Mit ‘Fred Astaire’ getaggte Beiträge

THE TOWERING INFERNO darf als McQueens letzter wirklich großer Film gelten, doch wahrscheinlich ist es seit seinem Durchbruch in den Sechzigerjahren auch der erste, den man nicht als „Steve-McQueen-Film“ bezeichnen kann. Nicht nur, dass dem Star mit Paul Newman ein mindestens gleichrangiger Partner zur Seite gestellt wurde – Newman war jahrelang der Gradmesser, an dem McQueen seinen eigenen Karrierefortschritt bewertete, und die Antwort auf die Frage, wer von den beiden in THE TOWERING INFERNO das prestigeträchtige „Top-Billing“ erhalten würde, kostete die Produzenten großes diplomatisches Geschick und Kreativität –, Irwin Allens Film ist als Gipfelpunkt seiner Katastrophenfilm-Reihe auch ein Werk, das seine Darsteller in den Schatten der damals beispiellosen Spezialeffekte und des High Concept stellte.

Allens Filme – neben diesem vor allem THE POSEIDON INFERNO, aber auch der massiv gefloppte Bienenfilm THE SWARM und die gleichermaßen erfolglosen BEYOND THE POSEIDON ADVENTURE und WHEN TIME RAN OUT, sowie die thematisch verwandten Fernsehproduktionen FLOOD! und FIRE! – setzten auf die publikumsträchtige und gut vermarktbare Verbindung aufwändiger Spezialeffekte und stargespickter Besetzungslisten. Es sind hochgradig materialistische Filme, die so entstanden und den Zuschauer heute unweigerlich an überdimensionierte, größenwahnsinnige Jahrmarktsattraktionen erinnern. Die Schablone, nach der sie gefertigt wurden, hatte Allen dem Film AIRPORT entlehnt und binnen kürzester Zeit zur fragwürdigen Perfektion getrieben. Der Regisseur, der hinter der Kamera stand, war kaum mehr als ein besserer Fotograf, dessen Aufgabe in erster Linie darin bestand, die materiellen und menschlichen Schauwerte wirksam ins Bild zu setzen. Eine persönliche Handschrift sucht man vergebens und so sind Allens Katastrophenfilme dann auch von einer beachtlichen Homogenität und Gleichförmigkeit.

Inhaltlich zeichnen sie sich meist durch eine fast religiös anmutende Fortschritts- und Technikskepsis (was angesichts des technischen Aufwands, der da betrieben wurde, höchst ironisch ist) sowie die Beimengung manipulativer melodramatischer Elemente aus. In der Exposition von THE TOWERING INFERNO wird das moderne Hochhaus, das höchste der Welt, eingeführt, dessen Eröffnungsfeier kurz bevorsteht. Architekt Doug Roberts (Paul Newman) will sich aus dem Geschäft des „Höher, Schneller, Weiter“ zurückziehen, Bauherr Jim Duncan (William Holden) ihn natürlich behalten. Schon nach kurzer Zeit entdeckt Doug, dass Pfusch am Bau betrieben wurde: Um Kosten zu sparen, hat Simmons (Richard Chamberlain), der Schwiegersohn Duncans, billige Kabel verbaut. Diese Kabel lösen einen zunächst unentdeckt bleibenden Brand aus, der die oberen Etagen des Wolkenkratzers in eine Todesfalle verwandelt. Während die gefangenen Partygäste zu entkommen versuchen, kämpft die von Chief O’Halloran (Steve McQueen) angeführte Feuerwehr verzweifelt gegen die Flammen an. Die letzten zwei Stunden des rund 165 Minuten langen Films bestehen aus einer unablässigen Folge mehr oder minder spannender oder actionreicher Set Pieces, die jeweils die Überwindung eines neuen Hindernisses zum Thema haben und bei denen die breite Besetzung zunehmend ausgedünnt wird. Damit das den richtigen emotionalen Nachhall findet, werden da Liebespaare getrennt oder beim Schäferstündchen überrascht, alternde Damen auf halsbrecherische Klettertour geschickt, behinderte Kinder in den Flammen ausgesetzt oder treue Freunde versengt. Ein besonders beliebtes Allen’sches Mittel ist die Betonung der schicksalhaften Fügung: Bevor Sekretärin Patty (Susan Blakely) von ihrem Chef und Lover (Robert Wagner) unter dem Vorwand, einen Brief aufzunehmen, zum Schäferstündchen in sein Büro gerufen wird, in dem sie beide den Tod finden werden, bemerkt ihre Kollegin, dass sie doch schon fast in ihren Feierabend gegangen wären.

