Mit ‘Fantasy Filmfest Nights’ getaggte Beiträge

Juan (Alexis Díaz de Villegas) ist ein Faulpelz und Lebenskünstler. Gemeinsam mit seinem besten Freund Lazaro (Jorge Molina) hält er sich mit kleinen Gelegenheitsarbeiten und Gaunereien über Wasser, genießt die kubanische Sonne auf seinem Dach hoch über den Straßen von Havanna, arbeitet an einer Mauer aus leeren Rum-Flaschen, vögelt die heiße Nachbarin und trauert Frau und Tochter hinterher, die sich auf der Suche nach einem besseren Leben gen USA verdrückt haben. Letztere weilt just in dem Moment wieder auf Kuba, als die Straßen der Hauptstadt plötzlich von Zombies unsicher gemacht werden und im Chaos versinken. Juan, der die Wiedervereinigung mit seiner Familie noch nicht aufgegeben hat, sieht zunächst vor allem die Gelegenheit, mit einem Todesschwadron etwas Geld zu verdienen. Doch bald erkennt er, dass es Zeit ist, Verantwortung für seine Lieben zu übernehmen …

Eine kubanische Zombiekomödie mit einem von SHAUN OF THE DEAD inspirierten Titel? Man sieht schon mit Grausen die neueste Funsplatter-Unzulänglichkeit vor dem eigenen Auge ablaufen, einen Film „von Fans für Fans“, der Unterhaltung mit beständigem Nerd-Jerking verwechselt, dessen Macher das Genrekino von Romero bis Jackson in sich aufgesogen, aber nicht verstanden und auch sonst nichts mitbekommen haben. Sprich: Genau einen jener Filme, die man gerade nicht gemeinsam mit der anvisierten Zielgruppe sehen möchte, weil man sich dabei ungefähr so fühlt wie ein praktizierender Satanist beim Kirchentag. Doch die Befürchtungen sind unberechtigt, JUAN DE LOS MUERTOS ist minichten der neueste Beitrag zum wohl spießigsten Subgenre des Horrorfilms, sondern eine sehr charmante und lebenskluge Horrorkomödie, die nicht als minderbemittelte Nummernrevue hohler Zoten funktioniert, sondern tatsächlich über die liebenswerten Charaktere und seinen lakonischen, manchmal tiefschwarzen, aber dabei immer sehr menschlichen Witz. Dazu kommt, dass Brugués  seinen Romero tatsächlich verstanden hat. Die Zombies sind in allererster Linie Projektionsfläche, ihr unverkennbar allegorisches Potenzial wird niemals voll ausformuliert, tatsächlich muss die Frage nach dem Wie und Warum hinter der Zombieinvasion gar nicht geklärt werden. Man versteht auch so, dass dieses Kuba, das seit 50 Jahren vom sozialistischen Regime Castros geknechtet wird, ein Land ohne Morgen ist. Was JUAN DE LOS MUETOS von den ernsteren Romero-Filmen abhebt und gleichzeitig zu einem eigenständigen, sympathischen und wahrscheinlich wirklich zu einem genuin kubanischen Zombiefilm macht, das ist die Gelassenheit, mit der er diese Erkenntnis teilt. Das Land mag vor die Hunde gehen, aber: das Meer! die Sonne! der Rum! Jaja, etwas muss sich verändern, aber das kann doch auch bis morgen warten.

