Mit ‘Fantasy’ getaggte Beiträge

551687Es ist schon seltsam: Wenn man sich auf einschlägigen Filmseiten umschaut, scheinen sich Filmfans nichts sehnlicher zu wünschen als buntes, großes, naives Entertainment, wie es Steven Spielberg und Konsorten in den Achtzigerjahren in Reihe zu produzieren pflegten. Doch wenn dann ein Film wie GODS OF EGYPT daherkommt, der eigentlich genau das bietet, dann hagelt es Spott und Verrisse. Der 140 Millionen teure Spaß von Alex Proyas ging an den Kinokassen heftigst baden, spielte in den USA noch nicht einmal ein Viertel seiner Kosten wieder ein – ein Desaster. Mit Sicherheit ist dieses miserable Abschneiden unter anderem auf das Fehlen jenes Staraufgebots zurückzuführen, das die Marvel-Verfilmungen regelmäßig aufzubieten pflegen, auch dass der Film nicht auf eine beliebte Vorlage verweisen kann, dürfte ihm in dieser Zeit nicht als Originalität, sondern als Mangel ausgelegt worden sein. Aber so nachvollziehbar sein kommerzielle Versagen vielleicht auch ist, es stimmt doch etwas traurig: GODS OF EGYPT liefert eine Extraportion überkandidelter Bilder, knallt einem die spektakulären Set Pieces um die Ohren, dass es nur so eine Art hat, und erzählt seine Geschichte mit jener perfekten Mischung aus fabulierfreudigem Enthusiasmus und milder Selbstironie, die ein solcher Stoff braucht, um dem Vorwurf des Zynismus mit pantherhafter Grazie zu entgehen.

GODS OF EGYPT ist so einer dieser Filme, die regelmäßig erboste Wortmeldungen von humorbefreiten Fachidioten, hier: Ägyptologen, nach sich ziehen, die sich dann beschweren, das irgendwas historisch total verfälscht dargestellt wurde, aber damit nur zeigen, wie wenig Spaß sie verstehen. Die Prämisse von GODS OF EGYPT ist tatsählich herrlich bescheuert: In Ägypten, der Wiege der Menschheit, leben die ca. drei Meter großen Götter mit den Menschen in friedlicher Eintracht. Der Himmel ist endlos weit und petrolblau, gewaltige Städte mit goldenen Prachtbauten und gigantischen Pyramiden erheben sich von den Inseln im Nil, die Topografie des Landes bietet genauso Platz für karge Wüsteneien wie für monolithische Gebirge mit ehrfurchtgebietenden Wasserfällen und Urwälder voller bizarrer Pflanzen. Und über all dem zieht Sonnengott Ra (Geoffrey Rush) auf seinem gläsernen Himmelsschiff seine Bahnen, zieht die Sonne hinter sich her und ballert jede Nacht dem gefräßigen Dämon Apophis einen vor den Latz, auf dass er die Erde in Ruhe lasse. Eben will der weise Osiris (Bryan Brown) seinen Sohn Horus (Nikolaj Coster-Waldau) zum neuen Gottkönig ernennen, da schneit sein Bruder, der missgünstige Set, (Gerard Butler) herein, tötet Osiris und rupft Horus die Augen heraus. Es liegt an dem sterblichen Bek (Brenton Thwaites), Horus die Augen zurückzugeben und ihm im Kampf gegen Set beizustehen, der sich anschickt, alle Götter umzubringen und Ägypten ins Chaos zu stürzen.

