Mit ‘Gareth Edwards’ getaggte Beiträge

Rauchschwaden ziehen durch die von Schutt und Trümmern gesäumten Straßen der vollständig verwüsteten Metropole San Francisco und verdunkeln den Himmel. Die gigantischen Monster, die sich hier ihre Schlacht liefern, haben sich eine kurze Auszeit genommen, um neue Kraft zu sammeln und den nächsten Angriff vorzubereiten. Eine unheimliche, unwirkliche Stille liegt über der an ein postapokalyptisches Wasteland erinnernden Stadt. Ford Brody (Aaron Taylor-Johnson) ist eben mit dem Fallschirm in diesem Albtraumszenario gelandet. Nun steht er da, versucht sich zu sammeln und die Orientierung zurückzugewinnen. Aus den turmhohen Staubwolken vor ihm schälen sich plötzlich die Konturen der Riesenechse Gojira. Auch wenn der Zuschauer den Titelhelden von Gareth Edwards‘ Film an dieser Stelle nicht zum ersten Mal sieht, ist es doch ein eindrucksvoller Moment, weil er die Nichtigkeit des Menschen gegenüber der uralten Naturgewalt besonders prägnant einfängt. Und was macht Komponist Alexandre Desplat, um diesen Moment zu untermalen? Er lässt nicht etwa die Posaunen von Jericho erklingen, sondern schlägt stattdessen drei melancholische Klaviertöne an …

Als ich vor einigen Wochen das Vergnügen hatte, Armond White in paar Fragen zu stellen, da ließ er sich besonders über den durch das Internet mitbegründeten Verfall der Diskussionskultur unter Filmfreunden aus. Was zunächst nach einem typisch konservativen Reflex klingt, entbehrt leider nicht einer gewissen Wahrheit. GODZILLA, noch vor einem knappen Jahr mit allen Mitteln des Marketings zum heiß erwarteten Mega-Blockbuster und Nerdtraum gepusht, hat noch nicht einmal Staub angesetzt, da zerreißt man sich schon wieder das Maul über ihn. Zu lang, zu wenig Godzilla, zu ernst, zu wenig Spaß. Was soll man denn auch erwarten, wenn man für ein solches Spektakel einen Regisseur engagiert, dessen erster Erfolg doch gerade darauf basierte, möglichst wenig zu zeigen? Je häufiger ich solchen Scheißdreck lesen muss, umso mehr bin ich davon überzeugt, dass ein wesentlicher Grund für die kreative Krise des Hollywood-Kinos sein Publikum ist, das zwar begierig jeden Knochen ableckt, den man ihm hinwirft, aber über diesen initialen Impuls hinaus keinerlei emotionales commitment mehr aufbringen mag. Letztes Jahr war es PACIFIC RIM, der nach großzügig verteilten Vorschusslorbeeren – man erwartet stets mindestens den besten Film aller Zeiten, darunter geht es gar nicht mehr – bereits wenig später Zielscheibe von Hohn und Spott war. Sein Problem bestand darin, zu viele Monsterfights und zu wenig Handlung geboten zu haben. Edwards geht genau den entgegengesetzten Weg, macht es damit aber offensichtlich auch falsch.

Dass das Publikum heute annähernd manisch-depressive Züge in seinem Rezeptionsverhalten an den Tag legt, liegt natürlich auch in der Art begründet, wie es von Hollywood und dessen Marketingmaschinerie adressiert wird. Wenn ein Film ins Kino kommt, ist er bereits ein Jahr lang angeteasert, die Spannung damit ins Unermessliche gesteigert worden. Der Release kann der Vorfreude meist nichts Wesentliches mehr hinzufügen. Machen wir uns nichts vor: Gerade das effektreiche Eventkino ist längst an seine natürlichen Grenzen gestoßen. Das letzte Mal, als mich Effekte wirklich weggeblasen haben, war wahrscheinlich 1993 in JURASSIC PARK, als ich in den Schlund des brüllenden T-Rex blicken durfte. Jeder weitere technologische Entwicklungsschritt war danach im Prinzip nur noch Kosmetik. AVATAR lässt JURASSIC PARK aussehen wie eine Episode von „Bob, der Baumeister“ auf dem Kinderkanal, dennoch hat er nicht annähernd diese Wirkung bei mir hinterlassen. Wir sind es ja längst gewöhnt, das Unmachbare zu erwarten. Und wenn wir es dann auf der Leinwand umgesetzt sehen, wird es auf einer imaginären Checkliste abgehakt. Next, please.

