Mit ‘Erotikthriller’ getaggte Beiträge

POSION IVY ist ein typisches Kind seiner Zeit: In den späten Achtzigern und frühen Neunzigern gab es eine ganze Welle an Home-Invasion-Thrillern, Filme, in denen das amerikanische Familienglück durch einen bösen Störenfried von außen bedroht wurde, bevor es unter Einsatz roher Gewalt wiederhergestellt werden konnte. Im Unterschied zu ganz ähnlich gelagerten Titeln aus den Siebzigerjahren, am berühmtesten wahrscheinlich Cravens LAST HOUSE ON THE LEFT, blieb die moralische Integrität der bürgerlichen Wüteriche unangetastet und unhinterfragt: Das Böse muss zurückgeschlagen werden und wenn es gilt, den eigenen Besitzstand zu wahren, sind alle Mittel recht. Das Subgenre erfuhr eine Metamorphose, als Verhoeven mit BASIC INSTINCT den Aufreger der Kinosaison 1992 hinlegte: Nun waren die Invasoren immer häufiger weiblichen Geschlechts und statt auf das Ersparte hatten sie es auf die männlichen Familienjuwelen abgesehen. Der Erotikthriller-Boom verlagerte sich via preisgünstig und schnell runtergekurbelter Videoware recht schnell von den Kinoleinwänden auf die heimischen Bildschirme, infiltrierte also auf anderer Ebene den schätzenswerten Wohnraum. Schwer zu sagen, was die Privatsender in den Neunzigern des Nachts gezeigt hätten, wenn es nicht all diese Softsex-Vehikel um geile Femme fatales gegeben hätte.

Katt Sheas POISON IVY ist einer der populärsten Filme aus jener Zeit und wurde beim renommierten Sundance Festival sogar für den Großen Preis der Jury nominiert. Trotz dieser Kritikerlorbeeren scheiterte er bei seinem limitierten Kinoeinsatz und konnte erst über die Videovermarktung seinen kleinen Kultstatus einheimsen, der sich unter anderem in drei zwischen 1996 und 2008 entstandenen DTV- bzw. PayTV-Sequels niederschlug. Der Film trug außerdem maßgeblich zum Comeback des einstigen Kinderstars Drew Barrymore bei, der sich dann Mitte der Neunzigerjahre mit Auftritten in prestigeträchtigen Großproduktionen wie BATMAN FOREVER oder SCREAM vollzog. Obwohl POSION IVY wie oben skizziert sehr gut in seiner Entstehungszeit zu verorten ist, ist er deutlich besser gealtert als viele artverwandte Produktionen: Das liegt nicht zuletzt daran, dass Shea sich nicht damit begnügte, eine edle Wichsvorlage für ihr männliches Publikum zu fertigen: POISON IVY ist demnach nicht nur ein Film über eine jugendliche Femme fatale, die einem verheirateten Mann den Kopf verdreht, sondern auch ein Coming-of-Age-Film und ein Film über die Freundschaft zweier ungleicher Mädchen, die sich in ihrem Außenseiterstatus verbunden fühlen. In der Zeichnung dieser Freundschaft, aber auch des verführten Vaters, ist POSION IVY ungewöhnlich mitfühlend und authentisch, bewahrt sich bis zum Schluss die Empathie sowohl für seine Antagonistin wie auch den betrügerischen Ehemann, der mit einer Minderjährigen ins Bett steigt. Shea bezeichnete ihren Film als „persönlichen Ausdruck“, was sich wie PR-Sprech anhören mag, aber sich sowohl in der pointierten, visuell sorgfältigen Inszenierung niederschlägt (die klimaktische Verführungsszene ist meisterlich getimt!) als auch in dieser Haltung gegenüber ihren Figuren, die allesamt vielschichtig bleiben und sich nie in reiner Plotfunktionalität erschöpfen.

