Mit ‘F. Gary Gray’ getaggte Beiträge

Warum sind wir so besessen von der Idee der Rache?

Rachefilme gehören zum US-Kino, seit berittene Helden mit Stetson und Revolver noch das Gros der Spielfilmprotagonisten stellten. Die Idee der Durchsetzung und Wiederherstellung von Gerechtigkeit mit den Mitteln der Gewalt spielte beim Aufstieg des Kinos zur beherrschenden Kunstform des 20. und 21. Jahrhunderts wahrscheinlich auch deshalb eine so bedeutende Rolle, weil die USA genau so, nämlich mit Blei, überhaupt aus dem Boden gestampft werden konnten: Bevor es eine Verfassung und ein Gesetzbuch gab, mussten schließlich erst all jene aus dem Weg geräumt werden, die einem solchen Unterfangen mehr als nur kritisch gegenüberstanden. In den Siebzigerjahren rückte dann eine neue Form des Rachefilms in den Fokus: Der Selbstjustizfilm, wie Michael Winner ihn mit DEATH WISH begründete, schlug den Bogen zum Western zurück, indem er eine Gesellschaft abbildete, die kurz vor dem Rückfall in die Barbarei stand. Das Verbrechen drohte Überhand und den „braven Bürgern“ die Existenzgrundlage wegzunehmen, so die Diagnose dieser Filme. Doch war es wirklich eine Lösung, das Gesetz mit der Schusswaffe wieder in die eigene Hand zu nehmen? Seit dem Erfolg des Charles-Bronson-Klassikers feiern der Selbstjustiz-Thriller und Rachefilm regelmäßig ihre Renaissance, was seltsam ist, weil es wahrscheinlich noch niemals so sicher auf unseren Straßen war wie heute. Und immer wieder wird in diesen Filmen suggeriert, dass die Frage nach der Recht- oder Unrechtmäßigkeit von Selbstjustiz neu verhandelt werden müsse, dass es keine Übereinkunft darüber gebe, dass die Aufgabe, Recht zu vollstrecken, in den Händen des Staates liege. Zugegeben: Wann immer ein Straftäter in den Augen der „schweigenden Mehrheit“ (oder der rechtskonservativen Presse) nicht hart genug bestraft wird, folgt todsicher auch wieder der Ruf nach der Todesstrafe oder einer anderen körperlichen Form der Bestrafung. Und sicher lässt sich das Rachebedürfnis von Menschen, die ein Familienmitglied aufgrund eines Verbrechens verloren, emotional gut nachvollziehen. Ich glaube aber nicht, dass es hier diesen echten Verhandlungsbedarf gibt, wie es der Rachefilm in den Raum stellt. Selbst dem überzeugtesten Rechtsausleger muss ja klar sein, dass er diesem „Recht“, das er für sich in Anspruch nehmen möchte, selbst zum Opfer fallen könnte. Trotzdem spülen seit einiger Zeit Jahr für Jahr gefühlt Dutzende von Filmen in unsere Kinos, in das Programm von Streaminganbietern oder via Blu-ray und DVD in unsere Regale, die sich mit Rache und Selbstjustiz auseinandersetzen, uns daran erinnern, dass wir gar nicht so tief in uns drin eine gewalttätige Spezies sind und die Frage aufwerfen, ob Rache nicht vielleicht doch OK ist. Der Rachefilm ist von einem kleinen Subgenre zu einer Standardform des Actionfilms und des Thrillers geworden. Und so reizvoll ich das Thema „Rache“ gerade für harte, politisch unkorrekte Reißer auch finde: Ich halte diese Tendenz für etwas beunruhigend. Selbst wenn alle diese Filme letztgenannte Frage ablehnend beantworten, wirkt es doch so, als geschehe das letztlich eher aus einem Pflichtgefühl heraus, denn aus Überzeugung.

