Mit ‘Flavio Bucci’ getaggte Beiträge

Eriprando Viscontis LA ORCA hatte ich als geschmacklosen Skandalfilm vorverurteilt: Der gewohnt dezente deutsche Untertitel GEFANGEN, GESCHÄNDET, ERNIEDRIGT hatte seinen Teil dazu beigetragen. Tatsächlich weiß Luchino Viscontis Neffe Eriprando das „skandalöse“ Potenzial seines Films im Sinne seiner gewohnt klassenkämpferischen Sozialkritik zu nutzen – und auch sonst sehr zu überz. Mehr von mir zu diesem tollen Film, der Anfang des Jahres von Camera Obscura in einer unverzichtbaren DVD-Edition erschienen ist, gibt es auf Filmgazette.de zu lesen. Klick: hier.

Lulu (Gian Maria Volonté) arbeitet als Akkordarbeiter in einer Fabrik und schuftet sich für ein karges Einkommen den Buckel krumm. Unter seinen Kollegen ist er nicht sonderlich beliebt, weil er mit seinem Ehrgeiz dafür sorgt, dass die Anforderungen der Direktion an die Arbeiter stetig ansteigen. Nachdem Lulu bei einem Arbeitsunfall einen Finger verliert, beginnt er umzudenken und schließt sich den studentischen Protestlern an, die die Fabrik belagern und von den Arbeitern fordern, zu streiken. Doch mit seinem Engagement handelt er sich bloß die Kündigung ein …

Wie der vorangegangene INDAGINE SU UN CITTADINO AL DI SOPRA DI OGNI SOSPETTO wirkt auch LA CLASSE OPERAIA VA IN PARADISO der ungemein harsch: Man fühlt sich danach wie ein geprügelter Hund. Doch während der Vorgänger im Verlauf seiner Spielzeit immer mehr in surreale Sphären entrückte, markiert dieser Film bis zum ernüchternden Finale eine Rückkehr zu Petris neorealistischen Wurzeln. Das Leben des Arbeiters Lulu wird in seiner ganzen tristen Ausweglosigkeit gezeigt: Die bedrückend enge Wohnung, in der Lulu mit seiner Freundin Lidia (Mariangela Melato) und deren Sohn zusammenlebt, ist vollgestellt mit allerlei hässlichem und kitschigem Tand, abends versammelt man sich im Flackern des Fernsehers in der Küche, weil das Wohnzimmer ordentlich bleiben soll für den Besuch, der nie kommt. Im Bett geht abends gar nichts mehr, weil Lulu zu erschöpft ist, und morgens, wenn er Lust verspürt, schläft Lidia noch. Der Weg zur Arbeit, in dem er im Strom der Kollegen versinkt, die wie Schlachtvieh blind geradeaus laufen, wird von den Parolen der kommunistischen Studenten begleitet, die daran erinnern, dass „die Sonne für euch heute nicht scheint“. Und in der Fabrikhalle werden schließlich alle von einer Lautsprecherstimme empfangen, die die Arbeiter dazu ermahnt „ihre Maschine zu lieben“, um den bestmöglichen Ertrag zu liefern – wofür auch immer. Welchem Zweck die Klein- und Kleinstteile dienen, die sie in geisttötender Manier tagein, tagaus, ohne Unterlass und Abwechslung produzieren, das erfahren sie nicht. Kein Wunder, dass Mancher über dieser Arbeit in der Klapsmühle landet, so wie Lulus ehemaliger Kollege Militina (Salvo Randone), ein alter, geistig wie körperlich gebrochener Mann. Das Bittere ist, dass auch das Aufbegehren zur hohlen Geste verkommen ist: Sich den Intellektuellen anzuschließen, die den Arbeitskampf mit aller Konsequenz propagieren, ruft nur die Staatsgewalt auf den Plan, die die Quertreiber rücksichtslos niederknüppelt. Und der Kompromiss, die Verhandlung mit den Arbeitgebern, bringt zwar kosmetische Korrekturen und kurzfritige Verbesserungen, besiegelt aber letztlich nur das Leid der Arbeiter, die das Entgegenkommen dankbar annehmen und sich wieder in die Arbeit stürzen, die sie ruiniert und ihren Vorgesetzten die Taschen vollmacht.

