Mit ‘Endzeit’ getaggte Beiträge

large_edjzjali1v5ps7dcmylt8cpf3dgDamals im Kino hatte Snake Plisskens gehauchtes „Nennen Sie mich Snake!“ schon für Begeisterungsstürme gereicht. Es war für mich, der altersbedingt nicht das Glück hatte, ESCAPE FROM NEW YORK im Kino sehen zu können, eines der schönsten Kinoerlebnisse überhaupt: Die damalige Kritik an ESCAPE FROM L.A. konnte ich zwar irgendwie nachvollziehen, aber gefühlt habe ich etwas anderes. Die gestrige Sichtung des Films auf Blu-ray, auf der er in den schönsten Farben erstrahlt, die famose Kameraarbeit von Gary B. Kibbe und die tolle Setdesigns zum Leuchten bringt, schloss direkt an die Kinoerfahrung von einst an und machte mir schlagartig wieder klar, wie toll dieses Sequel tatsächlich ist. John Carpenter ist damit meines Erachtens etwas ganz Besonderes gelungen: Er hat eine Fortsetzung geschaffen, die der seit dem Original vergangenen Zeit unverkennbar Rechnung trägt, ein Update, das der neuen Epoche angemessen und kein schnödes Retrogedöns ist, aber dabei dennoch vom selben Schrot und Korn. ESCAPE FROM L.A. ist bunter, witziger, bescheuerter und überdrehter als der Vorgänger, aber darunter schlägt immer noch das Herz des liberalen Zynikers, der mit Western aufgewachsen ist und das Genrekino liebt, der Autoritäten gegenüber skeptisch ist und mit dem Underdog mitfiebert.

ESCAPE FROM L.A. stellt inhaltlich eher eine Variation des Vorgängers dar als eine Fortsetzung, aber das Gefühl des „Been there, done that“, das damit einhergeht, unterstreicht noch einmal Carpenters Skeptizismus und Snakes Müdigkeit. Der Antiheld hat einfach nur die Schnauze voll von den immer gleichen Täuschungsmanövern und leeren Politikervrsprechungen. Der angry young man aus dem ersten Teil ist nun ein mit allen Abwassern gewaschener Veteran, seine Mission ein going through the motions. Was ihn am Laufen hält, ist sein Überlebenswille, insofern haben ihn seine Auftraggeber – Stacey Keach in der Lee-van-Cleef-, Cliff Robertson in der Donald-Pleasence-Rolle – genau richtig eingeschätzt, als sie ihm ein tödliche Injektion als Druckmittel verpasst haben. Plissken macht mit, aber eigentlich nur, um zu überleben, und seinen Peinigern am Ende vielleicht doch gepflegt in den Arsch treten zu können. Das Kriegsgebiet ist kein düsteres Loch mehr, sondern ein durch ein Erdbeben vom Rest der USA abgekoppeltes L.A., das nun als Exil für all jene fungiert, die gegen die Moral der neuen Spießernation verstoßen. Was man schon zwischen den Zeilen von ESCAPE FROM NEW YORK herauslesen konnte, das es Drinnen nämlich vielleicht besser ist als Draußen, wird hier zur Gewissheit und von einer Figur, der unglücksseligen Taslima (Valeria Golino), sogar expliziert – kurz bevor sie in der bittersten Szene des Films – einer Schlüsselszene – wie aus dem Nichts erschossen wird. Das L.A. aus Carpenters Film setzt dem spießigen Gottesstaat zwar eine kunterbunte Utopie voller durchgeknallter Individualisten entgegen, unter denen sich auch Hippie-Gottvater Peter Fonda als Surfer auf der Suche nach der ultimativen Welle wohl fühlt, aber die Kehrseite ist eine anarchische Gesellschaft, in der es keinerlei Rücksichtnahme mehr gibt und jedem Impuls nachgegeben wird – zum Beispiel jenem sich chrirgisch bsi zur Unkenttlichkeit zu verstümmeln. Am Ende kommt Plissken zum einzig logischen Schluss, nämlich dem, dass die Menschheit insgesamt keine Rettung verdient hat. Nach den Ereignissen der letzten Monate und Wochen muss man anerkennen, dass Carpenters Film 20 Jahre nach seinem Erscheinen erstaunlich zeitgemäß anmutet. Und dass, wo man ihn damals eigentlich schon zum Start als instantly dated diffamiert hat.