LAW ABIDING CITIZEN ist kein besonders aktuelles, aber umso eklatanteres Beispiel für die nicht mehr ganz so neue Strömung, ein abgeschmackter, harter, sich in der ersten Hälfte in grafischen, abstoßenden Gewaltszenen und Anstößigkeit geradezu suhlender Film, der seinen relativ gängigen Plot – ein Mann, der seine Familie an zwei skrupellose Mörder verloren hat und vom Justizsystem enttäuscht wurde, nimmt Rache – mit den Mechanismen verbindet, die die SAW-Reihe dem Kino bescherte. Gerard Butlers Protagonist Clyde Shelton ist nämlich kein einfacher, heißgelaufener Vigilant, der mit der Pumpgun loszieht, um Punks abzuknallen wie sein Vorgänger Paul Kersey, sondern ein brillantes, diabolisches, in den Geheimdiensten geschultes Mastermind, das einen aufwändigen Plan ausgeklügelt hat, mit dem es seine Gegenspieler manipuliert wie Figuren in einem elaborierten Brettspiel. In diesem Spiel geht es nicht nur darum, Rache zu üben und Gerechtigkeit her-, sondern das gesamte Rechtssystem auf die Probe zu stellen. Ziel seines Plans sind neben den beiden Mördern, die bereits innerhalb der ersten halben Stunde ihr Leben auf grausame Art und Weise verlieren, auch der Rechtsanwalt Nick Rice (Jamie Foxx), der sich damals auf einen faulen Deal einließ, sowie die Richterin und mit diesen der ganze Rechtsapparat. Eigentlich geht es Shelton aber gar nicht um Individuen, sondern insgesamt um die abstrakte Idee von Recht und um die Mechanismen, die diesem Recht dazu verhelfen, Wirklichkeit zu werden – zumindest behauptet er das. Das ist durchaus eine interessante Grundlage für ein sich mit philosophischen Grundfragen auseinandersetzendes Drama, aber LAW ABIDING CITIZEN verwendet seine Energie dann doch lieber auf die Zelebrierung grotesker Splatterszenen, derber, das R-Rating auf eine Zerreißprobe stellende Geschmacklosigkeiten, die seiner vermeintlich kritischen Haltung zuwiderlaufen, und haarsträubend idiotische Plotwendungen. Dieser Clyde Shelton mag ein Wahnsinniger sein, aber der Film findet nicht wenig Freude daran, seinen Wahn in blutrünstigen Bildern vor dem Betrachter auszubreiten. Es ist der klassische Fall eines Films, der sich für deutlich cleverer hält, als er tatsächlich ist und in dem Aufwand, der da betrieben wird, um möglichst perfide Gewaltdarstellungen herbeizukonstruieren und inhaltlich zu legitimieren, kommt ein unangenehm unreflektiertes, geradezu obsessives Verhältnis zu Gewalt zum Vorschein. Und wenn es am Ende darum geht, das Kaninchen aus dem Hut zu zaubern, das da ie ganze Zeit angeteasert wurde, kommt nur antiklimaktischer Unfug dabei heraus. Drehbuchautor ist Kurt Wimmer, der einst den schönen Brian-Bosworth-Actioner ONE TOUGH BASTARD inszenierte, und danach mit dem MATRIX-Klon EQUILIBRIUM eine ganze hanebüchene Dystopie erdachte, bloß um Christian Bale mit einer Pistole herumfuchteln zu lassen.

