Mit ‘Elisabeth Flickenschildt’ getaggte Beiträge

die_spanische_fliegeDer von mir mit am meisten Vorfreude erwartete Film entpuppte sich als vergessene Meisterleistung der deutschen Sittenkomödie, als intelligente, geschickt inszenierte, urkomische, aber gleichzeitig bitterböse Abrechnung mit deutschem Spießertum, Scheinheiligkeit und – auf subtextueller Ebene – mit der verdrängten Schuld der Nazizeit.

DIE SPANISCHE FLIEGE beginnt mit einem Prolog in den Dreißigerjahren. Der Daxburger Amüsierbetrieb, in dem zum Frohlocken der Herren eine Sängerin (Gretl Schörg) auftritt, deren Künstlernamen der Film seinen Titel verdankt, wird wegen Verstoß gegen die guten Sitten geschlossen, die Künstlerin mileidlos abgeschoben. Wenig später werden der Fabrikleiter Klinke (Joe Stöckel), der Kaufhausbesitzer Sommer (Rudolf Platte) sowie zwei weitere Herren vom Anwalt Ambrosius (Paul Henckels) vorgeladen. Alle waren sie Verehrer der in Ungnade gefallenen Tänzerin, alle werden sie nun von ihr zur Zahlung von Alimenten für einen von ihnen gezeugten Sohn aufgefordert, alle kommen der Forderung nach, weil sie einen Skandal verhindern wollen. 20 Jahre später droht das wohl gehütete Geheimnis aber doch ans Licht zu kommen und die Männer kämpfen händeringend darum, dem neuen Anwalt Gerlach (Hans Richter) die alten Akten abzunehmen, die als einziger Beweis übrig sind. Der weiß sich dieses Interesse zunutzen zu machen, will er doch Klinkes Tochter heiraten. Und er weiß auch als einziger, dass die vier Männer jahrelang für einen Sohn gezahlt haben, den es gar nicht gibt …

DIE SPANISCHE FLIEGE ermöglicht zum einen den ungeschönten Blick auf deutsche Nachkriegsverlogenheit, auf fette alte Patriarchen, die jeder gerechten Strafe entkommen, aber kein Stück klüger oder auch nur leiser geworden sind und in dem festen Glauben leben, für sie gelten Sonderrechte, auf ihre schweigenden Familien und eine insgesamt im Zustand der Verleugnung lebende Gesellschaft. Erträglich gemacht wird das durch den Blick Boeses, der die ganze Baggage gnadenlos bloßstellt und kaum einen Zweifel daran lässt, welche Position er zu dem Geschehen einnimmt. Auch das Happy End ändert daran nichts, im Gegenteil, es wirkt nur umso schärfer und bitterer, dass alle mit heiler Haut davonkommen, so wie es ihnen nach dem Krieg ja auch im echten Leben ergangen war. Vordergründig geht es natürlich bloß um einen einstigen Seitensprung sowie die vermeintliche Vaterschaft, die um jeden Preis vertuscht werden soll, aber die Abschiebung der Künstlerin, die ständigen Gespräche über längst vergangene Taten, die man unter den Teppich zu kehren wünscht, die Geschichte um nach Amerika gezahlte Alimente, die als Spende nach Daxburg zurückfließen, ohne dass dafür Steuern gezahlt werden, lassen durchaus Deutungsspielraum.

Von solchen Aspekte abgesehen begeistert DIE SPANISCHE FLIEGE aber auch einfach als vielseitige, wendungsreiche und rasante Komödie, in der Joe Stöckel und Rudolf Platte echte Meisterleistungen abliefern und die Zwerchfelle im Minutentakt traktieren. Der Film steckt voller kleiner Details und Brüche, schöner Beobachtungen, interessanter Figuren (Elisabeth Flickenschildt als herrische Gattin!), andeutungsreicher Dialoge, Wortwitz und Slapstick, hält sein hohes Tempo und Niveau bis zum Ende durch und bleibt dabei immer überraschend. Es brodelt einfach ganz gewaltig unter der Oberfläche des Filmes und ich würde ihn am liebsten schnellstmöglich noch einmal sehen. Eine Veröffentlichung, etwa von Filmjuwelen, die dafür prädestiniert wären, wäre absolut wünschenswert. Solche Meisterwerke wie DIE SPANISCHE FLIEGE dürfen nicht verschwinden.

