Mit ‘Fredric March’ getaggte Beiträge

tick-_tick-_tickSpannend, sich vorzustellen, wie dieser Film wohl ausgesehen hätte, wäre er nur ein, zwei Jahre später entstanden, nachdem SHAFT die Ära der Blaxploitation eingeläutet hatte. Das unter Nelsons Regie eher ruhige, unspektakuläre Rassismus-Drama, dessen „Showdown“ aufgrund geglückter De-Eskalationsstrategie gar nicht erst stattfindet, hätte wohl einen deutlichen Testosteronschub erhalten und sich die Gelegenheit nicht nehmen lassen, Jim Brown mit stählernen Fäusten und großkalbrigen Knarren bewaffnet auf Rassistenjagd zu schicken. So geht es in TICK … TICK … TICK … aber (leider) nicht um wohltuende Triebabfuhr durch explosive Redneckbestrafung. Dass Nelsons Film dadurch automatisch „realistischer“ würde, möchte ich, in Unkenntnis der damaligen Verhältnisse zwar, aber dennoch, bezweifeln. Ralph Nelson, der sich im selben Jahr mit dem umstrittenen SOLDIER BLUE für die Belange der amerikanischen Ureinwohner einsetzen sollte, meint es gewiss ernst und hat einige interessante Gedanken zur friedlichen Koexistenz von Afroamerikanern und Weißen, aber leider trifft er nicht immer den richtigen Ton.

In einer Kleinstadt im Bundesstaat Mississippi bereitet sich Sheriff Little (George Kennedy) auf seinen Abgang vor. Am nächsten Tag soll Jim Price (Jim Brown), ein Schwarzer, den Posten übernehmen, ein Ereignis, dem die weißen Rassisten des Ortes mit sadistischer Neugier entgegensehen und den Fehltritt des unliebsamen Neuen, der nur eine Frage der Zeit ist, sehnlichst erwarten. Little, zwar verletzt wegen seiner Abwahl, aber ein gemäßigter Vertreter inmitten der tosenden Dummheit, steht dem unbeugsamen, aber auch etwas undiplomatischen Price zur Seite. Das ist auch bitter nötig, als der Sheriff den Sohn eines einflussreichen Politikers wegen Totschlags verhaftet …

Nelson beleuchtet den Grundkonflikt von unterschiedlichen Seiten, zeichnet die weiße Stadtbevölkerung nicht ausschließlich als schäumende Schwarzenhasser, sondern zeigt auch, wie politische Interessen die Situation noch anheizten. Dass Price die Position des Sheriffs überhaupt erringen konnte, verdankt er nicht zuletzt der Hilfe von Bürgerrechtlern von außerhalb, die längst das Weite gesucht haben, als er seinen Arbeitsplatz bezieht. Little hat zwar Recht, wenn er die wütenden Weißen daran erinnert, dass es keine „schwarzen“ und „weißen“ Stimmen, sondern nur Stimmen in einer Wahl gibt und die Mehrheit eben siegt, aber dass da ein gefährliches sozialpolitisches Experiment auf dem Rücken der Bürger – und dem von Price! – ausgetragen wird, ist nicht von der Hand zu weisen. Price hat aber längst nicht nur mit Vorurteilen von Rechts zu kämpfen: „Seine“ Leute erwarten von ihm nun ihrerseits eine Sonderbehandlung, wundern sich, als er einen Vergewaltiger verhaften will und bezeichnen ihn als Verräter, weil er keinen Unterschied zwischen Weiß und Schwarz macht. Unterlegt wird der Film vom titelgebenden unablässigen Ticken verschiedener Uhren, das wohl daran erinnern soll, auf welchem Pulverfass Price sitzt. Unterminiert wird dieser Kniff aber durch den allzu versöhnlichen Plotverlauf: Die drohende Gefahr kann durch die Zusammenarbeit von Schwarzen und Weißen am Ende leicht und ohne Blutvergießen abgewehrt werden und selbst der unversöhnlichste Redneck hat schließliche Resekt vor dem mutigen Sheriff, der kein Geheimnis daraus macht, Ambitionen auf das Amt des Bürgermeisters zu haben.

