Form jemals von einem Exemplar unserer Gattung ausgeführt worden sein und wenn unerklärlicherweise doch, so hat er es bestimmt bitter bereut und danach nie wieder getan.  Aber selbst, wenn man sich vor Augen führt, dass es Bianchi ja nicht darum ging, eine in sich schlüssige Geschichte zu erzählen, sondern seine Zuschauerschar mit dem zu bedienen, was sie seiner Meinung nach sehen wollten, wirft NUDE PER L’ASSASSINO Fragen auf. Etwa warum ein fetter Mann mit erektiler Dysfunktion und riesiger Feinrippunterhose lustig ist. Oder warum hier alle Männer verkappte Triebtäter sind, denen kein Trick zu billig ist, wenn er sie zu dem Ziel führt, nämlich dem, ihren Pillermann in die Frau reinhalten zu können. Warum sich die mondän-glamouröse Modelagentur darstellt wie ein maroder Bordellbetrieb. Oder der „Ruhm“, den seine Angestellten erlangt haben, sich in schäbigen Appartements niederschlägt, in denen wenig Platz, kaum Geschmackvolles, aber dafür immer eine Pulle J&B am Start ist. Man weiß es nicht, aber who cares?, denn diese komplette Indifferenz Bianchis gegenüber Plausibilität, Realismus und Authentizität ist schließlich genau das, was die Magie dieses Films ausmacht, vor allem, wenn sie sich auf die Form ausweitet, wie das hier oft geschieht. Da gibt es diesen Moment, wenn Carlo nach einem Angriff des Killers in einem Krankenhausbett erwacht und er beschließt, Magda anzurufen. Es ist ein eher undramatischer Moment, eigentlich nur eine Überleitung, aber weil sich Bianchi aus unerfindlichem Grund dafür entscheidet, diese Szene mit dem auf moderater Lautstärke laufenden Score von Berto Pisano  zu unterlegen, bekommt sie etwas seltsam Bedeutungsvolles, traumgleich Entrücktes, das sich in ihrem banalen Gehalt nicht spiegeln mag. Da schwebt plötzlich ein fragiler Geist über das Tumbe hinweg und betamet es kurz mit seinem Zauber. Manchmal hingegen ist es, als verschwinde etwas, als öffneten sich die doors of perception, als fiele ein Schleier zwischen dem Film und dem Betrachter: Man sieht dann nicht länger einer Inszenierung zu, sondern in eine fremdartige Realität, in der diese Personen tatsächlich existieren und leben und ihre rätselhaften Beziehungen miteinander führen und ihr ganzes absonderliches Verhalten ist plötzlich ganz normal. Die Schauspieler ringen dann nicht mehr mit ihren depperten Rollen, sondern gehen ganz in ihnen auf. Ich habe keine Ahnung, ob das einem wie auch immer gearteten Genie  Bianchis geschuldet ist oder nicht eher einer findigen Dummheit, der Unfähigkeit des Regisseurs, die frappierende Künstlichkeit seiner zurechtgezimmerten Filmwelt zu erkennen. Dass möglicherweise ersteres der Fall sein könnte, ahnt man bei seinem durch und durch überraschenden, kackfrechen Schlussgag: Nach überstandener Mörderhatz liegen Carlo und Magda mal wieder im Bett, er natürlich spitz wie Nachbars Lumpi. Sie: „Ich nehme die Pille.“ Er, sie umdrehend und sich an ihrem Hintern zu schaffen machend: „Wer weiß. Sicher ist sicher.“ Sie, erschrocken, entsetzt: „Nein!“ Er: Lacht. Alles nur ein Spaß. Fin.

