Mit ‘Eli Roth’ getaggte Beiträge

Über Eli Roths Remake des Michael-Winner-Klassikers, der Charles Bronson zu seinem großen Durchbruch in den USA verhalf, wurde schon gelästert, bevor es überhaupt jemand zu Gesicht bekommen hatte. Vor allem an der Besetzung der Hauptrolle mit Bruce Willis wurde Anstoß genommen. Ich habe das nicht verstanden: Man kann sicherlich darüber streiten, ob dieser Besetzungscoup besonders originell war und ist, aber Vorwürfe der Fehlbesetzung lassen doch eher auf das mangelnde Abstraktionsvermögen derer schließen, die sie äußerten. Ist es nicht die Aufgabe eines Schauspielers, auch und gerade solche Charaktere mit Leben zu füllen, die man nicht zwingend mit ihnen assoziiert? War nicht schon Bronson als liberaler Architekt Paul Kersey von Winner deutlich gegen den Strich und wenn man so will fehlbesetzt? Wer mit Willis bis ans Ende aller Zeit den John McClain verbindet und diesen von vornherein nicht in der Rolle eines weniger zupackenden Charakters akzeptieren kann, hat meiner Meinung nach eher selbst ein Problem. Worüber man streiten kann und muss, ist natürlich die Frage, ob Willis den Anforderungen gerecht wird und ob es diesen Film gebraucht hat: Was hat uns das Remake über unsere Zeit zu sagen, was fügt er dem Original hinzu, was lässt er weg und warum tut er das?

Das Drehbuch von Joe Carnahan verlegt den Schauplatz zunächst vom mittlerweile gentrifizierten New York, das längst nicht mehr den Ruf des menschenverachtenden Molochs genießt, der der Stadt bis in die Achtzigerjahre anhaftete, nach Chicago, das in den letzten Jahren mit explodierenden Verbrechensstatistiken von sich Reden machte (einmal läuft Chief Keefs „Sosa“ auf dem Soundtrack, der aus der berüchtigten Chicagoer South Side kommt), und aus dem liberalen Architekten wird der liberale Chirurg, der im Operationssaal tagtäglich mit angeschossenen Polizisten und Verbrechern konfrontiert wird. Die Kriminellen, die seine Frau und Tochter überfallen, sind keine jugendlichen Hooligans, sondern „gewöhnliche“ Räuber, eine Vergewaltigung gibt es nicht, die beiden Frauen werden umgebracht und verwundet, weil sie sich zur Wehr setzen. Der wichtigste Unterschied scheint mir aber ein anderer: In Winners Original zeigte sich die Ziellosigkeit von Kerseys Rachefeldzug vor allem darin, dass er bei seinen nächtlichen Streifzügen zwar allerhand Kroppzeuch entsorgte, aber dabei nie auf die eigentlichen Täter traf. In Eli Roths Version des Stoffes ist das anders, denn hier gelingt es Kersey durchaus, die Schurken, die sich an seiner Familie vergriffen, zu stellen und zu töten. Man könnte auch sagen: Er hat Erfolg, während die Polizei versagt. Das ist doch ein erheblicher Eingriff in die Grundaussage des Originals. Eine weitere Änderung betrifft Kerseys „Werdegang“ selbst: Charles Bronsons Vigilant zog zunächst mit einem selbstgebastelten Totschläger los, Willis‘ Kersey greift sofort zur Schusswaffe. Und während Bronsons Kersey sich nach seinem ersten Streifzug noch vor Aufregung übergeben musste, legt Kersey in Roths Version von Beginn an eine ziemliche Kaltschnäuzigkeit an den Tag, die seine Unerfahrenheit – er verletzt sich beim Abfeuern seiner Waffe selbst am Daumen – ausgleicht. Seine Entscheidung, als Rächer loszuziehen, beruht auf einem Erlebnis mit seinem Schwiegervater nach der Beerdigung seiner Ehefrau irgendwo im mittleren Westen: Auf der Fahrt nach Hause hält der alte Mann plötzlich an, steigt aus dem Wagen und blickt von der Straße aus hinab auf ein Feld, auf dem er zwei Wilddiebe ausgemacht hat. Ganz selbstverständlich eröffnet er mit seinem Schießprügel das Feuer auf die Täter und erklärt dem verdutzten Schwiegersohn, dass sich die Menschen heutzutage zu sehr auf die Polizei verließen: Man müsse selbst für seine Sicherheit sorgen. Das ist so oder so eine streitbare These, angewendet auf das Schicksal der Kersey-Frauen aber doppelter Unfug: Erstens ist es ja nicht unbedingt die erste Aufgabe der Polizei, Verbrechen präventiv zu verhindern (beziehungsweise wäre das ziemlich viel verlangt), zweitens hilft einem diese Empfehlung ja nicht in dem Fall, in dem man plötzlich von mehreren Gewalttätern überrumpelt wird. Kersey selbst hatte gar keine Chance, irgendwas zu tun: Er war gar nicht zu Hause, als sich die Kriminellen Eingang in sein Haus verschafften. Und als Rechtfertigung für Kerseys folgenden Feldzug funktioniert diese Philosophie auch nicht: Von den Tätern geht ja nun keine Gefahr mehr für ihn aus, vielmehr begibt er sich erst in dieselbe, als er sich auf die Suche nach ihnen macht.