Als der alte Lord Lebanon auf seinem Schloss „Marks Priory“ erdrosselt wird, werden seine Verwandten (darunter Elisabeth Flickenschildt, Hans Clarin, Klaus Kinski, Siegfried Schürenberg, Corny Collins, Hans Nielsen und Gisela Uhlen) vom Anwalt Frank Tanner (Heinz Drache) zur Testamentsverlesung eingeladen. Der Verstorbene verfügt, dass sein Vermögen auf die Familienmitglieder verteilt wird, allerdings erst nach Ablauf von sechs Tagen und Nächten, die die Kandidaten im Schloss zu verbringen haben. Zeit genug für den unbekannten Killer, die potenziellen Erben zu dezimieren. Und tatsächlich gibt es schon in der ersten Nacht den ersten Toten zu verzeichnen. Die Abreise ist ausgeschlossen, denn ein Sturm hat das Schloss vom Rest der Welt abgeschnitten …

Alfred Vohrers DAS INDISCHE TUCH weicht ein Stück vom bisher etablierten Schema der Wallace-Filme ab und begibt sich auf das Terrain der Murder Mystery, das nicht zuletzt von Agatha Christie so fleißig beackert worden war, an deren Roman „Ten Little Indians“ diese Geschichte massiv erinnert: In beiden wird eine Schar dubioser Gestalten in einem Haus festgehalten und dann nach und nach von einem Unbekannten dezimiert. Es drängt sich aber noch eine weitere Referenz zwingend auf: Ein Jahr zuvor hatte die sechsteilige Fernsehserie DAS HALSTUCH nach dem britischen Krimiautoren Francis Durbridge in Deutschland für die Rekordeinschaltquote von 89 Prozent gesorgt. Die buchstäblich leergefegten Straßen während der Ausstrahlung bescherten der deutschen Sprache den Begriff „Straßenfeger“, der heute allenfalls als Erinnerung an längst vergangene Fernsehzeiten fungiert. Neben der Mordwaffe teilt Vohrers DAS INDISCHE TUCH außerdem den Hauptdarsteller mit dem Sensationserfolg: Heinz Drache übernimmt auch in dem Edgar-Wallace-Film die Aufgabe, den Mörder zu enttarnen. Wenn man ehrlich ist, erledigt er diese Aufgabe ausgesprochen schlecht: Die Murder Mystery löst sich mehr oder weniger von selbst, weil irgendwann alle tot sind und der Mörder sich selbst offenbaren muss. Das Mitraten, zu dem der Film einlädt, ist dann nicht mehr als ein ebensolches: Es macht keinen Sinn, nach irgendwelchen Motivationen und Motiven zu forschen, oder gar Indizien gegeneinander abzuwägen. Die Opfer fallen wie die Fliegen, sodass man kaum hinterher kommt und der Täter ist dann garantiert der, mit dem man am wenigsten gerechnet hat – zumindest annähernd. Aber eigentlich macht das gar nix: DAS INDISCHE TUCH bietet bestes Entertainment voller kauziger Gestalten und abstruser Einfälle, die nur dazu da sind, den Zuschauer auf die falsche Fährte zu locken.