Dem Urviech Godzilla in einer würdigen amerikanischen Verfilmung zu huldigen, ist gewissermaßen eine Sache der Pflichterfüllung und Wiedergutmachung gewesen, seit Roland Emmerich sich an dem Klassiker vergangen hatte. Es konnte keinerlei Zweifel daran bestehen, dass die Kapazitäten für eine Adaption da sind, nun ging es in erster Linie darum, der Vorlage im Geiste einigermaßen gerecht zu werden, ohne sich zu sehr anzubiedern. In Miniaturstädten ausgetragene Fights zwischen Menschen in Gummianzügen waren genauso wenig zu erwarten wie kitschige J-Pop-Einlagen. GODZILLA passt in der 2014er-Version voll ins Raster des gegenwärtigen Blockbuster-Genrekinos: Grimmiger Ernst herrscht vor, wenn in eindrucksvollen Bildern das Ende der Menschheit as we know it heraufbeschworen wird, und ein einsamer Held sich der Bedrohung in geradezu messianischer Opferbereitschaft entgegenwerfen muss, bevor er die Familie am Ende unter Tränen wieder in die Arme schließen darf. Humor ist gänzlich abwesend, stattdessen werden oft Erinnerungen an die Medienbilder vergangener Katastrophen geweckt: Das einstürzende japanische Atomkraftwerk steht für Fukushima, die Flutwelle, die Honolulu unter sich begräbt, erinnert an den Tsunami der 2004 in Thailand zahlreiche Menschen das Leben kostete, oder auch an die Überschwemmungen von New Orleans, die Verwüstungen in San Francisco an das Erdbeben von 1989 oder auch 9/11 (das in einem Hochhaus einschlagende Flugzeug, zusammenstürzende Skyscraper-Türme), die Familienzusammenführung in einem mit Opfern überfüllten Football-Stadion evoziert schließlich die Elendsbilder, die mit der Berichterstattung stets einhergehen. Während Inoshiro Hondas GOJIRA von 1954 noch eine ehrliche allegorische Aufarbeitung des Hiroshima-Traumas und eine gelungene Metapher für die Angst vor der atomaren Bedrohung im Allgemeinen war, sind diese Allusionen in Edwards‘ Film aber lediglich der Konvention geschuldet. Noch von Subtext zu sprechen, verbietet sich angesichts der Offensichtlichkeit, mit der da die Bezüge hergestellt werden. Das, was dieser GODZILLA leisten kann, ist damit von vornherein beschränkt: Jeder Zuschauer weiß ungefähr, was ihn erwartet, und in welchem Bedeutungskreis die Geschichte angesiedelt ist. Mehr noch: Ein Verstoß gegen diese Erwartungen müsste von vornherein als Versagen betrachtet werden.