Das ist alles natürlich total Banane, aber es spielt nicht wirklich eine Rolle, weil es einfach Spaß macht, sich von Alex Proyas in diese Welt entführen zu lassen. Der Regisseur, nach 20 Jahren im Business immer noch ein Geheimtipp, versteht es, die einzelnen Episoden zusammenzuhalten und seine Figuren nicht zu Spielbällen der Effekte verkommen zu lassen. GODS OF EGYPT als „charakterzentriert“ zu bezeichnen, wäre sicherlich zu viel der Ehre, aber es ist schon auffallend, dass es immer die Motivationen der Figuren sind, die in all dem Gewirbel und Gewusel die Richtung vorgeben. Der etwas lethargische Horus ist ein toller Held, der auch noch ein Sequel rechtfertigen würde, dass er nach dem Versagen dieses Films wohl eher nicht bekommen wird. Schade. Und das Pärchen aus Bek und seiner geliebten Zaya (Courtney Eaton), die auch der Tod nicht trennen kann, ist so zuckersüß, dass man ihm glatt noch länger beim Lächeln zusehen möchte. Und dann ist da ja auch noch Horus‘ Partnerin Hathor (Elodie Yung), die sich einfach nicht auf das Klischee des exotisch anmutenden Eye Candys reduzieren lassen möchte und ebenso beharrlich wie erfolgreich gegen die dahingehenden Bemühungen des Drehbuchs ankämpft. Proyas macht viele kleine Sachen richtig, die in anderen Filmen regelmäßig in die Binsen gehen. Den meisten wird das nicht aufgefallen sein, weil sie gekommen sind, um großes Effektkino zu sehen. GODS OF EGYPT liefert auch hier, aber er kann sich nicht merklich von seiner Konkurrenz abheben. Und er orientiert sich natürlich stark an den Klassenbesten der letzten Jahre. Ohne die Erfolge der Marvel Studios gäbe es auch diesen Film nicht, dessen Ikonografie ein wenig an die Asgard-Episoden aus den THORFilmen erinnert, der auch in seinen zahlreichen Kampfszenen natürlich mit einem Auge auf die beliebten Superheldenkeilereien schielt. Im direkten Vergleich musste Horus in der Gunst des durchschnittlichen Kinogängers wohl einfach den Kürzeren gegen Iron Man, Captain America und Konsorten ziehen.

Mir hingegen, der hier seit Jahren im Clinch mit den Marvel-Filmen liegt, hat gerade der Verzicht darauf, hier irgendeine Form der Relevanz oder sonst einer Bedeutung herbeizukonstruieren, enorm gefallen. Die generelle Nachlässigkeit, mit der Proyas seine Story behandelt, finde ich sehr sympathisch: Warum sollte man sich das Hirn dabei verrenken, einer Story zu folgen, die doch für jeden von vornherein ganz klar als Tinnef, als Mittel zum Zweck enttarnt werden kann, wenn es doch in erster Linie darum geht, sich an den Bildern zu erfreuen, über fremde Welten und Kreaturen zu staunen, dem nächsten Set Piece entgegenzufiebern? INDIANA JONES AND THE TEMPLE OF DOOM kam damals auch gut ohne vorgeschobene Ambitionen aus und noch nicht einmal die unzähligen Anschlussfehler taten dem Vergnügen einen Abbruch. Nur Spielverderber und geistige Schrebergärtner lästern bei GODS OF EGYPT über eine „dumme Story“ oder „seelenlose CGI“. Alle anderen freuen sich darüber, jenen Eskapismus zu bekommen, der diesen Begriff tatsächlich verdient – und nebenbei einen Film zu bekommen, der cleverer ist als viele jener Werke, die heutzutage so als „intelligent“ durchgewunken werden.

bfg-big-friendly-giant-1-rcm0x1920uAls ich den Trailer zu BFG: BIG FRIENDLY GIANT, Spielbergs Verfilmung des (fast) gleichnamigen Kinderbuchs von Roald Dahl, zum ersten Mal sah, überwogen die Zweifel – und ich verfiel in die naheliegende Hollywood-Kritik: Dahls Stoff sei einfach zu böse und nonkonform, um ausgerechnet von Spielberg, dem großen Harmoniebedürftigen des Filmgeschäfts, adäquat auf die Leinwand gebracht zu werden. Die kurzen Ausschnitte erschienen mir zu putzig, märchenhaft und lieb. Dahls Vorlage ist zwar nicht so finster wie sein „The Witches“ (dessen Verfilmung von Nicholas Roeg ich noch nicht kenne), aber mit Kindesentführung, kinder- und menschenfressenden Riesen und der finalen militärischen Intervention gegen die Monster doch weit weg von dem bonbonbunten, zuckersüß-naiven Kram, der Kindern gewöhnlicherweise vorgesetzt wird. Dahl hat sehr gut verstanden, dass Kinder durchaus gefordert werden können – und außerdem einiges verkraften. Das ausgeprägte manichäistische Weltbild, das ihr Denken bestimmt – es gibt Gut und Böse und wenig dazwischen -, ist eine gute Voraussetzung, auch mit kinderfressenden Monstern und kinderhassenden Hexen klarzukommen.

