Mit ‘George A. Romero’ getaggte Beiträge

schönheit des monats

Veröffentlicht: Mai 23, 2019 in Film
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George A. Romeros KNIGHTRIDERS ist ein schönes Beispiel für einen Film, der auf den ersten Blick wie ein Fremdkörper in der Filmografie seines Schöpfers wirkt, sich dann aber als äußerst konsequente Bearbeitung all jener Themen entpuppt, die auch dessen anderen, berühmteren oder in diesem Fall sogar berüchtigteren Werke behandelte. Mein erster Kontakt mit diesem in Deutschland lange Zeit nur schwer verfügbaren Film war ein Szenenfoto in der Fangoria, das in mir die Frage aufwarf, wovon zum Teufel dieses Teil wohl handeln mochte: Da es das Internet noch nicht gab, war eine Antwort auf diese Frage ebenso außer Reichweite wie KNIGHTRIDERS selbst. Es existierte zwar eine stark gekürzte Verleihverson in Deutschland, aber ich kann mich nicht daran erinnern, die auch nur einmal irgendwo gesehen zu haben. Erst 2012 bekam ich den Film dann zum ersten Mal zu Gesicht, sein Geheimnis hatten zu diesem Zeitpunkt bereits diverse Filmlexika gelüftet.

Da Romero bis heute in allererster Linie mit seinen Zombiefilmen, mit Abstrichen auch mit MARTIN oder THE CRAZIES assoziiert wird, nehme ich an, dass viele KNIGHTRIDERS noch nicht kennen. Mit Erscheinen des Mediabooks von Koch Media, das den Film zum ersten Mal in Deutschland angeschnitten präsentiert (auch im Kino lief er damals nur gekürzt), gibt es für diese Zeitgenossen endlich keine Ausrede mehr. KNIGHTRIDERS ist ein Faszinosum, weil er zum einen völlig originär ist in seiner Herangehensweise an die im Mittelpunkt stehende Gemeinschaft von motorisierten Rittern, die die Mittelaltermärkte mit ihrer Show beackern, dabei von dem Gegensatz zwischen der Spannung unter den Protagonisten und dem lockeren Erzählrhythmus lebt. Zusammengehalten wird das vom großartigen Ed Harris, der hier seine erste große Hauptrolle absolvierte und gleich demonstrierte, zu was er in den kommenden Jahren fähig sein sollte.

Ich lege allen aufgeschlossenen Filmfreunden die Anschaffung dieses außergewöhnlichen Kleinods ans Herz – nicht nur, weil ich das Booklets beisteuern durfte.

zum tod von george a. romero

Veröffentlicht: Juli 21, 2017 in Film, Zum Lesen
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Etwas verspätet ein Nachruf von mir zum Tod von George A. Romero am vergangenen Montag. Für Critic.de habe ich mir ein paar Gedanken zu seiner Karriere gemacht und versucht zu erklären, was den Erfinder des modernen Zombiemythos als Filmemacher eigentlich so besonders gemacht hat. Wir sind uns sicher alle einig darüber, dass NIGHT OF THE LIVING DEAD und DAWN OF THE DEAD nicht nur zwei veritable Meisterwerke, sondern darüber hinaus auch absolute Gamechanger auf dem Konto hat (von THE CRAZIES, MARTIN, KNIGHTRIDERS oder DAY OF THE DEAD reden wir noch gar nicht), aber auch seine schwächeren Filme zeigen seine unverkennbare Handschrift, die allerdings selten Objekt intensiver Auseinandersetzung war. Mit Romero ist ein Filmemacher gegangen, der sich nie hat kompromittieren lassen, den Bruch oder das unpersönliche Kommerzprodukt sucht man in seiner Filmografie vergebens. Meinen Nachruf könnt ihr hier lesen.

Das vorläufige Ende von Romeros Zombie-Zyklus stellt nach dem katastrophalen DIARY OF THE DEAD fast zwangsläufig wieder eine deutliche Verbesserung dar, kommt im direkten Vergleich mit Meisterwerken wie NIGHT OF THE LIVING DEAD, DAWN OF THE DEAD, DAY OF THE DEAD oder selbst LAND OF THE DEAD aber dennoch einer herben Ernüchterung gleich. Nicht nur, dass SURVIVAL OF THE DEAD seinen Vorgängern inhaltlich kaum noch etwas hinzuzufügen hat, er sieht dabei auch so gnadenlos billig aus, dass es wehtut. Der Look des Films ist farbarm, matschig und lieblos, und wüsste man nicht, es hier mit einem Film von Romero zu tun zu haben, man könnte vermuten, es handele sich bei SURVIVAL um einen der zahlreichen Quasi-Amateur-Splatterfilme, die vor allem in den Neunzigerjahren den Markt fluteten. Mit seinen grauenhaften, peinlich plakativ eingesetzten CGI-Effekten schrammt der Film zudem mehrfach haarscharf an der tumben Splatterkomödie vorbei. Klar, Humor war vor allem in DAWN OF THE DEAD schon ein wichtiges Stilmittel gewesen, aber wenn hier ein Zombie mit einer Gabel samt aufgespießter Bratwurst gekillt wird, wird eine Niveaugrenze unterschritten, die bis einschließlich LAND stets gewahrt geblieben war.

