Mit ‘Gary Sherman’ getaggte Beiträge

death_line_poster_01Mit DEATH LINE – besser bekannt als RAW MEAT oder auch TUNNEL DER LEBENDEN LEICHEN – begann die leider nur kurze, dafür aber nahezu makellose Regielaufbahn von Gary Sherman direkt mit einem eigenständigen, verschrobenen Klassiker. Das British Film Institute nannte den Film damals „the most significant directorial debut of the year“, eine Auszeichnung, die vermutlich nicht allzu viele Genrefilme für sich in Anspruch nehmen können. 2000 wurde DEATH LINE von Kritikern zudem zu den „Ten Most Important British Horror Films of the 20th Century“ gewählt. Was macht dieses Werk, für das deutsche Kritiker erwartungsgemäß kein gutes Wort übrig hatten, sich in gewohnter Betriebsblindheit ausschließlich an „ekelerregenden Details“ (Lexikon des Internationalen Films) oder an „an Leichen nagenden Rattenscharen, einem sabbernden Irren und buchstäblich überall von den Wänden tropfendem Schleim“ (Lexikon des Horrorfilms) hochzogen, zu guter letzt in bester Beamtenmanier die mangelnde Logik monierten, so besonders?

Man könnte sagen, dass DEATH LINE eigentlich gar kein Horrorfilm ist, sondern vielmehr eine Tragödie im Gewand eines Horrorfilms. Sherman erzählt fast im Stile eines Kammerspiels und sein Fokus liegt nicht auf einer Abfolge von gräuslichen Morden oder anderen Schocks, sondern auf seinen Figuren, vor allem dem Monster (Hugh Armstrong), dem er mit grenzenloser Empathie begegnet. Es handelt sich um einen Nachfahren bei einem Unglück vor 80 Jahren verschütteter Tunnelarbeiter, die unter den Straßen Londons überlebten, indem sie zu Kannibalen wurden. Er ist eine bemitleidenswerte, tragische Figur, ein vollkommen verwahrloster, degenerierter Zottel, der zu Beginn des Films seine Frau und damit seinen letzten verbliebenen Leidensgenossen verliert. Ihm gegenüber steht der konservative Inspector Calhoun (Donald Pleasence), ein scharfzüngiger Korinthenkacker, dem Ordnung und Gesetz alles sind und der dann ernüchtert feststellen muss, dass unter der sauberen Fassade des Kingdoms einige Schweinereien verborgen liegen, der sprichwörtliche „kleine Mann“ gnadenlos entsorgt wird, wenn das der Politik besser in den Kram passt. DEATH LINE schreitet im dialektischen Wechsel zwischen den dunklen und deprimierenden, meist in langen, ruhigen Einstellungen eingefangenen Bildern aus den verschütteten Tunneln, die die Heimat des traurigen Monsters sind, und den komischen Passagen, die den staubigen Berufsalltag und die Ermittlungsfortschritte Calhouns zeigen, hin und her, und entwickelt dabei einen Ton, der im Horrorfilm absolut singulär ist. Am Schluss, wenn das Monster eine junge Studentin entführt, um sie zu seiner neuen Lebenspartnerin zu machen, und es ihm nicht gelingt, ihr begreiflich zu machen, dass er ihr nichts tun will, brechen alle Dämme. Der einzige Satz, den es artikulieren kann, lautet „Mind the Doors“, den er von den U-Bahn-Schaffnern aufgeschnappt hat. Immer wieder ruft es „Mind the Doors“, darüber verzweifelnd, dass er nicht verstanden wird. Man verzweifelt mit ihm.

Neben dieser armseligen Kreatur bleibt Donald Pleasence mit einer Darbietung im Gedächtnis, die den Spaß, den er offensichtlich hatte, zu jeder Sekunde erkennen lässt. „Ich will nicht, dass sie einen Protestmarsch verpassen“, gibt er dem Studenten mit auf den Weg und „Grüßen Sie die Anarchisten!“. Christopher Lee hat einen Gastauftritt als teuflischer MI-5-Agent, der dem Polizeibeamten freundlich lächelnd zu verstehen gibt, dass er sein Leben riskiert, wenn er seine Nase in Angelegenheiten steckt, die ihn nichts angehen. Das echte pièce de résistance ist aber eine technisch brillant gelöste, mehrminütige Plansequenz, die die ganze Geschichte des Monsters erzählt, ohne dafür ein einziges Wort zu verschwenden. Der einzige Schönheitsfehler ist m. E., dass diese Sequenz zu früh kommt: DEATH LINE hat danach eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, außer den Plot abzuwickeln. Weil Sherman seinen Film aber so liebevoll und sensibel gestaltet hat, die Fotografie so immens stimmungsvoll ist, möchte ich das gar nicht kritisieren. Und wer hier mangelnde Logik beklagt, sollte besser keine Filme schauen. Das Publikum in Düsseldorf sah das offensichtlich ganz genauso und honorierte diesen einzigartigen Genrebeitrag mit respektvoller Stille und gelösten Lachern an den richtigen Stellen. Das hat mich wahnsinnig gefreut. Wer am Menschen zweifeln mag, findet derzeit ja nur genug Nahrung dafür. Schön, dass es auch anders geht.

