Mit ‘Enzo G. Castellari’ getaggte Beiträge

Mit LA POLIZIA INCRIMINA LA LEGGE ASSOLVE war Castellari 1973 vielleicht für die Sternstunde des italienischen Polizeifilms verantwortlich gewesen. Für IL GIORNO DEL COBRA kehrte er sieben Jahre später noch einmal zu dessen Stilistika zurück: ein treibender Score, Franco Nero in der Hauptrolle, Verfolgungsjagden und Schießereien und die Erkenntnis, dass der Einzelne gegen das organisierte Verbrechen keine Chance hat. In diesem Fall ist es kein Polizist, der die bittere Lektion lernen muss, sondern ein geschasster Ex-Cop, der sich als Privatdetektiv mehr schlecht als recht über Wasser hält, aber von seinem alten Chef für einen neuen Fall rekrutiert wird, der ihn von San Francisco nach Genua führt, in seine alte Heimat.

Franco Nero interpretiert den Detektiv Larry Stanziani als guten, aber auch reichlich schmuddeligen Typen in der Tradition der Film Noir und des Pulpromans (eine besonders schattige Sequenz darf man als Liebeserklärung Castellaris an die „Schwarze Serie“ verstehen). Um ihn als Menschen greifbarer zu machen, zaubert Drehbuchautor Aldo Lado irgendwann einen Sohn aus dem Hut, der keine andere Aufgabe hat, als den Papa anzuhimmeln: Man ahnt, worauf das hinausläuft und wird dann auch nicht enttäuscht. Was allerdings in LA POLIZIA INCRIMINA noch absolut niederschmetternd wirkte, ist hier schon von Weitem als billiger Drebuchtrick zu erkennen. IL GIORNO DEL COBRA ist voll von solchen Momenten, in denen man merkt, dass „innere Logik“ bei der Fertigung des Films nicht gerade oberste Priorität genoss und die Klischees besonders locker saßen. Der Zufall hilft mehr als einmal tatkräftig mit und Stanziani löst den Fall weniger, als dass er auf die Lösung gestoßen wird. Wer hier Substanz erwartet, wird leider enttäuscht werden.

Gute Unterhaltung bietet Castellaris Film dennoch, und wer ein Faible für das italienische Crimekino der Siebziger hat, macht auch mit diesem Beitrag nichts falsch. IL GIORNO DEL COBRA ist schwungvoll inszeniert, Franco Nero ist natürlich super, genauso wie die Musik Paolo Vasile, Langeweile kommt zu keiner Sekunde auf. Was man vermisst, ist ein Quäntchen Originalität oder eben diese Extraklasse, die man in LA POLIZIA INCRIMINA bewundern durfte. IL GIORNO DEL COBRA ist ein Epigone, ein deutlich von kommerziellen Interessen geleiteter Film, in den gewiss niemand, auch Castellari nicht, besonders große Ambitionen investierte. Es ist einfach ein netter Crimefilm, der erheblich von seinem Zeit- und Lokalkolorit profitiert – und natürlich von all den Zutaten, von denen Freunde des Italofilms nicht genug bekommen können. Das reicht für generelles Wohlwollen und Amüsement, aber nicht für höhere Weihen.

