Mit ‘Gastone Moschin’ getaggte Beiträge

Ugo Piazza (Gastone Moschin) ist kaum wieder auf freiem Fuß, da hat er bereits Rocco (Mario Adorf), einen Schergen des „Amerikaners“ (Lionel Stander), eines großen Gangsterbosses, im Nacken. Der ist davon überzeugt, dass Ugo ihn vor seiner Inhaftierung um 300.000 Dollar geprellt und das Geld irgendwo versteckt hat. Ugo wiederum beteuert, er sei unschuldig: Er will eigentlich nur seine Ruhe und irgendwie ein Auskommen haben, ohne gleich wieder straffällig zu werden. Es reicht ja schon, dass sein alter „Freund“ von der Polizei (Frank Wolff) nur darauf wartet, dass er den ersten Fehltritt macht. Und der scheint wirklich nur noch eine Frage der Zeit, denn um den vermeintlichen Dieb besser beobachten und gefügig machen zu können, zwingt der „Amerikaner“ Ugo zur Mitarbeit in seiner Organisation …

Einer der tollsten Italo-Filme seiner Zeit: Di Leos MILANO CALIBRO 9 besticht durch seine ausgeklügelte Dramaturgie, den gnadenlosen, dabei geduldigen Spannungsaufbau und einen der einprägsamsten, sympathischsten Hauptcharaktere des gesamten Genres. Gastone Moschin ist schlicht brillant als Ugo Piazza, ein ruhiger, etwas langsamer und demütiger Mann, der von sich selbst sagt, er sei nicht der Hellste. Der Druck, der von seinem ersten Auftritt an auf ihn ausgeübt wird, zeichnet sich in seinem kantigen, fast ausdruckslos bleibenden Gesicht zwar kaum ab, dennoch sieht man ihm an, dass er leidet. Er ist der Prototyp des Losers, zu gutmütig, zu wenig abgebrüht, um es in der Welt des Verbrechens wirklich zu etwas bringen zu können. Stattdessen zieht er die großmäuligen, aggressiven Typen, denen er ein willkommendes Opfer zu sein scheint, beinahe magnetisch an. Alle setzen sie ihm zu, lassen ihn wissen, dass er keine Chance hat, dass sie ihn für einen Versager und Idioten halten. Und Ugo nimmt das so hin. Er hat einfach keine Lust mehr auf Auseinandersetzungen. Da sieht man es mit einiger Genugtuung, dass er seine Feinde Lügen zu strafen scheint: Ugo ist nämlich cleverer als alle denken. Er geht mit seiner Intelligenz eben nur nicht hausieren; ganz so wie sein Gesinnungsgenosse auf der anderen Seite des Gesetzes, der berühmte Inspektor Columbo. So nähert sich Ugo dem großen Triumph, den keiner vorhergesehen hat. Und dann kommt doch alles anders.

MILANO CALIBRO 9 ist so konzentriert und unterkühlt erzählt, dass das Ende gleich doppelt so hart trifft. Noch nicht einmal Ugo kann angemessen darauf reagieren und ich habe gestern kaum weniger dumm aus der Wäsche geschaut als er – und dass, obwohl ich den Film schon kannte. Fernando Di Leo ist es gelungen, seinen Film selbst dann noch völlig authentisch, frisch und originell erscheinen zu lassen, wenn er Genrestandards reproduziert. So folgt man jeder Wendung gebannt, fiebert mit Ugo mit, dem man wie selbstverständlich völlig blind vertraut. Und wenn man feststellt, von ihm – wie alle anderen – an der Nase herumgeführt worden zu sein, dann nimmt einen das noch mehr für ihn ein: Er tut ja nur, was er tun muss.

