Mit ‘Elmore Leonard’ getaggte Beiträge

Der vorbestrafte Ex-GI Jack Ryan (Ryan O’Neal) verliert wegen eines Gewaltausbruchs bei einem Baseballspiel seinen Job als Gurkenpflücker für den Unternehmer Ray Ritchie (James Daly), packt seine Sachen und zieht weiter. Aber er kommt nicht weit: Der Friedensrichter Sam Mirakian (Van Heflin) bietet ihm Job und Unterkunft in seinem Motel an und weil Jack zum einen eh nichts Besseres zu tun und zum anderen Interesse an Ritchies jugendlicher Gespielin Nancy (Leigh Taylor-Young) hat, schlägt er ein. Zwischen ihm und Nancy entflammt eine heiße Liebesaffäre, in der Jack mehr und mehr die Kontrolle verliert: Nancy ist eine Thrillseekerin wie sie im Buche steht und nicht bereit, ein „Nein“ als Antwort zu akzeptieren. Das Liebesabenteuer entwickelt sich für Jack zum Albtraum, als sie ihn dazu erpresst, bei einem Bruch mitzumachen …

Wer einmal etwas von Elmore Leonard gelesen hat, weiß, dass es eigentlich nicht mehr viel braucht, um seine Romane erfolgreich für die große Leinwand zu adaptieren: Wenn man nur möglichst viele seine fantastischen, immens pointierten und zitierwürdigen, aber auch authentischen Dialoge in das Script hinüberrettet und dann noch einen Cast zusammenstellt, er diese Dialoge angemessen intoniert, Leonards Charaktere glaubwürdig verkörpert, dann ist das schon die halbe Miete. THE BIG BOUNCE ist ein ideales Beispiel für diese These. Mit Alex March führte ein Mann Regie, der nun nicht gerade im Verdacht steht, ein besonders kreativer Kopf zu sein: Er arbeitete überwiegend fürs Fernsehen, steuerte im Zeitraum von 1960 bis in die frühen Achtzigerjahre Episoden zu Dutzenden berühmter Fernsehserien bei. Seinem THE BIG BOUNCE merkt man diese Herkunft durchaus an: Mit seinem plüschig-schwofigen Score zwischen Big-Band-Swing und kalifornischem Pop à la Beach Boys, seiner behäbigen Inszenierung und der Dialoglastigkeit mutet Marchs Film manchmal wie eine zu lang geratene Episode einer Siebzigerjahre-Krimiserie an. Dass THE BIG BOUNCE Gewaltausbrüche fast gänzlich vermeidet, insgesamt eher brav und liebenswert anmutet, kommt noch hinzu. Aber das fällt nicht negativ ins Gewicht, weil die Charaktere nur den Mund aufmachen und Leonards Dialogzeilen herauspurzeln lassen müssen, um einem wieder klarzumachen, dass man hier großem Kino beiwohnt.

Es leuchtet vielleicht nicht unmittelbar ein, aber vor allem Ryan O’Neal ist ein Glückstreffer als Jack Ryan. Er ist nicht unbedingt der Typ, den man vor Augen hat, wenn man an einen Leonard-Protagonisten denkt – er ist zu hübsch, zu blond, er scheint zu soft –, aber er ist dennoch besser als etwa Burt Reynolds in der Leonard-Verfilmung STICK. Leonards Helden sind zwar cool und selbstbewusst, aber sie sind niemals arrogant. Sie wissen ganz genau, wo ihre Schwächen sind und selbstverliebtes Getue ist ihnen fremd. Eigentlich wollen sie bloß ihre Ruhe haben, sie ziehen das Pech aufgrund ihrer Vergangenheit aber stets magisch an. Während Reynolds nie verhehlen kann, dass er sich selbst ziemlich geil findet, und immer den Eindruck erweckt, er sucht die Situationen, in denen er sich beweisen kann, bringt O’Neal dieses Maß an Demut mit, das Leonards Helden wirklich auszeichnet. Er ist durchaus in der Lage, jemanden auszuknocken, aber er muss das nicht ständig unter Beweis stellen. Gerade weil sie die Härten des Lebens kennen gelernt haben, wollen Leonards Helden nämlich etwas anderes. Und der Konflikt in seinen Büchern kommt oft gerade daher, dass sie von anderen gezwungen werden, das zu tun, was sie eigentlich hinter sich lassen wollten. So auch in THE BIG BOUNCE.

