Mit ‘Film Noir’ getaggte Beiträge

Frank Sinatra ist der Privatdetektiv und Glücksspieler Tony Rome, Held der Romane des Hardboiled-Autoren Marvin H. Albert. Wenn Rome nicht mit seiner kleinen Motoryacht herumschippert und Gin Martini schlürft, wartet er in seinem tristen Büro auf Arbeit oder verspielt sein karges Honorar. Eines Tages erhält er einen Anruf seines ehemaligen Partners Ralph (Robert J. Wilke), der ihn um einen Gefallen bittet: In seinem Hotel ist die junge Diana Pines (Sue Lyon) versumpft und weil er keinen Ärger mit der Sittenpolizei haben will, soll Rome das Mädchen unbemerkt nach Hause zum reichen Unternehmerpapa Rudy Kosterman (Simon Oakland) bringen. Gesagt, getan. Die Probleme fangen an, als Diana erneut bei Rome auftaucht, um nach einer verlorenen Diamantbrosche zu fragen. Wenig später wird Rome an Bord seines Schiffes von zwei Schlägern überfallen …

Ich habe vor kurzem die Sinatra-Bio „The Life“ gelesen und es fiel mir beim Betrachten des Films schwer, sie auszublenden. TONY ROME ist – wie sollte es anders sein – ein Vehikel für seinen Star, der 1967 bereits etliche Comebacks und Karrierezyklen hinter sich hatte und längst eine lebende Legende war. Seine einstige Freundschaft mit Humphrey Bogart, der männlichen Ikone des Film Noir, des Genres, dem auch TONY ROME Tribut zollt, sowie sein natürlicher Machismo prädestinierten Sinatra für die Rolle des abgezockten Private Eye, der in dieser Zeit eine Kino-Renaissance erlebte. Aber Sinatra war auch eine ziemlich problematische Figur: tief verwoben ins organisierte Verbrechen, mit einem feinen Freundeskreis, dem mehrfache Mörder angehörten, einem Hang zu Gewaltausbrüchen und einer langen Geschichte von nur wenig kavalierhaftem Verhalten gegenüber den vielen, vielen Frauen, die er verführte – oder schlicht beanspruchte. Sein Tony Rome ist kaum als eigener Charakter zu bezeichnen, vielmehr entspricht er exakt der Persona, die auch Sinatra ab den Fünfzigerjahren verkörperte: den coolen hustler mit Stil und Sinn für das gute Leben, immer auf dem Sprung und natürlich mit jeder Menge Schneid bei den dames, die er aber nicht halten kann, weil er einfach nicht der Typ für das häusliche Leben ist. Diese Rolle passt Sinatra zugegebenermaßen perfekt wie ein Handschuh, aber wenn man die weniger ruhmreichen Anekdoten seines ereignisreichen Lebens kennt, bekommt die perfekte Fassade doch deutliche Risse.

TONY ROME leidet nicht über Gebühr darunter, auch wenn er ohne seinen Star nur die Hälfte wert wäre. Douglas inszeniert zweckdienlich-professionell und ohne große Inspiration. Sein Film ist weder übermäßig spannend noch besonders spektakulär, die Handlung – typisch fürs Genre – labyrinthisch und schwer nachvollziehbar, aber am Ende ist man dann erstaunt, wie banal das alles eigentlich ist. Bemerkenswert – und da sind wir dann wieder bei Sinatra – ist lediglich der Style: Während die klassischen Noirs alle in einer quasi-apokalyptischen Schattenwelt angesiedelt sind, wird hier jeder Millimeter Prunk und Luxus von der gleißenden Sonnen Floridas beschienen. Rome kann noch so oft beteuern, dass er pleite sei: Er führt ein Jet-Set-Leben wie eigentlich alle, denen er im Zuge seiner Ermittlungen begegnet. Selbst die Drogenabhängige sieht aus wie aus dem Ei gepellt. Das Hotel Fontainebleu, wo Teile des Films spielen, wurde auch deshalb als Drehort gewählt, damit Frankie-Boy es nach seinen Drehtagen nicht so weit zur seinem Zweitjob hatte. Er sang dort nämlich Abend für Abend. Ich vermute, der Wechsel von der einen zur anderen Bühne ist ihm nicht allzu schwer gefallen. Er konnte den ganzen Tag in character bleiben – und sogar die Drinks mitnehmen.

