Mit ‘Franz Antel’ getaggte Beiträge

ruf_der_waelder_articleFür DVD-Veröffentlichungen wie RUF DER WÄLDER bin ich dem umtriebigen Verleih „Filmjuwelen“ unendlich dankbar, selbst wenn sie manchmal die editorische Sorgfalt vermissen lassen, die die Filme verdient hätten (und ihre Booklets sich lesen wie Krankenakten). Nicht unbedingt, weil es sich hier um ein zu Unrecht vergessenes Meisterwerk handelt, sondern weil der Film wunderbar dazu geeignet ist, das statische Bild, das man vom deutschen kommerziellen Kino hat, einer Revision zu unterziehen. Vom Österreicher Franz Antel inszeniert, dessen eindrucksvolle Karriere in den Vierzigerjahre begann und der sich zunächst vor allem mit Heimatfilmen und leichter Unterhaltung einen Namen machte, ist RUF DER WÄLDER so etwas wie ein missing link zwischen dem betulichen Fünfzigerjahre-Kino und dem schmierigen Schmuddelkram und den Reißern der Siebziger, die man hier vor allem in den Klängen des Beat-Soundtracks heraufziehen sieht, der auch jedem St.-Pauli-Film gut zu Gesicht gestanden hätte.

RUF DER WÄLDER beginnt mit dem gemütlichen Opa Gustl (Paul Hörbiger), der den Zuschauern seinen Hund Bella vorstellt, dessen Geschichte er sich im Folgenden widmen wird. Der italienische Gastarbeiter Marcello (Terence Hill) liest den Welpen eines Tages auf dem Gelände seines Stahlwerks auf und bekommt daraufhin Ärger mit seinen deutschen Kollegen, denen das Tier ein Dorn im Auge ist. Ingenieur Prachner (Rudolf Prack), der in den Alpen eine neue Seilbahn erbaut, bietet dem als aufbrausend geltenden Italiener einen Job als Schlosser an. In dem kleinen Dörfchen angekommen, zieht der „Makkaroni“ sofort den Hass des LKW-Fahrers Kubesch (Rolf Olsen) auf sich und verliebt sich außerdem in die schöne Angelika (Johanna Matz), auf die auch der neue Förster Bernd (Hans-Jürgen Bäumler) ein Auge geworfen hat. Die Beziehung zwischen dem Fremden und der Einheimischen wird von allen mit Misstrauen beäugt, das bestätigt wird, als Marcello im Eifer des Gefechts einen Mann totschlägt. Ihm gelingt die Flucht aus der Gefangenschaft, er tötet Kubesch und trifft Angelika wieder, die ihm eröffnet, dass es nichts werden wird mit ihnen. Er schnappt sich ein Gewehr und macht sich auf den Weg gen Heimat, doch in den Wäldern kommt es zum Duell mit Bernd und dem Oberförster Matthias (Gerhard Riedmann) …

Das zeitgenössische Urteil des „Evangelischen Filmbeobachters“ bringt auf den Punkt, was RUF DER WÄLDER so spannend macht: „Ein Heimatfilm, der einige alte Klischees abbaut, um sie flugs durch neue zu ersetzen.“ Wobei man relativieren muss, denn streng genommen ist RUF DER WÄLDER kein Heimatfilm. Sicher, er spielt in der idyllischen Bergwelt der Alpen und streift vor allem auf Dialogebene genretypische Themen, etwa wenn da über die Umweltzerstörung, den geringe Wildbestand und das Wildern gesprochen wird, doch mehr als um die Proklamierung eines utopischen Raums namens „Heimat“ geht es darum, wie die Umrisse dieses Begriff zunehmend aufweichen. Bilder des qualmenden Stahlwerks bilden zu Beginn einen harten Kontrast zum Alpenpanorama, und wenn sich Antel in die Arbeiterquartiere begibt, fühlt man sich an LASS JUCKEN KUMPEL II. TEIL: DAS BULLENKLOSTER erinnert. Mit seinem italienischen Protagonisten findet die Heimatproblematik auf Figurenebene ihre Repräsentation und RUF DER WÄLDER scheint zunächst genau das zu kritisieren, was der Heimatfilm in den Jahrzehnten zuvor als Ideal ausgerufen hatte: das Abschotten nach außen, den Argwohn allem „Fremden“ gegenüber. Doch überraschenderweise vollzieht der Filme eine Kehrtwende: Die Liebesbeziehung zwischen Marcello und Angelika, so wird ihr vom weisen Prachner erklärt, habe keine Zukunft, weil das südländische Heißblut nicht zu ihr passe, es kann nicht sein, was nicht sein darf. Ein unerwarteter Umschwung, bei dem es auch daran hapert, dass Terence Hill einfach viel zu nett ist, um als Bedrohung für den Frieden durchzugehen. Er reagiert eigentlich immer nur auf die Feindseligkeit der anderen. Im Gegenzug wird Bernd als „realistische“ Alternative etabliert, ein Schachzug, der nur als reaktionär bezeichnet werden kann, tut sich der brave Förster doch vor allem durch Arroganz und Ablehnung gegenüber dem Italiener hervor. Aber Liebe muss eben mit Vernunft einhergehen, weshalb ein aufrechter Österreicher allemal besser ist als ein unzuverlässiger Italiener. Es wird so dargestellt, als ob sich hier unabänderliches Schicksal vollzieht, dabei ist die Geschichte, die zum Tod Marcellos führt, doch eine von gesellschaftlichem Versagen. Der Gastarbeiter bleibt ein bloß Geduldeter, isoliert in der Dorfgemeinde, auf den Charakter des „impulsiven Südländers“ reduziert. Und der Film, der doch damit begann, Türen aufzustoßen, muss sie am Ende umso fester verrammeln. In diesem Umschwung ist RUF DER WÄLDER dann vielleicht sogar ein besonders nachdrücklicher Heimatfilm: Er verschließt die Augen vor der Realität und hält gegen jedes bessere Wissen am Status quo fest.