Wie die meisten in den Siebzigerjahre entstandenen Katastrophenfilme wirkt auch THE TOWERING INFERNO heute hoffnungslos überkommen – und im Grunde war er das ja auch damals schon, egal wie revolutionär seine Effekte auf seine Zuschauer gewirkt haben mögen. Es ist, als hätte es das New Hollywood und seine Idee, realistische Geschichten einfacher Leute zu erzählen, nie gegeben, als sei die Tradition des immer auch etwas angeberischen Monumentalkinos noch genauso lebendig wie 20 Jahre zuvor. Man mag in Allens Filmen einen Vorläufer des wenig später mit STAR WARS losgetretenen, heute das Gros der Hollywood-Produktionen ausmachenden Eventkinos sehen, doch ästhetisch hat er nichts damit zu tun. THE TOWERING INFERNO mutet vor allem hinsichtlich seiner Dramaturgie fast fernsehmäßig an, als hätte Allen einen Supercut aus den besten LOVE BOAT-Episoden erstellt und mit teuren Effektsequenzen aufgemotzt. Die ehrfurchtgebietende Darstellerriege wird zur Verkörperung eindimensionaler Pappkameraden durch die plüschigen Settings gejagt, die atemlose Aneinanderreihung von Attraktionen lässt zwischendurch immer wieder Zeit für das Einschieben eines Werbeblocks oder die Toilettenpause und ein ausgelutschtes, trantütiges Klischee – das Paar mit divergierenden Karriereplänen, der pfennigfuchsende, arrogante Schwiegersohn, die vom Pech verfolgten Liebenden, der die Katastrophe herunterspielende Unternehmer, der durchgreifende Feuerwehrmann, die tapferen Kinderlein, die Massenpanik, die die Katastrophe noch vergrößert, die Hornbrille Duncans – jagt das nächste. THE TOWERING INFERNO ist weniger Film als vielmehr Aufhänger für eine Marketingkampagne zur Selbstdarstellung Allens und erinnert darin an die zum dramatischen Scheitern verurteilten Bemühungen übermotivierter Provinz-Impresarios, irgendwelche ehemaligen Bundesligastars zu Fantasiesummen für ihren Kreisligaverein oder auf den Bühnen der Welt beheimatete Superstars zur Eröffnung des lokalen Möbelhauses zu engagieren. Was in der freien Wirtschaft regelmäßig zu scheppernden Konkursen führt, zog auch bald Allens Niedergang nach sich. Die Kluft zwischen der großes Entertainment versprechenden Oberfläche seiner Filme und dem, was sich darunter verbarg, fiel spätestens bei THE SWARM auch dem wohlmeinendsten Zuschauer noch frappierend ins Auge. Nach drei Megaflops in Folge war Allens Produzentenkarriere dann beendet.

