Mit ‘Franz Marischka’ getaggte Beiträge

Mit dem Verlust des bisherigen emotionalen Zentrums der Malocher-Saga geht auch der Fokus verloren, der den zweiten Teil bei aller Episodenhaftigkeit auszeichnete. Schon während der Titlesequenz vermisst man den Namen Michel Jacot, sein Protagonist Heiner Lenz fehlt im Folgenden dann an allen Ecken und Enden. In der Begründung für sein Fehlen bestätigt Marischkas dritter Film die Zweifel, die ich an der Nachhaltigkeit des Happy Ends des Vorgängers geäußert hatte: Heiner Lenz ist bei einem Betriebsunfall ums Leben gekommen, noch bevor er seine Ex-Frau Gisela (Anne Graf) erneut ehelichen konnte. Die „Sucht“ nach dem Pütt und die mit ihr verbundene Unfähigkeit zum Ausstieg aus einem krankmachenden Leben, die Marischka in DAS BULLENKLOSTER thematisiert hatte, ist Lenz teuer zu stehen gekommen. Fast wie aus Trotz schlägt MALOCHE, BIER & BETT nun aber fast ausschließlich heitere Töne an, beginnt mit der Verlobungsfeier von Lucky (Rinaldo Talamonti) und seiner deutschen Freundin Erika (Ulrike Butz) – eine kleine ruhrpöttlerische THE GODFATHER-Reminiszenz? – und läuft dann, gesäumt von anlässlich Kutters (Johannes Buzalski) Altnazitum eingeflochtenen Landserepisoden aus dem Zweiten Weltkrieg, auf eine klimaktische Doppelhochzeit hinaus: Nicht nur soll Lucky seine Erika heiraten, es sieht alles danach aus, als ob die verwitwete Gisela den Bund der Ehe mit Heiners altem Freund Jupp Kaltofen (Hans-Henning Claer) einginge. Und die Aussicht auf diese nicht zuletzt von Lucky beförderte Eheschließung ist es dann auch, die MALOCHE, BIER & BETT zum reinen, schockierenden Sozialhorror werden lässt.

Jupp ist so etwas wie der krasse Gegenentwurf zu Heiner und außerdem noch einmal gut zwei Jahrzehnte älter. War Heiner zwar schlussendlich nicht in er Lage gewesen, etwas an seinem Leben zu verändern, so verfügte er immerhin über so viel Selbstreflexion, um zu erkennen, dass er unzufrieden war, das Leben nicht so ganz das hergab, was er sich davon immer erhofft hatte. Jupp ist von solcher Einsicht weit entfernt: In schöner Regelmäßigkeit säuft er sich zu bis zur Bewusstlosigkeit, prahlt mit Weibergeschichten, die es nicht gibt oder die weit in der Vergangenheit liegen, und spult eigentlich nur noch ein Programm ab, dessen Ende für den Zuschauer, aber seltsamerweise nicht für die Figuren des Films, abzusehen ist. Dass die Verbindung von Jupp und Gisela von den Beteiligten als erstrebenswert und vor allem gut für den sechsjährigen Sohn Thomas bezeichnet wird, zeigt den Grad an Blindheit, mit der sie alle geschlagen sind. Allen fehlt der Überblick, die Perspektive, um über den Moment hinauszusehen: Sie alle schauen nur auf ihre Füße, bestrebt das Hamsterrad am Laufen zu halten, wissend, dass sie auf die Schnauze fallen, sobald sie stehenbleiben. Und so nimmt das Unheil seinen Lauf, wird die schicksalhafte Hochzeit erst in letzter Sekunde durch das Offensichtliche vereitelt: Jupp liegt wieder einmal besoffen im Bett, hat seine eigene Hochzeit vergessen und sorgt bei der Zeremonie im Standesamt, zu der er von seinen Freunden dann doch noch hingekarrt wird wie eine Leiche, für einen Eklat als er beim Ja-Wort sternhagelvoll zusammenbricht. Gut möglich, dass diese Szene und mit ihr der gesamte Handlungsstrang um Jupp und Gisela von den Machern als komisch empfunden wurde. Ich fand ihn bei der Sichtung gestern einfach nur schrecklich und deprimierend: Dass es Menschen gibt, die einfach nicht in der Lage sind, schlechte, ja katastrophische Entscheidungen als solche zu erkennen, die immer wieder dieselben Fehler machen, unfähig, das Steuer noch einmal herumzureißen, ihrem Leben eine sinnvolle Wendung zu geben. MALOCHE, BIER & BETT ist voll mit solchen Menschen. Und der heitere, muntere Ton des Films, der das größte soziale Elend noch zum Jux verzeichnet, Resignation nur als Anlass begreift, den eigenen Untergang noch stärker zu befördern, die größten Mängel seiner Figuren als liebenswerte Marotten darstellt, scheint haargenau ihrem Selbstbild zu entsprechen.