Grund waren nicht zuletzt die mäßig überzeugenden CGI und der Rückgriff Carpenters auf Mittel, die er schon zwanzig Jahre zuvor für sich genutzt hatte. ESCAPE FROM L.A. hat eine geradezu unverschämt dilettantisch animierte U-Boot-Fahrt komplett mit hektisch ins Bild schnappenden Riesenhaien zu bieten, dazu die schon im Original erprobte Ausleuchtung, die jeden Originalschauplatz in eine wunderbar künstlich aussehende Theaterkulisse verwandelt, herrlich übertriebene Matte Paintings und einen Actionshowdown, in dem die Helden an Seilen ins Bild geschwebt kommen und Rabatz machen. Schon erstaunlich dass man das in den Neunzigern, dem Jahrzehnt der Ironie und der bequemen Flucht auf sichere Metaebenen, nicht verstand, dem Film einen billigen Look unterstellte und Carpenters künstlerische Instinkte in Zweifel zog. Natürlich passt das alles wie Arsch auf Eimer und unterscheidet sich vom weithin geliebten Vorgänger nur oberflächlich. Klar, der war das logische Resultat einer Zeit gewesen, in der man sich vor dem Dritte Weltkrieg fürchtete, das unaufhaltsame Ansteigen urbanen Verbrechens beklagte und „No Future“ deklamierte, und dementsprechend düster. Bei ESCAPE FROM L.A. amüsiert man sich hingegen zu Tode: Das sieht etwas bunter aus, aber das Resultat ist dasselbe. Meiner bescheidenen Meinung nach ist dies Carpenters bester Film seit THEY LIVE und damit noch deutlich stärker als der gemeinhin überschätzte IN THE MOUTH OF MADNESS.

 

escape-from-new-york-posterIch beginne mit einer fürchterlich ketzerischen Aussage: Gemessen an dem, was ESCAPE FROM NEW YORK in den ersten Sekunden für eine Prämisse aufbaut, ist der Film eine fürchterliche Enttäuschung. Das Gefängnis Manhattan, laut Vorspann ein Kriegsgebiet, in dem sich der Abschaum der USA gegenseitig die Köpfe einschlägt, ist bis auf ein paar verdreckte Penner nahezu völlig entvölkert und Ghetto-Zaren wie der Duke laufen in den Blaxploitation-Filmen der Siebziger eigentlich in jeder amerikanischen Stadt herum. Carpenters hätte streng genommen ein deutlich größeres Budget gebraucht, um seine Vision adäqaut zum Leben zu erwecken. So konnte er es sich noch nicht einmal leisten, tatsächlich in New York zu drehen: Bis auf ganz wenige Szenen diente St. Louis als Stand-in für die Ostküstenmetropole. ESCAPE FROM NEW YORK wirkt klein und beengt, eine Low-Budget-Affäre, die deutlich mehr abbeißt, als sie kauen kann, wenn man so will.

Bevor ich jetzt aber vom aufgebrachten Internetmob zur Schlachtung freigegeben werde, sei gesagt, dass diese Mängel dem Film kein bisschen schaden.Im Gegenteil. ESCAPE FROM NEW YORK ist natürlich super, einer der besten Filme aller Zeiten, und er schafft das fast ausschließlich über die Etablierung einer schwer zu beschreibenden Atmosphäre und seines glorios abgefuckten Helden. Carpenter hat gleich in mehrerer Hinsicht einen ziemlich zynischen Kommentar zur präapokalyptischen Welt der Achtzigerjahre abgegeben: Der Staat hat vor dem amoklaufenden Verbrechen vollends kapituliert, eine seiner größten Städte aufgegeben, nun macht er das Schicksal der Menscheit auch noch von einem Mann abhängig, dem alles scheißegal ist. Lee van Cleef stattet seinen Hauk mit der adleräugigen Selbstsicherheit eines ehemaligen Revolverhelden aus, aber im Grunde genommen ist dieser Mann eine lame duck: Er kann noch so sehr den autoritären Macker raushängen lassen, er ist voll und ganz auf das commitment eines Mannes angewiesen, dem Loyalität rein gar nichts bedeutet.