JUAN DE LOS MUERTES ist ein Film über die Underdogs und Underachievers, über den einfachen Kubaner, der es seit Jahrzehnten gewohnt ist, vom Schicksal verarscht zu werden.  Juan und seine Freunde geben sich längst keinerlei Illusionen über die Lage ihres Landes mehr hin, nehmen diese aber mit Humor. Die Zombieinvasion schockt sie dann auch nicht besonders, man ist bereits einiges gewohnt. Not macht erfinderisch und weil ihr Leben beständige Not ist, sind sie darin besonders gut: Gegen Bezahlung versprechen sie, zombiefizerte Verwandte in die ewigen Jagdgründe zu schicken, ein Job, der ein paar Piepen einbringt, die dummerweise aber nichts mehr nutzen, weil die Zivilisation bereits kollabiert ist. So streifen sie durch die Straßen der „ausgestorbenen“ Stadt, bestreiten ihre kleinen Scharmützel und ziehen sich abends auf ein Glas Rum auf Juans Dachterrasse zurück. JUAN DE LOS MUERTOS ist in erster Linie Stimmung: Ein Gefühl der Bedrohung stellt sich nie ein, weil die Protagonisten es längst gewöhnt sind, sich gegen widrige Umstände zu behaupten. Da lässt man sich auch von Zombies nicht mehr aus der Ruhe bringen. Diese Gelassenheit ist das herausragende Merkmal des Films und sie bindet den Zuschauer an die Figuren, die nicht hysterisch werden oder ihr Leid klagen, sondern die Ärmel hochkrempeln und – Vorsicht: Phrase – die Misere als Chance begreifen. Während Horrorkomödien oft zur Hysterie und zum Klamauk neigen, da besticht dieser JUAN DE LOS MUERTOS durch einen immer sicheren Rhythmus. Hier wird nicht mit Gewalt, Kettensägen-Close-ups und inflationärem Kuntsbluteinsatz um die Gunst der Nerds gebuhlt, sondern sich ganz auf die Kraft der Geschichte verlassen. Gags werden einem weder mit dem Hammer eingeprügelt noch penetrant abgefeiert und sie haben ihren Ursprung immer in den Charakteren des Films. So funktionieren hier auch solche Witze, die in einer US-Produktion regelmäßig Anlass zur Fremdscham geben: Dass eine Transe etwa als Mensch wahr- und ernstgenommen wird, ihr Tod einen der tragischeren Momente des Films bildet, darf man durchaus als begrüßenswerten Glücksfall betrachten. Sogar der eine wahscheinlich unvermeidliche Schwulenwitz trifft ins Ziel, weil er vor allem die latente Homophobie aufs Korn nimmt, anstatt ausschließlich die eigene Verbohrtheit auszustellen. Großen Anteil an diesem Gelingen haben die Darsteller, die allesamt perfekt sind in ihren Rollen und beweisen, wie wichtig gutes Casting ist. Vor allem Juan-Darsteller Alexis Dáiz de Villegas muss hervorgehoben werden: eine echte Entdeckung.

JUAN DE LOS MUERTOS, den ich insgeheim schon als unerträglichen Kinderkram vorverurteilt hatte, hat sich als absoluter Glückstreffer erwiesen: Er ist wahrscheinlich die beste Horrorkomödie seit Jahren und die zunächst unverschämt erscheinende SHAUN OF THE DEAD-Referenz trifft tatsächlich ziemlich ins Schwarze, weil sich beide Filme im Geiste sehr ähnlich sind. Nimmt man dann noch den kleinen Exotenbonus dazu, der zwar nicht ausschlaggebend sein sollte, aber ja dann doch nicht ganz unwesentlich ist, dann kann man JUAN DE LOS MUERTOS nur noch als Gewinner bezeichnen: Die Bilder des maroden Havanna und seiner Einwohner allein sorgen schon für einzigartige Atmosphäre, der man sich nur schwerlich entziehen kann. Doch JUAN DE LOS MUERTOS ist weit mehr, er ist ein im besten Sinne humanistischer Film, weil er echte Empathie für seine Protagonisten erzeugt , ohne sie zu Krücken einer Ideologie zu degradieren oder mit fragwürdigen Methoden um Mitleid für sie zu betteln. Diese Leistung ist kaum überzubewerten. Und wenn man nach 90 unterhaltsamen, witzigen, herzerwärmenden und turbulenten Minuten von einer großartig animierten Zeichentricksequenz zu Sid Vicious‘ Version von Sinatras „My way“ aus dem Film entlassen wird, möchte man eigentlich noch nicht gehen, sondern bei Juan bleiben und ihm dabei zusehen, wie er die Hürden des Lebens nimmt.

