Mit ‘Fantasy’ getaggte Beiträge

Die armen Bürger von Seriphos stehen im Clinch mit dem Königreich Argos: Wenn sie zum Meer wollen, um dort Handel zu treiben, werden sie von den Soldaten Argos‘ mit Waffen empfangen und geraten dabei entweder in die Fänge eines gefräßigen Sumpfmonsters oder der Medusa. Es scheint nur eine Möglichkeit zu geben, den Konflikt beizulegen: Andromeda (Anna Ranalli), die Tochter des Königs von Serephos, an den fiesen Galenor (Leo Anchóriz) zu verheiraten, seinerseits Thronfolger von Argos. Doch in einem Turnier, in dem Galenor seine Eignung beweisen will, wird ervon Perseus (Richard Harrison) besiegt: Und den weist ein Muttermal als dazu bestimmt aus, Galenor zu töten …

PERSEO L’INVINCIBILE hat zwei Stars: das Sumpfmonster, ein Dinosaurier, das von Effektpionier Carlo Rambaldi geschaffen wurde und noch so manches 20 Jahre später entstandene Gummimonster hinsichtlich Größe und Beweglichkeit in den Schatten stellt. Und dann die Medusa, die hier aussieht wie ein Lovecraft’sches Krakenmonster mit Spinnenbeinen und Zyklopenauge. Ihr Design ist tatsächlich sensationell, weil es absolut fremdartig wirkt: Ich mag gar nicht daran denken, wie mich dieses groteske Biest verstört hätte, wenn ich den Film damals im Abendprogramm aufgeschnappt hätte. Dazu kreierte Mario Bava ihr via grandiosem Glas-Matte den passend apokalyptischen Lebensraum, eine von versteinerten Menschen übersäte Einöde mit einem Vampirzahnbewehrten Höhleneingang am Horizont. Toll! (Die versteinerten Figuren stammten von Marios Vater Eugenio, der im Gegensatz zum Sohnemann dann auch in den Credits genannt wird.)

Leider begeht der Film einen folgenschweren Fehler: Er verheizt seine beden großartigen Spezialeffekte schon in den ersten zehn Minuten und beraubt sich so selbst eines echten Höhepunkts. Machen wir uns nichts vor: Die Story um den zu Großem berufenen Helden Perseus, der die Unterdrückten rettet, die Schurken bestraft, nebenbei zwei Monster abschlachtet und am Ende die Schöne in die Arme schließen darf, ist ganz nett, recht actionreich in Szene gesetzt, aber nichtsdestotrotz völlig vorhersehbar. Und der Kampf des Helden gegen die beiden Ungetüme wird eben dadurch erheblich an Wirkung beraubt, weil man beide Biester schon vorher in voller Pracht zu Gesicht bekommen hat. Ich habe mich dann auch über weite Strecken königlich gelangweilt, nachdem ich zu Beginn schier frohlockt habe. Ich würde PERSEO L’INVINCIBILE Fans des fantastischen Films auch dennoch empfehlen, denn diese Medusa muss man einfach gesehen haben. Einfach grandios unheimlich …

 

 

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Pietro Francisci hatte mit seinen Herkules-Filmen LE FATICHE DI ERCOLE und ERCOLE E LA REGINA DI LIDIA nicht nur zwei absolute Megahits geschaffen (tatkräftige Hilfe erhielt er dabei von Mario Bava) und das Subgenre des Peplum begründet, sondern auch das am Boden liegende italienische Kino wiederbelebt. In den Jahren bis ca. 1966/67 schossen die Pepla nur so aus dem Boden, vor allem nachdem Franciscis Filme mit einiger Verspätung auch in den USA einschlugen wie eine Bombe. Eine Renaissance erfuhr auch der Stummfilmheld Maciste, ursprünglich ein nubischer Sklave, den es in seinen frühen Filmen dann und wann aber auch sehr postmodern mit Anzug und Hut in Abenteuer in der Gegenwart verschlug. MACISTE CONTRO IL VAMPIRO ist der dritte der „neuen“ Maciste-Filmen und haut gleich mal ordentlich rein.