Berücksichtigt man diese von vornherein bestehenden Beschränkungen, ist Edwards mit seinem GODZILLA ein großer Wurf gelungen. Nicht nur hat er das erwartete technische Update geliefert, er triumphiert auch da, wo Emmerich so grandios versagte: Er bewahrt den Geist der Vorlage, indem er Godzilla nicht als identitätsloses Monster zeichnet, das es zu besiegen gilt, sondern als Kraft, mit der der Mensch sich zu arrangieren hat – und der er zu vertrauen lernen muss. Das Finale, in dem der bewusstlose Godzilla nach getaner Arbeit wieder aufwacht und unter dem Jubel der Menschen vom Militär begleitet zurück ins Meer schreitet, hatte ich definitiv nicht in einem amerikanischen Film erwartet. Wenn der US-GODZILLA den ungebremsten Kitsch seiner japanischen Vorgänger auch weitestgehend vermissen lässt, im Rahmen seiner Möglichkeiten kommt er ihm sehr nahe. Das gilt auch für die Inszenierung der Monsterschlachten. Während Del Toro in PACIFIC RIM oder Matt Reeves in CLOVERFIELD die Froschperspektive des Menschen wählte, um den gewünschten Effekt von Ehrfurcht – und natürlich Überwältigung – zu erzeugen, nähert sich Edwards der Perspektive der japanischen Vorbilder an, gewährt immer wieder Übersichten auf das Schlachtfeld, behandelt seine Monster gewissermaßen wie „normale“ Protagonisten und findet so eine liebevolle visuelle Entsprechung zu den Miniaturstadt-Kämpfen. Aber er versteht sich längst nicht nur als vorlagentreuer Interpret, sondern drückt dem Material durchaus seinen eigenen Stempel auf. Es sind nicht zuletzt die kleinen Kniffe, die wie oben geschildert große Wirkung erzielen: Wie er den Moment, in dem der Zuschauer den ersten Blick auf den Zweikampf der Giganten erhält, geschickt hinauszögert; wie er während des Fallschirmsprungs in das Kriegsgebiet in die Subjektive wechselt; wie er Godzillas insektenhaften Gegnern am Ende Identität verleiht; wie er Godzilla zum ersten Mal seinen berühmten Feuerstrahl spucken lässt. Und nicht zuletzt wie er alles ungesunde, nervtötende patriotische Pathos, wie es diese Filme nicht selten zu extremen Nervbolzen werden lässt, streng im Zaum hält. GODZILLA wird die Welt gewiss nicht verändern – wie könnte er das auch? Aber er bietet genau das, was ich mir von ihm erhofft habe. Und das ist angesichts zahlreicher durch ätzende Zielgruppenzugeständnisse kastrierter Eventfilme, die man in den letzten 10, 15 Jahren über sich ergehen lassen musste, viel, viel mehr als zu erwarten war.

 

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Jahre, nachdem eine Raumkapsel mit Proben außerirdischen Lebens beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre zerbrach und in Mexiko landete, ist ein Großteil des mittelamerikanischen Staates Sperrzone: Gewaltige Mauerkonstruktionen sollen die gigantischen Monster von den menschlichen Sieldungen außerhalb dieser „Infected Zone“ fernhalten. Der amerikanische Fotograf Andrew Kaulder (Scoot McNairy) erhält den Auftrag, Samantha Wynden (Whitney Able), die Tochter eines reichen amerikanischen Verlegers aus Mexiko zurück in die USA zu bringen. Doch dafür müssen beide gemeinsam die besagte „Infected Zone“ durchqueren …