Carpenter lässt nur wenig Zweifel daran, dass das Leben auf der Gefängnisinsel Manhattan dem da draußen eigentlich vorzuziehen ist. Es ist nicht zwingend besser, genau genommen sogar ziemlich jämmerlich, aber immerhin weiß man dort, was man zu erwarten hat. Wenn Hauk in einer eisigen Morgendämmerung auf der Mauer steht und nach Manhattan hinüberschaut, kann man fast Neid in seinen Blick hineinlesen. Die Welt da draußen, zumindest das, was man von ihr mitbekommt, macht in der Tat nur wenig Hoffnung: Der Präsident, der die Geschicke des Landes lenken soll, ist ein rückgratloser Wurm, es wird verraten und manipuliert, die Bevölkerung von oben herab in zwei Klassen geteilt, einer quasi das Lebensrecht abgesprochen. Snake Plissken passt eigentlich weder in die eine noch die andere: Das Leben als Knecht ist lohischerweise nichts für ihn, aber die albernen Spielchen, die da draußen gespielt werdem, noch viel weniger. Nun muss er bei einem dieser Spielchen mitmachen und der Missmut und Widerwille, mit der er seiner Mission nachgeht, trägt den Film. Über der Düsternis des Films vergisst man manchmal, dass er eigentlich saukomisch ist. Genauso wichtig ist Carpenters Geschick, eine Welt im Kopf des Betrachters entstehen zu lassen, mehr als im Bild. ESCAPE FROM NEW YORK verdankt seinen anhaltenden Kultstatus nicht nur Russells Snake, sondern vor allem der Tatsache, dass dieser Film wie nur wenige andere die Fantasie anregen. Dass das New York, das man hier sieht, vergleichsweise unspektakulär rüberkommt, gehört zwingend dazu. Bei aller Abgefucktheit: Es steckt eine Art kindlicher Naivität, Freude und Neugier in diesem Film, die in dieser Reinheit absolut einzigartig sind. ESCAPE FROM NEW YORK ist ein einziger Glücksfall, über den man entweder stundenlang sprechen muss oder aber genießerisch schweigen kann. Paradoxe Perfektion.

Ich glaube übrigens, unser damaliger Himmelhunde-Text war einer unserer besten.

the20standln den Achtzigerjahren, als sich die Stephen-King-Verfilmungen die Klinke der Kinosäle in die Hand gaben, waren George A. Romero und John Boorman im Gespräch gewesen, die Verfilmung von Kings epischem Tausendseiter über das Ende der Welt und den anschließenden Kampf von Gut und Böse bzw. Gott und Teufel zu übernehmen, bis man sich dann in einem Anfall der Vernunft darauf einigte, den Roman als „unverfilmbar“ zu erklären und das Projekt zu canceln. Die Idee, die Vorlage als insgesamt rund achtstündige TV-Miniserie umzusetzen, war angesichts des Romanumfangs naheliegend, doch nach der Sichtung der auf sechs Stunden eingedampften Heimkino-Version, würde ich behaupten, man hätte das ursprüngliche Urteil beherzigen und die Finger von dem Stoff lassen sollen. Für den TV-Sender ABC lohnte sich das Mammut-Unternehmen indessen: Die Fernsehausstrahlung erreichte Rekordquoten, doch künstlerisch bleibt die Serie hinter den Erwartungen weit zurück und mutet 20 Jahre später reichlich überkommen und bisweilen geradezu schmerzhaft kitschig und banal an.