Wer wie ich einen herkömmlichen Selbstjustizreißer von LAW ABIDING CITIZEN erwartet, wird sich nach etwa 30 Minuten ziemlich wundern: Zu diesem Zeitpunkt sind die beiden ekligen Home Invaders, die Shelton Frau und Tochter vor seinen Augen ermorden und vergewaltigen, nämlich bereits tot, ihr Mörder – besagter Shelton – gefasst und man fragt sich, was in den kommenden 90 Minuten des Director’s Cuts eigentlich noch passieren soll. Bis hierhin durfte der Betrachter bereits einer Hinrichtung per Giftspritze beiwohnen, die durch Sheltons Zutun zur körperlichen Qual für das hilflose, wimmernde Opfer gerät, der blutigen Verstümmelung des Killers mit Trennschleifer und diversen anderen Schneidewerkzeugen sowie der folgenden Übersendung einer Videoaufzeichnung des Massakers an die kleine Tochter des Anwalts (die Auskunft, dass der Penis einem Teppichmesser und der Hodensack einem Hackebeil zum Opfer fielen, hebt der Film sich für die Dialoge auf). In diesem Tempo macht LAW ABIDING CITIZEN weiter: Die Richterin wird vom sich selbst verteidigenden Shelton erst davon überzeugt, dass er ohne Kaution auf freien Fuß zu setzen sei, dann von ihm als „bitch in heat“, die es gern „up the ass“ nehme, beschimpft, weil sie einen Killer wie ihn laufen ließe. Es bleibt nicht bei dieser Beleidigung: Er sprengt ihren Kopf wenig später via Telefonverbindung. Zu seinem Spielchen gehört auch die Ermordung seines Zellenkameraden durch ein gutes Dutzend Stiche mit einem Steakknochen in die Kehle, wonach sich der blutüberströmte Gerechtigkeitsfanatiker dann in aller Seelenruhe auf seine Pritsche legt. Ihr merkt schon: LAW ABIDING CITIZEN ist ein gemütliches kleines Filmchen, das cinephiler Schöngeister anspricht und zu rechtsphilosophischen Debatten bei Rotwein und Käsehäppchen anregt. Doch nachdem in der ersten Stunde die Leihen angehäuft wurden, packt den Film die Müdigkeit und er verfällt in gängige Thrillerstrukturen. Der so geniale Plan des Rächers läuft auf einen ziemlich schnöden Terrorakt hinaus (er will das Gerichtsgebäude sprengen), seine übermenschliche Intelligenz, die in einer Szene gepriesen wird, die auch aus einem Seagal-Film stammen könnte, besteht letztlich darin, dass er einen Tunnel gegraben hat, durch den er aus dem Knast entkommen kann. Und bevor man sich fragt, wozu er den ganzen irrwitzigen Aufwand eigentlich betrieben hat, wenn er seine Bombe doch auch einfach so hätte legen können, ist der Film zu Ende.

LAW ABIDING CITIZEN ist Hochglanzschund, ein mit viel Geld polierter Reißer, der so tut, als hätte er etwas zu erzählen, aber fast ausschließlich aus billigen Tricks besteht, die davon ablenken sollen, dass das alles kompletter Blödsinn ist. Der durchtriebene Anwalt und sein Team sind komplett unfähig und die Genialität des Killers würden andere als „Umständlichkeit“ beschreiben. Das trifft auch auf die Inszenierung zu, die mit so abgeschmackten Einfällen wie jenem daherkommt, die Hinrichtung eines Verbrechers mit einem Bühnenauftritt der Anwaltstochter parallelzumontieren. Hier ist alles Selbstzweck, der sich aber schämt, dazu zu stehen und stattdessen große Töne spuckt. Das ist für eine Stunde lang ganz putzig, danach aber nur noch nervtötend.

