Mit ‘Filmische Weltreise’ getaggte Beiträge

Der Bestsellerautor Salman Rushdie (Afzaal Ahmad)  ist die Speerspitze eines internationalen Krieges der Ungläubigen gegen den Islam, außerdem mit dem Teufel im Bunde und noch dazu unsterblich, weil er bereits so viele tapfere Moslems ermordet hat. Die „Festung des Islam“, Pakistan, sendet vier Superkrieger, die Rushdie auf seiner von zahlreichen Soldaten bewachten Insel ausfindig machen und umbringen sollen: die beiden Brüder Ghulam (Ghulam Mohiuddin) und Javed (Javed Sheikh), ihren Onkel Mustafa (Mustafa Kureishi) und die Schöne Shagutta (Neeli) …

Diese Geschichte habe ich mir mitnichten bloß ausgedacht, weil mir keine Untertitel zur Verfügung standen: Jedes Wort, das da oben steht, ist wahr und INTERNATIONAL GORILLAY gibt es wirklich. Er dauert 166 Minuten und sein Regisseur Mohammed verrührt zahlreiche chaotisch-wüste Actionszenen, hysterische Gesangs- und Tanzeinlagen sowie plump-infantilen Slapstick zu einem Eintopf, der in Verbindung mit dem zentnerschweren Pathos und der mit grober Kelle verabreichten Ideologie für heftigen Schluckauf und einige Verdauungsbeschwerden sorgt. Wahrscheinlich sollte man das alles nicht allzu ernst nehmen: Die Hetze des Films spielt sich auf einem intellektuellen Niveau ab, das mit „unter der Gürtellinie“ nur sehr unzureichend beschrieben ist. Trotzdem ist der unverbrämte Hass, der hier über eine real existierende Person ausgeschüttet wird, eigentlich nicht zum Lachen. Auch dann nicht, wenn man einräumt, dass der Salman Rushide des Films mit der realen Person nicht allzu viel gemein hat. Henryk M. Broder sollte INTERNATIONAL GORILLAY jedenfalls besser nicht zu Gesicht bekommen, er fühlte sich in seiner Meinung über den Islam wahrscheinlich (mal wieder) in jeder Silbe bestätigt. Aber es ist fraglich, ob ein Normalsterblicher diese Wundertüte der Cinematographie überhaupt über die ersten zehn Minuten hinaus aushalten würde: Auf den Betrachter prasselt ein Hagel an unmotivierten Strobo-Zooms, wüsten Stakkato-Schnitten und krawalligen Tuschs, die das alles musikalisch untermalen und mit der Extraportion Drama aufladen. Dabei ist das hier keine Mülleimer-Produktion wie der zuletzt erlittene Pashto-Film DA KHWAR LASME SPOGMAY, sondern durchaus mit einigen Production Values ausgestattet. Lässt sich INTERNATIONAL GORILLAY inhaltlich als pakistanische Mischung aus DELTA FORCE und diversen Bond-Filmen bezeichnen, muss man ihn stilistisch irgendwo in der Schnittmenge von Turkploitation, Philippino-Action und Bollywood einordnen.

Und wenn man sich diesem Wahnsinn, der da über den Bildschirm tobt, öffnet – und ab und zu mal eine Pause macht und eine Kippe raucht, um nicht durchzudrehen –, dann kann man ja kaum anders, als seinen Hut vor so viel Enthusiasmus zu ziehen. Die Schnurrbärte sind meterbreit, teilweise aufgemalt oder angeklebt, und die Frauen tanzen, als hätten sie einen epiletischen Frosch verschluckt. Anonyme Statisten werden im dreistelligen Bereich umgenietet und die pakistanische Pampa mithilfe ebenso vieler Sprengladungen planiert. Die Titeleinblendung erfolgt nach satten 50 Minuten, die man wohl als knackigen Prolog verstehen muss. Zwei Scheichs aus Dubai fungieren als rassistisches Comic Relief, das den Humor diverser Hongkong-Komödie dagegen als feingeistig erscheinen lässt. Der unsterbliche Rushdie hat auch noch diverse Klone am Start, die sich dann aber als maskierte Stand-ins entpuppen, einen grölenden Sicherheitschef, der mich an einen Ghaddafi mit Schnurrbart erinnert hat, und eine Assistentin, deren Blick zielgenau Feinde (= Moslems) von Freunden unterscheidet. Und als Rushdie irgendwann nicht weiter weiß, kidnappt er kurzerhand die Mama der beiden Helden, die er dann dazu zwingen will, sich ein Hörbuch seines ketzerischen Bestsellers anzuhören: Was im Islam als Sünde gilt und demnach die denkbar schwerste Strafe für eine gläubige Mama ist. ist Am Schluss packen unsere Helden tief in die Klamottenkiste und verkleiden sich unter anderem als Batmans, später dann auch als herumziehende Straßenmusiker, komplett mit diesen geilen Gitarren-Keyboards, die auch Modern Talking früher verwendet haben. Der Showdown unterscheidet sich von den vorangegangenen Actionszenen nur darin, dass der Film danach tatsächlich zu Ende ist, wie man die Dramaturgie des Films überhaupt nur mit dem Wort „redundant“ beschreiben kann. Aber  das tatsächliche Finale setzt einem Film, der in sich eine einzige Unglaublichkeit ist, noch einen drauf: Die Helden werden an Kreuze gekettet und fangen daraufhin wie einst Monty Python in THE LIFE OF BRIAN an zu singen. Über ihr Loblied auf Mohammed und Allah geraten sie nicht nur in religiöse Ekstase, sie beschwören auch den Zorn des Allmächtigen höchstpersönlich herauf, der sie mit Blitzeinschlägen erst aus ihrer misslichen Lage befreit und dann in Form schlechter visueller Effekte auf den teuflischen Rushdie niedergeht und ihn in Brand setzt. So, und weil es jetzt von meiner Seite nichts mehr zu sagen gibt, jetzt lasse ich euch mit diesen Informationen genau so allein, wie ich es nach dem Film auch war.