Es ist richtig: Bei Spielberg ist alles etwas bunter, fluffiger und süßer als bei Dahl. Waren die bösen Riesen in der Romanvorlage noch fette, behaarte und nackte Unholde, die auch in den Abbildungen nur grob und krude skizziert wurden, sehen sie mit ihren riesigen Nasen, wulstigen Lippen, wilden Haaren und wikingerhaften Klamotten bei Spielberg genauso aus, wie man sie sich eben vorstellen würde. Überhaupt ist in Spielbergs Film alles deutlich „runder“, werden die Ellipsen, die Dahl sehr bewusst stehen ließ, ausgefüllt, die karg gehaltene Riesenwelt sehr opulent ausgemalt. Spielberg das zum Vorwurf zu machen, wäre aber auch reichlich naiv: Zum einen kennt man seinen Stil, zum anderen hat er eben einen Film gedreht und der lebt nun einmal von Bildern, hat sogar die Aufgabe, konkret zu verbildlichen, was in einem Buch vom Leser ausgestaltet werden muss. (Und wenn man bedenkt, wie manches Buch in seiner Adaption schon vergewaltigt wurde, sind die kleinen Freiheiten, die er sich erlaubt, mehr als verzeihlich.) Spielberg entscheidet sich für eine nostalgisch-europäisch-dickensische Ausgestaltung (Protagonistin Sophie liest dann auch „Nicholas Nickleby“): Das London, in dem der Film spielt, mutet historisch an, die Riesenwelt erinnert an die schottischen Highlands, ins Traumland, wo der BFG auf Traumjagd geht, gelangt man, indem man in einen idyllischen Teich springt, in dessen Oberfläche sich ein riesiger Baum spiegelt. Die Queen ist verständnisvoll und gütig, ohne die Fassade royaler Strenge jemals ganz abzulegen, ihr Hofstaat sind etwas steife, aber ultimativ liebenswürdige Gestalten, die sehr freundlich zu Sophie und dem Riesen sind. Es ist vielleicht nicht die originellste Interpretation von Dahls Bildern, aber sie ist geschlossen und wunderschön anzusehen.

Dass Dahls Buch kaum einen Plot aufweist, über weite Strecken lediglich über das Zwiegespräch zwischen Sophie und dem Riesen fortgetragen wird, ist da schon ein größeres Problem für eine Verfilmung. Spielberg löst es, indem er seine opulenten Settings erkundet, kurze Passagen durch brillante Choreografien zu großen Actiontableaus ausweitet (die Suche der bösen Riesen nach Sophie) oder natürlich auch Handlungselemente hinzuerfindet. Dass der BFG vor alnger Zeit schon einmal ein Kind bei sich hatte, ist ein Spielberg-Einfall, der die tiefe Zuneigung des BFG zu Sophie erklärt, aber auch etwas beliebig erscheint. Auch der kurze Konflikt zwischen den beiden Freunden am Ende des zweiten Akts ist lediglich der Erzählkonvention geschuldet: BFG: BIG FRIENDLY GIANT wäre ohne diese Standards sowohl kürzer als auch origineller gewesen, andererseits sind von Spielberg inszenierte Standards natürlich immer noch besser als die genuinen Einfälle so manches weniger begabten Filmemachers. Man freut sich einfach über jede Sekunde, die man sich in diesem Film aufhalten darf. Der Höhepunkt ist gewiss die Sequenz im Buckingham Palace, die in einer wunderbar anarchisch-albern ausgedehnten Pupssequenz kulminiert. Der folgende Showdown kann da nicht mehr ganz mithalten, aber auch das ist wahrscheinlich im Sinne von Dahl: Das Herz seines Buches ist die unwahrscheinliche Freundschaft zwischen dem Riesen und dem kleinen Mädchen und es pocht auch in Spielbergs Verfilmung warm und kraftvoll.

Ich habe BFG: BIG FRIENDLY GIANT zusammen mit meiner sechsjährigen Tochter im Kino gesehen und hatte ein bisschen Sorge, dass der Film sie emotional überfordern könne. Umsonst: Sie kennt das Buch und ist wunderbar mitgegangen, hat sich gegruselt, gefürchtet, gelacht, gezittert und insgesamt eine tolle Zeit gehabt. Es war großartig, dieses Kinoerlebnis mit ihr teilen zu dürfen.

12938309_1185425714816062_236977913783283157_nBevor es hier mit meinem „normalen“ Filmprogramm weitergeht, möchte ich kurz auf zwei auswärts erschienene Texte von mir aufmerksam machen.

