Mit ‘Elsa Martinelli’ getaggte Beiträge

10841Wer Fulcis Einflüsse jenseits des italienischen Kinos kennen lernen will, wird mit UNA SULL’ALTRA fündig, in dem der Regisseur dem großen Alfred Hitchcock und dem Film Noir mit seinen Femmes Fatales seine Reverenz erweist. Die Sichtung des Thrillers lohnt aber auch aus anderen Gründen: nicht nur, um drei hoch attraktiven Darstellern des europäischen Kinos – Elsa Martinelli, Marisa Mell und Jean Sorel – beim erotisch aufgeladenen Intrigenspiel zuzusehen, sondern auch weil es sich bei diesem Werk aus der frühen Hochphase von Fulcis Schaffen um einen seiner visuell schönsten und aufregendsten handelt.

Der Plot vereint, wie oben schon angedeutet, klassische Noir-Motive – Versicherungsbetrug und das In-die-Schuhe-Schieben eines Mordes – mit Anleihen bei Hitchcocks VERTIGO und dessen Vorliebe für den unschuldig Verfolgten. In UNA SULL’ALTRA trifft es Dr. George Dumurrier (Jean Sorel), den Chef einer mit finanziellen Probleme kämpfenden Privatklinik. Als seine wohlhabende, aber ungeliebte Gattin Susan (Marisa Mell) einer langjährigen Krankheit erliegt, scheint der Weg frei für seine Heirat mit der Modefotografin Jane (Elsa Martinelli), seiner langjährigen Geliebten. Dass Susan ihm außerdem eine Million Dollar vererbt hat, nimmt er zwar gern mit, wirft aber auch unangenehme Fragen und Zweifel an seiner Unschuld auf. Als er dann auf die Striptease-Tänzerin Monica Weston (Marisa Mell) aufmerksam gemacht wird, die Susan zum Verwechseln ähnlich sieht, verdichtet sich sein Verdacht, Opfer eines Komplotts geworden zu sein. Zu Recht, wie er erkennen muss, als er wegen Mordes in der Todeszelle landet …

Fulci erzählt seine Geschichte sehr geduldig und ruhig, weniger mit einem stetig ansteigenden Spannungsbogen als vielmehr mit einem sich im letzten Drittel des Films förmlich überschlagenden Handlungsverlauf, der den Protagonisten mit totaler Ohnmacht schlägt und ihm die Teilhabe am Ausgang der Geschichte aus den Händen nimmt. Die Auflösung, der der Zuschauer nicht direkt beiwohnt, sondern die ihm aus zweiter Hand, in Form des Berichts eines Reporters, serviert wird, verstärkt dies noch, lässt außerdem an das umstrittene Ende von Hitchcocks PSYCHO denken – der auffälligste erzählerische Kniff von NA SULL’ALTRA, aber bei Weitem nicht sein einziger. Noch aufregender als die Frage nach dem Täter ist es etwa, sich ganz der vielsagenden visuellen Gestatung hinzugeben. Fulci frönt nicht nur dem damals angesagten psychedelischen Look, er führt die Konflikte des Films auch in der von Gegenüberstellungen lebenden Bildgestaltung auf die Spitze: Immer wieder kämpfen da zwei Charaktere um die Dominanz im Bildkader, wird auch das Liebesspiel als latent aggressiv gezeichnet, nicht als erotisches Miteinander, sondern als ständiges Schwanken und Umstürzen der Kräfteverhältnisse. Schon wie Fulci Marisa Mell in Szene setzt, als ihre männlichen Partner förmlich überragende Naturgewalt, lässt erahnen, dass es für George nicht viel zu lachen geben wird. Nur die nicht minder erotische Elsa Martinelli kann ihr Einhalt gebieten, in einer lesbischen Szene, die den Höhepunkt des Films darstellt und deren erotisches Knistern sich langsam zu einem lautstarken Krachen ausweitet.

Auch wenn der reißerische deutsche Titel NACKT ÜBER LEICHEN es nicht unbedingt vermuten lässt: UNA SULL’ALTRA ist einer von Fulcis allerbesten Filmen. Er lässt den großen Stilisten erkennen und sollte alle, die bisher noch Zweifel an seinen enormen Fähigkeiten hatten, endgültig bekehren.