So ergibt sich auf Dauer betrachtet eine immense Diskrepanz zwischen dem Bild, das der Film vermittelt, und dem, das sich der Zuschauer selbst davon macht. Und genau das macht MALOCHE, BIER & BETT dann auch so spannend. Marischka trifft die prekäre Malocher-Mentalität wahrscheinlich besser, als ein sich in Siff und Dreck suhlendes Sozialdrama, das die Kumpel als Opfer der Umstände und als Leidende zeichnete. Nein, nein, seit Heiner weg ist, gibt es keine Klagen mehr. Dass seine Protagonisten immer noch im maroden Bullenkloster herumhängen, das im Vorgänger noch ein Ort des Schreckens war, Zeichen dafür, ganz unten angekommen zu sein, findet nicht einmal mehr Erwähnung. Welcome to the bitter end.

 

bullenkloster_dasDie wenigsten Filme brauchen ein Sequel, und die Zahl von Sequels, die besser sind als ihr Vorgänger, ist wahrscheinlich noch geringer. Vielleicht markieren LASS JUCKEN, KUMPEL! und LASS JUCKEN, KUMPEL II. TEIL: DAS BULLENKLOSTER (im folgenden schlicht DAS BULLENKLOSTER genannt) zwei goldene Ausnahmen von diesen Regeln. Machen wir uns nichts vor: Ganz sicher hätte es DAS BULLENKLOSTER nie gegeben, wenn seinem Vorgänger nicht so ein bahnbrechender Erfolg an der Kinokasse beschieden gewesen wäre: Satte vier Millionen Zuschauer beschertem den Sexfilm um eine Gruppe von immergeilen Malochern im Pott eine Goldene Leinwand. Heute absolut undenkbar. Und genauso sicher existierte kein Plan, die Geschichte des Bergarbeiters Heiner Lenz (Michel Jacot) über mehrere Teile zu strecken. Man kann sich somit ganz sicher darüber streiten, inwiefern die Fortsetzung zum Erfolgsfilm tatsächlich notwendig gewesen ist. Aber meines Erachtens ist das hinfällig, weil es Franz Marischka im zweiten Teil besser als im Vorgänger gelungen ist, eine homogene Stimmung und so etwas wie ein Thema herauszuarbeiten. Er profitiert massiv davon, dass Personal und Setting bereits etabliert sind, er sich nicht mehr lange mit der Einführung (höhö) aufhalten muss und stattdessen gleich in medias res gehen kann. (Vielleicht liegt der Fall aber auch ganz anders und lediglich ich benötigte erst etwas Anlauf, um mithin erst beim zweiten Teil voll auf der Höhe des Geschehens zu sein.)

DAS BULLENKLOSTER beginnt mit maroder Ruhrgebietstromantik: graue Betonfassaden, grauer Himmel, irgendwo ragt immer ein Förderturm in den Himmel wie ein Mahnmal. Es ist der Blick Heiners aus dem Fenster eines Busses auf dem Weg zu einem noch unbekannten Ziel. Dann hält der Bus, der Fahrer bezeichnet die Station als „Bullenkloster“ und Heiner steigt aus. Eine ältere Frau fragt den Fahrer, was das denn sei, ein Bullenkloster, und der erzählt ihr in Ruhrgebietsmundart, dass es sich dabei um ein Ledigenheim handle, ein Haus, in dem alleinstehende Männer wie in einem Kloster leben, also ohne Frauen, und daher immer geil wie die Bullen seien. Die Frau ist empört über diese grobe Beschreibung, während der Zuschauer bereits versucht, sich ein Bild von jener nach altem Schweiß und getrocknetem Sperma riechenden Tristesse zu machen, die das „Bullenkloster“ wahrscheinlich beherbergt. Vor Ort angekommen, trifft Heiner gleich einen alten Bekannten: Opa Wagner (Willy Krause), sein alter Nachbar, hat nach dem Tod seiner Ehefrau eine Bleibe und einen neuen Beruf als Hausmeister im Ledigenheim gefunden. Von ihm auf seine Ex-Frau Gisela und seinen Sohn angesprochen, reagiert Heiner gereizt: Er will von ihr nichts mehr hören. Auf seinem kleinen Zimmer bekommt er sofort Besuch von Lucky (Rinaldo Talamonti), der in der Kantine des Bullenklosters arbeitet, dort für 80 Mark ein Zimmer – später sehen wir: es ist kaum mehr als ein Verschlag – bezogen hat und ihm erzählt, dass auch der alte Kollege Kaltofen (Hans-Henning Claer) hier wohnt. Lucky lenkt Heiners Aufmerksamkeit auf die Putzfrau Trudi (Helga Bender), die den türkischen Gastarbeitern beim Putzen tiefe Einblicke bietet, sich danach durch das Schlüsselloch vergewissert, die entsprechende Wirkung bei ihnen erzielt zu haben. Luckys Ausführungen zufolge ist die ganze Belegschaft geil auf Trudi, die aber niemanden heranlasse; eine Aussage, die den Ehrgeiz Heiners weckt, der keine zehn Minuten später schon über Trudi drübergerutscht ist.