Den ersten findet ihr im HERCULES-Mediabook von Koch Media, das Luigi Cozzis herrlichen Film in optimaler Qualität und mit vielen interessanten Extras, etwa über die wunderbar anachronistischen Spezialeffekte, präsentiert. Cozzis Filme werden immer wieder von lieblosen Gestalten als Trash verunglimpft, ich finde, sie gehören zum Schönsten, was das Genrekino der späten Siebziger- und frühen bis mittleren Achtzigerjahre hervorgebracht hat. Ich sage nur STARCRASH, hach!

Beim zweiten Text handelt es sich um den Beitrag zur tollen Reihe „Papas Kino bebt“ auf critic.de, die sich – passend zu einer in diesem Jahr auf der Berlinale gelaufenen, ganz ähnlichen, leider aber viel langweiligeren, weil kanonlastigen Retrospektive – mit dem kommerziellen deutschen Film des Jahres 1966 beschäftigt. Dafür habe ich mir diesmal DER WÜRGER VOM TOWER vorgeknöpft, ein Edgar-Wallace-Rip-off aus der Schmiede von Erwin C. Dietrich, an das sich aufmerksame Leser vielleicht noch erinnern. Meinen neuen Text findet ihr hier.

Viel Vergnügen!

the-people-that-time-forgotIm Januar durfte ich mich beim Mondo-Bizarr-Weekender vom staubig-gummigen Matinee-Charme des schon 1975 wie aus der Zeit gefallen scheinenden THE LAND THAT TIME FORGOT verzaubern lassen. Die Verfilmung Kevin Connors eines alten Romans von Edgar Rice Burroughs begeisterte mit ihren herrlich altmodischen, aber liebevollen Puppeneffekten und Rückprojektionen, schaffte es spielend, für knapp 90 Minuten das Kind in mir zu wecken, und zeigte wieder einmal, dass der Realismus heutiger CGI-Orgien längst nicht alles ist.

Das zwei Jahre später entstandene Sequel bemüht sich händeringend darum, das Erfolgsrezept noch einmal zu ähnlichem Effekt zu bemühen. Das Herz geht einem auf, wenn gleich in den ersten Einstellungen ein Modellschiff zu sehen ist, das durch eine mit Plastik-Eisbergen bestückte Badewanne schippert, und wenig später gibt es einen schönen dogfight zwischen einem Doppeldecker und einem Pterodactylus zu bestaunen sowie, am Boden angekommen, einen gemütlichen Stegosaurus. THE PEOPLE THAT TIME FORGOT knüpft auch inhaltlich an den Vorgänger an, schildert die Bemühungen des amerikanischen Chauvis Ben McBride (Patrick Wayne), seinen alten Kumpel Bowen Tyler (Doug McClure) auf der geheimnisvollen Insel Caprona ausfindig zu machen, von der der in einer Flaschenpost berichtet hatte. Das Rettungsteam, zu dem auch die selbstbewusste – und deshalb sogleich von Ben eingenordete Journalistin Charlie (Sarah Douglas) – gehört, stößt erst auf die Höhlenfrau Ajor (Dana Gillespie), die von Tyler Englisch gelernt hat, dann auf ein Volk gefährlicher Krieger, die mit ihren Rüstungen ein wenig an Samurai erinnern und in einem Tempel, der gleichermaßen Castle Grayskull wie Indiana Jones‘ Tempel des Todes vorwegnimmt, einen Vulkankrater anbeten. Sie treffen Tyler, der ein trauriges Dasein als Gefangener fristet, befreien ihn, nehmen den Kampf gegen die Unholde auf und entfliehen in letzter Sekunde einem Vulkanausbruch, der Caprona in Schutt und Asche legt.

THE PEOPLE THAT TIME FORGOT bietet wieder jede Menge Gummisaurier und Auseinandersetzungen mit den Einheimischen, darüber hinaus deutlich mehr Action und Remmidemmi als der Vorgänger, büßt über dem ganzen Krawall aber leider jene naive Unschuld ein, die diesen so liebenswert machte. Schlüssel zum Erfolg von THE LAND THAT TIME FORGOT war die Tatsache, dass man die geheimnisvolle Insel durch die Augen der staunenden Entdecker betrachtete, sie mit ihnen gemeinsam erkundete und für ihre Andersartigkeit respektierte. Zwar mussten auch die damaligen Protagonisten sich gegen einige der Gefahren zur Wehr setzen, aber im Wesentlichen beschränkten sich die Aggressionen auf den Konflikt zwischen den Gestrandeten. Das ist im Sequel  mit seiner latent militaristischen Invasions- und Befreiungsdramaturgie grundlegend anders. Die fremdartige Flora und Fauna sind nichts mehr, was den sense of wonder anspricht, sondern bloße Hindernisse, die stumpf beiseite geräumt werden müssen, um zum Ziel zu gelangen. Das ist nicht nur weniger sympathisch, sondern auch einfach langweiliger: THE LAND THAT TIME FORGOT gewann seine Spannung nicht zuletzt daraus, dass da zwei eigentlich verfeindete Parteien – Deutsche und Engländer – miteinander kooperieren mussten. In THE PEOPLE THAT TIME FORGOT werden als Antagonist die gesichtslosen Schurken aus dem Hut gezaubert, über die man nichts erfährt, außer dass sie böse sind. Spannung kommt da leider nicht auf. Und so entspricht diese Fortsetzung der ernüchternden Rückkehr zu einem verbundenen, unberührten Urlaubsort, mit dem man schöne, lebhafte  Erinnerungen verbindet, die sich mit der Realität von inzwischen errichteten Betoburgen  und dem Einzug des Massentourismus leider nicht mehr decken wollen. Sequel-Business as usual, auch hier. Schade drum.

