Mit ‘Eva Bartok’ getaggte Beiträge

„Ich bin Morphinist!“ – In diesem Satz, von Jürgens weniger als kleinlautes, schuldbewusstes Geständnis denn als Selbstproklamation gesprochen, kommt OHNE DICH WIRD ES NACHT, einer von vier Kinofilmen, die Curd Jürgens zwischen 1950 und 1961 inszenierte, ganz zu sich. Es handelt sich bei dieser seiner dritten Regiearbeit um ein Drogensucht-Drama, gewissermaßen Jürgens‘ Antwort auf Billy Wilders LOST WEEKEND oder auch Otto Premingers/Frank Sinatras THE MAN WITH THE GOLDEN ARM. Wie eigentlich immer verschmilzt Jürgens‘ Persona mit seiner Rolle, dem Anwalt Dr. Robert Kessler, den die auf Versagensangst beruhende Unfähigkeit, öffentlich zu reden, in die Morphiumsucht getrieben hat. Jürgens war bekanntermaßen selbst kein Kind von Traurigkeit, genoss das Leben und seinen Reichtum in vollen Zügen und zahlte 1981, im Alter von 66 Jahren, nach zahlreichen Herzoperationen den Preis für diesen Lebenswandel mit dem Tod durch multiples Organversagen. Mit Kessler kann sich Jürgens offensichtlich sehr gut identifizieren: Süchtig zu sein – nach Alkohol, nach Liebe, nach Ruhm und Anerkennung –, war Jürgens nicht fremd, die Einsicht in sein selbstzerstörerisches Treiben war wohl ebenfalls da, der Leidensdruck aber anscheinend nicht groß genug, um ihn tatsächlich zu einer Änderung seines Lebenswandels zu bewegen. Auch Kessler weiß, wohin ihn sein Weg unweigerlich führen wird – der heruntergekommene, einst erfolgreiche Rennfahrer Charly Justin (René Deltgen), dient ihm als abschreckendes Beispiel –, doch auch das verhaltene Happy End lässt noch erhebliche Zweifel daran bestehen, ob der Anwalt seine Probleme in Zukunft auch ohne sein Morphium bewältigen können wird. Zu sehr ist er ein Kind des Milieus, ein Nacht- und Genussmensch, und zu sehr ist er in den alten Rollenklischees vom starken, autonomen Mann gefangen, um sich ernsthaft in eine Therapie zu begeben und sich dort seinen Ängsten zu stellen. Die Drogensucht, sie wird von Jürgens nicht als Krise dargestellt, die bewältigt werden muss – auch wenn der Plot des Films sie natürlich so handhabt –, sie ist vielmehr Bild für Jürgens‘ Verhältnis zum Leben, Mittel zur Selbstverklärung und -dramatisierung. Jürgens, der „normannische Kleiderschrank“ mit dem stählernen Blick und der donnernden Stimme, er ist eigentlich ein Opfer, geplagt von Selbstzweifeln, aber verdammt dazu, vor seinem Publikum den starken Mann zu spielen. „Ich bin Morphinist!“: Dieser Satz, den Kessler an seine Geliebte richtet, ist auch Jürgens‘ Gnadengesuch an sein Publikum.