Die Jubiläumsausgabe des 35mm Retro-Filmmagazins – seit immerhin fünf Jahren gibt es das Magazin jetzt schon, da sage noch einer, Print sei tot! – kann jetzt bestellt werden. Der Themenschwerpunkt liegt auf den Filmadaptionen von Edgar Allan Poes literarischen Werken: Unter anderem befasst sich Robert Zion mit Ulmers THE BLACK CAT und Louis Friedlanders THE RAVEN sowie mit dem Poe-Zyklus von Roger Corman. Die Beziehung französischer Regisseure zum amerikanischen Schriftsteller beleuchtet Martin Abraham, Alexander Schultz befasst sich mit filmischen Darstellungen des Autors selbst. Neben einem tollen Cover-Artwork gibt es viele weitere spannende Geschichten von Autoren wie Christian Kessler und Ingo Strecker sowie die bekannten Kolumnen. Ich persönlich setze meine Noir-Reihe mit einem kurzen Artikel über Robert Siodmaks exzellentem Zwillingsschwester-Psychothriller THE DARK MIRROR fort. Viel Spaß!

35 mm # 30

Veröffentlicht: Januar 4, 2019 in Film, Zum Lesen
Schlagwörter:, , ,

Die Ausgabe 30 des 35 mm Retrofilmmagazins ist ab sofort erhältlich. Für meine Noir-Kolumne habe ich mir diesmal Norman Fosters von Russell Metty meisterlich fotografierten KISS THE BLOOD OFF MY HANDS vorgenommen, mit Burt Lancaster als gewalttätigem Kriegsversehrten und Joan Fontaine als verzweifelter Krankenschwester. Schwerpunkt des Heftes ist das Thema „Cine Espanol“ mit Texten u. a. über den spanischen Film Noir und Jess Franco, daneben gibt es ausführliche Berichte über die Filmfestivals in Braunschweg und Bielefeld. Kaufen kann man das reich und farbig bebilderte Magazin wie immer hier: http://35mm-retrofilmmagazin.de/produkt/35-millimeter-30-dez-jan-18-19/

Wer mich kaufen will, kann das dieser Tage gleich dreifach:

Schon etwas länger auf dem Markt, aber immer noch aktuell genug, um ihn hier zu würdigen ist die Blu-ray-Veröffentlichung von Ruggero Deodatos gottgleicher Poliotteschi-Quasi-Parodie EISKALTE TYPEN AUF HEISSEN ÖFEN via filmart. Gemeinsam mit Pelle Felsch habe ich das Vergnügen gehabt, einen Audiokommentar aufnehmen zu dürfen, in dem wir etwas über die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse zur damaligen Zeit palavern. Alles garantiert unwissenschaftlich!

Etwas neuer ist der Filmkalender 2019 von Schüren, mit dem man das kommende filmische Jahr planen kann. Unter den Kurzaufsätzen, die den Kalender auflockern, befindet sich auch ein Porträt über Bud Spencer von mir.

Last but not least ist soeben die neueste Ausgabe des 35 MM Retrofilmmagazins erschienen, die unter dem Motto „Sommer – Sonne – Sumpf“ steht. Die große Hitzwelle scheint zwar (zum Glück) vorbei zu sein, wer davon aber nicht genug bekommt, findet auf den reich bebilderten Seiten sicheerlich sein Glück. Auch ich habe mich von den Temperaturen inspirieren lassen und mich in meiner Noir-Kolumne mit dem Fritz-Lang-Klassiker THE BIG HEAT befasst. Das Heft kann man hier bestellen.

35 mm # 27

Veröffentlicht: Juli 9, 2018 in Film, Zum Lesen
Schlagwörter:,

Ein kleines Lebenszeichen von mir gibt es in Form der neuesten Ausgabe des 35 Millimeter Retro-Filmmagazins, das sich ganz den „Filmbösewichtern“ verschrieben hat. So gibt es u. a Stories zum Bösen im Hindi-Film, zu Brasiliens Coffin Joe, zu Bela Lugosi, Basil Rathbone und bösen Doktoren im Kino der Weimarer Republik und natürlich Vieles mehr. Ich habe mich in meinem mittlerweile vierten Beitrag meiner Film-Noir-Reihe mit einem Klassiker des frühen Exploitation-Films beschäftigt, namentlich Joseph H. Lewis‘ GUN CRAZY. Das Heft kann man wie immer hier bestellen. Viel Spaß beim Lesen!

