Mit ‘Gene Tierney’ getaggte Beiträge

In einer überaus produktiven, erfolg- und einflussreichen Phase seines Schaffens drehte Ford auch TOBACCO ROAD, die Filmadaption eines überaus beliebten Broadway-Stücks, das wiederum auf einem hochgelobten Roman basierte. Das Unterfangen war nicht ohne Risiko: Die Vorlage von Erskine Caldwell galt seinerzeit als „schmutzig“ und anstößig, musste schon für die Bühnenumsetzung einiger Spitzen bereinigt und für die große Leinwand dann noch einmal kräftig überarbeitet werden. John Ford machte aus Caldwells Roman, einer desillusionierten, bitteren Bestandsaufnahme der USA in der Depression, in dem eine verarmte Familie ihre Töchter verhökert und die fromme Nachbarsfrau prostituiert, um ein paar Dollar für das benötigte Saatgut zu verdienen, zur überdrehten Komödie, die ihre durchaus vorhandenen Widerhaken hinter einer Fassade burlesker Heiterkeit verbirgt. Ford gelang mit TOBACCO ROAD ein weiterer Hit, der außerdem gute Kritiken einheimste, aber nach Masterpieces wie STAGECOACH, DRUMS ALONG THE MOHAWK, YOUNG MR. LINCOLN, THE GRAPES OF WRATH und THE LONG VOYAGE HOME lässt er seinen Urheber zum ersten Mal nach Jahren wieder wie einen Normalsterblichen erscheinen, der auch mal eine weniger gute Idee hat – so sehe ich das zumindest nach Erstsichtung.

Thematisch liegen TOBACCO ROAD und THE GRAPES OF WRATH eng beieinander: Beide spielen in der Zeit der Depression, beide handeln von einer Familie, die ihre Folgen mit voller Wucht zu spüren bekommt. Doch anders als die Joads in THE GRAPES OF WRATH, die ihr Schicksal in die Hand nehmen und die Reise nach Westen antreten, halten die Lesters ihrer Heimat die Treue und sehen zu, wie alles um sie herum stirbt. Das fruchtbare Land, an dem sich Baumwollplantagen und Felder aneinanderreihten, ist verdorrt, die stolzen Herrenhäuser sind Ruinen, und die verbliebenen Bewohner, denen es einst sehr gut ging, zeigen längst ebenfalls die Zeichen des Verfalls. Familie Lester, angeführt vom zauseligen Jeeter (Charley Grapewin), haust in einer maroden Holzhütte auf einem schlammigen Acker, die jüngste Tochter haben sie an den weinerlichen Lov (Ward Bond) verheiratet, dem sie längst abgehauen ist. Kein Problem, sie haben ja noch die schöne Ellie May (Gene Tierney), die zwar keine Hasenscharte hat wie in der Vorlage, deren Sexiness aber mit geistiger Minderbemitteltheit einhergeht – sie spricht im ganzen Film kein einziges Wort, wälzt sich dafür aber lasziv im Schlamm. Der älteste Sohn, Dude Lester (William Tracy), ist ein großmäuliger Schwachkopf mit Zahnlücke und Kreischstimme, der später die deutlich ältere Nachbarin Bessie (Marjorie Rambeau) heiratet, um dann den zur Hochzeit neu gekauften Wagen innerhalb von 24 Stunden zu Schrott zu fahren. Jeder würde hier jeden verhökern und verraten, um an ein paar Dollars zu kommen, eine Tatsache, die seltsamerweise verbindenden Charakter hat. Dass der freundliche Captain Tim (Dana Andrews) am Ende das zum Erhalt der Farm dringend benötigte Geld zur Verfügung stellt, ist ein Happy End ohne Überzeugung: Die Tobacco Road ist für den Untergang bestimmt, aber die Lesters haben sich mit der deprimierenden Situation ganz gut arrangiert. Im Schlamm sind sie zu Hause.

TOBACCO ROAD ist turbulent und laut, fast schon als Comic zu bezeichnen und nur schwer zugänglich – auch wenn Ford seinen Film selbst als Spektakel fürs Herz bezeichnete. Wir erkennen Jeeter als Mann mit gutem Herz, aber für die Zivilisation ist er dennoch verloren, zusammen mit seiner ganzen Familie. Sein zahnloses Geplapper, die lautstarken, mitunter handgreiflichen Auseinandersetzungen mit seinem Sohn, die Verblendung, mit der er geschlagen ist: Auch geistig lebt dieser Mann bereits in einer anderen Welt, und was innerhalb des Films als lustig erscheint, würde man im wahren Leben nicht unbedingt komisch finden. Ford versagt den Lesters weder Mitleid noch grundsätzliche Sympathie, denn sie sind letztlich Opfer einer wirtschaftlichen Fehlentwicklung, aber von der Romantisierung ihrer Armut ist er weit entfernt. Nichts am Leben der Lesters ist erstrebenswert oder satisfaktionsfähig und wenn man weniger zurückhaltend ist, könnte man auch sagen, dass Ford den Windschatten, den ihm diese armen Tröpfe bieten, ausgiebig dazu nutzt, mit einigen gemeinhin als amerikanisch geltenden Werten abzurechnen. Vor allem die unreflektierte Religiosität wird von ihm mit Hohn und Spott überzogen: Wann immer Bessie und Dude wegen ihrer illegitimen Ehe – Dude ist noch minderjährig – Ärger zu bekommen drohen, retten sich die beiden damit, dass sie ein Kirchenlied anstimmen. Und der Rausch, in den der Besitz eines Autos, die verarmten Proleten versetzt, ist schon ein Vorbote dessen, was in den kommenden Jahrzehnten noch folgen sollten.

