Mit ‘Ellen Barkin’ getaggte Beiträge

An den Kinobesuch anno 1998 erinnere ich mich noch genau: Nicht zuletzt weil mein Freund auf dem Weg zum Kino den Seitenspiegel eines parkenden Autos abfuhr und kurz entschlossen Fahrerflucht beging, weil wir sonst den Beginn des Films verpasst hätten. Nicht nett, ziemlich rücksichtslos und asozial sogar, um genau zu sein, aber eigentlich auch der perfekte Prolog für die Sichtung von Gilliams letztem echtem Meisterwerk. (Ich glaube, gekifft haben wir vorher auch noch, aber das kann ich nicht beschwören.) An die Sichtung selbst habe ich keine expliziten Erinnerungen mehr, weiß aber noch, dass wir beide total geflasht waren. FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS war alles, was wir uns von ihm erhofft hatten (ohne viel über ihn zu wissen), er gehörte für einige Jahre zu unseren Lieblingsfilmen und kam demnach desöfteren bei marihuanageschwängerten Filmabenden zum Einsatz. Ich las später noch den Roman, wohnte einer Lesung bei, die Smudo, Martin Semmelrogge und Günter Amendt zusammen hielten, und kaufte das zugehörige Hörbuch, doch dann wurden irgendwann andere Dinge wichtiger. Dass sich mein Verhältnis zu Terry Gilliam in den vergangenen Jahren merklich abgekühlt hat (seine ärgerlichen Meinungsäußerungen könnte ich ihm noch verzeihen, aber leider sind auch seine Filme seit mindestens 15 Jahren zum Weglaufen), hat sicher auch seinen Teil dazu beigetragen, dass ich FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS wahrscheinlich seit gut 20 Jahren nicht mehr gesehen habe. Die zauberhafte Arrow-Edition, die im vergangenen Jahr erschien, war Anlass für eine erneute Sichtung, vor der ich durchaus Respekt hatte: Ich hielt es nicht für gänzlich unmöglich, dass ich den Film heute schrecklich blöd finden würde. (Nennen wir es das Oliver-Stone-Syndrom.) Aber ich kann Entwarnung geben: FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS ist erstaunlich gut gealtert und hat nichts von seiner subversiven Kraft, seinem Witz oder seinem Verstörungspotenzial verloren. Eigentlich ist er mit seiner Vision einer Welt am Abgrund heute sogar wieder ziemlich aktuell. Vielleicht sogar aktueller als damals.

Es spricht für den Film, dass die meisten US-Kritiker ihn damals verrissen: Sie warfen Gilliam vor, dass sein Film keine echte Geschichte erzähle, dass er keinen Sinn ergebe, redundant sei und jeden Spannungsbogen vermissen ließ. Wahr ist, dass die Protagonisten von FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS keine richtige Entwicklung durchmachen, wie man das von Hauptfiguren üblicherweise erwartet. Sie haben auch kein Ziel, das sie verfolgen und am Ende erreichen. Richtig ist auch, dass Gilliams Film keinen klassischen Spannungsaufbau aufweist: Er beginnt in einem Stadium des drogeninduzierten Wahnsinns, in dem andere Filme üblicherweise enden, und er kann dann nur noch graduell zusetzen. Gilliam – der auf ein Drehbuch zurückgriff, das kurz vor Drehbeginn improvisiert werden musste und im Grunde genommen eine slightly abridged version von Hunter S. Thompsons Roman ist – argumentiert nicht, so wie auch Thompson nicht argumentierte. Sein Film läuft nicht auf eine finale Message zu, die logisch aus der Geschichte folgt und die man versteht, wenn man die Reise mitgemacht hat. Er expliziert seine Message am Ende, ja, aber eigentlich ist sie in FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS zu jeder Sekunde offensichtlich. Alles, was die beiden Antihelden in den rund 110 Minuten tun, ist in jedem Augenblick schreiender, hedonistischer, fehlgeleiteter Irrsinn, panische, überstürzte Flucht vor einer hoffnungslos übersteuerten, materialistischen und verrückt gewordenen Welt und krachendes Scheitern mit Anlauf und Ansage. Jeder Augenblick des Films ist eine Kristallisation von Hunter S. Thompsons Weltsicht. Und der Exzess ist gleichermaßen Medium und Message.