Ich michte diesen Film wirklich sehr gern, auch wenn er eigentlich keine große Sache ist. Es gibt keine superaufregenden Actioneinlagen, keine nervenzerreißenden Suspense-Szenen, die Story ist im Grunde ein alter Hut, es dauert sehr lange, bis der Crimeplot losgetreten wird und dann löst sich alles sehr schnell wieder in Wohlgefallen auf. Aber das ist egal, weil der Film dafür die kleinen Dinge richtig macht. Er fließt so angenehm vor sich hin, es macht einfach Spaß, ihm und seinen Charakteren zu folgen. Vielleicht gerade weil das alles so unaufgeregt und lapidar – und dabei eben auch ziemlich echt – daherkommt. Ich würde jetzt gern mit einem Zitat aus dem Film schließen, um meine Begeisterung für die tollen Dialoge irgendwie untermauern zu können, aber mir fällt keins mehr ein. Ich empfehle daher ausdrücklich, sich THE BIG BOUNCE anzuschauen. Ist nämlich einfach ein  verdammt schöner Film.

stick (burt reynolds, usa 1985)

Veröffentlicht: Februar 4, 2010 in Film
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Ernest „Stick“ Stickley (Burt Reynolds) kehrt nach mehrjähriger Haftstrafe wegen bewaffneten Raubüberfalls nach Miami zurück, wo ihn schon sein alter Knastkumpel Rainy (José Pérez) erwartet. Obwohl Stick nun endlich sauber bleiben will, erklärt er sich bereit, Rainy bei einer Geldübergabe für den schmierigen Drogendealer Chucky (Charles Durning) beizustehen, schließlich kann er das Geld, das dabei für ihn abfallen soll,  gut gebrauchen. Doch bei der Übergabe wird Rainy hinterrücks erschossen und plötzlich steht Stick auf der Abschussliste sowohl Chuckys als auch des kolumbianischen Drogenzars Nestor (Castulo Guerra). Um seinen Namen reinzuwaschen und Rainys Tod zu rächen, ergattert er einen Posten als Chauffeur bei dem eitlen Filmproduzenten Barry Braham (George Segal), einem „Gangster-Groupie“, der mit Chucky in Kontakt steht …

Die literarische Vorlage, Elmore Leonards „Stick“, habe ich vor etwas mehr als zwei Jahren während eines Urlaubs geradezu verschlungen. Es war eines dieser Bücher, die man eher durch Zufall in einer ausländischen Buchhandlung erwirbt, weil die Urlaubslektüre früher als geplant durchgelesen ist und die einen dann vollkommen fesseln. Leonard, einer der großen amerikanischen Crime-Schriftsteller, der die Hardboiled-Tradition von Autoren wie Dashiell Hammett, Raymond Chandler oder auch Mickey Spillane in der Gegenwart fortsetzt, zeichnet sich vor allem durch einen (seinen Vorgängern weitestgehend abgehenden) Sinn für Humor und ein ausgesprochen gutes Gespür für gleichermaßen authentisch anmutende wie spritzige Dialoge aus. Seine Protagonisten sind meist Gangster, gestandene Kerle, die wissen, was sie wollen, aber nie vollkommen abgestumpft sind. Sie sind „cool“, ohne sich selbst allzu toll zu finden. In diesem Zusammenhang mag die Besetzung einer Leonard-Figur mit Burt Reynolds problematisch erscheinen, zumal jener sich als Stick dann auch noch selbst inszeniert. Reynolds, einer der größten Filmstars der Siebzigerjahre, Sportstar, Hardbody, Frauenschwarm und Pin-up-Model, war Mitte der Achtzigerjahre von seinen schauspielerischen Glanzzeiten längst weit entfernt und sein Mackertum hatte entschiedene Schlagseite Richtung Geckenhaftigkeit bekommen. Sein „Bandit“ aus den SMOKEY & THE BANDIT-Filmen ist so ziemlich das krasseste Gegenteil, das man sich zu einem Elmore-Leonard-Helden vorstellen kann: ein selbstverliebter Schwätzer mit Schnauzbart, der mit Cowboyhut, Cowboystiefeln und getuntem Boliden amerikanischen Chauvinismus in Reinkultur verkörpert. Schlitzohrigkeit: ja, Weisheit: entschieden nein.

Umso erstaunlicher, dass STICK dem Roman von Leonard keine Schande macht – was wohl auch darauf zurückzuführen ist, dass der Autor selbst am Drehbuch mitarbeitete. Reynolds ist zwar immer noch vollkommen obercool, lässt echte Spannung somit gar nicht erst aufkommen, hält sich aber dennoch sichtbar zurück. Der Humor der Vorlage geht STICK ab, dafür liefert Kameramann Nick McLean aber herrlich geleckte Bilder, die deutlich von der damals schwer angesagten MIAMI VICE-Neonästhetik beeinflusst sind, und Komponist Barry DeVorzon lässt Synthiebässe und die mit mächtig viel Reverb belegten Drums wummern, dass Achtzigerfreunden nur so das Herz aufgeht. Erstaunlich auch, welch namhaftes Personal sich hier die Klinke in die Hand gibt: Neben den genannten ist auch Candice Bergen mit von der Partie. Man kann gewiss nicht behaupten, STICK sei mit geringen Ambitionen heruntergekurbelt worden. Obwohl er bestimmt keine vergessene Perle ist, die es unbedingt wiederzuentdecken gälte, war er viel, viel besser als ich erwartet hatte. Einziger Schwachpunkt: Der mit einem albernen Toupet zu totalen Witzfigur degradierte Charles Durning. Da schimmert dann doch das Geckenhafte durch …