300px-delladrogaHongkong bei Nacht, Neonlichter. Fabio (Fabio Testi) im Späthippie-Schmuddellook mit Cap, fransigen Haaren, Fünftagebart, Jeansjacke, Jeanshosen, Stiefeln. Enzo G. Castellari als Straßendealer mit Schiebermütze, wild diskutierend und gestikulierend. Hongkong bei Tag, Fabio auf einer Dschunke, das ausgezogene T-Shirt um den Hals gelegt, zwei Holzketten baumeln um die starke männliche Brust. Carthagena, Kolumbien: Ein dubioser, gutsituierter Herr ergreift die Flucht aus seinem Luxushotel, als drei uniformierte Herren auftauchen. Amsterdam, Keilerei zwischen Drogenhändlern, ein Mann im Anzug schreitet mit einer Waffe ein. New York: In einem Wolkenkratzer unterbricht die Sekretärin das Gespräch zweier Geschäftsleute, ein wichtiger Anruf sei eingegangen. Schließlich Rom: Der Interpol-Beamte Hamilton (David Hemmings) ereifert sich gegenüber sienem italienischen Kollegen über die miese Absteige, in der sie seine zur Zerschlagung eines international agierenden Drogenhändlerrings formierte Spezialeinheit untergebracht haben. Wenig später landen Fabio und der Pistolenmann aus Amsterdam am Flughafen und während in Fabios Gepäck mehrere Kilo Heroin gefunden werden, kann der andere unbemerkt durch den Zoll schlüpfen.
Die Anfangssequenz von LA VIA DELLA DROGA veranschaulicht nicht nur, welcher Aufwand für Castellaris Drogenkrimi betrieben wurde, er weist auch den Weg für die folgenden 90 Minuten. Auf welchen Bahnen die Verbrecher da ihre Drogen auf die Reise um den Erdball schicken, wer mit wem kollaboriert und wie der Undercover-Cop Fabio gedenkt, die Organisation von innen heraus zu zersetzen, geht für den braven Zuschauer im Trubel der Ereignisse weitestgehend unter. Wie der zuletzt besprochene IL GRANDE RACKET ist LA DELLA DROGA eine eineinhalbstündige Achterbahnfahrt, bei der die grobe Richtung – steil abwärts und immer nach vorn – zwar irgendwie klar ist, alles andere aber im Geschwindigkeitsrausch verschwimmt. Anders als im genannten Film macht das hier aber insgesamt mehr Sinn, weil nicht Einzelschicksale im Mittelpunkt stehen, sondern der Film nur ein Schlaglicht auf das Tagesgeschäft längst weltumspannend agierender Organisationen wirft, in der Individuen völlig austauschbar geworden sind. Es dauert 40 Minuten, bis man erfährt, wer dieser Fabio eigentlich ist, von dem man sonst nichts weiß, außer dass er aus ungeklärten Gründen unsere Identifikationsfigur sein soll. Wie bei seinem späteren Kollegen Sonny Crockett ist man sich aber nie ganz klar, ob er der Verlockung des großen Geldes und des ständigen Nervenkitzels nicht doch erliegt und die Seiten wechselt oder schon jetzt ein gerissenes Doppelspiel spielt. Und Hamilton, sowas wie das Gewissen und der gesunde Menschenverstand des Films, tritt in dessen zweiter Hälfte weit in den Hintergrund: Er ist eben doch nur ein kleines Licht, ein hilfloser Bauer in einer Schachpartie, bei der ein unsichtbar bleibender Großmeister die Figuren zieht.

Zum treibenden Score von Goblin – meines Erachtens eine ihrer besten Arbeiten – verwickeln sich die einzelnen Fäden so hoffnungslos, bis nur noch der radikale Einsatz einer Schere Abhilfe schaffen kann. Der Showdown des Films, der zu Fuß und auf dem Motorrad über die Etagen eines im Bau befindlichen Hochhauses, durch eine ebenfalls noch unfertige U-Bahn-Station, auf die riesige Bühne eines imposanten Freilichttheaters und schließlich in einen Hangar führt, von wo aus sich die Konfliktparteien zum Schluss dann in die Lüfte erhebt – einfach geil, wie Fabio kurzentschlossen in den Flieger steigt, und beschließt, das Ding selbst zu fliegen: Kann so schwer ja nicht sein -, ist eine einzige Actionorgie, wie sie in Italien nur Castellari mit dieser Rasanz und Konsequenz zu verstehen wusste. Wenn der letzte (?) Schurke mit seiner Cessna an einem Brückenpfeiler zerschellt, ist dann auch alles gesagt, großes Gesäusel ist danach überflüssig. Wer erwartet, von einem Actioner menschlich involviert oder gar berührt zu werden, der ist bei LA VIA DELLA DROGA fehl am Platze. Wer aber gern mal wieder ordentlich durchgepustet werden will, liegt hier goldrichtig.

 

il-grande-racket-1976Geschäfts- und Restaurantbesitzer Roms werden von einer Bande, die unter dem Befehl des mafiösen Rudy (GIanluigi Loffredo) steht, mit Schutzgelderpressung und Gewaltandrohung in Angst und Schrecken versetzt. Der Kriminalbeamte Nico (Fabio Testi) ermittelt gemeinsam mit seinem Partner Velasci (Salvatore Borghese), muss jedoch immer wieder die Freilassung der Schurken beklagen, erreicht mit seinen zunehmend aggressiven Methoden nicht mehr als eine Eskalation der eh schon fragilen Situation. Als er schließlich aus dem Dienst entlassen wird, schließt er sich mit einigen Opfern der Gangster zusammen, um mit ihnen kurzen Prozess zu machen …

