Mit ‘Gaylen Ross’ getaggte Beiträge

Ist DAWN OF THE DEAD der größte Horrorfilm aller Zeiten? Ich bin geneigt, diese Frage mit „Ja“ zu beantworten. Ich glaube, dass der Horrorfilm nie ambitionierter, epischer, umfassender, menschlicher, mutiger, bissiger, komischer, trauriger und blutiger war als in George A. Romeros Meisterwerk. In einem schicksalhaften Zusammentreffen glücklicher Zufälle erkannte das damals sogar das Publikum, das die Low-Budget-Produktion zum Kassenschlager der Saison machte (Produktionskosten: 650.000 $, Gewinn: 55 Millionen Dollar laut Wikipedia) – eine Tatsache, die gern vergessen wird und heute – zumal in Deutschland – kaum mehr vorstellbar ist. Das ist nicht nur für sich betrachtet eine ziemlich beeindruckende Leistung: Bedenkt man, dass Romero die eigentlich undankbare Aufgabe zu bewältigen hatte, an einen nur als revolutionär zu bezeichnenden Film anzuknüpfen (mit NIGHT OF THE LIVING DEAD hatte er mit der untoten Fressmaschine namens Zombie eine Figur erfunden, an der sich heute noch ganze Heerscharen an Filmemachern, Drehbuchautoren, Comiczeichnern und Computerspiel-Programmierern eine goldene Nase verdienen), erscheint der überwältigende künstlerische Triumph von DAWN OF THE DEAD wie ein Wunder.

Ein untrügliches Indiz dafür, dass und wie weit DAWN OF THE DEAD seiner Zeit weit voraus war, ist m. E. die überwiegend negative Kritikerresonanz, die der Film erfuhr. Mit 40 Jahren Abstand und dem Wissen um die kulturelle Bedeutung, die Romeros Films seit seiner Erstaufführung erlangt hat, um den Einfluss, den er auf zahllose Nachahmer ausübte, und natürlich um die Auswüchse unserer westlichen Konsumgesellschaften, wirken die verzweifelten Versuche der Filmkritiker, DAWN OF THE DEAD zu fassen zu bekommen, geradezu wie unter Schock verfasst; als sei ihre Wahrnehmungsbefähigung durch auf Hochtouren laufende interne Schutzmechanismen temporär massiv beeinträchtigt gewesen. Der Film wurde von ihnen in einer fast ironisch zu nennenden Verkehrung der Tatsachen als zu langsam und langweilig bewertet, der mangelnde emotionale Impact beklagt und Effektmann Tom Savini in dieser Eigenschaft als „eigentlicher Hauptdarsteller“ bezeichnet. Natürlich verdankt DAWN OF THE DEAD seinen anhaltenden Ruf nicht erst zuletzt dieser Vielzahl damals bahnbrechender, nie gesehener Make-up-Effekte und auch für mich standen sie bei meiner Erstsichtung mit 18 Jahren im Vordergrund: Dennoch erinnert die Behauptung, Romeros Film sei ein Nonstop-Splatterfest, unweigerlich an die Wahrnehmungsstörung, die auch zur deutschen Beschlagnahmung von THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE geführt hat. DAWN OF THE DEAD ist bisweilen von nervenzerfetzender Spannung und verfügt auch über zahlreiche Actionsequenzen, aber genauso über langsame, brüterische Passagen, in denen die Charaktere im Mittelpunkt stehen und die Tragik und Ausweglosigkeit der Situation, in der sie sich befinden, herausgestrichen wird. Diese Endzeit-Atmosphäre affiziert auch die Slapstick-EInlagen, während derer die Zombies in einer Überspitzung typischer Konsumentenhypnose zu Fahrstuhlmusik durch die Shopping Mall stolpern oder im FInale von den Rockern mit Torten beworfen und anderweitig gedemütigt werden. Diese Szenen heben die Stimmung aber bestenfalls reflexhaft, dann dämmert einem sofort wieder, worüber man da eigentlich lacht.

