Mit ‘Freddie Francis’ getaggte Beiträge

Dem Verbrecher Graham (Gary Raymond) wird zur Flucht aus dem Gefängnis verholfen. Dahinter steckt der Geschäftsmann Trayne (Albert Lieven), der mithilfe von Graham in den Tower einzubrechen gedenkt, um dort die Kronjuwelen zu stehlen. Wie es der Zufall so will, sieht Graham einem der Wächter des Towers, dem braven Dick (Gary Raymond), außerdem Geliebter von Traynes Sekretärin Hope (Catherine Schell), nämlich zum Verwechseln ähnlich. Bevor das Unternehmen starten kann, muss Graham seinen Doppelgänger jedoch erst studieren, wobei ihn Traynes Partnerin Dinah (Margot Trooger) begleitet. Die beiden verlieben sich und planen, sich die Beute selbst unter den Nagel zu reißen …

Film Nr. 21 der Wallace-Reihe von Rialto ist eine deutsch-britische Koproduktion, komplett in England von Hammer-Regisseur Freddie Francis (unmittelbar nach seinem THE EVIL OF FRANKENSTEIN) inszeniert und von dessen Studiokollegen Jimmy Sangster geschrieben. Ob die Koproduktion in erster Linie zustande kam, um den Tower als Drehort zu sichern, oder ob sie möglicherweise einen Expansionsversuch darstellte, kann ich auf die Schnelle leider nicht beantworten. Fakt ist, dass DAS VERRÄTERTOR nicht an den Riesenerfolg von DER HEXER anknüpfen konnte und heute ein eher vergessener Vertreter der in Deutschland immer noch überaus beliebten Reihe ist. Verständlicherweise: Aus dem doch weitestgehend homogenen Korpus von Filmen fällt Francis‘ Beitrag denkbar weit heraus und viele der Charakteristika, die der Zuschauer von einem Wallace-Film erwartete, suchte er hier vergebens. Auch wenn der Tower ein überaus stimmungsvolles (und ja auch recht spektakuläres) Setting darstellte, dürften viele den sanften Grusel- und Mysteryeinschlag vermisst haben, der die Filme von Anfang an auszeichnete. Zwar gab es auch zuvor schon reine Krimis und Gangsterfilme innerhalb der Reihe, doch warteten diese stets mit einer Ermittlerfigur und einem unbekannten Täter auf, den es zu enttarnen galt. DAS VERRÄTERTOR verwirft diesen Whodunit-Ansatz ganz, stellt die Schurken ins Zentrum des Geschehens und erzählt keine Murder Mystery, sondern eine lupenreine Einbruchsgeschichte, für die die Ermittlungsarbeit der Polizei nur eine untergeordnete Rolle spielt. Den Löwenanteil der Detektivarbeit übernimmt Eddi Arent in gewohnt komischer Manier als Tourist: Als deutlichstes Zugeständnis an den deutschen Zuschauer ist er in diesem Film reichlich deplatziert, seine Szenen wollen einfach nicht zum weitestgehend ernsten Rest passen. Außer ihm wirken vom bekannten Wallace-Ensemble nur Kinski – ständig auf seinen Fingern herumkauend und einmal zu komischem Effekt einem ausgestopften Pferdekopf im Maul herumfummelnd – sowie Margot Trooger mit, Albert Lieven absolviert nach DAS GEHEIMNIS DER GELBEN NARZISSEN seinen zweiten Auftritt innerhalb der Reihe. Die Besetzung ist – nicht aus diesem Grund zwar, aber dennoch – das Hauptmanko des Films: Es fehlt ihm ein klares Zentrum, ein Protagonist, den man durch den Film begleitet, der als emotionale Projektionsfläche fungiert. Die logischen Kandidaten für diesen Part sind natürlich der in Gefahr schwebende Dick und seine nichts Böses ahnende Freundin oder aber sein Widerpart, der Verbrecher Graham, der in die fremde Haut schlüpfen soll und hinter dem mit Dinah ebenfalls eine attraktive Frau steht. Doch beide können die Protagonistenrolle nicht wirklich füllen: Dick bleibt eine Randfigur, über weite Strecken nur schemenhaft entwickelt und als Wachschnösel geradezu unsympathisch, Graham müsste erst eine Wandlung zum Guten nehmen, einen Konflikt durchlaufen und bewältigen, um für den Zuschauer als positive Identifikationsfigur zu funktionieren. Das ist nicht der Fall, im Gegenteil: Er erweist sich im weiteren Verlauf der Geschichte als abgebrühter Halunke, der seinen Part nicht nur mit äußerster Effizienz übernimmt, sondern sich sogar als noch abgezockter als seine professionellen Partner erweist. Dieser Mangel führt zuschauerseitig zu einer gewissen Distanz, die der Film nicht auflösen kann. Der emotionale Impact, der mit der Bedrohung für Dick und seine Hope verbunden ist, kommt einfach nicht zum Tragen.