Kinski gibt zum ersten Mal einen jener Psychopathen, die bald seine Filmografie beherrschen sollten: Als Peter Ross, unehelicher Sohn des Lords, ständigen Demütigungen und Anfeindungen ausgesetzt, lässt er mehr als einmal seine Oberlippe zucken, darf er als vermeintlich Drogensüchtiger mit glasigen Augen ins Nichts starren oder auch mal divenhaft aus dem Raum stürzen. Eine Schau. Hans Nielsen, sonst abonniert auf die gemütlichen Onkeltypen (und deswegen in DIE TÜR MIT DEN SIEBEN SCHLÖSSERN als Schurke nicht ganz überzeugend), gibt den großkotzigen angeheirateten amerikanischen Aktienspekulanten Mr. Tilling (ohne Schnurrbart), der seinen britischen Verwandten deutlich zu verstehen gibt, was er von ihnen hält: Nichts. Sentimentalitäten sind seine Sache nicht und so verhält er sich wie die Axt im Walde. Seine Gattin Mrs. Tillin (Gisela Uhlen) ist von ihm so angenervt, dass sie ihm sein Alibi zunichte und ihn zum ersten Hauptverdächtigen macht. Ihr auf diesen Vertrauensbruch folgender Streit hat so episches Potenzial, dass man sich fast einen Film über die beiden allein wünscht. Nicht weniger zauberhaft ist Hans Clarin als verweichlichter Lord Edward, musisch begabter Sohn des toten Lords, der für seine erstes Klavierkonzert übt, von den lieblichen Klängen selbst ganz entrückt ist und ständig von der überprotektiven Mama umgarnt wird. Siegfried Schürenberg muss als Sir Henry Hockbridge auf eine Amazonas-Expediton verzichten und hat als Trost eine Vogelspinne mitgebracht, die gleich mehrfach zum Einsatz kommt. Elisabeth Flickenschildt ist in ihrem dritten Auftritt innerhalb der Reihe ganz Grand Dame, undurchschaubar und eiskalt. Ebenfalls zum dritten Mal dabei ist der hünenhafte Ady Berber, wieder einmal in einer Rolle als zurückgebliebener Schwachkopf, dessen Antlitz vom Bildhauer Peter Ross als Büste modelliert wird und dem Film so auch dann noch erhalten bleibt, als sein Charakter Chiko längst tot ist. Daneben können Heinz Drache, Eddi Arent und Corny Collins, die etwas gesichtslos bleibende Schöne des Films, nur verblassen.

Aber das zeigt ja nur, wie wenig Vohrer an seinem eigentlichen Plot interessiert ist: Hier geht es darum, dem Zuschauer möglichst viel Unterhaltung zu bieten, und dieses Vorhaben gelingt meisterlich. Das Sahnehäubchen ist die völlig idotische Schlusspointe, bis zu diesem Zeitpunkt der größte selbstreflexive Moment der gesamten Reihe und so kackdreist, dass es schon wieder toll ist: Heinz Drache verliest zum Schluss vor den verbliebenen zwei Anwesenden das Testament, in dem der verstorbene Lord sein gesamtes Vermögen niemand Geringerem als Edgar Wallace vermacht. Die Köpfe hinter der Reihe konnten sich zu diesem Zeitpunkt der Reihe wohl (noch) fast alles erlauben und machten von dieser Narrenfreiheit reichlich Gebrauch. Man darf diese Verweigerung einer richtigen Auflösung schon recht unverschämt finden, zumal sie mit äußerstem Selbstbewusstsein und der Gewissheit vorgetragen wird, in den 80 vorangegangenen Minuten ganz große Unterhaltung abgeliefert zu haben. Bescheidenheit geht anders, trotzdem wirkt die Geste aus heutiger Sicht so herrlich naiv und unschuldig, aber auch auf so eine zirkusdirektorenhafte Art und Weise unterwürfig und höflich. Hir wird man hier als Zuschauer mit Unterhaltungsanspruch noch wahrgenommen und entsprechend adressiert. Und plötzlich macht auch die Anwesenheit Draches, ein Star zwar, aber so nahbar, unverstellt und vertrauenserweckend wie der Apotheker nebenan, wieder Sinn.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (13. Wallace-Film), Klaus Kinski (8.), Siegfried Schürenberg (4.), Heinz Drache, Elisabeth Flickenschildt, Ady Berber (3.), Gisela Uhlen, Hans Nielsen, Richard Häussler, Alexander Engel, Eva Ebner (2.), Hans Clarin, Rainer Brandt, Eberhard Junkersdorf, Wilhelm Vorwerg (1.). Regie: Alfred Vohrer (5.), Drehbuch: Harald G. Petersson (4.), Georg Hurdalek, Musik: Peter Thomas (6.), Kamera: Karl Löb (6.), Schnitt: Hermann Haller (3.), Produktion: Horst Wendlandt (11.), Preben Philipsen (8.). 
Schauplatz: Gedreht wurde ausschließlich im Studio in Berlin-Spandau.
Titel: Bezieht sich auf das Mordwerkzeug.
Protagonisten: Anwalt Frank Tanner, der die Ermittlungen im Schloss übernimmt.
Schurke: Der Film bietet mehrere Unsympathen auf. Die Mörder sind der zurückgebliebene Chiko, der Sohn des toten Lords und als Drahtzieherin seine Mutter.
Gewalt: Mehrere Strangulationen, ein Selbstmord durch Erhängen, ein Fenstersturz.
Selbstreflexion: Der Film beginnt mit dem Voice-over „Hello, hier spricht Edgar Wallace!“, Alfred Vohrer absolviert einen Cameo-Auftritt (er leiht mehrere Figuren seine Stimme), ein Charakter hört auf den Namen „Inspektor Fuchsberger“, am Ende, wenn das Testament verlesen wird, verkündet Heinz Drache als Tanner, dass das gesamte Vermögen an „den größten Mann des Jahrhunderts“ geht. Er wendet sich direkt ans Publikum und sagt dann: „Edgar Wallace!“