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Männer vergewaltigen Frauen und werden von einer mysteriösen Katzenfrau blutig dafür bestraft. Ein Polizist ermittelt und verdächtigt einen Rocker, der aber unschuldig ist. Eine Gang grell geschminkter und gekleideter Punks treibt ihr Unwesen und wird nach und nach von der Katzenfrau dezimiert. Zwischendurch singen Menschen und dicke Frauen machen Bauchtanz …

Ich fürchte zwar, der obige Versuch, diesen Film in ein paar Sätzen zusammenzufassen, hilft niemandem wirklich weiter, aber viel mehr als das habe ich einfach nicht mitbekommen: Das liegt zum einen mal wieder daran, dass es weder eine Untertitelspur noch eine Synchro zu diesem bizarren Film gibt, viel mehr aber noch daran, dass sich alles in DA KHWAR LASME SPOGMAY dem gesunden Menschenverstand verschließt, zumindest jenem, der im Westen geprägt wurde. Zum Glück habe ich diesen Text gefunden, sodass ich mit meiner Traumabewältigung nicht ganz allein bin. Und ein paar der lebensnotwendigen Hintergrundinformationen, die ich ihm entnommen habe, fasse ich hier mal kurz zusammen, weil ich sonst kaum weiß, wie ich das Chaos in meinem Kopf, das dieser Film ausgelöst hat, in einen lesbaren Eintrag umformen soll. DA KHWAR LASME SPOGMAY ist ein Pashto-Film: Er entstammt einer in Peshawar, im Nordwesten Pakistans zentrierten Filmindustrie, deren Produktionen sich überwiegend an die Paschtunen richtet, ein als konservativ geltendes Völkchen, dessen Lebensraum sich bis in den Süden Afghanistans erstreckt. Nach langsamem Start in den späten Dreißiger-/frühen Vierzigerjahren stieg die Zahl der Pashto-Filme in den späten Sechziger- und den Siebzigerjahren massiv an, bevor der Siegeszug von Fernsehen und Video in den Achtzigern dieser Entwicklung ein Ende bereitete. Um das Überleben der Industrie zu sichern, richteten sich die Filmproduktionen fortan vor allem an ein männliches, überwiegend armes Publikum: Sex & Crime standen fortan im Mittelpunkt des Interesses, der Ruf des Pashto-Kinos wurde nachhaltig beschädigt, es steht mittlerweile synonym für billigen Schund. Ein längeres Zitat: „Noted India and Pakistan film expert Omar Ali Khan […] has even mentioned that some cinemas would start out playing the normal sleazy awful film, then switch reels to European porn, and then return to the actual film for the final reel. Pashto cinema became known for women wearing skimpy costumes gyrating around with repeated zooms or closeups of the crotch region. It is just a weird thing to see. And these films passed the censor boards in the area, making the whole thing even more bizarre. Pashto men are manly men with big mustaches and everyone is shouting all the time. It’s like Turkish film to the power of 100.“

DA KHWAR LASME SPOGMAY – was angeblich so viel bedeutet wie „Schön wie der 14. Mond“ – ist zunächst mal lang: 110 Minuten dauert der zweifelhafte Spaß, wobei schätzungsweise 40 davon für zahlreiche ausgedehnte Gesangs- und Tanznummern draufgehen. Formaltechnisch ist er eine mittlere Katastrophe: Er sieht unglaublich billig aus und wirkt mit seinen zahlreichen Verschmutzungen und den ausgeblichenen Farben trotz seines doch recht niedrigen Alters wie ein aus irgendeinem verschütteten Archiv geborgener Film aus den frühen Siebzigerjahren. Zwischendurch ist eine Szene mal völlig unscharf, was die Illusion, dass hier auch mal nicht der erste Take genommen worden sein könnte, endgültig zerstört. Schnitt und Ton gehen eine unheilige Allianz ein, scheinen einzig das Ziel zu verfolgen, die Zuschauer in den Wahnsinn oder in einen epileptischen Anfall zu treiben: Da kreischt und dröhnt es in einem Fort, während irgendwo darunter ein geklauter Score vor sich hin dudelt, und dazu die Bilder der Katzenfrau – die Regisseurin höchstselbst, die eine Badekappe mit Katzenohren sowie Handschuhe mit Plastikkrallen trägt – im Stroboskop-Rhythmus auf einen niederprasseln. Überhaupt die Frauen: Konnte man auch am sehr züchtigen, fast verschämten ZINDA LAASH noch gut erkennen, dass der Pakistani ein Faible für mollige Frauen hat, so werden die kleinen Butterfässchen hier von allen Seiten ausführlich beleuchtet. Zwar gibt es keine explizite Nacktheit zu begutachten, dennoch legen die verschiedenen Damen jegliche Scheu ab, zeigen ihre weichen Speckpölsterchen von allen Seiten und inszenieren sich in einer Art, die man bei Damen ihres Formats in unseren Breiten (äehm …) als eher unpassend empfände. In einer lustigen Szene streckt eine Frau ihrem love interest den dicken Po entgegen, den dieser daraufhin mit seinen Fäusten bearbeitet wie einen Punchingball. Die Männer sind wie in obigem Zitat erwähnt alle beschnurrbartet und dominant, außer eben sie begegnen ihren dicken Herzensdamen: Dann sind sie plötzlich ziemlich unbeholfen. 