Man merkt DEATH WISH an, dass Roth und Carnahan nicht allzu viele Gedanken an Details verschwendeten: Ihr Remake ist in erster Linie eine Sammlung markiger Klischees, die im Rachefilm und von Law-and-Order-Apologeten immer wieder rauf- und runtergebetet werden. Da gibt es die öffentlichen Reaktionen auf das Treiben des „Grim Reaper“ getauften Vigilanten, die in Form von Diskussionsbeiträgen aus Radiosendungen eingespielt werden und die die Kluft zwischen Befürwortung, dass da endlich mal jemand was tut, bis hin zu Ablehnung von Selbstjustiz reichen. Natürlich darf ein satirischer Blick auf den US-amerikanischen Waffenfetischismus nicht fehlen, wenn Kersey sich von einer attraktiven, dickbrüstigen Blondine halbautomatische Ballermänner vorführen lässt wie andere Leute Sportschuhe. Dann sind da die Verbrecher selbst, volltätowierte, zottelbärtige Typen mit dumpfem Blick oder sadistischem Grinsen, oder natürlich die Kriminalbeamten, die sich zwar alle Mühe geben, aber letztlich nicht mehr sind als freundliche Grüßonkels. Wie zu erwarten war, wird die Gewalt nicht mehr so furztrocken inszeniert wie anno 1974, bei Roth splattert es deutlich blutiger, was auch Ausdruck eines mehr im Vordergrund stehenden Humors ist. Winners Film funktionierte als Aufreger ja auch deshalb so gut, weil man die Position des Regisseurs nicht auf Anhieb festmachen konnte, der Mann aber Spaß daran hatte, zu provozieren. Roth und Carnahan legen ihr Remake aber sehr offensichtlich als ausgewogenen Diskussionsbeitrag an, der sich selbst nicht so richtig äußern mag, aber gleichzeitig aber auch niemanden verprellen möchte und fein säuberlich für jedes Pro ein Kontra findet. Das ist aber eine letztlich sehr sinnlose und unfruchtbare Position, weil zu diesem Thema wirklich alles gesagt ist – und es eigentlich keinen Bedarf mehr gibt, es neu zu verhandeln. Ganz ohne – zugegebenermaßen rein vordergründigen – Reiz ist DEATH WISH in dieser Version aber trotzdem nicht. Er Film ist schwungvoll und mit einigen amüsanten Spitzen versehen, er läuft gut rein, würde ich sagen – aber eben auch schnell wieder raus. Und Willis? Ist passabel als Kersey. Wäre er vor 30 Jahren auch bloß „passabel“ gewesen, würde ihn heute keiner mehr kennen. Und schon gar nicht im Remake eines Klassikers besetzen.

