Mit ‘Ernst R. von Theumer’ getaggte Beiträge

An DER IRRE VOM ZOMBIEHOF manifestiert sich in vielerlei Hinsicht, was am deutschen Exploitation-Kino der Siebzigerjare so toll war, aber auch ein großes Versäumnis: Er ist heute eine filmarchäologische Reliquie, der übrig gebliebene, mit Moos überwucherte und kaum noch sichtbare Wegweiser zu einem Ort, der starb, noch bevor er entstehen konnte. Er zeigt, welches Potenzial der deutsche Backwood-Film gehabt hätte, ein Genre, das es eigentlich geben sollte als missratenen Zwilling des Heimatfilms, das aber bestenfalls in Fragmenten existiert. Von einer alternativen deutschen Genregeschichte, die mit DER IRRE VOM ZOMBIEHOF als ihrer Initialzündung beginnt, quasi als deutsches Äquivalent zu THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE, darf man heute nur träumen. Stattdessen ist Ernst R. von Theumers (unter dem Pseudonym „Richard Jackson“ gedrehter) Film eine Kuriosität, eine Art Lachnummer, die man vor allem mit einer fehlgeschlagenen, absurden Marketing-Strategie verbindet. Zu Unrecht, denn DER IRRE VOM ZOMBIEHOF ist runterziehendste, tristpoetische Siebzigerjahre-Düsternis, eine knarzig-krachende Moritat in Dumpf-Moll über bayrisches Spießertum und menschenverachtende Hetzmentalität, niederdrückenden Katholizismus, dunkle Familienbiografien, Inzest, Degeneration und Brudermord.

Auf einem Hof irgendwo in Bayern führt der Papa (Peter Jacob) dreier erwachsener Söhne ein strenges Regiment: Sein künftiger Erbe, der erstgeborene Felix (William Berger), wartet sehnsüchtig darauf, den Hof übernehmen zu können, ist aber mit dem Makel behaftet, mit der Magd Rosa (Lore Graf) liiert, aber nicht verheiratet zu sein und mit ihr auch noch ein Kind, die junge Anne (Maria Beck), gezeugt zu haben. Der zweitälteste Sohn Kurt (Herb Andress) würde seinerseits gern den Hof übernehmen, doch der Vater hält ihn für einen Weichling. Der dritte im Bunde ist Franz (Claus Fuchs), eine arme, geistig zurückgebliebene Seele, die beseelt grinsend herumläuft und sich dann und wann an Frauen vergreift, unter anderem an seiner Nichte. Dass die Großmutter (Claudia Bethge) im Sterben liegt, nimmt außer der kleinen Anne niemand so richtig wahr. Die im Kern sowieso schon verrottete Familie zerfällt endgültig, als sich eine Gruppe von „Zigeunern“ in der Nähe des Hofs niederlässt. Während Anne zarte Bande mit einem Jungen knüpft, weil der so wunderschön die Geige spielt, setzt ein Unfall, bei dem Franz eine ihrer Frauen tötet, eine Gewaltspirale in Gang: Die deutsche Familie sieht ihre Zukunft und ihren Ruf gefährdet und muss alle Spuren und Zeugen von Franzens Tat auslöschen …