London wird von einem Killer unsicher gemacht: Da er als Taucher unterwegs ist und seine Opfer bevorzugt mit der Harpune erlegt, gibt man ihm den Spitznamen „Hai“. Die Ermittlungen führen Inspektor Wade (Joachim Fuchsberger) in die am Ufer der Themse gelegene Mekka-Bar, die von der Sängerin Nelly Oaks (Elisabeth Flickenschildt) geführt wird. Sowie sie, als auch ihre Pflegetochter Leila (Brigitte Grothum) und der mysteriöse Gewürzhändler Gubanow (Klaus Kinski) scheinen etwas zu wissen, verschweigen es aber. Während der Hai weitere Opfer fordert, findet Wade heraus, dass Leila möglicherweise die verschwundene Tochter einer vor Jahren bei einem Brand ums Leben gekommenen, reichen Familie ist und die um ihr Wohl so besorgte Nelly, die sie schnellstmöglich an den Schiffskapitän Brown (Heinz Engelmann) verheiraten will, vor allem nach ihrem Erbe trachtet …

Auf DAS GASTHAUS AN DER THEMSE habe ich mich von allen Wallace-Filmen mit am meisten gefreut. Nicht nur, weil er erneut von Alfred Vohrer inszeniert wurde, sondern vor allem, weil sein Titel, wie schon DIE TOTEN AUGEN VON LONDON, sofort reiche, detaillierte und stimmungsvolle Bilder vor meinem geistigen Auge entstehen lässt. Er verheißt genau das, was ich mit den Wallace-Filmen assoziiere: den kalten Londoner Nebel, das schwarze Wasser der Themse, das sich durch die Metropole wälzt, dunkle, unfreundliche Orte, an denen sich Halsabschneider und andere zwielichtige Gestalten tummeln, einen nahtlosen Übergang von weltlichen Verbrechen hin zum Unfasslichen, Unheimlichen. Der Beginn des Films hält dann auch, was der Titel verspricht: In einer dunklen, nebligen Nacht wird ein Whiskeyschmuggler in seinem Ruderboot vom „Hai“ mit der Harpune ermordet. Sein Todesschrei zerreißt die Stille und während sein Leichnam im Bötchen die Themse hinuntertreibt, rückt am Ufer im Hintergrund ein heruntergekommenes Gebäude in den Blick, dessen Leuchtschrift es als „Mekka“ ausweist. Sogleich befinden wir uns im Inneren: Die Grand Dame Nelly Oaks haucht mit dunkler, geheimnisvoller Stimme das Lied „Besonders in der Nacht“, während die Gäste – kräftige Matrosen aus aller Herren Länder, ledergesichtige Säufer und gut gelaunte, leicht bekleidete Damen – sich fast bis unter die Decke des urigen Schuppens stapeln. Das Szenario suggeriert eine aufregende Parallelwelt abseits der touristisch erschlossenen Pfade der britischen Hauptstadt, ein wildere, zügellosere, aber auch eine, die nicht direkt abweisend, sondern eher einladend wirkt. Der hereinplatzende Wade, der sogleich beginnt, alle mit Fragen zu löchern und dabei nicht gerade freundlich ist, mutet auch dem Zuschauer wie ein Störenfried an.