In der Kantine trifft er später noch einige Türken, mit denen niemand so recht etwas anzufangen weiß, sowie Erwin Kutter (Johannes Buzalski), der zur Freude aller Anwesenden die alte Geschichte erzählt, wie er von der Napola kommend mit „Adolf“ und „Hermann“ zu Abend gegessen habe. So geht das weiter: Nach dem Wiedersehen mit Kaltofen beschließen die beiden, zusammen einen saufen zu gehen und landen schließlich in dem Striplokal „Zum schwarzen Ferkel“, dessen Besitzer sich als der alte Kumpel Georg (Walter Kraus) herausstellt. Auch er hat sich von seiner Gattin getrennt und ist nun mit dem Star seines gammeligen Etablissements liiert, der französischen Tänzerin Minouche (Julia Thomas), die er den besoffenen Gästen ankündigt wie einen Weltstar. Es entspinnt sich im Folgenden vor allem aufseiten von Lucky und Kaltofen ein zähes Ringen um die Gunst von Trudi: Kaltofen lässt sich zu einem Boxkampf überreden, bei der er sich als echter Kerl erweisen will (und verliert), Lucky will die flatterhafte Person nach einem bedeutungslosen Sexerfolg sogar heiraten. Und Heiner treibt indessen von einem flüchtigen Abenteuer zum nächsten, ohne jemals wirklich Feuer zu fangen. Am Ende trifft er Gisela (Anne Graf) wieder und beide zeigen sich wenig glücklich mit ihrem derzeitigen Leben. Der freudige Blick des gemeinsamen Sohnes beim Wiedersehen mit dem Papa, lässt beide den Entschluss fassen, wieder zusammenzuziehen.

Was ein Happy End sein könnte und sollte, bietet nach 90 Minuten voller gescheiterter und bindungsunfähiger Existenzen, angesiedelt in einem krankmachenden Milieu ohne Aussicht auf Besserung, nur wenig Raum zur Freude. Das Vertrauen in Heiner und Gisela ist arg beschädigt, es scheint unwahrscheinlich, dass sie sich so fundamental verändern, wie es nötig ist, um eine gute Beziehung zu führen, zumal sich an den äußeren Rahmenbedingungen ihrer Existenz rein gar nichts geändert hat. Wie schon im Vorgänger wird die Arbeit im „Pütt“, im Bergbau, als eine Art Sucht beschrieben, von der die Kumpel nicht loskommen, auch wenn sie sie zugrunde richtet. Diese Sucht, das Nicht-Loskommen und das Gefangensein in den Zuständen, ist das Thema des Films, das ihn trotz aller vorgegaukelten Heiterkeit zu einer solch desillusionierenden, deprimierenden Erfahrung macht. Im Zentrum des Ganzen steht natürlich das Bullenkloster, eine fast schon absurde Einrichtung, in der sich die ganze Unmenschlichkeit von Industrialisierung und Kapitalismus spiegeln. Auf engstem Raum in schmucklosen Zimmern zusammengepfercht, bleibt den hier lebenden Männern nichts anderes übrig, als zu saufen, zu rauchen, zu zocken und zu wichsen. Kein Wunder, dass sich die beiden einzigen Frauen des Etablissements, Putzfrau Trudi und die junge Kantinenaushilfe Evelyn (Marisa Feldy), vor den Avancen der ausgehungerten Männer kaum retten können. Sex, das zeigt DAS BULLENKLOSTER sehr deutlich, ist eine Waffe, die sich das System hier ganz gezielt zunutze macht. Das Aushungern im Bullenkloster gehört genauso dazu wie das Anteasern im direkt nebenan gelegenen Striplokal, in dem die Männer sich gegen Bezahlung ihr Vergnügen erkaufen können, um sich kurzfristig abzureagieren. Es wird alles getan, die Männer bei der Stange, aber ebenso an der kurzen Leine zu halten, um sie nicht zu verlieren.

