Mit ‘Film Noir’ getaggte Beiträge

the-big-sleep-movie-poster-1020240380Generationen von Filmbegeisterten haben sich die Köpfe darüber zermartert, was in Howard Hawks‘ Klassiker von 1946 eigentlich genau passiert. Eine Legende besagt, dass der Regisseur während der Dreharbeiten den Überblick über das dichte Handlungsnetz verloren hatte, und kurzerhand Raymond Chandler, den Autor der Romavorlage, um Hilfe fragte. Ob der Chauffeur umgebracht worden sei oder doch Selbstmord verübt hätte? Auch Chandler konnte die Frage nicht beantworten, musste gestehen, es selbst vergessen zu haben. Dem Erfolg und Einfluss des Films hat es nicht geschadet, im Gegenteil: Hawks‘ THE BIG SLEEP gilt als einer der wichtigsten und besten Noirs, als zeitloses Meisterwerk des amerikanischen Kinos; auch weil der Film weniger mit seinem labyrinthischen Plot erzählt, als er eine Stimmung schafft, die weitaus mehr sagt, als es jeder expositorische Dialog vermag.

Dass man in den späten Siebzigerjahren auf die Idee kam, es sei eine gute Idee, ein Remake zu drehen, mag mit Mitchums Auftritt als Philip Marlowe in der 1975 entstandenen Chandler-Verfilmung FAREWELL, MY LOVELY zu tun haben (zwei Jahre zuvor hatte Robert Altman mit THE LONG GOODBYE seinerseits eine Noir-Verbeugung inszeniert). Warum der Stoff aber von Los Angeles nach England verlegt wurde, ist ein mindestens ebenso großes Mysterium wie die Frage nach der Todesursache des Chauffeurs. Was immer die Idee hinter diesem Schachzug gewesen sein mag: Der Film gibt keinerlei Aufschluss darüber, wird durch die Diskrepanz zwischen Mitchums Hardboiled-Voice-over und der behäbigen Inszenierung sowie des irgendwie betulichen Ambientes aber zu einem Kuriosum erster Güte. Es passt nichts wirklich zusammen: Der 60-jährige Hauptdarsteller schlafwandelt mit meterbreiten Augenringen durch die mondänen Settings, wahrscheinlich auf der Suche nach einer Flasche Whisky. Das nokturne Noir-Ambiente des Vorgängers weicht der taghellen Gemütlichkeit eines britischen Whodunits, die aber immer wieder durch Gewaltschübe und sleazigen Sex zerrissen wird (das gnadenlsoe Overacting von Candy Clark, Sarah Miles und Joan Collins tut sein Übriges). Die Paranoia des PIs, dessen Voice-over viel mehr die unauflösliche Verstrickung in seine Fälle als seine Souveränität spiegelten, wird in Mitchums altersmüder Darbietung zum Zeichen des totalen Detachments. Er cruist wie ein Zuschauer durch seinen Fall, den er äußerst gelangweilt noch einmal verbal rekapituliert. Dass die Mordgeschichte, in die er da verstrickt ist, hinten und vorn nicht aufgeht, ist kein Grund zur Beunruhigung über ein aus den Fugen geratene Welt. Diesen Marlowe kann längst nichts mehr aus der Ruhe bringen, weil er weiß, dass nichts einen Sinn ergibt. Das teilt er mit den Winner-Helden aus THE SYSTEM, THE JOKERS oder I’LL NEVER FORGET WAHT’S ‚ISNAME, nur dass diese mit der Erkenntnis deutlich weniger gut zurechtkamen. Dass Marlowe so über den Dingen steht, mag auch mit seinem Status als Immigrant zu tun haben: Er kann von außen auf die britische Gesellschaft und ihr kompliziertes Klassensystem schauen und sich seinen Teil denken.

Und so hält man es mit dieser Version von THE BIG SLEEP auch am besten.

 

film noir fragebogen

Veröffentlicht: Dezember 1, 2015 in Über mich, Film, Zum Lesen
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Martin Compart, Krimi-Autor, Herausgeber, Journalist, Blogger und tollerweise Leser meines Blogs, hat mich gebeten, den „Film Noir Fragebogen“ auszufüllen, den – wenn ich das richtig verstanden habe – Myron Brünnagel, Herausgeber des deutschen Noir-Magazins „Mordlust“, erdacht hat. Anbei der Fragebogen – hat Spaß gemacht!

Name?
Oliver Nöding

Berufungen neben dem Kritikerdasein?
Familienvater sein und möglichst viele Filme schauen.

Film in deinem Geburtsjahr?
ROCKY, TAXI DRIVER, CARRIE, ALL THE PRESIDENT’S MEN, ASSAULT ON PRECINCT 13, THE SHOOTIST, KEOMA, UOMINI SI NASCE POLIZIOTTI SI MUORE, SAN BABILA ORE 20: UND DELITTO INUTILE, THE FRONT, OBSESSION und wahrscheinlich noch einige mehr.

Was steht im Bücherschrank?
Der Anteil an Sachbüchern über Film oder (Auto-)Biografien zum Thema wächst gegenüber den Romanen stetig an. Trotzdem: U. a. die Brenner-Reihe von Wolf Haas und außerdem zwei verschiedene Nietzsche-Gesamtausgaben.

