Mit ‘Gene Simmons’ getaggte Beiträge

trickortreatquadNach SHOCK ‚EM DEAD musste es einfach dieser Film sein: ein weiterer Vertreter des vor allem in den Achtzigerjahren reüssierenden Heavy-Metal-Horrorfilms, putzigerweise entstanden unter der Regie von Charles Martin Smith, der Brillenschlange aus DE Palmas THE UNTOUCHABLES, den man nun nicht unbedingt mit satanischen Lyrics und facemeltenden Gitarrensolos assoziiert. Der Film hinterließ keine echten Spuren, auch wenn er mit Gastauftritten von Gene Simmons (als Radio-DJ) und Ozzy Osbourne (als Fernsehprediger) sowie der Effektarbeit des späteren Chucky-Schöpfers Kevin Yagher aufwarten konnte. Den Soundtrack steuerte der ehemalige Motörhead-Gitarrist Fast Eddie Clarke mit seiner Combo Fastway im Verbund mit Christopher Young bei. Die Hauptrolle ging an den eher unbekannten Tony Fields, einen professionellen Tänzer (er starb 1995 im Alter von nur 36 Jahren), nachdem sowohl W.A.S.P.-Frontmann Blackie Lawless als auch Gene Simmons abgesagt hatten. Simmons gab an, dass ihm das Drehbuch nicht zugesagt habe, und das ist sofort nachvollziehbar.

TRICK OR TREAT verfolgt wie fast alle Vertreter des Subgenres eine Art Doppelagenda: Einerseits wird da mit der vor allem Jugendliche ansprechenden Musik auf die Zielgruppe geschielt, ihr rebellischer Gestus und ihre von gewalttätig über sexuell bis zu satanisch reichende Bildsprache als Inspiration für entsprechende erzählerische Winkelzüge und Effekte genutzt, die auf die Barrikaden gehende Elternschaft als scheinheiliger, bevormundender Haufen entlarvt. Andererseits bekommen diese Kritiker am Ende regelmäßig Recht, denn natürlich verbirgt sich in der übersteuerten Musik meist wirklich das Böse, dass die zunächst noch in ihrer Selbstentfaltung behinderten Kids an Leib und Leben bedroht. Protagonist von Smith‘ Film ist Eddie (Mark Price), aufgrund seines Geschmacks der Sonderling der Schule und den ständigen Übergriffen von Tim (Doug Savant) und seinen Jocks ausgesetzt. Eddies Idol ist der Metalsänger Sammi Curr (Tony Fields), der einst auf Eddies Schule ging und aufgrund seiner extravaganten Bühnenshow (man sieht ihn einmal, wie er eine Schlange durchbeißt und sich mit ihrem Blut besudelt) und suggestiven Texte Dorn im Auge des Establishments ist, und Eddie ist außer sich, als er von Currs Tod erfährt. Mithilfe einer raren Schallplatte von Currs letzter Aufnahme, die ihm der DJ Nuke (Gene Simmons) vermacht, erweckt Eddie den toten Rocker zu neuem Leben. Aber der hat dann nur Böses im Sinn und muss von seinem größten Fan gestoppt werden.