Die Story, die wieder einmal darum kreist, wie es nicht so sehr die Zombies, sondern vor allem die Menschen selbst sind, die ihren eigenen Untergang besiegeln, indem sie es nicht schaffen, zusammenzuarbeiten und ihre Animositäten zu begraben, ist mittlerweile reichlich abgedroschen, präsentiert einen alternden Filmemacher auf Autopilot, der von seiner eigenen Kreation gelangweilt scheint, aber weiß, dass er von ihr als einziges noch profitieren kann. Irgendwo tief drinnen in SURVIVAL OF THE DEAD steckt eine ganz hübsche Idee, generell ist es nicht verkehrt, dass Romero sich entschieden hat, zur Intimität von NIGHT zurückzukehren, aber am Ende ist der ganze Film kaum mehr als ein unnötiger Wurmfortsatz, dessen Verlust niemand wirklich bedauern würde. Nachdem zuvor immer mal wieder die Rede von der Flucht auf eine Insel war, macht SURVIVAL OF THE DEAD damit ernst, verlegt die Handlung auf Plum Island, ein kleines Eiland vor der US-amerikanischen Ostküste, wo die Clans der O’Flynns und der Muldoons seit Jahrhunderten verfehdet sind. Während das aktuelle Oberhaupt der Muldoons (Richard Fitzpatrick) der Meinung ist, man müsse die Zombies am Leben halten, um eine Heilung zu finden, richtet O’Flynn (Kenneth Welsh) gnadenlos alles hin, was schon untot ist oder es werden könnte. In diesen Konflikt platzt der marodierende Sarge (Alex van Sprang, der mit seinen Leuten einen Ort sucht, an dem man leben kann, ohne täglich mit dem Tod rechnen zu müssen. Plum Island scheint ein idealer Ort, aber seine Bewohner sind in ihrer idiotischen Feindschaft erpicht darauf, auch ihn zur Hölle zu machen. Und das tun sie dann auch, damit am Schluss das mittlerweile gewohnte Massaker stattfinden kann und der Protagonist zu neuen Ufern aufbrechen muss.

SURVIVAL OF THE DEAD erinnert mit seinen erbitterten Feinden, die gar nicht mehr genau wissen, warum sie sich eigentlich hassen, etwas an das amerikanischste aller Filmgenres, den Western, kehrt somit zum Kern der US-amerikanischen Faszination mit Waffen und Gewalt zurück. Romero findet durchaus einige schöne Bilder: Die zombifizierte Tochter O’Flynns, die auf ihrem schwarzen Pferd ziellos über die Insel galoppiert, die von Muldoon in ihrer alten Tätigkeit gefangenen Zombies (ein ehemaliger Briefträger, fristet sein Dasein damit, immer und immer wieder ein und denselben Brief in einen Briefkasten zu werfen), abschließend das Bild der nun selbst zu Untoten gewordenen Erzfeinde, die auch in diese Zustand nichts anderes als den gegenseitigen Hass aufeinander kennen. Aber insgesamt ist SURVIVAL OF THE DEAD von alten Glanzzeiten weit entfernt und das einzige, das wirklich noch für ihn einnimmt, sind Nachsicht und Nostalgie. Es gibt ganz gewiss Hunderte von deutlich mieseren Zombiefilmen, aber für den Begründer und Meister des Genres liegt die Messlatte dann doch etwas höher. Ich kann mit SURVIVAL OF THE DEAD einigermaßen leben, begrüße seine Existenz allein schon deshalb, weil DIARY damit nicht den tragischen Endpunkt des Zyklus bildet, frage mich aber dennoch, was nach LAND OF THE DEAD eigentlich schief gelaufen ist.

Mit LAND OF THE DEAD erwies sich George A. Romero im Alter von 65 Jahren als scharfer Kapitalismuskritiker, der sich seinen Biss trotz dritter Zähne bewahrt hatte, und schaffte das Wunder, auch nach 20 Jahren an die hohe Qualität seiner legendären Zombietrilogie anknüpfen zu können. Mit DIARY OF THE DEAD versetzte er jenen seiner Zuschauer, die nun verständlicherweise glaubten, Romero könne mit „seinen“ Zombies einfach nichts falsch machen, einen herben Dämpfer. Teil 5 des Zyklus, im Stile der seit dem Erfolg von THE BLAIR WITCH PROJECT reüssierenden Found-Footage-Filme inszeniert, zeigt einen Filmemacher, der mit seinem Thema – irgendwas mit Medien – hoffnungslos überfordert ist und leider auch als Erzähler auf ganzer Linie versagt. DIARY OF THE DEAD beginnt schwach und von da an geht es 90 Minuten lang abwärts.

