Mit ‘Eric Bogosian’ getaggte Beiträge

Als ihr Ehemann Keefe (Brad Rijn) in Manhattan eintrifft, um die Mutter seines Sohnes und Ehefrau Andrea (Zoe Tamerlis) – eine Möchtegernschauspielerin, die ihr Geld damit verdient, für lüsterne Fotografen zu posieren – nach Hause zu holen, flüchtet diese sich in die Arme des ausgebrannten Regisseurs Christopher Neville (Eric Bogosian), der in Hollywood soeben zur Persona non grata erklärt worden ist und an seinem Comeback feilt. Er bringt sie beim Sex um, filmt diesen Mord, trennt sich von der Leiche und eilt wenig später dem verzweifelten Keefe mit Geld und Anwalt zur Hilfe, als der von der Polizei wegen des Mordes verdächtigt wird. Dahinter steckt aber mitnichten Reue, sondern der Plan, den Ehemann zur Mitarbeit an seinem neuestem Projekt zu erpressen: ein Dokudrama über die tragische Geschichte des Ehepaars, das die Grenzen zwischen Film und Realität engültig verwischen soll. Nun fehlt Neville nur noch eine Schauspielerin für den Part der Andrea. Bis Keefe auf Elaine (Zoe Tamerlis) trifft, die seiner Frau aufs Haar gleicht …

Nach dem Troma-Dilettantismus wieder den Übergang zu respektableren Filmen zu finden, ist gar nicht so einfach, wenn man eine harte Zäsur vermeiden will. Zum Glück gibt es Larry Cohen, der sich zwar vordergründig Exploitation-Themen annimmt, diese aber mit Sensibilität, Intelligenz und inszenatorischer Klasse versieht, die man sonst von anerkannten Regiegrößen der Filmgeschichte erwartet. SPECIAL EFFECTS, nach dem wunderbaren Q entstanden, ist ein großer kleiner Film, ein verwegener, konzeptionell aufregender Thriller, der nicht nur in seinen offenen Hitchcock-Referenzen Assoziationen zum Kino Brian De Palmas (und logischerweise Hitchcocks) evoziert, sondern auch in seinen philosophisch angehauchten Reflexionen über Film, Realität und das Spannungsverhältnis zwischen diesen beiden. Von Beginn an – schon während eines Dialogs, der als Offkommentar die Anfangscredits begleitet – wird Neville als Regisseur etabliert, der sich nicht länger damit begnügen will, Fiktion zu machen. Er will, dass seine Filme ebenso real sind wie Realität, dass sie Realität nicht mehr nur abbilden, sondern dies tatsächlich selbst werden. Zu diesem Zweck hat er seinen letzten Film mit teuren Spezialeffekten überfrachtet und wurde vom Set seines neuesten Werks kurzerhand gefeuert, als er das Budget schon wieder weit zu überdehnen drohte. Sein großes Vorbild, so bekennt er, ist Abraham Zapruder, der Hobbyfilmer, der das Attentat auf John F. Kennedy aufzeichnete; später sieht man Neville, wie er sich wieder und wieder die Aufnahmen von Jack Rubys Mord an Lee Harvey Oswald ansieht, um den Indikator zu finden, der signalisiert, dass es sich nicht um inszeniertes Material, sondern um aufgezeichnete Realität handelt. Díesen künstlerischen Ambitionen, hinter denen sich ein ausgewachsener Gottkomplex kaum noch verstecken kann, steht die naive Träumerei von Andrea und Det. Phillip Delroy (Kevon O’Connor) gegenüber, die bereit sind, ihr Leben komplett aufzugeben, um in der Sphäre des Films groß rauszukommen. Der Konflikt des Films besteht auch darin: dass der eine die Transition von Fiktion zu Realität schaffen will (die doch unmöglich ist), während andere ihre reale Existenz zu gern gegen ein ideelles Dasein auf dem Silver Screen eintauschen würden.

Vor diesem Hintergrund entfaltet Cohen seinen Thrillerplot um einen Regular John – Protagonist Keefe kommt aus dem ländlichen Oklahoma in die Metropole (und bringt Filmaufnahmen (!) von seinem kleinen Sohn mit, die Andrea zur Rückkehr bewegen sollen) -, der nicht in der Lage ist, den teuflischen Plan Nevilles erkennen. Dessen Film soll nämlich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: seine Karriere reanimieren und gleichzeitig den engültigen Beweis für Keefes Schuld erbringen, indem er seine privaten Aufnahmen vom Mord an Andrea und das neu gedrehte Material mit Keefe verbindet und so die Lücken schließt, die in der Beweisführung der Polizei noch klaffen. In der Besetzung der Andrea-Figur mit Doppelgängerin Elaine findet Cohens Hitchcock-Hommage aber seinen deutlichsten Ausdruck: Zoe Tamerlis spielt beide Rollen, erinnert damit sowohl an Kim Novak in VERTIGO als auch an Melanie Griffith in De Palmas BODY DOUBLE (der seinerseits eine VERTIGO-Hommage war) und fügt der spielerischen Meditation über Realität/Schein bzw. Kopie/Original eine weitere Ebene hinzu. Doch Larry Cohen ist da noch längst nicht am Ende: Zwischentitel, die wie die Notizen eines Filmemachers folgende Szenen in einen größeren Kontext einbetten und der abschließende Regiecredit „Det. Phillip Delroy“ suggerieren einen mephistophelischen Strippenzieher hinter dem Film, der den Zuschauer die ganze Zeit genarrt hat, und schieben eine federführende Instanz zwischen Zuschauer und Film, die das Geschehen noch weiter abstrahiert.

SPECIAL EFFECTS zählt meines Wissens zu den unbekannteren Filmen eines Regisseurs, der zwar einen über den Kreis der Expoitationliebhaber hinausgehenden Ruf genießt (als Drehbuchautor versorgt er Hollywood regelmäßig mit neuen Stoffen), aber doch vor allem für seine im weitesten Sinne als Horrorfilme zu bezeichnenden Werke bekannt ist (IT’S ALIVE, Q, THE STUFF, GOD TOLD ME TO). SPECIAL EFFECTS knüpft an sein brillantes, aber ungleich schwierigeres satirisches Frühwerk BONE an und ist für mich sein bester Film. Ebenso an- wie aufregend, hervorragend gespielt und inszeniert, und definitiv Stoff für mehrere Sichtungen. Pflichtprogramm also, zumal es eine ausgezeichnete US-DVD gibt.