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Es hat nicht sollen sein: So beliebt Guillermo del Toros HELLBOY und das Sequel HELLBOY II: THE GOLDEN ARMY auch waren, so sehr der Regisseur für den Film gekämpft und Ron Perlman sich für einen dritten Teil del Toros stark gemacht hatte, am Ende war es unmöglich, den Film, der den beiden vorschwebte, zu finanzieren. Wie dieser Artikel zusammenfasst, war letztlich eine Gemengelage aus dem nur mittelprächtigen Erfolg der ersten beiden Filme sowie ein seitdem drastisch veränderter Markt ausschlaggebend für das Aus. Dennoch kam in diesem Jahr einen neuer Film in die Kinos, ein Kompromiss sozusagen: Mit einem Budget von 50 Millionen Dollar noch nicht einmal halb so aufwändig, wie der dritte Teil von del Toro es gewesen wäre, geht dem „Reboot“ die Epik und Grandezza von del Toros Adaptionen der Comics von Mike Mignola weitestgehend ab. Es handelt sich um einen kurzweiligen Genrefilm, vollgepackt mit CGI, Gags und überraschend derben Splattereffekten, der weniger in klassisches Storytelling verliebte Freunde der bildgewaltigen Fantastik anspricht als vielmehr verschrobene Comicnerds mit Bierdurst. Das Urteil der Kritik, die nur einen Vergleich kannte, war ziemlich verheerend, das Einspielergebnis kaum weniger. Ich würde mir trotzdem mehr Filme dieser Art wünschen und behaupte, dass HELLBOY weitaus besser ist als sein Ruf.

Die Story ist letztlich unerheblich und liefert nur Vorwand für eine Reihe fantastischer Set-Pieces und Actionsequenzen: Die im Mittelalter von niemand Geringerem als König Artus (Mark Stanley) hingerichtete „Blood Queen“, eine böse Hexe namens Nimue (Milla Jovovich), soll in der Gegenwart zu neuem Leben erweckt werden, um die Apokalypse einzuleiten, Hellboy (David Harbour) dieses verhindern. Der Weg dahin führt durch zahlreiche Episoden, in denen der muskelbepackte, aber depressive Sohn des Teufels es unter anderem mit einem als Luchador verkleidetem Vampir, einem alten Geheimbund, drei Riesen, einem zweibeinigen Wildschwein und der Hexe Baba Yaga zu tun bekommt und nebenbei herausfindet, dass sein Ziehvater (Ian McShane) ursprünglich den Auftrag hatte, ihn zu töten. Das Tempo ist halsbrecherisch, keine Minute wird verschwendet, keiner Idee die Zeit gegeben, langsam zu reifen, der Zuschauer stattdessen im Fünfminutentakt mit Attraktionen befeuert, was der ganzen Unternehmung den Anstrich einer Last-Minute-Verzweiflungstat gibt. Angeblich gab es Streit zwischen Regisseur Neil Marshall und den Produzenten und es erscheint nicht gänzlich unwahrscheinlich, dass unterwegs einiges an Material auf der Strecke blieb, trotzdem macht HELLBOY keinen inkohärenten, lediglich einen ungeduldigen Eindruck.

Insgesamt ist dieser neue HELLBOY flüchtiger, er erhebt keinen Anspruch darauf, auch in zehn Jahren noch geschaut und verehrt zu werden. Der Soundtrack ist bis zum Rand vollgestopft mit Pop- und Rocksongs, Referenzen auf Uber und Twitter verorten den Film sofort in unserer Zeit, David Harbour läuft als One-Liner-Maschine durch den Film. Sein Hellboy hat nicht die Autorität, die Ron Perlman ihm verlieh, aber das gereicht der Figur nicht unbedingt zum Nachteil: Das depressive Slackertum verkörpert Harbour vielleicht sogar besser. Was letztlich aber in erster Linie bei der Stange hält – neben der Tatsache, dass sowieso nichts lange genug andauert, um einen wirklich schlechten Eindruck zu hinterlassen -, ist die schiere Menge an schrägen Einfällen, bizarren Monstren und dann Mignolas Schöpfung allgemein. Wie schon del Toro deutet auch Marshall immer wieder einen reichen Fundus an zurückliegenden Abenteuern, Feinden und Verbündeten an, von denen man gern mehr sehen würde. Diese immer mitzählte Backstory füllt den Film mit jenem Leben, für das er sich selbst kaum die Zeit gönnt.

