Mit ‘Elem Klimov’ getaggte Beiträge

Weißrussland, 1943: Der junge Fliora (Aleksey Kravchenko) findet ein Gewehr und meldet sich freiwillig für die Partisanenarmee, die sich den Nazis entgegenstellt. Doch statt des von ihm erwarteten Abenteuers wird er nur mit Schmerz, Tod, Grauen, Verzeiflung und Trauer konfrontiert: Er verliert sein Gehör bei einem Bombenangriff, findet heraus, dass seine Familie und alle Einwohner seines Dorfes umgebracht wurden, überlebt nur ganz knapp eine der grausamen „Säuberungsaktionen“ der Nazis und ist am Ende weit über seine Jahre hinaus gealtert …

IDI I SMOTRI – kommt und seht: Hinter dieser harmlos klingenden Einladung des Filmemachers Elem Klimov verbirgt sich ein Film, nach dem nicht nur für den Protagonisten nichts mehr so ist wie vorher. Klimov konfrontiert seine Zuschauer mit den unbegreiflichen Schrecken des Naziterrors, ungeschönt durch eine appetitliche Dramaturgie, die den Schock abmildern oder das Unfassbare fassbar macht; ohne ihnen die Möglichkeit zu geben, das Erlebte ordentlich „abzuheften“, es wie in einen Setzkasten ein- und damit auch wegzusortieren, an einem dafür vorgesehenen Platz abzulegen, fein säuberlich abgegrenzt vom anderen. Klappe zu, Affe tot. Am Ende von IDI I SMOTRI stehen Wut, Schmerz, Trauer und Fassungslosigkeit über das zerstörerische Potenzial des Menschen, seine Mitleidlosigkeit und seinen grenzenlosen Sadismus. Worte sind danach hinfällig, leer, hilflos und, ja: dumm. IDI I SMOTRI zeigt das Ende der Vernunft, ihre rasende Kapitulation, den um sich selbst kreisenden Triumphzug des Wahnsinns. Man muss das eigentlich so stehenlassen, weil man das Gesehene unmöglich verrationalisieren kann. Man muss den Film schweigend ertragen und hoffen, dass man danach irgendwie weitermachen kann. Aber natürlich funktioniert das nicht: das darüber Schweigen. Während der 140 Minuten des Films passiert so viel mit und in einem, dass man sich mitteilen muss, um nicht unter der Last der Eindrücke zusammenzubrechen. Auch weil, und das ist das eigentlich Perfide an IDI I SMOTRI, Elem Klimovs Film oft einfach nur wunderschön ist. So schön, dass das Grauen, dass auf das Schöne folgt, umso unerträglicher ist.