Das auf den autobiografischen Erfahrungen von Melissa Goddard basierende Drehbuch von Andy Ruben (Sheas damaligem Ehemann) dreht sich um das Teeniemädchen Sylvie Cooper (Sara Gilbert), eine intellektuelle Künstlerseele, die sich in ihrem eigenen Leben als Fremde fühlt: Ihr Vater (Tom Skerritt) nervt sie in seiner Rolle als konservativer TV-Provokateur, die Mutter (Cheryl Ladd) liegt mit einer schweren Lungenkrankheit im Sterben. Das riesige, palastartige Familienanwesen empfindet Sylvie als Gefängnis, in dem man „nie jemanden findet, wenn man ihn sucht“. Die neue Mitschülerin (Drew Barrymore), die sie aufgrund ihres Klebetattoos Ivy tauft (man erfährt nie ihren echten Namen), fasziniert sie sofort, weil sie gleichzeitig ganz anders ist und ihr dabei doch so ähnlich: Aus einfachen, aber ebenso zerrütteten Verhältnissen kommend, verkörpert Ivy Selbstsicherheit und Ungebundenheit, Exotik, Mut und einen gewissen aufreizenden Glamour. Die beiden freunden sich an und nachdem Ivy auch die Sympathie und das Vertrauen der argwöhnischen Eltern gewonnen hat, zieht sie kurzerhand bei Sylvie ein. Doch damit beginnen die Probleme, von denen die sich anbahnende Affäre mit dem Vater noch nicht das größte ist.

Was als erstes auffällt, sind die ungewöhnlichen feinen Dialoge, die das Drehbuch speziell seinen jugendlichen Protagonistinnen in den Mund legt: Selten dürfen sich Jugendliche in Filmen so tiefsinnig, aber gleichzeitig authentisch und mit solch sauber entwickelter Individualität über ihre Befindlichkeiten äußern. Sowohl Sylvie als auch Ivy stehen so binnen weniger Sekunden als glaubwürdige, vollwertige und lebendige Charaktere vor dem Betrachter. Ich war schon mit dem Einstiegsmonolog Sylvies gefangen, mit dem sie Ivy beschreibt, während sie ihr beim Schaukeln auf einer halsbrecherisch über einer Schlucht an einem Baum befestigten Schaukel zuschaut. Ivy bleibt im Folgenden Projektionsfläche erst für Sylvie, dann für ihren Vater, ein mit beiden Füßen in der Realität stehendes Fantasiegeschöpf, und macht im weiteren Verlauf des Films eine Wandlung vom Grungemädel zur eleganten Noir-Schönheit durch. Man könnte auch sagen, dass Ivy ihre Authentizität immer mehr verliert, immer mehr zum Objekt gerät, je mehr sie von ihren Betrachtern „aufgeladen“ wird. Dahinter steckt auch eine Fabel über das Spannungsverhältnis zwischen Ober- und Unterklasse und den fetischisierenden Impuls des Kapitalismus: Während sich Ivy logischerweise vom Reichtum angezogen fühlt, der Sylvie umgibt, sehnt diese sich nach der Unverfälschtheit, für die die aus einfachen Verhältnissen stammende Ivy steht. (Sylvie behauptet am Anfang einmal, sie sei die Tochter eines Schwarzen, um sich vor Ivy interessant zu machen.) Wenn Ivy am Ende für ihre Vergehen bestraft wird, ist das mithin kein Triumph über das Böse, vielmehr werden Erinnerungen an den Barbarismus der bürgerlichen Selbstjustizler aus LAST HOUSE ON THE LEFT geweckt. Es gibt keine Durchlässigkeit nach oben. Die Unterprivilegierten dürfen nur solange mitspielen, wie sie keine Ansprüche anmelden: Dann schmückt man sich gern mit ihrer unverfälschten, erhlichen Authentizität. Doch wehe, sie kommen einem zu nahe …

 

William Fruets BEDROOM EYES hat weder Oliver Reed noch Peter Fonda oder eine Satansviper wie der vorangegangene SPASMS. Es handelt sich vielmehr um einen kleinen Erotikthriller ohne Stars oder besonders hervorstechende Schauwerte. Den Soundtrack bestreiten auch nicht Tangerine Dream, sondern ein peinliches Mark-Knopfler-Soundalike namens John Tucker mit dem heute wie eine Parodie klingenden AOR-Song „Motion City Moves“. Aber er ist trotzdem um Längen besser – nicht zuletzt, weil er das meist für seine aufgesetzte Ernsthaftigkeit und slicke kinkyness bekannte Genre mit einer Prise Humor infiziert, die auch dem Schlangenhorrorfilm gut getan hätte.