Anstatt seinen Zyklus chronologisch fortzusetzen, wie er das bisher mit jedem neuen Teil getan hatte, springt Romero mit DIARY OF THE DEAD zum Ausbruch der Zombieseuche zurück, die er jedoch in die Gegenwart verlegt. Die erste Attacke sehen wir durch das Objektiv einer Fernsehkamera, danach wendet er sich einer Gruppe Filmstudenten zu, die bei den Dreharbeiten zu einem Mumienhorrorfilm (eine von vielen unerklärlichen Entscheidungen) von Nachrichten über die Apokalypse überrascht werden. Sie besteigen ihr Wohnmobil und begeben sich auf die Fahrt nach Hause, quer durch entvölkerte Landstriche, die Kamera, die alles für die Nachwelt festhalten soll, immer im Anschlag. Via Voice-over-Narration wird viel über die Unglaubwürdigkeit der Medien und über Manipulation schwadroniert, immer wieder erklärt, dass das neue Filmmaterial irgendwo im Netz hochgeladen werde, um dieser Manipulation etwas Wahrhaftigkeit entgegenzuhalten, aber all das wirkt wie nachträglich übergestülpt und ergibt im Kontext des Filmes keinerlei Sinn: Diese Manipulation, von der da geredet wird, findet im Film einfach nicht statt, es gibt keinerlei Beleg für die immer wieder konstatierte Unzuverlässigkeit der Bilder. Man ahnt zwar, was Romero meint, weil die Protagonisten Wirklichkeit durch das ständige „Draufhalten“ selbst konstruieren, anstatt sie nur abzubilden, aber richtig entwickelt wird das nicht. DIARY OF THE DEAD verdient sich die Bedeutungsschwere, mit der er aufgeladen ist, zu keiner Sekunde. Die Roadmovie-typische Episodenhaftigkeit, das miserable Spiel der Darsteller, ihre durch die Bank unsympathischen und schablonenhaften Protagonisten, die grauenhaft steifen Dialoge, die fehlgeleiteten Ausflüge Richtung Splatterkomödie: Das alles ergibt niemals ein homogenes Bild, außer dem eines konfusen Fehlschlags, bei dem der Regisseur schon früh die Zügel aus der Hand verloren hatte – wenn er denn überhaupt jemals wusste, was er eigentlich sagen wollte. Der Film macht den Eindruck, als wollte Romero sich an einem von ihm für irgendwie „modern“ und „innovativ“ gehaltenen Stil versuchen, ohne diesen jedoch jemals wirklich verstanden zu haben. Die Möglichkeiten der Affektsteuerung, des Spannungsaufbaus und der Überraschung, die der Found-Footage-Stil bietet und die ihn auszeichnen, werden zu keiner Sekunde auch nur annähernd ausgeschöpft, die inflationäre Erwähnung von Internet und Youtube wirkt wie das verzweifelte Buhlen um die Aufmerksamkeit der „Kids“. Als wollte Thomas Gottschalk erklären, was Hip-Hop ist. Furchtbar.

Ich habe DIARY OF THE DEAD gestern zum ersten Mal seit seinem Einsatz bei den Fantasy Filmfest Nights 2008 gesehen, wo er mir seinerzeit sogar ganz gut gefallen hatte. Ich kann mir das heute nur noch mit der damals vorherrschenden Freude darüber erklären, einen weiteren Zombiefilm aus der Romero-Schmiede auf großer Leinwand sehen zu können, mit einem Fehlen kritischer Distanz. Die Sichtung gestern hielt nicht nur eine herbe Ernüchterung bereit, sie war eine von Minute zu Minute größer werdende Qual. Es ist Romeros schlechtester Film und bisher der schlimmste, den ich in diesem Jahr gesehen habe. Ein Desaster.

land_of_the_deadWas dem einen sein STAR WARS: EPISODE VII: THE FORCE AWAKENS, ist dem anderen sein LAND OF THE DEAD. Lange Zeit war es mehr als unwahrscheinlich, dass Romero seine im Jahr 1985 mit dem Flop von DAY OF THE DEAD (unfreiwillig?) beendete Zombietrilogie noch einmal erweitern können würde. Savinis Versuch, NIGHT OF THE LIVING DEAD mit seinem gleichnamigen Remake für die Neunzigerjahre zu aktualisieren, scheiterte kläglich. Wenn Zombies in den Neunzigern auf der Leinwand auftauchten, dann meist in Splatterkomödien, die mit Romeros sozialkritischem Impetus nichts mehr gemein hatten. Erst das im neuen Millennium wiedererstarkte Interesse am verstörenden, allegorischen Potenzial der Zombiefigur, das sich in den Erfolgen von Boyles 28 DAYS LATER, Andersons RESIDENT EVIL, Snyders DAWN OF THE DEAD-Remake oder auch Wrights SHAUN OF THE DEAD niederschlug, öffnete eine Tür, die zuvor fest verrammelt schien. Trotzdem war es wie ein bizarrer, wunderbarer Traum, als ich mich im Jahr 2005 mit meiner damals Noch-Nicht-Gattin Leena in einem Düsseldorfer Kino niederließ, um der Vorführung von LAND OF THE DEAD beizuwohnen, wie gesagt 20 Jahre nach DAY OF THE DEAD, der es allerdings nie auf deutsche Leinwände geschafft hatte, 12 nach Romeros letztem großen Kinofilm THE DARK HALF und fünf nach dem zwiespältigen, hierzulande gleich auf DVD verwursteten BRUISER. Ich genoss das überaus seltene Gefühl, dass einem verdienten Filmemacher Gerechtigkeit widerfuhr, dass das ansonsten mit rigoroser Perfektion arbeitende und solche Filme wie LAND OF THE DEAD bedingungslos ausschließende System für einen Augenblick unaufmerksam und durchlässig geworden war, in vollen Zügen. Und das beste: Man musste Romeros Film noch nicht einmal mit Nostalgie verklären. Er zeigte einen Filmemacher, der sich den kritischen Biss, der seine besten Filme ausgezeichnet hatte, auch im Alter von 65 Jahren noch bewahrt hatte und sich auch in einer seit seiner Hochphase völlig veränderten Filmlandschaft noch behaupten konnte.

