Mit ‘Endzeit’ getaggte Beiträge

tc90-3In einer postapokalyptischen Zukunft bevölkern Mutanten den Untergrund, während die Menschen „oben“ einer brutalen Gameshow folgen, in der sich ein Gejagter in einem Kampf um Leben und Tod gegen drei Jäger durchsetzen muss. Im Verlauf der neuesten Ausgabe, bei der der amtierende Champion Ron Shannon (Al Cliver) auf seinen Jugendfreund und erbitterten Rivalen Kurt Karnak (George Eastman) trifft, verübt der faschistoide Zukunftsstaat in Vertretung durch Colonel Morgan (Gordon Mitchell) einen Schlag gegen die Mutanten. Deren Anführerin, eine telepathisch begabte Mutantin namens Lilith (Laura Gemser), nimmt Kontakt zu Shannon auf und bittet ihn um Hilfe: Er soll sie und ihre Freunde aus der Stadt und in Sicherheit bringen ..

Joe D’Amatos Beitrag zum Endzeitfilm orientiert sich, wie Fulcis zuletzt besprochener I GUERRIERI DELL’ANNO 2072, an der Brot-und-Spiele- und Menschenjagd-Prämisse für die Norman Jewisons ROLLERBALL und Tom Toelles DAS MILLIONENSPIEL als Vorbilder dienen, aber nur während des Eröffnungsdrittels. Der Sieger der Gameshow ist schnell ermittelt und ENDGAME schlägt neue Pfade ein. Die folgende Geschichte, die man dann als MAD MAX 2-Variante mit leicht übersinnlichen Elementen bezeichnen kann (das geile Finale erinnert an Telekinese-Schocker wie CARRIE, THE FURY oder SCANNER) gewinnt zwar ebensowenig einen Originalitätspreis wie der Auftakt, aber es ist eben diese muntere Mischung der einzelnen Elemente – und natürlich die gleichermaßen billige wie liebevolle Ausstattung – die dafür sorgt, dass ENDGAME nicht langweilig wird. D’Amato, der sich in anderen Filmen ja eher um die Entdeckung der Langsamkeit verdient gemacht hat und ein Meister der in die Länge gezogenen Banalität ist, schmeißt hier eine Idee nach der anderen an die Wand, ohne sich allzu lang mit jeder einzelnen aufzuhalten.

Eine dieser schönen Ideen sind die Mutationen, denen die Protagonisten auf ihrer Reise begegnen, Tiermenschen, die mit Affengesichtern oder Schuppenbewuchs an unsere Ursprünge „vor Hunderten von Millionen von Jahren“ erinnern, wie der enthusiasmierte Wissenschaftler Dr. Levin (Dino Conti) diagnostiziert. Shannon ist da eher pragmatisch: Ganz interessant, aber können wir jetzt bitte weiterfahren? Ungefähr so geht auch D’Amato an das Drehbuch heran. Irgendwann wird die schöne Lilith von einem dicken Fischmenschen vergewaltigt, in der einen obligatorischen Nacktszene, um die die schöne Laura Gemser damals wahrscheinlich einfach nicht herumkam, und man erwartet entsprechende Folgeerscheinungen, die Geburt eines Fischstäbchens o. ä., aber es passiert nicht. Eher vorhersehbar ist der Ausgang der Rivalität zwischen Shannon und Karnak, die dem Film aber dafür ein spitzenmäßiges Freeze-Frame-Ende beschert. ENDGAME hat mich total überzeugt, selbst wenn D’Amato sicher nicht der größte Actionregisseur vor dem Herrn ist. Die breit ausgewalzten Ballereien sind immer etwas ermüdend, weil ohne die ganz große Kinetik inszeniert, aber man kann sich eben sicher sein, dass kurz darauf wieder irgendwas passiert, was einem besser gefällt, wie zum Beispiel die Auftritte der Staatstruppen, deren Uniformen eine Mischung aus SS-Chic und Darth-Vader-Hommage darstellen, oder der Frauen mit dem Ledergeschirr und den Hängebrüsten, die den Fischmann begleiten. Die tollste Szene ist aber die mit dem dicken Kovack (Mario Pedone), der von den Bösen in Beton eingemauert wird, sodass nur noch Kopf und Hände herausgucken. Für den armen Tropf gibt es keine Hoffnung mehr, also geht Karnak hin, um ihn zu erlösen. Er macht das auf die prosaische Art: Indem er ihm den Kopf um 180 Grad verdreht. Handwerk à la D’Amato.

2jacci9Als George Miller mit MAD MAX 2: THE ROAD WARRIOR den Endzeitfilm „erfand“, ihm zumindest einen unverwechselbaren und einprägsamen visuellen Stil verpasste, trat er damit vor allem in Italien eine wahre Lawine los (Carpenters ESCAPE FROM NEW YORK war ein weiterer wichtiger Einfluss). Anfang bis Mitte der Achtzigerjahre drehte eigentlich jeder italienischen Genreregisseur seinen Endzeitfilm, mit dem er die von Miller (und Carpenter) erdachte Bilderwelt weiter erkundete und ausschlachtete: Castellari drehte nacheinander 1990: I GUERRIERI DEL BRONX, I NUOVI BARBARI und FUGA DAL BRONX, Ruggero Deodato I PREDATORI DI ATLANTIDE, Sergio Martino 2019: DOPO LA CADUTA DI NEW YORK, Romolo Guerrieri L’ULTIMO GUERRIERI, Joe D’Amato ENDGAME und ANNO 2020: I GLADATORI DEL FUTURO und Giuliano Carnimeo IL GIUSTIZIERE DELLA STRADA, etliche weitere taten es ihnen gleich, lediglich Umberto Lenzi hielt soich raus. Und Fulci? Der inszenierte eben diesen Film, der sich aber nicht an MAD MAX 2, auch nicht an Carpenter, sondern an Norman Jewisons ROLLERBALL orientierte.