Normalerweise müsste ich nach etabliertem Baddie-Berichterstattungsbrauch noch en detail auf diverse Verfehlungen und Unglaublichkeiten dieses Films eingehen, aber das scheint mir gänzlich unmöglich. Irgendwann ab Minute 30 starrte ich ob der eigenen Unfähigkeit, das Gebotene irgendwie fassen zu können, nur noch völlig konsterniert auf den Bildschirm. Dutzende von handelnden Figuren geben sich in DA KHWAR LASME SPOGMAY die Klinke in die Hand und nahezu jede bekommt einen Partner zur Seite gestellt, mit dem eine eigene Gesangsnummer absolviert wird. Figuren, die man als Protagonisten ausgemacht zu haben glaubte, verschwinden einfach mal für eine halbe Stunde, bevor sie dann wieder zu alter Funktion zurückkehren. Irgendwann habe ich es tatsächlich als körperliche Arbeit empfunden, diesen Film weiterzusehen. Die Seherfahrung kann ich nur damit vergleichen, wie es wohl sein mag, auf LSD am Iron-Man-Triathlon teilzunehmen. Ich habe zwar weder Erfahrung mit halluzinogenen Drogen noch mit Triathlon, aber deshalb passt der Vergleich ja auch so gut: Nichts konnte mich auf DA KHWAR LASME SPOGMAY vorbereiten. Wer glaubt, schon alles gesehen zu haben, hat garantiert noch nie einen Pashto-Film gesehen. Danach ist nichts mehr so wie vorher und man weiß, dass man nichts weiß.

Aus einem einfachen Hühnerei kann man eine Menge machen. Man kann es hart oder weich kochen, man kann es als Spiegelei braten, zu Rührei oder einem Omelett verarbeiten.  In einen Teig gemischt fungiert es als Bindemittel, das Eiweiß allein kann man zu einer schaumigen Masse aufschlagen. Sogar eine Süßspeise kann man aus einem simplen Hühnerei zaubern. Dieses einfache Nahrungsmittel ist so vielseitig, dass jemand, der nicht in die Geheimnisse der Kochkunst eingeweiht ist, nicht zwangsläufig erkennt, dass all diese verschiedenen Speisen aus ein und derselben Zutat hergestellt wurden. Am Anfang war immer das Ei.

Das Ei ist in meinem kleinen Vergleich – der vielleicht weniger plausibel und stimmig ist als ich es annehme, das überlasse ich jetzt meinen Lesern – Bram Stokers Roman „Dracula“. Die meisten der unzähligen Verfilmungen dieses Romans lassen ihre Quelle unzweifelhaft erkennen und unterschieden sich letztlich nur in mal mehr mal weniger entscheidenden Details voneinander. Tod Brownings DRACULA und Terence Fishers DRACULA verhalten sich zueinander wie das hartgekochte zum weichgekochten Ei: Oberflächlich ist kein allzu großer Unterschied zu erkennen, erst beim Reinbeißen offenbart er sich. Und auch wenn andere Dracula-Verfilmungen andere Aspekte des Romans betonen, romantische Aspekte hervorheben oder die Titelfigur historisch erden wie etwa Coppola in seinem Film, zusammengenommen bilden sie immer noch einen recht homogenen Korpus: Alle lassen sie sich dem Horrorgenre zuordnen. An dieser Stelle kommt ZINDA LAASH ins Spiel: Er basiert ebenfalls auf Stokers Bestseller und erzählt – mit kleineren, dem anderen Kulturkreis geschuldeten Veränderungen, die der Stoff gut verkraftet – dessen Geschichte doch recht originalgetreu. Dennoch fühlt er sich völlig anders an als alle anderen Adaptionen des Stoffes, die ich kenne. Um zum Bild zurückzukehren: Die Speise besteht aus Ei, sie sieht aus wie Ei – aber sie schmeckt vollkommen anders.