Es scheint mir unmöglich, diesen Film ohne Ansicht von Jürgens‘ Persona zu betrachten. Gleich in der Titlesequenz läuft Kessler zu sentimentaler Musik mit Mantel und Hut durch die noch im Schlummer liegenden, regennassen Straßen einer Fußgängerzone und kehrt dann in seiner Stammkneipe ein, um sich sein Morphium zu kaufen. Er kennt alle Anwesenden mit Namen, bestellt gleich einen Whisky und lenkt die Aufmerksamkeit auf sich, als er die Band am Klavier begleitet. Jürgens’sches Showmanship. Dort lernt er auch Gina (Eva Bartok) kennen, die Partnerin seines Klienten Wehrmann (Ernst Schröder), und er lädt die beiden zu einem Frühstück zu sich nach Hause ein. Die junge Frau gefällt ihm, doch was ein echter Mann ist, der macht ihr nicht den Hof, sondern knallt ihr die unverblümte Wahrheit über ihr Wesen vor den Latz. Als „gold digger“ beschimpft er sie, wirft ihr vor, sich dem dicken Wehrmann doch nur des Geldes wegen an den Hals geworfen zu haben. Und er hat damit Erfolg: Noch am selben Abend trennt sich Gina von ihrem künftigen Gatten, kehrt zu Kessler zurück und heiratet ihn schließlich. Ihr kommt im Folgenden die Aufgabe zu, ihn während der Entziehungskur zu unterstützen und dann vor einem Rückfall zu bewahren. Und natürlich leidet sie unter dieser Verantwortung beinahe so sehr wie er unter dem Entzug. Eva Bartok war während der Dreharbeiten noch mit Curd Jürgens verheiratet, wenig später scheiterte auch diese seine dritte Ehe. Nach etwas mehr als einem Jahr ließen sie sich Ende 1956 scheiden, später eröffnete Jürgens der Öffentlichkeit freimütig, die gebürtige Ungarin mehrfach verdroschen zu haben. Auch das ein „Geständnis“ der Jürgens’schen Art, weniger aus Schuldbewusstsein heraus, sondern um sich selbst in einer bestimmten Form darzustellen, als Gefühlsmensch, der immer wieder von seinen Emotionen übermannt wird. Es ist eine wahre Herkulesaufgabe, im Leib von Curd Jürgens zu stecken, und wer wollte ihm verdenken, dass er vor der Herausforderung manchmal kapitulieren muss? Der Mann, der die Frauen liebt, zeigt hier zwar, dass er glaubt, ohne sie nicht leben zu können, zu schwach ist, um allein zu sein, aber die Rollenverteilung ist dennoch ganz klar. Eva Bartoks Name prangt noch über seinem auf dem Kinoplakat, doch im Film lässt ihr Jürgens kaum Luft zum Atmen. Ihre Rolle definiert sich nur über ihr Verhältnis zu ihm. Auch wenn sie es ist, die ihm Kraft spendet, so erfüllt sie damit doch nur eine Pflicht: Die Frau muss sich dem Mann opfern. Erst recht, wenn er auf den Namen Curd Jürgens hört.

OHNE DICH WIRD ES NACHT ist ein Faszinosum für mich, wie eigentlich alles, was ich von Curd Jürgens kenne. Ich finde Typen wie ihn faszinierend, wohl auch, weil man solche Stars heute nicht mehr kennt. Und man kauft Jürgens zu jeder Sekunde ab, dass er aus vollster Überzeugung handelt. Auch wenn er sich zu peinlichen Sprechgesangsnummern hinreißen ließ, er zog das immer ohne jede Form der Selbstironie durch. Eine Frage, die ich mir bis heute nicht beantworten kann: Ist Jürgens tatsächlich ein guter Schauspieler? Oder nicht doch nur eine imposante Gestalt, ein einnehmender Charakter? Man kann seine Präsenz und Wirkung auf der Leinwand nicht in Abrede stellen, jedes Bild wird sofort zur Staffage für ihn, die Kamera liebt ihn mindestens genauso sehr wie er die Kamera liebt. Aber egal welche Rolle er spielt, er bleibt dabei doch immer nur Curd Jürgens, ein etwas eitler Geck, dessen exaltiertes, salbungsvolles Spiel in seinen schlimmsten Momenten Anfälle von Fremdscham erzeugt. So weit ich als Laie das verstanden habe, versucht der klassische Method Actor seine eigene Identität aufzulösen und sich für die Dauer eines Films komplett in einen anderen zu verwandeln. Jürgens geht eher den umgekehrten Weg: Er klopft jede Rolle auf das Jürgens’sche in ihr ab. So wird die Morphiumsucht Kesslers in OHNE DICH WIRD ES NACHT massiv instrumentalisiert, trivialisiert und romantisiert. Der Absturz in die Gosse ist für den Anwalt noch in weiter Ferne, ein paar Schweißausbrüche sind die schlimmsten Begleiterscheinungen, die er zu ertragen hat. (Auf Droge ist er genau genommen sogar noch besser, kann er dann doch flammende Plädoyers vor Gericht halten und Unschuldige vor der Strafe bewahren.) Wenn man ehrlich ist, ist diese Drogenabhängigkeit ein Luxusproblem. Es gibt keine Fallhöhe in Jürgens‘ Film, nie steht wirklich etwas auf dem Spiel für Kessler. Das Schlimmste ist ein bisschen Scham. Ich fühlte mich an diese peinlichen Promoaktionen von Celebritys erinnert, die sich für zwei Wochen ins Dschungelcamp sperren lassen und dann meinen, sie wüssten, was Entbehrung sei. Als ernst gemeintes Drama ist OHNE DICH WIRD ES NACHT also ein Reinfall, aber Jürgens ist als Kessler trotzdem eine Schau. Ihn mit vor Schweiß glänzender Stirn durch seine nächtliche Wohnung tappen zu sehen, auf der Suche nach seinen geliebten Ampullen, ihm bei der wutschnaubenden Demontage seines massiven Schreibtischs zu bewundern,  ist durch nichts adäquat zu ersetzen.