Die Story erinnert etwas an den putzigen BLACK ROSES, aber TRICK OR TREAT ist insgesamt ernsthafter: Gerade die erste Hälfte des Films, die sich der Darstellung von Eddies Einzelgängertum und der Befreiung widmet, die seine Musik für ihn bedeutet, ist eigentlich sehr einfühlsam und schön. Currs Musik spricht zu Eddie, er sieht sich in der Auflehnung des Musikers repräsentiert, sie macht sein eigenes Leben ein bisschen besser. Currs Tod trifft ihn daher besonders hart: Er fühlt sich um das einzige betrogen, was ihm noch einen gewissen Ausgleich zu den alltäglichen Frustrationen und Demütigungen verschaffte. Die Ablehnung, die „seine“ Musik bei anderen hervorruft ist auch nur die Dopplung der Ausgrenzung, die er täglich erfährt. In einer tollen Szene betrachtet seine Mutter angewidert die Plattencover in seinem Zimmer (u. a Megadeths „Killing is my Business“ und Exciters „Unveiling the Wicked“), bevor sie aus Versehen die Anlage einschaltet und ob des aus den Boxen dringenden Lärms in völlige Panik gerät, zunehmend hilflos und halb wahnsinnig vor Angst auf den Knöpfen herumhämmert: Ein schönes Bild für den unüberbrückbaren Graben zwischen der Elterngeneration und ihrem Nachwuchs. Wenn es dann im letzten Drittel ans Eingemachte geht, ist das zwar immer noch hübsch anzusehen – etwa Currs Auftritt in der Schulaula, bei dem er ein wahres Massaker anrichtet -, aber vor allem den Genrekonventionen statt einer über allem stehenden Idee verpflichtet. Was soll die Tatsache, das Curr als rachsüchtiger elektrischer Dämon aus dem Jenseits zurückkehr, uns sagen? Dass der vermeintlich kathartisch-therapeutische Effekt von Rockmusik ein Trugschluss ist, ein Mittel, um Opfer einzufangen, die es nicht besser wissen? Ich schätze, man darf diese Lesart ausschließen, aber TRICK OR TREAT bietet leider keine andere an.

Lance Stargrove (Richard Stamos) hat den coolsten Namen der Welt. Zwar ist er ein ziemlicher Milchbubi und außerdem auch noch ein As im Geräteturnen, doch dieser Name allein klingt schon wie ein Versprechen. Jemand der „Lance Stargrove“ heißt, wird nicht Versicherungsvertreter, Bankkaufmann oder KFZ-Mechaniker, denn er ist zu Höherem berufen. Nun gut, dass dieser Lance im Verlauf der 90 Minuten von NEVER TOO YOUNG TO DIE vom Schulbankdrücker zum Weltretter wird und am Ende des Films das Angebot diverser Regierungsbeamter erhält, als Agent im Dienste der USA zu arbeiten, kann man auch darauf zurückführen, dass bereits sein Vater ein bondesker Supermann im Staatsdienst war (gespielt vom Einmalbond George Lazenby), aber dieses Argument zieht nur bedingt, denn auch der hieß schließlich auf den mächtigen Namen Stargrove. „Stargrove – flying like you’ve never flown/Stargrove – running through a danger zone“ weiß auch der Titelsong des Films zu berichten, der schon zu Beginn ganz klar macht, das so ein Stargrove ein Leben auf der Überholspur führt. Und genau diese Überholspur ist NEVER TOO YOUNG TO DIE.

Ich habe von Gil Bettmans Film zum ersten Mal zu seinem damaligen Kinostart (!!!) in der Bravo gelesen und war von den Bildern schon damals hin und weg: ein Teenie namens Lance, eine Perle namens Vanity, ein hermaphroditischer Schurke gespielt vom Sänger von KISS! Wer hatte da meine nächtlichen Jugendträume angezapft, um einen Film daraus zu machen? Jahre später auf RTLplus erwies sich LANCE – STIRB NIEMALS JUNG, wie er auf deutsch hieß, zwar als geschnitten, aber dennoch als die ultimative Filmwerdung kollektiver Jungsfantasien. Es scheint, als hätten seine Macher tief in die Herzen aller zehn- bis zwölfjährigen Jungs geblickt, wo deren geheimste Wünsche fest verschlossen vor sich hin schlummern und die Sehnsucht befeuern, und dann beschlossen, sie in einem Film zu verewigen, der alle Grenzen des Rationalen sprengt, ohne dabei sein kindliches, spielerisches Gemüt zu opfern.