 

Ich bin beim Durchforsten der Titel der Warner Archive Collection auf den mir zuvor völlig unbekannten RAMPAGE (deutscher Titel: BRING SIE LEBEND HEIM oder auch IM BANNE DER ROTEN TIGERIN) gestoßen, dessen Covermotiv und Inhaltsangabe mich sofort für ihn eingenommen haben. Es geht um den Fallensteller Harry Stanton (Robert Mitchum), der von einem deutschen Zoo (eigentlich ist es der Zoo von San Diego) den Auftrag erhält, im Urwald von Malaysia „The Enchantress“, eine mythenumwobene Raubkatze, halb Leopard, halb Tiger, einzufangen. Ich versprach mir davon einen farbenfrohen – noch dazu vergessenen – Abenteuerfilm mit Fantasy-Einschlag, den man als Freund des abseitigen Films nur ins Herz schließen kann. Und dass auf dem Regiestuhl Phil Karlson saß, der u. a. den tollen Redneck-Actioner WALKING TALL und den rohen Rachefilm FRAMED zu verantworten hat, schadete auch nicht. RAMPAGE stammt noch aus einer Zeit, als auch den großen Filmstudios mal ein gnadenloser Heuler entfleuchte, den sie sich heutzutage längst nicht mehr erlauben würden – oder zumindest mit so viel Knete aufmotzen, bis er wie eines ihrer typischen Hochglanzprodukte aussieht. Karlsons Film fährt neben der namhaften Besetzung einiges an Schauwerten auf – gedreht wurde auf Hawaii –, kann aber zu keiner Sekunde verbergen, dass seine Wurzeln in der Groschenheft-Literatur liegen, das Drehbuch eilig auf einen Bierfilz gekritzelt wurde und das Budget auch eher karg war. Ich habe mich wirklich angestrengt, RAMPAGE zu mögen, aber es ist mir bis zum Schluss nicht gelungen.

Erzählt werden im Grunde zwei Geschichten, die sich gegenseitig spiegeln sollen, sich aber letztlich nur gegenseitig die Zeit wegnehmen. Hauptplot ist die Jagd auf „The Enchantress“ und zwei Tiger, auf die sich Harry zusammen mit dem reichen Großwildjäger Otto Abbot (Jack Hawkins) und dessen Jahrzehnte jüngerer Geliebte Anna (Elsa Martinelli) begibt. Harry ist der Meinung, dass es falsch ist, Tiere aus purer Lust zu töten, Otto hingegen vertritt die Ansicht, dass erst ein konserviertes, ausgestopftes Tier wahre, unvergängliche Schönheit verkörpert. Ihre beiden unterschiedlichen Haltungen treten auch in ihrer Stellung zu Anna zu Tage, die Harry sofort gefällt. Otto lernte die Frau als 14-jähriges Waisenkind kennen, nahm sie sofort zu sich und gab ihr einen neuen Namen, weil ihm der Klang ihres echten Geburtsnamens nicht gefiel – der Film verschleiert nicht die unangenehmen Implikationen, die mit dieser Geschichte einhergehen. Es ist klar: Auch sie ist nur ein Trophäe für ihn, mit deren Fang er sich brüstet. Dass Harry ihm gegenüber keinen Hehl daraus macht, dass er sie für sich gewinnen möchte, betrachtet er nicht als Affront, sondern als Bestätigung für seinen exzepttionellen Geschmack und als sportliche Herausforderung. Das ändert sich jedoch, als Anna ihm am Ende tatsächlich den Laufpass gibt und sich für Harry entscheidet: Da rastet Otto aus, lässt „The Enchantress“ frei und geht auf die titelgebende „Rampage“.