MILANO CALIBRO 9 ist der rare Glücksfall eines durch und durch perfekten, fehlerlosen Films, der  dabei dennoch nicht maschinell und leblos wirkt. Dass es dazu kommen konnte, liegt, wie ich schon sagte, in erster Linie an Gastone Moschins Darbietung für die Ewigkeit, in zweiter am famosen Drehbuch. Aber auch der Rest stimmt: Die Besetzung drängt sich nicht auf den ersten Blick auf, vereint aber gleich ein gutes halbes Dutzend am Leistungsmaximum agierender Darsteller. Neben den bereits Genannten sind auch Luigi Pistilli als kritscher, politisch links stehender Polizeibeamter zu sehen, Philippe Leroy als tougher Loner auf Ugos Seite und die schnuckelige Barbara Bouchet als Ugo Geliebte Nelly. Bacalov hat dem Film einen grandiosen Score geschenkt, dessen treibender Rhythmus die Unausweichlichkeit von Ugos Schicksal und dessen Melodie die Tragik desselben akzentuieren. Sicherlich eines der Meisterwerke des exploitativen italienischen Kinoschaffens der Siebziger: Aber ehrlich gesagt tut man Di Leos Film mit dieser Einschränkung großes Unrecht. Ein Meisterwerk ist ein Meisterwerk ist ein Meisterwerk.

Vor 5 Jahren wurde die Frau des Interpol-Polizisten Tommaso Ravelli (Tomas Milian) von Bankräubern erschossen. Seitdem verrichtet der Bulle seine Arbeit mit konzentriertem Stoizismus, wissend, dass ihm die Killer irgendwann über den Weg laufen werden. Eines Tages ist es soweit: Bei einem Raubüberfall wird eine Kugel aus derselben Waffe abgefeuert, aus der auch die tödliche Kugel für seine Frau stammte. Sie gehört einem Schwerverbrecher, der nur „der Marseiller“ genannt wird. Ravelli heftet sich ihm an die Fersen …

Tomas Milian ist – wie in fast allen seinen Filmen – das optische Zentrum des Geschehens. Endlos cool, mit halblangen Haaren, Schiebermütze, Schnurrbart, Schlaghose und einem kegelförmigen Zigarrillo, auf dem er unablässig herumkaut – zu brennen scheint das Ding, das tief in seinem Mundwinkel steckt, so gut wie nie –, läuft er mit Stahl im Blick, aber durchaus verwundbar durch Massis Film. Da fällt es überaus deutlich auf, dass er eigentlich kaum etwas zu tun hat. Im letzten Drittel verschwindet er fast völlig, wird dann vom Drehbuch immer wieder zur richtigen Zeit an den richtigen Ort versetzt. Kriminalistische Arbeit besteht hier nicht aus einem akribischen Suchen nach der Nadel im Heuhaufen, sondern in einem unbegründeten Wissen, untrüglichem Instinkt und dem Talent, einfach die richtigen Kontaktmänner zu kennen. So ist er immer zur Stelle, wenn es etwas zu tun gibt, und sein Profitum schlägt sich darin nieder, dass man als Zuschauer keine Antwort auf die Frage erhält, wie er nun dahin kommen konnte. Ravelli, im deutschen Verleihtitel zwar hübsch reißerisch, aber nur bedingt korrekt als DER EINZELKÄMPFER ausgewiesen, ist eher ein Geist, dessen Vertrauen in die ausgleichende Gerechtigkeit des Schicksals und seine unerschütterliche Geduld ihn ans Ziel bringen. Am Ende bekommt er seine Rache, die sich der Geliebten des Schurken ähnlich unauslöschlich ins Gedächtnis brennen wird, wie die Ermordung von Ravellis Frau ebendiesem.

Stelvio Massi, hauptberuflicher Kameramann, hat selten richtig Großes geleistet, sondern meist solides Spannungshandwerk. SQUADRA VOLANTE würde ich mal spontan – ohne alles von ihm zu kennen – zu seinen besseren Filmen zählen. Er wartet mit einigen schönen Einfällen vor allem im Schnitt auf, punktet mit der hübschen Idee, einen Überfall durch die Anwesenheit eines Kamerawagens als Inszenierung auszugeben, und natürlich mit der Besetzung: Mit Milian und Moschin kann man nicht viel falsch machen, auch wenn beide erst am Schluss zusammentreffen. Anderenfalls wäre wahrscheinlich die Kamera explodiert. Schöner Film, nicht mehr nicht weniger.