Es ist bemerkenswert, wie nahtlos Romero der Anschluss an sein immerhin zehn Jahre zuvor erschienenes Debüt gelingt, wie mühelos er den Sprung von der intimen Abgeschlossenheit von NIGHT OF THE LIVING DEAD (dessen Ende ja durchaus die Möglichkeit suggerierte, dass die Menschheit der Zombieseuche Herr werden konnte) zum globalen Endzeitszenario vollbringt. Der Übergang ist so fließend, dass man annehmen könnte, Romero habe von Anfang an einen Zombie-Mehrteiler im Sinn gehabt, aber die Idee für DAWN OF THE DEAD kam ihm angeblich erst, als ein alter Studienfreund ihm seinen Arbeitsplatz zeigte: die Monroeville Shopping Mall, ca. 25 km östlich von Pittsburgh, wo der Film letztlich gedreht wurde. Wie zuvor widmet sich Romero den Bemühungen einiger Individuen, sich während der (nun völlig außer Kontrolle geratenen) Zombie-Apokalypse zu behaupten, schneidet zur Kommentierung der Vorgänge immer wieder auf das laufende Not-Fernsehprogramm, in dem sich Wissenschaftler und Politiker über zu treffende Rettungsmaßnahmen streiten. Der Ton wird dabei zunehmend schärfer, die vertretenen Positionen radikaler, die Kluft zwischen den Streitparteien größer: Dem Zusammenbruch der Ordnung „da draußen“ folgt der Zusammenbruch der zwischenmenschlichen Kommunikation. Irgendwann bleiben Fernseher und Radio ganz stumm. Die im Vorgänger noch vervorstechende Kritik an Rassismus tritt in DAWN OF THE DEAD zugunsten einer satirischen Abrechnung mit Konsumwahn und dem Kapitalismus in den Hintergrund. Lediglich die Sequenz zu Beginn, während der die Sondereinsatz-Beamten Peter (Ken Foree) und Roger (Scott H. Reiniger) ein überwiegend von Afroamerikanern bewohntes Housing Project stürmen, erinnert an die in NIGHT OF THE LIVING DEAD etablierte Parallelisierung von Unterprivilegierten mit Zombies.

Wieder aufgegriffen und konsequent ausgeweitet wird Romeros Kommentar zur Genderpolitik. Die Fernsehmitarbeiterin Francine (Gaylen Ross), Lebensgefährtin von Pilot Stephen (David Emge), wird während des gemeinsamen Aufenthalts in der Mall immer mehr isoliert. Während die vier Männer schwer bewaffnet ihrer Abenteuerlust nachgehen – und dabei über ihrer wachsenden Mordlust die Kontrolle verlieren –, ist sie dazu verdammt, in ihrer tristen Bleibe die Zeit totzuschlagen und sich mit ihrer Rolle als Hausweibchen abzufinden. Dass die einzige Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen, eine Schwangerschaft ist, ist unter den gegebenen Umständen besonders bitter. Romero lässt nur wenig Zweifel daran, dass die Apokalypse aus DAWN OF THE DEAD von Männern gemacht wird. Selbst der zuvor so ängstliche, fürsorgliche Stephen verwandelt sich unter dem Einfluss von Peter und Roger in einen Wochenend-Soldaten, nimmt für sich das Privileg in Anspruch, der Entscheider in der gemeinsamen Beziehung mit Francine zu sein. Es ist einer der genialen Twists von Romero, dass sich seine Protagonisten inmitten des heraufziehenden Weltuntergangs in typische Mittelklasse-Bürger verwandeln und es sich in ihrer „Wohnung“ mit den in der Mall verfügbaren Luxusgütern einrichten. So kann die Welt draußen ruhig vor die Hunde gehen. Es ist nicht nur der Selbsterhaltungstrieb, der sie am Schluss gegen die eindringenden Rockerhorden vorgehen lässt: Hier geht es vor allem um Besitzstandswahrung, und wer sich uneingeladen am Eigentum vergreift, wird gnadenlos hingerichtet. „What have we become?“, fragt Francine einmal, die ihren Traum von der Freiheit immer noch nicht aufgegeben hat. Stephen versteht sie überhaupt nicht.