Im Gegensatz zu den Filmen seiner Kollegen, die meist in den USA spielen, ist I GUERRIERI DELL’ANNO 2072 in Rom angesiedelt, wo der von Cortez (Claudio Cassinelli) geführte Fernsehsender WBS mit makabren, sensationsgeilen Shows um die Gunst der Zuschauer buhlt, dabei abernur mäßig erfolgreich ist. Die Lösung soll eine Gladiatorensendung sein, in der der Sportstar Drake (Jared Martin, der sogar aussieht wie James Caan) in einem Kampf auf Leben und Tod gegen einige zu Tode Verurteilte – darunter Fred Williamson und Al Cliver – antritt. Doch die Männer freunden sich an un proben den Aufstand gegen das diktatorische System.

Fulcis Entscheidung, sich an Jewisons Dystopie zu versuchen, lässt den Liebhaber des großen, ambitionierten Hollywood-Films erkennen, bereitet für die mit sparsamen Mitteln produzierte Italoversion aber auch erhebliche Schwierigkeiten. Das von BLADE RUNNER inspirierte zukünftige Rom mit den durch die Luft fliegenden Gleitern ist eindeutig als preiswertes Pappmodell zu erkennen, die Settings sind klaustrophobisch beengt, grau und trist, jede Andeutung von Größe aus dem Film getilgt. Anders als Carpenter in seinem ESCAPE FROM NEW YORK oder auch Castellari mit I NUOVI BARBARI, die ähnliche Voraussetzungen vorfanden, gelingt es Fulci aber nicht, seine Limitierungen zu Stärken umzuinterpretieren. Er ist eher ein Opfer seines Budgets als ein souveräner Verwalter: Es ist schwierig, einen Arenakampf nach antikem Vorbild als Spektakel für die blutgierigen Massen zu akzeptieren, wenn diese Massen niemals zu sehen sind, man hinter der Schwärze der Nacht die Kulissenwand erahnt, hinter der der nächste Film gedreht wird. Vielleicht habe ich I GUERRIERI DELL’ANNO 2072 gestern nicht im optimalen Zustand gesehen, vielleicht war ich zu müde, um ihn würdigen zu können. Ich glaube aber eher, dass er es war, der mich so eingeschläfert hat, mit seiner monochromen Tristesse und seiner staubigen Pappigkeit.

EDIT: Habe die englische Synchro „genossen“, die ganz sicher einigen Anteil an meinem Missfallen hat. Mal sehen, ob die deutsche noch was rettet, wenn ich sie mal in die Finger bekomme.

omegamanBeim letzten Mal habe ich den Fehler gemacht, THE OMEGA MAN als krachigen Endzeitfilm zu betrachten und war ernüchtert. Regisseur Boris Sagal hatte zwar vorher schon einige Kinofilme inszeniert – etwa das Elvis-Vehikel GIRL HAPPY (deutscher Titel: KURVEN-LILY) und den frühen Bronson-Western GUNS OF DIABLO -, war aber vor allem fürs Fernsehen tätig gewesen, was man auch seiner Richard-Matheson-Adaption zum Teil anmerkt. Der Film wirkt keineswegs wie das souverän inszenierte, stilsichere große Eventmovie und Showcase für Superstar Charlton Heston, sondern eher wie der Pilotfilm für eine dann doch nie gedrehte Science-Fiction-Serie. Der Auftakt mit dem allein durch die ausgestorbenen Straßen von Los Angeles fahrenden Helden ist überaus viel versprechend, doch verschanzt sich THE OMEGA MAN danach lieber gemeinsam mit ihm in seiner mit protzigem Seventies-Tand zugestellten Wohnung oder bahnt gar eine vollends schmierige und aufgrund des Fehlens jeglicher erotischer Chemie überaus unangenehme Liebesgeschichte zwischen Heston und Rosalind Cash an. Am Ende darf der männliche Hauptdarsteller den Märtyrertod in Jesus-Christ-Pose sterben – den Moses hatte er ja schon einmal verkörpert -, nachdem er aus seinem Blut den Impfstoff zur Rettung der Menschheit hergestellt hat.