Kein kleines Wunder, denn Romero musste sich nicht nur mit stark veränderten Produktionsbedingungen (CGI statt praktischer Effekte etc.) arrangieren, sondern vor allem seine Zombie-Allegorie den neuen politischen Gegebenheiten anpassen, und dabei gleichzeitig im Auge behalten, dass das Publikum mitzog. LAND OF THE DEAD ist etwas „glatter“ als die Ursprungstrilogie, verfügt mit Simon Baker über einen attraktiven Heldendarsteller und mit Hopper, Leguizamo und Argento über bekannte Akteure in den Nebenrollen, die die Identifikation erleichtern. Der Film ist wesentlich actionlastiger als sein Vorgänger DAY OF THE DEAD, erinnert in seiner kompakten Story, die die Geschehnisse im Wesentlichen auf einige wenige nächtliche Stunden eindampft, und in seinem Plotverlauf etwas an Carpenters ESCAPE FROM NEW YORK. Die Zombieapokalypse bietet zunächst lediglich den visuell „malerischen“ Hintergrund für die Abenteuer der menschlichen Protagonisten Riley Denbo (Simon Baker) und Cholo DeMora (John Leguizamo), die die verwüsteten Ortschaften im Umkreis der von den Menschen besetzten und befestigten Stadt Pittsburgh im Auftrag des Millionärs Kaufman (Dennis Hopper) nach Lebensmitteln und Luxusgütern absuchen. Bei einem ihrer Streifzüge bemerkt Denbo, dass die Zombies eine neue Entwicklungsstufe zu erklimmen scheinen: Sie beginnen miteinander zu kommunizieren, Werkzeuge zu benutzen und sich zu organisieren. Der Zombie „Big Daddy“ (Eugene Clark) fungiert dabei als Anführer und nimmt im weiteren Verlauf der Handlung den am Horizont leuchtenden Wolkenkratzer „Fiddler’s Green“ ins Visier. Die Plätze in dem Luxushochhaus verkauft Kaufman an die Reichen und Schönen, während die Unterprivilegierten in den Slums zu seinen Füßen mit Zombieschaukämpfen und Glücksspiel bei Laune gehalten werden. Wie weiland Prinz Prospero in Roger Cormans Poe-Adaption THE MASQUE OF THE RED DEATH feiert Kaufman hoch über der Stadt ein dekadentes Freudenfest, während die Welt um ihn herum im Chaos versinkt. Cholo glaubt, er hätte sich mit seiner Loyalität einen der begehrten Plätze verdient, könne dem Dreck und dem Tod, von dem er umgeben ist entkommen, aber er, ein Prolet von der Straße, passt natürlich nicht ins Konzept Kaufmans. Seine Rache, ein Erpressungsversuch, tritt die Handlung in Gang, in dessen Folge die Reste menschlicher Zivilisation von der untoten Invasion wieder einmal dem Erdboden gleichgemacht werden.

Romero hat seine Zombies von Beginn an als Repräsentanten einer rechtlosen Unterschicht oder eines klein gehaltenen Mittelstandes verstanden, die vom Status quo übergangen, unterdrückt, gedemütigt, misshandelt, gefoltert und schließlich getötet wurden. Dieser Status quo erhält in LAND OF THE DEAD in Form des Kapitalisten Kaufman zum ersten Mal ein konkretes Gesicht. Wie ein Kaiser sitzt Kaufman in seinem Turm, lässt sich den Platz in der Sicherheit teuer bezahlen, sorgt dafür, dass die, die ausgeschlossen sind, nicht aufbegehren. Als Cholo droht, ihn mit dem entwendeten Kampfpanzer „Dead Reckoning“ unter Beschuss zu nehmen, ist Kaufmans Reaktion so bekannt wie vielsagend: „We don’t negotiate with terrorists!“ 2005 musste dieser Satz mit dem amtierenden US-Präsidenten George W. Bush assoziiert werden, unter dem die internationalen Beziehungen der USA einer neuen Belastungsprobe unterzogen wurden, tatsächlich ist er ein Standard aus dem Politiker-Wörterbuch, der vor Bush schon von Reagan, nach ihm von Obama bemüht wurde, und damit kennzeichnend für Herrschaft generell ist. Die Kritik aus Romeros „Ur-Trilogie“ wird mit LAND OF THE DEAD sogar noch erheblich verschärft, eine Zweiklassengesellschaft gezeichnet, in der es nur noch die Superreichen und die Besitzlosen gibt, die sich zum Vergnügen der Oberen gegenseitig zerfleischen dürfen. Es sind die Zombies, die sich schließlich gegen ihre Peiniger erheben. Wenn sie da von der anderen Seite des Flusses auf den grell in den Nachthimmel stoßenden Wolkenkratzer starren und den Marsch durch das Wasser antreten, muss die bildliche Parallele zu den Flüchtlingsmassen, die unter prekären Umständen das Mittelmeer überqueren, erschrecken. Noch suchen sie bei uns nur Asyl, wollen etwas von unserem Wohlstand, den wir auch auf ihre Kosten genießen, abhaben, ein menschenwürdiges Leben ohne Hunger und Leid. Wie lange wird es dauern, bis ihre Geduld am Ende ist und sie sich mit Gewalt nehmen, was ihnen verwehrt bleibt? Cholo, der von Kaufman als nicht würdig erachtet wurde, ins „Fiddler’s Green“ einzuziehen, steht am Ende selbst als Zombie vor ihm, um sich für die erlittene Demütigung zu rächen. Er hat das Spielchen lange Zeit mitgespielt, in dem Glauben, dass es eine realistische Chance gibt, es zu gewinnen, hat nach unten getreten und nach oben gebuckelt. LAND OF THE DEAD ist gleichzeitig Warnung und Agitation. Es gibt keine Frage, wo Romeros Sympathien liegen.