Was war deine Noir-Initiation?
An den ersten gesehenen Noir erinnere ich mich nicht mehr. Aber der erste, der mich dann wirklich beeindruckt hat, war Mark Robsons THE SEVENTH VICTIM.

Welches Noir-Klischee ist dir das liebste?
Die nicht enden wollende Nacht.

Ein paar Film noir-Favoriten?
Ich kenne ehrlich gesagt noch viel zu wenige klassische Noirs. Eine Bildungslücke, die ich im kommenden Jahr zu schließen gedenke. Folgende mag ich sehr: NARROW MARGIN, THE SEVENTH VICTIM, THIEVES‘ HIGHWAY, KISS ME DEADLY, TOUCH OF EVIL, TOUCHEZ PAS AU GRISBI, BOB LE FLAMBEUR, UN FLIC.

Und abgesehen von Noirs?
Habe ich natürlich eine große Vorliebe für sogenanntes Männerkino, also Western, Kriegsfilme, Polizeifilme und die Actionfilme der Achtzigerjahre. Außerdem Horror, Horror, Horror. Aber auch sonst viel zu viel.

Welche Roman- und Filmfigur würdest du mit eigenen Händen umbringen?
Den Mengele-haften Molloch aus THE EVIL THAT MEN DO. Sonst immer gern rassistische Cops.

Internet?
https://funkhundd.wordpress.com

Noir-Fragen: Dein Leben als Film noir

Im fiktiven Film noir Deines Lebens – welche Rolle wäre es für Dich?
Der Mann, der einem Phantom nachjagt, das sich als er selbst herausstellt.

Und der Spitzname dazu?
Chase

Welcher lebende (oder bereits abgetretene) Schriftsteller sollte das Drehbuch dazu schreiben?
Elmore Leonard

Berühmtestes Zitat aus dem Streifen? (Beispiel: Scarface = The World Is Yours, White Heat = Made It Ma, Top Of The World)
„Es gibt Tage, da verliert man, und Tage, da gewinnen die anderen.“

Schwarzweiß- oder Farbfilm?
Für jemanden, der in den Achtzigerjahren aufgewachsen ist, muss es wohl Farbe sei.

Wer liefert den Soundtrack zum Film?
Jay Chattaway.

Welche Femme fatale dürfte Dich in den Untergang führen? (Alternativ: Welcher hartgesottene Noir-Held?)
Klassisch: Barbara Stanwyck. Modern: Kathleen Turner ca. 1983.

In welchem Fluchtwagen wärst Du unterwegs?.
Ford Mustang

Und mit welcher Bewaffnung?
Smith & Wesson Modell 29 – die Schusswaffe von Dirty Harry.

Buch für den Knast?
Was dickes. „Gravity’s Rainbow“ von Thomas Pynchon?

Und am Ende: Welche Inschrift würde auf dem Grabstein stehen?
„He desperately tried to not give a fuck and failed miserably“. (Auf Deutsch klingt’s einfach nicht so gut.)

Deadly-Bet-dvdcoverIch meine, einen Trend in den während der frühen Neunzigerjahre enstandenen Filmen von PM Entertainment ausgemacht zu haben: Es handelt sich oft um lupenreine Dramen, die lediglich mit einigen lose eingestreuten Beigaben um die Gunst der die Videotheken nach neuer Ware durchforstenden Actionfans buhlen. NIGHT OF THE WILDING war ein Gerichtsfilm, THE LAST RIDERS ein tragischer, RING OF FIRE ein romantischer Liebesfilm, FINAL IMPACT ein Sportlermelodram und DEADLY BET ist ein lupenreiner Film Noir, dessen Protagonist jedoch nicht nur ein krankhafter Zocker ist, sondern auch noch ein ziemlich guter KIckboxer.

Angelo (Jeff Wincott) verspricht seiner Freundin Isabella (Charlene Tilton) hoch und heilig, mit ihr aus Las Vegas abzuhauen, wo er mehrere Vermögen gewonnen und gleich wieder verballert hat. Dummerweise kommt ihm Rico (Steven Vincent Leigh) in die Quere, der ihm eine letzte Wette anbietet, der Angelo nicht widerstehen kann. Weil ihm 1.000 Dollar Einsatz fehlen, bietet Angelo dem Kontrahenten kurzerhand die Freundin an, und guckt dumm aus der Wäsche, als er im Fight kurz darauf gnadenlos unterliegt. Der anschließende Versuch, frisches Geld einzunehmen, scheitert kläglich und nun steht er auch noch beim Griechen (Michael DeLano) in der Kreide. Angelo fasst den Entschluss, mit der Zockerei endgültig aufzuhören. Damit er seine Schulden begleichen kann, bietet der Grieche ihm die Teilnahme an einem Kickbox-Turnier an, bei dem auch Rico antritt …