 

knock knock (eli roth, usa 2015)

Veröffentlicht: Mai 6, 2016 in Film
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061156Bisher waren Eli Roths Filme stets grelle Splattersatiren, die man sich als Zuschauer – bei allem erkennbaren Realitätsbezug – gut vom Leib halten konnte. Sicher, ihre Gewalt schnitt oft schmerzhaft ins eigene Fleisch, aber von Bedrohungen von HOSTEL, HOSTEL 2 oder auch THE GREEN INFERNO konnte man sich ja schon allein dadurch distanzieren, dass man brav zu Hause blieb, anstatt den ehemaligen Ostblock oder den peruanischen Urwald zu bereisen. Mit KNOCK KNOCK – dem Remake eines weitgehend unbekannten Siebzigerjahrethrillers – ist das nun anders: Nicht nur, dass das Böse hier, wie der Titel schon sagt, an die eigene Tür klopft, es trägt auch nicht mehr die Maske des perversen Machtmörders oder des klitorisbeschneidenden Wilden, sondern bittet in Gestalt zweier anscheinend harm- und hilfloser Mädchen mit devotem Augenaufschlag um Einlass ins traute Heim eines braven Familienvaters.

Bei diesem handelt es sich um den Architekten Evan (Keanu Reeves), dessen Gattin mit den beiden Kindern übers Wochenende verreist ist, um ihm Gelegenheit zum ungestörten Arbeiten zu geben. Diese Arbeit wird bald durch das titelgebende Klopfen gestört: Zwei junge, attraktive Mädchen – Genesis (Lorenza Izzo) und Bell (Ana de Armas) – stehen vom Regen durchnässt vor der Tür, können die Party, zu der sie eigentlich eingeladen sind, nicht finden, und bitten darum, füe ein Telefonat hereingelassen zu werden. Wer wäre Evan, wenn er ihnen die Hilfe nach anfänglichem Zögern verweigerte? Doch die Machtverhältnisse kippen schnell: Fühlt er sich zunächst noch sehr wohl und sicher in der Rolle des charmanten Gönners mit Traumfamilie, Karriere und Luxushaus, gerät er in die hilflose Defensive, als die beiden hübschen Mädchen anfangen ihm eindeutige Komplimente zu machen, ihn spielerisch zu berühren, ausgesprochen offenherzig über ihre sexuellen Vorlieben zu reden und ihm dann schließlich ein einmaliges Abenteuer zu versprechen. Der zuvor so coole Evan wird zum Nervenbündel, das den Sitzplatz im Minutentakt wechselt und die Rettung durch das gerufene Taxi zitternd herbeisehnt. Aber es kommt alles anders: Am Ende seiner Widerstandskräfte angelangt, landet er mit den beiden im Bett und tobt sich so richtig aus. Der Kater am nächsten Morgen wird nicht besser, als die beiden immer noch da sind. Und nicht nur zeigen sie keinerlei Bereitschaft, ihn wieder allein zu lassen, sie haben noch ganz andere Pläne mit ihm …

KNOCK KNOCK ist auch deshalb so perfide, weil man sich (als Ehemann zudem) unweigerlich fragt, wie man die Situation selbst besser gehandhabt hätte. Dessen Dilemma ist unmittelbar nachvollziehbar: Sein Wille, treu zu bleiben, der Versuchung nicht nachzugeben, ist da, aber er hat keine Chance gegen die Manipulationen der beiden Verführerinnen, die es schließlich genau darauf angelegt haben, ihn in die Falle zu locken. Die lange Sequenz, in der die beiden den freundliche-distanzierten Mann gnadenlos und noch spielerisch becircen, ist auch deshalb so enervierend, weil Reeves‘ Spiel das Rattern der mentalen Zahnräder und das Feuerwerk der Hormone hinter der nicht mehr ganz so coolen Fassade gnadenlos sichtbar macht. Bislang musste Roth seine Protagonisten mit dem absolut inhumanen Grauen konfrontieren, um sie an ihre Grenzen zu führen, hier reichen ein paar vielsagende Blicke und verbale Suggestionen, um alle Prinzipien bröckeln zu lassen. Und die Folgen sind dann nicht weniger verheerend.

