Mit ‘Erik Estrada’ getaggte Beiträge

Erinnert sich noch jemand an den großartigen STONE COLD vom leider vergessenen Craig R. Baxley, der 1991 noch einmal zeigte, wie man im Jahrzehnt zuvor Actionfilme gedreht hatte und zudem die Klasse besaß, Lance Henriksen und William Forsythe als Köpfe einer verbrecherischen Bikergang zu besetzen? Kann sich noch jemand außer mir ein DTV-Rip-off dieses Kleinods vorstellen, vielleicht gar aus dem Hause PM Entertainment, der Heimat filmisch aufbereiteter Automobilverschrottung? Geht noch jemandem bei der Vorstellung die Hose auf? Dann träumt weiter, denn THE LAST RIDERS ist nicht dieser Film, auch wenn er ohne Frage an den Erfolg von STONE COLD anknüpfen will. Erik Estrada ist kein Brian Bosworth, was immer das heißen mag.

Der ehemalige Star aus der Fernsehserie CHiPS ist Johnny, Mitglied der Bikergang „The Slavers“ und neben Anführer Rico (Angelo Tiffe) der Veteran der Truppe. Als er nach einem fehlgeschlagenen Drogendeal bei einem Vergeltungschlag eingesetzt wird und einen Mann umbringt, der sich kurz darauf als dreckiger Cop herausstellt, verkündet er seinen Ausstieg („Take my colors. Burn ‚em and piss on the ashes.“), um die Kameraden zu schützen, und begibt sich auf den Weg gen Norden. Dort stattet er seinem alten Kumpel „Hammer“ (William Smith), der eine Werkstatt an der Autobahn sein eigen nennt, einen Besuch ab und lässt sich überreden, bei ihm unterzukommen und zu arbeiten. Wenig später entflammt gar die große Liebe, als die Reisende Anna (Kathrin Middleton) mit ihrer Tochter wegen einer Panne gezwungen ist, bei Johnny zu übernachten. Doch natürlich holt die Vergangenheit Johnny ein …

THE LAST RIDERS ist nach NIGHT OF THE WILDING und RING OF FIRE ein neues Beispiel dafür, was für bizarre Filme dabei herauskommen, wenn man versucht, die Formeln Hollywoods zu adaptieren, ohne die Ressourcen dafür zu haben. Das, was in einem herkömmlichen Actioner in der Exposition abgefrühstückt würde, dehnt Joseph Merhi auf über eine Stunde aus und quetscht den eigentlich interessanten Teil der Story in einen kurzen Showdown, der kaum der Rede wert ist, ja, eigentlich noch nicht einmal diese Bezeichnung verdient. Als Action- oder Rachefilm ist THE LAST RIDERS ein ziemlicher Rohrkrepierer, aber wie er die altbewährte Formel beugt und zum Ausgangspunkt eines schmonzettenhaften Melodrams macht, ist nicht ohne bizarren abseitigen Reiz. Merhi verwendet wie erwähnt viel Zeit darauf, die Liebesbeziehung zwischen Johnny und Anna anzubahnen und macht dabei vor keinem Klischee halt. Anna ist zunächst natürlich eine eingebildete Schlampe, die Johnny der schlechten Arbeit bezichtigt und seine Hilfsbereitschaft nur mit Unverschämtheiten zu kontern weiß. Schließlich bleibt ihr aber doch keine Wahl, als auf sein Angebot, bei ihm im Trailer zu wohnen, einzugehen. Kaum dass sie einen Fuß in die Tür gesetzt hat, geht die geborene Hausfrau mit ihr durch, sie putzt, räumt auf und schickt den im Weg rumstehenden Mann zum Einkaufen, weil der nur Bier im Kühlschrank hat. Das Fleisch, das er mitbringt, schaut sie an wie ein gebrauchtes Kondom: Sie kocht natürlich vegetarisch, japanisch, um genau zu sein, und zwingt ihn dann sogar dazu, mit Stäbchen zu essen, wobei er sich extradumm anstellt und keinen einzigen Bissen in den Mund bekommt. Nicht mit Johnny, den es nach Burger, Fritten und Milchshake gelüstet und der Annas hässliches Kind dabei sofort auf seiner Seite weiß. Doch das sind natürlich nur die obligatorischen Anlaufschwierigkeiten, die eine umso harmonischere Beziehung nach sich ziehen. Aber was heißt hier „Beziehung“? Seinen romantisch-kuriosen Gipfel erklimmt der Film, als Johnny und Anna während eines Ausflugs nach Las Vegas spontan HEIRATEN! Nachdem er vor kurzem noch als Polizistenmörder nach Kanada auswandern und sie eigentlich nur mal eben ihr Auto reparieren lassen wollte, eine überaus unerwartete Entwicklung, die man durchaus als „Kurzschluss“ bezeichnen könnte. Die beiden leben in einem verschissenen Wohnwagen irgendwo im Nichts, for Christ’s sake! Geht das Blag eigentlich irgendwo zur Schule?