Direkt zu Beginn gibt es ein zünftiges Massaker an den Einwohnern von Macistes (Gordon Scott) Dorf, bei dem Männer Pfeile ins Auge bekommen, Kehlen augeschlitzt und Männer an den Füßen aufgehängt und dann angezündet werden. Maciste kommt zu spät, um das Unheil abzuwenden: Männer, Kinder und Frauen sind tot, die jungen Mädche wurden auf die Insel Salmanak verschleppt. Mit seinem jungen Freund Ciro (Rocco Vidolazzi) macht sich der Muskelprotz auf den Weg, um die Mädels, darunter seiner Freundin Guja (Leonora Ruffo) zu befreien. Hinter dem Frauenraub steckt der bösartige Dämon Kobrak, der mit hypnotischem Einfluss eine ganze Armee willenloser Mörder befehligt und auch die Frau von Salmanaks Herrscher, die schöne Astra (Gianna Maria Canale) unter seine Einfluss gebracht hat. Maciste zur Seite tritt Kurtik (Jacques Sernas), seinerseits legitimer Thronfolger …

Die Kopie, die mir zur Verfügung stand, war leider in einem etwas traurigen Zustand, was stichhaltige Aussagen über die visuelle Gestaltung etwas schwer macht. MACISTE CONTRO IL VAMPIRO schwankt beständig zwischen staubiger Rumpelkammer und gothischer Prä-Psychedelik, wie sie Maestro Bava himself nur wenig später in seinem eigenen ERCOLE AL CENTRO DELLA TERRA perfektionieren sollte. Er stellte sein Talent für Trickaufnahmen und Ausleuchtung wohl ach hier zur Verfügung, zumindest behauptet das Tim Lucas in seinem Bava-Standardwerk; und wer wäre i, ihm da zu widersprechen? Langweilig ist Gentilomos Film nie, er geht von Anfang an ein hohes Tempo und wirft seinem schlagkräftigen Helden im Zwei-Minuten-Takt Gegner zum Wegboxen in den Weg, aber richtig interessant wird er in der letzten halben Stunde, wenn das Geschehen immer fantastischer wird. Alles beginnt mit einem fadenscheinig, aber effektiv inszenierten Sandsturm, in dem Maciste und seine Guja die Übersicht verlieren und in eine Grotte stürzen, in der Kurtik mit der Blue Man Group haust. Wenn sich Maciste dann auf den Weg macht, Kobrak zu stürzen, erreicht MACISTE CONTRO IL VAMPIRO seinen Höhepunkt und man ist wieder der sechsjährige Knirps, der die Eltern anbettelt, diesmal doch länger als bis halb neun aufbleiben zu dürfen, um den Höhepunkt des Abendprogramms zu schauen.

Angeblich hat Sergio Corbucci – der gemeinsam mit Duccio Tessari auch das Drehbuch verfasste – Gentilomo zur Seite gestanden, aber darüber weiß ich nichts. Ein paar Szenen wirken zugegebenetwas holprig: Ganz zu Anfang erhascht man etwa einen so kurzen Blick auf ein Seeungeheuer, dass man sich schon fragt, ob da nicht möglicherweise mehr Material gedreht worden war. Aber es ist ja auch diese Unbekümmerheit und eben der Mangel an Perfektion, der diese Filme auszeichnet gegenüber den durchoptimierten, am Reißbrett entstandenen Eventmovies von heute. MACISTE E CONTRO IL VAMPIRO mal in einer richtig schnieken HD-Version: Das wär’s!

Dieser Tage ist Ruggero Deodatos von der Cannon produzierte Fantasyfim DIE BARBAREN als Mediabook bei Koch Media erschienen. Gemeinsam mit Pelle Felsch habe ich dafür mal wieder einen Audiokommentar eingesprochen und das Booklet beigesteuert. Wem das als Kaufanreiz noch nicht reich, den überzeugt vielleicht die Tatsache, dass Deodatos Frühwerk FENOMENA E I TESORO DI TUTANKAMEN (zu Deutsch: FENOMENAL UND DER SCHATZ VON TUTANCHAMUN) enthalten ist.