Unter dem Titel DAS MÄDCHEN VOM HOF erlebte Ernst R. von Theumers Film seine deutsche Kinopremiere, ging aber sang- und klanglos unter. Einigermaßen verständlich: Der Film, der gänzlich ohne zugkräftige Namen auskommen musste, setzte potenziellen Zuschauern mit diesem Titel nicht gerade die Pistole auf die Brust. In einem zweiten Anlauf brachte man ihn zwar unter einem hübsch reißerischen, aber leider auch ziemlich beknackten Titel ins Kino: Niemand konnte sich vorstellen, was DIE TOTENSCHMECKER eigentlich verhieß, erneut blieben die Zuschauer dem Film in Scharen fern. Aller guten Dinge sind drei und weil man den Film auf Gedeih und Verderb zum Erfolg machen wollte, George A. Romeros DAWN OF THE DEAD jüngst ein bahnbrechender Kassenerfolg gewesen war und eine ganze Flut vom Zombiefilmen inspiriert hatte, dachten die Produzenten, sie könnten mit dem markigen Titel DER IRRE VOM ZOMBIEHOF auf den Fahrt aufnehmenden Zug aufspringen. Es wird wohl auf ewig ein Mysterium bleiben, warum von Theumers Film daraufhin nicht zum Superhit avancierte. Die kleine Anekdote ist natürlich ein besonders haarsträubendes Beispiel für die nicht immer ganz koscheren Methoden im Exploitation-Film-Business, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass DER IRRE VOM ZOMBIEHOF ein sehr effektiver und vor allem einzigartiger Film ist. Er ist desillusionierend, dunkel, hässlich und dazu von einer formalen Ungeschliffenheit, dass es einem die Schuhe auszieht. Die Nachvertonung verleiht ihm eine unangenehm aufdringliche Unmittelbarkeit, Soundeffekte springen einen förmlich an, alles ist plumper Vordergrund ohne Rückzugsmöglichkeiten. Wenn die liebe Anne vor Schreck erstarrt, als sie Vater, Großvater und Onkel dabei ertappt, wie sie die Leichen zweier Frauen auf den Anhänger ihres Traktors verladen, weiß der Opa in krachlederner bayrischer Diktion nur zu befehlen: „Geh Annerl, hilf der Großmutter beim Sterben!“ Bei dieser und anderen Kaltschnäuzigkeiten des Films läuft es einem schlicht eiskalt den Rücken hinunter. Andere Szenen, wie jene, in der der Geigenspieler als Silhouette auf einem Berg zu sehen ist, seine traurige Weise dazu den Sonnenuntergang untermalt, sind von einem naiven Pathos gekennzeichnet, das dem Film zu seiner merkwürdigen Sonderstellung zwischen deutschem Hinterland-Realismus und düsterromantischem Gegenwartsmärchen verhilft. Selten ist Kitsch kälter und wirkungsloser gewesen. Jene Regionen, die im Heimatfilm immer als Hort der Tugend und des Schönen idealisiert werden, zeigen sich in DER IRRE VOM ZOMBIEHOF als zerlumpter Unterleib Deutschlands, als Ort, an dem Triebe ungehemmt wuchern, das Christentum die Menschen zu Mördern macht und der Horizont an den Grenzen des eigenen Grundstücks endet. Als Abrechnung mit dem hässlichen Deutschen, der die Welt 40 Jahre zuvor in Flammen hatte aufgehen lassen, ist der Film umso effektiver, als er keinerlei Außenperspektive zulässt. Für 90 Minuten steigt man hinab in einen zähen, schwarzen, alles verschlingenden Morast des Dumpfen und Dummen. Noch einmal: Wie schade, dass das verstörende Potenzial, das DER IRRE VOM ZOMBIEHOF entfacht, nicht Schule machte.

Danke an Christoph Draxtra, mit dessen Hilfe ich eine seit rund 25 Jahre lang klaffende Lücke endlich schließen konnte.

Eine Gruppe von Models – unter ihnen auch der Produzent Larry (Marjoe Gortner) und die Fotografin Joanna (Nina Van Pallandt) – wird auf dem Weg zu einem Fotoshooting über dem Amazonas von der Armee des Drogenbarons Cesar Santiago (Paul L. Smith) abgeschossen und schließlich in dessen Kerker geworfen. Als sich der Gangsterboss Vito Mastranga (John Vernon), der mit Santiago ins Geschäft kommen will, mit seinem Gefolge einfindet, gelingt den Frauen die Flucht. Ein wilder Kampf entbrennt …