IDI I SMOTRI beginnt märchenhaft. Von zwei etwas tumb wirkenden Soldaten wird Fliora abgeholt, er landet im Lager der Partisanenarmee im Wald, einem bunten Haufen unterschiedlichster Menschen, der an einen Wanderzirkus denken lässt. Die Ermahnungen des Anführers zu Aufmerksamkeit und Kaltschnäuzigkeit wirken streng und unverhältnismäßig, weil der Krieg doch unendlich weit weg scheint. Als Fliora zurückgelassen wird, weil er nur „der Neue“ ist, er die schöne Glasha (Olga Mironova) trifft, mit ihr einen Bombenangriff überlebt, der zwar erschreckend ist in seiner Urgewalt (so sehr, dass man auch vor dem Bildschrim noch mit voller Wucht getroffen wird), aber in der Abwesenheit eines Urhebers und seiner Ziellosigkeit eben auch seltsam unwirklich, und sich danach mit ihr durch die Wälder schlägt, zurückkehrt in einen Zustand kindlicher Unschuld und Sorglosigkeit, da meint man noch, es könne hier möglicherweise so etwas wie Trost geben, eine Chance, das Kriegsgrauen durch die Augen eines Kindes romantisieren zu können. Doch dann reißt Klimov sukzessive jeden schützenden Schleier weg, lässt einen geradewegs in die Fratze des Unfassbaren starren. Und was man da sieht, wird man wahrscheinlich nie wieder vergessen können. Es beginnt mit einem flüchtigen Blick auf einen in einem toten Winkel verborgenen Leichenberg, der aus einer fürchterlichen Ahnung innerhalb von Sekundenbruchteilen Gewissheit werden lässt: Es wird hier keine Chance auf Schonung geben. Der Wahnsinn ist schon längst da. Nach einer weiteren Episode, in der Klimov die Allgegenwart eines mitleidlosen Todes ins Surreale verzeichnet, bricht dann buchstäblich die Hölle los. Eine gut 30-minütige Sequenz zeigt die Hinrichtung einer ganzen Dorfgemeinschaft durch die Nazis, stellt den Sadismus der Soldaten der nackten Angst ihrer Opfer entgegen, lässt den auf dem Zuschauer lastenden Druck mittels einer dröhnenden Tonspur ins schier Unermessliche steigen. Es gibt kein Entkommen vor den Bildern: vor denen des Films genauso wenig, wie vor denen, die diese im Kopf des Betrachters auslösen. Hier versagt dann auch endgültig die Sprache. Es ist das Gesicht Flioras, eines Jungen, dessen ganze Unschuld unwiderruflich zerstört wurde, der Dinge mitansehen musste, die kein Mensch mitansehen sollen müsste und die tiefe Furchen in sein vor kurzem noch kindliches Gesicht gegraben haben, das dem Zuschauer dabei hilft, das Gesehene irgendwie einzuordnen. Den Wunsch, das Gesehene wie das Geschehene ungesehen, ungeschehen zu machen, teilt man mit ihm. Aber das geht nicht.

IDI I SMOTRI ist eine Grenzerfahrung. Meine liebe Frau konnte sich den Bildern irgendwann nicht länger aussetzen, zog sich völlig aufgelöst zurück. Eine adäquate, gesunde Reaktion. Ich harrte aus, zur Salzsäule erstarrt. Als am Ende dann auch bir mir die Tränen flossen, war das auch ein Reflex zur Selbstreinigung. Irgendwie muss man reagieren, wenn man nicht für immer schweigen will. Dabei ist IDI I SMOTRI, das möchte ich hier betonen, kein Film, der sich in Explizität suhlt, der seinen aufklärerischen Impetus als Alibi nähme, um seinem Publikum ins Gesicht zu kotzen. Er bleibt auf Distanz, lässt den Opfern ihre Würde und nimmt den Betrachter in die Verantworung. Alle diese wohlfeilen Filme über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust, sie wirken lächerlich nach IDI I SMOTRI: verzweifelte Versuche, etwas zu dramatisieren, was sich doch, wie ich oben sagte, jedem Streben nach Struktur widersetzt, den Glauben an Ordnung und Vernunft aushöhlt, wenn nicht gar völlig zerstört. Unter Klimovs Regie gerinnt alles das, was sich nicht sagen lässt, in Bildern, die keine Fragen mehr übrig lassen, greifbar machen, was sich dem Zugriff durch den Verstand entzieht. Und IDI I SMOTRI macht wütend. Wütend darüber, wie der Mensch als „Krone der Schöpfung“ sein ihm mitgegebenes Potenzial so mit Füßen treten, sich so über den Nächsten hinwegsetzen, ihn buchstäblich zum Schlachtvieh degradieren kann. Er lässt einen verzweifeln über die Welt, die so gut sein könnte, aber doch nur grotesk unvollkommen ist. (In der Gegenüberstellung der gleichgültigen Schönheit der Natur mit dem menschgemachten Schrecken erinnert er etwas an Malicks THE THIN RED LINE.) Und ich habe mich geschämt als Deutscher, der nur drei bis vier Generationen entfernt ist von diesen Mördern – und immer wieder konfrontiert wird mit Menschen, die meinen, es sei doch jetzt endlich mal gut. IDI I SMOTRI ist das Heilmittel. Kommt und seht – und vergesst nie wieder.

PS Eigentlich hatte ich etwas Jugoslawisches angekündigt, aber nach dem letzten Satz meines Textes zu DIKAYA OKHOTA KOROLYA STAKHA gab es wirklich keinen vernünftigen Grund, nicht diesen Film zu sehen.