Für F.LM habe ich Gary Shermans tollen Zombie-Mystery-Splatter-Noir besprochen, der von Capelight nach langjähriger Indizierung nun endlich ungeschnitten auf DVD veröffentlicht worden ist und in keiner guten Horrorsammlung fehlen sollte. Hier gibt’s den Text.

vice squad (gary sherman, usa 1982)

Veröffentlicht: Dezember 17, 2008 in Film
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„You belong to the city/You belong to the night“ singt Glenn Frey in einem Song vom Soundtrack zur Serie MIAMI VICE und stellt so eine direkte Beziehung zwischen zwei Begriffen/Motiven her, die sowohl im Kino der Achtziger als auch in der Popmusik dieses Jahrzehnts ein Wiedererstarken erlebten. Klar, die Nacht ist spätestens seit dem Film Noir ein elementares Kinobild, die Stadt war es wahrscheinlich schon deutlich früher: In den Achtzigern jedoch scheint die symbiotische Verbindung von Stadt und Nacht noch stärker an die Essenz des Jahrzehnts zu rühren, sowohl auf einer rein bildlichen wie auch auf einer symbolischen Ebene. Die nächtliche Stadt ist der Ort, an dem die Ideale und die Schattenseiten der Achtzigerjahre direkt aufeinanderprallen, an dem sich beweist, wer das Zeug zum Aufstieg hat und wer untergehen muss. Vor der elementaren Schwärze des Himmels zeichnet sich das bunte Leuchten der Werbetafeln, der Leuchtreklamen und der Kino-Marquees ab, schallt die pulsierende Musik aus den Diskotheken und Nachtclubs auf den Gehsteig und verspricht Abenteuer, materielle und sexuelle Erleuchtung – oder aber das Ende. Nur wer sich im städtischen Nachtleben behauptet, erblickt am nächsten Morgen das Licht der Sonne, geht gereinigt und bereichert aus der Nacht hervor. All dies bündelt und bestätigt auch Gary Shermans VICE SQUAD, allerdings auf besonders pessimistische Art und Weise.

51xn9h8rrbl_sl5001Der Film kreist um drei Personen: Tom Walsh (Gary Swanson) ist beim Sittendezernat und eifrig bemüht, die Straßen von Prostituierten und Zuhältern zu befreien – ein aussichtsloser Kampf. „Princess“ (Season Hubley) ist eine liebende Mutter, die sich ihr Geld als Prostituierte verdient und sich den Luxus leistet, unabhängig, sprich ohne Zuhälter, anschaffen zu gehen. Dritter im Bunde ist der brutale Zuhälter Ramrod (Wings Hauser), der widerwillige oder abtrünnige Frauen ohne Rücksicht auf Verluste zusammenschlägt und misshandelt. Als er auf diese Weise Ginger, eine gute Freundin von Princess, umbringt, überzeugt Walsh diese, sich Ramrod als potenzielle neue „Angestellte“ zu nähern und eine belastende Aussage von ihm aufzunehmen. Der Coup gelingt: Der erzürnte Ramrod wird verhaftet, Princess setzt ihre Nachtschicht fort. Doch dem Zuhälter gelingt die Flucht und Walsh hat nun alle Hände voll zu tun, Ramrods Rache an der ahnungslosen Princess zuvorzukommen …

