Mit ‘Frédéric Gorny’ getaggte Beiträge

Frankreich in den frühen Sechzigerjahren. Während auf der anderen Seite des Mittelmeeres der Algerienkrieg tobt, werden vier junge Leute langsam erwachsen: Der introvertierte Francois (Gael Morel) entdeckt seine Homosexualität und verliebt sich in seinen Mitschüler Serge (Stéphane Rideau), dessen Bruder in Algerien sein Leben verliert. Henri (Frédéric Gorny), ein Algerienfranzose, rebelliert und versucht nur sehr widerwillig im dritten Anlauf, das Baccalauréat an der gemeinsamen Jungenschule zu machen. Maité (Èlodie Bouchez) sympathisiert mit dem Kommunismus und steht zwischen den Jungen: Francois ist ihr brüderlicher Freund und Serge hat ein Auge auf sie geworfen. Während sie sich auf ihren Abschluss vorbereiten, begeben sie sich auf die Suche nach ihrer sexuellen und politischen Identität.

In seinem preisgekrönten Film zeigt André Téchiné wie das geht mit dem großen, gesellschaftlich wie künstlerisch und emotional relevanten Kino. Da wird nichts ins Drehbuch geschrieben, um irgendeine Quote zu erfüllen, und als Zuschauer hat man nie das Gefühl, einer Lektion beizuwohnen. Wie im zuletzt gesehenen LES TÉMOINS entwickelt Téchiné seine Geschichte ganz organisch aus seinen Charakteren, denen er völlig vorurteilsfrei gegenübersteht, mit all ihren jugendlichen Spinnereien und Marotten. Diese Haltung ist der Geburtshelfer großartiger, komischer wie ergreifender kleiner Momente: Serge, der sich vor Maité nur mit Unterhose bekleidet in einen kalten See stellt, damit seine hartnäckige Erektion verschwindet; Henri, der immer mit einem Radio am Ohr herumläuft, das Kriegsmeldungen überträgt, und am Ende mit einem Benzinkanister vor der Parteizentrale der Sozialisten steht; Francois, der in seiner Verzweiflung über seine Gefühle für Serge einen alternden Schuhverkäufer in seinem Geschäft um Rat fragt, von dem es heißt, er sei homosexuell; Maité, die sich für den abschließenden Badespaß einen gelben Badanzug kauft und dann verschämt meint, sie sehe darin aus wie ein Kanerienvogel. Bei Téchiné hängt alles zusammen, Politik, Sexualität, Identität: Man nennt das auch „Leben“. Und sein Film ist vor allem eine Zelebrierung dieses Lebens.

Wie auch in LES TÉMOINS fällt einem in LES ROSEAUX SAUVAGES sofort dieses Licht auf, das alles illuminiert wie ein impressionistisches Gemälde. Beide Filme kreisen um die Unbeschwertheit der Jugend, ihr Vorrecht, sich auszuprobieren, Freude und Genuss zu priorisieren, um die Schönheit, die damit einhergeht. Und beide Filme spielen vor allem im Sommer, einer Zeit, in der sich da Leben besonders gut genießen lässt, in der man draußen ist, in der Natur, unter Freunden. Aber so, wie nach de Sommer unweigerlich Herbst und Winter kommen, ist auch bei Téchiné immer klar, dass Unbeschwertheit nicht von Dauer sein kann. Zum Leben gehören auch die Tiefen, Sorgen, Ängste, Schicksalsschläge. Gut zu leben heißt nicht, solchen Zuständen auszuweichen, sondern mit ihnen umzugehen, weiterzumachen, den Blick hoffnungsfroh nach vorn zu richten. Das Leben geht weiter, es ist tatsächlich so banal, und der nächste Sommer kommt bestimmt. In LES ROSEAUX SAUVAGES sind es der Krieg, der Tod eines jungen Mannes, die nicht erwiderte Liebe, der Rauswurf aus der Schule und eine kranke Mutter, die den Protagonisten zusetzen und sie auf die Probe stellen. Wie sie damit umgehen, das müssen sie lernen. Am Ende wissen sie immer noch nicht so genau, wie das geht, aber sie haben die Zuversicht, ihr Leben meistern zu können.

Von LES ROSEAUX SAUVAGES war ich ehrlich gesagt begeistert, noch mehr als von LES TÉMOINS, aber es ist schwierig, die Begeisterung in Worte zu fassen. „Zelebrierung des Lebens“, das klingt banal, irgendwie nach fürchterlichem Deutschpop, Werbefernsehen und inhaltsleerem Hedonismus. Aber das ist es bei Téchiné nicht: Wahrscheinlich muss man ein intellektueller französischer Filmemacher sein, um das hinzubekommen, Lebensfreude und Geist zu vereinen – und natürlich dieses magische Licht einzufangen.