Den nackten Unterhaltungswert von THE TOWERING INFERNO tut das alles keinen Abbruch. In seinem Größenwahn und seiner geschmacklosen Anhäufung von protzigen Schauwerten ist er beispiellos und ähnlich erdrückend wie die mit potthässlichem Luxussschrott zugestellte Villa eines russischen Waffenhändlers mit zu viel Geld und zu wenig Stil. Man hat nicht wirklich die Gelegenheit, sich zu langweilen, auch wenn es schon ziemlich vermessen ist, einem schnöden Brand zweieinhalb Stunden Zeit zu widmen. Doch das alles relativiert sich natürlich, wenn man bedenkt, dass es Filme über Vulkanausbrüche, Erdbeben und Springfluten gibt. Sofern man über Sinn für Humor verfügt, entfaltet das geschäftige Gewusel der Schauspieler, die durch den Film stolpern wie die prominenten Kandidaten einer Gameshow durch einen elaborierten Hindernisparcours, durchaus einen nicht unbeträchtlichen Witz. Und: Was ist das eigentlich für ein maroder Schrotthaufen, der da errichtet wurde? Da funktionieren Sprinkleranlagen nicht, fehlen Feuerschutztüren, brennen alle Sicherungen durch, sobald das Licht angeht, versagen Fahrstühle, sind Türen von verschüttetem Beton versperrt und gehen Scheiben schon beim bloßen Angucken zu Bruch. Wirklich nichts funktioniert und wie da jeder Rettungsversuch nur in einer neuen Katastrophe mündet, ist einfach urkomisch. Ebenso wie das hilflose Finale, bei dem man gefühlte 20 Minuten dabei zusehen darf, wie Wasser die Wände runterläuft und Leute enthemmt durch die Gegend purzeln. Am Ende atmen alle tief durch und Fred Astaire bekommt von O. J. Simpson sogar das kleine Kätzchen zurück. Et hätt noch emmer joot jejange. Aber ob der sich die Komik von THE TOWERING INFERNO auch Steve McQueen erschlossen hat? Der hier zum ersten Mal wirklich alt aussehende Schauspieler versieht seinen Feuerwehrhauptmann mit der Autorität und kalten Routine, die er auch seinem Bullitt verlieh. Während alle anderen panisch durch die Gegend rennen oder versuchen, sich mit smartem Lächeln gegen Allens Effektorgie zu behaupten, scheint McQueen als einziger der Überzeugung, wirklich ein tödliches Feuer bekämpfen zu müssen. Seine Nemesis Paul Newman kriegt von ihm, kaum dass er aus dem Feuerwehrauto steigt, den Marsch geblasen: Es besteht kein Zweifel, dass McQueen diesen Film genauso Ernst nahm wie alle anderen seiner Filme und er nicht dazu bereit war, sich lediglich demütig in Allens Nummernrevue einzufügen. Ihm gehört dann auch das Schlusswort, mit der prophetischen Mahnung, beim Bau von Hochhäusern auf die klugen Feuerwehrmänner zu hören. Ein bisschen gesunder Menschenverstand würde aber auch schon reichen. So sagt der Architekt Doug dann auch zum Ende, dass man die dampfende Ruine als Mahnmal stehen lassen solle, auf dass sie an all den „bullshit“ auf der Welt erinnere. Eine gute Idee. Und THE TOWERING INFERNO kann man direkt daneben stellen.

Schon komisch: Stanley Kramers Film aus dem Jahr 1959 dürfte wohl noch bis in die Achtzigerjahre hinein als „aktuell“ gegolten haben. Der kalte Krieg befand sich damals noch einmal auf einem späten Höhepunkt, der Begriff „Wettrüsten“ gehörte zum alltäglichen Sprachgebrauch, Reagan dachte über das Star-Wars-Programm S.D.I. nach, Sting sang flehend „I hope the russians love their children, too“ und im Fernsehen zeigte THE DAY AFTER, wie es uns nach einer wahrscheinlich drohenden Atombombenexplosion mit uns zu Ende gehen würde. Wer die Achtzigerjahre aktiv miterlebt hat (ich kann mich noch sehr gut an die Zeit erinnern), der weiß, dass die Angst vor dem Dritten Weltkrieg vielleicht nicht unbedingt den Alltag bestimmte, aber dennoch stets präsent war. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zum Ende des Jahrzehnts fand diese Zeit latenter Angst ein unerwartetes Ende. Und Stanley Kramers ON THE BEACH, der fast 30 Jahre lang nicht von der Zeit überholt worden war, war plötzlich eine naiv anmutende Geschichtsstunde.