Wenn Lorenzo Lamas FINAL IMPACT getragen hat, gehört dieser Film Jeff Wincott: Sein whiskeygegerbter New Yorker Akzent ist ideal für den idealtypischen Spieler, der auf dem Strip zu Hause ist und keine Wette ausschlagen kann, sofern sie genug Gewinn verspricht. Er ist eine tragische Figur, denn es ist keine Charakterschwäche, die ihn immer wieder in Schwierigkeiten bringt, sondern sein ihm ureigenes Wesen. Das Zocken gehört gewissermaßen zu ihm wie die Kartoffelnase zu Gary Daniels, der hier wieder einmal einen Kurzauftritt absolviert. DEADLY BET folgt Angelos Irrwegen durch die glitzernde Wüstenstadt, beobachtet ihn dabei, wie er NIederlage um Niederlage einsteckt, Prügel um Prügel, und doch immer wieder nur die nächste Wette im Blick hat, mit der sich das Schicksal auf wundersame Weise ändern soll. Erst als er mit dem Killer vom Griechen auf Mordtour geht und sieht, was den Leuten blüht, die ihre Schulden nicht bezahlen können, dämmert ihm, was auch ihm bevorsteht. Es folgt eine der typischen, rührend-naiven Montagen, die die PM-Filme jener Zeit sehr oft aufweisen. Zu einem dylanesken Folksong schwingt sich Angelo morgens um halb sechs aus dem Bett, bereitet sich einen gesunden Drink (rohes Ei) zu, den er direkt aus dem Mixer schlürft, putzt seine Küche und geht dann joggen. Vor einem Casino harrt er kurz aus, weil er einen Chip auf der Straße findet. Er überlegt kurz, doch dann besinnt er sich auf seine guten Vorsätze und schenkt den Chip … dem Sänger des Folksongs, der plötzlich mit seiner Klampfe auf dem Boden sitzt. Diese Sequenz ist so wunderbar, dass man es fast bedauert, dass dann doch noch ein Kickboxturnier in die letzten 20 Minuten Film gequetscht werden muss. Natürlich nur fast, denn das einzige, womit sich ein Film noch besser füllen lässt als mit Fresseklopperei, ist Sex und dafür fehlen hier die attraktiven Darstellerinnen.

DEADLY BET ist wahrscheinlich der objektiv betrachtet beste Film, den PM Entertainment bis zu jenem Zeitpunkt vorgelegt hatten (ich kenne noch nicht alle). Er verfügt über eine schöne Fotografie, die das verführerische Zwielicht von Las Vegas sehr effektiv einfängt (das Youtube-Video präsentiert den Film dann auch im Widescreen-Format statt des üblichen Vollbilds) und eine passende, schwül-schwere Noir-Atmosphäre, die die schicksalhafte Latenz in griffigen Bildern einfängt. Jeff Wincott gegenüber muss Schurke Steven Vincent Leigh natürlich verblassen, aber seine (wahrscheinlich mit der in RING OF FIRE verdienten Prämie) neu gekaufte Zahnreihe präsentiert er so stolz wie der GTI-Fahrer seinen Spoiler. Sein selbstverliebtes Grinsen und der ölige Zuhältercharme machen ihn zu dem Schurken, den man zu hassen liebt, und den es braucht, um den Film abzurunden. Nach Munchkins krampfigem Vorgänger hatte ich die Entspanntheit, die hier zum Ausdruck kommt, gewiss nicht erwartet. Sogar der Schlussgag funktioniert! Ohne weitere Worte daher mein Fazit: Rundum empfehlenswert.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich in THE BIG EASY eingegroovt hatte (dass der deutsche Verleih keine Untertitel für die teilweise doch recht akzentlastige Originaltonspur anbietet, ist im Jahr 2015 einfach nur noch ärgerlich), und ich schätze, dass der Film sein volles Potenzial erst bei weiteren Sichtungen offenbart. Er passt perfekt in die Lücke zwischen McBrides BREATHLESS und GREAT BALLS OF FIRE! und bedient sich eines ganz ähnlichen Tonfalls. THE BIG EASY ist zuvorderst, also auf Handlungsebene, ein noiristisch angehauchter Polizeifilm. Sein Protagonist ist Remy McSwain (Dennis Quaid), aus einer langen Polizistentradition stammend und in seinem Revier New Orleans so zu Hause wie ein Fisch im Wasser. Dass er bekannt ist wie ein bunter Hund genießt er genauso offensichtlich wie die zahlreichen Annehmlichkeiten, die der Job so mit sich bringt: Er muss auch vor den angesagtesten Restaurants nicht in der Schlange stehen, jedes Menü geht auf Rechnung des Hauses, und hin und wieder effektreich mit der Knarre rumzuwedeln und kleine Straßendiebe festzunehmen, ist auch nicht das Schlechteste, um das eigene Ego aufzupusten. McSwain benimmt sich nicht so sehr wie ein Diener seiner Gemeinde, sondern wie ihr heimlicher König. Das ändert sich auch nicht, als die junge Staatsanwältin Anne Osborne (Ellen Barkin) auftaucht, die in Sachen Korruption ermittelt. McSwain lässt sich von ihrer Gegenwart nicht beirren, beginnt gleich damit, seinen Charme spielen zu lassen und der jungen Frau einen Blick in seine glamouröse Welt zu gewähren. Die beiden beginnen eine hitzige Affäre, die zunächst endet, als McSwain dabei erwischt wird, wie er Schutzgeld von einem Kneipenbesitzer annimmt. Ausgerechnet Anne tritt vor Gericht an, ihn zu überführen.