Dass DAS VERRÄTERTOR dennoch ein recht schöner Wallace-Film geworden ist, liegt zu einem nicht unerheblichen Teil gerade daran, dass er sich vom Rest der Serie so weit abhebt. Er stellt zu einem Zeitpunkt, an dem die Reihe zu stagnieren scheint, eine willkommene „Erfrischung“ und einen ernsteren Alternativentwurf zum sonst dominanten schabernackigen Ton der Wallace-Filme dar. Bei Francis stehen weder irgendwelche lustigen Mätzchen noch einzelne „Stars“ im Mittelpunkt, er ist ganz allein seiner Story verpflichtet, die er dann auch mit einiger Spannung umsetzt. Die Abwesenheit Fuchsbergers oder Draches  begünstigt es gerade, eine unvoreingenommene Perspektive auf das Geschehen einzunehmen, sich von dem Film überraschen zu lassen, anstatt ihm von vornherein mit einer festgefahrenen Erwartungshaltung zu begegnen. Wenn man die Reaktionen auf den Film so liest, scheint das aber trotzdem nur den wenigsten gelungen zu sein. Die Rialto zog dann auch ihre Lehren aus dem Scheitern von DAS VERRÄTERTOR: Bis kurz vor Ende der Reihe, als man sich – ebenfalls mit nur noch mittelmäßigem kommerziellen Erfolg – nach Italien wandte, blieb DAS VERRÄTERTOR die letzte Koproduktion der Reihe und auch der letzte extreme Ausreißer aus einem immer noch zugkräftigen Konzept. Die nächste größere Modernisierung erfolgte erst zwei Jahre später, als mit DER BUCKLIGE VON SOHO der erste Farbfilm der Reihe entstand.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (17. Wallace-Film), Klaus Kinski (10.),  Albert Lieven, Margot Trooger  (2.). Regie: Freddie Francis (1.), Drehbuch: Jimmy Sangster (1.), Musik: Peter Thomas (10.), Kamera: Denys N. Coop (1.), Ray Hearne (1.), Schnitt: Oswald Hafenrichter (1.), Produktion: Horst Wendlandt (15.), Ted Lloyd (1.).
Schauplatz: Der Tower of London, Scotland Yard, diverse Wohnungen, ein Schiff.
Titel: Bezieht sich auf das Tor, das die Hauptfigur – ein vermeintlicher Verräter, tatsächlich ein Doppelgänger – bewacht und durch das der Einbruch erfolgen soll.
Protagonisten: Der Tower-Wächter Dick und seine Freundin Hope sowie sein Doppelgänger, der Kriminelle Graham.
Schurke: Der Geschäftsmann Trayne und seine Vasallen.
Gewalt: Diverse Erschießungen, am Schluss fliegt ein Schiff mit den Schurken an Bord in die Luft.
Selbstreflexion: Eddi Arent spricht am Ende des Films von einem Happy End.

In einem Bürogebäude besteigen fünf Männer den Aufzug, der sie jedoch erst im „Sub-Basement“ entlässt. Weil es dort keinen Ausgang gibt, beschließen die Männer das Beste aus ihrer Lage zu machen. Sie setzen sich zusammen, gießen sich einen edlen Tropfen ein und beginnen über ihre Albträume zu sprechen: 1. Harold Rogers (Daniel Massey) kehrt in einem Restaurant ein, nachdem er seine Schwester ermordet hat. Doch das Etablissemnt hat eine sehr spezielle Klientel … 2. Der penible Arthur Critchit (Terry-Thomas) terrorisiert seine in häuslichen Dingen etwas ungeschickte Gattin Eleanor (Glynis Johns) mit seinem Ordnungswahn. Als sie versucht, ein ihr in seiner Abwesenheit unterlaufenes Malheur zu beheben und dabei alles nur noch schlimmer macht, kommt es zum Konflikt … 3. Der Zauberkünstler Sebastian (Curd Jürgens) stößt bei seinem Indienaufenthalt auf eine Frau, die ihm einen verblüffenden Seiltrick vorführt, sich jedoch weigert, ihn zu verkaufen. Sebastian greift zu drastischen Maßnahmen, doch er findet keine Freude an dem neu erworbenen Trick … 4. Maitland (Michael Craig) täuscht seinen Tod vor und lässt sich lebendig begraben., um seine Lebensversicherung einzustreichen. Ein Freund soll ihn rechtzeitig exhumieren. Doch der macht sich mit der Belohnung aus dem Staub und stattdessen machen sich zwei mittellose Medizinstudenten an Maitlands Grab zu schaffen: Sie brauchen dringend einen Körper, um für ihr Examen zu lernen … 5. Der in der Karibik lebende Maler Moore (Tom Baker) findet heraus, dass er betrogen wurde: Seine Bilder sind für viel mehr Geld verkauft worden, als er jemals dafür bekommen hat. Er sucht einen Voodoo-Priester auf, dessen Zauber ihm die Fähigkeit verleiht, Bilder als Vodoopuppen-Äquivalent zu malen. Zwar hat er in der Folge viel Freude an den Porträts der Übeltäter, doch muss er dafür sein Selbstbildnis hüten wie seinen Augapfel …