Leider versäumt Vohrer im weiteren Verlauf des Films die Chance, sein wunderbares Setting auszuarbeiten und zu vertiefen, die Grenze zwischen Krimi und pulpigem Groschenheft-Grusel lustvoll zu überschreiten und zu verwischen, wie er das in seinen beiden vorigen Filmen (neben dem bereits genannten DIE TOTEN AUGEN VON LONDON inszenierte er noch DIE TÜR MIT DEN SIEBEN SCHLÖSSERN) so meisterlich geschafft hatte. DAS GASTHAUS AN DER THEMSE bleibt ganz in der Sphäre des Realen verhaftet und zahlreiche Szenen bei Tageslicht zerstören auch das Bild der Mekka-Bar als  dunkles, von Leidenschaften und Lüsten bestimmtes Reich: Sie ist eben doch nur eine ganz normale Pinte mit ein paar kriminellen Bediensteten. Aber da ist noch etwas anderes, was mich an diesem Film etwas enttäuscht oder gestört hat. Im Gegensatz zu den anderen Wallace-Filmen, die ihre eigentlich recht banalen Kriminalfälle stets mit einer Vielzahl an Verdächtigen, potenziellen Tätern und Opfern sowie skurrilen Randfiguren vollstopften, bis man hoffnungslos den Überblick verloren hatte, ist DAS GASTHAUS AN DER THEMSE geradezu aufgeräumt. Das Gothisch-Ornamentale, das die Reihe sonst auszeichnete, geht ihm weitestgehend ab, stattdessen wirkt er in seinem Handlungsverlauf deutlich moderner und, ja, auch realistischer. Die Suche nach dem Killer, die Frage nach seiner Identität und sogar seine Erscheinung erinnern am ehesten noch an den ersten der Rialto-Wallace-Filme, DER FROSCH MIT DER MASKE, der seinerseits eine geradlinige Räuberpistole erzählte und sich viele der später unverzichtbaren Marotten noch verkniff. Der hatte mir sehr gut gefallen, sodass meine milde Enttäuschung über DAS GASTHAUS AN DER THEMSE vielleicht unberechtigt ist. Vohrer hatte die Messlatte mit seinen beiden vorigen Filmen eben recht hoch gelegt und so fehlte mir an seinem dritten Beitrag zur Reihe einfach das Besondere, das Ausgefallene, das expressiv-exzessive Element. Hier gibt es weder eine andächtig Beethovens Fünfter lauschende Blindenschar, einen grunzenden, hünenhaften Killerfettsack, unsagbare Verbrechen in dunkeln Gewölben und auch keinen Mad Scientist mit Menschenaffe im Kellerverlies und irrwitzigen Weltbeherrschungsplänen. Es geht eben nur um ein paar Kriminelle, die einem unschuldigen Mädchen die Erbschaft abjagen wollen. Nachdem DAS GASTHAUS AN DER THEMSE so verheißungsvoll begonnen hatte, fand ich diese Enthüllung dann eher ernüchternd. Zu einem auch nur annähernd schlechten Film ist Vohrer aber natürlich nicht in der Lage. Vielleicht bewerte ich den Film deshalb beim nächsten Mal schon ganz anders.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (10. Wallace-Film), Joachim Fuchsberger (6.), Klaus Kinski (5.), Hans Paetsch, Friedrich G. Beckhaus und Jan Hendriks (3.), Brigitte Grothum, Elisabeth Flickenschildt, Hela Gruel, Siegfried Schürenberg, Rudolf Fenner, Manfred Greve, Gertrud Prey, Joachim Wolff und Frank Straass (2.). Regie: Alfred Vohrer (3.), Drehbuch: Egon Eis (als Trygve Larsen) (6.), Harald G. Petersson (2.) und Gerhard F. Hummel (2.), Musik: Martin Böttcher (2.), Kamera: Karl Löb (4.), Schnitt: Carl Otto Bartning (2.), Produktion: Horst Wendlandt (8.). 
Schauplatz: London, Scotland Yard, das Themseufer, die „Mekka-Bar“, die Londoner Kanalisation. Gedreht wurde in Hamburg.
Titel: Bezieht sich auf die Mekka-Bar, die im Zentrum der Ermittlungen steht. Zum dritten Mal taucht ein geografischer Bezug im Titel auf.
Protagonisten: Scotland-Yard-Inspektor Wade und Damsel in Distress Leila Smith.
Schurke: Zuerst natürlich der „Hai“ sowie um ihn herum eine größere Gruppe zwielichtiger Gestalten, darunter die Kneipenbesitzerin Nelly Oaks sowie ihre Partner Roger Lane und der Kapitän Mr. Brown.
Gewalt: Morde durch Harpune, eine Unterwasser-Erdrosselung, Selbstmord durch Gift.
Selbstreflexion: Der Film eröffnet zum ersten Mal mit der Off-Stimme, die verkündet: „Hier spricht Edgar Wallace!“. Kinskis Rollenname ist mit dem Geburtsnamen des Produzenten Horst Wendlandt identisch.