Romeros zornige Gesellschaftskritik kommt diesmal im Gewand eines massentauglichen Action-Horrorfilms daher. Das nimmt dem Film etwas die eigene visuelle Note, die NIGHT, DAWN und DAY ohne Zweifel hatten, lässt ihn mehr als das Produkt einer Zeit erscheinen, in der auch der blutigste Splatter nur noch schwerlich zu schocken vermag, weil er bereits entsprechend zielgruppengerecht vermarktet wird. Die Besetzung mit bekannten Gesichtern entbindet den Zuschauer von der Aufgabe, sich erst den Zugang zu ihnen zu erarbeiten: Es ist von Anfang an klar, was von Denbo, Cholo, Slack (Asia Argento) und Kaufman zu halten ist, ihre Charaktere halten keine echten Überraschungen mehr bereit. LAND OF THE DEAD läuft gewissermaßen besser rein, ist leichter verdaulich als der abwechselnd schwungvolle, dann wieder runterziehende DAWN oder der frustrierende DAY. Dass er oberflächlich unterhaltsamer und mehr wie ein typischer „Scareflick“ strukturiert ist, den man sich mir der verängstigten Freundin im Arm anschaut, macht seine schon radikal zu nennende Kapitalismuskritik aber eigentlich noch subversiver als sie es zuvor schon gewesen ist, und wirft die Frage auf, wie dieser Film in dieser Form entstehen konnte. Ein später Höhepunkt des Zombiefilms und eine nicht mehr für möglich gehaltene Rückkehr Romeros zu neuer alter Form. Mehr noch: ein Triumph. Hat der alte Romero Hollywood ein schönes Kuckucksei ins Nest gelegt. Davor kann man nur den Hut ziehen.

In einer gerechten Welt hätte Romero nach dem Jahrhundertfilm DAWN OF THE DEAD für sein Sequel den Persilschein erhalten. Stattdessen waren seine Geldgeber nur wenig begeistert von seiner Forderung, den Film unrated zu veröffentlichen, und sahen sich daher zur Sicherung ihrer Investition gezwungen, eine Budgetkürzung um 50 % vorzunehmen (Wikipedia veranschlagt das finale Budget von DAY OF THE DEAD mit 3,5 Millionen $). Romero musste das Drehbuch für den „GONE WITH THE WIND of zombie films“ daraufhin massiv kürzen und umarbeiten. Es verwundert den Eingeweihten insofern nicht, dass der fertige Film voller sichtbarer Kompromisse, mittelprächtiger Akteure und nur halb gelöster Probleme steckt, nach dem breit und episch anmutenden Vorgänger wie ein Rückschritt zur Intimität von NIGHT OF THE LIVING DEAD anmutet, anstatt nun das volle Ausmaß der in DAWN heraufdämmernden Apokalypse in den Blick zu nehmen. Das Publikum nahm den Film dann auch auffallend gleichgültig auf: Den Großteil seines Gewinns erzielte DAY OF THE DEAD erst bei seiner Heimkino-Auswertung, in deren Zuge er dann auch rehabilitiert und als das verhinderte Masterpiece erkannt wurde, das er ist. Es ist Romeros einzigartiger Vision zu verdanken, dass der Film trotz der ihm in die Beine geworfenen Stöcke niemals zu Fall kommt und am Ende als würdige Fortsetzung – und für 20 Jahre auch vorläufiger Schlusspunkt – des Zombiezyklus erscheint.

DAY OF THE DEAD vollzieht zunächst einen Perspektivwechsel: Nachdem sich Romero in den beiden vorangegangenen Filmen mit den Problemen von Zivilisten befasst hatte (die Polizisten Peter und Roger waren nach dem Massaker zu Beginn von DAWN OF THE DEAD desertiert), wendet er sich nun jenen Kräften zu, deren Streitigkeiten der Zuschauer zuvor in den immer wieder eingeschobenen Fernsehinterviews beiwohnen konnte, die als filminterner Kommentar der fiktiven Vorgänge fungierten. In einem unterirdischen Bunkersystem arbeitet eine Gruppe von Wissenschaftlern fieberhaft an einer Möglichkeit, die Zombieseuche aufzuhalten oder gar umzukehren, während die ihnen zur Seite gestellten Soldaten langsam aber sicher die Geduld mit ihnen verlieren. Als es zum endgültigen Bruch zwischen den beiden Konfliktparteien kommt, ist das der Anfang vom Ende. Den letzten Überlebenden bleibt wieder einmal nur die Flucht mit dem Helikopter, ihr Ziel ist diesmal eine Insel, auf der es nicht nur keine Zombies, sondern auch keine anderen Menschen mehr gibt. Mit dieser pessimistischen Sicht der Dinge knüpft Romero konsequent an die Vorgänger an: In Extremsituationen ist fest mit dem Versagen der menschlichen Vernunft zu rechnen, was stets eine größere Gefahr darstellt als jeder noch so gefräßige Untote. Romero sagte selbst über seinen Film, er sei eine „tragedy about how a lack of human communication causes chaos and collapse even in this small little pie slice of society“. Einen Vorgeschmack darauf gab er bereits in DAWN OF THE DEAD, mit seinen immer hitziger werdenden Fernsehdebatten zwischen Politikern und Wissenschaftlern, die dann schließlich irgendwann einfach ganz ausblieben. Man ahnte, warum.