Die von Roy Ward Baker inszenierte Forsetzung von TALES FROM THE CRYPT, basiert wie jener auf Geschichten der gleichnamigen Comicserien aus der Feder von William Gaines, teilt mit dem direkten Vorgänger die meisten von dessen Stärken und Schwächen, fällt insgesamt aber noch eine Ecke unspektakulärer als jener aus. Der Gewaltanteil wurde noch einmal reduziert: Für einen Horrorfilm ist THE VAULT OF HORROR ziemlich ungrafisch und gleich zweimal wird der blutige Höhepunkt nur wenig elegant mittels Freeze Frame festgehalten und so entschärft. Mit der zweiten Episode, „The Neat Job“, gibt es sogar eine offen komödiantisch angelegte Geschichte, die mit Terry-Thomas aber brillant besetzt ist und so neben der letzten und längsten Episode zum Höhepunkt des Films avanciert. Diese, „Drawn and Quartered“ betitelt, schließt dann auch noch einmal an die Highlights „Poetic Justice“ und „Blind Alley“ aus TALES FROM THE CRYPT an, leider aber ohne dabei wie diese ein wirklich griffiges, nachhaltiges Bild zustande zu bringen. THE VAULT OF HORROR bietet 90 Minuten lang sehr akzeptables und natürlich vor allem sehr sympathisches Entertainment – wer britische Horrorfilme jener Zeit mag, der wird auch hier nicht wirklich enttäuscht werden -, aber ihm fehlt der letzte Kick, ein großer Besetzungscoup, ein knackiger Spezialeffekt, eine gruselige Maske oder eben ein besonders sadistischer Einfall. Exemplarisch dafür stehen die Episoden drei und vier, aus deren Prämisse man sehr viel mehr hätte machen können und deren jeweilige Auflösungen nicht das halten können, was der Aufbau noch versprochen hatte. Der Vorteil an dieser „Unterperformance“: Die Rahmenhandlung, die wie schon jene in TALES FROM THE CRYPT sehr einfallslos und unfertig rüberkommt, verpasst dem Film keinen Dämpfer, sondern fügt sich weitaus besser ins Gesamtgefüge ein. Das klingt jetzt sehr böse und hört sich so an, als hätte ich den Film überhaupt nicht gemocht. Das stimmt nicht, er hat mir aller objektiven Schwachpunkte zum Trotz gut gefallen und durchaus Freude gemacht. Aber seine Stärken sachlich-objektiv zu verargumentieren ist nicht so einfach: Man muss einen Draht zur Stimmung dieser Filme haben, sich in ihre unaufgeregte Art, ihren Tongue-in-cheek-Humor einfinden und am besten – hier tut sich eine Parallel zwischen dem britischen Horrorfilm der Sechziger und Siebziger und dem dem italienischen Exploitationkino auf – eine Beziehung zu den Akteuren haben, die sie bevölkern, um sie richtig genießen zu können. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, dann liebt man diese Filme allesamt, ganz unabhängig von ihren jeweiligen Stärken oder Schwächen. Ich befinde mich in dieser glücklichen Lage, deswegen ist THE VAULT OF HORROR auch nur ein weiteres Puzzlesteinchen in einem großen Gesamtbild, das ich in meinem Filmseherherzen mit mir herumtrage – und auf dessen Unversehrtheit ich, analog zum Protagonisten der letzten Epsiode, auch in Zukunft sehr gut aufpassen werde.