Vordergründig ist Shermans Film typischer Exploitation-Stoff: Die Story kreist um das Rotlicht-Milieu, um Gewalt und Sex und hat einen ausgesprochen geradlinigen Plot, der sich keine ornamentalen Schlenker gestattet, aber einen auffallend episodischen Verlauf nimmt. Die Figuren sind zwar glaubwürdig und lebendig, weil sie Typen sind: Es gibt den kernigen Bullen, hinter dessen durch zahlreiche Enttäuschungen und die Frustration über den Job hart gewordener Schaler sich ein weicher Kern verbirgt, die brave Prostituierte, die durch die Fährnisse des Schicksals zu ihrem Job gezwungen wurde, und den miesen Ramrod, dessen wenigen zunächst positiv erscheinenden Eigenschaften sich als allesamt gespielt entpuppen. Aber Sherman transzendiert das Trash-Potenzial seines Filmes, indem er seine Geschichte auf eine einzige Nacht, einen kleinen Personenkreis und wenige Schauplätze und so zur existenzialistischen Parabel verdichtet – siehe erster Absatz. Mehr als mit den unzähligen Rache- und Gewaltkrimis mit ähnlichem Hintergrund erinnert sein Film so an John Landis’ INTO THE NIGHT und Scorseses AFTER HOURS: Zwei Filme die ebenfalls vom Nachtleben handeln und jeweils einer Stadt – L.A. und New York – ihre Referenz erweisen. VICE SQUAD geht zwar deren surrealer Zug ab, dafür ist er zu sehr in der Realität verhaftet, aber in seiner Rastlosigkeit und seiner Beweglichkeit teilt er dennoch viel mit diesen beiden Filmen. Das eigentlich Erstaunliche ist aber, dass  Sherman sich mit VICE SQUAD nicht dem voyeuristischen Bedürfnis seiner Zuschauer beugt, sondern stattdessen sowohl die menschliche Seite seiner Geschichte betont,  echtes Mitgefühl für seine Protagonisten evoziert, ohne sie dafür zu verraten (bemerkenswert, dass die Profession der weiblichen Hauptfigur hier keinen Schmähungen oder falschen Moralvorstellungen unterworfen wird), als auch atemlose Spannung schafft, indem er den Wettlauf der Polizei gegen den Killer beinahe in Realzeit erzählt. Während andere Filme unter dem Deckmantel der Authentizität doch wieder nur der Befriedigung niederer Triebe frönen, schlägt VICE SQUAD niemals in Sadismus oder Exhibitionismus um. Er ist hart und düster, ohne dafür über die Stränge schlagen zu müssen. Eigentlich die größte Leistung Shermans, der selbst dann noch gescmackssicher bleibt, wenn er zeigt, wie Ramrod Ginger mit einem aufgebogenen Kleiderhaken züchtigt.

Starke Szenen gibt es zuhauf. Besonders beeindruckt hat mich eine kurze Kamerafahrt: Wir blicken in das Fahrerfenster von Ramrods Truck, hören die Musik aus seinem Autoradio. Als er losfährt, bewegen wir uns mit der Kamera zurück auf die andere Straßenseite, während die Musik stetig leiser wird. Wir beobachten nun wie Ramrod in einiger Entfernung einen U-Turn macht und wieder auf uns zufährt – bei nun wieder stetig lauter werdender Musik – bis er uns schließlich passiert und die Szene beendet ist. Sherman wendet mehrerer solcher inszenatorischer Kniffe an, um die Figur des Ramrod bedrohlich zu machen, zu suggerieren, dass man dieser Person nicht so einfach entgeht, man sich nie vor ihm in Sicherheit wiegen darf. Auch am Schluss gelingen Shermaneinge solcher Momente, wenn Ramrod Princess ausfindig gemacht hat und als drohender Schatten im Bildhintergrund lauert, gut sichtbar für den Zuschauer, aber unbeachtet von seinem Opfer. Demgegenüber stehen aber auch einige auflockernde Szenen: Zwei als Comic Relief dienende Polizeibeantem muten eher plump an, aber die Sequenz, in der Princess einen wohlhabenden Kunden mit sehr exotischen Fantasien aufsucht, stellt in ihrer Konstruktion einen absoluten Höhepunkt und auch einen der wenigen Augenblicke, in dem VICE SQUAD an den Surrealismus der genannten Filme Landis‘ und Scorseses anknüpft, dar.  Eine weitere wunderschöne Szene steht exemplarisch für Shermans Stellung zu Princess: Wie sei einem unscheinbaren, braven älteren Mann mit masochistischen Fantasien gegenübertritt und wie dieser wiederum auf sie reagiert, ist beinahe anrührend. Ein Drecksfilm wie 8MM wirkt da im direkten Vergleich gleich noch einmal so verlogen, spießig und verkommen wie er sowieso schon ist.

Nuff said, VICE SQUAD ist  ein absolut bemerkenswerter Film, einer der besten, die ich dieses Jahr gesehen habe. Wie im Booklet der DVD steht: Man darf argwöhnen, dass VICE SQUAD auch auf einflussreiche Mainstream-Werke wie etwa Walter Hills 48 HRS. einigen Einfluss gehabt haben dürfte. Aus der Entfernung von über zwei Jahrzehnten ist eine solche Aussage natürlich recht spekulativ, aber man sollte Shermans Film definitiv nicht unterschätzen. Wer sich anschickt, das in den Achtzigerjahren populäre Subgenre des Neo Noir zu erkunden, kommt an ihm eh nicht vorbei.