Nach Sichtung der siebten oder sechsten Beitrags des derzeit wahrscheinlich erfolgreichsten Action-Franchises überhaupt, hatte ich mich – auch in Verteidigung der Filme, die von Kostverächtern leider immer noch gemieden werden, obwohl seit Teil 5 konstant Großes geleistet wird – zu der Aussage hinreißen lassen, dass es in ihnen „um Menschen“ gehe. Ich gebe zu, dass das eine großzügige Interpretation ist: Die coolen Bros und Sistaz um Dom Toretto (Vin Diesel) sind nun alles andere als facettenreiche Charaktere mit augefeilter Psychologie, zumindest wenn man die Maßstäbe eines Dramas an sie anlegt. Trotzdem bezog die Reihe ihren Charme ganz wesentlich aus dem Miteinander der Figuren, der Beziehung, die sie zueinander pflegten. Wie da immer wieder „Familie“ thematisiert wurde, mit der obligatorischen Versammlung zum Grillen am Schluss, bei dem „Papa“ Dom es sich nie nehmen ließ, das Tischgebet zu sprechen, war natürlich reichlich konservativ, die Männerkumpeleien und Broisms mitunter eher peinlich für Menschen, die sich auch mit Grausen an die „lustigen“ Späße in Gemeinschaftsumkleiden erinnern, aber innerhalb des F&F-Kosmos wirkte das Ganze eben echt, hatte die Betonung von Loyalität und Freundschaft etwas zutiefst Liebenswertes. Dieser Aspekt der Serie kulminierte mit dem Tod von Darsteller Paul Walker, der während der Dreharbeiten zum siebten Teil verunglückt war und in einer tränentreibenden Schlussmontage verabschiedet wurde. Das war nicht gerade zurückhaltend inszeniert, aber das überbordende Pathos fühlte sich dennoch ehrlich an. Das Franchise hatte einen plumpen Charme entwickelt, dem zumindest ich mich längst nicht mehr entziehen konnte.

Diese Entwicklung war nach einem holprigen Einstand nicht unbedingt zu erwarten gewesen (der lange Zeit beste Teil der Reihe, Lins TOKYO DRIFT, verzichtet gänzlich auf das heute nicht mehr wegzudenkende Figureninventar) – und der mittlerweile achte Teil wirft die Frage auf, wie lange der mit FAST 5 begonnene Lauf noch fortgesetzt werden kann. Für THE FATE OF THE FURIOUS nimmt F. Gary Gray auf dem Regiestuhl Platz, der bisher mit solider, aber auch etwas altmodischer Thrillerware auf sich aufmerksam gemacht hatte. Die Action ist nicht mehr ganz so elegant wie zuvor, dafür tatsächlich noch absurder: Der kreative Höhepunkt ist der Amoklauf hunderter von Cipher (Charlize Theron) per Computerhack übernommener Pkw, die nun wie eine blecherne Flutwelle fahrerlos durch die Straßen Manhattans jagen und schließlich sogar vom Himmel fallen; deutlich beknackter dagegen der Showdown, bei dem sich die Schnellen und Furiosen mit ihren Boliden auf dem russischen Packeis gegen ein Atom-U-Boot behaupten müssen, das sich unter ihnen befindet. Doms Special Move scheint es in diesem Film, bei rasendem Tempo mid-air aus seinen Fahrzeugen zu springen, ohne sich dabei auch nur eine Schramme zuzuziehen, am Ende überlebt er sogar die Explosion des besagten U-Boots, weil seine Wahlfamilie rechtzeitig eine Wagenburg um ihn herum aufbaut, die ihn vor der Feuersbrunst abschirmt. Is klar. Inhaltlich setzt Gray die Strategie fort, den Kreis der „Familie“ um einstige Kontrahenten zu erweitern: Nach dem FBI-Agenten Hobbs (Dwayne Johnson) gehört nun auch Deckard (Jason Statham) dazu, der zuletzt noch erbittert bekämpft worden war. Dahinter mögen in erster Linie kommerzielle Erwägungen stehen, aber während in den letzten Jahren selbst Kinderfilme immer wieder verlässlich auf Krieg und Konflikt hinauslaufen, finde ich es sehr schön, wie der kameradschaftliche Spirit von Doms Familie immer größere Kreise zieht.(Und Stathams Schwanzvergleich mit Johnson sind einer der Höhepunkte des Films.)