Außerdem möchte ich noch auf die kleine, aber feine Ausstellung „Raus aus dem Spießerglück: die anderen 60er Jahre“ hinweisen, die man sich derzeit im Freilichtmuseum Detmold anschauen kann. Anhand von mehreren gestifteten Alltagsgegenständen aus den Sechzigern wird ein sehr konkretes und auch emotionales Bild von einem Jahrzehnt gezeichnet, das längst nicht nur aus Hippies und Mondlandungen bestand. Für den gleichnamigen Ausstellungsband durfte ich einen Aufsatz zu den Karl-May-Filmen jener Zeit verfassen, die das deutsche Publikum damals in Scharen in die Kinos lockten und eine bessere Welt voller Edelmut, Tapferkeit, Romantik und Abenteuer erträumten. Mehr zur Ausstellung gibt es hier: http://www.lwl.org/LWL/Kultur/LWL-Freilichtmuseum-Detmold/ausstellungen/sonderausstellungen

Um mal gleich in medias res zu gehen: Ja, WONDER WOMAN ist tatsächlich allein deshalb schon ungewöhnlich, weil es bislang der erste in der in den letzten zehn Jahren auf uns niedergegangenen Flut von großbudgetierten, mit viel Marketingpower in die Multiplexe gepushten Superhelden-Comicverfilmungen ist, der sich den Luxus einer echten weiblichen Hauptfigur gönnt. Und auch wenn ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der das so sieht, halte ich es für mitnichten für einen Zufall, dass er aus dem Hause DC kommt und nicht von Marvel stammt, die sich wohl auch in hundert Jahren noch nicht dazu entscheiden können werden, ihrer Black Widow ein Soloabenteuer zu gestatten: Das MCU verströmt für mich in erster Linie gepflegte, weitestgehend mutlose Langeweile, während DC es mit ihren überkandidelten Kraftbolzen geschafft haben, so ziemlich jeden gegen sich aufzubringen. Weiter so! Die Kehrseite der Medaille: Es ist heute wahrlich nicht viel nötig, einen Film zu produzieren, der geradezu als feministisches Manifest gefeiert werden muss. Das möchte ich aber nicht Patty Jenkins ankreiden, vielmehr sagt es ziemlich viel über den Status quo in Hollywood aus, das ein Film allein deshalb schon revolutionär daherkommt, weil er eine Frau ins Zentrum eines effektgespickten, großbudgetierten, nicht explizit auf ein weibliches Publikum hin optimierten Eventmovies stellt.

Das ist in der Tat ziemlich traurig, macht WONDER WOMAN aber kein bisschen schlechter. Vielleicht wird man sich irgendwann, wenn sich der Rauch gelegt hat, daran erinnern, welche Vorarbeit Jenkins (oder Produzent und Drehbuchautor Zack Snyder) geleistet haben: Der Film war ein großer Erfolg, was angesichts der vernichtenden Kritiken, die MAN OF STEEL, BATMAN V SUPERMAN: DAWN OF JUSTICE oder SUICIDE SQUAD zuvor eingefahren haben, an ein kleines Wunder grenzt, und könnte insofern einen neuen Präzedenzfall geschaffen haben: Ja, Superheldenfilme können tatsächlich auch dann Geld einspielen, wenn sie um eine Frau kreisen. Dass WONDER WOMAN diesen Aspekt gleich an der Oberfläche seiner Handlung mitverhandelt, liegt in der Natur der Sache. Schon die Comicvorlage entstand in den 1940er-Jahren aus der Beobachtung ihres (männlichen) Schöpfers, dass es keine weiblichen Superhelden gab. Er erdachte die Amazonenprinzessin Diana, die auf einer fernab der Zivilisation liegenden Insel ohne männliche Population aufwächst und die es dann für ihre Heldentaten in „unsere“ Welt verschlägt.