Nach einem verheerenden Weltkrieg steht die Menschheit vor dem Ende. Die nukleare Katastrophe hat die Kontinente entvölkert und unbewohnbar gemacht. In Australien versammeln sich die letzten Überlebenden: die Australier, die das Glück hatten, am richtigen Ort zu leben, sowie einige Marinesoldaten, die sich dorthin fliehen konnten. Doch dort bereitet man sich nicht etwa auf einen Neuanfang, sondern ebenfalls auf das Ende vor: Jeden Tag erwartet man die Wolke, die den tödlichen radioaktiven Niederschlag bringen wird. Es ist ein Sterben auf Zeit, mit dem sich die Menschen, die noch immer nicht begreifen, was mit ihnen geschehen ist, abfinden müssen. Eine letzte U-Boot-Mission soll noch einmal erkunden, ob es weit im Norden möglicherweise doch bewohnbare Gebiete gibt, und herausfinden, was es mit den rätselhaften Funksignalen aus San Diego auf sich hat. Der U-Boot-Kommandant Dwight Lionel Towers (Gregory Peck), noch einmal frisch verliebt in die alkoholsüchtige Australierin Moira (Ava Gardner), leitet die Expedition, zu seinen Männern gehören der junge Vater Peter Holmes (Anthony Perkins), der sich mit der unbeantwortbaren Frage herumschlägt, wie man seiner Frau ein paar Selbstmordpillen für sich und das Baby überreicht, sowie der Wissenschaftler Julian Osborne (Fred Astaire), der die schreckliche Konsequenz seiner Arbeit am eigenen Leib erfahren muss.

Stanley Kramer gilt als einer der großen Liberalen und Aufklärer des Hollywood-Kinos. ON THE BEACH ist seine manchmal sehr explizite Warnung vor dem Irrsinn des Wettrüstens und der Atombombe: Seinen Wissenschaftler lässt er einmal eine flammende Ansprache halten, der Film endet schließlich mit dem Blick auf menschenleere, ausgestorbene Straßenzüge und einem prophetisch die Worte „There is still time“ verkündenden Banner. Die darin zum Ausdruck kommende Dringlichkeit ist aus der Zeit heraus zu verstehen, aber auch das Manko eines Films, der immer dann am stärksten ist, wenn er seine Protagonisten angesichts des Unbegreiflichen um Worte ringen lässt, anstatt ihnen mit wohlfeilen Botschaften gefüllte Sprechblasen in den Mud zu legen. Momente wie jener, in dem Holmes seiner jungen Frau zu erklären versucht, was es mit den Tabletten auf sich hat, die er ihr vor seiner Expedition überreichen möchte, bündeln das ganze Grauen eines schrecklichen, gewissen und unaufhaltsamen Todes. Der Dialog zweier alter Herren, die darüber trauern, dass die verbleibende Lebenszeit zu kurz ist, um die 400 Flaschen Portwein, die im Offiziersheim gelagert sind, auszutrinken (und die Gedankenlosigkeit der Organisation kritisieren, die diese Verschwendung erst zuließ), fasst die ganze Absurdität zusammen, die der Selbstmord einer so weit zivilisierten, sich selbst als „überlegen“ bezeichnenden Rasse wie der Menschheit bedeutet. Dem können die tränenreichen Abschiedsszenen, die ON THE BEACH auf 130 überlange Minuten bringen, nachdem mehrere gute Schluss-Gelegenheiten verpasst wurden, nichts hinzufügen. Gregory Peck und Ava Gardner zeigen beide mitreißende Darbietungen mit herausragenden Szenen, aber sie können nicht verhindern, dass man in ihrer Leinwandbeziehung vor allem ein Zugeständnis an die damaligen Sehgewohnheiten bzw. die Hollywood-Konvention sieht.