HELLBOY wurde sichtlich mit dem Vorhaben produziert, der Startschuss für eine ganze Reihe von Filmen zu sein: Nicht nur der in MCU-Zeiten obligatorischen Mid-Credit-Sequenz-Teaser macht das deutlich Und ich finde es tatsächlich ziemlich schade, dass daraus nichts wird, selbst wenn dieser HELLBOY gewiss kein Film für die Ewigkeit, sondern lediglich ein bunter Timewaster ist. Der Film ging an den Kinokassen so krass baden, dass es mich doch sehr verwundern würde, wenn sich ein Geldgeber fände, der hier noch einmal sein Geld versenken möchte. Dabei gäbe es noch so viel zu erzählen. Und dass dieser Hellboy natürlich hundert Mal interessanter ist als der x-te kostümierte Superheld darüber müssen wir ja nicht wirklich diskutieren.

Etwa zur Halbzeit von Guillermo del Toros Oscar-prämiertem THE SHAPE OF WATER gibt es eine eigentlich wenig spektakuläre Szene in der Giles (Richard Jenkins), der väterliche Freund der stummen Protagonistin Elisa (Sally Hawkins), während eines Gesprächs zärtlich die Hand des Inhabers des Franchise-Cafés berührt, in dem er täglich seinen Key Lime Pie zu sich nimmt. Die sexuelle Orientierung Giles‘ war bis zu diesem Zeitpunkt kein Thema gewesen, aber plötzlich wird klar, warum der tagtäglich dieses Geschäft aufsucht, dessen Kuchen doch von eher zweifelhafter Qualität ist. Der bis dahin freundliche Inhaber weist Giles Avance daraufhin barsch zurück, erteilt dem freundlichen älteren Herrn zu allem Überfluss auch noch Hausverbot. „So jemanden bedienen wir hier nicht!“, schimpft er. Als wäre das noch nicht genug, wagt ein schwarzes Ehepaar im selben Moment, sich an der Theke des Etablissements niederzulassen. „Die Theke ist nicht für euch“, blafft der Mann sie an. Auch wenn diese Szene etwas überdeutlich sein mag: Es war für mich der Moment, in dem mir klar wurde, worauf del Toro mit seiner fantastischen Liebesgeschichte hinauswill, die für mich bis dahin zwar anmutig, aber auch etwas ziellos im luftleeren Raum schwebte.

THE SHAPE OF WATER hat eine recht wechselhafte Rezeptionsgeschichte hinter sich, zumindest, wenn ich meine eigene Social-Media-Filterbubble als Indiz nehmen kann: Die Vorfreude über einen neuen, fantastischen del Toro, der zudem deutlich vom HELLBOY-Fischmenschen Abe Sapien inspiriert war, wich nach dessen Start einem doch eher verhaltenen „okay“ und dann der Verwunderung darüber, dass ausgerechnet dieser Film des Mexikaners mit einem Oscar bedacht worden war. Klar, wie fast immer bei del Toro sei auch THE SHAPE OF WATER wieder sehr schön und geschmackvoll, aber irgendwie setzte sich die Ansicht durch, dass es gern etwas weniger Hollywood-Kitsch hätte sein dürfen. Tatsächlich bestätigte der Film zunächst meine entsprechenden Befürchtungen, wobei ich die Hauptschuld hier vor allem dem Komponisten Alexandre Desplat in die Schuhe schieben möchte, dessen Akkordeon-unterstützter Score in Verbindung mit der dunklen, in Gold und Grüntönen gehaltenen musealen Bilderwelt des Films und seiner stummen, elfenhaften Hauptfigur schlimmste Assoziationen zum Ausstattungskino von Jeunet und hier natürlich vor allem LE FABULEUX DESTIN D’AMÉLIE POULAIN hervorrief (einen Film, den ich seinerzeit großartig fand, aber heute meide wie der Teufel das Weihwasser). Die ganze Exposition ist eine Nummer zu schön und lieblich, zu gediegen und selbstverliebt und der Film scheint weniger in einer konkreten Zeit verortet als in einer Kunstwelt, die aussieht, als hätten sich Art Déco, Steampunk und Gothik mit Blattgold bestäubt, umarmt und es sich an Weihnachten unter einer Kuscheldecke vor dem Kamin gemütlich gemacht. Die Protagonistin kompensiert ihre Stummheit durch extraweit aufgerissene dunkle Kulleraugen, ihr Freund malt nostalgische Werbeanzeigen, die von den Bossen als „nicht zeitgemäß“ abgelehnt werden, ihre Appartements sind so dekorativ-liebenswert unaufgeräumt und heruntergekommen, wie es nur ein Innenarchitekt mit der Hilfe eines ausgewachsenen Stylistin-Teams hinbekommt, und der Bösewicht (Michael Shannon) schwitzt evilness und Niedertracht aus jeder Pore. Märchen sind gewiss nicht für ihre Subtilität bekannt, aber del Toro trägt wirklich extrem dick auf. Und dazu orgelt Desplats Akkordeon seine verträumte Melodie …