Der Stock Broker Harry Ross (Kip Gilman) kommt beim nächtlichen Joggen am Fenster einer verführerischen Dame vorbei, die sich in ihrem Zimmer mit einem Mann auf eine Art und Weise verlustiert, die Harry selbst völlig unbekannt ist. Er kehrt in den folgenden Nächten zurück an ihr Fenster und entwickelt eine Obsession für die Frau, die ihm so unangenehm ist, dass er die Psychiaterin Alex (Dayle Haddon) aufsucht. Einige Tage später ist das Objekt seiner Begierde tot, umgebracht und Harry entdeckt die Leiche: Er verständigt sofort die Polizei, gerät aufgrund der zahlreichen Spuren, die er vor dem Fenster und um den Wohnblock hinterlassen hat, aber schnell selbst in Verdacht, den Mord begangen zu haben – und hat außerdem den echten Killer im Nacken, der keinen Zeugen gebrauchen kann …

Neues hat BEDROOM EYES wahrlich nicht zu erzählen, aber es ist die Art und Weise wie er das Bekannte aufbereitet, die ihn sofort sympathisch macht: Harry ist nicht der Gilette-rasierte Supertyp, der die Weiber scharenweise in seiner Designerwohnung flachlegt, sondern ein zwar attraktiver, aber eher etwas verklemmter Typ. Das, was er da Nacht für Nacht zu sehen bekommt, ist wahrlich nicht so aufregend, wie es der Film suggeriert (natürlich auch, weil niemand die Zensur herausfordern wollte), aber für ihn geradezu mindblowing, was den Charakter nachvollziehbar macht. Dass er sofort eine Psychologin aufsucht, um sicherzustellen, dass er kein „Perverser“ ist, und die Tatsache, dass er sich mit Sonnenbrille in deren Praxis schleicht, zeigen, dass er mit den notgeilen, selbstverliebten Chauvi-Protagonisten des Erotikthrillers rein gar nichts gemein hat. In einer sehr putzigen Szene wird er beim Dinner in einem Restaurant von seiner ausgehungerten Arbeitskollegin aggressiv angegangen: Er macht mit, aber die ganze Situation ist ihm vor allem unangenehm und peinlich – keine Spur von cooler Souveränität oder Freude am Reiz des Verbotenen. Als sie ihn danach noch mit in ihre Wohnung nehmen will, lehnt er dankend ab. Das ist ihm alles zu viel.

Diese Charakterisierung rührt auch daher, dass Fruet unverkennbar versucht, in die Fußstapfen des großen Hitchcock zu treten: Harry ist ein etwas tölpelhafter, aber grundguter Kerl, und nichts könnte ihm ferner liegen, als jemandem etwas zuleide zu tun, trotzdem avanciert er zum Hauptverdächtigen in einem Mordfall. Die Zeichnung des echten Täters kommt dann wieder geradewegs aus der Mottenkiste des Kintopp, aber das macht nichts, weil BEDROOM EYES sonst angenehm gegen den Strich sonstiger Klischees geht. Auch das Polizeitrio bestätigt das: Die zwei typischen, desillusionierten Veteranen werden von einem Rookie ergänzt, den sie erst als „too enthusiastic“ belächeln, bevor er sich dann doch bewährt – ohne aber gleich zum Supergenie stilisiert zu werden. Eine wirklich runde Sache, die mir gut gefallen hat.

0100338IL FIORE DELLA PASSIONE ist einer der vielen Softerotikfilme, die Joe D’Amato in den späten Achtziger- und frühen Neunzigerjahren unter dem Namen seiner Produktionsfirma Filmirage in den USA inszenierte und dann auf den Markt brachte, wie aus einem bodenlosen Füllhorn der nie versiegenden Titillationen. Im vorliegenden Fall orientierte er sich nicht an 9 1/2 WEEKS oder ähnlich Naheliegendem (wie in den Filmen seiner 11 DAYS, 11 NIGHTSReihe), sondern am guten alten Film Noir mit seinen blonden Sirenen, verblödeten, schwanzgesteuerten Männern und dunklen Absichten. Aber natürlich kommt bei D’Amato alles ganz anders.