Nelson vertraut auf die menschliche Vernunft, was ihn gewiss ehrt, TICK … TICK … TICK … aber auch etwas naiv anmuten lässt. Hinzu kommen einige fragwürdige Entscheidungen wie jene, die Jagd auf den Totschläger, der kurz zuvor im Suff ein kleines Mädchen totgefahren hat, als munteren Ringelpiez mit abschließendem Badespaß zu inszenieren, der völlig vergessen lässt, dass da gerade ein Mensch sein Leben gelassen hat. Auf der Habenseite verbucht er aber die wunderbaren Darbietungen von Kennedy als mit sich selbst haderndem Ex-Sheriff, dessen Wunden von seiner kritischen Gattin zusätzlich mit Salz bestreut werden, und Fredric March als patriarchaischem, aber nicht mehr ganz taufrischem Bürgermeister, der die Bürger seiner Stadt behandelt wie der strenge Lehrer seine Schüler. Entgegen seines ernsten Themas, das ja oft Anlass für mahnende Lehrstunden à la MISSISSIPPI BURNING oder IN THE HEAT OF THE NIGHT war, ist TICK … TICK … TICK … also ein eher entspannter Film geworden. Vielleicht ist es vor allem die Verwunderung darüber, dass ich nicht hunderprozentig warm mit ihm geworden bin.

 

 

Paris: In einem Zugabteil lernen zwei eng befreundete amerikanische Künstler – der Schriftsteller Tom (Fredric March) und der Maler George (Gary Cooper) – die Werbezeichnerin Gilda (Miriam Hopkins) kennen – und alle drei verlieben sich Hals über Kopf ineinander. Als die beiden Männer, die sich ein Apartment teilen, erfahren, dass der jeweils andere mit Gilda intim geworden ist, steht eine Entscheidung ins Haus und so beschließen die drei Verliebten, einfach nur noch Freunde zu sein. Künstlerisch profitiert vor allem Tom davon: Gildas strenge Kritik beflügelt ihn und sein neuestes Stück soll dann auch in London aufgeführt werden. Seine Abreise macht aber den Weg frei für George, dem erfolgreichen Tom bleibt von der geliebten Gilda nur noch ein Abschiedsbrief. Der Geschasste ist aber nicht bereit, diese Schmach auf sich sitzen zu lassen. Doch statt einer Entscheidung zu seinen Gunsten bringt der folgende Eklat das große Zerwürfnis: Gilda lässt beide Männer zurück, um ihren Chef, den kühlen Geschäftsmann Plunkett (Edward Everett Horton) zu heiraten …

DESIGN FOR LIVING – meiner Gattin letztes Jahr die schönen Criterion-DVD zu Weihnachten geschenkt, bis jetzt im Regal reifen lassen – markiert den Startschuss für eine kleine Blog-Qualitätsoffensive. Nachdem ich dieses Jahr fast ausschließlich Genrefilme und Exploitationzeug geschaut und mich dabei k(aum )ein Stück aus meinen gemütlichen Nischen hinausbewegt habe, werde ich das Jahr mit Hochklassigem beschließen, das sich zum Teil auch schon jahrelang bei mir türmt und Staub ansetzt. Das ist für mich spannender und wahrscheinlich auch für meine Leser: Wie man vielleicht gemerkt hat, ist mir zu den letzten Filmen kaum noch was Schlaues eingefallen, es hatte sich so eine ungute Routine eingeschlichen. Höchste Zeit also, mal aus dem eigenen Mief an die frische Luft zu treten, vom festgetretenen Pfad abzuweichen und sich für neue Eindrücke in die Büsche zu schlagen. Und was für ein Hauch Frischluft dieser Lubitsch-Klassiker ist! Verstopfte Poren, getrübte Sinne und verklebte Synapsen werden hier mit Verve und Esprit durchgepustet, sträflichst unterforderte graue Zellen laufen gleich wieder auf Hochtouren. Und zwischen den Beinen verspürt man ein leichtes, aber nachdrückliches Kribbeln …