Der soziale Outcast Andrew Detmer (Dane DeHaan), Sohn einer todkranken Mutter und eines arbeitslosen, alkoholabhängigen und prügelnden Vaters, steigt gemeinsam mit seinem Cousin Matt (Alex Russell) und dem Schulliebling Steve (Michael B. Jordan) und bewaffnet mit einer Kamera in ein geheimnisvolles Loch im Wald. Nachdem die drei daraus ohne Erinnerung daran, was passiert ist, wieder daraus hervorklettern, bemerken sie bald, dass sie telekinetische Kräfte gewonnen haben – und sogar fliegen können. Ihre stetig wachsenden Fähigkeiten verlangen nach einem regulatorischen Rahmen, damit kein Unglück passiert. Doch Andrew, dem die plötzlich gewonnene Macht zu Kopf steigt und der seiner privaten Situation nicht mehr gewachsen ist, hält sich bald nicht mehr an diese Regeln …

CHRONICLE, das neueste Found-Footage-Wunderwerk nach den Riesenerfolgen CLOVERFIELD und PARANORMAL ACTIVITY, entledigt das sonst für gewöhnlich hochglanzpolierte Superheldenmotiv seines Glanzes und holt es in die Niederungen der Realität. Was würden drei Teneager tun, wenn sie plötzlich Superkräfte besäßen? Das erste Drittel des Films, in dem die unterschiedlichen Jungs ihre Fähigkeiten entdecken und austesten und über ihre ungewöhnlichen Gemeinsamkeiten zu Freunden und Verbündeten werden, ist mitreißend: Die Authentifizierung des fantastischen Stoffs gelingt durch die teilweise spektakuläre Kameraführung (Andrew kontrolliert sie mit seinen Kräften) und die hilft auch dabei, den Rush, den die Jungs durch ihre Fähigkeiten erfahren, auf den Zuschauer übertragen. Die Flugsequenz, als die Protagonisten sich zum ersten Mal über die Wolken begeben, um dort gemeinsam Football zu spielen ist wahrscheinlich das Herzstück des Films und man fragt sich, warum sich die ganzen populären Superhelden überhaupt mit der doch recht lästigen Bekämpfung von Superschurken herumschlagen, anstatt sich ihrer Fähigkeiten zu erfreuen. Natürlich muss irgendwann der Umschwung kommen, müssen der Machtmissbrauch thematisiert und die These, dass mit großen Fähigkeiten auch große Verantwortung einhergeht, bestätigt werden und genau hier gerät der Film dann etwas ins Stolpern. Die Motivation Andrews – kaputtes Elternhaus – kommt geradewegs aus dem Buch der großen Drehbuchklischees und während CHRONICLE sich viel Mühe gibt, ihn nicht als Schuft, sondern als Opfer der Umstände zu zeichnen, muss sein Vater, der immerhin auch eine ganze Reihe schwerer Schicksalsschläge zu verarbeiten hat, als Sündenbock herhalten, dem nur wenig Empathie entgegengebracht wird. Dieser Mangel kann zum einen mit der kurzen Laufzeit von gerade einmal 85 Minuten erklärt werden: Vieles wirkt überhastet, unterentwickelt und provisorisch. Der Umschwung vom Friede, Freude, Eierkuchen hin zum Drama vollzieht sich zu schnell, die Entwicklung der Figuren zu Charakteren wird abrupt abgebrochen und dem Kintopp geopfert. Das tragische Ende hinterlässt so leider keine echte emotionale Wirkung. Auch die narrative Einbettung der Kameraperspektive wirkt etwas leichtfertig. Nicht nur, dass nur wenig Gedanken darauf verwendet wurden, die Motivation hinter Andrews Kameradokumentation zu begründen: Um narrativ nicht ausschließlich an ihn gebunden zu sein, baut das Drehbuch eine weitere Figur mit Kamera ein, bei deren Auftreten man regelmäßig das Krachen im Getriebe vernehmen kann. Dass eine Person immer dann, wenn etwas Interessantes passiert, eine Kamera laufen lässt, ist die conditio sine qua non des Found-Footage-Films, die Prämisse, die man akzeptieren, die Supension of Disbelief, die man leisten muss. Wenn es derer gleich zwei gibt, wird die Glaubwürdigkeit arg überstrapaziert – zumal die besagte Figur den Film inhaltlich kein Stück weiter bringt.

