Mit ‘Gaspard Ulliel’ getaggte Beiträge

Wer der Meinung war, das ein Prequel zu THE SILENCE OF THE LAMBS, das sich mit der Genesis des Kannibalen Hannibal Lecter beschäftigt, eine richtige Scheißidee ist, der wird sich nach dem bislang letzten Film der Reihe sicherlich darüber gefreut haben, Recht behalten zu haben. Eine Reihe, die zuvor sogar Brett Ratner noch halbwegs gut überstanden hatte, landet mit dem Beitrag des Briten Peter Webber (der seine Kinokarriere damit effektiv beendete) endgültig in der Jauchegrube. Nun, streng genommen hatte Ridley Scott sich mit seinem denkwürdigen HANNIBAL schon deutlich in deren Nähe begeben, aber den provokativen Tanz auf der Kante bravourös und mit wissendem Lächeln gemeistert: Webber hat weniger Glück und Körperbeherrschung: Er erinnert eher an die depperten Protagonisten aus Pannenvideos, die als letzte merken, welches Schicksal ihnen droht, und fröhlich in die Kamera grienen, während sich das Unheil über ihnen zusammenbraut. Man muss zu seiner Ehrenrettung sagen, dass kein Geringerer als Thomas Harris himself (nach eigenem Roman) die Drehbuchvorlage für diese Vollkatastrophe lieferte und ein Jungdarsteller wie Gaspard Ulliel natürlich auch nicht dazu geeignet war, hier Schadensbegrenzung zu leisten.

Ich muss hier noch einmal betonen, für wie fehlgeleitet ich die Idee des Prequels generell halte. Ich verstehe durchaus den Wunsch, möglichst viel über eine geliebte fiktive Figur zu erfahren: Aber in dem Absolutheitsanspruch, den sie meist für sich in Anspruch nehmen  – endlich die ganze, wahre Geschichte! – besiegeln sie bereits ihren Niedergang. Das moderne Prequel ist in den allermeisten Fällen der Idee verpflichtet, das bereits Bestehende zu untermauern und das schlägt es in kreative Ketten. Ihm zugrunde liegt ein Trugschluss: Fiktive Figuren haben nämlich keine Biografie, ihre Lebensgeschichte lässt sich nicht herleiten, höchstens nachträglich erfinden. Und das ist eben problematisch: Wer erklären will, wie Hannibal Lecter zu dem wurde, der er ist, steht vor der Herausforderung, eine Geschichte zu erzählen, deren Ende wir schon kennen, bevor sie angefangen hat – und dabei zusätzlich eingeschränkt zu sein, weil gewisse Erwartungen erfüllt werden müssen. Als Thomas Harris Hannibal Lecter erdachte, kamen dabei verschiedene spannende Ideen zusammen. Der Hintergrund von HANNIBAL RISING ist es nun aber nicht, eine für sich genommen spannende Geschichte zu erzählen, sondern im Nachhinein eine Biografie zu einem bereits bestehenden Charakter zu entwickeln, die zumindest halbwegs plausibel ist (ob sie das ist, dazu komme ich später). Hannibal Lecter, der hoch gebildete Akademiker und Intellektuelle, der Menschen frisst und in die Köpfe seiner Gegenüber eindringt, ist eine spannende Figur. Der jugendliche Hannibal Lecter, der während des Zweiten Weltkriegs aus seiner Heimat Litauen flieht, leider nicht so sehr.

Die Geschichte, die sich Harris ausdachte, geht ungefähr so: Während des Zweiten Weltkriegs muss Hannibal Lecter miterleben, wie seine wohlhabenden Eltern umgebracht werden, und infolgedessen auf seine kleine Schwester Mischa aufpassen. Beide geraten in die Fänge von litauischen Kollaborateuren, die Mischa von Hunger geplagt verspeisen. Die folgenden Jahre verbringt er, von anderen Jugendlichen gedemütigt, im ehemaligen Elternhaus, das nun ein Waisenhaus ist. An der Schwelle zum Erwachsenenalter reist er nach Frankreich, wo ihn eine angeheiratete Tante, die stolze Japanerin Murasaki (Gong Li), empfängt, ihn in das Schwertkämpferethos der Samurai einweist und auch darin, selbst die Klinge zu schwingen. Hannibal absolviert ein Medizinstudium, verübt seinen ersten Mord, täuscht die ermittelnden Beamten und geht dann schließlich auf die Jagd nach jenen, die einst seine Schwester töteten. Ich bin kein Psychologe aber ich kann mir nicht helfen: Diese Geschichte stinkt zum Himmel, noch dazu ist sie in höchstem Maße unglaubwürdig und so über Gebühr konstruiert, dass es beim Zusehen Schmerzen bereitet. Ein braver, intelligenter Junge aus bester Familie, ein liebevoller Bruder, der durch den Horror des Krieges geht, mit absolutem Schrecken sieht, wie Menschen anderen Menschen Böses antun und sich bei all dem immer bewusst ist, was da passiert, soll zum berechnenden Lustmörder und Kannibalen werden? Sorry, aber das halte ich für ausgemachten Schwachsinn.

Das Schlimmste ist aber, dass es noch nicht einmal Harris und Webber, die mir diese Geschichte schließlich verkaufen sollen, gelingt, sie plausibel zu machen. Der Übergang vom netten, erschöpften Kriegsopfer mit intaktem Moralverständnis zum grausamen Mörder ist eine Zäsur, ein Sprung: HANNIBAL RISING versagt genau in jenem Moment, der ihm doch eigentlich seine ganze Daseinsberechtigung verleiht. Noch weitaus schwerer wiegt, dass Webbers Film geradezu unverschämt öde ist: Er gefällt sich in seiner aufgesetzten Epik und seinen geleckten, pseudogeschmackvollen Bildern, hat aber außer Banalitäten rein gar nichts zu bieten. Da lobe ich mir Ridley Scotts HANNIBAL: Der war auch hirnrissig und über Gebühr von seinem eigenen Stilbewusstsein berauscht (einmal sieht man da sogar ein GLADIATOR-Poster an einem Florentiner Kino hängen), aber er lieferte wenigstens ein paar saftige Gewaltschübe, die man so noch nirgendwo anders gesehen hatte, schon gar nicht in einem solchen Big-Budget-Schinken. Und er war in dieser Verbindung von Seriosität und Schund eben reizvoll. HANNIBAL RISING verlässt sich einzig und allein darauf, dass alle wissen wollen, wo dieser Lecter denn herkommt. Irrtum: Es ist mir scheißegal, vor allem, wenn die Geschichte, die mir dann aufgetischt wird, so kreuzlangweilig ist. Die zauberhafte Gong Li muss einem Leid tun, genau wie der junge Gaspard Ulliel, der mit dem Klammerbeutel gepudert gewesen wäre, hätte er diese Chance nicht ergriffen, aber er ist ein absolutes Charme-Vakuum, was er durch unangenehmes Psychopathen-Overacting auszugleichen sucht, und damit eine absolute Fehlbesetzung. Andererseits würde ich mutmaßen, dass niemand diesen Quark hätte retten können. Angesichts der vielen Fehlentscheidungen, die dieses Debakel kennzeichnen, muss man wahrscheinlich noch froh darüber sein, dass man davon abgesehen hat, den jugendlichen Hannibal von Anthony Hopkins spielen zu lassen.

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