Dabei ist der Auftakt sehr gut gelungen: Zu den Klängen von Blue Öyster Cults „(Don’t fear) The Reaper“schwebt die Kamera schwerelos durch die Räumlichkeiten einer Militärbasis und fängt beiläufig die leblosen Opfer eines ausgebrochenen Virus ein, der wenig später fast die gesamte Population der USA hinwegrafft. Nur ein paar Menschen, die aus unerfindlichen Gründen immun sind, überleben und werden infolge von Visionen heimgesucht, in denen sie entweder von einer hutzeligen, 106-jährigen schwarzen Oma namens Abagail Freemantle (Ruby Dee) oder aber von Randall Flagg (Jamey Sheridan), einem teuflischen Verführer mit Jeansjacke, Cowboystiefeln und Michael-Bolton-Gedächtnisfrisur, gerufen werden. Die ersten beiden Episoden beschäftigen sich mit dem Zusammenbruch der stolzen Nation und mit den Protagonisten, die ihren Träumen folgen und sich dann in den Episoden 3 und 4 für das titelgebende „letzte Gefecht“ formieren. Was sich wie oben erwähnt ganz schön anlässt, versumpft zusehends in der schmucklosen Inszenierung, die vor allem damit beschäftigt ist, die ausufernde, aber redundante Handlung (von Stephen King höchstselbst fürs Fernsehen adaptiert) unterzubringen. Es bleibt vor lauter Geschäftigkeit kaum Zeit, den Blick einmal schweifen, die Figuren zu Atem kommen zu lassen, und trotzdem hat man ständig das Gefühl, etwas Wichtiges verpasst zu haben. Je näher THE STAND seinem Ende kommt, umso banaler und vor allem kitschiger und klischierter wird der Film: Nirgends wird das deutlicher als in der Figur Randall Flaggs, der mit seiner Sprücheklopferei wie eine verspätete Freddy-Krueger-Variante anmutet, sich zu allem Überfluss auch noch mithilfe mieser Morphingeffekte in einen Teufel mit Gummihörnern verwandelt und nie die Bedrohlichkeit ausstrahlt, die das Script ihm zuweist. Auf der anderen Seite strapazieren die in ihrer Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen, überaus unsympathischen „Guten“ mit ihrem unablässigen Gerede über den lieben Gott und die Vorhersehung die Geduld weniger gläubiger Zuschauer. Das alles wäre noch zu verkraften, wenn THE STAND irgendwohin führte, aber das Finale, in dem die Hand Gottes als preiswerter Visual Effect vom Himmel herabsinkt, der Teufel sich in einer Krähe verwandelt, um den Abflug zu machen, und Las Vegas als Brutstätte des Bösen (gähn!) am Horizont in einer Explosion untergeht, lässt sich nach sechs Stunden nur als maßlose Enttäuschung bezeichnen. Dass dann immer noch nicht Schluss ist, im Finale mit rührseligen Überblendungen und einer Montage der auf dem Weg Verblichenen alle Register des Schnulzenmelodrams gezogen werden, schlägt dem Fass endgültig den Boden aus.

Ich will einräumen, dass die ursprüngliche Langfassung möglicherweise weniger holprig ist, aber ich habe da meine Zweifel. Das einzige, was mich davon abhält, von einer totalen Zeitverschwendung zu sprechen, ist neben dem erwähnt schönen Auftakt die wirklich tolle Besetzung. Neben den Hauptakteuren Gary Sinise, Rob Lowe, Molly Ringwald, Adam Storke, Ray Walston, Ossie Davis, Bill Fagerbakke und Ruby Dee aufseiten der Guten sowie Miguel Ferrer, Matt Frewer, Corin Nemec, Laura San Giacomo, Shawnee Smith und eben Jamey Sheridan als Bösewichter treten auch solche Darsteller wie Ed Harris, Kathy Bates, Howard Sherman oder Kareem Abdul-Jabbar auf, absolvieren u. a. Stephen King, John Landis, Sam Raimi und Tom Holland Gastauftritte. Es wurde gewiss ein immenser Aufwand betrieben, aber man vermisst einen freieren Umgang mit dem vorliegenden Script an allen Ecken und Enden. Wer Film in erster Linie als visuelles Abarbeiten von Handlung und Plot betrachtet, für den mag THE STAND in der vorliegenden Form adäquat sein, aber ich glaube, die 30 Millionen, die die Produktion verschlungen hat, hätte man um Einiges besser anlegen können.

 

ravagersEiner der letzten Endzeitfilme vor dem Paradigmenwechsel von MAD MAX. Hier ist die Postapokalypse noch kein sandiger Abenteuerspielplatz für Loner mit blauem Stahl im Blick, sondern Zustand der Depression, den man auf verschiedenste Art und Weise hinter sich zu bringen trachtet. Falk (Richard Harris) lebt mit seiner Geliebten Miriam (Alana Stewart) zusammen, durchkämmt die umliegenden Ruinen nach Essbarem, während sie von einem Ort namens „Genesis“ träumt, an dem die Erde neu entstehen soll. Die titelgebenden Ravagers hingegen sind eine marodierende Bande, die einem rattengesichtigen Anführer (Anthony James) folgt, alles ihnen über den Weg laufende Leben auslöscht, plündert und vergewaltigt. Natürlich finden sie auch Falks Unterschlupf und bringen Miriam um, worauf er sich erst auf Rachetour und dann auf Wanderschaft begibt. Auch wenn er die Idee von Genesis für eine Spinnerei Miriams hält: Die Idee geht ihm nicht aus dem Kopf. Als ihm ein in einer riesigen Hippiekommune lebender Mann zwei reife Äpfel überreicht, erhält der Glaube an einen Neuanfang der Erde neue Nahrung.