THE OMEGA MAN ist eigentlich nur zu retten, wenn man ihn nicht als action- und spannungsgeladenen Reißer (oder gar als adäquate Adaption der Vorlage) betrachtet, sondern als (unbeabsichtigte) Satire auf das Selbstbild weißer, männlicher, privilegierter Konservativer. Auch die Parallelen zu Romeros einige Jahre später entstandenem DAWN OF THE DEAD sind offenkundig und machen im direkten Vergleich klar, wie unreflektiert THE OMEGA MAN eigentlich ist. Wenn Hestons „last man on earth“ Robert Neville Klamotten shoppen geht, sich in seine perfekt ausstaffierte, mit den Insignien von Bildung und Affluenz ausgestattete Wohnung begibt – diese pseudoantiken Büsten und Statuen, die da überall rumstehen, gleich neben der Hausbar mit Schnapsvorrat für 100 Jahre -, er sich für seine Jagd auf die Mutanten um den Anführer Matthias (Anthony Zerbe) in immer neue schicke Sport- und Safari-Outfits wirft, tritt dahinter nicht so sehr ein Mann hervor, der sich ein Stück Normalität im Wahnsinn bewahren will, sondern einer, der sich mit Gewalt dagegen wehrt, der Realität ins Auge zu sehen oder auch nur ein Stück seiner Privilegien aufzugeben. Er ist pures Entitlement und hat insofern natürlich auch Anspruch auf die letzte verbliebene Frau. Es ist gar nicht nötig, dass da ein wie auch immer gearteter Funke überspringt: Allein die Tatsache, dass da eine Frau ist, reicht Neville aus, sie zur Partnerin zu küren. Na klar, das ist evolutionspsychologisch absolut stichhaltig: Es geht ja auch um die Erhaltung der Spezies. Aber THE OMGEA MAN behauptet diesen Notstand ja nur: Man hat eigentlich das Gefühl, dass es Neville/Heston kaum besser gehen könnte. Endlich ist er das, was er seinem Selbstbild nach schon vorher war: der letzte echte Mann.

Ganz anders als wahrscheinlich intendiert, avancieren da die Mutanten zu den eigentlichen Sympathieträgern und tragen zur Überraschung dazu bei, dass diese Zeitreise in die Siebziger heute eine ungeahnte Aktualität erhält: Neville, das ist der Mann aus der westlichen Wohlstandszivilisation, der die nicht länger schweigende Mehrheit draußen auf der Straße nur noch mit Waffengewalt davon abhalten kann, ihm zu nehmen, was er sich genommen hat.

 

TURBO KID verzückte in diesem Jahr u. a. sowohl die Besucher des Sundance Festivals als auch die des hiesigen Fantasy Filmfests und verleitete sie zu Bemerkungen wie „TURBO KID is hands down the most entertaining film that screened at Sundance this year.  I had a ridiculous amount of fun watching this movie, and it one [sic!] I know that a lot of you would like as well. Everything about this movie exploded with pure awesomeness in the most nostalgic and extreme ways. In meiner Facebook-Timeline bin ich gar auf euphorisierte Urteile gestoßen, es hier mit einem echten Meisterwerk zu tun zu haben. Wenn ich so etwas lese und dann nach eigener Sichtung feststelle, doch milde underwhelmed zu sein, weiß ich nicht, worüber ich mich mehr ärgern soll: Über solche völlig übertriebenen Meinungsäußerungen, die zu nichts weiter beitragen, als die eigene Erwartungshaltung übermäßig anschwellen zu lassen und dem Werk selbst nicht mehr unvoreingenommen gegenübertreten zu können, oder darüber, dass es Zuschauer gibt, die jede soliden Film mittlerweile abfeiern, als gebe es kein Morgen, weil sie sich daran gewöhnt haben, sonst nur Dreck verabreicht zu bekommen.

Ich gebe zu: Vor 15, 20 Jahren hätte ich TURBO KID mindestens für das Beste seit der Erfindung von geschnittenem Brot gehalten, ihn wahrscheinlich jeden Tag einmal geguckt und Kumpels die besten Splatterszenen vorgeführt. Der Film ist durchaus liebenswert, keine Frage, trägt sein Herz auf dem rechten Fleck, zeugt von sympathischem Humor und einigem handwerklichen Können. Er verfügt zudem über einen absolut begeisternden, erfolgreich auf Eighties getrimmten Soundtrack (m. E. das beste am Film), zauberhafte „handgemachte“, also im besten Sinne altmodische Effekte und der kleine Kniff, ihn „in der Zukunft des Jahres 1997“ anzusiedeln, ist schlicht famos. TURBO KID ist ein Fanboy-Film, für den man sich endlich mal nicht schämen muss, den zu mögen einen nicht von vornherein zum infantilen Nerd mit fragwürdigem Geschmack stempelt. Aber er ist eben trotzdem immer noch ein Fanboy-Film, der jede Substanz vermissen lässt, sich mit zunehmender Spielzeit immer mehr auf (mich) ermüdende Vordergründigkeiten kapriziert (spätestens beim dritten mit einer Blutfontäne explodierenden Menschen ist der Witz weg und hier fliegen schätzungsweise 20 in die Luft) und darüber hinaus durch und durch derivativ ist. TURBO KID ist reines Zitatekino, zugegebenermaßen recht geschmackvoll und zurückhaltend mit seinen Referenzen, aber dann eben doch nur ein Film, der sich damit begnügt, positiv an Vergangenes zu erinnern. Was mich am meisten genervt hat: Jedesmal, wenn sich da echte Emotionen zu entfalten drohen, kann man sicher sein, dass ein Witz kommt, damit auch bloß alles in einem angenehm lauwarmen Bereich bleibt, wo man nicht wirklich berührt wird, alles auf so einem kirmesmäßigen Erregungsniveau lustig und unterhaltsam finden kann. Dasselbe gilt für die Gewalt, die so dermaßen over the top ist, dass damit schon früh jede Spannung flöten geht. (Das ist übrigens typisch für die Neunziger und keinesfalls für die Achtziger, da wir schon beim Thema sind.) TURBO KID bleibt in jeder Sekunde erkennbarer Kintopp, der sich beharrlich weigert, „wahr“ zu werden. Dabei geben die Figuren, allen voran die goldige Androidin Apple (Laurence Leboeuf), durchaus etwas her. Schade, dass sich die Macher damit begnügen, lediglich reue- und konsequenzlosen Fun abzuliefern, der fünf Minuten nach Filmende bereits wieder verflogen ist.