Filme wie dieser treiben mir regelmäßig die Tränen in die Augen: Was waren das für goldene Zeiten, als so etwas noch produziert wurd? In Deutschland! Und dann auch noch im Kino lief! Aufwändiges, buntes, bescheuertes, aber eben auch durchweg knalliges Exploitationkino mit einer Besetzung, die jedem Filmfreund das Klappmesser in der Hose aufgehen lässt. Feiste Action, ohne Anspruch auf Relevanz, aber mit der heiligen Motivation gedreht, den Zuschauern 90 Minuten lang Feuer unter dem Arsch zu machen. Filme, in denen wirklich ein Flugzeug über den Amazonas fliegt, wenn ein Flugzeug über den Amazonas fliegen soll. Filme, in denen wirlich ein Haus in die Luft gejagt wird, wenn ein Haus in die Luft fliegen soll. Filme, in denen einem Mann Holzpflöcke am Körper festgeklebt werden, wenn er von solchen durchbohrt worden sein soll. Filme, in denen ein Pappkopf durchs Bild rollt, wenn jemand enthauptet wurde. Filme, in denen alles das, was man sieht, tatsächlich vor der Kamera umgesetzt und nicht nachträglich per Rechner reingemogelt wurde. Filme, die ihr Herz gewissermaßen am Revers tragen, bei denen man zu jeder Zeit weiß, woran man ist, was man erwarten kann und das dann auch bekommt. Filme, in denen Models Models sind, Drogendealer Drogendealer, und Söldner eben Söldner. Filme, die damit enden, dass die Guten überleben und die Bösen für ihre Untaten ins Gras beißen, und denen das genug ist.

EUER WEG FÜHRT DURCH DIE HÖLLE passt nur bedingt ins WiP-Subgenre, die Kerkereinlagen sind nur kurz, aber im Geiste schließt er an CHAINED HEAT und RED HEAT: UNSCHULDIG HINTER GITTERN perfekt an. Alle drei Filme aus einer Zeit, die ich schmerzhaft vermisse, als Exploitation und Pulp wie dieser sich nicht nur eine genau abgesteckte „Zielgruppe“ von Nerds, sondern an alle Kinogänger richteten und von diesen genauso wenig in eine voretikettierte Schublade gesteckt wurden. Als Filmemacher noch keinen Hehl daraus machten, dass es ihnen nicht um diesen oder jenen moralisch hehren Zweck ging, sondern darum, Geld zu verdienen, aber dann trotzdem kompromisslosere Filme ablieferten als diese rückgratlosen Windeier heute. EUER WEG FÜHRT DURCH DIE HÖLLE ist die volle Breitseite und lebendige Nostalgie für Menschen, die sich noch an jene Tage erinnern, als Filmplakate von GEHEIMCODE WILDGÄNSE die Litfasssäulen zierten. Hier stimmt alles. Sogar der scheußliche Titelsong, dessen kehlkopfkrebskranke Sängerin die Fistelstimme vom damaligen Popsternchen Stefanie von Monaco wie das Organ von Anna Netrebko klingen lässt. Und jetzt: Lasset uns beten.

Christine Carlson (Linda Blair) besucht ihren Freund Mike (William Ostrander), einen in Deutschland stationierten US-Soldaten, um ihn zu heiraten. Nach einem Streit mit ihm verlässt sie nachts das gemeinsame Hotelzimmer, wird unfreiwillig Zeugin, wie die Wissenschaftlerin und Überläuferin Hedda Kleemann (Sue Kiel) von zwei DDR-Agenten überwältigt wird und mit ihr zusammen hinter den Eisernen Vorhang verschleppt. Nach quälenden Verhören gesteht sie ihre angebliche Schuld und wird wegen Spionage zu drei Jahren Haft verurteilt. Im Knast führt die sadistische, lesbische Gefängnisdirektorin Einbeck (Elisabeth Volkmann) mithilfe ihrer Gespielin, der Gefangenen Sofia (Sylvia Kristel), ein hartes Regime, unter dem die als Staatsfeindin gebrandmarkte Christine zu zerbrechen droht. Und Mike kämpft in der Zwischenzeit gegen die Mühlen der Bürokratie, um seine zukünftige Ehefrau ausfindig zu machen …