Die größte inhaltliche Veränderung (neben der Verlagerung der Geschichte in die pakistanische Gegenwart natürlich) ereignet sich gleich zu Beginn: Dracula ist hier keine antichristliche, mythische Figur, sondern der schnöde Wissenschaftler Dr. Tabani (Rehan), der nach der Verköstigung eines selbst gemixten Unsterblichkeitstranks zum Vampir mutiert und sogleich seine pummelige Geliebte? Haushälterin? beißt. Wenig später trifft Dr. Aqil (Asad) ein, der in dem unheimlichen Haus Tabanis übernachten möchte und einen sehr gastfreundlichen Hausherrn antrifft. Zwar beäugt der Gastgeber etwas zu angetan das Bild von Aqils Verlobter Shabnam, doch lässt sich der Reisende davon noch nicht beirren. Erst als ihn eine Frau (besagtes Pummelchen) versucht mit einem Tanz zu becircen und ihm eine Bisswunde am Hals zufügt, wird er misstrauisch, allerdings auch schnell vom heranstürmenden Tabani aus seiner misslichen Lage befreit. Aqil, das hat der Kenner längst begriffen, ist niemand anderes als der pakistanische Jonathan Harker, der hier aber bald sein normalsterbliches Leben lassen muss. In den Fokus tritt nun sein Bruder, der den armen Aqil von seinem Fluch befreit und anschließend die Familie von dessen Verlobter aufsucht, die als nächstes auf dem Speiseplan des Vampirs landet …

ZINDA LAASH ist auf den ersten Blick deutlich weniger spektakulär, als man das von einem pakistanischen Vampirfilm erwarten mag und nicht geringen Anteil daran hat die Schwarzweiß-Fotografie, die potenziell exotischer Farbenpracht keine Chance lässt. Mehr noch sind es aber das aufreizend gemächliche Erzähltempo und der Einsatz diverser Tanz- und Gesangseinlagen – mal eher folkloristischer Natur, mal mit deutlichem Beat-Einschlag –, die der Etablierung einer durchgängig bedrohlichen Atmosphäre im Weg stehen. Oder positiv ausgedrückt: Das Übersinnliche bricht hier nicht mit Gewalt in ein geordnetes Leben ein, vielmehr scheint man in dieser Welt wenn schon nicht gewöhnt ans Vampirtreiben, so doch wenigstens nicht allzu verwundert über die Existenz blutsaugender Dämonen. Genauer: Wenn auch Shabnams Verwandte auch schockiert sind über die Nachricht, sie werde von einem Vampir heimgesucht, so suggeriert die Perspektive des Films doch, dass man in Pakistan deutlich engeren Kontakt zu infernalischen Kreaturen pflegt als in unseren Breiten. Würde man das Nebeneinander von Horrorszenen und Musikeinlagen in einem westlichen Genrefilm entweder als postmodernen Verfremdungseffekt, als bittere Ironie oder im äußersten Fall als Geschmacklosigkeit begreifen, so stehen die für uns disparaten Elemente hier ganz selbstverständlich nebeneinander. So deckt ZINDA LAASH das ganze Spektrum menschlicher Gefühle und Stimmungen ab, anstatt sich darauf zu versteifen, ausschließlich Angst und Schrecken zu verbreiten. Wenn man während der Sichtung mal so tut, als betrachte man ihn quasi als Tabula Rasa, als sei man gänzlich unvorbelastet von filmischen und literarischen Traditionen, verfüge über keinerlei nötiges Kontextwissen, ist ZINDA LAASH entschieden seltsam. Liefern Filme mit ihren Bildern, dem Ton und dem Schnitt doch gewöhnlicherweise eine Anleitung mit, wie man als Zuschauer das Gesehene einzuordnen und zu verstehen und vor allem, was man zu empfinden hat, so wird man bei ZINDA LAASH streckenweise völlig allein gelassen. Es ist ein bisschen, als sähe man einer fremden Spezies bei ihren Ritualen zu, ohne die leiseste Ahnung zu haben, was diese zu bedeuten haben. Und dieser Effekt wird hier noch potenziert, weil man die zugrunde liegende Geschichte doch in- und auswendig kennt. Man sieht Dracula, aber man fühlt ihn nicht. ZINDA LAASH verursacht keinen krachenden Kulturschock, sondern eher leise Desorientierung. Weshalb ich auch total meine Eiermetapher vergessen habe. Keine kleine Leistung.

Roya (Baran Kosari) und Shirin (Negar Jahaverian), beste Freundinnen, sind aufgeregt: Weil sie endlich ihr Studium beginnen können, ziehen beide weg von ihren skeptischen Eltern und der Großstadt und aufs Land. Ihr Apartment ist klein und baufällig, aber weil es ihre erste eigene Wohnung ist, fühlen beide sich pudelwohl. Nur das leerstehende und heruntergekommene Haus gegenüber macht ihnen Angst, zumal unheimliche Geräusche von dort herüberdringen, die die Spukgeschichten der Nachbarn zu bestätigen scheinen. Eine nächtliche Besichtigungstour des Hauses fördert zwar weder Geister noch Dämonen zutage, aber dafür ein Zimmer, das über und über mit alten Brautkleidern ausgestattet ist. Wenig später trifft Roya dort dann den Bewohner des Hauses, einen geistig verwirrten Mann, und der entwickelt nach der Begegnung mit dem Mädchen ein ausgeprägtes Interesse an ihr …