Auch wenn RAVAGERS der allerletzte Kick fehlt – nach starkem Auftakt versandet der Film etwas in der Sentimentalität, die die Spezialität des traurig dreinblickenden Iren Richard Harris ist -, so ist er doch wunderschön anzusehen. Ohne visuelle Effekte, Matte Paintings oder im Studio hochgezogene Kulissen entwirft Compton seine postapokalyptische Welt mithilfe verfallener Industriekomplexe, verlassener Orte und unwirtlicher Herbstlandschaften. Rostige Stahl- und rauchige Backsteinfassaden, moderige Holzverschläge, lehmige Mulden und tropfende Felswände in wunderschönen Braun-, Grau- und schmutzigen Grüntönen verleihen dem Film einen herrlich verwitterten Look und detailreiche Texturen, an denen ich mich kaum sattsehen konnte. Inhaltlich bietet RAVAGERS hingegen nur wenig Neues. Mehr als an die naheliegenden Verwandten fühlte ich mich an George A. Romeros DAWN OF THE DEAD erinnert, dessen letzten Akt RAVAGERS im Finale nahezu deckungsgleich spiegelt. Falk findet einige Überlebende, die sich auf einem riesigen Schiff mit funktionierender Elektrizität, unerschöpflichen Lebensmittelvorräten und zahlreichen weiteren Annehmlichkeiten niedergelassen haben. Das einzige Problem: Es gibt keine Freiheit, ihr Anführer Rann (Ernest Borgnine) regiert mit eiserner Hand und duldet keine Abweichler. Als die Ravagers, die Falk gefolgt sind, das Schiff stürmen, ist es Schluss mit der bequemen Luxusfestung.

Das große Problem von RAVAGERS scheint mir das Drehbuch zu sein: Langweilig wird Comptons Film nie, aber er versäumt es, sich auf einen zentralen Konflikt zu konzentrieren. Zu Beginn scheint es, als ginge es um die Konfrontation zwischen Falk und den Ravagers, doch dann treten letztere über weite Strecken des Films in den Hintergrund. Es wird einfach zu viel Zeit auf Handlungsabschnitte verwendet, die nebensächlich bleiben sollten, und der große Showdown wirkt wie in letzter Sekunde nachgereicht. Woody Strode und vor allem Ernest Borgnine werten RAVAGERS mit ihrer schieren Präsenz enorm auf, bekommen aber kaum mehr als eine handvoll Szenen in den letzten 15, 20 Minuten. Stattdessen nimmt Falks Beziehung zum wirren Sergeant (Art Carney) und der schönen Faina (Ann Turkel) breiten Raum ein, der nicht wirklich gerechtfertigt ist. Trotzdem ist RAVAGERS ein sehenswerter und kurzweiliger Vertreter des Siebzigerjahre-Endzeitfilms, den man bei der Suche allerdings nicht mit Eddie Romeros gleichnamigem Kriegsfilm aus dem Jahr 1965 verwechseln sollte, der bizarrerweise auch noch denselben deutschen Verleihtitel trägt: ZUM ÜBERLEBEN VERDAMMT. An den Kinokassen fiel RAVAGERS leider durch. Die Filmkarriere Comptons, die mit WELCOME HOME, SOLDIER BOYS und dem Überraschungshit MACON COUNTY LINE überaus vielversprechend begonnen hatte, war danach beendet. Bis zu seinem Tod im Jahr 2007 drehte er ausschließlich fürs Fernsehen, war dabei aber immens produktiv.

 

183661Mir fällt gerade kein guter Einstieg ein, deshalb beginne ich mal mit der Prämisse des Films: In nicht allzu ferner Zukunft rast der Überrest der Menschheit in einem riesigen gepanzerten Zug über die unter Schnee und Eis begrabene Erdoberfläche. Man wollte eigentlich nur der Erderwärmung Einhalt gebieten, stattdessen leitete man ein neue Eiszeit ein. Führer des Zugs ist der sagenumwobene Erfinder und Unternehmer Wilford (Ed Harris): Er sitzt an der Spitze und kontrolliert die Geschicke aller Passagiere, deren Dasein immer trost- und hoffnungsloser wird, je näher sie am hinteren Ende des Zuges platziert sind. Unter diesen Geschundenen befindet sich auch Curtis (Chris Evans), der gemeinsam mit dem greisen Krüppel Gilliam (John Hurt) eine Revolte plant. Zusammen mit den anderen armen Teufeln und im Verbund mit dem Schlossknacker Nam (Kang-ho Song) wollen sie an die Spitze des Zuges stürmen und ihn in ihren Besitz bringen.