Diese Geschichte ist, von kleineren, ausschmückenden Details einmal abgesehen, Noir- und Polizeifilm-Standard und weicht von diesem auch bis zum Schluss nicht ab. Anne zwingt McSwain dazu, seine Fehler zu erkennen und ein besserer Cop zu werden, er hilft ihr dabei, die schmutzigen Kollegen zu überführen, und sie können am Ende sogar eine wahrscheinlich glückliche Ehe starten. Nichts daran ist neu. Dennoch ist THE BIG EASY ein höchst eigenständiger, origineller, bisweilen verwirrender Vertreter seines Genres, und das liegt vor allem an McBrides Humor und der Art, wie er seine Darsteller agieren lässt. Und genau das ist es auch, was mir den Einstieg gestern so erschwerte. Quaids McSwain lässt schon seinen zwei Jahre später interpretierten Jerry Lee Lewis erahnen: Er ist genauso selbstverliebt, arrogant und unverschämt, stolziert wie der Rock ’n‘ Roller wie ein Pfau in schicken Anzügen durch die Straßen, ist sich seiner umwerfenden Wirkung auf das weibliche Geschlecht absolut gewiss und schert sich nicht allzu sehr darum, was die seine Polizisten-Blase umgebende Welt von ihm denkt. Aber er hat auch etwas von Richard Geres fröhlichem Ganoven Jesse Lujack abbekommen, etwa dessen ansteckendes Lachen, diese Energie, mit der er sein Leben zelebriert wie ein ihn zu Ehren organisiertes Fest, die Lust an sinnlichen Reizen, sei es ein gutes Cajun-Essen, Sex oder Zydeco-Musik, das Talent, immer nur das zu sehen, was ihm gefällt, das Glas immer als halbvoll zu betrachten. Er ist ein Gewinner, weil er sich selbst so sieht. Nun sind selbstsichere, mit Stilbewusstsein ausgestattete Cops keineswegs ein Erfindung von McBride, aber außergewöhnlich ist die Zuneigung, ja Bewunderung, die der Regisseur ihm angedeihen lässt. Anne wirft ihm einmal vor, seine Vergehen für ein kleines Spielchen zu halten, gar nicht zu erkennen, wie er seine Profession damit verrät. Das Ding ist: Auch McBride betrachtet Remy nicht wie einen Kriminellen, sondern wie das Schlitzohr, dessen Gerissenheit man insgeheim oder gar ganz offen bewundert. Er mag vom richtigen Weg abgekommen sein, aber eigentlich ist er ein guter Kerl und deswegen ist man bereit, ihm zu verzeihen. Er ist kein BAD LIEUTENANT. Und Anne, von Ellen Barkin gegeben, die im Anschluss eine kurze Hochzeit als Femme fatale erlebte, wird hier nicht als die mit eiskaltem Kalkül und ohne Skrupel ihren Weg gehende Karrierefrau gezeichnet, sondern fungiert beinahe als Comic Relief, weil sie der offensiven Art Remy kaum etwas entgegenzusetzen weiß und alle weibliche Souveränität dabei einbüßt. Nichtsdestotrotz sitzt sie am längeren Hebel, einfach deshalb, weil sie Recht hat.

Die Beziehung der beiden hat dann auch viel von der heißen Affäre, die Jesse Lujack und Monica in BREATHLESS unterhielten. Die Ratio wird ausgeschaltet, die Gefühle übermannen beide, nur stellt THE BIG EASY das nie wirklich als Problem dar. Natürlich steht Anne später vor einem inneren Konflikt, als sie ihren Lover vor Gericht zerren muss, aber der ganze Prozess, die aufgesetzte Aggression, die sie ihm gegenüber plötzlich an den Tag legt, haben etwas entschieden Screwballhaftes. Alle Emotionen werden komisch überhöht und deswegen fällt es schwer, McBrides Film wirklich als Beitrag zum Polizeifilm zu akzeptieren, der ja meist um Authentizität und Realismus bemüht ist. Wenn ich jetzt an THE BIG HEAT denke, habe ich einen Cartoon vor Augen, das wölfische Grinsen Quaids, die an Betty Boop erinnernde Naivität von Ellen Barkin, Ned Beattys Schweinchen-Dick-Gesicht und John Goodman als Kater Karlo. Die fantastische Fotografie von Alfonso Beato ist das perfekte Bindeglied, indem sie die schwüle Dekadenz von New Orleans einfängt und gleichzeitig in kühle Neonfarben hüllt.

 

Zu Beginn droht DIRECT HIT sich als einer dieser furchtbaren Tarantino-Klone zu entpuppen, die nach dem Erfolg von PULP FICTION wie Pilze aus dem Boden schossen. Zwei Killer, der kurz vor dem Ausstige stehende Ex-CIA-Mann Hatch (William Forsythe) und sein heißsporniger, junger Nachfolger Deets (Eddie Wilde), erhalten den Auftrag, fünf Schwerverbrecher umzulegen, die sich zum Anlass eines Waffendeals praktischerweise alle zur gleichen Zeit an einem Ort aufhalten. Bevor es losgeht, darf man Deets noch beim Fruit-Loops-Mampfen zuschauen und ihm dabei zuhören, wie er sich zu seinem aufregenden Dasein als Profikiller selbst interviewt. Er spielt ständig an seiner Sonnenbrille herum und findet sich offenkundig selbst höchst faszinierend, obwohl er doch nur furchtbare Plattitüden von sich gibt wie die, dass ein Hitman drei Dinge zu beachten haben: „Be, cool, be cool and be cool.“ Einen Moment dachte ich, DIRECT HIT könnte das PM-Pendant zum furchtbaren Donner-Film ASSASSINS werden, aber Merhi hat zum Glück anderes im Sinn. Deets wird nur Minuten später sehr trocken umgelegt, die ganze nervtötende Coolness hat ihm nichts genutzt. Dieser in wenigen Minuten vollzogene Umschwung wirkt aus erzählerischer Sicht ein wenig merkwürdig, aber ich glaube, es ging Merhi genau darum, sich von diesen neuen, „postmodernen“ Killerfilmen mit ihren sinnlos herumschwafelnden Sonnebrillenfetischisten zu distanzieren. Im Folgenden wendet er sich Hatch zu, von Forsythe als menschlicher Stein interpretiert, bei dem die wenigen Worte, die er sich abringt, dann auch tatsächlich zählen, und orientiert sich am klassischen Film Noir mit seinen Bildern ewiger Nacht sowie seiner religiös aufgeladenen Schuld-und-Sühne-Thematik.

