Mit ‘Francis Veber’ getaggte Beiträge


Marie, die Tochter des französischen Firmenchefs Alexandre Bens (Michel Robin) verschwindet während ihres Mexiko-Urlaubs spurlos. Weil der mit der Sucher beauftragte Privatdetektiv Campana (Gérard Depardieu) keinen Erfolg hat, kommt ein Berater Bens‘ auf eine außergewöhnliche Idee: Marie war ein ausgesprochener Pechvogel, und ein ebensolcher ist Bens‘ Angestellter François Perrin (Pierre Richard), ein braver Mann, der sich unter 20 leeren Stühlen mit furchteinflößender Sicherheit genau jenen aussucht, der kaputt ist. Wenn man nun den Pechvogel auf die Spur des Pechvogels ansetzt, dann muss der zweifelsohne in dieselben Fettnäpfchen treten und so zum Ziel gelangen. Campana ist sichtbar begeistert und dass der ebenso ahnungslose wie unfähige Perrin beginnt, sich in der Rolle des Spürhunds zu gefallen, macht die Sache nicht eben leichter …

Unter ihrem Fernsehtitel EIN TOLPATSCH KOMMT SELTEN ALLEIN avancierte diese Komödie in meiner Kindheit zu einem Evergreen, das ich damals wahrscheinlich ein dutzend Mal gesehen habe und auch heute noch nahezu auswendig kenne. Im Kino unter dem ungleich blöderen Titel DER HORNOCHSE UND SEIN ZUGPFERD gelaufen und mit einer Rainer-Brandt-Synchro versehen, die er gar nicht nötig hat, überlässt es die Fernsehvertonung ganz den beiden hervorragend harmonierenden Hauptdarstellern dem geneigten Zuschauer das Zwerchfell zu perforieren. Pierre Richard ist grandios als bemitleidenswerter Pechvogel, der gar nicht bemerkt, wie hart ihm das Schicksal eigentlich mitspielt. Der Optimismus, der ihn von einem Fettnäpfchen zum nächsten treibt, nötigt einen gewissen Respekt ab und überhöht den Clown zum tragischen existenzialistischen Helden. Ihm gegenüber hat Depardieu als straight man die eigentlich undankbarere Rolle: Er ist das stand-in des Zuschauers, Augenzeuge von Perrins Unzulänglichkeit und mit seinem Gesichtsausdruck irgendwo zwischen entgeisterter Fassungslosigkeit, schadenfroher Faszination und bloßer Genervtheit die ideale Wand, an der Richard seine komödiantischen Volleys abprallen lassen kann. Aber Veber belässt es nicht dabei, Slapstick-Einlagen für Richard bereitzustellen und sie von Depardieu quittieren zu lassen. Er ringt seinem Stoff eine gewisse moralphilosophische Dimension ab, indem er Campana immer wieder in Versuchung führt, dem Pechvogel den entscheidenden Schubs zu geben, nicht nur, um dem Ermittlungsziel ein Stück näher zu kommen, sondern auch zur eigenen Belustigung. Und schließlich färbt das Pech Perrins dann auf den bulligen Privatdetektiv ab, der sich in Gesellschaft des armen Trottels zu lang in Sicherheit gewogen hat und mit dessen Überlegenheit es plötzlich vorbei ist. Eine Szene fungiert als Idealbeispiel für das Spannungsfeld, das Veber mithilfe seine beiden kongenialen Hauptdarsteller aufspannt: Die beiden sind bei ihren Ermittlungen in einem mexikanischen Knast gelandet. Folter steht auf dem Plan und auf Campanas Gesicht spiegelt sich eine Mischung aus Mitleid mit Perrin, den es seiner Erfahrung nach treffen muss, aber auch aus unverhohlener Schadenfreude und einer gewissen Überlegenheit, die besagt: „Mir kann hier gar nichts passieren.“ Sein Blick, als er aufgerufen und mitgeschleppt wird, ist mit Geld nicht zu bezahlen.

Neben den urkomischen Pointen – die Episode am Flughafen, Perrins amouröse Ambitionen, seine Wespenallergie – sind es die kleinen Details, die LA CHÈVRE von der reinen Gagparade zu einem rundum mitreißenden Erlebnis machen. Wie Pierre Richard felsenfest davon überzeugt ist, der eigentliche Boss zu sein, wie er Campana diesen gönnerhaften Knuff mit der Faust verpasst, wie er in einer zwielichtigen Spelunke mit einem Batzen Bargeld wedelt und wie Campana es einfach nicht fassen kann, das ist ganz großes Kino und schweißt einem diese beiden Figuren unauflöslich ans Herz. Ohne Frage eine der begnadetsten Komödien, die ich kenne.

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