SNOWPIERCER ist sogenanntes High-Concept-Kino, was zunächst einmal bedeutet, dass es nur wenig Luft für Überraschungen, Improvisationen, Leichtigkeit, Exkurse oder Müßiggang gibt. Der Film erinnert in seiner offensichtlich gleichnishaften dystopischen Erzählung stark an prämillenniale Filme à la CUBE, THE MATRIX oder FIGHT CLUB: Natürlich geht es nicht bloß um Machtkämpfchen an Bord eines Zuges, sondern um gesellschaftliche Klassenunterschiede, darum, wie das bestehende System von den Mächtigen am Leben gehalten wird, wie und ob man es von Innen heraus zersetzen kann, sowie um epistemologische Probleme wie Perspektivität oder Kontextwissen. Dass man das Geschehen solchermaßen auf eine höhere Ebene hieven soll, kommuniziert der Film in seiner ganzen Form bereits mit. Demnach dürften auch nur die naivsten Filmseher am Ende überrascht sein, wenn Curtis feststellen muss, dass er gar nicht gegen das System gekämpft hat, sondern dass seine Rebellion auch nur Teil eines Spiels war, dessen Rahmenbedingungen er nicht überblicken konnte. Die armen Teufel am Zugende werden nicht etwa aus Grausamkeit oder Willkür geknechtet und hingerichtet, sondern um das fragile „Ökosystem“ an Bord zu erhalten, und ein Mittel, den „Bestand“ zu regulieren, ist eben auch eine von oben gesteuerte oder zumindest geduldete Revolte.

SNOWPIERCER bedient sich, das ahnt man schon, wenn man hört, dass sich da jemand vom hinteren Abteil eines Zuges zur Lok vorkämpfen soll, einer Videospieldramaturgie: Der Weg Richtung Zugführer wird durch die verschiedenen Abteile, die durchquert werden müssen, in Level aufgeteilt, die immer größere Herausforderungen stellen. Auch visuell verändert sich der Film mit laufender Spieldauer: Die schmutziggrauen Quartiere der Sklaven weichen bald freundlicheren, gar farbenfroh eingerichteten Wagons, bevor man die klaustrophobische Enge der Arche auf Schienen in den letzten Sekunden von SNOWPIERCER schließlich ganz verlässt. Und je näher Curtis seinem Zeil kommt, umso näher rückt nicht nur die Enttarnung des mysteriösen Wilford, sondern auch die des Helden selbst, der seinerseits ein dunkles Geheimnis mit sich herumschleppt. Das Drehbuch von Bong Joon-hos Films ist lehrbuchmäßig konstruiert, kreiert immer wieder Szenen, die sich rückblickend als Vorwegnahmen des Endes entpuppen, lässt alle zunächst lose scheinenden Teile am Schluss wie durch ein Wunder an ihren Platz fallen, wo sie sich dann zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammenfügen. Das kann man durchaus honorieren oder bewundern, aber es macht den Film eben auch sehr steif und rigide – und ironischerweise zu einer Maschine, die ähnlich rücksichtslos voranprescht wie der titelgebende, monströse Zug. Ich hatte das vor nicht allzu langer Zeit schon einmal bei INCEPTION: Alles ist dem größeren Sinn unterworfen, noch jedes Detail muss irgendeine Bedeutung im großen Ganzen haben. Bei SNOWPIERCER habe ich das zwar als nicht ganz so unangenehm empfunden, weil Bong Joon-ho ein sehr viel besserer Regisseur ist als Christopher Nolan, aber wenn man seine Filme GWOEMUL oder SALINUI CHUEOK kennt (beide ebenfalls mit Kang-ho Song), dann weiß man, wie sehr er hier vom Script eingeschnürt wurde. Das ist aber nicht das einzige Problem, das ich mit dem Film habe: Je nach Lesart ist SNOWPIERCER mir seinem Die-da-oben-wir-hier-unten-Manichäismus entweder politisch naiv oder aber furchtbar schicksalsgläubig und religiös. Und beides beißt sich heftig mit seiner äußeren Form.