Es ist klar, dass das fragwürdige Glück nicht lange anhalten kann und deshalb wird Johnny auch von den Bullen ausfindig gemacht und Rico als angeblicher Verräter präsentiert. Der schickt seine Killer, die statt seiner aber „nur“ Anna und das kleine Mädchen mit ihren Schrotflinten wegpusten. Johnny kann nichts mehr tun, außer den Trailer – der ja eigentlich seinem Kumpel Hammer gehört – anzuzünden und bedröppelt in die Flammen zu schauen. Was er an seinem Freund hat, der die mutwillige Zerstörung seines Eigentums ganz entspannt hinnimmt, bemerkt er hoffentlich später. Der Zuschauer darf frohlocken, denn nun gibt es zum ersten Mal seit dem Auftakt des Films wieder Action: Zum Frauen-AOR-Sound der „Sheilas“, die auch schon zu Beginn einen ausgedehnten Auftritt hatten und unter anderem eine Querflötistin in ihren Reihen wissen, gibt es eine Montagesequenz, in der Johnny einige seiner alten Kumpels murkst. Er wird dabei aber verwundet und schleppt sich in seine alte Stammkneipe, wo ihn die Bedienstete Feather (Mimi Lesseos) aufnimmt und gesund pflegt. Merkt jemand was? Bevor sich das Szenario, das Johnny überhaupt zu ihr führte, aber noch einmal wiederholt (Feather gesteht Johnny ihre Liebe, aber der braucht wahrscheinlich noch ein bis zwei Tage Trauerarbeit), bricht er auf, um mit seinem best buddy Rico anzurechnen. In einer dunkeln Gasse stehen sich dei beiden schließlich zwischen zwei brennenden Mülltonnen gegenüber. Sie schauen sich grimmig an, nicken ,,, und fahren dann in entgegengesetzte Richtungen davon. Ende.

For real, ich habe mir das nicht ausgedacht. THE LAST RIDERS müsste man als Publikumsverarsche bezeichnen, wenn das, was man da 90 Minuten lang geboten bekommt, nicht so durch und durch faszinierend in seiner Spießigkeit wäre. Wer immer schon der Meinung war, dass noch unter der speckigsten Rockerjoppe ein sentimentales Muttersöhnchen steckt, der wird sich hier bestätigt sehen. Und wer immer schon einen Rockerfilm gesucht hat, für den sich auch die Oma begeistern kann, der ist mit THE LAST RIDERS endlich am Ziel angekommen. Halleluja!