Aber wie ich schon sagte, findet THE SHAPE OF WATER zu sich, nachdem del Toro seine Exposition abgewickelt hat: Es wird etwa ziemlich deutlich, dass der Film nicht in einer aus hübschen Versatzstücken zusammengesetzten Pastiche-Welt spielt, sondern in einer sehr konkreten Zeit, an einem sehr konkreten Ort, nämlich in den USA der frühen Sechzigerjahre. Dass er außerdem mit seiner Fischmenschen-Liebesgeschichte sehr deutlich Bezug nimmt auf THE CREATURE FROM THE BLACK LAGOON und den Fünfzigerjahre-Monsterfilm, dessen Fortschritts- und Wissenschaftsskepsis er zugunsten einer universalen Toleranz-Geschichte verwirft, die ihre historisch-soziale Spiegelung in dem oben beschriebenen homophob-rassistischen Ausbruch des Kuchenverkäufers findet. Dass THE SHAPE OF WATER zwar nicht den Anspruch erhebt, ein Historienfilm zu sein, ihm die Spannungen des damals noch tobenden Kalten Krieges aber trotzdem nicht bloß als austauschbare Kulisse dienen. Vielleicht sage ich kurz zwei Takte zum Inhalt. für die, die den Film noch nicht gesehen haben: In einer militärischen Forschungsstation – in der die Protagonistin Elisa als Putzfrau arbeitet – wird ein in Südamerika gefangener Fischmensch untersucht. Der Wissenschaftler Hoffstetler (Michael Stuhlbarg), eigentlich ein russischer Spion, leitet die Forschungsarbeiten unter dem brutalen Richard Strickland (Michael Shannon), der keinerlei Mitgefühl für oder auch nur Interesse an der mysteriösen Kreatur hat, sondern nur seinen Auftrag zu Ende bringen will: Das US-Militär hofft nämlich darauf, dass sich das Wesen für seine Zwecke ausschlachten ließe. Und die Russen wollen das Gleiche: Oder aber wenigstens den Tod des Fischmannes sicherstellen, damit der Feind nicht von Wissen profitiert, dass die Russen selbst nicht erlangen können. Dem machtpolitischen Schwanzvergleich kommt Elisa in die Quere, als sie in dem Fischmann erst einen Freund und Seelenverwandten, dann sogar einen Geliebten findet und beschließt, ihn zu befreien, um ihn vor Schlimmerem zu bewahren.

Die Liebesgeschichte nimmt einen überraschend bizarren Verlauf, als del Toro – zwar nicht explizit, aber doch unmissverständlich – Rassengrenzen überschreitenden Sex inkludiert, anstatt die Liebe seiner beiden Protagonisten ganz auf der platonischen Ebene verharren zu lassen. Aber es ist eben auch diese Konsequenz, die den Film von jenen Wischiwaschi-Feelgood-Date-Movies abhebt, denen er in der ersten halben Stunde noch recht nahezustehen scheint: Toleranz und Empathie sind in THE SHAPE OF WATER nicht kompromissfähig: Sie sind oder sie sind nicht. Das ist auch die Bedeutung des Titels: So wie Wasser eben keine feste Form hat, sondern jeden Raum ausfüllt, der ihm gegeben wird, verhält es sich auch mit der Liebe Elisas, die auch vor einem Fischmenschen nicht halt macht, ihn als absolut gleichwertig und gleichberechtigt betrachtet. Seinen Tod hinzunehmen, nicht einmal zu versuchen, ihn zu verhindern, ist für sie gleichbedeutend mit Selbstmord. Ihr stehen die Militärs gegenüber, Menschen, die nur in ihren eigenen, engen Begriffen denken können, alles der Frage nach Nutzbarkeit und Effizienz unterwerfen, ohne Blick für Schönheit, Spiritualität oder Transzendenz. Und del Toro findet dafür immer wieder schöne Bilder: wie Strickland etwa den durchschaubaren Heilsversprechen eines Autoverkäufers erliegt, nur ein Cadillac sei einem Mann seiner Statur und seines gesellschaftlichen Rangs angemessen (auf der Jungfernfahrt wird er dann von ein paar Teenies überholt, die den gleichen Wagen fahren); in seinem todernsten, fast heiligen Bekenntnis zu Lutschbonbons, die zwar nicht so aufregend wie andere Süßigkeiten seien, aber ihm dennoch am besten schmeckten; darin, wie er freihändig pisst und seine Philosophie formuliert, dass ein echter Mann die Hände entweder vorher oder nachher wasche aber nie davor und danach, weil das ein Zeichen von Schwäche sei (er wäscht sie davor); wie er über den Verlust und den Rückgewinn zweier Finger spricht – und wie er Elisa und ihre Kollegin Zelda (Octavia Spencer) schließlich als „pisswipers“ beleidigt. Strickland ist ein Mann unverrückbarer Prinzipien, ein Mann, der es zu einer Kunstform erhoben hat, überall Grenzen und Wände zu errichten, Taxonomien zu erheben und Regeln aufzustellen, die es nahezu unmöglich machen, ihnen annähernd gerecht zu werden: Jeder, der nicht in dieses rigide System passt, ist ein Schwächling. Aber obwohl dieser Strickland ein Kotzbrocken ist, wie er im Buche steht, bekommt auch er das Mitgefühl del Toros: Sein Vorgesetzter (Nick Searcy) zerstört ihn förmlich, als der Fischmensch aus seiner Obhut verschwindet. Er setzt ihm unmissverständlich auseinander, dass er ein Versager und seine militärische Laufbahn mithin zu Ende sei, dass dieses Ende außerdem gleichbedeutend mit der Auslöschung jeder Aussicht auf eine bedeutsame Existenz ist. Jenseits des Militärs sind alle Menschen nur noch Mikroben, unwertes Ungeziefer, das nur aufgrund von Mitleid oder aber Gleichgültigkeit lebt. Als Zuschauer ahnt man, was dieses Urteil für einen Mann wie Strickland bedeuten muss: Es gleicht seiner Kastration, ihm wird alles genommen, worüber er sich definierte, ohne dass ihm auch nur eine zweite Chance zuteil würde. Das ist natürlich nur gerecht, weil auch Strickland niemals Gnade walten ließ, aber in einem Film über Toleranz und Nächstenliebe ist Schadenfreude nun einmal fehl am Platze.