 

krull-1983-originalDie späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahre sahen eine ganze Flut mehr oder weniger märchenhafter, effektlastiger und gnadenlos eskapistischer Fantasy- und Science-Fiction-Filme von aufwändigen Blockbuster-Kandidaten aus den USA bis zu ultrabilligen Rip-offs aus Europa. Diese Welle auf eine Initialzündung zurückzuführen, ist aber gar nicht so einfach, wie man gut an KRULL ablesen kann, der zahlreiche Quellen erkennen lässt. STAR WARS dürfte der Ursprung sein, in dessen Gefolge dann Filme wie BATTLESTAR GALACTICA, FLASH GORDON, CONAN THE BARBARIAN, DRAGONSLAYER, RED SONJA, THE DARK CRYSTAL und THE NEVERENDING STORY überhaupt erst möglich wurden, sich die sogenannte Space Opera, der Fantasy- und der Barbarenfilm als eigenständige Genres bzw. Subgenres herauskristallisierten. KRULL, das monierten die Kritiker damals schon, bediente sich bei ihnen allen, kam aber in äußerst edlem Gewand daher. Was dann auch das Problem ist, das ich mit diesem Film hatte.

Die mittelalterlich anmutende Märchenwelt Krull wird aus buchstäblich heitrem Himmel von außerirdischen Invasoren namens „Slayers“ angegriffen. Um den Eindringlingen, deren Stützpunkt eine riesige schwarze Festung ist, die sich in regelmäßigen Abständen an immer neuen Standorten materialisiert, Einhalt zu gebieten, schließen sich die verfeindeten Königreiche Krulls zusammen. Die Heirat des Königssohnes Colwyn (Ken Marshall) und der Prinzessin Lyssa (Lysette Athony) soll ihre neue Allianz festigen. Doch just zum Zeitpunkt der Hochzeit schlagen die Slayers zu und entführen Lyssa. Colwyn macht sich auf den Weg, sie zu befreien und muss dabei – wie es in diesem Genre so üblich ist – viele Gefahren überstehen und Kameradschaften schließen.
KRULL ist inhaltlich genauso derivativ, wie es sich in dieser kurzen Inhaltsangabe liest. In einer flotten Abfolge kurzer Episoden trifft Colwyn auf Gegner, die es zu besiegen oder auf die eigene Seite zu ziehen gilt, auf Hindernisse, die überwunden werden, Kämpfe, die gewonnen werden wollen. Jede dieser Episoden ist dabei an ein anderes, meist mit großem Aufwand der Kulissenbauer gefertigtes Setting oder eindrucksvolle Landschaftsaufnahmen geknüpft. Colwyn trifft in einem Wald auf den tolpatschigen Zauberer Ergo (David Battley), der sich ständig selbst verzaubert, und einen Zyklopen (Bernard Bresslaw). In einer Schlucht gerät er mit seinen Kameraden in den Hinterhalt von Räubern (darunter Liam Neeson und Robbie Coltrane), die er jedoch auf seine Seite ziehen kann. In einem tückischen Sumpf wird ein Seher aufgesucht, und um den Standort der Festung zu erfahren, muss die „Widow of the Web“ (Francesca Annis) aufgesucht werden, die im Inneren eines Berges in einem Spinnennetz residiert. Was KRULL von vergleichbaren Filmen unterscheidet, sind die überaus gediegene und geschmackssichere Inszenierung, für die kein Geringerer als Peter Yates, als Regisseur von BULLITT immerhin ein wichtiger Erneuerer des Polizei- und Actionfilms, verantwortlich zeichnete. Auch heute noch halten die meisten Spezialeffekte stand, während manch anderer Film dieser Zeit bei heutiger Betrachtung gegenüber damals einige Federn lassen muss.