CHRONICLE wird sicherlich den Karriereweg Weg Josh Tranks und der drei Hauptdarsteller ebnen – verdientermaßen: Der Film hat eine tolle Idee, die visuell eindrucksvoll umgesetzt wurde, spektakuläre Effekte und drei ausgezeichnete Hauptdarsteller, die das Optimum aus ihren Reißbrettfiguren herausholen. Aber der Film ist eher ein Versprechen, als dass er selbst schon eine Großtat wäre. Der Reiz der (mittlerweile auch nicht mehr so) neuen Perspektive auf ein bereits etabliertes Motiv verpufft leider, bevor der Film zu Ende ist, nämlich just in dem Moment, als er sich dazu entscheidet, der Schablone zu folgen, anstatt konsequent den eigenen Weg zu gehen.

Filme aus Südkorea sind vor ca. zehn Jahren der heißeste Scheiß gewesen. Völlig unerwartet überwältigte uns das kleine Land mit Filmen wie SHIRI oder J.S.A. und ist heute neben Japan und Hongkong als wahrscheinlich drittstärkste Kraft in Südostasien etabliert. Leider jedoch musste man irgendwann feststellen, dass das südkoreanische Kino auch nur mit Wasser kocht und sich dem US-Kino doch ziemlich angenähert hat: Große, fett aussehende Produktionen, die das Publikum mit abgeschmackten, aber aufdringlichen Ideen ködern sollen, überwiegen. Kim Jee-woon ist ein perfektes Beispiel jener Filmemacher, die ihr großes technisches Vermögen immer wieder unter Beweis stellen, sich aber nun schon seit Jahren damit begnügen, im Grunde genommen aufgeblasene B-Filme zu machen. Für die Nerds scheint das zu reichen, wenn man sich die Bewertungen in diversen Foren oder auf Datenbanken durchliest. Ich finde, dass I SAW THE DEVIL kaum verbergen kann, dass die perfekt gestylte Oberfläche vor allem dazu da ist, zu verbergen, dass sich kaum etwas dahinter verbirgt. Wirklich schlecht fand ich ihn nicht, aber irgendwie fällt mir dazu trotzdem vor allem ein Begriff ein: Angeberkino. Meinen (vorletzten) Text zu den Fantasy Filmfest Nights 2010 gibt es auf F.LM – Texte zum Film zu lesen und zwar hier.

Nach dem Unfalltod ihrer Tochter Alice (Ella Connolly) ziehen sich ihre Eltern, der Tierarzt Patrick (Aidan Gillen) und die Apthekerin Louise (Eva Birthistle), in das Dorf Wakewood zurück, um ihr rauma zu verarbeiten. Vor allem Alice will das nicht gelingen, sie kann es nicht verwinden, dass ihre Tochter so plötzlich aus dem Leben gerissen wurde. Als ihnen der alte Arthur (Timothy Spall) eröffnet, dass es in Wakewood die Möglichkeit gibt, die Toten für drei Tage zurückzuholen, um sich von ihnen verabschieden zu können, scheint eine Lösung in Sicht. Doch als Alice wieder bei ihren Eltern ist, fangen die Probleme erst an …