Nachdem Hatch nämlich seinen vermeintlich letzten Auftrag erledigt hat, zwingt ihn sein Auftraggeber Tronson (George Segal) gleich noch einen weiteren zu übernehmen. Der schmierige Politiker Daniels (John Aprea) fürchtet, dass seine Karriereambitionen durch das Auftauchen eines alten Fotos, dass ihn gemeinsam mit einer Prostituierten namens Savannah (Jo Champa) zeigt, zunichte gemacht werden könnten. Hatch soll die Frau auffinden und aus dem Weg räumen. Widerwillig macht er sich auf die Suche nach er, und dieser Widerwillen wächst noch, als er nicht nur feststellt, dass sie keineswegs eine billige Hure ist, sondern liebende, aber mittellose Mutter eines Kindes. Zuerst will er sie im Beichtstuhl einer Kirche erschießn, doch dann entscheidet er sich anders. Daniels und Tronson sind not amused und setzen den fiesen Rogers (Richard Norton) auf Savannah an, doch Hatch beschließt, ihr zu helfen.

DIRECT HIT gefällt mit seiner Neonlicht-durchfluteten Nachtfotografie und seiner trauervollen, sakralen Atmosphäre. Hatch wandelt als hoffnungslos Verlorener durch diese Vorhölle, der die letzte Chance wittert, wieder Mensch zu werden. Der vor allem als rasender Psycho im Jahrhundertfilm OUT FOR JUSTICE im Gedächtnis geblieben Forsythe überzeugt hier mit lupenreinem Minimal Acting als reine physische Präsenz, der der unterkühlten Atmosphäre das passend versteinerte Gesicht leiht. Leider hat man es versäumt, ihm eine avanciertere Partnerin zur Seite zu stellen. Jo Champa, als Lieblingsmodel von Versace berühmt geworden, ist ohne Zweifel ein attraktive Frau, und mit ihren dunklen Rehaugen evoziert sie männliche Beschützerinstinkte mit Leichtigkeit, aber leider fehlt ihr jede Fähigkeit, ihre Verletzlichkeit auch nur annähernd zu modulieren. Ihre Bambi-artigen Auftritte geraten mit zunehmender Spielzeit zur Geduldsprobe, zumal Merhi DIRECT HIT eben nicht als rasanten Reißer, sondern eher als gedämpftes Mood Piece inszeniert. Irgendwann hatte ich dann auch genug von den stahlblauen Nachtbildern und der heulsusigen Savannah und sehnte das von Anfang an erwartbare Ende herbei. Naja, es kann eben nicht jeder PM-Film ein Volltreffer sein. Und besser als die erwähnten Tarantino-Klone oder ASSASSINS ist DIRECT HIT dann trotzdem.

AlphaCity-Cover-124152Es dauert ca. eine Stunde, bevor man in ALPHA CITY zum ersten Mal Tageslicht sieht. Es ist nur eine kurze Szene und sie ist nur dazu da, zu zeigen, was vorher schon einmal gesagt wurde: „Ich habe seit drei Jahren kein Tageslicht mehr gesehen.“ Die Protagonisten verschlafen den Tag, ihre Welt ist die Nacht.

Eckhart Schmidt orientiert sich für ALPHA CITY streng an den Motiven des Film Noir. Sein Protagonist Frank (Claude-Oliver Rudolph) verdient sich sein Geld als Pianist in einem illegalen Spielcasino. Blind vor Liebe rennt er der Femme Fatale Raphaella (Isabelle Willer) hinterher, einer Prostituierten, die den Männern reihenweise den Kopf verdreht und sie dann zurücklässt. Seine Jagd führt ihn durch nächtliche Straßen, in Nachtclubs, Bars, Restaurants und Hotellobbys, und auf seiner Reise begegnet er dubiosen Halbwelt-Gestalten, Gangstern, Schlägern, Zockern, Freiern, Clubbesitzern, Tänzerinnen und Polizisten, bevor es zum Showdown gegen seinen Kontrahenten, einen namenlosen Amerikaner (Al Corley), geht. Franks Kampf, so stellt sich am Ende heraus, sein fiebriges Anrennen gegen die Widerstände, sein verzweifeltes Ringen um Raphaella, war nichts anderes als das Vorspiel für seinen von Anfang an unausweichlichen Tod. In dem Moment, in dem der Mann zum Noir-Protagonisten wird, ist er bereits dem Tod geweiht.