Aber wie oben schon vorausgeschickt, ist diese Gediegenheit auch das Manko von KRULL, der für den Camp Appeal, den solche Filme brauchen, einfach zu sauber, professionell und glatt daherkommt, für ein „ernstzunehmendes“ Werk, das die Konventionen des Genres transzendiert – wie das etwa Rob Reiners THE PRINCESS BRIDE tut – wiederum konzeptionell zu dünn, zu wenig an echten Innovationen interessiert, zu überzeugt davon, dass seine Geschichte allein das Interesse des Betrachters wachhält. Doch dafür fehlt es KRULL einfach an Spezifizität. Man hat das alles irgendwo anders schon einmal gesehen (zumindest heute) und die Charaktere, die den Film tragen sollten, bleiben blass und uninteressant. Bei einer Spielzeit von zwei Stunden nützen dann auch das hohe Tempo und die opulente visuelle Gestaltung nichts, es hält die Langeweile Einzug.

Aber ich bin mir sicher, dass das alles anders wäre, hätte ich KRULL vor 25, 30 Jahren gesehen. Da hätte er mich sehr wahrscheinlich umgehauen, ich hätte ihn mir dutzende Male angeschaut und würde bei heutiger Betrachtung einem wohlig-warmen Nostalgieschub unterliegen. Insofern hege ich keinen Groll gegen den Film, der schon irgendwie sympathisch ist, für mich aber einfach zu spät kommt.

 

 

 

herculesLuigi Cozzis Wiederbelebung des Peplums sieht ungefähr genauso aus, wie man das nach seinem STAR CRASH erwarten durfte: Die Kostüme sind offenherzig und fantasievoll, die Spezialeffekte bemühen Mitte der Achtzigerjahre bereits reichlich veraltete Techniken, die dem Film eine kindliche Naivität verleihen, überall blitzt und funkelt es und statt eines kontinuierlich entwickelten Spannungsbogens gibt es eine Aneinanderreihung von Episoden, deren Logik nicht immer unmittelbar nachvollziehbar ist. Trotz dieser Gemeinsamkeiten ist HERCULES aber ein völlig anderer Film als Cozzis Weltraumoper (die nur Unmenschen ohne Geschmack und Stil als STAR WARS-Rip-off bezeichnen). Cozzi wirft sich mit offenem Visier in die Schlacht, versucht nicht, die alten Sandalenfilme auf einen historisch fundierteren Boden zu stellen, sondern empfängt den dem Genre inhärenten Kintopp mit offenen Armen, schafft aber gleichzeitig ein Werk, dessen hoher Abstraktionsgrad es schon fast in den Rang des dekonstruktivistischen Metafilms hebt.

Für mich besonders auffällig: HERCULES wird niemals „lebendig“, wie es die alten Herkules-Filme ohne Zweifel wurden, die ihre Zuschauer in eine pittoreske Pseudoantike voller schöner Frauen, edler Recken, finsterer Schurken und gräuslicher Ungeheuer entführten. Stattdessen spielt Cozzis Film in einer beinahe entvölkerten Welt, über der des Nachts ein planetenreiches Weltall prangt und deren wenigen Bewohner keinen normalen Alltag zu kennen scheinen, sondern ständig irgendwelche seltsamen Pläne schmieden. Der Film beginnt mit keinem geringeren Ereignis als der Erschaffung der Welt, bei der Pandoras Büchse – hier eher: ein Tonkrug – eine wichtige Rolle spielt. Am Ende des Vorgangs kommen die auf dem Mond (!) lebenden Götter Zeus (Claudio Cassinelli), Athene (Delia Boccardo) und Hera (Rossana Podestà) auf die Idee, einen Superhelden aus reinem Licht zu schaffen, um den nun auf der Erde waltenden bösen Mächten etwas entgegenzusetzen. An seinem neuen Bestimmungsort angelangt, wird der kleine Hercules sogleich als potenziell gefährlicher Göttersohn enttarnt und auf einem Floß ausgesetzt, auf dem der Tausendsassa seinen Pflegeeltern in die Arme treibt. In diesem Stil setzt sich der gesamte folgende Film aus Elementen zusammen, die man entweder aus anderen Mythen und Märchen oder aber aus zu jener Zeit erfolgreichen Filmen (vor allem CLASH OF THE TITANS und SUPERMAN müssen genannt werden) kennt, die aber nie im Stile des nervtötenden Zitatekinos mit wissendem Augenzwinkern refrenziert werden.