Der Disput zwischen den Militärs und den Wissenschaftlern verläuft entlang ethischer, vor allem aber pragmatischer Linien. Dr. Logan (Richard Liberty) weiß, dass für die Suche nach einer Heilung der Zombieseuche nicht genug Zeit ist, und versucht deshalb, die Zombies zu domestizieren. Mit dem Exemplar „Bub“ (Howard Sherman) verzeichnet er dabei zwar einigen Erfolg, doch vergisst er über seiner Arbeit den kurzfristigen Nutzen. Die Soldaten, die ihr Leben dabei riskieren, die Wissenschaftler mit Zombies zu versorgen, empfinden seine Arbeit mit einigem Recht als Schlag ins Gesicht. Lieber würden sie mit den vor sich hin faulenden Monstren ganz aufräumen, verkennend, dass sie hoffnungslos in der Unterzahl sind. Die beiden Parteien finden nie zueinander, weil sie unterschiedliche Sprachen sprechen. Den Soldaten unter der Führung des psychotischen Captain Rhodes (Joe Pilato), allesamt vulgäre bullies, die ihre Machtposition genussvoll ausspielen und aus ihrer Verachtung für die Intellektuellen keinen Hehl machen, kommt zwar die Rolle der Aggressoren zu, doch Dr. Logan trägt seinen Teil zur finalen Eskalation bei. Er agiert wie in einer Luftblase, ohne Rücksicht auf die verheerenden Umstände und die Moral. So verfüttert er das Fleisch toter Soldaten an die Zombies und nimmt sogar heimlich Experimente an ihren Leichnamen vor, weil diese „frischer“ sind. Skrupel kennt er nicht, weil er sich vom „höheren Zweck“ legitimiert sieht, dem Einzelinteressen untergeordnet werden müssen. Als er über seiner These, zivilisiertes Verhalten müsse belohnt und incentiviert werden, damit es sich „lohne“, in monologisierendes Gebrabbel verfällt, wird nicht nur klar, dass er offensichtlich handfeste psychische Probleme mit sich herumschleppt, es wird auch das Dilemma offenbar, vor dem die Menschheit im Angesicht ihrer Auslöschung steht: Es gibt einfach keinen Grund mehr, einander mit Respekt zu behandeln. Weniger artikuliert spiegelt sich der Konflikt zwischen Militär und Wissenschaft im Streit der Forscherin Sarah (Lori Cardille) und ihrem Liebhaber, dem am Rande eines Nervenzusammenbruchs taumelnden Miguel (Anthony DiLeo jr.). Anlass für ihren den ganzen Film über anhaltenden Streit ist die Diskrepanz zwischen ihrer Kontrolliert- und Gefasstheit und seiner Panik. In ihrer Beziehung setzt sich der Streit zwischen Ben und Barbra aus NIGHT OF THE LIVING DEAD oder Francine und ihren männlichen Begleitern in DAWN OF THE DEAD mit umgekehrten Vorzeichen fort: Sarah übernimmt die Rolle des Mannes, Miguel den weiblichen Part. Es ist das aus diesem von ihm so empfundenen Missverhältnis resultierende Gefühl der „Impotenz“, das Miguel am Ende über die Klippe führt (man muss nicht mit Freud ankommen, um die Armamputation, die sie an ihm vollzieht, zu interpretieren). Es ist wahrscheinlich eher kein Zufall, dass Sarah am Ende bei zwei Außenseitern, dem Piloten John (Terry Alexander) und dem Funker Bill (Jarlath Conroy), Geborgenheit und Frieden findet, die Romero zwar nicht exlizit als homo-, wohl aber als asexuell zeichnet. Das Refugium, das sich die beiden in den trostlosen Tunneln des Bunkers mithilfe eines Wohnmobils, Terrassenmöbeln und einer Fototapete gebaut haben, weist schon den Weg zum Ende des Films: John und Bill handeln nach der Maxime „Leben und leben lassen“, haben sich von falschen Ambitionen und Hoffnungen weitestgehend freigemacht, sind ganz dem Augenblick verpflichtet. Es gibt nichts mehr, woum man kämpfen müsste. Das ist vorbei.