Das Herz von TOBACCO ROAD sitzt definitiv am rechten Fleck, aber ich empfand ihn doch als eher anstrengend: Es gibt keinerlei Fluchtmöglichkeit vor dem Irrsinn und speziell William Tracys Darstellung des Dude Lester überscheitet eigentlich die Grenze des Zumutbaren. Der Film ist schon ein ziemlich gemeiner Bastard, wie er vorgaukelt, das alles sei irrsinnig komisch und dabei einen ungeschönten Blick in den Abgrund wirft – und damit erschreckend modern.

heaven can wait (ernst lubitsch, usa 1943)

Veröffentlicht: Dezember 20, 2012 in Film
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Üblicherweise fangen meine Texte hier mit einer kurzen Inhaltsangabe an. Ich weiß nicht mehr genau, warum ich diese  ziemlich langweilige und konservative Struktur gewählt habe. Ich vermute, dass es eine Verlegenheitsentscheidung war: Eine kurze Zusammenfassung kann man immer schreiben, man umgeht so ganz leicht die Hemmschwelle des schwierigen ersten Satzes, hat ohne viel Mühe den Grundstein für einen Text gelegt. Nicht bei jedem Film habe ich das Bedürfnis, einen kreativen Text zu schreiben, will manchmal einfach nur meiner selbstauferlegten Chronistenpflicht genüge tun, da hilft so eine Schablone sehr. Und bei anderen Filmen kann es durchaus ganz hilfreich sein, sich noch einmal vor Augen zu führen, was eigentlich der Grundkonflikt war, 90 bis 120 Minuten Handlung auf ein paar Sätze zu reduzieren. Manchmal stößt man dabei auch auf Besonderheiten der Dramaturgie, die einem sonst gar nicht so aufgefallen wären. (Ich erinnere mich etwa noch gut daran, wie schwer es mir gefallen ist, Verhoevens ROBOCOP für das Himmelhunde-Blog zusammenzufassen, einen Film, dessen Geschichte man nun nicht gerade als besonders komplex bezeichnen würde: Aber in diesem Film passiert unglaublich viel in unglaublich kurzer Zeit.)

Warum schreibe ich das alles? Normalerweise beginne ich schon während der Filmsichtung, Ideen für meinen Text zu sammeln, zu überlegen, was ich bemerkens- und hervorhebenswert finde, wie ich ihn am besten zu fassen bekomme. So auch gestern bei Lubitschs HEAVEN CAN WAIT, in dem ein eben Verstorbener dem Teufel an der Rezeption der Hölle Bericht über sein vergangenes Leben erstattet. Diese Konstellation – ein Toter resümiert über sein Leben – ist seit Lubitschs Film mehrfach aufgegriffen worden, schon fast so etwas wie ein Standard geworden, und insofern knüpfte ich auch bestimmte Erwartungen an den Fort- und Ausgang von HEAVEN CAN WAIT: Der Rückblick auf das eigene Leben leitete einen Erkenntnisprozess beim Verstorbenen ein, an dessen Ende er in die Lage versetzt worden wäre, sein Leben neu bewerten und tatsächlich in Frieden ruhen zu können. Einen Einfluss auf meine Erwartungshaltung hatte außerdem die Tatsache, dass ich Warren Beattys gleichnamigen Film für ein Remake des Lubitsch-Klassikers hielt. Je länger der Film dauerte, umso klarer wurde mir, dass Beattys HEAVEN CAN WAIT kaum mehr als den Titel mit dem Lubitsch-Film teilt und dieser keineswegs so leicht in das bekannte Raster fällt. Lubitsch vermittelt durchaus eine Art „Moral von der Geschicht“, die zudem kaum überrascht, wenn man sich mit seinem Gesamtwerk auskennt (oder auch nur DESIGN FOR LIVING gesehen hat), aber sie steht nicht am Ende, quasi als Synthese der vorangegangenen „wertfreien“ Ereignisse, als großer überraschender Clou oder unerwartete Pointe. Sie prägt vielmehr den ganzen Film, seinen Ton, die Art, wie die Charaktere miteinander umgehen. HEAVEN CAN WAIT läuft nicht auf ein Ziel zu, das dann die Summe der Addition seiner einzelnen Szenen ist. Er ist immer schon ganz da.