Ich glaube ganz ehrlich, dass die Zeit für solche Filme vorbei ist. Auf jeden Fall gehöre ich nicht mehr zu ihrer Zielgruppe. Da schaue ich doch lieber zum xten Mal BAD TASTE, einen Film, der TURBO KID ideell recht nahesteht, aber meiner Meinung nach hundertmal kreativer, absurder, witziger und wilder ist. Aber wahrscheinlich würde der 16-Jährige, der heute sein Blog mit Lobeshymnen auf TURBO KID vollschreibt, das ganz anders sehen. Und das ist ja auch irgendwie OK.

Teil 5 des Terminator-Franchises hat wie die vorangegangenen beiden Teile vor allem damit zu kämpfen, dass James Cameron seinerzeit mit THE TERMINATOR und T2: JUDGEMENT DAY zwei (sehr unterschiedliche) Filme schuf, die sofort zu Klassikern avancierten und ihre jeweilige Dekade beinahe idealtypisch verkörperten: Düstere, technikskeptische No-Future-Apokalypse für die Eighties, lautes, schnelles, großes, ironiedurchsetztes und zynisches Popcorn-Spektakel für die Nineties. Vor allem letzterer war damals ein Game Changer ersten Ranges, der Film, der einen Paradigmenwechsel und eine neue Epoche computergenerierter Effekte einläutete. Selbst, wenn man von den nachfolgenden drei Teilen der Reihe enttäuscht ist oder war, so muss man doch einräumen, dass es nahezu unmöglich scheint, heute noch etwas von vergleichbarer revolutionärer Bedeutung zu schaffen. Die Effekte von Alan Taylors TERMINATOR GENISYS sind teilweise beeindruckend, das Sounddesign ähnlich wie im Vorgänger TERMINATOR SALVATION eine Klasse für sich, trotzdem sind das nur kleine Details, deren Stellenwert nicht vergleichbar ist mit den Morphing-Effekten um den T-1000 vor beinahe 25 Jahren. Das fällt beim neuesten Eintrag umso stärker auf, als er den direkten Vergleich nicht scheut, sondern ihn aktiv sucht: TERMINATOR GENISYS erzählt die Geschichte von THE TERMINATOR zunächst noch einmal aus der Perspektive des Zeitreisenden Kyle Reese (Jai Courtney), streift dabei ikonische Szenen wie die Konfrontation des Terminators mit den Punks vor dem Planetarium, nimmt dann aber eine Abzweigung. Sarah Connor (Emilia Clarke) und der Terminator (Arnold Schwarzenegger) sind in ihrem Kampf gegen Skynet mittlerweile selbst zu versierten Zeitnavigatoren geworden, sodass es gleich mehrere alternativ laufende Zeitstränge gibt, die sich ständig überkreuzen und etwa dazu führen, dass der Terminator gegen sein altes Selbst kämpfen muss. Am Ende scheint die Zukunft mit der Zerstörung Skynets und ihres neuesten Produkts Genisys gerettet, aber mit Kenntnis der Reihe weiß man, dass es in einer Welt, in der man jederzeit in die Vergangenheit reisen kann, um die Dinge retroaktiv zu ändern, keinerlei bleibenden Gewissheiten mehr gibt. Man könnte sagen, dass die TERMINATOR-Reihe in ihrer ständigen Wiederbelebung und Neuninterpretation des Alten, dem leeren Versprechen einer nun endgültigen „Auflösung“ und der gleichzeitigen inhärenten Unmöglichkeit einer solchen das ultimative Hollywood-Produkt geworden ist. Genisys ist Skynet ist Hollywood.

So wie der Technologiekonzern sich in TERMINATOR GENISYS längst nicht mehr mit der Konstruktion waffenstarrender Kampfroboter zufrieden gibt sondern mittels des titelgebenden Programms via Internet alle relevanten Bereiche des menschlichen Lebens zu kontrollieren sucht, ist Film ja längst nur noch ein Bestandteil des Markenstrebens der Studios. Solange die Marke Gewinn abwirft, wird es also neue Filme geben und dank des den Kern der TERMINATOR-Urerzählung bildenden Zeitparadoxons ist das nächste Update (der Begriff macht hier noch mehr Sinn als anderswo) gewissermaßen schon eingebaut. Kyle Reese kann am Ende nach gelungener Weltrettung im pathetischen Brustton der Überzeugung sagen „The future is not set“, auf das Potenzial geschichtsumwälzender Handlungen anspielen, aber die Ironie entgeht ihm dabei. Denn wenn die Zukunft nicht feststeht, ist ja auch der nun errungene Sieg nur vorübergehend. Was hindert die Maschinenmenschen eines alternativen Zeitstrangs daran, die nun „echte“ Zukunft durch Eingreifen in ihre Vergangenheit wieder rückgängig zu machen? Wir werden es im nächsten Teil sehen.