 

 

Beim Sommer-Wunschfilm-Special bei Pelle im BaLi stimmte die überwältigende Mehrheit für diesen Horror-Komödien-Fantasy-Road-Movie-Hybrid, den der Niederländer Ate de Jong nach DROP DEAD FRED mit kleinem Budget, aber beachtlicher Besetzung im Jahr 1991 inszenieren durfte. HIGHWAY TO HELL erhielt hierzulande tatsächlich einen Kinostart und wurde auch recht positiv rezipiert, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. Zwar ist er durch und durch derivativ, von allen möglichen Vorbildern inspiriert, um nicht zu sagen zusammengeklaut, aber wie er die einzelnen Versatzstücke zusammenfügt ist dann doch recht eigenständig und originell. Mit dem Abstand von knapp 30 Jahren überrascht vor allem die Besetzung, die mit vielen damals bekannten oder erst noch bekannt werdenden Gesichtern aufwartet: Es tummeln sich Ben, Amy und Jerry Stiller, Gilbert Gottfried, Richard Farnsworth, Lisa Ford und Kevin Peter Hall, den deutlich von Freddy Krueger und dem T-1000 inspirierten Höllen-Cop gibt One-Time-Jason-Darsteller C. J. Graham. Eindruck machte damals sicher auch die fantasie- und liebevolle visuelle Gestaltung mit ihren unzähligen visuellen und Make-up-Effekten und der beeindruckenden Kulisse des Originalschauplatzes Nevada: Es wird viel fürs Auge geboten und die meisten Spezialeffekte funktionieren auch heute noch ganz gut. Brian PAYBACK Helgeland, der das Drehbuch schrieb, gab sich ganz augenscheinlich große Mühe, eine mit Anleihen bei der großen Epik – Pate für die Geschichte stand augenscheinlich „Orpheus und Eurydike“ – ausgestattete, turbulente Geschichte zu erzählen, die de Jong dann zum großen Entertainment-Paket schnürte, in dem für jeden Geschmack was drin ist – Witz, Action, Horror, Romantik, Phantastik. So weit, so gut.