Die Wiederbelebung der Hammer Studios, die Mitte der Siebziger ihre Pforten schließen mussten, als ihre Gothic-Horrorfilme keinen Schauer beim Publikum mehr auslösten, sondern in einem zunehmend raueren Genreklima nur noch als anachronistisch empfunden wurden, ist an mir bislang völlig vorübergegangen; wohl nicht ganz zu Unrecht, wie mir Hypnosemaschine Alex glaubhaft versicherte. WAKE WOOD versprach zumindest thematisch eine Rückkehr zu den Hammer-Wurzeln zu werden: ein britisches Dorf, eine verschworene Gemeinde, ein rätselhafter Kult, ein schauriges Ritual und viele Geisterkinder weckten Hoffnungen auf eine schaurig-schöne Verquickung von W. W. Jacobs‘ berühmter Kurzgeschichte „Die Affenpfote“ (die sowohl Bob Clarks DEATHDREAM als auch Stephen Kings „Pet Sematary“ zugrunde lag) und Robin Hardys Kultfilm THE WICKER MAN. Keatings Film erfüllt diese Hoffnungen auch zunächst, baut seine Geschichte sehr schön und behutsam auf, streut nur hier und da Andeutungen eines sich ankündigenden Übels und setzt auch die urige Landschaft und Abgeschiedenheit Wakewoods effektiv in Szene, verfällt dann aber leider doch nur in den Trott der Horrorkonvention, dem letztlich auch die Inszenierung erliegt. Anstatt die psychologische Disposition seiner Protagonisten und eben die bloße Anwesenheit der toten Tochter zur Quelle des Schreckens zu machen, muss doch noch das personifizierte Böse herbeifabuliert werden, dass ironischerweise viel weniger erschreckend ist als die Implikationen, die die Ausgangssituation des Films beinhaltet, sondern im Gegenteil lediglich ernüchternd prosaisch. Der mittlerweile zum Fluch gewordene Brauch des Schlussgags oder finalen Twists, bringt dann auch noch den letzten Funken Eigenständigkeit zum Erlöschen: Was einst in Brian De Palmas CARRIE noch einen somatischen Schock hervorrief, ist zu einem der ärgerlichsten Genreklischees überhaupt geworden und sollte langsam mal über Bord geschmissen werden. WAKE WOOD ist kein schlechter Film geworden, stellt aller Schwächen zum Trotz immer noch eine schöne Abwechslung zum Remake-, Terrorfilm- und Funsplatter-Einerlei dar, mit dem der Horrorfilmmarkt mittlerweile vollkommen übersättigt ist, traut sich aber nicht so richtig, sich entschlossener von diesen zu distanzieren. So überwiegt letztlich die sanfte Enttäuschung darüber, dass vorhandenes Potenzial nicht realisiert wurde.

Dass Charles Kaufmans Original-MOTHER’S DAY einer meiner Lieblingsfilme ist, haben Leser der Dezember-Ausgabe der Splatting Image schon mitbekommen. Dass Regisseur Bousman, der mir schon mit SAW II und SAW III massiv auf den Sack gegangen ist, es mit seinem Remake schwer bei mir haben würde, war klar. Ich habe ihm trotzdem eine Chance gegeben – und bin so dermaßen angenervt worden von seinem aufgeblasenen Nichts von einem Film, dass mir seine bisherigen Werke dagegen fast als Meisterwerke erscheinen. Warum sein MOTHER’S DAY für mich der letzte Dreck ist, könnt ihr auf F.LM – Texte zum Film lesen und zwar hier.