Lou Ferrignos Held scheint selbst nie so ganz zu begreifen, was da um ihn herum eigentlich vorgeht, und der böse Plan seiner Gegenspieler – der schurkische König Minos (William Berger) und seine Gefährtin Ariadne (Sybil Danning) – ist kaum mehr als ein Vorwand, um ihn auf die Reise durch verschiedene Set Pieces zu schicken. Hier und da schnappt man mal etwas auf, was man kennt – den Augiasstall oder Charon, den knochigen Fährmann -, aber mehr als an griechischen Mythen ist Cozzi offenkundig am Spinnen eigenen Seemannsgarns interessiert. Sein Hercules tritt gegen riesige Roboterwesen an, die eine weibliche Zauberin namens Daedalus (Eva Robins) zum Leben erweckt hat, Circe (Mirella D’Angelo) verwandelt ihn in einen Riesen, sodass er die Kontinente Europa und Afrika trennen kann, der Finalkampf findet im Inneren eines brodelnden Vulkans statt, den Minos als Energiequelle nutzt. Atlantis wird auch mal kurz erwähnt, genau wie der Feuervogel Phoenix und es ist erstaunlich, dass ein Film, der so konfus ist, gleichzeitig so aufgeräumt wirkt.

Die Legende besagt, dass der back to back mit Fragassos und Matteis I SETTE MAGNIFICI GLADIATORI gedrehte HERCULES ursprünglich als „erwachsen“ angelegt war und erst auf Initiative des entrüsteten Ferrigno entschärft wurde. Ein HERCULES UNBOUND wäre sicher interessant gewesen, aber ich finde Cozzis Film auch so sehr schön. Er ist nicht ganz so ein selig machender Knaller wie STAR CRASH, aber welcher Film ist das schon? Ich finde jedenfalls, dass er – wie eigentlich alle Filme von Cozzi – als verlachtes So-bad-it’s-good-Vehikel reichlich unter- und vor allem geringgeschätzt wird.

Manche Träume bleiben vielleicht besser unerfüllt: Als sich Carpenter mit BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA den lang gehegten Wunsch erfüllte, einen waschechten Martial-Arts-Film zu inszenieren, ging er damit an der Kinokasse hoffnungslos baden. Der Schlingerkurs, der mit dem finanziellen Misserfolg von THE THING (immer noch eine der größten Publikums-Fehlleistungen der Filmgeschichte) begonnen hatte, hatte vorerst ein Ende gefunden. Carpenter wendete Hollywood den Rücken zu und sich mit PRINCE OF DARKNESS und THEY LIVE wieder den kleineren, unabhängig produzierten – und erfolgreicheren – Projekten zu, mit denen er sich ein knappes Jahrzehnt zuvor einen Namen gemacht hatte. (Als er sich 1992 mit MEMOIRS OF AN INVISIBLE MAN noch einmal an einem großen Mainstream-Films versuchte, war das Ergebnis erneut ein verheerender Flop.) Die Stringenz, die Carpenters Karriere von seinem Debüt DARK STAR über die Meisterwerke ASSAULT ON PRECINCT 13 und HALLOWEEN sowie die folgenden THE FOG und ESCAPE FROM NEW YORK bis hin zu THE THING charakterisierte, erreichte er nie mehr. Seine Filmografie danach ist qualitativ hochgradig heterogen, von folgenlosen Exkursen, Sackgassen, kreativen und kommerziellen Fehlschlägen geprägt. Es drängt sich die Frage auf, was passiert wäre, wenn THE THING oder später eben BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA ihr Publikum gefunden hätten. Beide sind heute mehr als rehabilitiert: THE THING gilt als wegweisendes Meisterwerk des effektlastigen Genrekinos der Achtzigerjahre, BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA kommt zumindest ein gewisser Kultstatus zu. Damals machte ihm mit THE GOLDEN CHILD ein anderer asiatisch angehauchter, effektlastiger (und deutlich schwächerer) Film Konkurrenz und Zuschauer abspenstig, der nur kurze Zeit später gestartete ALIENS warf seinen Schatten bereits voraus. Ich lehne mich wahrscheinlich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA seiner Zeit rund zehn Jahre voraus war: Als die bunten Wire-Fu-Acrobatics von Yuen Woo-Ping nur wenige Jahre später das internationale Publikum verzückten und eine große, auch Hollywood erfassende Hongkong-Renaissance einleiteten, war Carpenters Film schon wieder in Vergessenheit geraten.