Die verständliche Kritik an TERMINATOR GENISYS stieß sich genau daran: Dass auch dieser neueste Teil wie so viele andere Sequels und Reboots der vergangenen Jahre die altbekannte Geschichte nicht fortsetzte, sondern lediglich noch einmal von vorn erzählte, er lediglich als ständige Spiegelung der Vorgänger funktioniere und nicht als eigenständiges Werk. Das ist nicht verkehrt, verkennt aber die Tatsache, dass genau dieser Charakter schon in THE TERMINATOR angelegt war. Vordergründig malte Camerons Film eine apokalyptische Endzeitvision um Maschinen, die die Weltherrschaft an sich gerissen und die Menschen versklavt hatten, aber im Kern ging es immer um die Frage danach, inwieweit wir wirklich unseres eigenen Glückes Schmied sind – und um eine Liebes- und Familiengeschichte. Der Scope der Serie, die sich über mehrere Jahrzehnte und verschiedene nebeneinander laufende Zeitstränge erstreckt, nichts weniger als die Zukunft der Menschheit und der Erde verhandelt, mag gewaltig erscheinen: Tatsächlich ist sie von beinahe kammerspielartiger Intimität, kreist beständig um einen Kern von vier Personen, die mit jedem Teil eine neue Fassette ihrer Beziehung zueinander ergründen. Es war natürlich die eindrucksvolle Gestalt Schwarzeneggers, die den Betrachter von THE TERMINATOR zuerst in ihren Bann schlug, wie er da als perfekte Verkörperung einer emotionslosen, aber unaufhaltsamen Maschine durch den Film walzte, aber als ich ihn mir zuletzt angeschaut habe, stellte ich fest, dass das Herz des Filmes in jener kurzen Sequenz schlägt, in der sich Sarah und Reese erst einander annhähern, sich dann schließlich in Erfüllung ihres Schicksals auf einem Bett niederlassen, um das Kind zu zeugen, das später einmal die letzte Hoffnung der Menschen werden wird.

In TERMINATOR GENISYS wird diese durch die Zeit reichende, ihre Achsen krümmende Liebe wieder thematisiert, der Film mit der Komplettierung des Paares durch den von Sarah mittlerweile liebevoll „Pops“ genannten Terminators und des ebenfalls in die Vergangenheit reisenden John Connors (Jason Clarke) endgültig zum Familienfilm – der aber nicht ohne das obligatorische schwarze Schaf auskommt. Die Aufgabe, mit der zukünftige Sequels sich verstärkt zu beschäftigen haben werden, ist eine Justierung der Zeitstränge, die eine Vereinigung aller Familienmitglieder erlaubt. Erst wenn das gelungen ist, ist die Welt – möglicherweise? – tatsächlich gerettet.

il-giustiziere-della-strada-1983-exterminators-of-the-year-3000.35345An den ersten beiden MAD MAX-Filmen hatte ich kürzlich hervorgehoben, dass sie ohne jede Exposition und Erklärung auskommen. George Miller wirft den Zuschauer unvorbereitet in die skelettierte Handlung, reduziert alles auf die Konfrontation zwischen dem Helden und den Schurken vor dem Hintergrund einer unbarmherzigen postapokalyptischen Welt. Warum diese sich als neobarbarische Wüstenei darstellt, muss nicht weiter ausgeführt werden: WIe sich die Menschen gegenüber einander verhalten, ist Erklärung genug. Mit seiner Zukunftsvision traf Miller damals den Nerv der Zeit, nicht zuletzt, weil ihr Style gut in eine von Punk, Postpunk, New Wave und DIY-Credo dominierte Popkultur passte. Besonders inspiriert zeigten sich die findigen Produzenten aus Italien: Nach dem Motto „Besser gut geklaut als schlecht selbst erfunden“ schossen die Rip-offs aus dem Boden Cinecittàs und profitierten dabei nicht zuletzt davon, dass Miller im Original selbst nicht mit Millionen um sich hatte werfen können, sondern im Wesentlichen auf Erfindungsgeist und Improvisationstalent zurückgreifen musste. Talente, die man auch in Italien im Überfluss zur Verfügung hatte.