Diese iranische Produktion – deren Inhalt ich mir in Ermangelung einer Untertitelspur selbst zusammenreimen musste – verblüfft zunächst mal mit ihren doch recht hohen Produktionsstandards: Latifis Film sieht sehr schön aus, ersetzt die kontrastreiche Farbpalette, die man aus Horrorfilmen gewöhnt ist, mit pastelligen Tönen, die das Ganze eher ins Märchenhafte rücken. Narrativ fühlt man sich als westlicher Genrefreund schnell heimisch: Mit der Exposition des Films orientiert sich Latifi ohne Zweifel am US-amerikanischen Slasherkino und auch im weiteren Verlauf folgt er weitestgehend dessen Plotvorgaben. Amerika ist eben überall und selbst im Iran kann man sich dem Einfluss des Hollywood-Kinos nicht mehr versperren. Es sind dann auch eher Details, die KHABGAH-E DOKHTARAN als Vertreter einer anderen Kultur erkennbar machen: Da sind zum einen der Anteil an eher melodramatischen oder komödiantischen Familienszenen, die etwas an Soap Operas oder Telenovelas gemahnen, zum anderen die Abwesenheit von Erotik und Sex, die aus dem westlichen Genrekino ja kaum wegzudenken sind. Die weiblichen Haupt- und Nebenfiguren bleiben immer schamhaft verhüllt, auch der oberste Hemdknopf stets fest geschlossen und die Kopftücher werden selbstverständlich nie abgelegt. (Nur ganz zum Schluss gibt es mal einen verschämten Blick auf einen bestrumpften Fuß.) Mit dieser Keuschheit geht zumindest über weite Strecken die Abwesenheit grafischer Gewalt oder überhaupt körperlicher Konkretion einher: Es reicht die Andeutung eines Spuks, der Blick auf eine über den Teppich krabbelnde Schabe, um die Mädchen in Angst und Schrecken zu versetzen. Und als Roya dann schließlich Bekanntschaft mit dem Filmunhold macht, bedarf es bloß der Andeutung von Gewalt, um sie förmlich in Schockstarre zu versetzen. Diese Zurückhaltung mag man vielleicht als Verklemmtheit und somit als Bestätigung gängiger Vorurteile gegenüber dem Islam werten, tatsächlich ist Latifis Film von einer Fragilität und Sensibilität gekennzeichnet, die sich kaum in Übereinstimmung mit Bildern Zeter und Mordeo schreiender Fundis bringen lassen, das uns in unseren Breiten gern vermittelt wird (besten Dank an PI, die Achse des Gute und Vorzeigeprovo Henryk M. Broder!). Auch die Szenen der in gemeinsamer Vorfreude über die bevorstehende Hochzeit zwischen Roya und Shirins Bruder Farhad schwelgenden Familien, die gemeinsam essen, singen und feiern, bilden einen harten Kontrast zu den oft dysfunktionalen und materialistischen Familien aus vergleichbarer US-Ware.

Auch wenn es mir aufgrund der bestehenden Sprachbarriere nahezu unmöglich ist, ein abschließendes, belastbares Urteil über KHABGAH-E DOKHTARAN zu fällen, ich ihn insgesamt schon als ein bisschen unspektakulär und langatmig empfunden habe: Um Klischees und Vorurteile über ein Land abzubauen, von dem einem fast ausschließlich Schreckens- und Elendsbilder bekannt sind, ist er nahezu perfekt. Und was Cineasten und Kennern des Kinos von Abbas Kiarostami schon lang bekannt ist, nämlich dass aus dem Iran Filme kommen, die den internationalen Vergleich keinesfalls zu scheuen brauchen, das weiß jetzt auch ich engstirniger Genrekinofreund. Und genau für solche die Augen öffnenden Erlebnisse macht man schließlich so eine Weltreise.


 

adam (yona day, israel 1974)

Veröffentlicht: Juni 4, 2012 in Film
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Der Psychologe Dr. Avissar (Ilan Dar) und seine Gattin (Iris Davidesco) werden von einem unbekannten Anrufer terrorisiert. Zwar macht dieser keine konkreten Drohungen, ist eher im Gegenteil sogar ausgesprochen intelligent und wortgewandt, doch seine Hartnäckigkeit lässt kaum Zweifel daran, dass er keine guten Absichten verfolgt. Hinter der Stimme verbirgt sich der Arzt Dr. Dan Adam (Shmulik Kraus), ein Soziopath, der Avissar eine Lektion erteilen möchte: Der vertritt nämlich die These, dass ein „gesunder“ Mensch, einer, der im Gegensatz zu einem Irren, in sich selbst ruht, niemals einen Mord ausüben würde, um sich eines Problems zu entledigen. Adam ist da anderer Überzeugung …

