Mit ‘Ellen Page’ getaggte Beiträge

KICK-ASS in gut: James Gunns SUPER ist eine Art Reimagining von TAXI DRIVER, allerdings nicht mit einem unter posttraumatischem Stresssyndrom leidenden Vietnamveteranen im verrotteten New York der Siebzigerjahre, sondern einem anscheinend harmlosen Durchschnittsbürger (Rainn Wilson), der ausrastet, als ihm ein schmieriger Krimineller (Kevin Bacon) die mit einer Drogenvergangenheit vorbelastete Ehefrau (Liv Tyler) wegnimmt. Anstatt sich den Schädel zu rasieren, für den Ernstfall die Muskeln zu stählen und sich mit Waffen auszustatten, erinnert sich der gebeutelte Frank an die religiösen Comics um den Holy Avenger und verwandelt sich in den Superhelden „Crimson Bolt“, der bewaffnet mit einer Schraubzange und dem Credo „Shut up, Crime!“ auf Verbrecherjagd geht. In seinem Kampf unterstützt ihn die gleichermaßen seltsame Comicverkäuferin Libby (Ellen Page) als sein Sidekick „Bolty“.

Die Grundidee teilt SUPER mit dem oben erwähnten, zur selben Zeit, aber mit deutlich höherem Aufwand entstandenen KICK-ASS, geht aber gänzlich andere Wege. Franks Treiben als Crimson Bolt trägt keine heroischen Züge, vielmehr wirkt seine Realitätsflucht im einen Moment lächerlich und mitleiderregend, im nächsten mündet sie in grausamen, völlig überzogenen Gewalttaten, die eine handfeste Psychose vermuten lassen. Gunn kleistert seinen Film auch nicht mit überkandidelten Effekten zu, visuell lässt er eher Understatement walten, und die „Soundwolken“, die er als Referenz an Comichefte immer wieder einblendet, verstärken noch die Kluft zwischen den harmlosen gezeichneten Vorbildern und der bitteren Wirklichkeit des Films. Die Erkenntnis, vor der Matthew Vaughn in KICK-ASS krampfhaft die Augen verschloss, nämlich dass Superheldentum in die Realität übertragen mit Sozio- und Psychopathie gleichzusetzen ist, steht bei Gunn nicht am Ende, es ist die Prämisse, auf der er SUPER aufbaut. Frank lebt von Beginn an in seiner eigenen Welt, ein Außenseiter, den regelmäßig religiöse Epiphanien heimsuchen. Ausgangspunkt seiner Laufbahn als Superheld ist eine Vision, in er ihn „der Finger Gottes“ berührt und auserwählt. Der Raub seiner Ehefrau mag der Tropfen gewesen sein, der das Fass zum überlaufen brachte, aber wenn man sieht, wie der „Crimson Bolt“ Leuten den Schädel einschlägt, weil sie sich in der Schlange vorgedrängelt haben, weiß man, dass sich hier jemand Luft verschafft, der seinen Alltag als eine unablässige Kette von Niederlagen, Demütigungen und Frustration begreift.

SUPER findet – wie Scorseses TAXI DRIVER – zu einem bitter-ironischen Ende, das Franks Episode der Realitätsflucht tatsächlich das Heroische abringt, seinen Amoklauf als Akt edler Selbstaufopferung interpretiert. Es scheint aber vor allem Franks eigene Verblendung daraus zu sprechen, auch wenn es ihm tatsächlich gelungen ist, seine Ehefrau zu befreien. Mehr als ein Gefühl der Erhabenheit löst Gunn aber ein nagendes Unbehagen im Zuschauer aus. Die Franks und Libbys sind uns zu vertraut in ihrer sozialen Inkompetenz, ihrem Gefühl, nicht dazuzugehören, ihrer transzendentalen Obdachlosigkeit und Einsamkeit. Zu bekannt ist der einsetzende Mechanismus, die eigene Unzulänglichkeit durch Gewalt gegen ein willkürlich gewähltes Opfer zu kompensieren. Wer fängt sie auf, die Freaks mit dem Messiaskomplex? SUPER gibt darauf keine Antwort und das ist auch ganz gut so.

Ich bin gar kein Nolan-Hater. MEMENTO hat mich damals so tief beeindruckt, dass ich ihn binnen kürzester Zeit bestimmt fünf- oder sechsmal gesehen habe. THE PRESTIGE mochte ich auch sehr und mit seinen drei BatmanFilmen habe ich mittlerweile ebenfalls meinen Frieden gemacht: Wenn ich sie auch nicht für die Offenbarung halte, die viele in ihnen sehen wollen, so finde ich sie doch immerhin recht interessant und eigenständig. Nolan hat einen Stil, der ihn derzeit zu dem vielleicht polarisierendsten Hollywood-Regisseur überhaupt macht: Seine Filme sind akribisch gefertigte Puzzlespiele, in denen er große philosophische Fragestellungen mit dem Ernst des Asketen beackert. Sie sind meist grau oder stahlblau und haben etwas entschieden Maschinelles, Anorganisches an sich, das die Protagonisten zu verschlingen droht und den Zuschauer tief in den Sitz drückt. Es gibt wenig leeren Raum und Luft zum Atmen in Nolans Filmen: Jede Sekunde, jeder Millimeter ist mit Exposition oder Bedeutung zugestellt, man bekommt keine Zeit, den Blick einfach nur mal schweifen zu lassen, nichts ist Zierrat oder gar überflüssig. Man sieht den Ernst, mit dem Nolan seine Welten baut, vermisst aber die Freude. Es scheint, als betrachte er das Filmemachen so wie der INCEPTION-Protagonist Cobb (Leonardo DiCaprio), der der Traumarchitektin bei der Schöpfung beeindruckender Traumwelten begleitet, sie aber immer dann, wenn sie zu viel Enthusiasmus an den Tag legt, zur Disziplin ermahnt und an die Regeln erinnert. In diesem Sinne ist INCEPTION vielleicht der ultimative Nolan-Film. Und ich mochte ihn überhaupt nicht.