Doch anders als in den US-amerikanischen Noirs der Dreißiger- und Vierzigerjahre, die von einem zumindest auf den ersten und zweiten Blick souveränen, coolen Helden dominiert werden und in denen Sexualität – den Zensurbestimmungen jener Zeit geschuldet – nur verklausuliert, in zweideutigen Dialogzeilen und Blicken, vorkommt, explodiert ALPHA CITY gerade vor Emotionen. Das Limbo des Noir, eine blasse, dunstige Nacht, wird in ALPHA CITY zum lodernden Fegefeuer, einem Ort, an dem man sich selbst verwirklichen will und dabei verliert. Frank ist nicht der souveräne Held, der alle Gefühle und Gedanken hinter einer ungerührten Maske der Coolness verbirgt: Er steht ständig auf der Schwelle zur Explosion, und die Aggressivität, mit der er sich vermeintlichen Gegnern entgegenwirft, bringt seine tiefe Verunsicherung zum Vorschein. Auch sein pockennarbiges Gesicht und die Messerverletzungen auf der Brust zeigen, dass er „verwundet“ ist. Der Amerikaner, der ihm gegenübersteht, entspricht schon eher dem Klischee des Noir-Helden, lässt die Maske der Selbstsicherheit nie fallen, hält seine wahre Motivation immer verborgen. Er bleibt verschlossen und mysteriös, gewinnt damit das Interesse von Raphaella, aber nicht ihr Herz. Als sie mit ihm schläft, zeigen kurze Inserts, dass sie dabei an die Nacht mit Frank zurückdenkt, der anders als der Amerikaner stets „offen“ war und damit auch menschlich.

ALPHA CITY ist filmgewordene Stimmung. Es gibt einen Plot, der bis auf das nackte Skelett reduziert ist und von Schmidt fast widerwillig abgewickelt wird. Wie seine Figuren verliert er sich immer wieder auf den nächtlichen Straßen, lässt sich wie eine Motte vom verführerisch flackernden Licht der Neonreklamen anziehen, vom Wummern des Beats in Discotheken locken, wo das Leben sich in all seiner verheißungsvollen Latenz präsentiert. Frank und Raphaella sind auf der Suche nach dem Leben, der Erfüllung, vor allem aber süchtig nach dem Rausch, dem Kick, den die Nacht mit all ihren Vergnügungen verspricht. Längst ist die ziellose Suche zum Selbstzweck geworden und der sprichwörtliche Teufelskreis lässt sich nicht mehr durchbrechen. ALPHA CITY zeigt kaum echte Freude, so oft er auch die Orte des Müßiggangs und des „Lasters“ aufsucht, den Eindruck der sich wie Blei auf den Körper legenden Müdigkeit kann er nie abschütteln. Es gibt keinen Kontrast mehr zu den Vergnügungen, der ihnen überhaupt erst die erhoffte kathartische und befreiende Wirkung verleihen würde. Aber dieser Bannzauber, den die Nacht auf Raphaella und Frank ausübt, überträgt sich im Zusammenspiel von Bernd Neubauers Kameraarbeit, dem famosen Eighties-Soundtrack und dem Score, der wie die New-Wave-Approximation von Kirchenmusik klingt, lückenlos auf den Betrachter. ALPHA CITY hat diese viel beschworene „hypnotische Qualität“, er lullt ein, macht einen wehrlos und beeinflussbar für seine Reize. Man will sofort raus, auf die Straße, ins Leben, zwischen all die verlorenen Seelen und Traumtänzer, in die Bars und Discotheken, Zigarettenrauch einatmen, Schweiß riechen, Bier trinken, dieses Prickeln auf der Haut spüren, dass sich einstellt, wenn einem bewusst wird, dass zu jeder Sekunde alles passieren könnte. Aber dann fällt einem auch wieder ein: Diese Welt, die ALPHA CITY – in West-Berlin gedreht – zeigt, die gibt es in dieser Form nicht mehr. (Eine Szene am Schluss ist erst vor Rolf Edens „Big Eden“, dann darin angesiedelt, und der Nachtclub-Besitzer spielt sich in einem kleinen Gastauftritt selbst.) Das Nachtleben scheint hier noch nicht so gnadenlos segmentiert, kommerzialisiert und abgesichert. Die Straßen sind schmuddelig, die Verheißung des schnellen käuflichen Sex hängt in der Luft, die Kriminalität lauert hinter jeder Ecke. Es ist gefährlich, da rauszugehen, man muss sich auskennen, wissen, wie man sich zu bewegen hat. ALPHA CITY zeichnet eine Parallelwelt, die ihren ganz eigenen Gesetzen gehorcht. Man muss für sie geboren sein, wie ein Vampir.