Wer akzeptiert, dass BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA wenig mehr ist als ein 100-minütiges Effekt- und Gagspektakel ohne jeden tieferen Sinn, der wird mit dem Film seine helle Freude haben, ihn für seine No-Holds-Barred-Strategie, das immense Erzähltempo und den Drive, mit dem sich die Protagonisten ihre hoch pointierten Dialogzeilen an den Kopf knallen, geradezu lieben. Carpenter hält sich nicht lang mit Exposition auf, schmeißt sein Publikum gemeinsam mit seinem Helden wider Willen, dem lakonischen Truckfahrer Jack Burton (Kurt Russell), in ein fantastisches Abenteuer voller magisch begabter Kung-Fu-Meister, unterirdischer Tempelanlagen, entführter Schönheiten, bizarrer Monster  und jahrtausendealter Flüche. Was BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA dabei von heutigen Entertainment-Maschinen positiv abhebt, ist zum einen die Erzähltradition, der sich Carpenter unübersehbar verpflichtet sieht, zum anderen das Figureninventar, dem von all den Effekten nie der Rang abgelaufen wird. Kurt Russell wird ja vor allem für seine desillusionierte Eastwood-Approximation namens Snake Plissken verehrt, als etwas tumber, jammernder, aber engagierter Truckfahrer ist er aber kaum weniger toll. Ob er da zu Beginn launige One-Liner über CB-Funk in den Äther jagt, sich als bebrillter Nerd verkleidet Zugang zum Edelpuff des chinesischen Oberschurken Lo Pan (James Hong) verschafft, mit seinem Kumpel Wang Chi (Dennis Dun) und den Worten „Phone company!“ in dessen Hauptstützpunkt stürmt oder die geradezu absurde (aber richtige) „Unterstellung“, er habe noch nie jemanden erschossen, brüsk von sich weist: Er bleibt das Zentrum des Films, auch wenn er eigentlich nur indirekt in das Geschehen involviert ist. Man erzählt sich heute, dass Russell seinen Burton als John-Wayne-Parodie anlegte, was man aber vor allem an der Art und Weise merkt, wie er seine Dialogzeilen intoniert, eine Parallele, die mithin in Synchronfassungen verloren geht.

Bezüglich seines Handlungskonstrukts ist BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA deutlich weniger einfältig als es vielleicht den Anschein hat: Der Film macht eine Figur zum Protagonisten und gar zum mythischen Helden, die nur wenig zur Idealisierung taugt, eigentlich maximal die Befähigung zum lustigen Sidekick mitbringt. Carpenter unterläuft damit den Fantasy-Irrsinn seines Plots höchst geschickt: Burton ist einfach nicht intelligent genug, um sich allzu lang über das zu wundern, was er da erlebt. Solange er am Ende seinen Truck wiederbekommt, ist ihm alles andere egal. Man ist als Betrachter bereit, alles zu glauben, was der Film auffährt, weil einem dieser knochentrockene Burton zur Seite gestellt wird. Wenn BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA auf den ersten Blick aus Carpenters Werk herauszufallen scheint, so erkennt man an solchen Feinheiten seinen Urheber: Wie der Film mit einem Art Vorankündigung des Kommenden beginnt, wie sich in einer unscheinbaren Seitenstraße plötzlich eine fremde Welt eröffnet, wie er diese Welt nur grob skizziert, anstatt ihr Potenzial völlig auszureizen und damit gerade den Eindruck von Größe erweckt, wie er am Ende jede Gefühlsduselei vermeidet und die Autonomität seines Helden wahrt.

Ich finde es aber vor allem bemerkenswert, wie gut dieser Film gealtert ist: Man sieht deutlich, aus welcher Zeit er stammt, aber man muss sich ihm nicht unbedingt nostalgisch verbunden fühlen, um ihn auch heute noch goutieren zu können. Ich würde sogar behaupten, dass BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA die Mission des „totalen Entertainments“, weitaus besser erfüllt als die unzähligen Superheldenfilme, die heute die Multiplexe bevölkern und bei denen ich mich immer mehr frage, wann denn das ganze World Building, das da seit x Titeln betrieben wird, endlich mal zu irgendwas führt. BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA greift einem ohne langes Federlesen zwischen die Beine. Und das ist gut so.