Sollte es unter meinen Lesern tatsächlich solche geben, die ihn noch nicht kennen (ich glaube eigentlich, dass ich der letzte bin, der ihn noch nicht kannte), dann sei kurz gesagt, dass Cobb und seine Leute – Arthur (Joseph Gordon-Levitt, Ariadne (Ellen Page) und Eames (Tom Hardy) – ihr Geld damit verdienen, Träume zu bauen, die sie dann dazu nutzen, dem Träumenden Geheiminformationen zu stehlen. Cobb ist ein Meister in der Traumarchitektur, kann diesem „Job“ aber nicht mehr nachgehen, weil sein Unterbewusstsein von der Erinnerung an seine verstorbene Frau Mal (Marion Cotillard) gestört wird. Ihr Selbstmord zwang den Gatten einst dazu, seine Kinder in den USA zurückzulassen, um einer Mordanklage zu entgehen. In INCEPTION geht es nun um einen Auftrag, mit dem Cobb sein altes Leben zurückkaufen kann: Er soll eine Information nicht extrahieren, sondern im Gegenteil im Unterbewusstsein des jungen Millardenerbes Fischer (Cillian Murphy) implementieren und ihn so dazu zu bringen, Firmenanteile zu verkaufen. Im Zuge dieses Auftrags steht Cobb aber auch vor der noch größeren Aufgabe, endlich seine Schuldgefühle zu besiegen.

INCEPTION ist zunächst einmal fürchterlich umständlich und unelegant: Es dauert geschlagene 90 Minuten, bis die Regeln der Traumarchitektur, auf denen die Handlung fußt, vollständig erklärt sind, und danach ist Nolan eigentlich nur noch damit beschäftigt, den Plot abzuwickeln – was, ganz im Gegensatz zur „träumerischen“ Handlung, in einer brachialen Ballerei geschieht. Am Ende folgt die bahnbrechende Erkenntnis, dass wir unsere eigene Realität konstituieren. Nicht nur stehen Aufwand und Ertrag in Nolans Film in beträchtlichem Missverhältnis: „Effizienz“ ist so ziemlich das letzte, was ich INCEPTION zugutehalten würde, was viel über Nolans Kunstverständnis aussagt. Und dafür, dass es nicht zuletzt um Schöpfung und Fantasie geht, ist er erschreckend farb-, freud- und fantasielos. Das geht bei der monochromen Farbpalette los, setzt sich bei bei Hans Zimmers dräuendem Dröhnscore fort, der an die Todesseufzer eines an Verstopfung verendenden Buckelwals denken lässt, und endet in der stets ganz und gar zweckgerichteten Traum-Architektur, die so aussieht wie alle Nolan-Filme aussehen. Baute Nolan Häuser, alles wäre grauer Sichtbeton, Stahl oder Glas, es gäbe keinerlei runde Formen und das oberste Paradigma wäre Funktionalität. Design, in dem man nicht leben kann. Es gibt in INCEPTION nichts, was nicht in irgendeiner Form bedeutsam wäre, alles ist dem großen Ganzen unterworfen, fügt sich nahtlos in den Gesamtentwurf ein. Der Film funktioniert wie ein filigranes Räderwerk, dessen Konstruktion einem durchaus einen gewissen Respekt abnötigt, aber es produziert reinen Selbstzweck. So sind auch seine Figuren: Reine Diener des Plots, darf keine eine Eigenschaft entwickeln, die nicht im Dienste der Geschichte stünde. Cobbs Trauma ist leer, weil sich Nolan gerade so weit dafür interessiert, wie es in sein Konstrukt passt. Diese Haltung greift aber das Fundament des dem Film zugrundeliegenden Gleichnisses an. So, wie sich Nolan Träume – geradlinig, logisch, geordnet – vorstellt, träumt kein Mensch. Es geht mir bei dieser Kritik nicht um Logik, nichts läge mir ferner als das. Aber INCEPTION frisst seine eigene Prämisse. Nolan war bei der lückenlosen Konstruktion so vertieft, dass er gar nicht bemerkt hat, dass sein Film einem nichts, rein gar nichts mehr über den Menschen sagt (das ist etwa bei MEMENTO, einem auch hochgradig konstruierten Film, vollkommen anders), nur noch darüber, wie er sie sieht: als leere Kästen, in die man etwas reinlegt, das man wieder rausholt, wenn man es braucht. Ich will das nicht unnötig politisieren, aber INCEPTION hat etwas Faschistoides, Tyrannisches, Unmenschliches.