Leider ist THE FATE AND THE FURIOUS ein bisschen zu geschäftig, um von der beschriebenen Liebenswürdigkeit wirklich profitieren zu können. Alles wirkt etwas pro forma, hingeworfen. Gray hetzt von Set-Piece zu Set-Piece und der Film büßt dabei an Seele ein. Ich habe auch das Gefühl, dass der Verlust von Walker dem Franchise weitaus schwerer wiegt, als man das vielleicht angenommen hat. Neben dem immer etwas tumb wirkenden Diesel und den Karikaturen von Ludacris, Tyrese und Dwayne Johnson fungierte er nicht nur als Identifikationsfigur, sondern auch als Herz und Anker: Er war ganz wesentlich dafür verantwortlich, dass das Franchise bei aller PS-getriebenen Absurdität die Bodenhaftung nie ganz verlor. Ohne ihn fehlt etwas: THE FATE AND THE FURIOUS fühlt sich nicht mehr ganz so unverwechselbar an wie die Vorgänger, ohne den bisherigen Kontext ist die Action nur leerer Krawall, der zwar viel Spaß macht, aber auch relativ flüchtig an einem vorbeischießt. Mag sein, dass man der Meinung war, den Fans der Reihe ginge es in erster Linie um Autostunts, aber das wäre ein verhängnisvoller Fehlschluss. Ich hoffe, dass man für den kommenden Teil eine Lösung findet, wie man die durch Walkers Tod gerissene Lücke füllen kann.

straight-outta-compton-posterDie popkulturelle Bedeutung von N.W.A. ist kaum zu überschätzen. Als 1988 das viel beachtete und kontrovers diskutierte Debütalbum „Straight outta Compton“  und drei Jahre später das textlich noch krassere Zweitwerk  „Efil4Zaggin“ erschienen, war das vielleicht das letzte Mal, das Popmusik „gefährlich“ war (oder zumindest schien) und tatsächlich so etwas wie umstürzlerisches Potenzial besaß. Public Enemy – eine Crew aus New Yorker Kunststudenten – verpackten  ihre kaum weniger radikalen Thesen auf der anderen Seite der USA in ein künstlerisch-intellektuelles Gesamtkonzept, zu dem Lyrics voller Zitate von Bürgerrechtlern und Hinweise auf den aktuellen politischen Diskurs genauso gehörten wie militärische Bühnenoutfits und an Propagandaflugblätter erinnernde Artworks, N.W.A. hingegen verkörperten die ungerichtete, ungefilterte Wut des jungen, perspektivlosen Afroamerikaners, der auf den Straßen von L.A. mit alltäglichem institutionellen Rassismus konfrontiert wurde, der mit Drogen handelte, um der Armut zu entkommen, mit Wohlstandsgütern, seiner Potenz und der Zahl der Feinde, die er (angeblich) umgelegt hatte, prahlte. Es wäre grob vereinfacht (und falsch), zu behaupten, dass N.W.A. den Gangsta Rap erfunden haben, aber sie waren gewiss die, die ihn perfektionierten, sein agitatorisches Potenzial erkannten und ihn zu dem Schreckgespenst machten, auf das die Sittenwächter aus Politik und Medien so vorhersehbar reagierten, wie der Pawlow’sche Hund auf die Glocke. N.W.A. waren gewiss keine Wohltäter auf aufklärerischer Mission: Sie hatten das immense kommerzielle Potenzial dieser Spielart der noch jungen Musikrichtung erkannt und waren bereit, es gnadenlos auszuschöpfen, verliehen aber nichtsdestotrotz unzähligen Jugendlichen, die niemand zuvor gehört hatte, eine Stimme – eine hasserfüllte, fluchende, schimpfende Stimme. Wer weiß, ob es ohne die verbale Zuspitzung, die Ice Cube mit seinen brandstifterischen Lyrics leistete, jemals zu der Stimmung gekommen wäre, die nötig war, um die Wut über das Rodney-King-Skandalurteil 1992 in den L.A. Riots eskalieren zu lassen.