IL GRANDE RACKET ist ein guter, aber keiner der großen Filme Castellaris, ich denke dabei vor allem an LA POLIZIA INCRIMINA LA LEGGE ASSOLVE, für mich immer noch der vielleicht ultimative Poliziottesco, den poetischen Spät-Italowestern KEOMA oder, mit leichten Abstrichen, den todtraurigen IL CITTADINO SI RIBELLA und das Endzeit-Popmusical 1990: I GUERRIERI DEL BRONX. Castellaris Cop-Actioner erreicht weder die emotionale Durchschlagskraft seiner Filme mit Franco Nero noch den visuellen Einfallsreichtum seiner WARRIORS-meets-ESCAPE FROM NEW YORK-Pop-Pastiche. Dabei scheitert es nicht an seinen Ambitionen: IL GRANDE RACKET besteht aus etlichen miteinander verbundenen Episoden und führt ebenso viele Charaktere ein, ist also bis zum Bersten mit Handlung vollgestopft und gönnt sich auf dem Weg ins von Kurosawas SHICHININ NO SAMURAI oder Sturges‘ THE MAGNIFICENT SEVEN inspirierte Finale kaum eine Atempause. Eine Actionszene reiht sich an die nächste und der Bodycount ist am Ende des 106-Minüters kaum noch zu zählen. Das Problem: Es berührt einen kaum.

IL GRANDE RACKET ist immens unterhaltsam und temporeich, gut besetzt und gespielt und, wie man es von Castellari zu seiner Hochzeit erwarten kann, kompetent und schwungvoll inszeniert. Das Problem scheint mir vor allem das Script zu sein, das viel zu unfokussiert ist und einem kaum eine Gelegenheit gönnt, sich zum Gezeigten in Beziehung zu setzen. Während es also ständig etwas zu gucken gibt, Protagonist Nico sich nie über Beschäftigungslosigkeit beklagen kann, bleibt der Plot in der gesamten ersten Stunde des Films ohne klar definiertes Ziel. Die Nebenfiguren verschwinden fast ebenso schnell wie sie eingeführt wurden und erst wenn Nico nach rund einer Stunde seine „Posse“ mit ihnen formiert, wird ihre Funktion überhaupt klar. Ein gutes Beispiel ist Rossetti (Orso Maria Guerrini), ein Zivilbürger und Sportschütze, der durch Zufall in einen Shootout zwischen Nico und den Schurken verwickelt wird und ihm mit seiner Waffe zu Hilfe kommt. Die beiden Männer freunden sich an, einig in ihrem Wunsch, die Straßen vom Gesindel zu säubern, doch schon in der nächsten Szene wird Rossetti wieder aus dem Film genommen und es dauert eine gute halbe Stunde, bis zu seinem nächsten Auftritt im Showdown des Films. IL GRANDE RACKET ist maßlos in seiner Anhäufung von Leid und Opfern: In POLIZIA INCRIMINA LA LEGGE ASSOLVE reichte ein Schicksalsschlag, ein Zusammenbruch des Protagonisten, um einen als Zuschauer unrettbar auf seine Seite zu ziehen und für das Großreinemachen einzunorden, hier stellt sich diese Wirkung nicht ein, weil gar keine Zeit bleibt, die Dinge sinken und wirken zu lassen. Das eine Unglück ist kaum vorbei, da bahnt sich schon das nächste an.

Wenn diese Methode sich auch als dramaturgisch kontraproduktiv erweist, so ist sie doch überaus vielsagend: Die mittleren Siebzigerjahre waren in Italien gesellschaftlich überaus turbulent, wirtschaftlich ging es bergab, die Rechte erlebte einen starken Zulauf, das Verbrechen nahm überhand, der „einfache Bürger“ musste anscheinend nicht nur um seinen finanziellen Fortbestand, sondern auch um seine körperliche Unversehrtheit oder gar sein Leben fürchten. Andere Regisseure antworteten auf diesen Notstand, in dem sie einen gutbürgerlichen Amokläufer wie Maurizio Merli in die Schlacht warfen, Castellari zeichnet eben ein Rom, in dem sich die Opfer die Klinke in die Hand geben können. Das Ergebnis ist ähnlich: Man sitzt davor, nicht mehr schockiert, nur noch betäubt von dem Orkan an Niedertracht und Gewalt.

