Mit ‘Francesco Barilli’ getaggte Beiträge

Silvia Hacherman (Mimsy Farmer) ist eine selbstständige Frau und erfolgreiche Chemikerin – nur ihre verdrängte Vergangenheit macht ihr zu schaffen: ihren Vater, einen Schiffskapitän, sah sie nur selten, und ihre Mutter vertrieb sich die Langeweile mit einem Liebhaber, mit dem Silvia ungute Erinnerungen verbindet. Ihr zwielichtiger Bekanntenkreis – ihr konservativer Liebhaber Roberto (Maurizio Bonuglia), der etwas zu großväterlich-freundliche Nachbar Signor Rossetti (Mario Scaccia) und der Afrikaner Andy (Jho Jenkins), der flammende Reden über Schwarze Magie und dunkle Riten hält – trägt nicht gerade dazu bei, Silvias Seelenheil zu stärken: Oder forciert er gar ihren Zusammenbruch?

Francesco Barillis Debüt, das er im Alter von gerade einmal 31 Jahren nach einem eigenen Drehbuch inszenierte, ist einer von überhaupt nur zwei Spielfilmen, die der Mann in seiner knapp 40-jährigen Filmlaufbahn realisierte (seine für Genrefans größten sonstigen Errungenschaften sind die Drehbücher für Aldo Lados CHI L’HA VISTA MORIRE? und Lenzis Kannibalenfilm IL PAESE DEL SESSO SELVAGGIO). „Leider“, muss man hinzufügen, denn welche Eleganz und Subtilität er in diesem Edel-Giallo walten lässt, ist schon bemerkenswert. Es spricht für sich, dass ich IL PROFUMO DELLA SIGNORA IN NERO nach der Erstsichtung gleich nochmal geschaut habe, ohne dass der Film dabei an Wirkung verloren hätte – im Gegenteil. Er ist einer jener seltenen Glücksfälle, bei dem die geschliffene formale Gestaltung (schon die eröffnende Kamerafahrt ist ein Traum) im Dienste einer Geschichte steht, die in gleichem Maße schockierend wie traurig ist. Barilli orientiert sich unverkennbar an Polanskis REPULSION und ROSEMARY’S BABY (Christian Kessler führt in seinem Buch „Das Wilde Auge“ auch Polanskis THE TENANT als Inspirationsquelle an, aber den habe ich bislang noch nicht gesehen), lässt deren psychologischen Terror  in einer unbeschreiblichen Schlusspointe aber in handfesten Splatter münden, ohne seine Geschichte damit jedoch zu trivialisieren. Atmosphärisch erinnert IL PROFUMO DELLA SIGNORA IN NERO etwas an Avatis brillanten LA CASA DALLE FINESTRE CHE RIDONO, mit dem ihn auch die Strategie eines aufreizend langsamen und ruhigen Spannungsaufbaus verbindet, der dann geradewegs in eine Gewaltexplosion führt. Und wie in Avatis Film bleibt auch hier nach der „Auflösung“ das Gefühl bestehen, noch längst nicht die ganze Tragweite der Katastrophe ermessen zu können: Für mich der Schlüssel zu echtem Horror. Zum Gelingen tragen auch unbedingt die fragil, aber nicht schwächlich wirkende Mimsy Farmer bei, der man mit tiefem Mitgefühl auf ihrem Leidensweg folgt, und der herzzerreißende Score von Nicola Piovani, dessen klagende Streicher die menschliche Tragödie hinter den horriblen Vorgängen akzentuieren und den Eindruck von Ausweglosigkeit und Vorherbestimmung vermitteln. Ein wunderbarer Film, eine Augenweide und ein Film, der nachhaltig bewegt. Ein Meisterwerk.