Und weiter geht’s mit den Fantasy Filmfest Nights: BURKE AND HARE war vielleicht nicht der beste Film des Festivals, aber der, der mich am glücklichsten gemacht hat. Der Einbruch von Landis, der bis in die späten Achtzigerjahre einen Klassiker nach dem anderen gedreht hat, stellte für mich immer zugleich eine absolute Tragödie wie auch ein völliges Rätsel dar. Mit BURKE AND HARE liefert er einigen Grund zur Hoffnung, dass man mit ihm nun wieder rechnen kann. Meinen Text gibt’s hier.

Meine Fantasy-Filmfest-Berichterstattung ist noch nicht zu Ende: Mein nächster Text widmet sich dem von mir doch sehr herbeigesehnten neuen Film von Joe Dante: THE HOLE 3D. Geärgert hat er mich nicht, begeistert aber auch nicht. Warum, könnt ihr hier lesen.

Auf F.LM – Texte zum Film kann man meine Rezension zu Steven R. Monroes Remake von Meir Zarchis I SPIT ON YOUR GRAVE lesen, einem der Klassiker des kontroversen Kinos. Der Film ist besser als man das erwarten durfte, aber natürlich kaum weniger streitbar als der Vorgänger – wenngleich auch aus komplett anderen Gründen. Die Sichtung im Rahmen der Fantasy Filmfest Nights war trotzdem ein furchteinflößendes Erlebnis: Was es über den Zustand der Menschheit aussagt, dass einige Vollhonks die unappetitlichen und keineswegs lustigen Gewaltszenen frenetisch bejubelten, so als säßen sie in einem Funsplatterfilm, möchte ich mir lieber nicht ausmalen. Die Empfehlung, ihn sich lieber nicht im Kino anzusehen, um solchen Mutanten zu entgehen, kann ich mir aber sparen, denn Monroes Film wird mit Sicherheit niemals ein deutsches Kino von innen sehen.

Durch eine bizarr anmutende Felswüste stapfen drei US-Soldaten, beobachtet von einem über ihnen kreisenden Helikopter, aus dem auch der Zuschauer zunächst auf sie herabblickt. Dann befindet man sich direkt bei den GIs, die keineswegs den Eindruck vermitteln, sich im Krieg zu befinden: Zwanglos wird geplaudert, man beschwert sich über die Hitze, setzt sich vor einer Höhle schließlich für eine Pause hin und beginnt etwas Heroin zu rauchen. Der Araber (Vincent Gallo), der sich in dieser Höhle versteckt, gerät in Panik, erschießt die drei mit einer Panzerfaust, flieht vor dem nahenden Helikopter, wird aber schließlich gefangen genommen. Es ist der Anfang einer  Odyssee, die Jerzy Skolimowski in seinem Film eindrucksvoll in Szene setzt.

In einem Gefangenenlager wird der Araber in den bekannten orangefarbenen Overall gesteckt und erst verhört, dann schließlich gefoltert. Er landet in einem Gefangenentransport, der ihn in ein anderes, irgendwo in Osteuropa gelegenes Lager bringen soll, kann aber fliehen, als der Wagen von der Straße abkommt. Die Verfolger im Nacken, gelingt es dem Mann immer wieder sich durch Einfallsreichtum, Improvisationstalent oder schlicht wilde Entschlossenheit zu entziehen, doch fordern die Strapazen ihren Tribut: Er wird verwundet, erfriert fast, vergiftet sich mit wilden Beeren und halluziniert, verspeist Ameisen und Baumrinde, bis er ans Haus einer stummen Ärztin kommt, die seine Wunden verpflegt und ihn dann auf einem Schimmel ziehen lässt. Er wird nicht mehr weit kommen.