Leider funktioniert HIGHWAY TO HELL für mich überhaupt nicht. Ich finde den Film durchaus sympathisch in seinem Bemühen, etwas Eigenes zu machen, dabei auf „handgemachte“ Effekte, aufwändige Set-Designs und eine ansprechende visuelle Gestaltung zu setzen, aber am Ende fällt mir zur Beschreibung des Ganzen vor allem die Floskel „gewollt, aber nicht gekonnt“ ein. HIGHWAY TO HELL geriet für mich recht schnell zur langweiligen bis nervtötenden Nummernrevue, der vor allem das für eine solche Geschichte so wichtige Gespür fürs Timing vollkommen abgeht. Spannung kommt zu keiner Sekunde auf, auch weil Robs Bruder Chad zwar ganz niedlich, aber als Protagonist, mit dem man mitfiebern soll, einfach viel zu blass ist, seine Liebe zu seiner vom Höllenfürsten entführten Perle nie mit dem notwendigen Leben gefüllt wird. Seine fieberhafte Reise in die Hölle sollte der Stoff für eine mitreißende Heldengeschichte sein, in der es darum geht, unbezwingbare Herausforderungen zu meistern und sich mit dem Mute der Verzweiflung dem Leibhaftigen höchstselbst entgegenzustellen, aber de Jong macht aus dieser epischen Story einen totalen Kindergeburtstag, bei dem man nie das Gefühl hat, dass wirklich etwas auf dem Spiel steht. (Wie man den Teufel mit Pfannkuchengesicht Patrick Bergin besetzen und ihn so jeder Bedrohlichkeit berauben kann, ist ein zusätzliches Geheimnis, das wahrscheinlich nie gelüftet werden wird.) Auch die Versuche in Humor fand ich eher kläglich: Das mag auch der suboptimalen deutschen Synchro geschuldet sein, wenn ich mir aber die Grimassiererei von Ben Stiller in seinem Kurzauftritt anschaue, vermute ich eher, dass sie sich dem Niveau ganz gut anpasst. HIGHWAY TO HELL ist vom Ton her bunt bis hysterisch, der Film hat etwas musicalhaft Künstliches und ihm gehen sowohl Eleganz als auch jegliche sophistication total ab. Der Film greift nach den Sternen, aber die Arme sind deutlich zu kurz.

So bleibt unterm Strich ein „gut gemeinter“, in seiner Anlage aus dem Gros des zeitgenössischen Horrorfilms herausstechender Film, den man sich mal angucken kann, der aber vor allem schmerzhaft deutlich macht, wie viele Ressourcen hier verschwendet wurden. Schade.

Vorab: Dem des Superhelden-Films weitestgehend überdrüssigen Marvel-Skeptiker, den das breite Oeuvre in seiner ganzen Fantasielosigkeit zuletzt vor allem ernüchtert und enttäuscht hat, hat BLACK PANTHER tatsächlich ganz gut gefallen, nicht zuletzt, weil man ihn als alleinstehendes Werk betrachten und seine Verbindung zum Rest über weite Strecken ausblenden kann. Wenn ich meine Seherfahrung aber mit den vor Superlativen triefenden Lobeshymnen abgleiche, die zum Start des Films zu lesen waren und ihn in den Rang eines politischen Manifests erhoben, kann ich trotzdem nur den Kopf schütteln. (Ich gebe zu: Bei WONDER WOMAN habe ich die Stimmen, die in dem Film einen feministischen Befreiungsschlag sahen, noch verteidigt, wohl auch, weil mich die überwiegend männlichen Gegenredner und ihre Argumente annervten.) Dabei will ich gar nicht in Abrede stellen, dass BLACK PANTHER darin, eine explizit afrozentrische Haltung innerhalb eines großbudgetierten Eventmovies zu implementieren, durchaus außergewöhnlich, vielleicht gar bemerkens- und lobenswert ist.

BLACK PANTHER spielt im afrikanischen Wakanda, einem Staat, der dank des Rohstoffs Vibranium zu überlegener Technologie gelangt ist. Anstatt seine Vormachtstellung allerdings nach außen zu tragen oder mit Vibranium zu handeln, halten die Wakander ihre Errungenschaften geheim und verstecken sich hinter der Fassade eines Dritte-Welt-Staates. Sie wollen mit den Konflikten in der Welt nichts zu tun haben. Mit dieser selbstauferlegten Sonderrolle ist es aber vorbei, als Eric Kilmonger (Michael B. Jordan) den neuen König T’Challa (Chadwick Boseman) vom Thron stößt. Kilmongers Vater wurde einst als Verräter von T’Challas Vater, dem damals amtierenden König, ermordet, und Eric als ausgestoßener Waise zurückgelassen, was ihn dann zu einer Laufbahn als hochqualifizierter und effizienter Mörder brachte. Er will Wakanda zur militärischen Macht aufbauen.