Auch im Film muss sich Diana (Gal Gadot) in einer reinen Männerwelt behaupten, eine Herausforderung, die die Auswahl der geeigneten Garderobe genauso miteinschließt wie den Einsatz auf einem Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges. Ganz selbstverständlich ist das in WONDER WOMAN nicht: Die ohne Männerkontakt aufgewachsene und deshalb in und an Liebesdingen ebenso unerfahrene wie uninteressierte Schönheit, muss natürlich die Liebe zu einem Mann entdecken und ihn mit Fragen über Sex und Beziehungen löchern. Ferner stehen ihr nach dem Auftakt auf ihrer Heimatinsel ausschließlich harte Macker zur Seite, die ihr helfen: Zum großen Sieg am Ende ist das Opfer ihres Freundes Steve (Chris Pine) nötig und in einer tränenreichen Rückblende gibt es dann auch das verbale Liebesgeständnis. Einen ähnlichen Rückzieher macht WONDER WOMAN auch in anderer Hinsicht: Als sie den vermeintlich für den Krieg Verantwortlichen Ludendorff (Danny Huston) umgebracht hat, in dem Glauben danach kehrte der Frieden ein, und feststellen muss, dass der einfach weiter geht, glaubte ich für einen Augenblick tatsächlich, WONDER WOMAN könnte ohne den langweiligen Superschurken und das obligatorische Duell enden. Dem ist natürlich nicht so: Wie alle DC-Filme, an denen Snyder mitgewurschtelt hat, verliert sich auch dieser in einem überkandidelten, vor Pathos triefenden und dem naiven Charme des Films krass zuwiderlaufenden Scharmützel mit einem in letzter Sekunde aus dem Hut gezauberten Obermotz.

Aber grundsätzlich hat mir WONDER WOMAN ganz gut gefallen: Mit seinem historischen Hintergrund schlägt er wunderschön die Brücke zu den Ursprüngen der Superheldencomics, als sich Captain America und Konsorten bevorzugt mit Nazis rumprügelten. Die gibt es hier zwar nicht, aber zwischen den deutschen Kriegsverbrechern des Ersten Weltkriegs und den Schergen um den Führer besteht zumindest in diesem Film nur ein äußerst marginaler Unterschied. Sogar ein entstelltes wissenschaftliches Mastermind gibt es, die teuflisch-geniale Giftgaserfinderin Dr. Maru (Elena Anaya). Die Mischung aus Action, Fantasy und Humor funktioniert über weite Strecken sehr gut und daran, dass bei den Spezialeffekten die Devise herrscht „mehr ist mehr“ habe ich mich dann mittlerweile auch gewöhnt. WONDER WOMAN ist einer der besseren Filme die die Superheldenwelle hervorgebracht hat: Das macht ihn zwar nicht zu einem Meisterwerk, schon gar nicht zu einem, das den Eventmovie genderpolitisch revolutionieren wird, aber man kann gewiss darauf aufbauen. Was ich so gelesen habe, reißt JUSTICE LEAGUE mit dem Arsch aber wieder ein, was Jenkins hier aufgebaut hat …

Nach ERCOLE E LA REGINA DI LIDIA verabschiedete Steve Reeves sich von der Rolle des Herkules: Er hatte den Eindruck, dass er seinen Darbietungen nichts mehr hinzuzufügen hatte. Dem Peplum blieb er aber dennoch erhalten, zum Beispiel in den beiden SANDOKAN-Filmen von Umberto Lenzi, wie Leser meines kleinen Blogs wissen. Den dritten HERKULES-Film, LA VENDETTA DI ERCOLE, mit Mark Forest in der Titelrolle, konnte ich leider nicht in nicht Augenkrebs verursachender Qualität ausfindig machen, weshalb ich gleich zu Nummer vier springe: Bragaglias GLI AMORI DI ERCOLE, in dem Mickey Hargitay den Halbgott an der Seite seiner damaligen Gattin gibt, Busenwunder Jayne Mansfield.

Hargitay, der 1955 den Titel „Mr. Universum“ errungen hatte, bringt gegenüber dem holzfällerartigen Reeves eine jungenhaft-überschwängliche Qualität mit, die gut zu Bragaglias Film passt. Er beginnt mit der Ermordung von Herkules‘ Gattin durch den gemeinen Licos (Massimo Serato). Der Mann will Herkules‘ Zorn anstacheln, um in der Folge seine Königin Deianira (Jayne Mansfield) vom Thron zu stoßen und ihn selbst zu besteigen (den Thron, nicht Herkules). Zunächst bringt er dafür aber auch noch Deianiras Verlobten um und schiebt Herkules diesen Mord in die Schuhe. Der nimmt die Fährte des wahren Mörders auf, besiegt im Vorbeigehen einen dreiköpfigen Drachen und landet schließlich im Reich der Hexe Hippolyta (Jayne Mansfield), die ihm in Gestalt Deianiras den Kopf verdreht.