Wer den Film wirklich noch nicht gesehen oder den Roman gelesen hat, dem sei gesagt, dass er im Jahr 1971 spielt und von der Reise des Journalisten Raoul Duke aka Hunter S. Thompson (Johnny Depp) und seines Drogenbuddies/Anwalts Dr. Gonzo aka Oscar Zeta Acosta (Benicio del Toro) nach Las Vegas handelt, die beide mit einem Koffer voller Drogen, dem fast forscherischen Ehrgeiz, sie alle auszuprobieren, und der Mission antreten, ein legendäres Autorennen in der Wüste zu covern. Unter dem Einfluss verschiedener Rauschmittel werden die beiden mit der artifziellen Glitzerwelt der Zockermetropole konfrontiert, einer Art hochkonzentrierter, unverschnittener, amoklaufender Version des amerikanischen Traums, und mit einer Menschheit, die sich auch im nüchternen Zustand nicht wesentlich von ihnen unterscheidet. Die beiden verwüsten diverse Hotelzimmer, scheitern mehrfach knapp daran, sich umzubringen, verstören mit ihrer Art so manchen, der ihren Weg kreuzt, verlieren ihr Gedächtnis, prellen die Zeche in diversen Etablissements und kommen am Ende zu dem Schluss, dass der Traum von der Freiheit, der im „Sommer der Liebe“ geträumt wurde, sich längst in einen nie endenden Albtraum verwandelt hat, an dem beide kräftig mitwirken.

FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS gliedert sich in kurze Episoden: die Fahrt durch das „bat country“ der Wüste Nevadas, die Ereignisse rund um das Autorennen, einen Besuch im Circus-Circus (über den Duke/Thompson sagt: „The Circus-Circus is what the whole hep world would be doing Saturday night if the Nazis had won the war. This is the sixth Reich.“), die Begegnung mit der jungen, neurotischen Malerin von Barbra-Streisand-Porträts (Christina Ricci), die Dr. Gonzo möglicherweise sexull missbraucht, und der traurigen Kellnerin eines Diners (Ellen Barkin), der Konfrontation mit einem homosexuellen Cop (Gary Busey) und der Teilnahme an einem Drogenkongress für Polizisten. Passend zum Exzess des Films, der sich sowohl auf formaler Ebene wie auch im entfesselten Spiel der beiden Hauptdarsteller spiegelt, kulminiert FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS in einer Ellipse: Nachdem Duke eine Überdosis Adrenochrom eingenommen hat, wacht er mit einem umgeschnallten Plastik-Krokodilschwanz und einem ins Gesicht getapeten Mikrofon in seiner überschwemmten Suite auf, die aussieht wie eine mit Plüsch überzogene Höllenvision Boschs, von Gonzo keine Spur. Was sich in der Zwischenzeit abgespielt hat, wird nie aufgeklärt. Es ist die Irrationalität des Ganzen, die so schockierend ist, die Vorstellung, dass man im Rausch jede Ratio und Menschlichkeit verlieren könnte. Das Einzige, was das alles noch erträglich macht, sind die grelle Überzeichnung mit der Gilliam die Ereignisse abbildet und die Comicperformance von Depp, der mit seinem souveränen detachment ein wenig an Bugs Bunny erinnert. Es ist eine Phrase, aber hier stimmt sie: Das Lachen bleibt eine mehr als einmal im Halse stecken.

 

 

Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich in THE BIG EASY eingegroovt hatte (dass der deutsche Verleih keine Untertitel für die teilweise doch recht akzentlastige Originaltonspur anbietet, ist im Jahr 2015 einfach nur noch ärgerlich), und ich schätze, dass der Film sein volles Potenzial erst bei weiteren Sichtungen offenbart. Er passt perfekt in die Lücke zwischen McBrides BREATHLESS und GREAT BALLS OF FIRE! und bedient sich eines ganz ähnlichen Tonfalls. THE BIG EASY ist zuvorderst, also auf Handlungsebene, ein noiristisch angehauchter Polizeifilm. Sein Protagonist ist Remy McSwain (Dennis Quaid), aus einer langen Polizistentradition stammend und in seinem Revier New Orleans so zu Hause wie ein Fisch im Wasser. Dass er bekannt ist wie ein bunter Hund genießt er genauso offensichtlich wie die zahlreichen Annehmlichkeiten, die der Job so mit sich bringt: Er muss auch vor den angesagtesten Restaurants nicht in der Schlange stehen, jedes Menü geht auf Rechnung des Hauses, und hin und wieder effektreich mit der Knarre rumzuwedeln und kleine Straßendiebe festzunehmen, ist auch nicht das Schlechteste, um das eigene Ego aufzupusten. McSwain benimmt sich nicht so sehr wie ein Diener seiner Gemeinde, sondern wie ihr heimlicher König. Das ändert sich auch nicht, als die junge Staatsanwältin Anne Osborne (Ellen Barkin) auftaucht, die in Sachen Korruption ermittelt. McSwain lässt sich von ihrer Gegenwart nicht beirren, beginnt gleich damit, seinen Charme spielen zu lassen und der jungen Frau einen Blick in seine glamouröse Welt zu gewähren. Die beiden beginnen eine hitzige Affäre, die zunächst endet, als McSwain dabei erwischt wird, wie er Schutzgeld von einem Kneipenbesitzer annimmt. Ausgerechnet Anne tritt vor Gericht an, ihn zu überführen.