sachen zum kaufen

Veröffentlicht: April 27, 2018 in Film, Zum Lesen
Schlagwörter:, , , , ,

Die neue Ausgabe des Magazins 35MM ist draußen, diesmal als Special zum Thema RKO: Es gibt Artikel zum Traumpaar Ginger Rogers und Fred Astaire, zu David O. Selznick und Merian C. Cooper, Screwball Comedies und zu Orson Welles‘ THE MAGNIFICENT AMBERSONS. Neben vielen weiteren Artikeln rund um das einst glanzvolle Studio, das dann von Howard Hughes heruntergewirtschaftet wurde, gibt es auch die neueste Ausgabe meiner Film-Noir-Kolumne: Ich beschäftige mich diesmal mit Andre de Toths PITFALL! Das Heft kann man hier bestellen: http://35mm-retrofilmmagazin.de/shop/

Ebenfalls neu: das Koch Media-Mediabook von BILL & TED’S BOGUS JOURNEY, dem Sequel zum unerwarteten Kultsmash BILL & TED’S EXCELLENT ADVENTURE, das uns mit Keanu Reeves bekannt machte. Entgegen aller Erwartungen hat sich der Film sehr gut gehalten (von einigen frühen CGI-Abominationen mal abgesehen), steckt voller schöner Ideen und ist tatsächlich nicht einmal halb so doof, wie man das vielleicht befürchtet hatte. Ob man sich mit dem geplanten dritten Teil wirklich einen Gefallen tut, möchte ich zwar ausdrücklich bezweifeln, aber streng genommen hätten ja schon die ersten beiden Filme nicht funktionieren dürfen. Nineties-Nostalgiker, Freunde von Stoner- und Gaga-Komödien und Rockmusik dürfen sich das schön aufgemachte Mediabook ruhigen Gewissens ordern – und bekommen als Bonus einen Aufsatz von mir zu lesen. Volle Kanne, Hoschi!

THE MAN WHO WASN’T THERE war der dritte Coen-Film in Serie, den ich damals im Kino gesehen habe. Die Erinnerungen sind verblasst, ich weiß aber noch, dass ich während meines Studiums allein im Metropol in Düsseldorf saß und nach dem Film den Eindruck hatte, ein ungewöhnliches, eher experimentelles, enigmatisches, vielleicht gar avantgardistisches Nebenwerk der Brüder gesehen zu haben. Das kann ich zwar heute, nach dem ersten Wiedersehen seit damals so nicht bestätigen, wohl aber lässt sich konstatieren, dass THE MAN WHO WASN’T THERE die dunkle Tragik, bleischwere Traurigkeit und grimme Grausamkeit, die in den Filmen der Coens meist mit einer dicken Schicht absurden, comichaften Humors bedeckt ist, ganz offen zu Tage trägt. Die Brüder sind hier dank der wunderschönen Schwarzweißfotografie ihres Stamm-Kameramanns Roger Deakins ganz nah dran am „echten“ Noir, dessen existenzialistische Dimension sie ungefiltert durchbluten lassen (THE MAN WHO WASN’T THERE gilt als lose Adaption von Camus‘ berühmtem Roman „Der Fremde“). Es ist der erste Film von ihnen, der wrklich in alles umfassender Schwärze endet. Dass der Protagonist, sie mit offenen Armen empfängt, macht es nicht besser. Im Gegenteil.

Ed Crane (Billy Bob Thornton) ist Barbier im Geschäft seines geschwätzigen Schwagers (Michael Badalucco). Zu Hause empfängt ihn seine Frau Doris (Frances McDormand): Die Ehe „funktioniert“, aber Liebe oder Leidenschaft gibt es nicht zwischen den beiden. Dafür läuft es umso besser mit ihrem Chef Big Dave Brewster (James Gandolfini), der ein großes Kaufhaus leitet, das wiederum seiner Gattin gehört. Ed sieht in der Affäre seine große Chance, etwas aus seinem Leben zu machen, aus der Alltagsödnis auszubrechen. Er schreibt einen Erpresserbrief und fordert 10.000 Dollar von Brewster, die er in das Dry-Cleaning-Geschäft des ekligen Creighton Tolliver (Jon Polito) investieren will. Die Geldübergabe klappt, aber dann kommt Brewster Ed auf die Schliche, stellt ihn zur Rede und stirbt bei der folgenden Auseinandersetzung. Wenig später stehehn zwei Polizisten bei Ed im Barbershop: Sie erklären ihm, dass Doris wegen Mordverdacht verhaftet wurde …