Der Film krankt vor allem an einem elendig umständlichen Drehbuch, das den Zuschauer mit einer halben Stunde Dialogexposition befrachtet, bevor er endlich im Urwald ankommt. Doch auch dann wird RAMPAGE nur geringfügig interessanter. Dass Harry und Anna zusammenfinden werden, ist schon früh beschlossene Sache, und auch die kleinen Konflikte, die ihnen in den Weg gelegt werden, sind stets als Klischees zu erkennen, die keine Folgen nach sich ziehen werden. Die Jagd auf die Tiger ist ebenso schnell abgefrühstückt wie die Suche nach „The Enchantress“, die sich leider als nur etwas angemalter Leopard entpuppt. Augenfällig ist auch, dass für aufwändige Tieraufnahmen oder Stunts, wie man sie etwa aus HATARI! kennt, kein Geld da war. Erst zum Finale hin kommt in Harrys Auseinandersetzung mit dem Fabeltier in einer Höhle und dem Schlusskampf gegen Otto auf nächtlichen Häuserdächern etwas Spannung auf, aber zu diesem Zeitpunkt hat man auch schon über eine Stunde darauf gewartet, dass irgendwas passiert. Auch die Charaktere sind flach und eindimensional, die Schauspieler bekommen fast nichts zu tun. Mitchum ist MItchum, Hawkins ein Ekel und die schöne Elsa Martinelli, die in LA RISAIA noch mit burschikoser Aufmüpfigkeit erotisierte, erinnert als vornehme Society-Dame mit weißemTeint tatsächlich an eine Mumie. Geradezu schmerzhaft ist es aber, wie mit Sabu umgegangen wird: Als 12-Jähriger für den Film ELEPHANT BOY entdeckt, bestätigte der gebürtige Inder seinen Publikums-Appeal in Zoltan Kordas THE DRUM, bevor er mit den Klassikern THE THIEF OF BAGDAD und JUNGLEBOOK zum Star avancierte. Es ist ein Beispiel für den damals vorherrschenden Alltagsrassimus, dass man mit ihm nicht mehr anzufangen wusste, als ihn immer wieder in Nebenrollen als agilen „Eingeborenen“ oder „Ausländer“ zu besetzen, und er ist gewiss auch nicht der erste Kinderstar, dessen Ruhm an der Schwelle zum Erwachsenwerden verblasste. Aber ihn hier, im Jahr seines tragischen Todes im Alter von nur 39 Jahren (posthum erschien noch A TIGER WALKS), in einer absolut unwürdigen Rolle als rassistisches Klischee des stets gutmütig grinsenden, den weißen Herrenmenschen sklavisch ergebenen, seine Ehefrau andienenden, lendenbeschürzten Urwaldbewohner zu sehen, erstickt noch den letzten Funken von goodwill, den man für RAMPAGE hatte.

Reisarbeiterinnen, die zweite. LA RISAIA bestätigt dabei den schon in LA DONNA DEL FIUME gewonnenen Eindruck, dass die einst ernsten Anliegen des Neorealismus Mitte der Fünfziger kaum mehr als Schutzbehauptung sind, unter deren Deckmantel man Erotik, Kitsch und Erbauung abliefern konnte. Aber wer will schon meckern, wenn er dafür der in Hotpants, abgeschnittenen Nylonstrümpfen und Top knietief im Wasser schwitzenden Elsa Martinelli zusehen darf? Schon die Hauptdarstellerin verrät den Wandel vom Protestfilm zum Schmachtfetzen, ersetzt sie den natürlichen, drallen Körperbau der Mangano doch mit einem gängigen Schönheitsidealen etsprechenden Modelkörper, das ungebändigte, natürliche Temperament durch die klischierte Zickigkeit und Unerreichbarkeit des konventionalisierten love interests.

LA RISAIA ist dann auch ein solch konventioneller Liebesfilm, dem die Arbeit auf den Reisfeldern nur noch als pittoresker Bildhintergrund dient. Die aus RISO AMARO bekannten Details werden kurz angerissen – die Rivalität unter den Arbeiterinnen, die durch einen Akt der Solidarität aufgelöst werden muss, die Umstände ihrer Unterbringung, die Beeinträchtigung der Gesundheit, die sie auf sich nehmen, die Härte, mit der jedes Versäumnis sich in der Kürzung des Lohns niederschlägt, die nächtliche Zerstreuung und die Suche nach dem richtigen, am besten wohlhabenden Mann –, geraten letztlich aber zugunsten einer Liebes- und Vater/Tochter-Geschichte ins Hintertreffen. In der Darstellung des Gutsbesitzers Pietro (Folco Lulli), auf dessen Feldern der Film spielt, wird die dem Neorealismus inhärente Gesellschaftskritik sozialistischer Schlagrichtung sogar förmlich auf den Kopf gestellt. Dass sein Reichtum auf der Ausbeutung der Arbeiterinnen beruht, adressiert Matarazzo kein einziges Mal, stattdessen macht er Pietro zum gutmütigen Menschenfreund, der versucht, vergangene Fehler wiedergutzumachen. Er stellt sich nämlich als leiblicher Vater Elenas (Elsa Martinelli) heraus und bemüht sich den ganzen Film über, eine Beziehung zu ihr aufzubauen, die sie in Unkenntnis seiner Identität jedoch ablehnt. Als er ihrem Liebhaber Gianni (Rik Battaglia), einen einfachen Automechaniker, Geld für eine Werkstatt schenkt, um so auch seiner Tochter eine bessere Zukunft zu gewähren, kommt es zum Konflikt, weil Gianni Peitro für Elenas heimlichen Geliebten hält. Am Ende erkennt Elena, wer dieser Pietro ist, sie verzeiht ihm, er geht für sie ins Gefängnis, Elena und Gianni können einer glücklichen Zukunft entgegensehen.