Diese Geschichte ist, von kleineren, ausschmückenden Details einmal abgesehen, Noir- und Polizeifilm-Standard und weicht von diesem auch bis zum Schluss nicht ab. Anne zwingt McSwain dazu, seine Fehler zu erkennen und ein besserer Cop zu werden, er hilft ihr dabei, die schmutzigen Kollegen zu überführen, und sie können am Ende sogar eine wahrscheinlich glückliche Ehe starten. Nichts daran ist neu. Dennoch ist THE BIG EASY ein höchst eigenständiger, origineller, bisweilen verwirrender Vertreter seines Genres, und das liegt vor allem an McBrides Humor und der Art, wie er seine Darsteller agieren lässt. Und genau das ist es auch, was mir den Einstieg gestern so erschwerte. Quaids McSwain lässt schon seinen zwei Jahre später interpretierten Jerry Lee Lewis erahnen: Er ist genauso selbstverliebt, arrogant und unverschämt, stolziert wie der Rock ’n‘ Roller wie ein Pfau in schicken Anzügen durch die Straßen, ist sich seiner umwerfenden Wirkung auf das weibliche Geschlecht absolut gewiss und schert sich nicht allzu sehr darum, was die seine Polizisten-Blase umgebende Welt von ihm denkt. Aber er hat auch etwas von Richard Geres fröhlichem Ganoven Jesse Lujack abbekommen, etwa dessen ansteckendes Lachen, diese Energie, mit der er sein Leben zelebriert wie ein ihn zu Ehren organisiertes Fest, die Lust an sinnlichen Reizen, sei es ein gutes Cajun-Essen, Sex oder Zydeco-Musik, das Talent, immer nur das zu sehen, was ihm gefällt, das Glas immer als halbvoll zu betrachten. Er ist ein Gewinner, weil er sich selbst so sieht. Nun sind selbstsichere, mit Stilbewusstsein ausgestattete Cops keineswegs ein Erfindung von McBride, aber außergewöhnlich ist die Zuneigung, ja Bewunderung, die der Regisseur ihm angedeihen lässt. Anne wirft ihm einmal vor, seine Vergehen für ein kleines Spielchen zu halten, gar nicht zu erkennen, wie er seine Profession damit verrät. Das Ding ist: Auch McBride betrachtet Remy nicht wie einen Kriminellen, sondern wie das Schlitzohr, dessen Gerissenheit man insgeheim oder gar ganz offen bewundert. Er mag vom richtigen Weg abgekommen sein, aber eigentlich ist er ein guter Kerl und deswegen ist man bereit, ihm zu verzeihen. Er ist kein BAD LIEUTENANT. Und Anne, von Ellen Barkin gegeben, die im Anschluss eine kurze Hochzeit als Femme fatale erlebte, wird hier nicht als die mit eiskaltem Kalkül und ohne Skrupel ihren Weg gehende Karrierefrau gezeichnet, sondern fungiert beinahe als Comic Relief, weil sie der offensiven Art Remy kaum etwas entgegenzusetzen weiß und alle weibliche Souveränität dabei einbüßt. Nichtsdestotrotz sitzt sie am längeren Hebel, einfach deshalb, weil sie Recht hat.

Die Beziehung der beiden hat dann auch viel von der heißen Affäre, die Jesse Lujack und Monica in BREATHLESS unterhielten. Die Ratio wird ausgeschaltet, die Gefühle übermannen beide, nur stellt THE BIG EASY das nie wirklich als Problem dar. Natürlich steht Anne später vor einem inneren Konflikt, als sie ihren Lover vor Gericht zerren muss, aber der ganze Prozess, die aufgesetzte Aggression, die sie ihm gegenüber plötzlich an den Tag legt, haben etwas entschieden Screwballhaftes. Alle Emotionen werden komisch überhöht und deswegen fällt es schwer, McBrides Film wirklich als Beitrag zum Polizeifilm zu akzeptieren, der ja meist um Authentizität und Realismus bemüht ist. Wenn ich jetzt an THE BIG HEAT denke, habe ich einen Cartoon vor Augen, das wölfische Grinsen Quaids, die an Betty Boop erinnernde Naivität von Ellen Barkin, Ned Beattys Schweinchen-Dick-Gesicht und John Goodman als Kater Karlo. Die fantastische Fotografie von Alfonso Beato ist das perfekte Bindeglied, indem sie die schwüle Dekadenz von New Orleans einfängt und gleichzeitig in kühle Neonfarben hüllt.