Fünf Personen besichtigen eine alte Gruft. Dort erwartet sie bereits ein Mann, der sie fragt, wo sie herkommen und was sie an diesen unwirtlichen Platz führt. Die Personen erinnern sich: 1. Heiligabend: Joanne Clayton (Joan Collins) hat soeben ihren Gatten ermordet, als sie im Radio hört, dass ein Irrer im Weihnachtsmannkostüm umgeht. Wenig später klopft es an ihre Tür … 2. Carl Maitland (Ian Hendry) betrügt seine Gattin mit einer jüngeren Frau, mit der er ein neues Leben beginnen will. Bei einer Autofahrt geraten beide in einen schweren Unfall. Als Carl das Bewusstsein wiedererlangt, ist seine Geliebte verschwunden und alle Menschen, denen er begegnet, nehmen schreiend vor ihm Reißaus … 3. Das hutzelige Häuschen des Witwers Grimsdyke (Peter Cushing) ist einem reichen Grundstücksbesitzer ein Dorn im Auge. Mit perfiden Mitteln treibt er den alten Mann schließlich an einem Valentinstag in den Selbstmord. Genau ein Jahr später erhält er selbst eine Valentinstagskarte … 4. Der Unternehmer Ralph Jason (Richard Greene) hat sich mit dubiosen Finanzspekulationen hoch verschuldet. Eine Statue, die er und seine Frau vor Jahren aus dem Urlaub mitgebracht haben und die ihrem Besitzer angeblich drei Wünsche gewähren soll, soll Abhilfe schaffen. Doch die Wünsche gehen allesamt nach hinten los …
5. Der eiserne Major William Rogers (Nigel Patrick) übernimmt die Leitung eines Heims für Blinde und beginnt sein Regiment mit eiserner Hand. Der blinde George Carter (Patrick Magee) mahnt ihn zur Nachsicht mit den Bewohnern, doch der ehemalige Soldat hört nicht auf ihn. Als einer der Blinden verstirbt, bekommt er die Quittung serviert …

Die erste Verfilmung von Geschichten der populären gleichnamigen amerikanischen Horrorcomics von William M. Gaines fügt sich relativ nahtlos in die Reihe der Episodenfilme ein, mit der die britische Produktionsfirma Amicus den schwächelnden Hammer-Studios in den Siebzigerjahren Konkurrenz machte. Statt des grellen Humors und der saftigen Splattereffekte, die die späteren Fernsehadaptionen der Comics in den USA auszeichneten, setzt Freddie Francis auf etwas leisere, aber kaum weniger humoristische Töne. Und das steht den Schuld-und-Sühne-Geschichten sehr gut zu Gesicht, weil ihr menschlicher Kern so stärker betont wird, wo die genannten US-Episoden sich doch eher in den sadistischen Rachefantasien ergehen: Sie bieten vielleicht mehr Schauwerte, sind aber eben auch eindimensionaler. Zentrum von TALES FROM THE CRYPT ist eindeutig die dritte Episode namens „Poetic Justice“. Sie profitiert von der Besetzung mit dem großartigen Peter Cushing als liebenswerter, kinder- und tierfreundlicher Witwer Grimsdyke, einer Rolle, die etwas abseits seiner sonstigen asketischen Vernunftmenschen angesiedelt ist und dank seiner herzzerreißenden Darbietung das emotionale Zentrum des Films bildet. Auf ähnlichem Niveau befindet sich die finale Episode „Blind Alleys“ um Patrick Magee, die gemeinsam mit „Poetic Justice“ auch rein längenmäßig den Löwnenateil des Films ausmacht. Die drei restlichen Episoden mit ihrer Laufzeit von gerade einmal zehn bis fünfzehn Minuten  verkommen gegenüber diesen Glanzlichtern leider zu besserem Füllmaterial. Es ist eben nicht ganz leicht, in dieser Kürze einen funktionierenden Spannungsbogen zu entwickeln. Trotzdem haben auch diese Episoden einen unverwechselbaren makaber-staubigen Charme und vielleicht profitieren sie sogar von ihrer knackigen Kürze: Dass sie nicht gerade wahnsinnig originell sind, fällt so jedenfalls kaum ins Gewicht.

Einziger echter Schwachpunkt des Films ist somit die Rahmenhandlung, die ihren Alibicharakter nicht verbergen kann, sehr halbherzig wirkt und darüberhinaus auch nicht wirklich Sinn ergibt: Es stellt sich – für jeden Kenner solcher Filme absolut vorhersehbar – heraus, dass alle fünf Personen Tote sind, die in der Gruft quasi Zwischenstation auf ihrem Weg zur Hölle machen. Ihre in den Episoden geschilderten Taten sind die Sünden, für die sie nun ihre vermeintlich gerechte Strafe bekommen, was ziemlich gemein ist, wenn man bedenkt, dass sie diese doch bereits in Form eines äußerst unangenehmen Todes erhalten haben. Das darf man schon als schludrig bezeichnen. Natürlich ist die Rahmenhandlung bei einem solchen Film nicht wirklich entscheidend, weil es in erster Linie doch um die Episoden selbst geht, aber dass man auch diese lästige Pflicht mit Kreativität und Sorgfalt erfüllen kann, beweist etwa der wie TALES FROM THE CRYPT ebenfalls von Milton Subotsky gescriptete und Freddie Francis für die Amicus inszenierte DR. TERROR’S HOUSE OF HORRORS von 1965. Vielleicht war die Luft sieben Jahre später auch einfach etwas raus.