 

2020texasgladiators-media1Vier Typen – darunter Al Cliver, Harrison Muller jr. und Daniel Stephen – mit freien, ölig glänzenden Oberkörpern, umgehängten Patronengurten und dicken Knarren räumen in einem modrigen Gewölbe auf, in dem ein paar grunzende Mutanten in Priesterroben über ein paar unschuldige Frauen herfallen. Die Kerle entpuppen sich als postapokalyptische Texas Rangers, die nach überstandener Mission einen der ihren kurzerhand rausschmeißen müssen: Als „Catch Dog“ (Daniel Stephen) die leicht bekleidete Maida (Sabrina Siani) erblickt, gehen mit ihm nämlich sogleich die brunftigen Gäule durch, bricht der Vergewaltige in ihm aus. Er zieht brummig von dannen, die dankbare Blonde macht indes dem heldenhaften Nisus (Al Cliver) das Angebot, sie in ihre Heimat zu begleiten, wo ihr Vater damit beschäftigt ist, eine neue Zivilisation aufzubauen. Nisus sagt nach nur kurzem Zögern spontan zu, obwohl es eben noch so schien, als sei sein Job als Gesetzeshüter eine Lebensaufgabe, von der ihn nichts, schon gar nicht eine leicht beschränkt guckende Blondine, abhalten könne.

Ein Voice-over untermalt anschließend die naiv-utopischen Bilder von lachenden, vollauf zufriedenen Menschen, die geschäftig  an einem Kraftwerk im Nichts herumschrauben, das der neue Ursprung allen neuen Lebens sein soll. Nisus, der die rechte Hand von Maidas Papa geworden ist, trägt eine Latzhose und wird immer gerufen, wenn irgendein Tölpel sich an einem zu weit geöffneten Ventil verbrüht hat. Aber das sind nur geringe Sorgen im Vergleich zu dem, was bevorsteht: Die Regierungsfaschos – unter ihnen sowohl der nazieske Anführer (Donal O’Brien) als auch der verräterische Catch Dog – greifen die Anlage an, killen Nisus, machen die braven Utopisten zu ihren Gefangenen und benehmen sich danach wie die Axt im Walde. Aber Nisus‘ Ranger-Kumpel bekommen Wind von der Sache und eilen, ein paar Indianer im Schlepptau, zu Hilfe.

ANNO 2020 – I GLADIATORI DEL FUTURO ist fast noch geiler als D’Amatos auch schon überaus vergnüglicher ENDGAME – BRONX LOTTA FINALE: Ich würde sogar so weit gehen, die Idee, die im Endzeitfilm einverleibten Western-Anleihen wieder nach außen zu kehren, als genial zu bezeichnen (Isaac Florentine hat das 15 Jahre später in COLD HARVEST auf die Spitze getrieben). Wenn am Ende die Indianer (= italienische Pastaliebhaber mit Perücken) hoch zu Pferde und mit Flitzebogen bewaffnet in die Schlacht reiten, die für Kugeln undurchdringlichen „Hitzeschilder“ der feindlichen Armeen mit ihren Pfeilen mühelos durchschlagen, ist das nur der Höhepunkt eines Films, der seine Wildwest-Allusionen mit großer Lust ausformuliert. Einen Kniff wie den, den vermeintlichen Protagonisten nach einer guten halben Stunde aus dem Film zu nehmen, würde ich an dieser Stelle zwar nicht unbedingt mit Hitchcock in Verbindung bringen wollen, aber auch das ist so eine Idee, die dem Billigheimer über die Runden hilft. Mit ENDGAME teilt er indes das Manko etwas gleichförmiger und unspektakulärer Actionszenen: Glaubt man der IMDb, war für sie D’Amato verantworlich, während ein ungenannt bleibender Luigi Montefiori aka George Eastman den Rest besorgte. Ob das so stimmt, kann ich nicht beurteilen, was ich aber mit Bestimmtheit sagen kann, ist dass ANNO 2020 – I GLADIATORI DEL FUTURO eine der Überraschungen meines bisherigen Filmmonats ist.