Motivisch wie inhaltlich orientierten sich die italienischen Endzeit-Filme stark am australischen Vorbild, ließen in Leder, Blech und Felle gekleidete Helden in aufgebrezelten Schrottkarren vor dem Panorama der andalusischen Wüste gegen overactende Punks und aus dem Dominastudio geflohene Sadomasochisten antreten, meist mit dem Ziel, irgendeine knappe Ressource zu sichern. Dem fast dekonstruktivistischen Gestus setzten sie allerdings ein meist klassisches Erzählverständnis gegenüber: Man kann die italienischen Endzeitfilme in gewisser Hinsicht als „kommentierte Ausgaben“ von Millers Filmen begreifen, die die Lücken stopfen, die Miller absichtlich klaffen lässt, die Figuren mit Träumen und Hoffnungen ausstatten, wo bei Miller nur Phantome existieren, und die sich in ihrer Naivität einer besseren Zukunft entgegenträumen, während Max Rockatansky ohne Ausweg in der ewigen Gegenwart gefangen ist. MAD MAX und MAD MAX 2: THE ROAD WARRIOR sind Ursprungsmythen, die Italo-Endzeitler die Geschichten, die auf ihrem Boden entstehen. IL GIUSTIZIERE DELLA STRADA ist ein gutes Beispiel dafür: In seiner postapokalyptischen Welt geht ein paar braven Siedler das Wasser aus. Zwischen ihnen und einer neuen Quelle steht der Wüstenpirat Crazy Bull (Fernando Bilbao), doch der kleine John (Luca Venantini) kann den Vagabunden Tiger (Roberto Jannucci) dazu überreden, ihm zu helfen. Am Ende, als der Schurke besiegt, aber trotzdem alle Bemühungen der Protagonisten ergebnislos geblieben sind, öffnet sich wie auf göttliche Initiative hin der Himmel und der erste Regen seit Jahren fällt zu Boden. Davor macht der Zuschauer noch Bekanntnschaft mit dem alternden Mechaniker Peperoni (Luciano Pigozzi), der dem staunenden John von früher erzählt, von der Natur mit ihren Düften und natürlich von schönen Frauen, sowie mit Trash (Alicia Moro), einer tapferen Kämpferin. Nicht nur der finale Regen, auch die Gemeinschaft von Tiger, Trash und John weist den Weg in eine bessere Zukunft mit Vater, Mutter und Kind, der Keimzelle der menschlichen Gesellschaft.

Wer das italienische Kino, insbesondere das italienische Genrekino, liebt, der liebt ohne Zweifel seine Verträumtheit, seinen Enthusiasmus, seine Naivität und die unverstellte Romantik. Auch in IL GIUSTIZIERE DELLA STRADA, einem Vertreter des vielleicht zynischsten, resigniertesten, defätistischsten Subgenres jenseits des Rape-and-Revenge-Films, kommen diese Eigenschaften auf wundersame Weise zum Tragen. Lässt Miller seinen Film im Nichts anfangen und dort auch wieder enden, liegt im postapokalyptische Wasteland Carnimeos (und auch dem seiner Landsleute) stets der Samen des Wunders verborgen, darauf wartend, endlich zu keimen. Max Rockatansky lässt die Siedler am Ende von MAD MAX 2: THE ROAD WARRIOR wie einst Shane zurück, weil er weiß, dass das antizivilisatorische Chaos in ihm tobt. Tiger beschließt ILGIUSTIZIERE DELLA STRADA hingegen als väterlicher Freund und künftiger Ehepartner, nachdem er das göttliche Zeichen erhalten hat. Die italienische Tagträumerei kommt am deutlichsten in den zahlreichen Verfolgungsjagden und Autostunts zum Vorschein, denen es zwar nicht an Mut fehlt, wohl aber an der halsbrecherischen Geschwindigkeit der Miller’schen Vorbilder. Bleifußfetischisten werden angesichts des gemütlichen Schritttempos, das da vorgelegt wird, eher nicht auf ihre Kosten kommen, aber irgendwie macht Carnimeos Entdeckung der Langsamkeit im Kontext des Films durchaus Sinn. Mehr als um den Rausch, den Kick, den Affekt geht es hier um die quasireligiöse Hoffnung, die Ermutigung, standhaft zu bleiben, den Glauben nicht zu verlieren. Miller will dem Zuschauer an die Eier, Carnimeo in sein Herz.

Der folgende Beitrag ist eine Premiere: Es handelt sich um den ersten Gastbeitrag auf meinem Blog. Vor ein paar Wochen, ich weiß gar nicht mehr genau, worum es ging, fragte mich Stefan Jung im Rahmen einer Facebook-Diskussion, ob ich Interesse hätte, einen Text von ihm zu MAD MAX 2: THE ROAD WARRIOR zu veröffentlichen, den er gewissermaßen in der Schublade liegen habe, ohne zu wissen, wohin damit. Meine heute beendete MAD MAX-Retro ist nun der geeignete Anlass, seinen Text hier zu posten, gewissermaßen als essayistische Vertiefung eines Aspekts, den ich in meinen Rezensionen nur kurz angerissen habe. Ich gebe Stefan sehr gern eine Plattform: Er hat als Mitherausgeber des Buches „Joe Dante – Spielplatz der Anarchie“ fungiert, zu dem ich auch einen Beitrag leisten durfte, und ist nicht nur als intelligenter und begeisterter Filmfreund eine Bereicherung für die hiesige Filmschreiber-Szene, sondern auch ein immens freundlicher Zeitgenosse. Und nun los.

George Millers (*1945) furiose Fortsetzung seines Apokalypse-Actiondramas MAD MAX (1979) lief in Amerika unter dem einschlägigen Titel THE ROAD WARRIOR (dt. Mad Max – Der Vollstrecker). War der erste Film neben seiner direkten Nähe zu den Figuren auch eine Verbildlichung stets variierender (Fahrt-)Tempi, gewann THE ROAD WARRIOR an Breite und Mystik. Der zweite Teil der Saga setzte Maßstäbe hinsichtlich Actionchoreografie, stilsicherer Motivbildung und generell in Bezug auf die Visualisierung eines dystopischen, postapokalyptischen Weltbilds. Zweifellos ein Kultfilm, ein Dekade-prägendes Werk, erlaubt er weitere Begutachtungen.