Fast alle handelnden Charaktere von BLACK PANTHER sind Schwarze und der Film spielt bis auf einige wenige Szenen in Wakanda, einem Staat der afrikanische Kultur und utopistische Hightech-Elemente harmonisch vereint. Mehr noch: Es wird suggeriert, dass die technischen Errungenschaften des fiktiven Staates in der Lage sind, viele Probleme, mit denen wir uns heute weltweit herumplagen, zu lösen. Afrikas einzigartige Bedeutung als „Wiege des Lebens“ findet ihre konsequente Fortsetzung: Wenn die Erde weiterexistieren soll, muss Afrika in Vertretung der Wakandaner mit leuchtendem Vorbild voranschreiten. Der Spiritualismus und die Naturverbundenheit der Wakandaner werden nicht lediglich als liebenswerte Marotte zum Ethnokitsch für Hippies verbrämt, sondern als philosophische Konzepte Ernst genommen und zur Grundlage einer modernen Zivilisation gemacht, die sich vor der westlichen Welt nicht nur nicht verstecken muss, sondern dieser klar überlegen ist. Das ist auch innerhalb des von weißen Heilsbringern dominierten Marvel Universums keine Selbstverständlichkeit und noch weniger, wenn man sich den restlichen Auswurf Hollywoods anschaut. Auch politisch ist BLACK PANTHER überraschend differenziert und hebt sich wohltuend vom mitunter unangenehmen Militarismus der anderen Marvelfilme ab: Die Bedrohung, die Kilmonger darstellt, ist gewissermaßen hausgemacht, der Staatsfeind ein Opfer einer Politik, die rein utilitaristisch denkt, ohne jede Rücksicht auf den Einzelnen. Er ist einer der sympathischsten und tragischsten Schurken der letzten Jahre und sein unausweichlicher Tod am Ende fühlt sich keineswegs wie ein Triumph an. Die Parallelen zu Bin Laden sind ebenso unverkennbar wie die expliziten Seitenhiebe gegen Trump und seine Politik der Spaltung und des Mauerbaus.

So wohltuend diese Ansichten im Rahmen eines solchen Filmes aber auch sind: Als Ganzes ist BLACK PANTHER, so wie alle Filme des MCU, maximal nett. Weil er ja doch wieder nur ein Baustein in einem deutlich größeren Ganzen sein darf, die genannten Aspekte nicht mehr als Details, die in der Gesamtkomposition den Status von Gimmicks einnehmen, beraubt er sich auch der Durchschlagskraft, die er als konzentriertes Einzelwerk hätte entfalten können. Und als großer Eventfilm hat BLACK PANTHER darüber hinaus wie alle Marvelfilme das Problem, viel zu viel Exposition abwickeln zu müssen: Die zwei, drei Action-Set-Pieces sind großzügig über den ganzen Film verteilt, dazwischen wirkt auch BLACK PANTHER viel zu oft wie eine Soap-Opera-Episode mit seinen endlosen Dialogen vor detailfreudigen, aber immer auch etwas leblosen Green-Screen-Backgrounds und seiner aufgeblasenen Quatschgeschichte. Cooglers Film profitiert immens von seinem ausgefallenen Setting, mit dem er sich von den recht gleichförmigen Partnerfilmen deutlich abhebt, sowie einigen klugen Drehbuchkniffen, aber er weist eben auch alle Schwächen und Mängel auf, mit denen alle MCU-Beiträge bisher zu kämpfen hatten.

Unterwassermenschen, die zwischen dekorativ umherschwimmenden Haien, Walen und Rochen mit wallenden Haaren Dialoge über den legitimen König des untergegangenen Reichs Atlantis schwadronieren. Armeen, die wahlweise auf Riesenseepferdchen oder gepanzerten Haien in die Schlacht reiten. Eine Meerjungfrau mit tomatenroten Haaren, die mit ihren Händen das Wasser aus lebenden Körpern saugen kann. Eine bis auf den letzten Platz mit begeistert grölenden Zuschauern besetzte Unterwasserarena über einem gewaltigen, mit Lava gefülltem Krater. Ein Oktopus, der dazu Schlagzeu spielt. Bilder der vergangenen Riesenzivilisation Atlantis, deren Hybris zum Untergang führte, nachdem ihre Bewohner glücklicherweise die Möglichkeit eines neuen Lebens fanden. Ein mit atlantischer Supertechnologie ausgestatter Rächer namens Black Manta. Temuera Morrison als neuenglischer Leuchtturmwächter, Nicole Kidman als Meereskönigin, die sich in ihn verliebt, Dolph Lundgren als aquatisches Gegenstück zu Odin, Willem Dafoe mit Dutt. Und dazwischen ein ganzkörpertätowierter Held mit Rockermähne, Bikerbart und wissendem Grinsen. Viel Vergnügen mit AQUAMAN, der Superheldencomicverfilmung, die all das richtig macht, was bei Marvel mit schöner Regelmäßigkeit vergeigt wird.