Jeff (Robert LaBrosse) ist ein echter hunk und, wie es sich für einen Noir-Protagonisten gehört, per Anhalter unterwegs zu seinem Bruder, nachdem er mehrere Jahre im Bau eingesessen hat. Wie man weiß, braucht ein soeben aus der Haft Entlassener nichts so dringend wie einen guten Fick, also schickt D’Amato die platinblonde Linda (Kristine Rose) vorbei, der Jeff – eine gute Chance immer sofort erkennend – sogleich nachstellt. Als die beiden sich lüstern beäugen,  röhren die Bläser auf dem Soundtrack wie brünftige Hirsche, und wenig später wird Linda auch schon auf dem Fahrersitz ihres orangefarbenen Sportwagens von Jeff durchgeorgelt, eingekeilt zwischen Fahrertür, Lenkrad und Rückenlehne, die meterhohen Absätze ihrer Come-fuck-me-Pumps praktisch auf der Beifahrerseite eingehakt. Sie schmeißt ihn raus, ohne ein Wort des Dankes für seinen selbstlosen Akt der Liebe, und braust davon. Jeff nimmt’s sportlich mit einem Lächeln über diese Wahnsinnsfrau, wohl wissend, dass geile Typen wie er in einem D’Amato-Film regelmäßig zur Entladung kommen. Und so ist es dann auch: Bei seinem Bruder angekommen, dem ergrauten Besitzer einer schlecht gehenden Pinte, der optisch eher Jeffs Vater sein könnte, trifft er die geile Ische aus dem Sportwagen wieder. Sie ist niemand Geringeres als seines Bruders Ehefrau. Wobei die Ehe der beiden das Verfallsdatum schon weit überschritten hat: Sie redet gar nicht mehr mit ihm, macht sich keinerlei Mühe, ihre Verachtung zu verbergen. Und er ist schon so abgestumpft, dass er das gar nicht bemerkt. Umso besser für Jeff!

Die Geschichte läuft dann im Weiteren genauso ab, wie man das erwartet, nur dass alles länger dauert als in vergleichbaren Filmen, wo die Leute immer viel zu geschäftig sind, als dass sie sich dem Nichtstun und Müßiggang hingeben könnten. In IL FIORE DELLA PASSIONE spielen die Figuren hingegen regelmäßig Karten, sie stehen rum und unterhalten sich oder sie haben ganz plötzlich spontanen Sex, einfach so, warum auch nicht. Während Jeff also seine Affäre mit Linda pflegt, gräbt er auch noch an der dunkelhaarigen Jamie (Kristine Fischhertz) rum und kann sich einfach nicht entscheiden. Irgendwann geht der Plot dann weiter, will Linda, dass Jeff seinen Bruder kalt macht, weil der sie schlecht behandelt und schlägt. Dass nichts an des Bruders Persönlichkeit solch ein Verhalten andeutet, der im Gegenteil ein überaus friedfertiger Zeitgenosse ist, stört Jeff nicht weiter. Aber er empfindet Lindas Gesuch auch nicht als Skandal. Seine Reaktion ist mehr so ein: „Ach scheiße, sowas kann ich jetzt gar nicht gebrauchen. Aber gut, man kann es sich nicht aussuchen. Na dann.“ Zu den Mordplänen, die jetzt in einem Noir von Interesse wären, kommt es aber nicht. Stattdessen mehr Pokerspiele, mehr Sex an unbequemen Orten, mehr ziellose Konversation. Und dann tauchen zum Finale wie aus dem Nichts zwei Halunken auf, die man vorher schon mal kurz gesehen hat, und sorgen dafür, dass die Geschichte eine andere Wendung nimmt. Die ist zwar auch nicht glaubwürdiger, aber dennoch eine Überraschung.