Erst hier in der Weiterführung der Geschichte um Ex-Polizist Max Rockatansky (Mel Gibson) wird dieser zum wortkargen Gewaltengel stilisiert, der in seinem motorverstärkten Ford Falcon V8 („Interceptor“) einsam die Wüstenstraßen entlangfährt, immer auf der Suche nach dem letzten wertvollen Gut: Benzin. Die Geschichte ist im weiteren Verlauf zügig erzählt: Max hilft einer Gruppe Überlebender, ihr Öl aus der Raffinerie an den Rand der Wüste, in die Freiheit zu bringen und dabei möglichst unbemerkt von den monströsen Menschgestalten – Lord Humungus trug die berühmte Hockeymaske noch vor Jason Voorhees –, die scheinbar eigens aus der Wüste herausgeboren wurden und nur das Recht des Stärkeren kennen. Der Film selbst wirkt dabei wie eine einzige große Verfolgungsjagd, dabei auch wie die Suche nach der Freiheit selbst und beschreibt die Flucht aus dem schroffen Niemandsland, für dessen Entstehung die Menschheit zuvor selbst verantwortlich war. Der atmosphärische Prolog des Erzählers verdeutlicht dies.

So hat Mel Gibson als Max in diesem Film kaum Dialog. Seine Blicke und Handlungen bestimmen sein Wesen, eines von schlummernder, schließlich wahnhafter Energie und dem ultimativen Willen zu Überleben, somit aber auch eines von physischer Malträtierung. Max ist ein Geschändeter inmitten dieses postapokalyptischen Universums, doch für das Wüstenkind, das in diesem Film ebenfalls neu etabliert wird und das zur Gruppe der Überlebenden gehört, ist er ein Held, ein Vorbild und Befreier.

Das spezifisch Eigene an dem zweiten Teil, der ihn merklich vom (ebenfalls sehr gelungenen) Vorgänger absetzt, ist nicht nur die neu stilisierte Bildgestaltung – Mel Gibson arbeitete Jahre später erneut mit Kameramann Dean Semler in APOCALYPTO (2006) zusammen – sondern auch die auffällige Rahmung der Erzählstruktur, die an Anfang und Ende den Erzähler (das Wüstenkind als alter Mann, der sich zurückerinnert) sprechen lässt und zwei entscheidende Dinge vollbringt. Zum einen wird der Bezug zum Vorgänger in Rückblenden (in Vollformat und Schwarzweiß) hergestellt. Der Zuschauer versteht den zweiten Teil also auch, ohne den ersten zuvor gesehen haben zu müssen. Die Rückblenden werden dabei mit Archivaufnahmen von Artillerie-Manövern und Rebellionsstürmen der (realen) Kriegsgeschichte vermischt, sodass der Prolog semidokumentarisch wirkt.

Hier wird ein verstärkter Bezug zur Hauptfigur und ihrer Vorzeit hergestellt – Max wird in den ersten Bildern, zu Beginn des Prologs, bereits als ultimativer Einzelgänger stilisiert, als „Mann, der vor den Dämonen der eigenen Vergangenheit in die Wüste floh und dort, wo alle Hoffnung endet, ein neues Leben begann“, so die altersraue Stimme des Erzählers. Die Sandhölle wird später filmisch mithilfe der Kamera in gleißendes Licht getaucht und stellt gewissermaßen eine Welt ohne Ort und ohne Zeit dar, ein Niemandsland. Das plötzliche (und veränderte) Auftreten der Hauptfigur an diesem exotisch-verruchten Schauplatz kommt einer Legendenfigur gleich und die Stimme des Erzählers tut das Ihrige, diese Stilisierung noch zu verstärken. Im Folgenden wird je ein Ausschnitt aus den beiden Erzählpassagen von Anfang und Ende des Films zitiert, in welchen beide Male Max als einsamer Krieger der Wüstenstraße (Road Warrior) zu sehen ist, und die in Kongruenz zu den beiden Abbildungen stehen (die erste als Ausschnitt des im Kino deutlich kleineren Vollbilds, die zweite im originären Cinemascope-Breitbildformat; motivisch sind beide exakt aufeinander abgestimmt, wirken rahmend).

(Anfang): „Mein Leben neigt sich dem Ende zu, die Bilder verblassen. Alles was noch bleibt, sind Erinnerungen. Sie führen mich zurück in jene Tage, als das Chaos regierte und die Träume keine Zukunft hatten in diesem verwüsteten Land. Aber vor allem erinnere ich mich an einen Mann, den wir Max nannten, den Vollstrecker. Um zu verstehen, was er uns bedeutet hat, müssen wir uns an eine Zeit erinnern, die vergangen ist …“

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(Ende): „Was mich betrifft, ich wurde irgendwann erwachsen und nach einer gewissen Zeit wurde ich zum Führer gewählt. Zum Führer des großen Nordvolkes … Und der Vollstrecker? Das war das letzte Mal, dass wir ihn sahen. Er wird für uns ewig weiterleben – in unserer Erinnerung.“[1]