Ein Mann füttert seinen Greifvogel mit weißen Mäusen und schaut dem bemitleidenswerten Nager fasziniert bei seinem Todeskampf zu. Mit einem Tonbandgerät läuft er durch futuristisch anmutende Siebzigerjahre-Häuser und lauscht den Worten eines Mannes, dessen Stimme vom Band kommt. Auf einem Motorboot rast er über die Wellen, lässt sich die Gischt in das wie aus Stein gemeißelte Gesicht peitschen. Im Operationssaal quittiert er die schweren Verletzungen eines kleinen Mädchens ungerührt mit den Worten „Ich kann nichts für sie tun.“, bevor er seine Kollegen ratlos mit ihr zurücklässt. Mit seiner Sekretärin macht er eine Spazierfahrt aufs Land, wo er mit ihr zwei Pferde beim Kopulieren betrachtet. Einer von seiner Mutter einberufenen Vorstandssitzung wohnt er mit unverhohlenem Desinteresse bei, präsentiert ihr zum Abschied die Zeichnung eines Grabes. Dieser Mann ist lange Zeit die Identifikationsfigur für den Zuschauer: Es ist Dr. Dan Adam (gespielt vom israelischen Sänger Shmulik Kraus, von dem auch der Titelsong des Films stammt) und sein scharfkantiges maskenhaftes Gesicht, das unter einem dichten schwarzen Harrschopf liegt, kann die dahinter liegenden Abgründe nicht länger verbergen.  

ADAM, 1974 in den israelischen Kinos gestartet und nach nur kurzer Laufzeit in die Archive gesperrt, ist ein befremdlicher, gleichzeitig wunderschöner wie zutiefst verstörender Film, wie er nur in den Siebzigerjahren entstehen konnte. Optisch zeigt er sich mit seinen immer wieder in den Vordergrund gerückten Design-Exponaten vom italienischen Giallo beeinflusst, ersetzt dessen Faible für Pulp, Beat und Sleaze aber durch jene futuristische Eiseskälte, die man aus den Science-Fiction-Dystopien jener Zeit, etwa den frühen Filmen David Cronenbergs, kennt. Innerhalb der israelischen Filmlandschaft war ADAM eine Art schwerer Ausnahmefehler: In einer Zeit, in der Bourekas, melodramatische Komödien und Schnulzen, das Gros der israelischen Filmproduktionen ausmachten, konnte ADAM wohl nur entstehen, weil sein Regisseur Yona Day eben kein Filmschaffender war: ,The only education I had in filmmaking was from standing on the side and watching whenever I saw people shooting a movie somewhere. That’s it,‘ […] ,I saw the mistakes others made, and I saw who did things right. For the most part what I saw was not to my liking. I believed that cinema does not have to be local in nature. I knew that if I were to make a movie, I’d make something more universal.‚“ (Der verlinkte Artikel befasst sich ausführlich mit ADAM und seinem One-Time-Director Yona Day und ist uneingeschränkt zu empfehlen – aber nur dann, wenn man bereit ist, sich auf die Suche nach diesem einzigartigen Film zu machen, den man danach unweigerlich sehen will.) Dass ADAM von einem fachfremden Autodidakten inszeniert worden sein soll, mag man angsesichts der visuellen Pracht des Films kaum für möglich halten. Und alle narrativen Idiosynkrasien, die der Film sich erlaubt, verstärken nur sein verstörendes, desorientierendes Potenzial.  

Universell ist schon der Titel von ADAM, der sich nicht nur auf den Namen des Protagonisten bezieht, sondern natürlich auf das hebräische Wort für „Mann“ oder generell „Mensch“ – und in der Verbindung dieser beiden Bedeutungen der gesamten Menschheit ein eher schlechtes Zeugnis ausstellt. Die Frage, die seinen Titelhelden beschäftigt, einen Mann, der aller Boshaftigkeit zum Trotz seltsam eigenschaftslos und indistinkt wirkt, ist eine der philosophischen Kernfragen: Was bezeichnen die Begriffe von Gut und Böse? Was trennt sie voneinander? Und: Sind beides tatsächlich feste Kategorien oder laufen sie an den Rändern nicht untrennbar ineinander? Der Sadismus von Dr. Adam hat auch etwas Kindliches, Unschuldiges: Seine Gewalt richtet sich nicht ohne Grund zunächst vor allem gegen Tiere. Wenn er der Maus bei ihrem Todeskampf zuschaut, ein Schwein umbringt oder mitleidlos einen Frosch zertritt – die entsprechenden Tiersnuff-Szenen verlangen dem Zuschauer Einiges ab -, vollzieht er ein Experiment, dass nur so straffrei zu haben ist. Wie fühlt man sich, wenn man sich über das Andere hinwegsetzt? Was geht in einem vor, wenn man ein Leben nimmt? Dass Dr. Adam sich mit der Gewalt gegen Tiere nicht länger zufrieden gibt, sein philosophisches Interesse zur nächsten Stufe strebt, ist eine Konvention des Genres. Er steht in der Tradition der Protagonisten von Hitchcocks ROPE oder Fleischers COMPULSION (oder auch – etwas weniger klar – Finchers SE7EN): gefühllose Herrenmenschen, die mit jener verabsolutierten Ratio vorgehen, die die Menschheit im 20. Jahrhundert in die Barbarei zurückgeworfen hatte.