Auch für mich persönlich waren N.W.A. wichtig. Um das Debüt „live“ mitzuerleben, war ich noch ein bisschen zu jung (1988 war ich gerade 12), erinnere mich aber noch an das Cover in den Regalen, von dem aus Dr. Dre, Eazy-E, Ice Cube, MC Ren und Yella auf den Betrachter herabblickten wie auf ein am Boden liegendes Opfer. Aber als 1991 „Efil4Zaggin“ erschien, da war ich Feuer und Flamme, rappte mit Wonne die ultravulgären, gewaltverherrlichenden und auch misogynen Lyrics mit (soweit ich ihnen folgen konnte). Ich war 15, 16 und N.W.A. verkörperten eine Respektlosigkeit und Abgezocktheit, die mich einfach beeindruckte. Dass Dre einen geradezu unwiderstehlichen Sound für die auf diesem Album schon fast postapokalyptisch brutalen Texte lieferte, war natürlich keine Nebensache. „Efil4Zaggin“ war damals für mich wahrscheinlich das beste Album der Welt, obwohl ich in erster Linie Metalhead war. Heute lässt sich kaum verleugnen, dass dieses Zweitlingswerk bereits alle Zeichen des Niedergangs trug, der sich damals schon fast komplett vollzogen hatte. Ice Cube, Hirn und Sprachrohr der Gruppe, war bereits kurz nach „Straight outta Compton“ ausgestiegen, weil er sich um seinen Verdienst betrogen fühlte, und mit ihm verloren N.W.A. auch die politische Schärfe. Was blieb, war im Grunde genommen reiner shock value, der dem Debüt nur noch quantitativ etwas hinzuzufügen wusste. Stattdessen veröffentlichte Ice Cube „AmeriKKKa’s Most Wanted“, mit dem er seinen einstigen Weggefährten sofort den Rang ablief. Die Produktion hatte das Produktionsteam namens „Bomb Squad“ übernommen, das auch hinter Public Enemy stand. Während Eazy-E darüber rappte, irgendwelche bitches umzubringen, erklärte Ice Cube den USA den Krieg. Heute ist das alles kaum noch vorstellbar: Die Aufregung über Gewaltverherrlichung und Sexismus in Rap Lyrics ist zum Teil eines Spiels geworden, das geradezu standardmäßig abläuft, generell scheint die Zeit, in der eine Popgruppe die Massen in dieser Form mobilisiert, ja zum echten Politikum wird, lange vorbei. Ice Cube ist Familienvater und dreht brave Mainstreamkomödien, Dr. Dre setzt Millionen mit Kopfhörern um, Eazy-E ist seit 20 Jahren tot und von MC Ren und Yella hat man seit den Neunzigern nichts mehr gehört.