Die schöne Julie Wardh (Edwige Fenech) reist mit ihrem Ehemann, dem Diplomaten Neil Wardh (Alberto de Mendoza) nach Wien. Dort hat es derzeit ein Rasiermessermörder auf schöne Frauen abgesehen und Julies Verdacht fällt bald auf ihren Ex-Liebhaber Jean (Ivan Rassimov), der ihr nachgereist ist und mit dem sie eine psychisch äußerst belastende sadomasochistische Liaison hatte, die immer noch nachbrennt.  Als sie auf einer Party ihrer Freundin Carol (Conchita Airoldi) den schönen Millionenerben George (George Hilton) kennenlernt und eine wilde Romanze mit ihm beginnt, meldet sich kurz darauf ein Erpresser bei ihr, der damit droht, ihrem Gatten von der Affäre zu berichten …

Nicht nur durch die gemeinsame Verwendung des Wörtchens „vizio“ (zu Deutsch: Laster) im Titel dieses ersten von fünf Martino-Giallos drängt sich die Verbindung zu seinem fünften, IL TUO VIZIO É UNA STANZA CHIUSA E SOLO IO NE HO LA CHIAVE, auf: In beiden Filmen ist eine Frau das Opfer eines gewalttätigen, sadistischen Ehemanns, in beiden fügt sich die Frau allzu bereitwillig in diese Rolle, als dass man übersehen könne, dass ihr diese Form der Unterwerfung auch sexuelle Lust beschert, beide Filme sind vordergründig als Giallos angelegt, lassen diesen Rahmen jedoch weit hinter sich und deuten zwischen all dem lustvollen Suhlen im Plakativen, Materiellen – den Rasiermessermorden, den zahlreichen Nackt- und Sexszenen – beunruhigende psychologische Abgründe, etwas Immaterielles an. Beide werden außerdem entscheidend geprägt von ihrer Musik. IL TUO VIZIO von Bruno Nicolais tieftrauriger, aber wunderschöner Melodie, die an eine Stimme aus dem Jenseits denken lässt, die vergangene Fehler betrauert, LO STRANO VIZIO von einem Stück von Nora Orlandi, das wie ein lustvoll-leidendes Wimmern klingt und das Paradox des Masochisten ins Gedächtnis ruft: Was bereitet ihm größeres Leid – und also größere Lust: der Schmerz oder der unfreiwillige Verzicht auf denselben? Zu guter Letzt: Der Titel von Martinos letztem Giallo taucht nahezu wortwörtlich in seinem ersten auf, als schriftliche Botschaft Jeans an seine verflossene Julie.

Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass ich diesen ersten Martino-Giallo jetzt als letzten geschaut habe: Bei der Erstsichtung vor nun auch schon sechs Jahren hatte er mir zwar durchaus gefallen, doch hatte ich ihn damals noch als sehr stromlinienförmigen und damit auch etwas unbefriedigenden Vertreter seiner Zunft abgetan. Das sehe ich heute ganz anders. Es ist ja schon sehr auffällig, wie wenig Martino an seiner Rasiermessermörder-Geschichte interessiert ist, wie sehr sie ihm eigentlich nur als Fassade für etwas dient, was sich eher unterschwellig entfaltet. Zwar muss er am Ende natürlich eine handelsüblich-unvorhergesehene Auflösung für seine Murder Mystery liefern, doch täuschen die letzten Einstellungen des Films nicht darüber hinweg, dass das eigentliche Mysterium des Films, eben das „merkwürdige Laster der Signora Wardh“, weiterhin Bestand hat, mit der Lösung des Kriminalfalles höchstens ein Subplot abgeschlossen wurde. Ja, der ganze Film ist eigentlich um die schöne Edwige Fenech herum komponiert, die eine Lust bei ihren männlichen Verehrern auslöst, die ihr gänzlich unverständlich ist, deren unschuldig-naiver Blick an einen Körper gekoppelt ist, der puren Sex verströmt, und die sich selbst das größte Geheimnis scheint. Ihre seelischen Verkrustungen werden von ihrer makellosen Schönheit trügerisch verdeckt und auch ihr eigener Blick bleibt immer an der Oberfläche hängen. Nur ihr seltsamer Name mit diesem außer im Röcheln eines Sterbenden keinerlei phonetische Realisierung findenden Dehnungs-H, das da hinten an ihm dranhängt wie ein hartnäckiger Atavismus oder ein in der Vergangenheit liegendes dunkles Geheimnis (mithin sofort Assoziationen zum Gothic Horror auslöst), deutet an, dass da etwas im Argen liegt. Und so handelt der ganze Film von einer Disposition, die niemand wirklich durchschaut, die nie konkret wird, die zwar der Ursprung aller Handlungen des Films ist, aber selbst immer im Hintergrund bleibt. LO STRANO VIZIO DELLA SIGNORA WARDH ist ein ziemlich eigenartiger Film, vor allem weil sich selbst diese Eigenartigkeit irgendwie dem Blick entzieht. Die geschäftige Handlung ist ganz Klarheit und Konkretion, aber eben doch bloß Beiwerk. Vielleicht hätte der Rasiermessermörder ja etwas freigelegt, wenn er der schönen Julie begegnet wäre. Aber diese Geschichte wollte Martino nicht erzählen.