Als der berüchtigte Gangster Clay Shelton (Otto Colin) in einer Bank gestellt wird und einen Polizisten erschießt, wird er zum Tode verurteilt. Alle, die an Verhaftung und Bestrafung beteiligt waren, belegt er mit einem Fluch: „Die Galgenhand“, so sagt er,  werde kommen und sie alle umbringen. Der für die Verhaftung verantwortliche Chefinspektor „Wetter“ Long (Joachim Fuchsberger) kann über so viel Melodramatik nur lachen und hält seinem Spitznamen entsprechend dagegen. Doch wenig später, als Staatsanwalt, Richter und Henker ums Leben kommen und an den jeweiligen Tatorten der vermeintlich Tote Shelton gesehen wird, scheint sich der Fluch zu bewahrheiten. Bei der Öffnung des Sarges kommt statt eines Leichnams jedoch nur ein Haufen Backsteine zum Vorschein. Konnte Shelton sich der Hinrichtung entziehen oder vollstreckt jemand in seinem Namen die Todesurteile?

Rückkehrer Harald Reinl inszeniert den dritten Rialto-Wallace (zwischenzeitlich hatte die Produktionsgesellschaft Kurt-Ulrich-Film mit DER RÄCHER nachgezogen) gegenüber Jürgen Rolands DER ROTE KREIS wieder mit stärkerer Schlagseite in Richtung Pulp und Exploitation (und bringt mit Karin Dor gleich seine Ehefrau mit). Für diese Kurskorrektur stehen oberflächlich schon „Actionheld“ Joachim Fuchsberger, der anders als sein Pendant Klausjürgen Wussow deutlich mehr Körpereinsatz zeigt, und der Verzicht auf einen für die Kombinationsarbeit zuständigen alten Polizeihasen. Dabei sind sich DIE BANDE DES SCHRECKENS und DER ROTE KREIS auf Handlungsebene sehr ähnlich: Beide bieten ein großes Figureninventar auf und lassen einen Charakter nach dem anderen über die Klinge springen, während das Gesetz händeringend versucht, Licht ins mörderische Dunkel zu bringen. Hier wie da verliert der Zuschauer schnell den Überblick. So richtig viel fällt mir zu Reinls Film nicht ein: Er ist etwas temporeicher als Rolands DER ROTE KREIS, hat mit der eindrucksvollen Figur Sheltons und seinen Aufritten als Gespenst mehr Fleisch und vor allem schöne Gothic-Horror-Atmosphäre zu bieten, ist mir aber insgesamt etwas zu unvariabel gestaltet: Long klappert gemeinsam mit der schönen Nora Sanders (Karin Dor) die Bedrohten ab, erkundigt sich nach ihrem Befinden und bemerkt, dass der ein oder andere von ihnen selbst nicht gerade unverdächtig anmutet. (So hält sich Mr. Crayley (Dieter Eppler) einen Geparden und übt sich im Umgang mit Wurfdolchen, die er gar nicht schnell genug verstecken kann, als sich die Polizei ankündigt.) Während die Leichen fallen wie die Fliegen und der Kreis der Opfer kleiner und kleiner wird, stapeln sich auf der anderen Seite