Für mich sind genau das die Momente, die nach nunmehr fünf bis zehn Sichtungen die stärkste Wirkung hinterlassen (na gut, ein paar der saftigen Effekt-Details mag ich natürlich auch, etwa wie sich im Ohr eines Zombies eine Blutpfütze bildet, als Roger mit einem Schraubenzieher hineinsticht). Die menschliche Dimension des Dramas kommt nicht zuletzt dank der überzeugenden Darsteller deutlich stärker zum Tragen als im in dieser Hinsicht noch etwas schwachbrüstigen NIGHT OF THE LIVING DEAD. Es sind die Gesichter der Protagonisten, in denen die ganze Tragweite der Katastrophe zum Ausdruck kommt: Roger, dem die Übelkeit und der Ekel hochkommen, während er Dutzende von tatenlos herumliegenden Zombies in einem Kellerloch hinrichtet. Francine, die mit Entsetzen und Unverständnis den Wandel ihres Geliebten zur Kenntnis nimmt, ihn irgendwann schließlich gar nicht mehr erkennt. Der Allmachtswahn, der in Rogers Züge kriecht und ihn in eine Comicfigur verwandelt. Schließlich die bodenlose Langweile, die der Luxus und der endlose Müßiggang bei allen auslösen. Es ist nicht nur die Tatsache, dass die Zombies ihre Festung überrannt haben, die Francine und Peter am Ende in den Helikopter und in eine ungewisse Zukunft treiben: Alles ist besser als das Leben in einem Zustand des vorweggenommenen Todes.

[Eine Anmerkung noch zur Editionsphilologie: DAWN OF THE DEAD existiert bekanntermaßen in zahlreichen verschiedenen Versionen, die jeweils wiederum entweder auf die ursprünglich angfertigte US- oder die europäische Schnittfassung zurückgehen. Romero drehte DAWN OF THE DEAD mit vielen Kameras und produzierte so unglaublich viel Material, das dann auch für die unterschiedlichen Länderversionen verwendet wurde, die mithin in einzelnen Einstellungen voneinander abweichen können. Ich bin ausschließlich mit der ca. 140-minütigen Langfassung vertraut, die auf meiner holländischen DVD fälschlicherweise als „Director’s Cut“ ausgewiesen ist. Meiner Auffassung nach handelt es sich eher um eine Art Supercut, gewissermaßen eine längstmögliche Fassung. Dass es kein „Director’s Cut“ ist, beweist in erster Linie der Goblin-Soundtrack, der lediglich in der von Dario Argento verantworteten europäischen Schnittfassung zum Einsatz kam.]

madman (joe giannone, usa 1982)

Veröffentlicht: Mai 17, 2010 in Film
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Am letzten Abend ihres Aufenthalts versammeln sich die jugendlichen Besucher eines Camps für begabte Kinder und ihre Betreuer (unter ihnen DAWN OF THE DEAD-Star Gaylen Ross unter dem Namen Alexis Dubin) am Lagerfeuer, um sich Gruselgeschichten zu erzählen. Eine davon handelt von einem örtlichen Farmer, der einst aus heiterem Himmel dem Wahnsinn verfiel und seine Familie mit einer Axt ermordete und dessen Leichnam spurlos verschwand, nachdem ihn die Bewohner für dieses Verbrechen an einem Baum aufgeknüpft hatten. Der Legende nach irrt der „Madman Marz“ genannte Mörder immer noch im Wald umher, um jeden zu töten, der seinen Namen above a whisper ausspricht. Natürlich findet sich ein besonders adrenalinsüchtiger Jugendlicher, der völlig enthemmt den Namen des Schlächters herausgrölt und somit das übliche stalk ’n‘ slash einleitet …