Als Vincent Chase, der Protagonist der Serie ENTOURAGE, in deren zweiter Staffel den Titelhelden in der von James Cameron inszenierten Adaption des DC-Comics übernehmen durfte, war das ein Witz: Aquaman, ein blonder Biedermann, dessen Fähigkeit, mit Fischen kommunizieren und besonders gut schwimmen zu können, jetzt nicht unbedingt die beeindruckendste Waffe im Kampf gegen außerirdische Weltbeherrscher und Superverbrecher darstellte, wurde selbst von den größten Comicnerds nie so richtig ernst genommen – und er schien sich daher auch gegen ein cooles Re-Imagining zu sperren. Seine ganze Origin-Story und die Idee eines Unterwasserreiches waren so unabänderlich cheesy und kitschig, was sollte man daraus machen, das auch nur halbwegs ernstzunehmen war? Die Entscheidung der angeschlagenen DC Entertainment, ausgerechnet diesem Helden den nächsten großbudgetierten Eventfilm zu widmen, muss man demnach nicht verstehen. Doch nach Betrachtung möchte ich den Produzenten zu ihrer Entscheidung und ihrem Mut ausdrücklich gratulieren: Sie haben gar nicht erst versucht, gegen Kitsch, cheesiness und die dem Stoff inhärente Deppertheit anzukämpfen, sondern diese Elemente mit offenen Armen empfangen und damit einen Film vorgelegt, der endlich einmal nichts als reine Freude am nackten Unfug zum Ausdruck und damit auch den Spirit der bunt bebilderten „literarischen“ Vorlagen in ebensolchen Bildern auf die Leinwand bringt. Das infantil-beseelte Grinsen war mir während der gesamten Laufzeit ins Gesicht gemeißelt, das Vergnügen, dieses Spektakel mit meinen beiden Kindern sehen zu dürfen, dürfte dieses Jahr nur schwerlich getoppt werden.

Die vollkommen egale Handlung zusammenzufassen, erspare ich mir an der Stelle – der Film macht nie ein Hehl daraus, dass er sich lediglich als Aneinanderreihung geiler Bilder, Set Pieces, Materialschlachten, Sight Gags und gefälliger One-Liner versteht. Aber er kommt im Unterschied zu ähnlichen Werken mit diesem Ansatz davon, weil er eben liefert – und mit Jason Momoa einen Hauptdarsteller an Bord hat, der die Überdosis Charme mitbringt, die es braucht, eine eindimensionale Pappfigur wie seinen Aquaman zum Sympathieträger zu machen. (Er erinnert mich mit seinem Dauergrinsen, das den Eindruck erweckt, er hätte die Zeit seines Lebens und sei vollkommen desinteressiert, diese Freude zu verbergen, etwas an Dwayne „The Rock“ Johnson.) Über James Wan wird gern (auch von mir) gelästert: Die SAW-Reihe ist überaus streitbar, seine Horror-Filme THE CONJURING und INSIDIOUS inklusive der inflationären Pre- und Sequels long on style und short on substance, dafür hat er mit seinem Einsatz für FURIOUS 7 (und einige Jahre zuvor m unterschätzten DEATH SENTENCE) etwas bewiesen, was er auch in AQUAMAN wieder zeigt: dass er ein Händchen für temporeiche Action und ikonische Bilder hat. Die im Rahmen des CGI-Overkills durchaus als physisch zu bezeichnende Hatz durch ein sizilianisches Hafenstädtchen markiert einen Höhepunkt des mit rund 140 Minuten natürlich viel zu lang geratenen Spektakels, das aber trotzdem an einem vorbeirauscht wie ein Intercity.

Wem das alles zu doof, zu unecht, zu substanzlos, zu computerspielartig ist, dem kann ich kaum widersprechen. Ich habe mich bei vergleichbaren Filmen selbst auch schon anders geäußert, die schiere Menge an computergenerierten Bildern moniert, das Fehlen echter Emotionen oder auch nur traditionellen Filmhandwerks betrauert. Auch AQUAMAN ist eigentlich ein reiner Animationsfilm und inhaltlich hat er rein gar nichts zu sagen. Aber, fuck, hat der Spaß gemacht. Wans Film hat all das, was ich an den Filmen des MCU so vermisse: Er lebt von seinen bunten, geilen Bildern, ist geradezu beseelt von den schier grenzenlosen Möglichkeiten, die ihm sein Sujet bietet, berauscht von der Lust an der Schöpfung bonbonbunter Bilder, und kein Stück bereit, sich dabei in Ketten schlagen zu lassen. Er verkneift es sich kluger- und sympathischerweise, seinen Helden als Sprechpuppe für halbgare Aussagen zur Weltpolitik zu missbrauchen und so Relevanz vorzugaukeln. Kein Wunder, dass die Filmkritik, sonst immer schnell zur Stelle, wenn es darum geht, noch den letzten Studioheuler zum antikapitalistischen Manifest hochzujazzen, hier in größter Einigkeit die Keule herausholte. Was natürlich nichts daran änderte, dass AQUAMAN zum überraschenden Superhit mutierte. Mich freut das ungemein. Wenn alle Superheldenfilme so aussähen, ich wäre zufrieden. Ich will mehr Filme, die unter Wasser spielen, mit schwerelos schwebenden Figuren, deren Haare in Zeitlupe in der Strömung wallen und die dabei ganz normal miteinander reden. Ich komme da einfach nicht drüber weg, so geil finde ich das.