night-of-the-wilding-movie-poster-1990-1010503906Wer sich schon mal gefragt hat, warum es zwar DTV-Action-, -Kickbox- und
-Cyborgfilme, aber kaum DTV-Gerichtsfilme gibt, der sollte sich NIGHT OF THE WILDING anschauen, Joseph Merhis Versuch, in diesem „seriösen“ Genre Fuß zu fassen. Der Gerichtsfilm fußt auf einem sehr engen Regelwerk, das nur wenig Spielraum lässt und strenge Anforderungen an die Macher stellt. Sicherlich ist es ein Trugschluss, zu glauben, dass Gerichtsfilme die Realität nicht zugunsten der Dramatik beugen, dennoch wird meist ein großer Aufwand betrieben, alles möglichst realistisch wirken zu lassen. Das Gesetz ist kompliziert, mithin erfordert ein Gerichtsfilm ein akribisch recherchiertes Drehbuch, das den Zuschauer glauben lässt, dass es sich so in einem echten Gerichtsraum abspielen könnte. Und genau dies hatte NIGHT OF THE WILDING nicht. Merhi übertrug vielmehr die kontrastreiche Schwarzweißmalerei und grobe Affektsteuerung des DTV-Actioners nahezu verlustfrei auf den Gerichtsfilm und schuf so ein haarsträubend naives Werk, dessen Vorstellung von Moral, Recht, Gerechtigkeit und Rechtsprechung von geradezu berückender Infantilität ist.

Joseph Fainer (Erik Estrada) ist ein erfolgreicher Anwalt, der sich nicht scheut, auch die miesesten Typen zu verteidigen. Zum Dank erhält er vom lokalen Mafiaboss schon einmal einen mit Banknoten prall gefüllten Schuhkarton. Seine Ex-Frau und Kollegin Marion (Kathrin Middleton) hingegen ist eine Idealistin, der der große finanzielle Ruhm genau aus diesem Grund bislang verwehrt blieb. Beide stehen sich nun in einem Fall gegenüber, bei dem drei Jugendliche wegen Körperverletzung und zweifacher Vergewaltigung angeklagt sind: Nachdem ihr Anführer Carl (Isaac Allan) sich in einem Supermarkt zu bezahlen weigerte, schlug er mit seinen Freunden erst den heraneilenden Security-Mann brutal nieder, verschaffte sich dann Eingang in das Haus der Kassiererin, vergewaltigte sie und ihre Mitbewohnerin. Für Marion ist der Fall ganz klar, doch Joseph erklärt sich bereit die – natürlich aus reichem Hause stammenden Jungs – zu verteidigen. Es sei immerhin möglich, dass sie unschuldig sind.

Bis hierhin ist noch alles in Ordnung, sieht man einmal davon ab, dass die drei Täter geradezu grotesk eindimensionale Arschgeigen sind, an deren Unschuld niemand wirklich glauben kann. Aber auch solche haben natürlich das Recht auf einen Anwalt. Es gibt für Fainer tatsächlich einen einigermaßen brauchbaren Ansatz für die Verteidigung: Die Jungs brachen nämlich nicht in das Haus der Kassiererin ein, sondern wurden eingelassen. Somit könnte Fainer vielleicht darauf abzielen, dass die „Vergewaltigung“ gar keine war, sondern es eine Einwilligung zum Sex gegeben hatte. Das ist immer noch problematisch, weil es ja auch noch einen männlichen Gast gab, der niedergeschlagen wurde, aber gut, wir wollen Nachsicht walten lassen. (Sonst wäre der Film schließlich schon bei de Besetzung Erik Estradas als Superanwalt gescheitert.) Fainer begnügt sich aber nicht damit, lediglich mildernde Umstände für seine Jungs herauszuholen, nein, er will den Spieß umdrehen. Er zeichnet das Haus der Kassiererin in seinem Plädoyer als „House of Sin“, als Ort, an dem regelmäßig wüste Sexorgien abgehalten werden und in das die arglosen Buben von ihren hexengleichen Bewohnerinnen hereingelockt wurden. Das ist schon perfide, wie er die Opfer im Folgenden traktiert und vor den Geschworenen diffamiert. Es fällt schwer, ihn als lediglich von den Bösewichten getäuschten zu akzeptieren. Da ist jemand, dessen Moralvorstellungen nicht nur ins Wanken geraten sind, sondern total auf dem Kopf stehen. Bemerkenswert ist übrigens auch, dass es in der Verhandlung nie um die Beinahe-Ermordung des Sicherheitsmannes geht, bei der die Täter gesehen wurden. Das wird einfach unter den Tisch fallen gelassen, wahrscheinlich, weil man ahnte, dass kein noch so hirnrissiger Drehbuchkniff hier einen Freispruch herbeiargumentieren könnte. Das zieht sich durch den ganzen Film: Das Naheliegende wird von allen übersehen, damit der Film nicht vorzeitig beendet ist.