Fährt die Kamera zu Beginn des Films noch auf die Hauptfigur zu, befindet sich also im allerersten (oben abgebildeten) Filmbild noch weit von ihr entfernt, so ist die Bewegungsrichtung der Kamera am Ende genau entgegengesetzt. Ein Motiv in spiegelbildlicher Reflexion: Wir als Zuschauer verlassen nun den Film und seine albtraumhafte Atmosphäre, wobei die Figur in der Überblendung zunächst groß erscheint (Abb. 2) und schließlich immer kleiner wird. Der Vollstrecker weicht von dannen, so ikonisch, so rein figürlich, wie er zunächst eingeführt wurde, verlässt er – und wir mit ihm – die erzählte Geschichte, die aufgrund ihrer zeitlichen Rahmung wie bereits angesprochen wie eine Legende, gar wie ein Märchen wirkt.

Die Eigenschaft des Antihelden Max als geschädigtes Wesen mit inneren und äußeren Verletzungen – auffällig sind seine Zweckmäßigkeit und Verschlossenheit – offenbart sich in diesem Film viel deutlicher als in den übrigen Teilen der Saga. Hier tritt er sehr wortkarg auf, fast stumm, er ist durch und durch ein „ausgebrannter Einzelgänger“. Gemäß dem Actionkino steht die reine Handlung im Vordergrund, das ist innerhalb der Genreregeln klar – aber ein gezeichneter Protagonist, seine Unfähigkeit, mit anderen Menschen auszukommen, gar seine völlige Stilisierung vom Menschen zum kämpfenden Dämon, das hat schon viel mit einer generellen Figuren-Neubestimmung zu tun. Diese schöpft sich in ihrem Kern aus der Loslösung/Verdrängung der eigenen Vergangenheit bzw. Identifikation. Wie die Stimme des Erzählers in der Einleitung preisgibt: „Er wurde ein Anderer.“ Parallel dazu sehen wir wieder die verschwommenen Erinnerungsbilder des frühen Max in verblassendem Schwarzweiß und erkennen Mel Gibson nur zwei Jahre später in seiner Fortsetzungsrolle kaum wieder: Bezüglich seines Aussehens veränderte sich der Schauspieler innerhalb der ersten Jahre noch markant.

Bezeichnend bleibt zuletzt, dass George Miller, Regisseur aller bisherigen Teile nun auch in seiner jüngsten Installation, MAD MAX: FURY ROAD (2015), wieder auf das markante Motiv des wortkargen Rächers, des dämonischen Antihelden setzt. Im ersten Teil seit dreißig Jahren spielt nun Tom Hardy den geschändeten Max, diese Neuerzählung rund um die Geschichte der ursprünglichen Fortsetzung wurde in jahrelanger Produktion wieder in den Fokus gerückt und setzt hierbei auch erstmals eigene physische Erinnerungsbilder, quasi als semiotische Unterfütterung von Max’ kaputter Psyche, ein.

[1] THE ROAD WARRIOR, Timecodes: 01:04–01:31 und 1.28:49–1.29:17. Die deutsche Übersetzung der Erzählstimme ist nicht immer ganz sinngemäß. So lässt sich beispielsweise das Ende am besten wie folgt übersetzen: „Das war das letzte Mal, dass wir ihn sahen. Nun lebt er nur noch in meinen Erinnerungen.“ Der letzte Satz nimmt somit noch einmal verstärkt Bezug auf die Identifikation über das subjektive Erinnerungsvermögen. Auch wird das Ende der Geschichte stärker untermauert, denn die Erzählung erlischt mit den verblassenden Gedanken des alten Mannes.

Weiterführendes

Video: THE ROAD WARRIOR (Mad Max 2/Mad Max – Der Vollstrecker). 95 Min. AUS 1981. Regie: George Miller. Quelle des Bildmaterials: Warner Bros. DVD (2001), Deutschland. Auch auf Blu-ray erhältlich.
Literatur: Lash, Scott & Urry, John (1994). Time and Memory. In: Economies of Signs and Space. London/Thousand Oaks/New Dheli: SAGE Publications, S. 223–251.
Rüffert, Christine (Hg.) (2004). Zeitsprünge. Wie Filme Geschichten erzählen. Berlin: Bertz.
Schüle, Christian (2011). Im Bann der Erinnerung. In: ZeitWissen, Nr. 2/2011, S. 16–28.
Vollständiges Drehbuch zu THE ROAD WARRIOR: http://www.scifiscripts.com/scripts/madmax2.txt

Kurzbiografie

Stefan Jung lernte das Kino von der Quelle an zu lieben. Wenn er früher noch 35mm-Rollen aufrollen, einfädeln und transportieren durfte, erlaubt ihm heute seine Zeit, vermehrt über das Kino zu schreiben. Texte u.a. für critic.de, Schnitt, Deadline – das Filmmagazin. Den Urheber dieses Blogs lernte er vor allem bei der Zusammenarbeit an ‚Joe Dante – Spielplatz der Anarchie‘ (Bertz+Fischer Verlag, 2014) kennen und schätzen. Ihm ist wichtig, dass das Genre des Fantastischen Films hierzulande wissenschaftliche Beachtung erfährt – aber in erster Linie, dass das Kino als Kunst- aber auch Unterhaltungsform nie verschwinden, sondern stets begeistern wird.