GLI AMORI DI ERCOLE geizt nicht mit Schauwerten, von denen der Drache natürlich der schönste ist: Gut, ein bisschen fühlt man sich an die Geisterbahn erinnert, wie das Monstrum da mit seinen Köpfen wackelt, mit den Augen rollt und mechanisch ein kleines Flämmchen spuckt, ohne wirklich von dem sich an ihm abarbeitenden Herkules Kenntnis zu nehmen. Aber dennoch muss man die Handarbeit, die in die Konstruktion des Drachen gegangen ist, honorieren. Wie ich überhaupt den oft gehörten Vorwurf, die Pepla seien „billig“ nicht so recht nachvollziehen mag: Der betriebene Aufwand ist ziemlich hoch, von den Kostümen bis hin zu den elaborierten Bauen und toll ausgestatteten Sets. Wem da nicht die Augen übergehen, dem ist eigentlich kaum zu helfen oder er ist von den maximal perfektionistischen, aber eben auch lebloseverdorbenn CGI schon. Wenn am Schluss dann auch noch ein behaarter Affenmann auftritt, ist das Glück eigentlich perfekt. Der tollste Einfall sind aber definitiv die verwunschenen Ex-Liebhaber von Hippolyta, die als knorrige Baumwesen ein trauriges Dasein auf einem Stück Ödland fristen und noch ein bisschen bluten, wenn man ihnen ein Ästlein abknickt.

Insgesamt wird die mit REGINA eingeschlagene Richtung von Bragalia mit AMORI fortgesetzt, was bedeutet, dass die zugrundeliegenden Mythen lediglich noch eine motivische Basis liefern, von der aus dann wild in alle möglichen Richtungen fantasiert wird. Interpretiert man Herkules‘ Gesichtsausdruck richtig, dann kann er selbst kaum glauben, was ihm da alles widerfährt und dem Zuschauer geht es ganz ähnlich. Ein beknackter Einfall reiht sich an den nächsten, das alles wird in quietschbunte Bilder mit ebensolchen Kostümen verpackt. Den Vogel schießt gewiss Leicos ab, dessen Frisur und lilafarbener Jumpsuit auch Eighties-Hardrock-Gniedelgöttern wie Yngwie Malmsteen oder Steve Vai gut zu Gesicht bzw. Schritt gestanden hätten, aber Herkules‘ meterbreite Lederhosenträger sind auch nicht verkehrt. Jayne Mansfield hat demgegenüber deutlich mehr an und ist vollends ausgelastet mit der Aufgabe, nicht vorn über zu fallen. Alles in allem eine sehr runde Sache.

Ich will hier nicht behaupten, dass es sich beim Vorgänger LE FATICHE DI ERCOLE um seriöses Historienkino handelt, aber mit diesem Sequel kehrt nun der Camp ein, den man mit dem Peplum gemeinhin assoziiert. Die englische Synchro, die für den ein oder anderen Schenkelklopfer sorgt, trägt gewiss ihren Teil dazu bei, aber auch so gibt es deutlich mehr zu schmunzeln als noch zuvor. Wenn Hercules (Steve Reeves) durch den Genuss verzauberten Quellwassers sein Gedächtnis verliert und fortan als fauler Lustsklave der nuttigen Omphale (Sylvia Lopez) in den Tag hineinlebt, sein verzweifelter Sidekick Odysseus (Gabriele Antonini) wie ein Flummi durch die Gegend hüpft, um seinen Kumpel von seinem Schicksal zu erlösen, dann ist das schon sehr putzig. Zumal Hercules in seinem roten hüftbetonten Minikleidchen wirklich herzallerliebst aussieht. Die schönste vollbärtige Dame, die ich je gesehen habe!