Der nach der gescheiterten Revolution in Ungarn in den Fünfzigerjahren aus der Kommunistischen Partei Italiens ausgetretene Petri macht keinen Hehl aus seiner Verachtung sowohl vor dem kapitalistischen System, das Arbeiter konsequent versklavt, als auch vor dem kaum weniger eigennützigen und vor allem blinden Streben der politischen Aktivisten. Die Studenten haben es leicht, große Reden zu schwingen: Sie sind auf die Arbeit ja nicht angewiesen wie Lulu, der arbeitet wie ein Irrer, nur um ein paar Lira mehr mit nach Hause bringen zu können. Und als er seinen Job verliert, weil er ihre weltfremden Forderungen in die Tat umgesetzt hat, da hilft ihm von denen, die zuvor noch von der Einigkeit der Studenten und Arbeiter gefaselt hatte, plötzlich niemand mehr. Das Ende des Films, ein fiebrige Einstellung, die den wieder eingestellten Lulu mit seinen Kollegen zeigt, die sich an ihren Maschinen in einen wahren Rausch hineinarbeiten, der sie als einziges ihre missliche Lage vergessen lässt, ihn von einem Traum erzählen lässt, in dem er mit den anderen Arbeitern die Mauer zum Paradies eingerissen habe, ist erschütternd: Die Knechtschaft funktioniert so gut, dass die Arbeiter sie schon fast als Belohnung begreifen, obwohl die bittere Wahrheit vor ihren Augen liegt.

Wenn ich zu Beginn geschrieben hatte, LA CLASSE OPERAIA VA IN PARADISO verzichte auf surreale Anwandlungen, dann ist das etwas unpräzise: Petris Einsatz von Bild und Ton steht zwar im Dienste einer möglichst wirksamen Übersetzung der Lebenswirklichkeit ins Medium Film, doch greift er dabei durchaus zu sehr expressiven Stilmitteln: Seinen Stammkameramann Luigi Kuveiller lässt er mit der Kamera teilweise so nah ans Geschehen herangehen, dass die Bilder den Zuschauer fast zu überwältigen drohen, und der Soundtrack von Morricone steigert sich unter dem Einsatz von Maschinengeräuschen zu einer beängstigenden Kakophonie. Der ganze Film ist von einer fast mit den Händen greifbaren Unmittelbarkeit, er entwickelt seine Vision einer gesellschaftlichen Apokalypse mit einer solchen Unausweichlichkeit, dass er einen körperlich beinahe genauso in Mitleidenschaft zieht, wie die Arbeit Lulu und seine Kollegen. Kaum zu überschätzen ist auch die Leistung Gian Maria Volontés, den ich nach seinen Filmen mit Petri als einen der größten und wandelbarsten Schauspieler überhaupt bezeichnen muss: Vergleichbares leistet heute niemand mehr. Nach dem verzärtelten intellektuellen Zauderer in A CIASCUNO IL SUO und dem brutalen Karrieristen und Faschisten in INDAGINE verkörpert er hier den einfältigen, aber gutmütigen Fabrikarbeiter Lulu mit einer Glaubwürdigkeit und körperlichen Präsenz, die Ehrfurcht gebietet. LA CLASSE OPERAIA VA IN PARADISO ist ohne Volonté überhaupt nicht vorstellbar. Kann man einem Schauspeiler ein größeres Lob aussprechen? Für diesen Film gilt mithin wie für die vorangegangenen: ein berauschendes Meisterwerk von einem einzigartigen Regisseur, der dringend eine Wiederentdeckung verdient hat.