Days Film beginnt rätselhaft, expressiv und dialogarm, lenkt den Fokus dann vom kalten Soziopathen auf sein Opfer, und wird mit diesem Wechsel auch in seiner Bildsprache bodenständiger, bevor der Film im letzten Drittel, in dem die beiden Männer in offenen Konflikt miteinander treten, seine klare Form wieder verliert, sich im Gegensatz zu seinem ersten Drittel nun aber vollkommen aufzulösen scheint. Die Ermittlungen der Polizei versanden in Ratlosigkeit, die vom Ehemann in Sicherheit gebrachte Gattin versucht die traumatischen Erlebnisse in langen Gesprächen zu verarbeiten, die aber keinen Trost, sondern immer nur neue Unklarheit bringen, Dr. Avissar schließlich, der doch anscheinend fest im Leben stand, steht am Ende vor den Trümmern seiner Existenz und seiner Überzeugungen. Dass alles nur ein böser Scherz war, lindert den Schmerz nicht, im Gegenteil. ADAM ist ein in jeder Hinsicht beeindruckender Film, den man mit Worten nicht ganz zu fassen bekommt. Da bleibt ein Rest, der sich nicht einordnen lässt, der einen weiter piesackt wie ein Phantomschmerz oder ein nicht vollständig entferntes Schildchen im Hemdkragen. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir makelbehaftet sind – und bleiben.

Bei einem Überfall der Wikinger auf eine Festung der Hunnen, entführen die bösen Nordmänner nicht bloß Attilas schöne Tochter Yonca (Fatma Belgen), sie erschlagen auch Tarkans (Kartal Tibet) treuen Freund, den Wolf Kurt. Der türkische Superheld schwört Rache und macht sich mit Kurts Sohn Kurt sogleich auf den Weg nach Norwegen, um die Wikinger Mores zu lehren. Deren Anführer Toro (Bilal Inci) hat eben den Wikingerkönig Gero gekillt und deswegen den Zorn von dessen Tochter Ursula (Eva Bender) auf sich gezogen. Die tapfere Ursula tut sich natürlich mit Tarkan zusammen, um Yonca zu befreien, die Tode von Kurt senior und Gero zu rächen und ein fieses Krakenmosnter zu plätten. Ach ja, die Tochter des Kaisers von China mischt auch noch mit …

Yeah! TARKAN VIKING KANI hält nun wirklich alles, was 3 DEV KANI bloß versprochen hatte. Aslans Film ist so dermaßen vollgestopft mit wüster Action, rührenden Kostümen, geklauter Soundtrack-Musik (u. a. kommen Morricones berühmte SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD-Melodie und außerdem Strauss‘ „Also sprach Zarathustra“ zum Einsatz, der Großteil dürfte allerdings aus Fleischers THE VIKINGS stammen), unbeweglichen Pappmachee-Monstern, schlechten Spezialeffekten, absurder Geschichtsklitterei, grellgelben Perücken und meterbreiten Schnurrbärten, dass man sich nach den knapp 90 Minuten fühlt, als habe man sich durch die Auslage einer Konditorei gefressen: pappsatt, aber überglücklich. Man muss diese unwiderstehliche Mischung aus Unbedarftheit und Übereifer einfach lieben: Da werden zwei brave Schäferhunde furztrocken als Wölfe bezeichnet und die verdörrte türkische Berglandschaft als Norwegen ausgegeben, verkommt die Reise ins finstere Mittelalter zu einer wilden Kostümparty, bei der grellbunter Plüsch de rigueur ist. Und je bescheuerter das alles ist, umso mehr scheinen die Schauspieler darauf bedacht, mit doppeltem Einsatz davon abzulenken. Wie die mit ihren Pappschwertern rumfuchteln, ihre albernen Perücken und ultratuckigen Kostüme mit äußerster Würde tragen und, wenn sie dann doch mal die Scham befällt, einfach eine Grimasse ziehen oder wüst rumschreien, nötigt dem Betrachter allerhöchsten Respekt ab.

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, so irrwirtzig ist TARKAN VIKING KANI: Das bewegungslose Krakenmonster hat seit Ed Woods BRIDE OF THE MONSTER nix dazugelernt, bei einer Wikingerorgie werden die hilflosen Weiber von den euphorisierten Kerlen unter anderem mit einem Sprungtuch in die Höhe geworfen, das stolze Wikingerschiff verfügt offensichtlich über einen leistungsfähigen Außenbordmotor, die Wikingerburg (!) praktischerweise auch über ein ausladendes türkisches Bad mit viel prunkvollem Goldkitsch. All diese Details fallen aber hinter die den ganzen Film beherrschenden Raserei zurück: Spätestens nach einer halben Stunde wird das Drehbuch kurzerhand in die Tonne getreten. Statt sich des wohltemperierten Wechselspiels von Ruhepausen und Actionszenen zu bedienen, das man Dramaturgie nennt, steigert sich TARKAN VIKING KANI in einen unaufhaltsamen Rausch. Keilerei folgt auf Keilerei, bevor dann eine Keilerei dazwischengeschoben wird, um zur nächsten Keilerei überzuleiten. Dem Bemühen des Zuschauers, den Überblick zu behalten, wird eine schroffe Absage erteilt. Auch der Schnitt hilft bei der Beschleunigung eifrig mit: Scheiß was auf Rhythmus oder Überblick, Hauptsache es wird möglichst viele geiles Zeug in kürzester Zeit untergebracht. Und wenn mal was danebengeht, auch egal, man hat ja eh keine Zeit, darüber nachzudenken. Mit schnöder Vernunft kommt man hier nicht weiter, TARKAN VIKING KANI ist genau der Film, der vor dem inneren Auge des Achtjährigen vorbeizieht, wenn er mit dem Playmobilpiratenschiff in der Badewanne sitzt oder seine Cowboy- und Indianerfiguren den Angriff auf die Ritterbrug proben lässt. Mehmet Aslan ermöglicht es für die Dauer seines Films, nochmal in die Haut dieses Kindes zu schlüpfen. Wunscherfüllung par excellence.