Evans Ausbruch kurz vor dem Finale, als er in Panik voller Selbstmitleid seine Unschuld beteuert, zu seiner Verteidigung anführt, seinen weiblichen Peiniger doch nur dahin gefolgt zu sein, wo sie ihn haben wollten, macht seine ganze Jämmerlichkeit sichtbar. Er hatte immer die Wahl: Was ihm fehlte war der Einblick in und der Glaube an die möglichen Konsequenzen. Als er allein aufwacht, sieht man ihm an, dass er die Möglichkeit ins Auge fasst, das Abenteuer der letzte Nacht könne nur ein Traum gewesen sein, bis er schließlich die eindeutigen Spuren findet. Die Stimmen der Mädchen zerstören dann die Männerfantasie vom reuelosen Dreier mit den geilen Schlampen, plötzlich kommen da andere Motivationen und Pläne ins Spiel, für die man eigentlich keinen Platz hat. Was für ein Ärgernis, dass beim Sex andere Menschen involviert sind …

 

green-inferno-600x450Ich weiß nicht genau, warum Eli Roth so viel Spott und Boshaftigkeit auf sich zieht. Mag sein, dass dieses Nichtwissen mein Fehler ist: Ich verfolge nicht, wie sich Regisseure irgendwo zu irgendwas äußern, Gossip interessiert mich eher nicht, ich habe keine Ahnung, ob Roth mal irgendwas furchtbar Dummes gesagt hat, aber es ist mir auch egal. Wichtig ist für mich auffem Platz respektive auf der Leinwand, und da hat Eli Roth meines Erachtens immer respektable Arbeit abgeliefert, die einen Filmemacher erkennen lässt, der mir weitaus intelligenter scheint, als es seine Kritiker ihm zu Gute halten. CABIN FEVER war noch ein etwas wackliger Einstand (ich müsste den aber mal wieder sehen), HOSTEL und HOSTEL 2 halte ich für massiv unterschätzt sowie ausgesprochen clever konstruiert und betrachte sie als herausragende Beispiele für provokantes Horrorkino abseits öder Plattitüden. Letztgenannter ist für mich gar bis heute eine der besten Kapitalismus-Satiren, die das amerikanische Genrekino hervorgebracht hat. Aber man hat halt beschlossen, dass Roth ein Dummproll ist, da passt das natürlich nicht ins Bild.

THE GREEN INFERNO ist, soweit ich das mitbekommen habe, ähnlich zwiespältig aufgenommen worden wie seine anderen Filme. Die einen waren der Meinung, es hier mit einer gelungenen, vor allem ziemlich garstigen Hommage an den italienischen Kannibalenfilm zu tun zu haben, andere fanden, dass Roth nur einen weiteren Vertreter des vordergründig ekligen, eigentlich aber so gar nicht verstörenden, im Gegenteil sogar sehr „sicheren“ neuen Splatterfilms gedreht hat, wer hinter die blutige Fassade schaute, erkannte zwar die politischen Dimension des Films, stellte dann aber doch oft nur fest, dass Roth ein konservativer Spießer sei, der sich in bester Pegida-Manier über „Gutmenschen“ lustig mache. Ich glaube, dass man dem Mann mit dieser Einschätzung Unrecht tut – auch wenn die Begeisterung, mit der der berüchtigte konservative Filmkritiker Armond White THE GREEN INFERNO als „the big screen’s niftiest political allegory in a long time“ ausrief, die endlich einmal „that silly, useless Occupy movement“ aufs Korn nahm, es zugegebenermaßen schwer macht, diese Ansicht zu verargumentieren (der Zuspruch von unsympathischen Herrenmenschen in den Kommentaren macht es nicht besser). Vielleicht ist diese SOUTH PARK-Folge, die fast wie die Vorlage für Roths Film wirkt, am besten dazu geeignet, die kritische Stoßrichtung des Films aufzudecken und ihn so vom Verdacht des rechten Zynismus zu befreien (danke an Thomas Groh für den Hinweis).

Ausgangspunkt für das kannibalische Inferno, das der Titel verheißt, ist eine Guerilla-Aktion diverser New Yorker Studenten: Im peruanischen Urwald wollen sie Bautrupps am Abholzen des Regenwalds hindern, der der natürliche Lebensraum eines indigenen Stammes ist. Die Aktion glückt trotz Komplikationen, doch das Flugzeug, das die Studenten in die Zivilisation zurückbringen soll, stürzt mitten im Jagdgebiet der „Schutzbedürftigen“ ab, die sich als überhaupt nicht dankbar erweisen, die Helfer gar als den Eindringlingen zugehörig betrachten und sogleich damit beginnen, schmerzhaft kurzen Prozess mit den panischen jungen Leuten zu machen, deren Weltbild damit heftig ins Wanken gerät …