Es wird immer besser. RED HEAT: UNSCHULD HINTER GITTERN ist nicht nur eine runterziehende Sleaze-Granate mit einer furchteinflößenden Elisabeth Volkmann, er gewinnt durch sein Kalter-Krieg-Szenario auch noch zusätzliche Sprengkraft, geht über den Rahmen des Exploitationkinos weit hinaus und gewinnt Bedeutung als einzigartiges Zeitzeugnis. Wer wissen will, was die Achtzigerjahre neben lustigen Frisuren, komischen Accessoires und plastikhafter Wave-Musik auszeichnete, wird hier a) fündig, b) sein blaues Wunder erleben und c) sein bisheriges Bild dieser Zeit überdenken müssen. RED HEAT ist Paranoia- und Propaganda-Kino vom Feinsten, öffnet das Fenster in eine Zeit, als das Böse ganz reale Gestalt hatte und geografisch genau zu verorten war; als man zwar lustige Sonnenbrillen trug (wieChristine in ihrer ersten Szene), aber sich damit vielleicht nur von der drohenden Gefahr des atomaren Krieges ablenken wollte; als man in Westdeutschland quasi noch die Hitze des hinter der Mauer züngelnden Höllenfeuers spüren konnte. RED HEAT ist ein perfider Titel, weil er auf der einen Seite das Lodern der sexuellen Leidenschaften und des schwelenden politischen Konflikts adressiert, aber dann viel eher eine eisige Kälte abbildet, in der jede Menschlichkeit erst taub wird und dann abstirbt. Der ganze Film ist in Schwarz-, Blau- und Grautönen gehalten und das rosige Babyspeck-Gesicht von Christine verwandelt sich im Laufe der 95 Minuten in eine aschfahle Totenmaske. Schlimmer als der Tod ist nur ein Gefängnis im Ostblock, in dem man im wahrsten Sinne des Wortes lebendig begraben wird. Tangerine Dream spielen dazu den Totentanz auf ihren Maschinen.

Wie so viele andere westliche Filme, die sich mit dem Feind im Osten auseinandersetzen, bemüht sich auch RED HEAT, den Gegner als unmenschlich, irrational und grausam zu zeichnen, und so durchsichtig die Mittel, die er wählt, auch sind, es ändert nichts daran, dass er immens effektiv ist: Die Beamten, die Christine verhören, sieht man kein einziges Mal, man hört nur ihre Stimmen; der Gerichtssaal ist vollkommen abgedunkelt, wird nur von einem gleißend weißen Licht erhellt, das durch ein Fenster fällt, vor dem sich die unerbittlichen Richter als gesichtslose Schemen abzeichnen. Die „Liebesspiele“, die Einbeck und Sofia mit ihren Opfern spielen, werden nur in kurzen, wenig enthüllenden Einstellungen eingefangen, die die Angst und Verzweiflung, die sich auf deren Gesichtern danach abzeichnet, noch schwerer wirken lässt. Der ganze Film versinkt mehr und mehr in einer Dunkelheit, die auch die finale Rettung Christines nicht mehr wirklich aufzulösen vermag. Der Film endet mit einem Freeze Frame, just in dem Moment, in dem sich die Schranke am Grenzübergang in die Freiheit öffnet. Christine wird die DDR nie ganz verlassen. Und selbst wenn: In der Heimat, wo man sich für ihren Verbleib nicht interessiert hat, ist es kaum besser.

Eine Szene möchte ich noch kurz exemplarisch beschreiben: Christine schreibt einen Brief an ihren Mike, ihre Stimme rezitiert das Geschriebene als Voice over. Sie sagt, wie sehr sie ihn vermisst, wie sehr ihr der Gedanke an ihn Trost bietet, wie sehr sie sich wünscht, er nehme sie in den Arm und sage ihr, das alles gut werde. Sie wisse nicht, ob dieser Brief ihn je erreichen werde. Die Kamera fährt durch ihr Zimmer, filmt sie schreibend auf ihrem Bett liegend, blendet schließlich mit dem letzten Satz kaum merklich über zu dem Beamten, der die Briefe kontrolliert, sie auf verräterische Inhalte prüft. Seine Hand – man sieht wieder kein Gesicht – zerknüllt den Brief, unterbricht damit jäh Christines Stimme und wirft den Brief auf einen großen Haufen weiterer Briefe, die ihre Adressaten niemals erreichen werden. Schweigen.