Der böse Gangster Spider macht mit seiner Spider (Murphy?) Gang die Türkei unsicher. Weil man sich dort nicht zu helfen weiß, holt man sich die Besten der Besten aus den USA: Captain America (Aytekin Akkaya), der zum Glück ausgezeichnet Türkisch spricht, seinen Kumpel Santo (Deniz Erkanat) und ihre schöne Assistentin. Messerscharf haben sie die kriminelle Methode des in ein grünrotes Spiderman-Ganzkörperkondom gehüllten Superverbrechers analysiert: Er klaut wertvolle kulturelle Artefakte (= hässliche Nippesfiguren), die angeblich „hunderttausend“ wert sein sollen, verramscht sie für wenig Geld an amerikanische Artefakthändler und kauft sie dann für große Falschgeldbeträge zurück. Was sich selbst für Menschen mit nur geringem kaufmännischen Talent nach einem doppelten Verlustgeschäft anhört – wertvolle Gegenstände unter Wert verkaufen und dann aufwendig produziertes Falschgeld verschleudern, um sie sich wieder zurückzuholen? –, muss in einer Welt, in der solche Dialoge gesprochen werden, als Supercoup gelten: Kommissar Orhan zu Captain America: „Why are you wearing masks and costumes during work?“ Captain America: „Spider is a child minded lunatic. When he sees someone wearing a mask, he wants to destroy them. My costume is bulletproof.“ Kommissar: „I see.“ Ach so, na dann.

Die Hatz auf den Schurken läuft dann ab wie ein Bond-Film ohne Schauwerte: Die Helden sind anscheinend fest davon überzeugt, dass das Verfolgen rätselhafter Hinweise und die damit verbundenen Schauplatzwechsel, das fleißige Ausspionieren von angeblich Verdächtigen und manische Durchwühlen irgendwelcher Schubladen einer streng kriminalistischen Logik folgt, aber der Zuschauer hat spätestens nach 20 Minuten komplett die Orientierung verloren: Da ist immer die Rede von einer Yacht, die der Spider Gang als Basis dient, aber im ganzen Film ist kein einziges Schiff zu sehen. Da präsentiert Santo immer wieder stolz gefundene Papierfetzen, die irgendwas beweisen sollen, ohne das man erfährt, was. Da stellt sich plötzlich heraus, dass die Bösen auch irgendwie in einem Stripclub drinhängen, und schon wird flugs die schöne Assistentin dort eingeschleust, um etwas herauszufinden, was doch eigentlich eh keinen interessiert. Denn wenn man ehrlich ist, sind Captain America und Santo als knallhart ermittelnde und kombinierende Kriminalisten vollkommen unterbelichtet. Es ist ihr Glück, dass auch der supergerissene Spider, dem die buschigen Augenbrauen aus den Gucklöchern wachsen, nicht gerade eine Low-Profile-Strategie verfolgt: So wird das lästige Verfolgen von Spuren immer wieder von kräftigen Balgereien unterbrochen, bei denen der Captain und Santo dann ganz in ihrem Element sind. 3 DEV ADAM verliert sich zum Schluss endgültig in einer Folge wilder Prügeleien, während derer sich herausstellt, dass Spider offensichtlich mehrere Doppelgänger hat oder aber magisch begabt ist. Nachdem die Helden ihn ca. fünf Mal gekillt haben ist er dann aber tatsächlich hinüber.

Ein bisschen enttäuscht war ich schon von diesem Film. Ein charismatischer Szenenfresser wie Cüneyt Arkin fehlt an allen Ecken und Enden und das einzige, was wirklich komplett durchgeknallt ist an 3 DEV ADAM ist sein Mangel an Wahnsinn. Das muss man auch erst einmal hinbekommen: Einen Film zu drehen, in dem Captain America und Santo auf Geheiß der türkischen Polizei in die Türkei kommen, um das Criminal Mastermind Spiderman dingfest zu machen, und das als beinahe bodenständigen Krimi anzulegen. Während andere Türkploitation-Vertreter regelmäßig das Raum-Zeit-Kontinuum ins Wanken bringen, eine Gefahr für den fragilen menschlichen Verstand bedeuten und ihre Zuschauer an existenzielle Grenzen und darüber hinaus führen, da bleibt dieser hier trotz seiner Anlage merkwürdigerweise krampfhaft auf dem Teppich. Klar, wenn ein Verräter vom Spiderman einer Rattenfolter unterzogen wird, statt der fiesen Nager aber possierliche Meerschweinchen zum Einsatz kommen, ist das schon ziemlich einmalig. Aber es ist eben nur ein Moment in einem Film, der einige mehr davon vertragen hätte.