In NEVER TOO YOUNG TO DIE wird ein Jugendlicher zum Topagenten und Weltretter, und zwar mithilfe seines asiatischen und mithin genialen Kumpels Cliff (Peter Kwong) und der endgeilen Superschnecke Danja (die endgeile Superschnecke Vanity), der ehemaligen Kollegin seines Vaters, der seinerseits Topagent und Weltretter war. Letzterer war dem Plan des hermaphroditischen Superschurken, Sexsymbol und Rockstar Velvet von Ragnar (Gene Simmons) auf die Schliche gekommen, die Trinkwasserreserven der USA für immer zu verseuchen, und beim Versuch, dies zu verhindern, ums Leben gekommen. Und eben spätestens mit der Figur der/des Velvet von Ragnar lässt NEVER TOO YOUNG TO DIE irdischen Boden hinter sich und strebt mit Schallgeschwindigkeit den unendlichen Weiten des Absurden und Bescheuerten entgegen, where no man has gone before. Ragnar, von Simmons beständig zwischen den Polen „hyperventilierender Mad Scientist“ und „diabolischer Verführer“ interpretiert, schart eine Bande Anabolika-abhängiger MAD MAX-Statisten um sich, die im Chor „The finger!“ skandieren und damit sagen wollen, dass Ragnar einen armen Teufel mit seinem abnhembaren tödlichen Fingernagel hinrichten soll. Wenn er keine Endzeitrocker in Weltvernichtungspläne involviert, tritt er im hautengen Nylon-Ganzkörperanzug und pinkfarbener Turmperücke im Club „Incinerator“ auf, wo Rocker zu ätzender Wave-Musik tanzen, Motorräder mit bronzenen Pferdeköpfen fahren, Bier und Motoröl (!!!) saufen, aber Milchbrötchen Lance und das potenzielle Vergewaltigungsopfer Danja trotzdem unbehelligt an der Theke stehen können. Wobei „unbehelligt“ relativ ist, denn Lance wird von der fabulösen Thekenschlampe ein „lube job“ angeboten. Es sagt ziemlich viel über den Film aus, dass Danja den Laden ohne eine solche Offerte verlassen muss. Zurück zu Ragnar: Der besingt seine sexuelle Expertise in amelodiös rausgegrölten Onelinern, fummelt sich mit meterlangen Fingernägeln an den Nippeln rum und windet seinen aufgedunsenen Körper in sexueller Ekstase, dass es nur so eine Pracht ist – und die Rocker, die sonst bekannt dafür sind, ein eher konservatives Wertesystem zu vertreten, jubeln dem Genderbender auch noch zu wie dem Liebhaftigen selbst. Man kann Gene Simmons für diese Rolle gar nicht genug huldigen: Auch wenn NEVER TOO YOUNG TO DIE kunterbuntester Trash ist, versteckt sich Simmons nie hinter einem billigen Augenzwinkern. Seine Darbeitung als Ragnar ist the real deal. Und, ja, irgendwo in diesem bonbonfarbenen Getöse versteckt sich eine Sexualpolitik, die man vielleicht sogar als „progressiv“ oder aber „subversiv“ bezeichnen könnte, wenn es denn dann nicht diese Sexszene mit Vanity gäbe, über die ich mich natürlich keienswegs beschweren möchte, im Gegenteil: Danke!

Ich will gar nicht länger über NEVER TOO YOUNG TO DIE schwadronieren: Besser, als über Lieblingsfilme zu reden, ist es, sie sich anzuschauen. Wer also ein Faible für das Absonderliche hat, das auf unerklärliche Weise mitten im glattgebügelten Mainstream gedeihen konnte, der muss diesen Film sehen. Nur selten wurden so viele schlechte Ideen zu einem so großartigen Film zusammengerührt, wurden das Blöde und Triviale durch bloße Akkumulation des Blöden und Trivialen transzendiert und reine Schönheit daraus geboren. Es hilft beim Genuss ganz bestimmt, wenn man sich ein wenig seiner Kindlichkeit bewahrt hat. Aber auch, wenn man nie den Wunsch hatte Superagent und Weltretter zu werden, einen absurd kostümierten Supervillain zu besiegen und seine Männlichkeit im Liebesspiel mit einem Pop- und Drogenstar unter Beweis zu stellen, muss man sich nicht grämen. NEVER TOO YOUNG TO DIE beweist, dass es für Regress nie zu spät ist. Siehe Filmtitel. In diesem Sinne: STARGROVE!