Franz Antel, der Humorzerstörer, der Humorimpotente, der Mann, der keinen Witz zum erfolgreichen Höhepunkt bringt, auch wenn die Pointe nackt und mit gespreizten Beinen vor ihm liegt, schlägt mit OTTO IST AUF FRAUEN SCHARF wieder einmal erbarmungslos zu. Schon der Titel spricht Bände vom diesem Epos zugrunde liegenden Humorverständnis. Man fühlt sich unweigerlich auf den Grundschulhof zurückversetzt, als das Wort „Pimmel“ das Tor zu ewiger Glücksseligkeit sperrangelweit aufstieß und demzufolge im Zentrum ganzer Witzsalven stand. Pimmel, Pimmel, Pimmel. Vamos a la playa, ich hau dir in die Eier. Was haben wir gelacht. OTTO IST AUF FRAUEN SCHARF teilt diese kindliche, präpubertäre Begeisterung fürs Schlüpfrige, die zu einem Großteil auf Unwissenheit und der Sicherheit beruht, die aus dem Wissen resultiert, bis zum Vollzug noch einige Jahre Zeit zu haben. Irgendwie hat das was mit Sex zu tun, aber eigentlich überhaupt nicht. Antels Verhältnis zur Sexualität erinnert mich an ein Ereignis aus meiner Kindheit: Ich war wahrscheinlich 8, 9, 10 Jahre alt und stromerte an einem Sommertag durch meine Siedlung, als ich an zwei Mädels vorbeikam, die auf einem Stromkasten saßen und sich unterhielten. Sie waren ein bisschen älter als ich, 12, 13, 14, vielleicht 15, fingen an zu kichern und fragten mich von ihrer erhöhten Position herab, ob ich ihre Brüste sehen wolle. Ich war nicht wirklich interessiert, aber da ich gerade auch nichts Besseres zu tun hatte, sagte ich ja. Es war natürlich ein abgekartetes Spiel der beiden kessen Mädels: Sie hatten gar nicht vorgehabt, mir ihre Brüste zu zeigen und lachten mich lediglich ein bisschen aus. Ich ging weiter, war zwar etwas enttäuscht, aber auch irgendwie ganz froh, dass der Kelch an mir vorbeigegangen war. Mit Brüsten hätte ich noch nichts anzufangen gewusst, Masters-of-the-Universe-Figuren bedeuteten mir einfach mehr.