Ich würde nicht so weit gehen, DAS BULLENKLOSTER als kapitalismuskritischen Film zu beschreiben. In seiner ökonomischen Verteilung von Sexszenen bedient er sich ja einer ganz ähnlichen Strategie, wie das System, dem die Kumpel unterworfen sind. Aber umso erstaunlicher ist es, zu welchen Einsichten er verhilft. Die Schauspieler, allen voran Jacot, Claer und Talamonti, aber auch die Nebendarsteller wie die genannten Buzalski, Kraus und Krause, leisten Beachtliches und sind gerade deshalb so überzeugend, weil ihnen der Blick für das große Ganze wahrscheinlich genauso abgeht wie ihrem Regisseur Marischka. Es ist auch ihre Blindheit gegenüber der bleiernen Schwere, mit denen ihre Charaktere am Boden gehalten werden, die DAS BULLENKLOSTER zu einem so außergewöhnlichen, eigenständigen und überzeugenden Vertreter des deutschen Films irgendwo in der Grauzone zwischen Sexklamotte und Arbeiterdrama machen.

 

 

Der Anfang ist richtig toll: Der Bergarbeiter Heiner Lenz (Michel Jacot) läuft da morgens durch die Ruhrgebietstristesse zur Arbeit, die Pappe schon früh am Tag bereits total auf, wie man seinem gereizten inneren Monolog entnehmen kann. In der schnoddrigen regionalen Mundart beklagt er sich über das schmerzende Kreuz, den kaputten Magen, das Sodbrennen, die beschissene Maloche, den klammen Geldbeutel und das auf dem Nullpunkt angelangte Liebesleben mit der Gattin Gisela (Anne Graf) und kommt über diesen Umweg unweigerlich bei dem an, was das Leben noch erträglich macht, zumindest vorübergehend – das Saufen. Eine Rückblende zögert seine Einkehr in der Pinte seines besten Freundes Georgie (Walter Kraus) aber noch ein wenig hinaus. Der Versuch, sich der Gattin zärtlich zu nähern, wird vom Klingeln des Postboten unterbunden, der einen unangenehmen Brief bringt. Wegen sich häufender Fehlzeiten – Bandscheibe – wird Heiner der Lohn gekürzt. Ein grausamer Kreislauf aus Maloche, Krankheit, Frustration und Armut, dem zu entkommen ihm auch die nötige Bildung fehlt. Dann also: Pinte, Frust wegsaufen, und dem ausbeuterischen Obersteiger Eichel (Marcel Nissimoff) die Meinung geigen. Das Wissen über dessen berufliche Verfehlungen bringt Heiner die alte Anstellung zurück, auch wenn sein Arzt ihm eigentlich dringende Schonung verordnet hat.