Mario Bavas Talent als Lichtmagier und Effektzauberer kommt ebenfalls deutlich mehr zum Tragen als in LE FATICHE, mit dem Ergebnis, dass ERCOLE E LA REGINA DI LIDIA auch mehr fürs Auge bietet, als der diesbezüglich eher erdfarbene Erstling. Der Höhlenpalast der titelgebenden Königin ist ein wunderbar kitschiger Hingucker und die Gruppenbilder, in denen leichtbeschürzte, bronzen glänzende Herren dekorativ im Sonnenuntergang stehen, möchte man sich gleich rahmen lassen und übers herzförmige Bett hängen. Mutete LE FATICHE immer etwas gebremst an, geht es hier in die Vollen und man hat den Eindruck, das jeder im ersten Teil vielleicht noch bestehende Anspruch, den literarischen Vorlagen halbwegs gerecht zu werden, hier beherzt in die Tonne getreten wird. Oder vielmehr besinnt sich Francisci auf das, was ich in meinem letzten Text angemerkt habe: In REGINA DI LIDIA wird alles, was der herzzerberstenden Emotion im Wege stehen könnte, merklich zurückgefahren.

Der Beleg: Auch wenn man das Drehbuch wieder als Fehlschlag verbuchen muss, ist es doch auffällig, dass es den Film überhaupt nicht anficht. Die Episode um Hercules‘ Gefangenschaft bei Königin Omphale ist eigentlich nur ein Subplot, der mit der eigentlichen Geschichte – einem Bruderkampf um die Herrschaft über Hercules‘ Heimatstadt Theben – rein gar nichts zu tun hat und einer reinen Verzögerungstaktik gleichkommt,  aber gut dreimal so viel Laufzeit einnimmt. Was aus künstlerischer Sicht streng genommen ein Offenbarungseid ist, fungiert hier als Beleg dafür, dass Francisci verstanden hat, worauf es ankommt: Denn natürlich ist es ein kluger Schachzug, sich ganz auf das sadomasochistische Treiben von Omphale zu konzentrieren, die ihre abgelegten Liebschaften in Stauen zu verwandeln pflegt, und Hercules‘ Ringen um die eigene Virilität. Wer interessiert sich da schon für den albernen Schwanzvergleich zweier Deppen mit Topfhaarschnitt?

Manche Filme lösen mit ihrem Erfolg eine Welle ähnlich gelagerter Nachzieher aus. Ihr Einfluss kann dabei sehr offensichtlich sein (siehe das Slasherkino) oder sich eher mikrostrukturell in der Übernahme bestimmter Stilistika niederschlagen (vergleiche die zahllosen Tarantino-Klone). Betrachtet man vor allem das aktuelle Kinogeschehen, kann man sehr schnell zu dem deprimierenden Schluss kommen, dass es eigentlich überhaupt keine originellen Ideen mehr gibt und alles dem Beispiel eines bereits existierenden Werkes folgt, das seine Zugkraft an der Kasse unter Beweis gestellt hat und deswegen nachgeahmt wird. Diese Trends bewegen sich aber meist in einem bereits abgesteckten Rahmen, so wie das Slasherkino ein Subgenre des Horrorfilms ist oder die vor kurzem angesagten YA-Dystopien dem Muster des dystopischen Science-Fiction-Films folgten. Nur noch wenige Filme werden heute noch so irrsinnig einflussreich, wie es Pietro Franciscis LA FATICHE DI ERCOLE für das italienische (und europäische) populäre Kino seinerzeit war: Zu schnell werden Trends heute vom nächsten abgelöst, ist die Geduld des Publikums aufgebraucht, dürstet es nach der nächsten Sensation. Aber damals gründete sich auf dem Erfolg von Franciscis Film ein kleines sandalentragendes Filmimperium.