Genauso ist Antels Film: Schlüpfrig ist gut und witzig, irgendwas mit Sex zieht immer, aber wenn es dann drauf ankommt, kommt doch was anderes dazwischen, mit dem sich der Regisseur sichtlich wohler fühlt. Da macht er sich mit seinem Protagonisten durchaus gemein. Otto Zander (Gunther Philipp) ist Prokurist bei Bongert, ein verlässlicher, seriöser, aber durch und durch langweiliger Mann. Jeden Morgen überreicht er dem Liftboy Schirm und Koffer und marschiert dann frohen Mutes zu Fuß in den neunten Stock, wo er seine Sachen von ihm wieder entgegennimmt. Dass seine jahrelange Sekretärin gegen eine neue, jüngere ausgetauscht wurde, bemerkt er erst gar nicht, wohl aber, dass die seine Garderobe umarrangiert, den Schreibtisch aufgeräumt und den Teppich neu verlegt hat. In das Spießerdasein kommt bald Schwung, denn Zanders Chef, der Playboy Christian Bongert (Dietmar Schönherr), hat Probleme: Die Konzernmutter aus Amerika kündigt aufgrund finanzieller Unregelmäßigkeiten den Besuch eines Wirtschaftsprüfers an. Die unausgeglichenen Finanzen gehen auf das Konto Bongerts, der sich auf Firmenkosten ein luxuriös ausgestattetes Liebesnest eingerichtet hat, in dem er seinem Hobby nachgeht. Er bittet nun den komplett asexuellen Zander, sich als Sexprotz auszugeben, um die Schuld von ihm selbst abzulenken. Womit Bongert nicht gerechnet hat, ist dass der Wirtschaftsprüfer selbst eine überaus attraktive Frau ist (Teri Tordai), die ebenso Interesse an Bongert entwickelt, wie er an ihr.

Die Geschichte schreibt sich eigentlich von allein. Umso erstaunlicher, dass es schon nach kurzer Zeit nicht mehr um Zander, den asexuellen Spießer geht, der eine neue Erfüllung als Playboy findet, sondern stattdessen um alles andere. Etwa darum, dass Zander von der Polizei für 25 Jahre unfallfreies Fahren ausgezeichnet werden soll, durch einen Fehler der inkompetenten Beamtenaber plötzlich aber als  Millionenbetrüger bundesweit gesucht wird. Oder um Zanders alten Schulfreund Wackernagel (Willy Millowitsch), der Zander für den Liebhaber seiner Tochter hält und schließlich als Schizophrener eine Elektroschocktherapie des wirren Dr. Kobalt (Ralf Wolter) verabreicht bekommt. Nebenbei bändelt Christian mit der schönen Wirtschaftsprüferin an, die sich nach wie vor dumm stellt. Das Verwechslungshickhack kulminiert in einem unfreiwilligen Auftritt Zanders in der Fernsehsendung „Was bin ich“, die von Heinz Erhardt moderiert wird, und einer von Zander initiierten Cross-Dressing-Orgie im „Hippi-Keller“, die die anwesenden Blumenkinder als „Happening“ bezeichnen, obwohl Rex Gildo für die Musikuntermalung verantwortlich ist. Echten Sex gibt es kein einziges Mal (der Titelsong fordert sehr vielsagend: „Seid lieb zu einander!“) und die verzweifelte Gespielin Bongerts, die gleich zweimal unverrichterter Dinge wieder abziehen muss, kann einem fast Leid tun. So geht es auch dem Zuschauer: Das Zwerchfell schmerzt nicht vor Lachen, sondern vor lauter unerfülltem Tease. Und die zwei, drei Male, in denen sich die Mundwinkel leicht nach oben bewegen, fühlt man sich fast vergewaltigt vom bayrischen Nazi-Sympathisanten Beppo Brem und der rheinischen Frohnatur Millowitsch. Ganz hartes Brot, was man nicht zuletzt an der ungesunden Gesichtsfarbe Schönherrs erkennt. Der hätte wahrscheinlich nur allzu gern mal den Pinsel geschwungen, aber er durfte halt nicht.

blau_blueht_der_enzianBLAU BLÜHT DER ENZIAN ist die Vorwegnahme von FRIDAY THE 13TH mit den Mitteln des deutschen Lustspiels: Kitzbühel ersetzt Camp Crystal Lake, Ilja Richter, Sascha Hehn, Jutta Speidel, Hansi Kraus & Co. sind die obligatorischen Teens, der cholerische, misanthropische Millionär Morton (Heinrich Schweiger) ist Jason, Schlagerbeiträge von Bata Illic („Michaela“ und „Solange ich lebe“), Jürgen Marcus („Ein Festival der Liebe“), Chris Andrews („Sugar Daddy“), Nicki („Yuppididu„) und Wir („David und Goliath“) sind das Äquivalent zu den blutigen Splatter-Nummern, Heinos Wiederholungen im Titelsong – „blau, blau, blau“ und „ro-ro-ro“ – entsprechen dem berühmten „ki-ki-ki, ma-ma-ma“ von Harry Manfredinis Score und das Opfer sind der Zuschauer und Humor.