Darüber zu diskutieren, ob IL FIORE DELLA PASSIONE jetzt besser oder schlechter ist als andere Filme D’Amatos aus jener Schaffensphase, geht am Ziel vorbei. Die Schauspieler sind nicht ganz so farblos und steril wie in anderen Werken, aber gewiss auch keine großen Mimen, der Score verwöhnt das Ohr mit feinsten Saxophon-Edelpop-Schmachtballaden, die Handlung ist Vorwand für eine Handvoll softer Sexszenen, die keinen Hund mehr hinterm Ofen hervorlocken. Es gibt nicht viel, worüber man hier streiten müsste: Entweder man lässt diesen Stoff ratlos links liegen oder man geht in dieser Stimmung völliger Indifferenz auf, genießt die Konsequenzlosigkeit des Ganzen, freut sich über die Füllszenen, die hier in den Fokus rücken, und die Dialoge, mit denen alle messerscharf aneinander vorbeiquatschen. Es ist ein wundersame Welt, in der D’Amatos Figuren da rumlaufen, und man wundert sich, warum sie sich nicht von früh bis spät kaputtlachen. Wahrscheinlich ficken sie einfach lieber.

Joe Eszterhas schrieb sein erstes Drehbuch 1978 für Norman Jewisons F.I.S.T. (über den hier in Kürze zu lesen sein wird), lieferte danach die Vorlagen für den Superhit FLASHDANCE sowie für Respektables wie JAGGED EDGE oder Costa-Gavras‘ BETRAYED und MUSIC BOX. Bekannt wurde er jedoch als Autor von Verhoevens Skandalfilm und Megahit BASIC INSTINCT, mit dem er eine echte Nische für sich fand, die er dann in den Folgejahren fleißig beackerte: Hochglanz-Sleaze um Voyeure, Sexsüchtige, Striptease-Tänzerinnen und Bisexuelle, Stoff für schlüpfrige Erotik-Thriller, die von aufgebrachten Kulturschützern in einer Art und Weise kritisiert wurden, die die Frage aufwarf, ob die jemals von der Existenz echter Pronografie gehört hatten. Filme wie SLIVER, SHOWGIRLS und eben JADE machten Eszterhas zu einem der bestbezahlten Autoren Hollywoods – aber auch zu einem der meistverlachten. Seine große Zeit war schnell wieder vorbei. Mit etwas Distanz und kühlem Kopf muss man feststellen, dass der Mann – welche Fantasien ihn auch immer antrieben – mit seinem Beitrag zu BASIC INSTINCT und SHOWGIRLS an zwei ganz großen Neunzigerjahre-Filmen maßgeblich beteiligt war. Und mit JADE eben auch an einem ungerechtfertigten Flop, dem der Name Eszterhas eher geschadet als genützt haben dürfte. Die „Masche“ des Autors langweilte die breite Masse, die schon BASIC INSTINCT nur als den Film mit dem „beaver shot“ wahrgenommen hatte. Die Kritik am Eszterhas’schen Sleaze hatte dabei etwas Selbstentlarvendes. JADE floppte wohl auch deshalb, weil er eben keine unschuldige Wichsvorlage war. Sex ist hier – wie auch in allen anderen der genannten Filme – ein Machtwerkzeug. Zudem eines, das nur auf den ersten Blick in den Händen der Frauen liegt. Doch die Feinheiten seines Drehbuchs waren den meisten Kritikern vor lauter Empörung schlicht und ergreifend durch die Lappen gegangen – und dem Publikum sowieso.

Ein sexsüchtiger Millionär wird in seinem Haus brutal ermordet aufgefunden. Bei den Ermittlungen fallen dem Staatsanwalt David Corelli (David Caruso) Fotos aus dem Safe des Opfers in die Hände, die den Gouverneur Lew Edwards (Richard Crenna) beim wilden Sex mit einer deutlich jüngeren Frau zeigen. Aufgenommen wurden die Bilder in einem Strandhaus des Millionärs, in dem dieser reiche Männer mit jungen Mädchen zusammenbrachte. In einem dieser Mädchen – „Jade“ genannt – erkennt Corelli seine ehemalige Geliebte, die Psychologin und Buchautorin Katrina Gavin (Linda Fiorentino), die mittlerweile mit seinem besten Freund, dem Spitzenanwalt Matt (Chazz Palminteri) verheiratet ist. Alle Indizien deuten darauf hin, dass Katrina die Mörderin ist. Allein es fehlt ein Motiv …