Die Ehe zwischen dem ausgebrannten Schriftsteller Oliviero Rouvigny (Luigi Pistilli) und seiner nervösen Ehefrau Irina (Anita Strindberg) ist ein Albtraum: In den heruntergekommenen Palazzo seiner verstorbenen und verehrten Mutter lädt er regelmäßig die Hippies vom nächsten Campingplatz zu großen Saufgelagen, bei denen er seine Ehefrau öffentlich demütigt und sich anschließend am schwarzen Hausmädchen Brenda vergeht. Häusliche Gewalt ist Oliviero also kein Fremdwort und so wird Irina zunehmend hysterisch – was dann weitere Gewalt nach sich zieht. Als die Leiche eines Mädchens auftaucht, mit dem Oliviero ein Verhältnis hatte, gerät er sofort unter Verdacht. Ein Verdacht, der es nötig macht, zu unkonventionellen Mitteln zu greifen, als auch Brenda ermordet wird: Gemeinsam mit seiner Frau mauert er die Leiche im Weinkeller ein. Als seine schöne Nichte Floriana (Edwige Fenech) überraschend zu Besuch kommt, kommt Bewegung in die festgefahrenen Verhältnisse: Denn nicht nur hat der unverbesserliche Womanizer Oliviero Interesse an ihr, auch Irina findet Gefallen an der jugendlichen Schönheit …

Der vierte der fünf zwischen 1971 und 1973 entstandenen Giallos von Sergio Martino (zuvor drehte er LO STRANO VIZIO DELLA SIGNORA WARDH, LA CODA DELLO SCORPIONE und TUTTI I COLORI NEL BUIO, danach I CORPI PRESENTANO TRACCE DI VIOLENZA CARNALE) beruft sich auf Edgar Allan Poes Kurzgeschichte „The Black Cat“, die Martino aber zu einem finsteren Ehedrama mit deutlich gotischem Schauerbezug ausweitet. Die sadomasochistische Beziehung zwischen Oliviero und Irina erinnerte mich in der zur Schau gestellten Drastik und Ausweglosigkeit dabei sowohl an Claude Chabrols schonungslosen UNE PARTIE DE PLAISIR als auch ein wenig an Mike Nichols WHO’S AFRAID OF VIRGINIA WOOLF?: Anita Strindbergs zu Berge stehende Haare lösten bei mir jedenfalls unweigerlich diese Assoziation aus. Die Verbindung dieser beiden zunächst einmal nur schwer vereinbar scheinenden Bezüge führt dazu, dass IL TUO VIZIO über den Rahmen des Giallos, der seinen Reiz ja meist aus seinem selbstreflexiven Spiel über mehrere Metaebenen hinweg bezieht, hinausgeht und tatsächlich sehr direkt und emotional wirkt. Auch wenn Oliviero und Irina keine psychologisch ausgefeilten Charaktere sind, so geht ihr Schicksal doch deutlich näher als das so vieler ihrer Giallo-Protagonisten-Kollegen, die lediglich den Plot vorantreiben und alles in allem austauschbar sind. Es ist aber kaum abzuschätzen, wie groß der Anteil von Bruno Nicolais sprachlos machendem Score an dieser Wirkung ist: Schon in der ersten Sekunde, wenn seine tieftraurige, hoch fragile Melodie einsetzt, man dazu zwei durch die Unschärfe zu geisterhaften Schemen reduzierten Menschen beim Liebesspiel zusieht, das weiße Laken, unter dem sich ihre Umrisse abzeichnen in hartem Kontrast zum undurchdringlichen Schwarz darüber, legt sich ein dunkler Schatten aufs Gemüt, sinkt die Herzfrequenz um mehrere Schläge und es wird klar, dass es hier kein Happy End, nur Tod und Trauer zu erwarten gibt.