Wie das damals war, als N.W.A. zur „world’s most dangerous group“ aufstiegen, zeigt STRAIGHT OUTTA COMPTON, das von Dr. Dre und Ice Cube mitproduzierte Biopic, das die Geschichte von der Gründung der Band im Jahr 1986 bis zum Aids-Tod von Eazy-E 1995 nachzeichnet. Die Beteiligung der beiden Masterminds ist ein zweischneidiges Schwert, verleiht dem Film einerseits Authentizität und Respektabilität (sowie natürlich die Mitwirkung von Ice Cubes Sohn, der dem Vater bisweilen zum Verwechseln ähnlich sieht), verhindert andererseits aber auch, dass er über die nur milde kritische Heldenverehrung und Selbstmythologisierung hinauskommt (und Yella und MC Ren einen Status zugeschrieben bekommen, der über den bloßer weed carriers hinausreicht). Allzu unangenehme Episoden, wie etwa jene um den physischen Angriff Dr. Dres auf die Journalistin Dee Barnes, lässt der Film aus, ist sichtlich bemüht, die „niggaz with attitudes“ als liebenswerte Menschen, echte Kumpels und Opfer der äußeren Umstände zu zeichnen. Was ja auch durchaus OK ist: N.W.A. konnten ja überhaupt nur als Bedrohung angesehen werden, weil man nie verstanden hatte, dass sie im Wesentlichen Schauspieler waren, die in ihrer Funktion als Bandmitglieder lediglich eine Rolle spielten. Eazy-E hatte sich als Drogendealer verdingt, ansonsten hatte keiner von ihnen einen kriminellen Background, zumindest keinen, der die Dämonisierung, die sie medial erfuhren, rechtfertigte. Aber es ist schon auffällig, dass das Thema „Misogynie“, das aus dem Diskurs über die Band und ihr Werk kaum wegzudenken ist, im Film geradezu peinlich gemieden wird. STRAIGHT OUTTA COMPTON ist in dieser Hinsicht sehr unreflektiert und die Szene, in der er geradezu teilnahmslos dabei zusieht, wie die Band ein Groupie, dessen wütender Freund während einer wilden Orgie an der Hotelzimmertür klopft, nackt auf den Flur setzt, ihm noch eine Backpfeife und eine zünftige Beleidigung mit auf den Weg gibt, ist die mit Abstand ekligste des Films.

Ansonsten darf man ihn durchaus zu den besseren Biopics zählen: Er nimmt sich viel Zeit, die Besetzung ist gut, die Szenen, in denen die Musik zum Einsatz kommt, ragen erwartungsgemäß heraus. Ich hätte mir durchaus noch mehr davon gewünscht, vor allem eine, die die Aufnahme von Cubes bahnbrechender erster Strophe des Titelsongs entsprechend ikonisch ins Bild setzt. Aber man kann nicht alles haben, und STRAIGHT OUTTA COMPTON, dessen Director’s Cut es auf beachtliche 165 Minuten bringt, ist eigentlich eh schon viel zu vollgepackt, beginnt bereits zur Halbzeit merklich zu zerfasern. Das ist der Bandgeschichte selbst zuzuschreiben und weil ihr das große, crowdpleasende Finale verwehrt blieb, erzählt Grays Film plötzlich eine Vielzahl von Geschichten, die mit N.W.A. streng genommen nichts mehr zu tun haben: Da geht es dann u. a. um den Aufstieg von Suge Knights berüchtigtem Label Death Row, an dem Dr. Dre maßgeblich beteiligt war, die Karriere von Ice Cube, der innerhalb weniger Jahre vom Rapper zum Sprachrohr zum Schauspieler zum Drehbuchautoren und Produzenten reift, und als wichtigsten Strang um die Erkrankung von Eazy-E und seinen schnellen Tod, der ihn just in dem Moment ereilt, als sich die Freunde von einst versöhnt haben und ein Comeback-Album aufnehmen wollen. Dutzende von Nebenfiguren, deren Geschichten eigentlich einen eigenen Film rechtfertigen würden – D.O.C., Suge Knight, Snoop Dogg und Tupac (Biopic folgt in Kürze) -, treten teilweise nur auf, um für einen kurzen Aha-Effekt zu sorgen (oder um den nächsten Hit auf dem Soundtrack zu triggern) und verschwinden dann wieder. STRAIGHT OUTTA COMPTON wird so zwar niemals langweilig, versäumt es bei dem Affenzahn, den er vorlegt, aber leider auch, irgendetwas von wirklich bleibender Wirkung zu schaffen. Filmisch ist er gar völlig uninteressant, rast an einem vorbei wie die drei Jahre der Karriere von N.W.A. Dass sich in 25 Jahren noch jemand so an ihn erinnert wie an die Musik der fünf Reizfiguren, darf gewiss bezweifelt werden. Wohl aber auch, dass solche Nachhaltigkeit wirklich beabsichtigt war.