Mit ‘Florinda Bolkan’ getaggte Beiträge

Nachdem sie von einem Mann geträumt hat, der für ein Experiment allein auf dem Mond zurückgelassen wird, geschehen rätselhafte Dinge im Leben der Übersetzerin Alice Cespi (Florinda Bolkan):  Erst verliert sie ihren Job, weil sie an den vergangenen drei Tagen angeblich nicht zur Arbeit erschienen ist, dann findet sie in ihrer Wohnung das Bild eines Hotels in einem Ort namens Garma, das sie zu kennen scheint, obwohl sie sich nicht daran erinnert, jemals dort gewesen zu sein. Als sie das Hotel besucht, trifft sie mehrere Menschen, die sie unter dem Namen „Nicole“ zu kennen vorgeben und behaupten, sie auch in den letzten Tagen dort gesehen zu haben. Je mehr sich diese Behauptungen im Folgenden bestätigen, umso mehr beginnt Alice an ihrem Verstand zu zweifeln …

Als Kind besaß ich ein Sachbuch über Piraten mit tollen Illustrationen. Ich kann mich heute leider nur noch an eines dieser Bilder konkret erinnern: Es hieß „Ausgesetzt“ und zeigte einen Piraten, der zusammengesackt am Strand einer einsamen Insel  saß, das Gesicht voller Verzweiflung in den Händen vergraben, fern am Horizont das Schiff, das ihn für ein unbekanntes Vergehen zurückgelassen hatte. Die Vorstellung, zu einem Leben in völliger Einsamkeit und räumlicher Abgeschiedenheit verurteilt zu werden, ohne Hoffnung, jemals wieder in die Gesellschaft von Menschen zurückkehren zu können, hat mich als Kind schwer getroffen, ich konnte gut nachfühlen, wie schrecklich das sein musste. Ich wusste, dass ich nie so enden wollte wie dieser Pirat. Was das mit LE ORME zu tun hat? Luigi Bazzoni ist es mit seinem Film gelungen, eben jenes Gefühl, das mich damals bei der Betrachtung dieses Bildes ereilte, erneut in mir hervorzurufen. Die eröffnenden Bilder mit dem Mann auf dem Mond, der in Panik der davonschwebenden Raumkapsel hinterherrennt, wissend, dass er in Einsamkeit Tausende Kilometer von der Erde entfernt sterben wird, ohne eine Spur zu hinterlassen, prägen die Stimmung des Films massiv und auch, wenn LE ORME danach mit beiden Beinen auf dem Erdboden bleibt, so stellt sich die Situation, in der sich Alice befindet, mit laufender Spieldauer doch als kaum weniger desolat dar.

Das Geheimnis dieses großartigen Films ist wohl, dass er die Suggestion nie zugunsten der Konkretion aufgibt: Auch wenn es eine Auflösung gibt, so wirft diese letztlich doch mehr neue Fragen auf, als sie alte beantwortet. Sie beruhigt nicht, vielmehr erhärtet sie nur den schrecklichen Verdacht, der als dräuender Schatten über dem ganzen Film schwebte. Und es ist dieser Verdacht, dieses sichere Gefühl, dass da etwas nicht stimmt, das man aber nicht genau benennen kann, das diesen Film auszeichnet und das noch kein anderer Film, den ich kenne, in dieser Intensität hervorgerufen hat. Obwohl LE ORME wunderschön anzuschauen ist, liegt die eisige Atmosphäre des Todes über ihm. Alice‘ Wohnung, in der sie in fast völliger Isolation lebt, ist in kaltem, weißem, steril anmutenden Siebzigerjahre-Chic eingerichtet, in Garma wiederum herrscht diese Stimmung, die Urlaubsorte überfällt, wenn die Saison zuende und die Gäste wieder abgereist sind: als würde alles von einer großen Leere verschlungen, und der bittermelancholische, tieftraurige und zerbrechliche Score von Nicola Piovani scheint den Figuren schon den Weg ins Jenseits zu weisen, ihr Schicksal zu beweinen. Zwar erzählt LE ORME die Geschichte einer Frau, doch seine Trauer ist universal, weil er letztlich von der conditio humana selbst handelt: Menschliche Wärme ist immer nur vorübergehend und kann nur kurz über den tief im Innern vergrabenen Schmerz über die eigene Sterblichkeit hinweghelfen; alle spüren diese Leere, aber mit ihr auch die Machtlosigkeit, diese zu überwinden. Ja, es spricht tatsächlich einiges dafür, LE ORME als transzendentalen Endzeitfilm zu betrachten: Wir werden alle irgendwann sterben. Und weder Freundschaft noch Liebe werden etwas daran ändern, dass wir in diesem Moment mit uns allein sind.

Ein Meisterwerk.