Die Handlung von HEAVEN CAN WAIT zusammenzufassen, geht an der Poesie des Films weit vorbei. Zwar kann man einen Grundkonflikt aus ihm herauskristallisieren – sein Protagonist Henry (Don Ameche) liebt und verehrt seine Gattin Martha (Gene Tierney), aber eben auch andere Frauen –, nur bestimmt dieser Konflikt eher seine Charaktere als dass er eine Handlung formen würde. Es liegt wohl auch an Lubitschs Technik der diskreten Indiskretion, dass die Themen „Untreue“ und „Eifersucht“ sich nie in dem Maße in den Vordergrund drängen, wie man das aus modernen RomComs kennt. Seine Protagonisten haben bestimmte Eigenschaften, die ihre Handlungen beeinflussen. Es bedarf keiner extremen Zuspitzungen oder konstruierter Drehbuch-Volten, um sein Thema als solches herauszustellen. So mäandert der Film streckenweise – aber immer amüsant und stilvoll – vor sich hin, wie es das Leben auch tut, kristallisiert sich erst ganz allmählich der genannte Konflikt heraus, dem die Charaktere aber nie zur Gänze unterworfen werden. HEAVEN CAN WAIT wird nie zum Problem- oder Thesenfilm. Er betrachtet ein Ehepaar, das seine Kämpfe auszutragen hatte, aber insgesamt ein glückliches gemeinsames Leben führte. Das aus den Voraussetzungen, die beide Partner mit in die Ehe brachten, das Beste gemacht hat. Dessen Hälften es gelernt haben, ihr persönliches Glück nicht an einem objektiven gesellschaftlichen Ideal zu messen, sondern an ihren eigenen, ihnen angemessenen Maßstäben. „Der Himmel kann warten“ – das bezieht sich eigentlich überhaupt nicht auf die Situation des Protagonisten zu Beginn des Films (anders als in Beattys Film). Es bedeutet, dass der Mensch sich nicht so sehr um willkürlich aufgestellte Idealzustände scheren sollte, deren zwangsläufiges Verfehlen ihn nur unglücklich macht. Er muss lernen, seinen eigenen Weg zu finden, das Leben zu leben, das ihn glücklich macht, auch wenn die Gesellschaft ihn dafür vielleicht als unmoralisch abstempelt. Der Teufel schickt den reumütigen Henry am Ende des Films mit dem Fahrstuhl nach oben. Entscheidend ist nicht, dass er ein paar Seitensprünge und Affären hatte, sondern dass er seine Martha liebte – und sie ihn, mit allen seinen Fehlern. Für die langweilige Tugend ist im Himmel immer noch genug Zeit.

Die attraktive und erfolgreiche Werberin Laura Hunt (Gene Tierney) wurde erschossen. Der Detective Lieutenant Mark MacPherson (Dana Andrews) ermittelt und bekommt es mit zwei Hauptverdächtigen zu tun: dem arroganten Journalisten Waldo Lydecker (Clifton Webb), einem alternden Verehrer der Verstorbenen, und dem verweichlichten Versager Shelby Carpenter (Vincent Price), ihrem Verlobten, die sich beide spinnefeind sind. Als MacPherson ein Porträt Lauras sieht, erliegt auch er ihrem Charme …

Ein eigenartiger Film. Er beginnt mit der (Film-Noir-typischen) Voice-Over-Narration, allerdings eines Charakters, der dann doch nicht der Protagonist ist. Und seine titelstiftende weibliche Hauptfigur, um deren Ermordung sich zunächst alles dreht, steht nach ca. der Hälfte der Spielzeit quicklebendig in der Tür und sorgt so für einen harten Stimmungswechsel. Alles wirkt irgendwie unterdrückt, doch da schwelt etwas im Verborgenen und schimmert immer nur kurz durch. Und diese Merkwürdigkeiten sind es, die den auf den ersten Blick so harmlosen Film so interessant machen und ihn im Gedächtnis haften zu lassen.

Wie schon bei DOUBLE INDEMNITY hat mir das Bonusmaterial auf der DVD sehr geholfen, das Gesehene in Perspektive zu bringen. Aber auch die Stimmen von Filmgelehrten und Regisseuren sind nicht in der Lage, das Rätsel vollständig aufzulösen. Merke: Wenn mehrere Minuten darauf verwendet werden, zu erklären, warum LAURA ein Film Noir ist, dann beweist das m. E. sehr viel eher, dass er sich nur mit viel Mühe überhaupt in diese Schublade stecken lässt. Zwar gibt es einen ermittelnden Polizisten, der wird aber im Gegensatz zu anderen Noir-Helden fast ausschließlich positiv gezeichnet. Zwar gibt es eine verführerische Frau, in deren Umlaufbahn gleich mehrere Männer hilflos kreisen, doch eine Femme Fatale ist sie nicht, ganz im Gegenteil. Zwar entpuppt sich die feine Gesellschaft, in der der Film spielt, als durch und durch verkommen, aber so richtig apokalyptisch ist das alles nicht. Otto Premingers Regie tut ihr übriges zur Wolf-im-Schafspelzhaftigkeit des Films: Er inszeniert auffallend zurückhaltend und dieser Widerspruch macht recht deutlich, dass LAURA ein Film mit leicht zu übersehenden Tücken ist. Umgehauen hat er mich noch nicht, aber er hat die Potenz, das bei weiteren Sichtungen noch zu tun. Lust darauf habe ich jedenfalls.