Kritiker sahen in THOR: RAGNAROK eine Art Neustart der THOR-Reihe: Waititi hatte sich angeblich von GUARDIANS OF THE GALAXY inspirieren lassen, dessen Witz und Leichtigkeit dem Film innerhalb des MCU eine gewisse Sonderstellung verliehen hatten. Es leuchtet ein, warum die Kritik diese Verbindung herstellte: THOR: RAGNAROK ist wie der genannte Smash Hit bunter, episodenhafter, poppiger, und humorvoller als die anderen Filme aus dem Marvel-Universum. Andererseits hatte Hemsworth den Donnergott Thor schon in den vorangegangenen Einträgen mit einer Prise Selbstironie versehen, wissend, dass ein langhaariger Wikinger aus dem Kitschkönigreich Asgard nur schwerlich als „cool“ zu verkaufen ist. Ich bin ja eh einer der wenigen Verteidiger des ersten THOR und mir hatte an ihm seinerzeit genau das gut gefallen, was alle an ihm bemängelten: dass er vergleichsweise flüchtig daherkam, ohne diese aufgesetzte Bedeutungshuberei, die die Filme aus dem MCU spätestens seit deren zweiter Phase zu einer oft drögen Angelegenheit werden ließ.

Waititi hat genau diese Qualität bewahrt bzw. sie weiter ausgebaut: RAGNAROK ist ein Bubblegum-Spektakel voller One-liner, im positiven Sinne blöder Witzchen, spektakulärer Set Pieces, bunter Bilder und überdrehter Figuren. Die Story, eine haarsträubende Aneinanderreihung von Duellen, ist merklich zweitrangig, wichtiger sind die geilen Kulissen, Effekte, Gags und Kostüme. Endlich kommt auch der vernachlässigte Hulk mal wieder zu seinem Recht, wahrscheinlich die interessanteste Figur der Avengers, aber auch die, mit der die Macher am wenigsten anzufangen wissen. Dabei beweist Waititi, dass der große Wutbrocken auch in einem solch leichten Film wie diesem einen spannenden Protagonisten abgeben kann. Die Szenen zwischen Thor und ihm sind Highlights und man fragt sich, wozu es überhaupt solcher Langweiler wie Captain America, Iron Man, Hawkeye oder Black Widow bedarf, wenn man diese beiden Charmebolzen am Start hat.

Alles gut also? Nun ja. Zwar finde ich THOR: RAGNAROK um ein Vielfaches sympathischer als 99 Prozent der Filme, die mit dem Marvel-Logo erscheinen – allein der Einsatz von Led Zepplins „Immigrant Song“ ist mir eine Verbeugung wert -, aber am Ende kann auch Waititi den Vorwurf der Formelhaftigkeit nicht ganz zerschlagen. Klar, hier geht es um Trivial-Entertainment, aber dieser antiseptische Look und die Eile, mit der von einer „Nummer“ zur nächsten gerast wird, ohne die Geduld, mal einen Moment einfach atmen, ein Bild stehen zu lassen, oder dem Betrachter die Möglichkeit zu geben, sich umzusehen, stehen einem echten Erlebnis im Weg. Diese Geschäftigkeit ist immer noch das Hauptproblem des MCU – und THOR. RAGNAROK macht da letztlich auch keine Ausnahme.

fürs regal

Veröffentlicht: November 17, 2018 in Film
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Anzunehmen, dass es die meisten, die hier mitlesen, schon mitbekommen haben: Koch Media bringt dieser Tage mit ERCOLE AL CENTRO DELLA TERRA den nächsten Film in der Bava Collector’s Edition und macht sich damit besonders verdient, denn Bavas Eintrag in die HERKULES-Reihe erscheint weltweit zum ersten Mal in HD. Für die Prachtveröffentlichung eines der opulentesten Filme des Meisters wurde zudem niemand anderes als Bava-Experte Tim Lucas gewonnen, der den exklusiven Audiokommentar beisteuerte. Dazu gibt es mit QUEL BANDITO SONO IO einen weiteren Film von Bava, diverse Interviews und Featurettes sowie ein ausführliches Booklet von mir, in dem ich Bavas Anteil am italienischen Peplum und Abenteuerkino beleuchte. Der Kauf des Mediabooks sollte eine Pflichtübung sein.