Das sogenannte Peplum (benannt nach einem antiken Kleidungsstück) bzw. der Sandalenfilm, den Francisci wenn schon nicht erfand, so doch als international bekanntes, kommerziell erfolgreiches Genre reanimierte , ging zweifellos auf den Abenteuer- bzw. Monumentalfilm mit historischem Einschlag zurück, wie er in den USA mit großem finanziellen Aufwand produziert wurde und auch in Italien bereits auf eine ca. lange Tradition zurückblicken konnte (Maciste war schon vor dem Ersten Weltkrieg Star einer eigenen Stummfilmreihe gewesen, die ihn allerdings auch in kontemporären Settings zeigte, und kurz vor LE FATICHE DI ERCOLE lockten ähnlich gelagerte Titel wie Leones IL COLOSSO DI RODI oder Mario Camerinis ULISSE die Menschen ins Kino), entwickelte sich aber innerhalb der ungefähr sieben, acht Jahre seiner größten Popularität zu einem eigenständigen, umfangreichen Genre, das von einzelnen Versuchen einmal abgesehen, bis heute vergeblich auf ein groß angelegtes Comeback wartet. Vielleicht ist das ganz gut so, denn für viele – den Autor eingeschlossen – dürfte der Sandalenfilm eng mit der eigenen, kindlichen Filmsozialisation verwoben und deshalb untrennbar mit einer bestimmten Ästhetik und Textur verbunden sein, die sich heute nicht ohne Weiteres wiederherstellen lässt. Selbst wenn ein neues Abenteuer von Herkules und Konsorten über die Leinwände flimmert, wie zuletzt etwa Renny Harlins THE LEGEND OF HERCULES oder Brett Ratners HERCULES, vergleicht man es doch weniger mit den italienischen Klassikern von einst als mit vergleichbaren US-amerikanischen Monumental- und Fantasyepen.

Man darf spekulieren, inweiweit Franciscis Film mit seinem Besetzungscoup in der Hauptrolle nicht sogar eine globale filmische Entwicklung mitanschob, die heute noch in voller Blüte steht. Ich behaupte: Der Actionfilm sähe ohne LE FATICHE DI ERCOLE und seine Nachzieher anders aus. Mit den Filmen um mythische Helden und Götter wuchs der Bedarf für muskelbepackte Darsteller, die dann meist außerhalb der eigenen Branche in den Bodybuilding-Studios und Sportarenen rekrutiert wurden. Der Erfolg von Leuten wie Steve Reeves, Mark Forest, Mickey Hargitay, Brad Harris, Reg Park oder Alan Steel ebnete den Weg für all die Schwarzeneggers (der ja selbst mal den Herkules spielte), Ferrignos (ebenfalls mit eigenem HERCULES), Lundgrens, Van Dammes, Norrisse, Dwayne Johnsons, Roddy Pipers, Hulk Hogans, Reb Browns und zahllose weitere, die als Quereinsteiger vom Sport zum Film fanden und nicht aufgrund ihrer mimischen Qualitäten, sondern ihrer beeindruckenden Physis zu Stars wurden. Und natürlich erinnern Hercules und Konsorten mit ihren übermenschlichen Fähigkeiten, den gefährlichen Missionen und fantasievollen Gegnern auch an die Superhelden, die zu Beginn der 2000er den Sprung vom Comic auf die Leinwand schafften und seitdem einen unvergleichlichen Siegeszug hinter sich gebracht haben.

Vielleicht ist der Sandalenfilm auch das Genre, mit dessen Erfolg die italienische Filmindustrie entdeckte, was unter dem Gütesiegel „Made in Italy“ wirklich möglich war. Hätte es den Italowestern, eine italienische Bastardisierung eines uramerikanischen Genres, jemals gegeben, wenn die Menschen sich nicht weltweit für die italienischen Versionen antiker Geschichten interessiert hätten? Wären der italienische Grusel-, Polizei-, Zombie-, Kannibalen- und Endzeitfilm jemals das geworden, was sie in den Augen zahlloser Filmbegeisterter heute sind? Der Sandalenfilm scheint mir in dieser Hinsicht zumindest auf einen flüchtigen Blick ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg hin zur für die Kommerzialisierung unumgänglichen Segmentierung in zielgruppenfreundliche Genres zu sein. Bis dahin war alles noch Abenteuerfilm gewesen, plötzlich bildeten sich eigene Subgenres heraus, mit eigenen Motiven und festen Regeln, die jeweils ein eigenes Publikum zogen, das ziemlich genau wusste, was es zu erwarten hatte.