DESIGN FOR LIVING stammt aus einer Zeit, als wirklich noch alles, alles gut war in Hollywood. Nur ein Jahr später trat der Hays Code in Kraft, jene verpflichtende Sammlung moralischer Richtlinien, die ein mutiges, aufmüpfiges, anzügliches Kino für Jahre unmöglich machen sollte. Als der Hays Code 33 Jahre später wieder abgeschafft wurde, war die Schere bereits erfolgreich im Kopf amerikanischer Filmemacher implantiert worden. Einen derart locker-flockigen Umgang mit Sexualität und Beziehungsleben, wie ihn Lubitschs Protagonisten hier an den Tag legen, ist man heute kaum noch gewohnt. Und die rhetorische Subtilität und Eleganz, mit der sie darüber parlieren, natürlich auch nicht. Wenn Dialoge heute schmuckloser Mittel zum Zweck sind, Krückstock für faule und halbbegabte Schreiber, sind sie hier nicht nur Quelle des Humors (freilich nicht die einzige), sondern auch wichtiger persönlicher Ausdruck der Charaktere. Auch die Platzierung der Figuren zueinander ist hier nie willkürlich, verrät immer etwas über ihre Beziehung zueinander und ist der Ausgangspunkt für ein meist munteres Schachspiel. Man beachte die Auftaktszene im Zugabteil oder aber jene Szene, in der Gilda den Männern gesteht, in beide verliebt zu sein: Obwohl beide in ihrer Anlage eher statisch sind, sind sie voller Bewegung. Nie herrscht Stillstand, alle sind ständig in Bewegung. Das emotionale Tohuwabohu schlägt sich eben in einem ständigen Wechsel der „Machtpositionen“ nieder.

Das impliziert schon einen weiteren, wohl den wichtigsten Aspekt von Lubitschs Film: Miriam Hopkins Gilda schlüpft in eine typischerweise dem Mann zugeschriebene Rolle. Sie ist es, die zwischen zwei ihr ergebenen Männern wählen muss und dabei das Heft niemals aus der Hand gibt. Aber nicht nur die etablierten Rollen werden hier lustvoll über Bord geschmissen, es wird auch gleich mit altmodischen Beziehungsmustern aufgeräumt. Wie der Titel des Films schon sagt: Es geht für die Protagonisten darum, ein für sie lebbares Lebenskonzept zu finden. Die brave monogame Zweierbeziehung ist für Gilda nicht denkbar, weil sie Tom und George gleichermaßen liebt. Und die beiden Männer teilen die Frau, die sie lieben, lieber mit ihrem besten Freund, als ganz auf sie verzichten zu müssen. Die logische Folgerung, eine dreiköpfige Interessengemeinschaft zu bilden, die unter Verzicht auf Sex zusammenlebt, wird hier mit allergrößter Selbstverständlichkeit gezogen. Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen.

Es ließe sich viel mehr über DESIGN FOR LIVING sagen. Darüber, was er über Kunst und Beruf generell zu sagen hat, über die Verknüpfung von Beruf und Privatleben, zum Beispiel. Vielleicht beim nächsten Mal. Einmal schauen ist für dieses Meisterwerk ja sowieso zu wenig.

John Russell (Paul Newman) wurde als Kind von Apachen entführt und aufgezogen, dann von einem Weißen aufgegriffen und mit der Zivilisation vertraut gemacht, bevor er zu den Indianern zurückkehrte. Der Tod seines weißen Ziehvaters führt ihn wieder in die Stadt, wo ihn der Alltagsrassismus, der ihm entgegenschlägt, wieder daran erinnert, warum er sich aus der Gesellschaft der Weißen einst zurückgezogen hatte. Doch dieselben Menschen, die die Indianer verachten, sind bald glücklich, einen in ihrer Mitte zu haben: Als die Bande von Cicero Grimes (Richard Boone) die Postkutsche überfällt, mit der auch John reist, und ihn und die anderen Passagiere in der Prärie aussetzt, leitet Russell den Gegenangriff …