Bemängelte ich beim zuletzt gesehenen LA CODA DELLO SCORPIONE also noch, dass Martinos exaltierten Bildkompositionen ein nur trivialer Plot gegenübersteht, der die auf der Bildebene vermittelte Spannung nicht auf die Handlungsebene hinüberzuretten versteht, so ist IL TUO VIZIO deutlich ausgewogener, charakter- und handlungsorientierter (ohne dabei verlabert zu sein), gleichmäßiger und runder. Farblich versprüht er weniger den Esprit der Pop-Art, sondern orientiert sich seines Settings und seiner Stimmung angemessen eher an der monochromen Farbpalette des Gothic Horrors. So überwiegt hier ein tiefes Schwarz, das von kaum einladenderen Grau- und Brauntönen aufgelockert wird. Die einzigen Farbtupfer sind Edwige Fenech als jugendlich-frivole Nichte, die mir mit ihrem hier präsentierten Bubikopf zum ersten Mal richtig gut gefallen hat, und das blutrot sprudelnde Blut, das – wie von Martino nicht anders gewohnt – aus klaffenden Wunden sprudelt. IL TUO VIZIO ist in seinen Gewaltdarstellungen erneut wenig zimperlich, doch empfindet man die geschlagenen Wunden fast als Erlösung, weil sie der Seelenpein, die so konkret und doch so wenig greifbar ist, etwas Körperlichkeit entgegenhalten. Ein wunderbarer Film, für mich bislang Martinos bester und einer der stärksten Giallos überhaupt, weil er so viel mehr ist als das. Und diese Musik von Bruno Nicolai, sie lässt mich nicht mehr los …

Im Luxus-Appartementhaus von Architekt Andrea Barto (George Hilton) werden zwei junge Frauen brutal ermordet. Die frei gewordene Wohnung beziehen die beiden Fotomodels Jennifer (Edwige Fenech) und Marilyn (Paola Quattrini), nur um dann ihrerseits belästigt zu werden. Handelt es sich bei dem Täter um Jennifers Ex-Mann, einen zwielichtigen Sektenführer, oder gar um den charmanten Andrea, der Jennifer kaum noch von der Seite weicht?

Ein wortreicher Titel für einen Film, der wenig mehr ist als ein auf Hochglanz polierter Sleazebolzen – und auch gar nicht mehr sein will. Die stullige Murder Mystery mit der garantiert sinnfreien Auflösung bietet vor allem der schönen Edwige zahlreiche Gelegenheiten, ihren Prachtkörper in verschiedenen states of undress zu zeigen sowie panisch und mit weit aufgerissenen dunklen Augen den Beschützerinstinkt im männlichen Zuschauer zu wecken. Der Rest ist handwerklich kompetente, aber garantiert anspruchslose Giallo-Unterhaltung, die nie zu blutig, nie zu schmierig, nie zu doof und nie zu aufregend wird, von Giuliano Carnimeo (unter dem Pseudonym „Anthony Ascott“, unter dem er auch die beiden von wunderbaren deutschen Krawallsynchros veredelten Sartana-Western BUON FUNERALE, AMIGOS … PAGA SARTANA! und SONO SARTANA … IL VOSTRO BECCHINO gemacht hat) dafür aber mit tongue firmly in cheek inszeniert worden ist. Hier gibt es in Gestalt des trotteligen Polizeiassistenten Redi einen waschechten comic relief, der neben dem natürlich schwulen Modefotografen, dem schmierigen Nachtclubbesitzer (Luciano Pigozzi mit Koteletten), der Giallo-besessenen Oma mit dem schwachsinnigen Sohn im Kleiderschrank hauptverantworlich dafür ist, dass das blutige Treiben des Killers dem Zuschauer nie zu nahe geht, sondern immer schön auf Distanz und also Film bleibt. Richtig aufregend ist PERCHÈ QUELLE STRANE nicht, aber wer Lust auf idealtypisches italienisches Giallokino hat, kann bestimmt auch eine schlechtere Wahl treffen.