Thematisch und ikonografisch fügt sich MONSTERS gut ein in das apokalyptische Genrekino der vergangenen Jahre, sucht und findet seinen Platz zwischen Filmen wie CARRIERS, (dem von mir noch nicht gesehenen) THE ROAD, Frank Darabonts unterbewertetem THE MIST, Spielbergs brillantem WAR OF THE WORLDS und dem inhaltlich verwandten DISTRICT 9: Auch wenn der eigentliche Grund für die Endzeitstimmung außerhalb unseres Planeten zu suchen ist, so ist doch nicht zu leugnen, dass es vor allem menschliches Versagen ist, das die Welt von MONSTERS sich in so ein trostloses Fleckchen verwandeln konnte. Mit Mexiko hat die Alien-Invasion ein sowieso schon armes Land hart getroffen, die gut bewachte Grenze zum reicheren Nachbarn im Norden, die zu überqueren Jahr für Jahr Tausende von Emigranten große Anstrengungen in Kauf nehmen, ist nun endgültig nur noch für wohlhabende Menschen zu überwinden. Mit der gewaltigen Mauerkonstruktion, die die Monster in der „Infected Zone“ halten soll, hat sich auch die erste von der dritten Welt abgeschottet. Die Reise der beiden Amerikaner, die sich erst einmal daran gewöhnen müssen, dass ihr sie normalerweise  als Angehörige einer Wirtschaftselite ausweisender Pass nun kaum noch etwas wert ist, ist auch eine Reise ins Schuldbewusstsein des US- (bzw. Erste-Welt-)Bürgers. Wenn Andrew und Samantha in Sichtweite der gewaltigen Mauer auf einem alten Tempel im mexikanischen Urwald kampieren und die Selbsterkenntnis plötzlich sehr grafisch wird, der Blick von außen ins Innere buchstäblich an einer Wand abprallt,  hinter der der amerikanische Traum geschützt werden soll, während vor den Pforten die real gewordenen Albträume herumspuken, dann reizt Edwards sein Bild vielleicht etwas zu sehr aus, um noch guten Gewissens von einem Subtext sprechen zu können. Gleiches gilt für die Szene in einer Geisterstadt in der die „Infected Zone“ umgebenden Quarantänezone, die unweigerlich Assoziationen an die vom Hurricane Katrina heimgesuchte Stadt New Orleans weckt. Trotzdem bieten diese Assoziationen Anlass für weitere Gedanken: Etwa jenen, dass Grenzen, egal wie hoch und sicher sie auch sein mögen, die Außenstehenden stets auch dazu einladen, über das, was hinter ihnen liegt, zu fantasieren. Man weiß nicht, ob Vereinigten Staaten sich hinter einer Mauer verbergen, damit die Monster draußen bleiben oder um zu insinuieren, dass es im Inneren überhaupt noch etwas gibt, dass es vor einem Außen zu beschützen lohnt – was sich ja von außen eben nicht überprüfen lässt.

Dass diese zu so etwas wie einer Zivilisationskrankheit des modernen Kinos gewordene Überdeutlichkeit dem Film nicht wie anderen (DISTRICT 9 anyone?) völlig das Genick bricht, liegt vor allem daran, dass Edwards sonst eher wenig didaktisch unterwegs ist, nur wenig erklärt, Dialoge eher zur Charakterisierung denn zur Exposition benutzt und sich ganz der Schaffung einer nicht wirklich greifbaren, deshalb umso beunruhigenderen Atmosphäre einer bevorstehenden Aufruhr widmet. Das gelingt ihm sehr gut: Die Monster bleiben lange unsichtbar, ohne dass ihre Präsenz dadurch beeinträchtigt würde, die unwirklichen Bilder städtischer Verwüstung hallen lange nach und die surrealen Bilderwelten, die sich dem Zuschauer im weiteren Verlauf während der Urwalddurchquerung eröffnen, tragen ihren Teil dazu bei, dass MONSTERS im gegenwärtigen Genrekino einerseits sehr heimisch ist, aber andererseits nie so ganz zum supercleveren Metakino dazugehören möchte.

Das ist gut so und MONSTERS somit mit Leichtigkeit einer der besten Beiträge zum erwachsenen Science-Fiction-und Horrorkino der vergangenen Jahre. Was nicht heißt, dass er frei von Fehlern ist: So gut mir sein (zugegebenermaßen derivatives) Monsterdesign als Lovecraft-Anhänger auch gefallen hat, so wenig fügt das Auftreten der Monster dem Film insgesamt hinzu. Das liegt zum einen daran, dass sie ein ständiges Déjà-vu verursachen, abwechselnd an die genannten WAR OF THE WORLDS, THE MIST, Lovecraft oder auch JURASSIC PARK denken lassen, zum anderen daran, dass ihr Auftreten irgendwann sehr redundant wird. Schlimmer ist jedoch die Auftaktsequenz, die mit ihren Found-Footage-Bildern Böses befürchten lässt,  einem die Freude über diesen gelungenen Film dann aber doch erst im Nachhinein verdirbt, weil man sie erst dann einordnen kann. Auch wenn sie inhaltlich durchaus konsequent ist: Wann kommen Filmemacher endlich wieder zu der Einsicht, dass es völlig ausreicht, eine Geschichte mit einem Anfang und einem Ende zu erzählen, und es nicht nötig ist, irgendwelche Twists oder Surprise Endings als Prolog oder Epilog vor- bzw. nachzuschalten und für sich genommen perfekt funktionierende Filme damit auszuhebeln?