Der Vergleich ist natürlich Quatsch, aber was diese in den frühen Siebzigerjahren am Fließband gerfertigten deutschen Schlagerklamotten mit dem einige Jahre später in den USA entstandenen Slasherfiilm tatsächlich eint, ist die sich nicht um lausige Logik scherende Zielstrebigkeit, mit der beide zur jeweiligen Sache kommen. BLAU BLÜHT DER ENZIAN wird von einer notdürftigen „Handlung“ zusammengehalten, die einzig dazu dient, die Musiknummern damals populärer Stars und die üblichen Zoten anzustoßen. Antels Film „erzählt“ von ein paar Jugendlichen, die sich in den Ferien in der leerstehenden Hotelfachschule in Kitzbühel einfinden, um dort Urlaub zu machen. Einige von ihnen (Ilja Richter, Jutta Speidel) lernen dort, andere kommen aus dem fernen München zu Besuch (Hansi Kraus, Sascha Hehn). Die Aufsicht über das Gebäude hat Lilo (Catherina Conti), die Nichte des Hausmeisters Haselmeier (Hans Terofal), und der passiert das undenkbare Missgeschick, mit dem das ganze Elend anfängt: Beim Befüllen des Kohleofens weht ein Windstoß einen Umschlag mit 15.000 DM in die Glut, der dem strengen Direktor Ponelli (Jacques Herlin) gehört und den ihr der Onkel zum Aufpassen überlassen hatte. Nun gilt es, den verloren gegangenen Betrag innerhalb von zwei Wochen zu erwirtschaften, um der armen Lilo aus der Patsche zu helfen. Zum Glück hat der schwerreiche Unternehmer Morton, ein unfreundlicher, nie zufrieden zu stellender Kotzbrocken, soeben aus dem benachbarten Hotel ausgecheckt und ist mit seinem Gefolge (u. a. Ellen Umlauf & Eddi Arendt) auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Er landet in der Schule deren jugendlichen Bewohner ihm nun für einen Obolus von 1.000 DM am Tag Hotel vorspielen. Außerdem plant der angehende Musikmanager Stefan (Hansi Kraus) eine große Party, bei der die zahlreichen musikalischen Talente Kitzbühels auftreten und so weiteres Geld in die Kasse spülen sollen. Zum Glück wohnen die oben genannten Schlagerstars alle in dem kleinen Wintersport-Örtchen und halten gern mal ein perfekt instrumentiertes Ständchen am Telefon (Jürgen Marcus), um Stefan von ihrer Eignung für das Festival zu überzeugen.

Es ist natürlich müßig, bei einem Film wie diesem über verpasste Chancen zu reden, aber eigentlich hätte man aus dieser Prämisse eine brauchbare Komödie machen können. Immerhin fuhren in den Achtzigern Dutzende von US-Teeniekomödien mit sehr ähnlich gelagerten Underdog-Geschichten ganz gut. Aber in BLAU BLÜHT DER ENZIAN geht kurz, nachdem die Exposition absolviert ist, alles durcheinander. Da muss dann der trottelige Haselmeier den reichen Geschäftsmann geben, mit dem sich Morton eigentlich treffen will, Ilja Richter in die Rolle von Direktor Ponelli schlüpfen und Stefans Konzert interessiert bald keine Sau mehr. Eine besonders sinnlose Episode dreht sich um eine aus der deutschen Komödie nicht wegzudenkende Koffervertauschung: So steht der Hobbyzauberer Haselmeier bei seinem Auftritt plötzlich mit den Akten Mortons auf der Bühne, während der Geschäftsmann aus Haselmeiers Zauberkoffer nassgespritzt wird, alberne Papierblumen, Miniexposionen und fliegende Tauben bestaunen muss. Ein Riesengag, den man nie wieder vergisst. Oder so ähnlich. Am Ende gibt es – wie schon in TANTE TRUDE AUS BUXTEHUDE – eine Skisequenz mit den widerwillig auf den Brettern gelandeten Richter und Terofal, die ein einsamer „Höhepunkt“ ist. Und bei der finalen Konfrontation mit Ponelli taucht dann das anscheinend verbrannte Geld einfach wieder auf und Morton engagiert Stefan, weil der so ein cleveres Kerlchen ist.

Zuerst habe ich gedacht, BLAU BLÜHT DER ENZIAN sei eine Nummer besser zu ertragen als die zuletzt durchlittenen TOLLETANTENFilme, aber das war ein mehr als naiver Trugschluss. Antels Film ist etwas weniger hysterisch, aber das macht ihn nicht besser, sondern lediglich langweiliger. Die Nervtötung erfolgt hier also nicht durch Überreizung, sondern durch Unterstimulation. Und wenn man dann wehrlos daliegt, dann kommt Heino. Seine Darbietung von seinem Megahit „Blau blüht der Enzian“ mit vier Perlen, die er auf einer Almhütte abgegriffen hat, ist einfach nur gruselig. Womit wir wieder am Anfang wären. Ki-ki-ki, ma-ma-ma …