Auf den ersten Blick ist JADE einer jener „skandalträchtigen“ Erotikthriller für geile alte Herren, die man als Eszterhas‘ Kernkompetenz ausgemacht zu haben glaubte. Seine Frauen sind idealtypische Femme Fatales, die beim Sex alle Hemmungen über Bord werfen, ihren Kunden auffallend bereitwillig jeden noch so abseitigen Wunsch erfüllen und auch vollständig bekleidet eine entschieden aggressive erotische Ausstrahlung haben. Die Männer scheinen hilflose Opfer, mit Schweißperlen auf der Stirn verzweifelt die Erektion in der Hose zu verbergen suchend, auf den Status pubertierender Jungs zurechtgestutzt. Die Kamera gleitet dazu wie mit Vaseline eingerieben durch die mondänen Settings, die Affluenz, aber auch Dekadenz ausstrahlen, penetriert die Privatsphäre der Charaktere, präsentiert sie wie in einem Kataog für Luxus-Prostituierte. JADE hat etwas entschieden Marktschreierisches in seinem aufgesexten Plot, ist gleichzeitig anziehend und abstoßend, und macht erst ganz zum Schluss klar, dass das kein Unfall, sondern Teil der Strategie ist. Bemühen sich Friedkin und Eszterhas 80 Minuten lang, Katrina als perverse Lustmörderin zu zeichnen, erzeugen sie im (männlichen?) Zuschauer eine Mischung aus erotischer Faszination und Angst vor dem vermeintlich Anderen, stellen sich am Ende – wer hätte das gedacht? – die Männer als die eigentlichen Übeltäter heraus. Alle, alle miteinander haben sie Dreck am Stecken: Nicht zuletzt Corelli und seine Männer, die nicht nur wichtige Indizien ignorieren, wenn sie ihnen nicht in den Kram passen, d. h., wenn sie ihre einflussreichen Freunde gefährden, sondern sich auch bis zum Schluss nicht daran stören, dass ihre Hauptverdächtige kein Motiv hat. Gouverneur Edwards hat es da deutlich besser: Obwohl er einen mehr als überzeugenden Grund dafür hatte, den Millionär zu ermorden, wird er nicht weiter behelligt: Er könnte ja noch die eigene Karriere befördern. Und ein Blick in das Gesicht Trinas lässt es dann doch äußerst fraglich erscheinen, ob sie tatsächlich diese sexgeile Schlampe ist, als die sie da gezeichnet wird, oder nicht doch eher ein Opfer, das sich für das kleinere Übel entschieden hat. Das Ende reißt dem Betrachter jedenfalls in ähnlicher Manier den Boden unter den Füßen weg, wie das zuvor schon Friedkins RAMPAGE bewerkstelligte. Unbedingt wieder- und neuentdeckenswert, ein grotesk unterschätzter Thriller über Männer, Macht und Frauen(-bilder).

Der linkische Student Jay (Eric Brown) wird von seiner heißblütigen Dozentin Diane (Sybil Danning) erst verführt und dann von ihr und ihrem Gatten Michael (Andrew Prine) zu einem krummen Ding überredet: Jay soll in die herrschaftliche Villa von Michaels Mutter und Großmutter eindringen und die beiden kräftig erschrecken. Das Motiv hinter diesem fiesen Plan ist natürlich das liebe Geld: Diane will nämlich endlich an die Millionen der beiden alten Damen ran, deren rechtmäßiger Erbe Michael ist. Doch der Plan misslingt: Jay fliegt auf und wird in die Flucht geschlagen. Als die rüstigen Rentnerinnen danach jedoch spurlos verschwunden sind, fällt Michaels Verdacht sofort auf den Studenten. Der jedoch hat Grund zu der Annahme, dass Michael selbst Hand angelegt hat …