tc90-3In einer postapokalyptischen Zukunft bevölkern Mutanten den Untergrund, während die Menschen „oben“ einer brutalen Gameshow folgen, in der sich ein Gejagter in einem Kampf um Leben und Tod gegen drei Jäger durchsetzen muss. Im Verlauf der neuesten Ausgabe, bei der der amtierende Champion Ron Shannon (Al Cliver) auf seinen Jugendfreund und erbitterten Rivalen Kurt Karnak (George Eastman) trifft, verübt der faschistoide Zukunftsstaat in Vertretung durch Colonel Morgan (Gordon Mitchell) einen Schlag gegen die Mutanten. Deren Anführerin, eine telepathisch begabte Mutantin namens Lilith (Laura Gemser), nimmt Kontakt zu Shannon auf und bittet ihn um Hilfe: Er soll sie und ihre Freunde aus der Stadt und in Sicherheit bringen ..

Joe D’Amatos Beitrag zum Endzeitfilm orientiert sich, wie Fulcis zuletzt besprochener I GUERRIERI DELL’ANNO 2072, an der Brot-und-Spiele- und Menschenjagd-Prämisse für die Norman Jewisons ROLLERBALL und Tom Toelles DAS MILLIONENSPIEL als Vorbilder dienen, aber nur während des Eröffnungsdrittels. Der Sieger der Gameshow ist schnell ermittelt und ENDGAME schlägt neue Pfade ein. Die folgende Geschichte, die man dann als MAD MAX 2-Variante mit leicht übersinnlichen Elementen bezeichnen kann (das geile Finale erinnert an Telekinese-Schocker wie CARRIE, THE FURY oder SCANNER) gewinnt zwar ebensowenig einen Originalitätspreis wie der Auftakt, aber es ist eben diese muntere Mischung der einzelnen Elemente – und natürlich die gleichermaßen billige wie liebevolle Ausstattung – die dafür sorgt, dass ENDGAME nicht langweilig wird. D’Amato, der sich in anderen Filmen ja eher um die Entdeckung der Langsamkeit verdient gemacht hat und ein Meister der in die Länge gezogenen Banalität ist, schmeißt hier eine Idee nach der anderen an die Wand, ohne sich allzu lang mit jeder einzelnen aufzuhalten.

Eine dieser schönen Ideen sind die Mutationen, denen die Protagonisten auf ihrer Reise begegnen, Tiermenschen, die mit Affengesichtern oder Schuppenbewuchs an unsere Ursprünge „vor Hunderten von Millionen von Jahren“ erinnern, wie der enthusiasmierte Wissenschaftler Dr. Levin (Dino Conti) diagnostiziert. Shannon ist da eher pragmatisch: Ganz interessant, aber können wir jetzt bitte weiterfahren? Ungefähr so geht auch D’Amato an das Drehbuch heran. Irgendwann wird die schöne Lilith von einem dicken Fischmenschen vergewaltigt, in der einen obligatorischen Nacktszene, um die die schöne Laura Gemser damals wahrscheinlich einfach nicht herumkam, und man erwartet entsprechende Folgeerscheinungen, die Geburt eines Fischstäbchens o. ä., aber es passiert nicht. Eher vorhersehbar ist der Ausgang der Rivalität zwischen Shannon und Karnak, die dem Film aber dafür ein spitzenmäßiges Freeze-Frame-Ende beschert. ENDGAME hat mich total überzeugt, selbst wenn D’Amato sicher nicht der größte Actionregisseur vor dem Herrn ist. Die breit ausgewalzten Ballereien sind immer etwas ermüdend, weil ohne die ganz große Kinetik inszeniert, aber man kann sich eben sicher sein, dass kurz darauf wieder irgendwas passiert, was einem besser gefällt, wie zum Beispiel die Auftritte der Staatstruppen, deren Uniformen eine Mischung aus SS-Chic und Darth-Vader-Hommage darstellen, oder der Frauen mit dem Ledergeschirr und den Hängebrüsten, die den Fischmann begleiten. Die tollste Szene ist aber die mit dem dicken Kovack (Mario Pedone), der von den Bösen in Beton eingemauert wird, sodass nur noch Kopf und Hände herausgucken. Für den armen Tropf gibt es keine Hoffnung mehr, also geht Karnak hin, um ihn zu erlösen. Er macht das auf die prosaische Art: Indem er ihm den Kopf um 180 Grad verdreht. Handwerk à la D’Amato.