Franz Marischka erweckt in den ersten zehn Minuten nicht nur den Eindruck, er habe wirklich etwas zu erzählen, sondern auch, als nehme er eine Haltung zu seinen Charakteren ein, die über jene ausbeuterische des fiesen Eichel hinausginge. Der Auftakt von LASS JUCKEN, KUMPEL! suggeriert eine Vielzahl von Geschichten hinter den verschiedenen Gesichtern und den braungrauen Häuserfassaden, eine Tiefe der Figuren und eine hohe Authentizität in der Milieubetrachtung, ein Feingefühl und eine erzählerische Vision, die ich von diesem Film zunächst nicht unbedingt erwartet habe. Leider enttäuscht Marischka an diese Andeutungen geknüpfte Erwartungen im Folgenden weitestgehend und konzentriert sich stattdessen auf ein sexfilmtypisches Kommen und Gehen letztlich folgenloser Nümmerchen, die kaum noch durch einen erzählerischen roten Faden, allenfalls durch das Setting zusammengehalten werden. Heiner will es mit Gisela, kann aber nicht so, wie sie es gern hätte. Gisela mag es häufig, weshalb sie jede sich bietende Gelegenheit wahrnimmt, etwa mit Fritz (André Eismann), einem aus der DDR rübergemachten Amateurfußballer, der bei dem alten, den Lenzens nur wenig wohlgesonnenen Ehepaar Wagner im Erdgeschoss zur Untermiete wohnt. Georgie, ehemals Berliner Polizist, der für die Nummer mit einer Prostituierten aus dem Dienst entlassen wurde, will es mit allen, nimmt Heiner auch mal mit in einen Privatpuff, ist ebenfalls scharf auf dessen Ehefrau und außerdem auf die minderjährige Aushilfe Ute. Seine Frau Rosemarie (Elke Boltenhagen) wiederum wird von dem heißblütigen Italiener Lucky (Rinaldo Talamonti) umgarnt, dessen unermüdliche Manneskraft sich angeblich daraus speist, dass er Wein statt Bier trinkt. Diese kurze Aufzählung des Personals dekliniert Marischka dann in allen möglichen Paarungen durch. Sein Milieu, das einen wunderbar unverbrauchten Kontrast zu den unzähligen Lederhosen-Sexfilmen jener Zeit bildet, verkommt trotz attraktiver Abbildung von maroder Industrieromantik zur Kulisse, die nicht weiter erkundet wird, und auch die inneren Monologe, in die seine Figuren immer wieder verfallen, sind weniger Beleg für eine auszulotende Tiefe, als für die Unbeholfenheit von Drehbuch und/oder Inszenierung. Besonders augenfällig wird das am Ende, wenn wie aus dem Nichts das Drama in Form eines Arbeitsunfalls Heiners zuschlägt, sich jedoch nach nur einer Szene genauso unvermittelt wieder in Wohlgefallen auflöst. Oder steckt doch mehr dahinter?

Wie viele dieser nach traditionellem Verständnis von filmischem Erzählen als Mängel zu bezeichnendne Unzulänglichkeiten aus der „literarischen“ Vorlage von Hans Henning Claer stammen, der auch eine Nebenrolle als Zechenkumpel absolviert, kann ich nicht beurteilen, sicher scheint mir aber, dass seiner Milieukenntnis die Einblicke in den Zechenalltag und die Mundart der Kumpel entspringen: Claer wusste wovon er schrieb und war selbst Bergmann gewesen (außerdem Boxer und Polizist). Und vielleicht ist die oben bemängelte wenig gebügelte, letztlich anscheinend hinter den Möglichkeiten bleibende äußere Form von LASS JUCKEN, KUMPEL! ja auch nur der kongeniale Ausdruck für das Leben der Kumpel. Die fahrige Art von Marischkas Film, in dem sich die tollen und die blöden Momente abwechseln, ein schlüssiger Gesamtentwurf immer wieder durch möglichst „aufregende“Sex-Episödchen torpediert wird, spiegelt, wenn man so will, auch das ziel- und perspektivlose Leben seiner Protagonisten wider, für die die einzigen Lichtblicke in einem ansonsten wenig beglückenden Leben die gelegentlichen Schäferstündchen und das Saufgelage im Kreise der Kollegen sind. Für große Lebensentwürfe ist da längst kein Platz mehr.