Keine Ahnung, warum ich mir diesen Film eigentlich angesehen habe. Er fiel mir in dem wunderbaren Movie Store Düsseldorf in die Hände, einem DVD-Geschäft, wie es in Zeiten unpersönlicher, schlecht sortierter und denkbar filmferner Großverramscher wie Saturn und MediaMarkt eigentlich gar nicht mehr existieren dürfte, in Deutschland in dieser Form, von einigen löblichen Ausnahmen einmal abgesehen, auch nie existiert hat, dessen Dasein – noch dazu in meiner Heimatstadt – daher aber umso schöner und außerdem, was wichtiger ist, natürlich absolut unterstützenswert ist. Mehr zum Movie Store in Bälde, jetzt zurück zum Film und warum ich mir ihn gekauft und angesehen habe: Das Covermotiv lässt die üppig bestückte Sybil Danning förmlich über den hilflosen Jay hinausragen, degradiert den armen Kerl förmlich zum Zwerg, und verspricht einen „Skin Classic“, der Klappentext erwähnt weiterhin „cheesy 80s-rock“ und bezeichnet die sekundären Geschlechtsmerkmale der Danning in einer melodiösen Alliteration als „Sybil’s sumptuous sacks“, was mich dann doch neugierig gemacht hat: Manchmal gibt es einfach nix Besseres als generischen B-Movie-Käse aus den Achtzigern, dessen Handlung genau so vorhersehbar ist, dass man alles Augen- und Ohrenmerk auf Lokal- und Zeitkolorit legen kann. Das Perfide und Lustige an THEY’RE PLAYING WITH FIRE – zu Deutsch ZUM TÖTEN VERFÜHRT – ist, dass man sich dem Film in Erwartung ebensolcher Käsigkeit ständig drei Schritte voraus fühlt, nur um dann nach einer Stunde überrascht feststellen zu müssen, dass man genasführt wurde und tatsächlich stets einen Schritt zu langsam war. Das heißt nun nicht, dass THEY’RE PLAYING WITH FIRE wahnsinnig intelligent wäre, aber er nutzt die Konventionen des Erotikthrillers recht geschickt, um durch die Hintertür einen Slasher einzuführen, mit dem man nun wahrlich nicht gerechnet hat. Schon die Auftaktsequenz, in der Diane nur wenig subtil über Shakespeares „Macbeth“ doziert und die Parallelen zwischen ihrem Charakter und dem der Lady Macbeth heraufbeschwört, führt den Zuschauer auf den Irrweg und bestimmt dessen Erwartungshaltung in den ersten zwei Dritteln der Spielzeit. Wer nach diesem Einstieg nicht ganz zu Unrecht die 1000. Variaton von DOUBLE INDEMNITY und der Femme Fatale, die ihre Reize einsetzt, um den hormongesteuerten Mann für ihre Zwecke zu benutzen, erwartet, folgt jedoch nur der von Regisseur Avedis geschickt ausgelegten falschen Fährte, an deren Ende dann der Butzemann mit dem langen Messer steht und dem Film zu ein paar happigen Splattereien verhilft, die neben den genannten Körpermerkmalen der Danning zu seinen schlagendsten Argumenten zählen. Dass das Motiv dieses Butzemanns dann ziemlich abstrus herbeigeschwurbelt wird, tut der Freude keinen Abbruch, im Gegenteil. Weil es trotz dieser glücklicherweise niemals angeberischen Cleverness des Films also doch noch reichlich Käse zu beklatschen gibt – den überemphatisch gesungenen, in seiner Theatralik an Bond-Themes erinnernden Titelsong („cause you are pu-laying with fi-yu-are …“), den im Kontrast zur Hauptdarstellerin unsagbar schwachbrüstigen Humor und den irgendwie eklen Hauptdarsteller mit seinen behaarten Schlüsselbeinen und den bis zu den Achselhöhlen hochgezogenen Jeans-Shorts etwa -, war ich dann am Ende sehr zufrieden mit diesem kleinen, ausreichend doofen Filmchen.

Ohne viel Tamtam: Meine persönlichen Barbet-Schroeder-Wochen enden vorerst mit diesem Text. Viel Spaß!