ESSENTIAL KILLING ist ein Film ohne Voraussetzung: Es gibt fast keine Dialoge, keinerlei Hintergrundinformationen, die das Geschehen genauer in Zeit und Raum verorten ließen, keine herkömmliche Dramaturgie mit Ruhepausen und Spannungsspitzen, keine explizit markierte Botschaft. Klar, wenn man will, lässt sich Skolimowskis Film wie jeder gute Kriegsfilm als Plädoyer gegen den Krieg lesen, indem er den Täter zum verängstigten Tier macht, den Konflikt aus seinem eigentlichen geografischen Raum in eine weit entfernte Region verlegt, in der sich die Nadelwälder auf schneebedecktem Boden von Horizont zu Horizont erstrecken und der Mensch bislang keinerlei Spuren hinterlassen zu haben scheint, die Sinnlosigkeit des Tötens in direkte Verbindung zur Gleichgültigkeit der Natur setzend. Im Grunde genommen ist ESSENTIAL KILLING so etwas wie die Avantgarde-Version von Ted Kotcheffs FIRST BLOOD: Die Schrecken des Krieges haben einen Mann in eine Kampf- und Überlebensmaschine verwandelt, die so lange ihr Programm abspulen wird, bis sie zerstört ist. Doch so vielsagend Skolimowskis Film in dieser Hinsicht auch ist, er erschöpft sich nicht in der Aufgabe, eine Botschaft unters Volk zu bringen. Da ist mehr.

ESSENTIAL KILLING ist ein enigmatischer, rauschhafter, betörender und verstörender Film, so klar, eindeutig und unmissverständlich er in seiner geradlinigen Handlung auch sein mag. Naturmystizismus trifft auf Spiritualismus, Action auf Impressionismus, das Konkrete auf das Unbestimmte, Offene. Aber er ist auch kein Film, den man nun Bild für Bild interpretieren müsste: Alles liegt ganz klar vor einem, unmittelbar verständlich, archaisch, direkt aus dem limbischen System heraus. Ein Film über das unbedingte Lebenwollen und das bedingte Sterbenmüssen, der in der unfassbar wunderbaren Szene kulminiert, in der sich Vincent Gallo an der Brust einer stillenden Mutter satttrinkt.

Ein dreiköpfiges studentisches Filmteam heftet sich an die Fersen eines mysteriösen Bärenjägers, der von den anderen Jägern misstrauisch als Außenseiter beäugt wird. Der Mann (Otto Jespersen) zeigt sich wortkarg und abweisend, doch die Studenten bleiben hartnäckig und mit der Kamera immer dicht dran. Nach einer turbulenten nächtlichen Begegnung im norwegischen Wald kommt die Wahrheit über ihn ans Licht: Er ist ein Trolljäger, der im Auftrag der Regierung aus ihrem Revier ausgebrochene Trolle einfängt und kaltstellt. Die norwegische Sagengestalt gibt es nämlich wirklich. Und der Trolljäger hat keine Lust mehr auf die Heimlichtuerei …

TROLLJEGEREN ist der neueste Vertreter des 1999 mit dem unglaublichen Erfolg von BLAIR WITCH PROJECT gerade im Horrorgenre populär gewordenen Found-Footage-Films. Gleich zu Beginn weisen – ganz typisch – mehrere kurze Texteinblendung auf die Authentizität des Materials hin, das man im Gegensatz zu dessen Urhebern bergen konnte, auf die Bruchstückhaftigkeit desselben und räumen ein, dass man nicht so genau wisse, was man davon zu halten habe. Worauf der folgende Film hinausläuft, ist damit schon vorgezeichnet, von Interesse eigentlich nur die Frage, was und wie sich dies vollzieht. TROLLJEGEREN ist damit strukturell ein ganz typischer Found-Footage-Film, dessen Eigenschaften und die aus diesen resultierenden narrativen Implikationen ich in meinem Text zu PARANORMAL ACTIVITY schon einmal versucht habe, aufzuführen. Doch TROLLJEGEREN weiß sich aus den Fesseln des Korsetts zu befreien, indem er die Blaupause für eine furiose Komödie nutzt, mit der Regisseur Øvredal zum einen wieder einmal einen Beweis für den herrlich trockenen Humor des skandinavischen Kinos erbringt, zum anderen seinem Heimatland eine filmische Liebeserklärung macht.