die Verdächtigen und erfordern Longs ganzen Scharfsinn – und des Zuschauers Verständnis dafür, dass nicht jede Drehbuchwendung wirklich nachvollziehbar ist. Durchaus schönes Entertainment mit dem gewohnten Rialto-Wallace-Charme, guten Darstellern und herrlichen Dialogen, aber direkt nach DER ROTE KREIS aufgrund der erwähnten Ähnlichkeit innerhalb der Reihe meines Erachtens auch etwas ungünstig positioniert. Dem Erfolg tat das keinen Abbruch, im Gegenteil: DIE BANDE DES SCHRECKENS übertraf die Zuschauerzahlen des Vorgängers wie auch des Konkurrenzproduktes und knüpfte nahtlos an den Erfolg von DER FROSCH MIT DER MASKE an.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:
Personal: Eddi Arent, Fritz Rasp, Ulrich Beiger und Ernst Fritz Fürbringer (3.), Joachim Fuchsberger, Karl-Georg Saebisch, Dieter Eppler, Karl-Heinz Peters, Alf Marholm und Günter Hauer (2.), Karin Dor, Elisabeth Flickenschildt und Otto Colin (1.). Regie: Harald Reinl (2.), Drehbuch: J. Joachim Bartsch und Wolfgang Schnitzler, Musik: Heinz Funk (1.), Kamera: Albert Benitz, Schnitt: Margot Jahn (3.). Produktion: Preben Philipsen (3.) und Helmut Beck (2.).
Schauplatz: London, Landhäuser und -schlösschen, Scotland Yard etc. Gedreht wurde erstmals ausschließlich in Deutschland, vor allem in Hamburg und Schleswig-Holstein.
Titel: Der Titel bezeichnet die hinter der „Galgenhand“ stehende Verbrecherorganisation.
Protagonisten: Chefinspektor Long übernimmt die Ermittlungen allein, sein einziger Vertrauter ist Sir Archibald, der wieder von Ernst Fritz Fürbringer gespielt wird. Eddie Arents obligatorischer Comic-Relief-Part ist diesmal ein nervenschwacher Tatortfotograf, der regelmäßig in Ohnmacht fällt, wenn er Leichen sieht, und viel lieber Tiere fotografieren würde. Karin Dor spielt das Love Interest für Inspektor Long und spaziert mit ihm zum Schluss Hand in Hand in eine vielleicht glückliche Zukunft.
Schurke: Zunächst Clay Shelton, später dann seine Söhne, die als „Bande des Schreckens“ sein Werk fortführen, sowie seine Gattin, die als sein „Geist“ auftritt und für Verwirrung und Angst sorgt.
Gewalt: Zahlreiche Erschießungen, Messer- und Giftmorde, Tod durch Seilschlinge, Autounfall, eine einstürzende Treppe und Abstürzen, eine Hinrichtung.
Selbstreflexion: Long stellt sich einmal als „Blacky“ vor, Eddie Arents Fotograf beklagt sich darüber, dass die Menschen keine Tierfotos mehr, sondern nur noch Gewalt sehen wollten.

Einen interessanten Spiegel-Artikel, der anlässlich der neuen Wallace-Welle und des gleichzeitigen Erfolgs von DIE BANDE DES SCHRECKENS und DER RÄCHER erschien, kann man hier lesen.