Mit ‘Fritz Umgelter’ getaggte Beiträge

schuesse_aus_dem_geigenkastenIn Pasadena wird eine Sängerin von einer Ganovenbande überfallen und gemeinsam mit ihrem Produzenten erschossen. Einige Tage später ereilt ein Farmerehepaar in der Nähe von Chicago dasselbe Schicksal. Das FBI findet heraus, dass beide Verbrechen zusammenhängen. Mr. High (Richard Münch) betraut Jerry Cotton (George Nader) und Phil Decker (Heinz Weiss), seine beiden besten Männer, mit der Aufklärung des Falles. Eine Zeugin verrät kurz vor ihrem Tod, dass hinter den Taten ein gewisser Christallo (Hans E. Schons) steckt, der zur Tarnung seiner illegalen Aktivitäten eine Bowlingbahn in New York betreibt. Und er plant schon seinen nächsten Coup, den Einbruch in eine mit Juwelen vollgestopfte Privatwohnung. Zur Ablenkung wollen die Verbrecher einer Bombe in einer nahe gelegenen Schule zünden. Um dies zu verhindern, dient sich Cotton Christallo als Handlanger an …

Die Heftromanserie um den „G-Man Jerry Cotton“ wurde 1954 ins Leben gerufen und begründete den bis heute anhaltenden Erfolg des Bastei-Lübbe Verlags. Auf über 850 Millionen Exemplare beläuft sich angeblich die Gesamtauflage der Reihe bis heute. Vor ein paar Jahren erlebte sie unter dem Titel „Jerry Cotton Reloaded“ gar ein zeitgemäßes Reboot als Hörbuchreihe: Der Anschlag von 9/11 fungiert dort als ideelle und berufliche Geburtsstunde des FBI-Manns. Von solch konkretem Gegenwartsbezug merkt man in dem 1965 entstandenen ersten Jerry-Cotton-Film (sieben weitere sollten bis 1969 im Rekordtempo folgen) nichts. Regisseur Fritz Umgelter hatte in den späten Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren einige Kinofilme gedreht, war aber fast ausschließlich fürs Fernsehen tätig, als er SCHÜSSE AUS DEM GEIGENKASTEN inszenieren durfte (zehn Jahre zuvor hatte er die Live-Aufführungen der Augsburger Puppenkiste betreut). Das erste Leinwandabenteuer des schlagkräftigen FBI-Agenten verwaltet er mit sachlichem Professionalismus, den böse Zungen auch als Mangel an Inspiration bezeichnen könnten. Ganz Unrecht hätten sie nicht: Während die zur selben Zeit im Zuge der James-Bond-Reihe reüssierenden Eurospy-Filme mit poppigen Farben, schönen Frauen und technischen Gimmicks aufwarteten, ist SCHÜSSE AUS DEM GEIGENKASTEN bemerkenswert schmucklos und hemdsärmelig. Selbst der endlos schmissige Score von Peter Thomas klingt mit seinem zu Marschrhythmen fröhlich gepfiffenen Titelthema sehr deutsch, eher nach gemütlichem Feierabend bei Bier, Wurstsemmel und Blauem Bock als nach Todesgefahr, Exotismus und Abenteuer.

Passend dazu ist der Fall, den Cotton und Decker zu lösen haben, eine recht schnöde Serie von Raubmorden, mit der sich schon ein Tatort-Ermittler heute kaum noch rumschlagen würde, dazu von „Profis“ verübt, die ihre finsteren Pläne zu keiner Sekunde verhehlen können und mit dem Feingefühl einer Planierraupe vorgehen. Und wenn der Voice-over-Erzähler zu Beginn Spannung und Atmosphäre aufbauen will, die Überlegenheit des FBI und seiner mit modernster Technik ausgestatteten Agenten im autoritären Wochenschau-Ton lobt, fühlt man sich auch eher an Lehrfilme im Sachkundeunterricht der 3b oder „Die Sendung mit der Maus“ erinnert. Ein Effekt, der durch die in den letzten 50 Jahren vollzogenen technischen Fortschritte, die einen die hoffnungslos rückständigen Methoden der Superkriminalisten doch eher mitleidig begutachten lassen, noch verstärkt wird. Aber genau das macht auch den Charme SCHÜSSE AUS DEM GEIGENKASTEN aus: Während in anderen Filmen auf dicke Hose gemacht und mit viel Enthusiasmus und Laisser-faire über budgetäre Beschränkungen hinweg gegangen wurde, regiert hier eine gewisse Bescheidenheit. Das Schönste  ist aber mit einigem Abstand die Willensleistung, mit der Deutschland respektive Hamburg mithilfe von Stock Footage und Rückprojektionen in New York verwandelt wird. Zu Beginn sorgt das noch für handfeste Erheiterung, wenn dem Zuschauer ein Bauernhof im herbstlich verschlammten Peenemünde als „Farm nahe Chicago“, ein Plattenbau mit Klettergerüsten im Hinterhof als FBI-Ausbildungszentrale in Quantico verkauft werden. Aber im weiteren Verlauf entwickeln die Beteiligten ein beachtliches Geschick, das Archivmaterial mit Selbstgedrehtem verschmelzen zu lassen. Besonders gut hat mir die Kraxelei der Verbrecher auf einem Dachsims gefallen, an das mit viel Spucke das Bild einer New Yorker Häuserschlucht geklebt wurde. Auch wenn der Effekt heute durchsichtig ist, nötigt er dem Betrachter doch Respekt ab.

Ich habe irgendwo gelesen, die frühen Jerry-Cotton-Filme seien irgendwie trist und öde. Ganz von der Hand weisen lässt sich das nicht. Kaum denkbar, dass ein populäres Franchise, wie es Jerry Cotton im Deutschland der Sechzigerjahre ohne Zweifel war, heute eine solch bescheidene Umsetzung erführe und damit auch noch Erfolge feierte. Die naheliegendste Begründung sucht die Ursachen für den Erfolg von SCHÜSSE AUS DEM GEIGENKASTEN wahrscheinlich in der damaligen Kinolandschaft, der noch nicht flächendeckenden Verbreitung des Fernsehens und der damit einhergehenden „Offenheit“ der Zuschauer. Aber der Idealist in mir sagt mir, dass die Menschen einfach die Geradlinigkeit und Ehrlichkeit von Umgelters Film zu schätzen wussten und honorierten, der ihnen 90 Minuten unverstelltes Entertainment bot, eben das filmische Äquivalent zu den nach Druckerschwärze riechenden Heftchen mit den knalligen Titeln. Der erste Jerry-Cotton-Film ist eine schöne, altmodische Räuberpistole, zupackend wie Opas Rechte und so gut eingesessen wie sein Lehnstuhl.