„Don’t think: Act!“ fordert Alejandro (Ariel Levy) die zunächst skeptische Protagonistin Justine (Lorenza Izzo) auf und bringt das Problem seiner Figuren damit auf den Punkt. An Goodwill und Idealismus mangelt es ihnen nicht, wohl aber an Bildung und Reflexion. Ihre eigene Weltsicht wird selbstredend nicht hinterfragt, der Regenwald muss gerettet werden, die Männer mit den Planierraupen sind die Bösen, die armen Eingeborenen hingegen die schutzbedürftigen Guten, die sich nicht selbst helfen können und Unterstützung von den Privilegierten brauchen. Motivation, etwas zu tun, ist aber nicht so sehr echte, auf Einsicht in die Gegebenheiten beruhende Überzeugung, sondern schlechtes Gewissen, ein diffuses Gefühl, irgendwas machen zu müssen, anstatt nur hinter Büchern zu hocken, und nicht zuletzt die Tatsache, dass dieser Alejandro so verdammt hot ist. Doch es kommt alles anders: Alejandro entpuppt sich als mieser Zyniker, die Sabotageaktion als keineswegs ökologisch motiviert, die „edlen Wilden“ als blutrünstige Kannibalen ohne jedes Mitleid oder einen Funken Menschlichkeit. Am Ende sind es ausgerechnet die bösen, von der Industrie finanzierten Milizen, die die Rettung für die letzte Überlebende bedeuten – und ein Massaker an den Menschenfressern verüben. Bis hierhin kann man Whites Lesart durchaus folgen: THE GREEN INFERNO nimmt den blinden Aktionismus braver Mittelklassen-Kids, für die die Welt ganz klar in Gut und Böse geteilt ist, aufs Korn, lehrt sie mit geradezu sadistischer Freude eine äußerst bittere Lektion, entblättert sie jeder menschlichen Würde und macht sie zur Zielscheibe bitterböser Scherze.

Da werden sie in bester Slapstickmanier immer wieder genau in dem Moment von Betäubungspfeilen getroffen, wenn sie fliehen wollen, vor den Augen ihrer Freunde von explosionsartigen Durchfallattacken heimgesucht oder mit der Tatsache konfrontiert, dass die Tattoos der Freundin als schöne Hautflicken nun die Eingeborenen zieren. Das ihnen vorgesetzte Gekröse passt nicht zum veganen Essplan, und das in einem Kadaver verborgene hochpotente Gras macht die Peiniger zwar breit genug, um einen Fluchtversuch zu wagen, verschafft ihnen aber auch den Fresskick, der sie dann vom noch lebenden Exemplar kraftvoll abbeißen lässt. Alejandro, dieses Arschloch, sucht Druckentlastung, indem er sich inmitten dieses Wahnsinns einen runterholt (das erinnerte mich etwas an McConaugheys Charakter in THE WOLF OF WALL STREET), derweil die obligatorische Jungfrau einer Klitorisbeschneidung entgegensieht. Interessanterweise entgleitet Roth der Film, der mit blutigen Effekten nicht geizt und trotz aller Komik glaubwürdig die Ausweglosigkeit der Situation und das Entsetzen der Studenten transportiert, zu keiner Sekunde. Und am Ende, wenn Justine sich, gegen alle Wahrscheinlichkeit sicher zu Hause angekommen, weigert, die eh toten Kannibalen zu „verraten“, stattdessen von ihrer Friedlichkeit berichtet, fühlte ich mich gar an Aldrichs großartigen ULZANA’S RAID erinnert, der die Grausamkeit der Native Americans nicht verleugnet und trotzdem dem Humanismus verpflichtet bleibt. Hier bietet sich meiner Meinung nach der Ansatzpunkt, THE GREEN INFERNO vor der Vereinnahmung durch konservative, rechte Kräfte zu „retten“.

Aber auch wenn man das nicht so sehen will: Bei mir hat Roths Film auch als reines Affektkinos ausgezeichnete Arbeit geleistet und Lust gemacht, mir mal wieder seine alten Filme oder auch KNOCK KNOCK anzuschauen.