MADMAN ist einer der unzähligen Beiträge zum Slasherkino der Achtzigerjahre und als solcher eigentlich nicht weiter erwähnenswert. Im Zentrum des Interesses stehen die Mordszenen, die hier allerdings weder besonders kreativ (Höhepunkt ist eine Enthauptung per Motorhaube) noch übermäßig blutig  ausgefallen sind, die Zeit dazwischen wird aufgefüllt mit dem eher anstrengend-blöden Verhalten der Figuren und die einzigen erwähnenswerten und durchaus gelungenen Anflüge milder erzählerischer Eigenleistung sind der unmittelbare Einstieg mit der Lagerfeuerszene und der Schluss, der weder die obligatorischen Wiederauferstehungszeremonien noch ein Happy-End noch die Ankündigung eines Sequels bereithält. Ansonsten ist MADMAN Standard, allerdings Standard der Sorte, den man sich sogar anschauen kann, ohne sich ständig über die Vergeudung kostbarer Lebenszeit aufzuregen. Dass MADMAN unterm Strich und trotz der bereits aufgezählten Kritikpunkte gar nicht mal wenig Maß Spaß macht, liegt an einer gewissen kindlichen Geisterbahnmentalität: Eine zynische Abgebrühtheit, die dem Zuschauer einen Tritt in die Magengrube nach dem nächsten verpasst, sucht man ebenso vergebens wie die ironisch-abgeklärte Distanziertheit, die zu verstehen gibt, dass sie um die Doofheit des eigenen Stoffes weiß, um sich abzusichern. Regisseur Giannone akzentuiert viel lieber das Groteske, übersteigert seine Geschichte mithilfe der hübschen Bildgestaltung, Kameraarbeit und Spezialeffekte zur krachenden Räuberpistole: Da walzt der kolossale Madman mit seinem Rauschebart und den Missgestaltungen grunzend durchs Gebälk, dass es nur so eine Pracht ist und jede Spur von Subtilität im Keim erstickt wird, damit seiner Quelle – eben einer Gruselgeschichte – perfekt entsprechend. Schon das den Anfangscredits unterliegende Bild erinnert ein wenig an die Scherenschnitt- und Schattentechnik der Animationsfilme Lotte Reinigers, die Musik verstärkt mit einem altmodisch anmutenden Orgelthema den märchenhaften Eindruck, der dann auch bestimmend für den weiteren Film ist. Irgendwie ist hier alles ein bisschen liebevoller als man es sonst aus dem Genre gewohnt ist und selbst die Dummheit der Protagonisten erscheint weniger genormt als sonst. Wer etwa den sonst vom Figureninventar eines Slasherfilms zur Schau gestellten Hedonismus nicht mehr ertragen kann, findet hier sein Glück und kann sich stattdessen etwa über eine Frau freuen, der es erst nicht gelingt einen kleinen Hügel hochzulaufen und die diesem dann zur Strafe tatsächlich die Zunge rausstreckt. Und das fragwürdige Krisenmanagement der Lagerangestellten besteht darin, einer vermissten Person so lange weitere einzelne Personen nachzuschicken, bis plötzlich alle verschwunden sind. Wie gesagt: Das Ding macht schon Spaß und eignet sich für gesellige Bierabende. Das wiederholte Schnaufen und Stoßseufzen meiner Gattin sollte als Beweis dafür reichen (und sie fand MADMAN sogar auch ganz putzig).

Und noch ein bisschen filmhistorische Trivia zum Abschluss: Dies ist der Film, der eigentlich die Lagerfeuergeschichte vom armen Cropsy erzählen wollte, die dann allerdings schon in THE BURNING erzählt worden war.