Interessant ist der Film auch im direkten Vergleich mit DER FAN. Tonal könnten die beiden kaum weiter voneinander entfernt sein – die Leere von DER FAN auf der einen Seite, die fast barocke Neon-Gothik von ALPHA CITY auf der anderen –, aber es gibt doch deutliche Parallelen. Die Beziehung zwischen Frank und Raphaella erinnert durchaus etwas an die zwischen Simone und R, wird gewissermaßen mit umgekehrten Rollenvorzeichen durchgespielt. Hier ist Frank der „Stalker“, der der schönen Frau hinterherrennt, sie mit all seinen Hoffnungen, Wünschen und Träumen auflädt, während sie die Rolle der Ablehnenden einnimmt. Doch den Zorn über die Ablehnung, der sich bei Simone in der Zerlegung und Einverleibung des Objekts ihrer Begierde äußert, richtet Frank in seiner Raserei konsequent gegen sich selbst. Nicht direkt, aber indem er sich kopfüber in die Konfrontation mit dem Amerikaner begibt, der ihn am Schluss endgültig befreit. Die Musik von Rheingold, die in DER FAN sowohl textlich wie musikalisch noch mit dessen Aufgeräumtheit korrespondierte, macht einem zwar kaum weniger in seiner Zeit verorteten Sound Platz, der aber weniger als intellektuelle Aufarbeitung gesellschaftlicher, politischer und kultureller Strömungen zu verstehen ist, sondern ganz unreflektiert romantisch wirkt und damit die ideale Entsprechung der Blindheit der Protagonisten, die gar nicht merken, auf welches Ziel sie zusteuern. ALPHA CITY funktioniert mithin nicht, wie DER FAN, als psychoanalytische Allegorie auf die zeitgenössische Entfremdung des Menschen: Schmidt überführt sie stattdessen in ein düsteres Gemälde, das zum Teil an die infernalischen Panoramen eines Hieronymus Bosch erinnert.

Ein beeindruckender Brocken, visuell herausragend und voller schüttelfrostiger Gänsehaut-Momente. Ein potenzieller Lieblingsfilm für Eighties-Fetischisten, so wie ich einer bin.

Carlos (Ivan Desny) ist aus dem Gefängnis ausgebrochen, kann sich aber in einen Zug stehlen, der in eine nicht näher genannte, vielleicht französische Hafenstadt (Marseille?) fährt. In dem Abteil, das er sich ausssucht, kommt er ins Gespräch mit dem jungen, verträumten Robert (Joachim Hansen), einem Bankangestellten, der nun davon träumt, aus seinem Leben auszubrechen und ferne Länder zu bereisen. In Roberts Brieftasche, das hat Carlos neugierig zur Kenntnis genommen, steckt ein dickes Bündel Geld. Am Ziel ihrer Reise angekommen trennen sich die beiden, nicht jedoch ohne sich für Mitternacht in der „Colibri-Bar“ verabredet zu haben. Carlos ahnt, dass ihm Roberts Geld noch hilfreich sein könnte. Zunächst muss er aber der Polizei entwischen, die bereits den Bahnhof nach ihm absucht. Es gelingt ihm, zu entwischen und sich im Hafen auf der „Lolita“ zu verstecken, dem Schiff des befreundeten Kapitän Philipp (Heinz Engelmann), der ihn nach Australien bringen soll.

Unterdessen trifft der ziellos im Regen umherirrende Robert auf die schöne Evelyn (Belinda Lee), mit der er sich ein Taxi teilt. Der junge Mann ist sofort hingerissen von der sinnlichen Dame und beginnt ihr großäugige, unverblümte Avancen zu machen wie ein Schuljunge, der zum ersten Mal verliebt ist. Als sich die beiden während einer Reifenpanne in einem kleinen, schäbigen Kiosk unterstellen, plant er schon die gemeinsame Zukunft mit ihr. Evelyn, die auf dem Weg zu ihrem Liebhaber Carlos ist, hat nur wenig Verständnis für solch überbordende Romantik und gibt sich alle Mühe, den Überschwang Roberts zu bremsen. Doch der hat nur noch sie im Sinn. Am Hafen trennen sich die beiden, Evelyn besteigt die „Lolita“, um Carlos zu treffen, der im Innersten getroffene, liebesversehrte Robert geht seines eigenen Weges. Bis zu seiner Verabredung in der „Colibri-Bar“ ist noch ein wenig Zeit.

Auf dem Schiff ist derweil die Besatzung hinter das Geheimnis des neuen Passagiers gekommen. Die Männer sehen ihre Chance, sich das Gehalt aufzubessern, indem sie Carlos und den Kapitän erpressen: Für 20.000 Dollar garantieren sie ihre Verschwiegenheit, ansonsten verpfeifen sie Carlos und mit ihm auch den Kapitän bei der Polizei. Carlos fällt wieder seine Reisebekanntschaft und dessen prall gefüllte Brieftasche ein. Er beauftragt Evelyn, ihrerseits Sängerin in der „Colibri-Bar“, an ihrem Arbeitsplatz um Mitternacht nach Robert Ausschau zu halten, ihn zu verführen und ihm irgendwie das Geld abzunehmen. Die ist zwar wenig begeistert, erkennt zudem, dass Carlos sie behandelt wie seinen Besitz, willigt aber ein. Beide ahnen natürlich nicht, dass Evelyn und Robert sich längst begegnet sind.