Die Kritik bemängelte damals, DAY OF THE DEAD sei zäh, zu dialoglastig, schlecht gespielt und insgesamt runterziehend und deprimierend. Sie lag nicht ganz daneben, auch wenn diese Eigenschaften angesichts des Sujets geradezu unabdingbar erscheinen. Aber ja, gegenüber DAWN wirkt DAY trotz seines fünfmal höheren Budgets klein und zeitweise auch etwas billig. Das klaustrophobische Setting ist über die gesamte Laufzeit betrachtet nicht gerade schön anzuschauen, es gibt nur wenig Ausbrüche aus der Dunkelheit und Tristesse. Das schlägt sich auch auf die Charaktere nieder: Keiner reift zu einem echten Sympathieträger heran, wichtige Details, wie die Beziehung zwischen Miguel und Sarah, bleiben unterentwickelt und unglaubwürdig, dem Spiel fehlen grundsätzlich die Nuancierungen, die die Figuren wirklich lebendig machen würden. Glaubt man aber den Aussagen von Schauspielerin Cardille, die davon berichtet, dass Romero ihr untersagte, zu emotional zu agieren, zielte Romero genau darauf ab. Die Stimmung unter den „Insassen“ ist höchst entzündlich, geprägt von cholerischen Ausbrüchen und Kurzschlussreaktionen einerseits, Angst, Gehemmtheit und Frustration andererseits. Ein falsches Wort kann hier unverhältnismäßige Folgen nach sich ziehen, und das Wissen darum führt dazu, dass sich alle Personen vollkommen unnatürlich und steif verhalten. Diese Steifheit ist es auch, die den Film in erster Linie kennzeichnet und lähmt, vor allem im Vergleich zum actionlastigen Vorgänger, der seinen Protagonisten zumindest kurzzeitige Entlastung und Hoffnung bot. In DAY OF THE DEAD sind es vor allem die gegenüber DAWN noch einmal erheblich verfeinerten und ausgereiften Effekte von Tom Savini, die so etwas wie „Spielfreude“ bringen. Der Detailreichtum, den er beim Make-up der Zombies oder dem blutigen Zerpflücken der Protagonisten an den Tag legt, sucht in der Welt der „handgemachten“ Effekte sicherlich seinesgleichen. Viel besser als hier sah Splatter auch danach eigentlich nicht mehr aus. Das ist durchaus entscheidend: Mit DAY OF THE DEAD bereitet Romero den Wandel vor, der sich dann leider erst 20 Jahre später in LAND OF THE DEAD vollziehen sollte. Die Zombies beginnen in DAY OF THE DEAD, den Menschen nicht nur zahlenmäßig den Rang abzulaufen. Wenn ich oben sagte, es gebe keine echte Sympathiefigur in Romeros Films, so ist das nur die halbe Wahrheit: Es gibt keine menschliche Sympathiefigur. Es ist der geknechtete Zombie „Bub“, der das Herz des Betrachters erobert, eine tragische Figur, ein Sklave seines eigenen Leibes und Dr. Logans, und trotzdem ein Wesen, das mehr Seele in sich trägt als alle seiner lebenden Zeitgenossen. Wer es bis hierhin noch nicht gemerkt hat: Romeros Zombiezyklus handelt nicht so sehr vom Ende der Menschheit als vom Ende der Menschlichkeit.

 

 

Ist DAWN OF THE DEAD der größte Horrorfilm aller Zeiten? Ich bin geneigt, diese Frage mit „Ja“ zu beantworten. Ich glaube, dass der Horrorfilm nie ambitionierter, epischer, umfassender, menschlicher, mutiger, bissiger, komischer, trauriger und blutiger war als in George A. Romeros Meisterwerk. In einem schicksalhaften Zusammentreffen glücklicher Zufälle erkannte das damals sogar das Publikum, das die Low-Budget-Produktion zum Kassenschlager der Saison machte (Produktionskosten: 650.000 $, Gewinn: 55 Millionen Dollar laut Wikipedia) – eine Tatsache, die gern vergessen wird und heute – zumal in Deutschland – kaum mehr vorstellbar ist. Das ist nicht nur für sich betrachtet eine ziemlich beeindruckende Leistung: Bedenkt man, dass Romero die eigentlich undankbare Aufgabe zu bewältigen hatte, an einen nur als revolutionär zu bezeichnenden Film anzuknüpfen (mit NIGHT OF THE LIVING DEAD hatte er mit der untoten Fressmaschine namens Zombie eine Figur erfunden, an der sich heute noch ganze Heerscharen an Filmemachern, Drehbuchautoren, Comiczeichnern und Computerspiel-Programmierern eine goldene Nase verdienen), erscheint der überwältigende künstlerische Triumph von DAWN OF THE DEAD wie ein Wunder.

Ein untrügliches Indiz dafür, dass und wie weit DAWN OF THE DEAD seiner Zeit weit voraus war, ist m. E. die überwiegend negative Kritikerresonanz, die der Film erfuhr. Mit 40 Jahren Abstand und dem Wissen um die kulturelle Bedeutung, die Romeros Films seit seiner Erstaufführung erlangt hat, um den Einfluss, den er auf zahllose Nachahmer ausübte, und natürlich um die Auswüchse unserer westlichen Konsumgesellschaften, wirken die verzweifelten Versuche der Filmkritiker, DAWN OF THE DEAD zu fassen zu bekommen, geradezu wie unter Schock verfasst; als sei ihre Wahrnehmungsbefähigung durch auf Hochtouren laufende interne Schutzmechanismen temporär massiv beeinträchtigt gewesen. Der Film wurde von ihnen in einer fast ironisch zu nennenden Verkehrung der Tatsachen als zu langsam und langweilig bewertet, der mangelnde emotionale Impact beklagt und Effektmann Tom Savini in dieser Eigenschaft als „eigentlicher Hauptdarsteller“ bezeichnet. Natürlich verdankt DAWN OF THE DEAD seinen anhaltenden Ruf nicht erst zuletzt dieser Vielzahl damals bahnbrechender, nie gesehener Make-up-Effekte und auch für mich standen sie bei meiner Erstsichtung mit 18 Jahren im Vordergrund: Dennoch erinnert die Behauptung, Romeros Film sei ein Nonstop-Splatterfest, unweigerlich an die Wahrnehmungsstörung, die auch zur deutschen Beschlagnahmung von THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE geführt hat. DAWN OF THE DEAD ist bisweilen von nervenzerfetzender Spannung und verfügt auch über zahlreiche Actionsequenzen, aber genauso über langsame, brüterische Passagen, in denen die Charaktere im Mittelpunkt stehen und die Tragik und Ausweglosigkeit der Situation, in der sie sich befinden, herausgestrichen wird. Diese Endzeit-Atmosphäre affiziert auch die Slapstick-EInlagen, während derer die Zombies in einer Überspitzung typischer Konsumentenhypnose zu Fahrstuhlmusik durch die Shopping Mall stolpern oder im FInale von den Rockern mit Torten beworfen und anderweitig gedemütigt werden. Diese Szenen heben die Stimmung aber bestenfalls reflexhaft, dann dämmert einem sofort wieder, worüber man da eigentlich lacht.