LA RISAIA mag der schwächste der von mir dieser Tage geschauten Italo-Melodramen sein, seine Emotionalität lässt dennoch nicht kalt. Das Eastmancolor-Spektakel schwelgt in sommerlicher Frische und vor allem die Rottöne knallen alles weg. Dann noch die antilopenhafte Grazilität der Martinelli und Folco Lullis melancholisches Brüten … hmmmmmm.

Hatari   1962Zwei verschiedene Ansätze des Filmemachens: Der eine beruht auf einem bis ins letzte Detail ausgetüftelten Drehbuch, das dann während der Dreharbeiten möglichst genau und ohne größere Improvisationen umgesetzt wird. Der Regisseur hat eine ganz genaue Vorstellung von dem, was am Ende auf der Leinwand zu sehen sein soll, und muss dafür Sorge tragen, dass seine Crew diese Vorstellung ohne Verlust in Bilder übersetzt. Beim anderen Ansatz steht am Anfang lediglich eine nur grob umrissene Idee, ein Bild, das dann während der an Urlaub mit Freunden erinnernden Dreharbeiten ausgearbeitet, ergänzt und mit Leben gefüllt wird. Die wichtigste Aufgabe des Regisseurs ist es hierbei, eine gute Stimmung zu kreieren, in der sich die Crew wohl fühlt und die nötige Spontaneität entwickelt, dabei aber gleichzeitig das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Die allermeisten großen filmischen Geniestreiche gründen wahrscheinlich auf einer Verbindung der beiden unterschiedlichen Ansätze, aber ich behaupte, die allerschönsten Filme – und es gibt nur wenige davon – entstehend auf die zweite Methode. Und HATARI! ist einer davon (ein anderer wäre etwa DONOVAN’S REEF).

Hawks‘ Film kreist um ein Team von Tierfängern im afrikanischen Tanganjika: der jungen Chefin Brandy (Michéle Girardon) unterstehen Sean Mercer (John Wayne), der deutsche Fahrer Kurt Müller (Hardy Krüger), der Witzbold Pockets (Red Buttons), „der Indianer“ (Bruce Cabot) sowie der Spanier Lopez (Valentin de Vargas). Sie arbeiten im Auftrag des Baseler Zoos, erleiden aber gleich zu Beginn beim Versuch, ein Nashorn einzufangen, einen Unfall, bei dem sich der Indianer verletzt und kurzfristig durch den Franzosen Chips (Gérard Blain) ersetzt werden muss. Die Ankunft der Tierfotografin Anna Maria D’Allessandro (Elsa Martinelli) sorgt zudem für Liebeswirren im Hauptquartier der Mannschaft: Vor allem Sean erwischt es schwer, doch er ist nicht in der Lage, sich seinem Schwarm zu offenbaren, der mehr und mehr die Geduld verliert …