sunshine[1]Der Ostfriese Karl (Karl Dall) träumt von einer Melkmaschine, damit er seine Kühe nicht mehr von Hand melken muss, mehr aber noch von der Popsängerin Linda Lou (Isa Haller), deren Nacktplakate (?) die Wände seines Kuhstalls schmücken und deren kieksende Stimme Glas zum Zerbersten bringt (Anlass für mindestens drei vollkommen infantile Späße). Als eine Autogrammkarte von Linda bei ihm aus Ibiza eintrudelt, hält er diese im Eifer des Gefechts für einen Liebesbrief und macht sich mit seinem Drahtesel sofort auf den Weg gen Baleareninsel. Dort angekommen läuft er der Angebeteten tatsächlich über den Weg und macht auf diesem Wege Bekanntschaft mit den anderen Figuren des Films, die auch noch irgendwie da sind. Dazu gehören die beiden Jungspunde Frankie (Johnny Jürgens), Typ „jugendlicher Klappspaten mit Trichterbrust und unerklärlicher Anziehungskraft auf das andere Geschlecht“, und Slowly (Alexander Gittinger), die unverzichtbare Brillenschlange mit Überbiss und Sommersprossen, Lindas heiße Managerin Christa (Olivia Pascal), die Frankies frauenhassenden, lebenskünstlernden und fincabesitzenden Onkel Bernie (Chris Roberts) zur Liebe bekehren darf, die nymphomane Rita (Bea Fiedler), Ehefrau des manisch eifersüchtigen Besitzers der „Pension Blankenese“ Harald (Werner „Gottlieb Wendehals“ Böhm), und schließlich das freche Früchtchen Barbara (Jacqueline Elber). Man kombiniere diese Figuren in unterschiedlichen Konstellationen und stelle sich das schier unerschöpfliche Potenzial aus dumpfen Kalauern vor, das sich aus diesen ergibt, und man weiß, was einen erwartet. Was dann noch fehlt, ist das: Blind vor Liebe und berauscht vom Nachtleben Ibizas ist Karl bald pleite und muss diverse Frondienste ausüben, die wiederum Anlass für weitere Zoten sind, bis der reiche Gobrukin (Karl Dall), der dem Ostfriesen gleicht wie ein Ei dem anderen, von Karls Eskapaden erfährt und mit diesem die Rollen tauschen will, um von seiner hässlichen Gattin Suleika (Helga Feddersen) wegzukommen …

Franz Marischkas Filmografie liest sich wahlweise wie das Schwarzbuch des Autorenfilmers oder die Bibel des Deutschen-Trashfilm-Verfechters: ein schlüpfrig-frivoler Lederhosenfilm jagt den nächsten und man weiß, dass der „kreative Prozess“ bei den meisten mit der Titelfindung bereits abgeschlossen war. Dies hier ist sein letzter Film, eingekurbelt für die österreichisch-deutsche Produktionsfirma Lisa-Film, die das deutschsprachige Filmproletariat seit den Sechzigerjahren mit ihren (Erotik-)Komödien versorgte und in den frühen Achtzigerjahren ihren zweiten Frühling mit Publikumsschlagern wie den SUPERNASEN-Filmen erlebte. SUNSHINE REGGAE AUF IBIZA folgt einer knallhart kalkulierten Erfolgsrezeptur: Man nehme einen populären Komiker mit Volksbezug, einen beliebten, aber nicht zu exklusiven Ferienort, ein paar preiswerte Fernseh- und Schlagerstars, schmecke das Ganze mit einigen „pfiffigen“ Schlagern („Itzi-Bitzi Ibiza“) und Popsongs (Laid Backs Superhit „Sunshine Reggae“, der auf der DVD aus Urheberrechtsgründen fehlt) kräftig ab und garniere es zum Schluss mit reichlich nackter Haut, wippenden Brüsten und den allseits beliebten Herrenwitzen. Marischkas Film ist natürlich eine reichlich beschränkte Nummernrevue aus hohlen Zoten und spießigen Frivolitäten, weit jenseits der Grenze der Peinlichkeit. Dass ich SUNSHINE REGGAE AUF IBIZA goutieren kann, liegt längst nicht nur am unleugbaren Nostalgiefaktor, sondern vor allem daran, dass sich heutige Komödien diese Blöße einfach nicht mehr geben würden: Coolness ist alles und jeder stets darauf bedacht, bloß nicht negativ aus der Rolle zu fallen. So einen herrlich minderbemittelten Schwachsinn zu sehen, wirkt da einfach erfrischend. Klar, neun von zehn Gags zielen auf das geistige Niveau von Schimpansen mit Lernschwäche ab, aber das ist ja gerade der Spaß an der Sache. Den besten Witz gibt es gleich zu Beginn, wenn Karl Dall an einem Schild vorbeifährt, auf dem steht: „You are now leaving Ostfriesland“: Das sollte einen lebhaften Eindruck davon vermitteln, in welche Niederungen man sich bei der Sichtung dieses Films begeben muss. Dass es der Lisa-Film dennoch nie gelungen ist, mit ihrem Schwachmaten-Humor in die höheren Gefilde des Surrealismus vorzudringen, liegt vor allem an der einfallslosen Regie, die sich immer damit begnügt hat, die Kamerapositionen festzulegen und „Action“ zu rufen. Dass irgendeine Szene zweimal gedreht worden ist, kann man sich anhand des vorherrschenden Dilettantismus kaum vorstellen. Allein der minderbemittelte Schnitt macht einen fast sprachlos.

Und all das nach einem filmischen Wunder wie JOHNNY GUITAR. Fast wie Wechselduschen …