Der Actionheld ist eigentlich immer auf dem Weg. Wenn er glaubt, am Ziel zu sein, dann belügt er sich meist selbst, gibt sich der Hoffnung hin, ein normales Leben leben zu können, obwohl er doch weiß, dass er dafür nicht gemacht ist. Er pendelt immer zwischen den Extremen, steht entweder kurz davor, alles hinzuschmeißen oder aber er stürzt sich voller Inbrunst auf die nächste Aufgabe, die ihn wieder das Leben kosten kann. So auch der Kopfgeldjäger Nick Randall (Rutger Hauer): Einst nietete er im Auftrag des CIA böse Buben auf der ganzen Welt um, dann hatte er die Schnauze voll davon, den Kopf für die Ränkespiele von gewissenlosen Regierungsbeamten hinzuhalten, und sattelte um. Seit drei Jahren verdient er gutes Geld als Kopfgeldjäger, doch der Job kotzt ihn an. Statt mit der Gefahr konfrontiert zu werden, muss er sich mit dem letzten Gesocks herumschlagen, feigen Proleten, die Supermärkte überfallen und die asiatischen Kassierer drangsalieren. Insgeheim träumt Randall davon, komplett auszusteigen. Eine Frau hat er schon, ein bisschen Geld fehlt noch. Da tritt ein alter Bekannter aus CIA-Tagen in sein Leben und bietet ihm einen Auftrag an: Der gefährliche Terrorist Malak al Rahim (Gene Simmons) ist in den USA und zieht eine Spur der Verwüstung hinter sich her – und Randall hat auch noch eine Rechnung mit ihm offen …

Der Profi kurz vor dem Ausstieg, die alten Verbindungen, die ihn immer wieder ereilen, das Wissen, das ein Leben ohne den Job undenkbar wäre: wie oben erwähnt klassische Bestandteile des Actionkinos, die auch in WANTED: DEAD OR ALIVE durchexerziert werden. Doch Rutger Hauer ist eben kein gewöhnlicher Actionheld, er verbindet die Physis seiner schlagkräftigeren Kollegen mit dem Intellekt eines Geheimagenten: Man nimmt ihm den Profi vollkommen ab, erkennt, dass hinter der schlafwandlerischen Sicherheit, mit der Randall Finten inszeniert, seine Verfolger abhängt, seine Feinde aufspürt, sich ihnen nähert und sie schließlich ausschaltet, mehr steckt als nur Pflichtausübung. Dieser Mann geht in seinem Job vollkommen auf, er liebt ihn. Und er zelebriert ihn. Randall ist kein tumber Haudrauf, sondern ein kreativer Kopf, der über so viel Erfahrung verfügt, dass er wie ein Schachspieler auch die nächsten Schritte seiner Gegener – und Verbündeten – antizipieren und in seine Überlegungen miteinbeziehen kann. WANTED: DEAD OR ALIVE steht dem Agententhriller näher als dem Actionfilm, obwohl man ihn sicher als Melange dieser beiden eh verwandten Genres bezeichnen kann. Es gibt nicht viel Krawall, Sherman verwendet mehr Zeit darauf, auf den Showdown hinzuarbeiten, seinen Protagonisten zu charakterisieren, Spannung und eine nur latent spürbare Bedrohung  aufzubauen. Diese geht von Terroristen Rahim aus, der über weite Strecken des Films im Hintergrund bleibt, von seinen Anschlägen erfahren wir meist nur aus zweiter Hand. Das ist richtig so, denn Randall und seine Auftraggeber haben mit der Zivilbevölkerung eigentlich nichts zu tun. In ihrem Job geht es um Politik, nicht um Bestrafung und Sühne. Nur einer der Gründe, warum Randall die Schnauze voll hat. Seine letzte Handlung spricht eine deutliche Sprache. Dann doch lieber wieder Proleten jagen?

Wie so viele Filme der Achtziger, die sich mit dem Nahost-Konflikt auseinandersetzen, gewinnt auch WANTED: DEAD OR ALIVE heute eine neue Aktualität und Brisanz, wirkt er der Zeit irgendwie seltsam enthoben. Dieser Film könnte heute – von seiner Oberfläche abgesehen – genauso wieder entstehen. Dass er gleichzeitig aber doch wieder so eindeutig ein Kind seiner Zeit ist, macht ihn so spannend und interessant.