Wie auch beim Giallo, dessen Begriff in seinem Ursprungsland Italien weitaus weniger eng gefasst wird als im Ausland, das damit eine ganz spezielle Spielart des italienischen Thrillers bezeichnet, ist auch der Begriff des Peplums streng genommen synonym zu unserem „Abenteuer-„, „Monumental-“ oder „Historienfilm“ zu verstehen. Neben den Filmen um Hercules, Maciste, Ursus, Samson oder Goliath, die wir als „Sandalenfilme“ bezeichnen, gehören also auch unzählige weitere Titel zu ihm, die wir nicht unbedingt mit dieser Bezeichnung verbinden. Das liegt gewiss auch daran, dass man sich als internationaler Filmseher nicht unbedingt nach Italien wenden musste, wenn man einen Piraten- oder Ritterfilm sehen wollte. Aber diese bunten Vehikel um muskulöse griechische Halbgötter, die drehte man eben nirgendwo anders auf der Welt. Und so konnte Franciscis ERCOLE E LA REGINA DI LIDIA, das Sequel zu LA FATICHE DIE ERCOLE, in den USA (unter dem Titel HERCULES UNCHAINED) zu einem der großen Kassenschlager seines Jahres avancieren, das sogar Hitchcocks großes Meisterwerk VERTIGO in der Gunst des Publikums hinter sich ließ.

Wie das Sequel die US-amerikanischen Kinogänger so begeistern konnte, wird vielleicht mein nächster Eintrag klären. Die Horizontverschiebung um schlappe 60 Jahre fällt aber nicht eben leicht. Im Falle von LE FATICHE DI ERCOLE lässt sich noch Optimierungsbedarf feststellen: Francisci nimmt seinen Stoff erstaunlich ernst, selbst wenn da im Drehbuch alle griechischen Mythen, die nicht bei drei auf dem Baum waren, bunt durcheinandergequirlt werden. Hercules (Steve Reeves) rettet die schöne Prinzessin Iole (Sylvia Koscina) und folgt ihr nach Iolcus, wo ihr Vater, König Pelias (Ivo Garrani), den Muskelmann unter seine Fittiche nimmt. Nach diversen Heldentaten geht Hercules mit Jason und den Argonauten auf Seefahrt, um das Goldene Vlies wiederzufinden. Auf ihrem Weg landen die Männer auf einer von Amazonen bewohnten Insel und kurz vor Schluss muss ein Dinosaurier besiegt werden, das das Vlies bewacht. Nebenbei bringt der Halbgott auch Odysseus das Bogenschießen bei.

LE FATICHE DI ERCOLE hat jede Menge Handlung abzuwickeln und gerät darüber mitunter etwas ermüdend. Man vermisst als Zuschauer die Klarheit darüber, wohin es eigentlich gehen soll und viele der kleineren Episoden sind schon wieder vorbei, kaum dass sie begonnen haben. Eigentlich nimmt Franciscis Film erst so richtig Fahrt auf, als Hercules mit den Argonauten in See sticht. Wunderbar ist hingegen die visuelle Seite des Films. Auch wenn die Pepla vielleicht mit den großen Monumentalfilmen aus Hollywood nicht mithalten können, so muss einem doch das Herz aufgehen, wenn man den Aufwand betrachtet, der hier betrieben wurde. Kulissenbauer und Requisiteure haben wahrscheinlich Blut und Wasser geschwitzt, um das antike Griechenland auf der Leinwand auferstehen zu lassen und wer sich dafür nicht erwärmen kann, der hat mein Mitgefühl.

LE FATICHE DI ERCOLE ist im Grunde seines Herzens weniger Kino der Attraktionen als der Emotionen. Alles ist hier an die Oberfläche gebrachtes Gefühl, man hört das förmlich das leidenschaftliche Tosen, das hier alle erfasst, sich in Handlungen niederschlägt, aber eben auch in grandiosen Bauten, farbenprächtigen Bildern, schnaufenden Kreaturen, gerunzelten Brauen, wehenden Vorhängen und einem Score, der betört wie der Gesang der Sirenen. Lichtsetzung und visuelle Effekte stammen vom großen Mario Bava und man sieht sofort, bei welchen Szenen er seine geschickten Meisterhände im Spiel hatte. Schade eben, dass das Drehbuch dem Film eher im Weg steht, ihn mit der lästigen Pflicht schlägt, einen labyrinthischen Plot abzuwickeln, den nun wirklich keiner braucht, anstatt ihn einfach von der Kette zu lassen und sich ganz dem Überschwang hinzugeben. Vielleicht kommt das ja noch, vielleicht musste der Peplum erst den apollinischen Drang nach Ordnung überwinden, um sich dem dionysischen Rausch hingeben zu können.