Hawks wollte einen Film über Tierfänger in Afrika machen, recherchierte über deren Methoden und drehte dann zu allererst die heute absolut selbstmörderisch erscheinenden Actionszenen, in denen alle Darsteller selbst mitwirkten. Danach erst entstand das Drehbuch, das eigentlich nur einen sehr locker gesponnenen roten Faden bereitstellt. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Kameradschaft im Team, dem entspannten Miteinander seiner Mitglieder, der Lebensfreude, die sich auch auf den Zuschauer überträgt. Das heißt freilich nicht, das die hauchdünne Story nur Vorwand wäre: Im Gegenteil, die Geschichte der Liebe zwischen Sean und „Dallas“ funktioniert ausgezeichnet und ist voller Witz, gerade weil sie nicht überkonzipiert ist, sondern auf der Chemie der Darsteller und der pointierten Dialoge beruht. John Wayne hat sichtlich Spaß daran, einmal den Ahnungslosen zu geben, und das funktioniert auch deshalb so gut, weil er in allen Körpereinsatz erfordernden Szenen wieder einmal die absolute Souveränität und Autorität verkörpert. Die anderen Charaktere sind weniger greifbar, trotzdem möchte man auf sie nicht verzichten, weil sie alle ihren Beitrag zu lebendigen Atmosphäre leisten (vielleicht mit Ausnahme von Lopez, der meines Wissens nicht eine einzige Dialogzeile bekommen hat). Es macht einfach Spaß, an dieser Atmosphäre teilzuhaben, einzuziehen in die ausladende Lodge, mit den Freunden zu trinken, zu feiern, zu lachen – und am nächsten Tag wieder auf die Jagd zu gehen, den Atem eines gewaltigen Nashorns direkt neben dem Wagen zu hören. Das trägt tatsächlich auch über die üppige Spielzeit von 150 Minuten, die fast so schnell vergehen wie ein zweiwöchiger Erholungsurlaub es leider meist zu tun pflegt. Es bedarf eines mit allen Wassern gewaschenen Meisterregisseurs, um das so hinzubekommen. Ein Christopher Nolan hätte sich nach wenigen Drehtagen am erstbesten Affenbrotbaum aufgehängt – vorausgesetzt, John Wayne hätte ihn nicht schon vorher mit der Flinte in der Hand vom Set gejagt.

Heute ist ein Film wie HATARI! völlig undenkbar, nicht nur aufgrund der geltenden Tierschutzbestimmungen, die es – zum Glück! – verbieten, dass Filmteams in Afrika einfallen und auf Großwildjagd gehen. Den etwas bitteren Beigeschmack mildert man ab, indem man sich klarmacht, dass es eben andere Zeiten waren, in denen dieser Film entstand. Ein professioneller Großwildjäger fungierte als Ratgeber und war stets anwesend – außerdem vertraue ich darauf, dass Hawks‘ Beziehung zu den Tieren grundsätzlich respektvoll war. Das Alter des Films zeigt sich natürlich auch im romantischen Subplot oder generell im Miteinander von Mann und Frau. Wenn sich Pockets da nach der hübschen Brandy verzehrt, die er und Sean nach eigenen Angaben schon kannten, als sie noch ein Baby war, dann wirkt das auf den heutigen Betrachter schon etwas seltsam. Auch der hier bereits 55-jährige Wayne scheint nach heutigen Vorstellungen nur noch schwer als Love Interest für eine fast 30 Jahre jüngere Frau vermittelbar. Klar, mit seiner souveränen, völlig in sich ruhenden Art ist er bestimmt attraktiv, aber sein Sean Mercer hat wirklich überhaupt keine Ahnung, was Frauen wollen. Das grenzt schon an Analphabetismus. Aber es sind auch diese Anachronismen, die HATARI! zum filmischen Kurzurlaub werden lassen. Die Unschuld und Naivität, die hier – bei größtmöglichem Professionalismus wohlgemerkt – zum Ausdruck kommen, kann man heute, wo jeder Hollwood-Film auf höchste Effizienz hin optimiert ist, jede Sekunde perfekt genutzt wird und weder der Zuschauer noch die Figuren auf der Leinwand auch nur einen Augenblick Zeit bekommen, mal Luft zu holen und den Blick schweifen zu lassen, nur vermissen. Die Zeiten, in denen ein Regisseur mit seiner Crew nach Afrika fliegen und solch einen wie aus der Hüfte geschossenen Film drehen konnte, sind leider lange vorbei. HATARI! ist Kino.

Zur anstehenden Hochzeit von Leopoldo von Karnstein (Mel Ferrer) und Georgia Monteverdi (Elsa Martinelli) reist auch Leopoldos Cousine Carmilla (Annette Stroyberg) in das herrschaftliche Anwesen nach Rom. Ihrer Vorfahrin Mircalla sieht sie zum Verwechseln ähnlich: Man erzählt sich unter den angeblich von einer Vampirsippe abstammenden Karnsteins noch heute die Legende, Mircalla habe vor Jahrhunderten aus Eifersucht die Ehefrauen ihres Geliebten mit einem Fluch belegt und umgebracht. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen, als die in Leopoldo verliebte Carmilla bei einem im Vorfeld der Feierlichkeiten stattfindenden Feuerwerk die Grabkammer der Vampirin entdeckt und deren Geist offensichtlich Besitz von ihr ergreift …