Erst wird seine Wohnung verwüstet, dann gerät der unbescholtene Ingenieur Carlo Antonelli (Franco Nero) auch noch in einen Banküberfall. Die Räuber (Romano Puppo, Massimo Vanni, Nazzareno Zamperla) misshandeln ihn, nehmen ihn als Geisel und lassen ihn dann blutend und zerschunden in ihrem Fluchtauto zurück. Die folgende Behandlung durch die Polizei zeigt dem in seinen Grundfesten erschütterten Opfer, dass er von ihrer Seite nur wenig Hilfe, ja noch nicht einmal echtes Verständnis zu erwarten hat. Carlo fühlt sich gedemütigt, in seiner Menschenwürde verletzt und beschließt deshalb selbst tätig zu werden. Aber um die nötigen Kontakte in die Unterwelt zu knüpfen, braucht er einen Mittelsmann. Er guckt sich zu diesem Zweck Tommy (Giancarlo Prete) aus, einen kleinen Fisch, der sich mit gelegentlichen Einbrüchen und Raubüberfällen über Wasser hält, erpresst ihn mit belastendem Fotomaterial und zwingt ihn so, ihm zu helfen. Doch die Verbrecher, denen Carlo sein Trauma zu verdanken hat, sind von anderem Kaliber als Tommy …

Im selben Jahr entstanden wie Michael Winners epochemachender DEATH WISH, erzählt auch Enzo G. Castellari in seinem Actionfilm vom Absturz eines Mannes in die Gewalt, der eigentlich das genaue Gegenteil des brutalen Gewalttäters ist. Zivilisiert und gebildet ist dieser Carlo, ein Intellektueller, der von den Härten des Lebens bislang verschont geblieben ist und auf das ihm widerfahrene Unrecht demnach umso heftiger reagiert. Carlo will die Schuldigen für das zur Rechenschaft ziehen, was sie ihm angetan haben. Es geht ihm dabei keineswegs um die blauen Flecken und Platzwunden, die er davongetragen hat: Viel schwerer wiegt für ihn die seelische Verletzung, das zerstörte Vertrauen in die Ordnung der Dinge, der zerschlagene Glaube, in Sicherheit zu sein, solange er sich an die Regeln hält. Und weil ihm niemand bei der Wiederherstellung der verletzten Gerechtigkeit helfen kann, sieht er es geradezu als seine Pflicht an, sich selbst zur Wehr zu setzen. Seinen Kampf vergleicht er mit dem Widerstand gegen die Faschisten im Zweiten Weltkrieg: Seine Wohnung ziert ein von seinem Vater verfasstes Pamphlet, mit dem der seine Mitbürger einst zur Rebellion gegen die Nazis aufgefordert hatte. Den Zustand auf den Straßen Italiens erkennt Carlo als Notstand, der extreme Mittel rechtfertigt. Seiner Meinung nach befindet sich das Land längst wieder im Krieg.

Diesen Krieg skizziert Castellari schon in den ersten Minuten ganz im Sinne des Cinema di denuncia und des Poliziesco und lässt keinen Zweifel daran, wie zu handeln ist. Oder doch?  IL CITTADINO SI RIBELLA eröffnet mit dem Überfall auf Carlos Wohnung, bei dem auch das oben erwähnte, vom Protagonisten als Andenken an den Vater schön gerahmte Pamphlet zerschlagen wird. Ein prophetischer Blick auf den gedruckten Aufruf, aufzubegehren, leitet über zu den Credits. Zu den Klängen des ebenso melancholischen wie mahnenden Titelsongs „Goodbye my friend“ von Guido und Maurizio De Angelis (überhaupt: dieser Score!) wird in fünf kurzen Szenen gezeigt, was auf den Straßen Italiens los ist. Da werden Passanten auf der Straße beraubt, Schaufenster eingeschlagen und Geschäfte überfallen, Menschen auf offener Straße niedergeschossen oder entführt. Gleich als nächstes wohnt der Zuschauer dem Banküberfall bei, den Castellari mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln als brutalen Anschlag einiger weniger vermummter und bewaffneter Schurken auf eine wehrlose Schar panisch agierender Opfer inszeniert. Das ist kein minutiös geplanter Raub, wie man ihn aus dem Heist-Movie kennt, das ist die Entfesselung des Chaos ohne Rücksicht auf Verluste. Die Opfer merken schnell, dass hier alles möglich ist und kauern sich wimmernd auf dem Boden. Carlo begeht den Fehler, die Aufmerksamkeit der Räuber auf sich zu ziehen, wird so erst mit Schlägen und Tritten bestraft, dann schließlich als Geisel auserkoren. Später wird er gegenüber der Polizei zu Protokoll geben, dass die Nervosität der Räuber gespielt war, um die sich im Schalterraum aufhaltenden Personen in einen Zustand der Angst zu versetzen, ihnen deutlich zu machen, dass hier nichts sicher ist: Die Angst der Bürger, ihre willenlose Fügung in die ihnen zugedachte Rolle des Opfers ist eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg der Verbrecher. In der „Utopie“, die Carlo aus der Erkenntnis dieses Sachverhalts entwickelt, weicht der Zivilist daher nicht länger in die Passivität, er stellt sich der Bedrohung und tritt in den offenen Kampf. Und er ist der erste, der diese Utopie in die Tat umsetzt, auch gegen die Warnungen seiner Geliebten (Barbara Bach), die versucht ihm klarzumachen, dass er selbst nur ein Verbrecher ist, wenn er zur Waffe greift, um erlittenes Unrecht zu bestrafen. Aber Carlo hat genug davon, auf der Seite der Schäfchen zu stehen, denen immer nur Leid zugefügt wird, weil sie sich an die Gesetze halten, die andere – anscheinend ungestraft – übertreten.