Der Troll, ein menschenähnliches, stinkendes haariges Wesen von minderer Intelligenz ist so etwas wie das heimliche Wappentier Norwegens und wird einem Besucher des Landes in den Souvenirgeschäften in tausendfacher Ausfertigung als Stofftier, Nippesfigur, Holschnitzerei oder als Postermotiv förmlich hinterhergeschmissen. Die Existenz dieser Wesen, denen jeglicher Glamour abgeht, die dafür aber die mit Norwegen assoziierte Urwüchsigkeit und Erdigkeit in Reinkultur verkörpern, wird in TROLLJEGEREN nicht nur als Fakt verkauft, sie ist auch Anlass für paranoide Verschwörungstheorien auf X-FILES-Niveau, die umso absurder sind, als es hier eben nicht um Aliens, Geheimagenten, Weltbeherrschung und Machtspielchen geht, sondern um Trolle. Der foxmulderesken Coolness und dem Hightech-Equipment der US-Agenten wird eine rührende Improvisations- und praktische Handwerkskunst gegenübergestellt, wenn etwa ein polnischer Lieferservice Bärenkadaver an die Trollfundorte bringt, um mit dessen Platzierung Neugierige abzulenken und zu besänftigen, ein Regierungsbeamter mit umgeschnallten Bärentatzen entsprechende Fußspuren produziert oder Trolljäger Hans in seinem kleinen Wohnwagen Trollhaarklumpen, -fett und -schleim einkocht, um Trollgestankkonzentrat zu Tarnungszwecken herzustellen.

Ein anderer großartiger Einfall des Films rührt hingegen an den Kern nationaler Mythen und Sagen generell, macht den Film eher zu einem reflektierten Bestandteil der norwegischen Folklore, anstatt diese arrogant von oben herab abzuurteilen. TROLLJEGEREN ist auch ein Road Movie, der die Protagonisten durch verschiedene Regionen des Landes führt und dabei dessen Topografie im Sinne seiner Prämisse umdeutet: zuerst werden umgestürzte Baumstämme und Erdrutsche als Zeichen von Trollaktivität und umherliegende Felsbrocken als Zeichen einer Auseinandersetzung zwischen Wald- und Bergtrollen gewertet, später gesteht Hans den erstaunten Studenten, dass es sich bei den Strommasten im Norden tatsächlich um Schutzzäune handelt, die die Trolle am Ausbruch aus ihrem Gebiet hindern sollen. In den besten Momenten des Films hat man fast den Eindruck, einzelne Szenen seien on-the-spot entstanden und improvisiert worden; als sei das Filmteam lediglich mit offenen Augen durchs Land gezogen und habe die Landschaft konsequent – und so wie der Trolljäger Hans – auf Anzeichen von Trollaktivitäten hin interpretiert. TROLLJEGEREN macht so sehr schön transparent, wie solche Sagen überhaupt enstehen.

TROLLJEGEREN steht nicht über den Dingen, macht sich nicht mit billiger, abgezockter Ironie immun gegen Kritik, sondern folgt seiner Prämisse mit voller Überzeugung und viel, viel Liebe und Herz. Die Trollanimationen sind traumhaft und im Finale erreicht der preisgünstig produzierte Film eine Erhabenheit und Epik, die in diesem Genre per definitionem eher abwesend ist, und für die ein CLOVERFIELD deutlich mehr Kapital und Technikeinsatz einsetzen musste.  Die Vorschusslorbeeren, die TROLLJEGEREN allerorten erhalten hat und die ihm sogar einen regulären deutschen Kinostart eingebracht haben, sind allesamt verdient. Er ist, so abgedroschen das Found-Footage-Subgenre heute auch schon wieder ist, ein wunderschöner, origineller und geistreicher Film, den ich noch während der Sichtung tief in mein Herz geschlossen habe. T(r)oll!