Wenn THE MAN WHO WASN’T THERE ein Noir aus den Vierzigerjahren wäre, würde die Thornton-Rolle vielleicht von Fred McMurray gespielt werden: ein nicht unsympathischer oder unattraktiver, aber eben ein eher durchschnittlicher, ein bisschen langweiliger Typ. Ed Cranes herausstechendste Eigenschaft ist seine Einsilbigkeit: Zweimal beschwert er sich darüber, dass Arbeitskollegen zu viel reden, ebenso oft gesteht er, dass er nicht gerade zum Entertainer geboren sei, auf die Frage, was seine Frau an ihm am meisten schätze, antwortet sie einst, dass er nicht viel rede. Er ist nicht dumm, im Gegenteil sieht man ihm an, dass ihm ständig tausende von Gedanken durch den Kopf schießen, er seine Umwelt ganz genau beobachtet. Manchmal durchzuckt ein Blitzen seine Augen und man vermutet, wie ihm eine perfide Boshaftigkeit eingefallen ist, die er wie alles andere auch für sich behält. Als er seinen Gedanken einmal völlig gegen seine Gewohnheit freien Lauf lässt, sagt er etwas sehr bizarres über unsere Haare, wie sie immer weiterwachsen wie etwas lebendiges, wir sie aber einfach abschneiden und wegwerfen. Sein Schwager reagiert verständlicherweise verstört. Aber da ist Ed bereits zum Erpresser und Mörder geworden.

Ed ist das Paradebeispiel des passiven, unmotivierten und ambitionslosen sad sacks, der eines Tages aufwacht, feststellt, dass er sich vom Leben in eine Sackgasse hat treiben lassen, und daraufhin zum ersten Mal die Initiative ergreift: Weil aber die Kraft für den langen Weg zurück längst nicht mehr reicht, muss natürlich eine bequeme Abkürzung genommen werden, die alles gnadenlos verschärft. Crane ist ein Feigling wie Lundegaard oder Lebowski, kein per se böser Mensch, aber einer, der für sich immer einen Sonderweg in Anspruch nimmt und in dem Moment, in dem er mit dem Rücken zur Wand steht, zu allem fähig ist (bei Lebowski ist das ein bisschen anders, aber der würde sich von seinem feinen Freund Walter zu jeder Schweinerei überreden lassen, bloß um nicht die „Linie im Sand“ ziehen zu müssen). Bei den Coens schlägt das Leben aber meist mit äußerster Perfidie zurück: Die Verkettung der Umstände, die Crane dann schließlich über Umwege doch noch auf den elektrischen Stuhl bringt, für einen Mord, den er nicht begangen hat, lässt auf einen ausgesprochen schadenfrohen Weltgeist schließen. Und fungiert als weiterer Beleg für die überbordende Fantasie der Coens, denen es wieder einmal gelungen ist, einen kunstvollen Noir-Plot zu entwickeln, der sich mit all seinen Exkursen wunderbar organisch anfühlt (und Tony Shaloub zum zweiten Mal nach BARTON FINK eine Spitzenrolle auf den Leib schreibt). Eine kurze, aus dem Rahmen fallende Episode über eine alien abduction, kommt völlig unerwartet, wird aber zu so etwas wie einem Leitmotiv, mit dem Bild einer sich drehenden Untertasse, das sich dann in einer fliegenden Radkappe spiegelt (und steht wieder im Einklang mit dem Brauch der Coens, US-Mythen aufzugreifen, so ihre Filmwelten zu authentifizieren und den Anspruch anzumelden, sich selbst in diesen Mythenschatz einzuschreiben). Das Leben geht seltsame Wege, nicht alle Kausalzusammenhänge lassen sich am Ende befriedigend entschlüsseln. Ed Crane ist fast zufrieden, als er hingerichtet wird. Immerhin hatte er eine gute Story zu erzählen (mit der ein oder anderen Länge, er wird schließlich pro Wort bezahlt).

Auch dieser Film der Coens wurde wieder ausgesprochen positiv aufgenommen – sogar vom Publikum, was ich schon etwas überraschend finde -, bedeutet aber auch so etwas wie eine Zäsur. Dem grimmigsten, düstersten Film der Brüder folgten mit INTOLERABLE CRUELTY und THE LADYKILLERS die beiden wahrscheinlich kommerziellsten (zumindest bis TRUE GRIT). Viele würden die beiden Genannten wahrscheinlich als Schwachstelle bewerten, THE LADYKILLERS erhielt, wenn ich das richtig erinnere, durchweg schlechte Kritiken und gilt allgemein als Fleck auf der weißen Weste: Ich mochte zumindest ersteren damas sehr gern und bin auf das Wiedersehen wie auch die Erstsichtung des Remakes des britischen Klassikers sehr gespannt. Festzuhalten bleibt, dass die Coens dem Noir mit THE MAN WHO WASN’T THERE ein wunderschönes Denkmal gesetzt und ihren vielleicht „reinsten“ Film gedreht haben.