HOMBRE ist nach THE SPY WHO CAME IN FROM THE COLD gleich in mehrerlei Hinsicht ein Art Rückkehr für Ritt: Ganz wörtlich, weil er ihn nach dem Abstecher in die alte Welt wieder in seiner Heimat produzierte, aber auch weil er erneut – zum mittlerweile sechsten, aber auch letzten Mal – mit seinem Lieblingsschauspieler Paul Newman und – zum dritten und vorletzten Mal – mit Cinematographer James Wong Howe zusammenarbeitete und bildlich, weil er sich inhaltlich wieder mit dem Thema Rassismus im Besonderen und dem Konzept von „Rasse“ im Allgemeinen auseinandersetzte, Themen, die bereits EDGE OF THE CITY und THE OUTRAGE geprägt haben.

HOMBRE erzählt von einem Wanderer zwischen den Welten – was aber nicht ganz richtig ist, denn ist sein Protagonist der Erbanlage nach auch eindeutig ein Weißer, so hat er sich doch ebenso eindeutig für ein Leben als Indianer entschieden. Und nichts deutet darauf hin, dass er von diesen nicht als vollwertiges Mitglied akzeptiert würde oder sich nicht selbst als solches empfände. Wenn er die Stadt der Weißen aufsucht, ist er so klug, als solcher aufzutreten, seine langen Haare abzuschneiden und sich entsprechend zu kleiden, aber es spricht Bände, dass er dabei aussieht, als trüge er ein Kostüm. Paul Newman ist alles in diesem Film: Er dominiert ihn mit einer stoischen Ruhe, die man als Filmseher automatisch mit den klischierten noble savages verbindet, die von den Weißen aber eben gerade nicht als besonders reizvoll oder edel betrachtet wird, sondern die sie im Gegenteil als Angriff empfinden. Und, ja mit der Distanz denen gegenüber, die ihn nicht mehr als einen der ihren, sondern als einer minderwertigen Rasse zugehörig betrachten, macht er sich im Verlauf des Films selbst schuldig.

Als Cicero Grimes in die Poststation kommt, kein Ticket mehr für die Kutsche erhält, die er doch mit seinen dieser auflauernden Kumpanen überfallen will, und daher zunächst versucht, Russell unter Androhung von Gewalt dessen Ticket abzuschwatzen, kommt diesem ein anderer Passagier, ein Soldat, zu Hilfe. Als Cicero daraufhin von Russell ablässt und sich nun eben diesem Soldaten zuwendet, hofft dieser wiederum auf die Unterstützung Russells – doch sie kommt nicht. Russell verteidigt sich später damit, er habe nicht um Hilfe gebeten, aber er kann den Vorwurf, dass seine Passivität asozial ist, nicht entkräften. Auch wenn er die Passagiere später durch die Wüste führt, ihnen bei ihrem Überlebenskampf beisteht: Er tut dies nicht aus Menschenliebe, sondern aus Indifferenz. Russell hat mit den Menschen – den Weißen – abgeschlossen. Das macht ihn zu einem Verwandten von Hud Bannon aus Ritts HUD. Er hat zu viel Schlechtigkeit gesehen und erlitten, als dass er sich noch irgendwelchen Illusionen hingeben würde. Aber diese Haltung erweist sich als nicht lebbar, weil sie den Kreislauf des Leidens perpetuiert, anstatt eine Zäsur zu erwirken, ein Zeichen der Menschlichkeit zu setzen. Russell ist ein Opfer, bei dem der Rassismus klaffende Wunden und schlecht verheilte Narben zurückgelassen hat. Er ist ein zerstörter Mensch, der keinen Beitrag zu ihrem Erhalt mehr leisten kann und will. Bis ganz zum Schluss, als er die einzig mögliche Konsequenz zieht.

HOMBRE hat den deutschen Titel MAN NANNTE IHN HOMBRE. Das ist Unsinn, weil es suggeriert, „Hombre“ sei Paul Newmans Rollenname, ein Spitzname, der den Protagonisten besonders hervorhebe. Aber niemand heißt „Hombre“ in Ritts Film. „Hombre“ ist Spanisch und heißt „Mann“, „Mensch“ und, was die Botschaft des Films wohl auf den Punkt bringt: „Erdenbürger“.