Die schöne Jane Harrison (Edwige Fenech), die immer noch vom Verlust ihres ungeborenen Kindes traumatisiert ist, wird von garstigen Albträumen geplagt, in denen ihr ein Mann mit stahlblauen Augen und einem spitzen Messer nachstellt. Ihre Sorgen werden größer, als ihr dieser Mann tatsächlich begegnet und Jane immer größere Schwierigkeiten hat, Traum und Realität voneinander zu unterscheiden. Weil ihr Mann Richard (George Hilton) nichts von einer Psychotherapie hält, empfiehlt ihre Freundin ihr den Besuch bei einer schwarzen Messe …

TUTTI I COLORI DEL BUIO beginnt fulminant: Während der Credits kann man den Sonnenuntergang über einem Naturidyll bewundern, das sich mit seiner Tierstimmenkakophonie schließlich als Horrorszenario entpuppt, danach stürzt Martino den Zuschauer in einen von Janes Albträumen, auf dessen Höhepunkt schließlich in den Autounfall überblendet wird, dem Jane den Verlust ihres Kindes zu verdanken hat. Und als wäre das noch nicht genug, schleppt sich die von diesem Traum gebeutelte Jane im Nachthemd unter die Dusche, wo sie einen Nervenzusammenbruch erleidet, während man selbst ihre sich durch den nassen Stoff abzeichnenden Brustwarzen bewundern darf. Die Weichen für einen meisterlichen Giallo sind gestellt und zumindest in der ersten Hälfte des Films kann Martino das Versprechen der ersten Minuten auch einlösen. Mehr und mehr wird Jane in den Wahnsinn getrieben und in Szenen wie jener, in der ihr Peiniger sich ihr in einem leeren U-Bahn-Abteil nähert und Lichtausfälle ihn immer wieder kurz aus ihrem Blick verschwinden lassen, sind kreuzspannend und rücken TUTTI I COLORI DEL BUIO gar in die Richtung von Mario Bavas beklemmendem Meisterwerk SHOCK. Leider jedoch kann Sergio Martino dieses hohe Niveau nicht halten. Die schwarze Messe, die eigentlich der erste Höhepunkt des Films sein müsste, büßt viel ihrer potenziellen Wirkung durch den unpassenden Score von Bruno Nicolai ein, dessen loungige Jazzklänge der unheimlichen Szene einen fast parodistischen Ton verleihen und den Eindruck der Marter, der sich Jane aus lauter Verzweiflung freiwillig unterzieht, immens abschwächen. Davon erholt sich der Film nicht mehr wirklich: Die innere Spannung, die ihn während der ersten Hälfte unermüdlich antrieb, ist dahin, die sich giallotypisch immer mehr verkomplizierende Handlung trägt ebenfalls zu kontinuierlichen Distanzierung des Zuschauers bei. Dass Gialli die aufgebauten Erwartungen mit ihrer Auflösung nur selten bestätigen können, ist keine neue Erkenntnis, doch das Finale von TUTTI I COLORI DEL BUIO kommt vor dem Hintergrund seiner zuvor offenbarten grellen Plotideen besonders angestaubt rüber.

Meine Kritik liest sich harscher, als ich den Film tatsächlich fand und vielleicht sollte ich ein abschließendes Urteil zumindest bis zu einer Zweitsichtung aufschieben. Aber im Moment überwiegt einfach noch die Enttäuschung darüber, dass Martino es nicht gelungen ist, den Schwung, den sein Film zu Beginn ohne Frage hat, bis zum Ende mitzunehmen.