Wiedersehen macht Freude! Viel zu lang liegt die letzte Sichtung von Mario Bavas Giallo-Initialzündung SEI DONNE PER L’ASSASSINO zurück und mein aktuelles Giallo-Studium bietet natürlich den idealen Rahmen für das längst überfällige und  dringend notwendige Wiedersehen. Leider besitze ich nur die qualitativ etwas mittelprächtige RC-1-DVD von VCI, die die visuelle Opulenz des Films etwas gedämpft wiedergibt, aber auch sie lässt erkennen, was man von Bava gemeinhin erwartet: Üppig dekorierte, prächtig ausgeleuchte Sets und ein kreativer, sich nicht von budgetären Limitierungen einschränkender Einsatz der Kamera. Schon dieses eröffnende Bild eines im nächtlichen Unwetter schwingenden Schilds, das schließlich aus der Verankerung reißt, um der vordringenden Kamera Platz zu machen, und den Blick freigibt auf einen Springbrunnen, dessen Fontänen vom Wind gepeitscht wild in alle Richtungen spritzen, und die hinter diesem liegende Villa, nimmt völlig gefangen und deutet an, was man im Folgenden erwarten darf.

Mario Bavas durchs Pulp-Kaleidoskop gebrochener Low-Budget-Hitchcockismus (die Geschichte mit der Handtasche!) ist so sehr Kind seiner Zeit, wie er gleichzeitig total originär daherkommt: Die mondäne Welt seines Films lädt zum entspannten Lounging mit Martiniglas in der Hand ein, doch unter dieser plüschigen Oberfläche der Swingin‘ Sixties erstrecken sich uralte, modrige gothische Gemäuer: Dieses Bild wird zumindest durch die mit den brutalen Morden mitschwingenden psychologischen Implikationen heraufbeschworen. Ironischerweise ist es gerade die Naivität, mit der Bava seine Murder Mystery abspult, die diese Interpretation begünstigt – und die Artifizialität seiner Inszenierung ist die Kehrseite ein und derselben Medaille. Es lässt zunächst einmal auflachen, wenn der brave Inspektor Silvestri (Thomas Reiner) – wie seine Kollegen geradezu die Manifestation repressiver Spießbürgerlichkeit in seinem grauen Anzug und der korrekten Frisur – hinter den Morden einen „Sex Maniac“ vermutet, gerade weil die Modelopfer aus heutiger Perspektive (und im direkten Vergleich mit den Gialli, die Bavas Film nachfolgen sollten) eher hausfräulich-bieder anstatt anzüglich-aufreizend anmuten. Aber es hilft auch bei der Horizontverschiebung, die dann erkennen lässt, was an subversivem Potenzial in dieser spaßigen Murder Mystery egentlich schlummert.

Der Einfluss von Bavas Film (Schaufensterpuppen!) wird ja manchmal über den Giallo hinaus auf den Slasherfilm ausgeweitet. Hinsichtlich seiner Struktur spricht tatsächlich Einiges dafür, doch die sexuell aufgeladene Stimmung, die dem Mörder einen idealen Nährboden für seine Obsessionen liefert, steht dem Klima, das Jason und Konsorten etablieren, diametral entgegen. Sind die Maskenmänner des Slashers in einer durchpornografisierten Welt die Ausgeschlossenen, die sich für die ihnen auferlegte Zuschauerrolle rächen, ist der Täter in SEI DONNE PER L’ASSASSINO der Lustmörder, der den Deckmantel der Sitte genussvoll durchbohrt und zerreißt. Ein kleiner Film mit großer, großer Wirkung. Filmgeschichte, nicht weniger.