Nach Sheridan Le Fanus Novelle „Carmilla“ inszenierte Roger Vadim ET MOURIR DE PLAISIR mit seiner damaligen Ehefrau Annette Stroyberg (als Annette Vadim) in der Rolle der eifersüchtigen Geliebten/Vampirin und in zauberhaften, von kraftvollen Farben bestimmten Bildern wild-düsterer Romantik. Es handelt sich nicht um eine werkgetreue Umsetzung, vielmehr wurden Motive und Handlungselemente aus der Vorlage in einen zeitgenössischen Rahmen verlegt. So spielt die Geschichte in Vadims Film in der Gegenwart und der Vampirfluch, der die Karnsteins einst beutelte, liegt weit in der Vergangenheit, erfährt aber eine ungeahnte Fortsetzung oder Wiederholung. Anders als die Adaptionen, die die Hammer Studios in den frühen Siebzigerjahren als „Karnstein-Trilogie“ produzierten (THE VAMPIRE LOVERS, LUST FOR A VAMPIRE und TWINS OF EVIL), verzichtet Vadim auf eine allzu grafische Darstellung von Gewalt und Sex, siedelt seinen Film stattdessen im sinnlichen Zwielicht zwischen Sehnsucht, Traum, Fantasie und Wahrheit an und wirft am Ende die Frage auf, ob Carmillas „Vampirismus“ nicht doch nur das Ergebnis einer überproduktiven Fantasie war.  Sie wirkt ein bisschen unreif in ihrer Liebe für den Kindheitsschwarm, ist extrem empfänglich für die Suggestionen der Karnstein-Legende, gefällt sich zudem in der Rolle des eifersüchtigen Vamps (no pun intended), der die schönen Frauen aus dem Weg räumt, die es auf ihren Leopoldo abgesehen haben. Vadim erzählt die Geschichte als Rückblende, es handelt sich um den bebilderten Bericht eines Arztes, den dieser im Flugzeug sitzend seinem Nachbarn gibt, und diese Strategie verstärkt noch ihren traumgleichen Charakter, den sie durch die opulente Bebilderung und den fragilen Score von Jean Prodromidés eh schon gewinnt. Man könnte fast sagen, Vadim mache sich zum Komplizen Carmillas, bilde nicht die Welt des Faktischen ab, sondern nehme ihre Perspektive ein, in der die Welt märchenhaft verzerrt ist. Fast zwangsläufig kommt es zu ihrer „Verwandlung“ während eines Kostümballs und Feuerwerks, also zu einem Zeitpunkt, in dem die Realität mit spielerischen Mitteln außer Kraft gesetzt wird. Und seinen visuellen Höhepunkt findet ET MOURIR DE PLAISIR konsequenterweise auch in einer Traumsequenz, die das damalige Publikum mit ihren auch heute noch gelungenen visuellen Effekten sicherlich beeindruckt haben dürfte.

Wer Vadim für einen nur mittelmäßig begabten Selbstdarsteller und Frauenheld hält, der wird sich aber auch von ET MOURIR DE PLAISIR kaum umstimmen lassen. Seine blonde Gattin passt optisch perfekt in die prominente Reihe seiner Ehefrauen und Geliebten (Brigitte Bardot, Catherine Deneuve, Jane Fonda), wird von ihm fetischistisch umgarnt und immer wieder ins rechte Licht gerückt. Man weiß nicht, ob ihn tatsächlich Sheridan Le Fanus Geschichte selbst reizte oder ob sie für ihn lediglich geeignete Bühne zur Darstellung seiner Gattin und Projektionsfläche seiner Begierden war. Mir ist das letztlich egal. Es mag lediglich seiner Entstehungszeit und den damals noch bestehenden Tabus in der filmischen Darstellung von Sex und Nacktheit geschuldet sein, dass ET MOURIR DE PLAISIR eher subtil erotisch statt schmierig und vordergründig wirkt, aber ich neige doch dazu, Vadim die für diesen Stoff nötige Sensibilität zuzugestehen. ET MOURIR DE PLAISIR zeichnet sich durch eine nur schwierig in Worte zu fassende, ätherische Qualität aus, die genau richtig ist und bei der Betrachtung fesselt, auch wenn gar nicht so furchtbar viel passiert. Und genau darum geht es im Film ja auch: Um das, was sich im Kopf abspielt, in den niemand hineinschauen kann. Auf der soeben erschienenen deutschen DVD dieses selten gesehenen und bislang nicht digital verfügbaren Filmes, lassen sich seine Schönheit und sein Mysterium dank prächtig leuchtender Farben auch im heimischen Wohnzimmer erleben.