IL CITTADINO SI RIBELLA fügt der im Kino der mittleren Siebzigerjahre heftig geführten Debatte um explodierende Kriminalitätsraten, die Ohnmacht oder gar Korruption des Polizeiapparats und den Wunsch nach Law and Order und Zero Tolerance inhaltlich nichts Wesentliches hinzu: Der Schlag Carlos gegen die Verbrecher hat für den Zuschauer durchaus eine befreiende Wirkung, doch gleichzeitig wird auch klar, dass der „brave Bürger“ dadurch nicht nur sein angekratztes Selbstwertgefühl nicht zurückbekommen, sondern darüber hinaus noch etwas viel Wichtigeres ein für allemal verlieren wird: seine Unschuld. Er wird im Verlaufe des Films zum mehrfachen Mörder, eine Tatsache, die sich nicht mehr umkehren lässt. Der Weg in die Normalität, in die er sich zurücksehnte, ist ihm nun für immer versperrt. Dennoch suggeriert Castellari, dass Carlos Ausbruch eine gesellschaftliche Wendung initiieren könnte und er lässt seinen Protagonisten diese Möglichkeit freudig zur Kenntnis nehmen: Als Carlo am Ende durch das Polizeirevier schreitet, kommt er an einem Büro vorbei, in dem ein weiterer Mann – offensichtlich ebenfalls das Opfer eines Verbrechens – dem zuständigen Beamten droht, das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen, da er sonst keine Hilfe zu erwarten habe. Das Volk will nicht mehr länger auf sich herumtrampeln lassen, aber wie sieht ein Staat aus, in dem jeder sein eigener Scharfrichter ist?

Castellari ist sich der Ambivalenz seines Films m. E. ebenso bewusst wie Winner, doch seine Herangehensweise ist eine andere. Während der Brite die Monstrosität der Kriminellen in den Fokus rückt, den Hass des Zuschauers auf diese feigen Schweine schürt, die am hellichten Tage in Wohnungen einbrechen und dort feixend und lachend über die wehrlosen Opfer herfallen, gilt Castellaris Interesse dem Leid und dem Schmerz des Opfers. Nicht nur, dass Einschüsse blutige Explosionen hervorrufen, alle Gewaltakte durch die Kamera quälend zerdehnt werden: Den Film prägt weniger jene apokalyptische Stimmung von DEATH WISH, das Gefühl, die Welt befinde sich am Abgrund, vielmehr ist er von tiefer Traurigkeit geprägt. Franco Neros Gesicht wird im Verlauf des Films zu einer Landschaft des Leids verzerrt, die die ganze Tragweite jedweder Form von Gewalt spürbar macht. Die Schlüsselszene ereignet sich kurz vor dem Showdown: Tommy hat Carlo zu den drei Bankräubern gebracht, doch er hintergeht seinen „Auftraggeber“, gerade als der ihn als Freund zu betrachten begann. Wieder einmal wird Carlo verprügelt, niedergetreten, dann schließlich von den Verbrechern gepackt und an den Gliedmaßen durch den Dreck gezerrt, durch große Pfützen, wo es dann erneut Hiebe und Tritte setzt. Auf mehrere Minuten dehnt Castellari diese Sequenz aus, zeigt immer wieder den vollkommen verdreckten Carlo und sein Gesicht, das nicht so sehr Schmerzen, Angst oder Wut, sondern vielmehr Fassungslosigkeit und Trauer ausdrückt. Mehr als den bezifferbaren, sichtbaren Schaden akzentuiert Castellari diese innere Verletzung, die mit dem Begriff „psychische Schäden“ nur unzureichend beschreiben ist. So widmet sich IL CITTADINO SI RIBELLA weniger dem sehr speziellen Thema der Selbstjustiz, als viel allgemeiner der Grausamkeit, mit der die Menschen sich behandeln, der Grenzüberschreitung, die es bedeutet, sich über die Rechte des Einzelnen mit Gewalt hinwegzusetzen. Das schließt das „Opfer“ Carlo unbedingt mit ein.