Als Robert wie verabredet erscheint, gibt ihm Evelyn mit ihrer erotischen Sangesdarbietung endgültig den Rest. Er sucht sie in ihrer Garderobe auf, um ihr erneut seine Liebe zu gestehen und ihr anzubieten, mit ihm die Welt zu bereisen. Evelyn weiß noch nicht, dass dieser junge Mann eben jener Robert ist, der das rettende Geld besitzt, versucht ihn nur schnellstmöglich loszuwerden. Schließlich erkennt sie ihn an dem Ring, den ihr Carlos beschrieben hatte, und nimmt ihn mit zu sich. Langsam beginnen Roberts Enthusiasmus, seine Ergebenheit und Güte, die im krassen Gegensatz zu Carlos‘ brutalem Egoismus stehen, bei ihr Wirkung zu zeigen. Ernsthaft denkt sie über seinen Vorschlag nach. Weg von hier, zusammen mit einem Mann, der sie auf Händen trägt, statt einem, der sie mit einem anderen ins Bett treibt, um ihn auszurauben, erscheint plötzlich wie ein guter Plan.  Doch als er nach einem Schäferstündchen entschlummert, greift sie sich doch sein Geld und übergibt es dem Kapitän, der damit sich und Carlos freikaufen soll. Gewissensbisse beginnen schon nach kurzer Zeit an Evelyn zu nagen: Sie hat nämlich herausgefunden, dass Robert mitnichten reich ist, sondern das Geld nur gestohlen hat, um sich damit seinen Traum zu erfüllen. Wenn er das Geld nicht zurückzahlt, ist ihm der Weg in die Normalität für immer versperrt, wird er wahrscheinlich enden wie Carlos. Also sucht sie den Kapitän auf und bittet ihn, ihr das Geld zurückzugeben. Er, altersweise und von einem Leben am Rande der Illegalität ermüdet, darauf wartend, endlich einmal etwas wirklich Gutes zu tun, folgt ihrer Bitte und leitet damit die finalen Turbulenzen ein, an deren Ende Robert einer Zukunft mit Evelyn freudig entgegenschauend in seine Heimat zurückreist, um das gestohlene Geld zurückzugeben, während seine Geliebte außerhalb seines Blickfelds von einer Kugel aus Carlos‘ Waffe getroffen tot zusammensackt.

Filme, die ausschließlich in einer einzigen Nacht spielen, zählen regelmäßig zu den größten Geschenken, die das Kino uns macht. Die allgegenwärtige Dunkelheit auf der Leinwand verbindet sich mit der im Saal, Film und Raum verschmelzen zu einer Einheit, die Grenze zwischen beiden wird unsichtbar, durchlässig, der Film streckt seine Hände aus und zieht den Betrachter an und in sich. DER SATAN LOCKT MIT LIEBE ist dann auch filmgewordener Traum, weniger geprägt durch das Bemühen um Authentizität, die nachvollziehbare Etablierung von Zeit und Raum oder psychologisch ausgefeilte Charaktere und Handlungen. Die Welt, die Jugert da auf die Leinwand malt, existiert nur für den Film, ja der Film und die Welt, die er abbildet, sind eins und seine Bewohner nur ihr menschlicher Ausdruck. In dieser einen Nacht wird über alles entschieden, gibt es am Ende keine Offenheit mehr, keine Ungewissheit, kein Vielleicht: Wenn Robert nach Hause und in die Zukunft fährt, dann verlässt er auch den Film, der sich danach in Erinnerung auflöst wie ein nicht mehr in allen Details greifbarer, nur noch als emotionaler Nachhall im Unterbewusstsein existierender Traum. Aber dieser Nachhall wiegt schwerer als alles Feste, Faktische. Die Liebe zwischen Robert und Evelyn sie lässt sich in der Realität nicht denken, aber in DER SATAN LOCKT MIT LIEBE ist sie das einzig Wahre, der einzige Weg, der aus dieser Nacht hinaus- und in ein sonniges Morgen führt, weg von dem gemeinen Carlos, der immer nur auf der Flucht sein, aber nie irgendwo ankommen wird, weg von Philipp und seiner „Lolita“, die immer dort im Hafen liegen, aber nie ablegen werden, weg von der „Colibri-Bar“ mit ihren leeren Gästen ohne Gesichter und Geschichten, weg aus dieser Stadt der ewigen Nacht, durch deren Straßen Polizisten wandeln wie Gesandte des Todes.

Die Musik, schwüler Lounge-Jazz, lockt mit verführerischen Klängen, lässt diese Nacht erstrebenswert erscheinen, suggeriert erotische Reize wie Evelyn bei ihren Auftritten, doch dahinter verbirgt sich nur Ernüchterung und verglimmende Hoffnung. Perspektive ist hier nicht mehr als das eigene Spiegelbild in einer langsam versickernden Regenpfütze oder der Blick aus Evelyns Fenster auf die funkelnden Lichter der Schiffe am Horizont, die auch nur Löcher in einer gewaltigen alles umspannenden Leinwand sein könnten. Um diese Nacht zu zerreißen und den nächsten Tag zu sehen, muss man das Undenkbare tun, einer wildfremden Frau die Welt zu Füßen legen und ihr die Zukunft versprechen. So wie Robert, dessen Offenherzigkeit ihm in der Realität sicher Ohrfeigen und Anzeigen wegen sexueller Belästigung einbrächten, hier aber den einzigen Ausweg weisen. Aber wer weiß schon, was das Morgen bringt? Hätte sich Robert vielleicht besser von der ewigen Nacht verzaubern lassen sollen? Nein, denn das Dasein hier bedeutet den ewigen Stillstand. Es ist das Limbo, das sich eiskalt und lähmend um das Herz legt und langsam alles Leben tötet.

Rudolf Jugerts Film ist wahrscheinlich das bislang magischste Erlebnis meines noch jungen Filmjahres gewesen. Näher war das deutsche Kino dem Noir und seinen somnambul in einem nocturnen Zwischenreich irrenden Gestalten vielleicht noch nie. Wie wunderbar muss es sein, diesen Film auf einer Leinwand zu erleben, umgeben von sehnsuchtsvoll ins Licht blickenden Menschen. Aber wer weiß schon, was das Morgen bringt?