Marion ist verständlicherweise entsetzt über das Verhalten ihres Ex-Gatten und konfrontiert ihn, erinnert ihn an den Abend vor seinem ersten großen Fall, als er weinend in ihren Armen lag, wissend, dass der Mann, den er verteidigen sollte, schuldig war. NIGHT OF THE WILDING scheint hier den Gewissenswandel seines Protagonisten vorzubereiten, doch der kommt nicht. Die bipolare Marion ist daran nicht ganz unschuldig: Als Joseph am Tag nach ihrem intimen Gespräch einen Zeugen nicht hart genug rannimmt, beschwert sie sich bei ihm darüber, dass er es ihr zu leicht mache. Weiber! So setzt bei ihm auch kein Gesinnungswandel ein, als die Kassiererin am Tag vor ihrer Aussage ermordet wird (natürlich vom teuflischen Carl mit seiner Vokuhila-Frisur). Überhaupt wird das von allen so hingenommen, niemand zieht in Erwägung, dass ihr Tod direkt mit der Verhandlung in Verbindung stehen könnte. Stattdessen nur so: Och, das arme Mädchen, so ein Pech aber auch … Wenig später dieselbe Reaktion als Carls Kumpels tot aufgefunden werden: Tja, dann gibt es also nur noch einen Angeklagten. Marion, mit allen Wassern gewaschen, zieht ein Trumpf-As aus dem Ärmel, wissend, dass Carl ungestraft davonzukommen droht: eine neue Augenzeugin. Die gibt es aber gar nicht, stattdessen steht auf dem Zettel, den sie dem Richter gegeben hat, ein falscher Name und ihre eigene Adresse! Sie will Carl damit in eine Falle locken! Und der lässt sich auch nicht lang bitten. Zum Glück kommt Joseph vorbei und kann seine Ex in letzter Sekunde retten. Nach einer Verfolgungsjagd zu Fuß, bei der es dann auch den einen haarsträubenden, in diesem Kontext noch selbstzweckhafter als ohnehin schon daherkommenden Autostunt gibt, der anscheinend in keinem PM-Film fehlen darf, ermordet Joseph Carl durch Ersäufen – und steht nun selbst vor Gericht, wo ihn Marion verteidigt. Argument: Notwehr.

Nun ist Selbstjustiz bekanntermaßen ein schwieriges Thema. Und weil viele Menschen in erster Linie mit dem Bauch, statt mit dem Kopf denken, kommen sie oft auf die Idee, dass die Ermordung eines Mörders ja irgendwie gerechtfertigt und damit kein Mord sei. Aber wenn man einen Unbewaffneten erst durch die halbe Stadt hetzt und dann so lange unter Wasser drückt, bis dieser tot ist, dann kann das nun einmal keine Selbstverteidigung mehr sein. Das ist Mord. Und so setzt es der Bizarrheit von NIGHT OF THE WILDING endgültig die Krone auf, wenn Joseph am Ende freigesprochen wird und erleichtert durchatmet. Merhis ganzer Film ist von einem so frappierenden Nicht-Verstehen nicht nur noch der einfachsten Rechtsgrundsätze, sondern auch der Regeln von Narration und Zuschauerbindung geprägt, dass man nur noch staunen kann.

Der Begriff „Wilding“ beschreibt übrigens aus Langeweile oder „Spaß“ von Jugendlichen verübte Gewaltverbrechen, ein Jugendphänomen, das Ende der Achtziger-/Anfang der Neunzigerjahre anscheinend in aller Munde war. Im selben Jahr wie NIGHT OF THE WILDING erschien jedenfalls auch noch der Wings-Hauser-Film WILDING, der sich ebenfalls um jugendliche Gewalttäter dreht und den ich anhand meiner allerdings schon gut 20 Jahre zurückliegenden Sichtung mal vorsichtig in die Kategorie „geil langweilig“ einordnen würde.