Es ist bemerkenswert, wie nahtlos Romero der Anschluss an sein immerhin zehn Jahre zuvor erschienenes Debüt gelingt, wie mühelos er den Sprung von der intimen Abgeschlossenheit von NIGHT OF THE LIVING DEAD (dessen Ende ja durchaus die Möglichkeit suggerierte, dass die Menschheit der Zombieseuche Herr werden konnte) zum globalen Endzeitszenario vollbringt. Der Übergang ist so fließend, dass man annehmen könnte, Romero habe von Anfang an einen Zombie-Mehrteiler im Sinn gehabt, aber die Idee für DAWN OF THE DEAD kam ihm angeblich erst, als ein alter Studienfreund ihm seinen Arbeitsplatz zeigte: die Monroeville Shopping Mall, ca. 25 km östlich von Pittsburgh, wo der Film letztlich gedreht wurde. Wie zuvor widmet sich Romero den Bemühungen einiger Individuen, sich während der (nun völlig außer Kontrolle geratenen) Zombie-Apokalypse zu behaupten, schneidet zur Kommentierung der Vorgänge immer wieder auf das laufende Not-Fernsehprogramm, in dem sich Wissenschaftler und Politiker über zu treffende Rettungsmaßnahmen streiten. Der Ton wird dabei zunehmend schärfer, die vertretenen Positionen radikaler, die Kluft zwischen den Streitparteien größer: Dem Zusammenbruch der Ordnung „da draußen“ folgt der Zusammenbruch der zwischenmenschlichen Kommunikation. Irgendwann bleiben Fernseher und Radio ganz stumm. Die im Vorgänger noch vervorstechende Kritik an Rassismus tritt in DAWN OF THE DEAD zugunsten einer satirischen Abrechnung mit Konsumwahn und dem Kapitalismus in den Hintergrund. Lediglich die Sequenz zu Beginn, während der die Sondereinsatz-Beamten Peter (Ken Foree) und Roger (Scott H. Reiniger) ein überwiegend von Afroamerikanern bewohntes Housing Project stürmen, erinnert an die in NIGHT OF THE LIVING DEAD etablierte Parallelisierung von Unterprivilegierten mit Zombies.

Wieder aufgegriffen und konsequent ausgeweitet wird Romeros Kommentar zur Genderpolitik. Die Fernsehmitarbeiterin Francine (Gaylen Ross), Lebensgefährtin von Pilot Stephen (David Emge), wird während des gemeinsamen Aufenthalts in der Mall immer mehr isoliert. Während die vier Männer schwer bewaffnet ihrer Abenteuerlust nachgehen – und dabei über ihrer wachsenden Mordlust die Kontrolle verlieren –, ist sie dazu verdammt, in ihrer tristen Bleibe die Zeit totzuschlagen und sich mit ihrer Rolle als Hausweibchen abzufinden. Dass die einzige Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen, eine Schwangerschaft ist, ist unter den gegebenen Umständen besonders bitter. Romero lässt nur wenig Zweifel daran, dass die Apokalypse aus DAWN OF THE DEAD von Männern gemacht wird. Selbst der zuvor so ängstliche, fürsorgliche Stephen verwandelt sich unter dem Einfluss von Peter und Roger in einen Wochenend-Soldaten, nimmt für sich das Privileg in Anspruch, der Entscheider in der gemeinsamen Beziehung mit Francine zu sein. Es ist einer der genialen Twists von Romero, dass sich seine Protagonisten inmitten des heraufziehenden Weltuntergangs in typische Mittelklasse-Bürger verwandeln und es sich in ihrer „Wohnung“ mit den in der Mall verfügbaren Luxusgütern einrichten. So kann die Welt draußen ruhig vor die Hunde gehen. Es ist nicht nur der Selbsterhaltungstrieb, der sie am Schluss gegen die eindringenden Rockerhorden vorgehen lässt: Hier geht es vor allem um Besitzstandswahrung, und wer sich uneingeladen am Eigentum vergreift, wird gnadenlos hingerichtet. „What have we become?“, fragt Francine einmal, die ihren Traum von der Freiheit immer noch nicht aufgegeben hat. Stephen versteht sie überhaupt nicht.

Für mich sind genau das die Momente, die nach nunmehr fünf bis zehn Sichtungen die stärkste Wirkung hinterlassen (na gut, ein paar der saftigen Effekt-Details mag ich natürlich auch, etwa wie sich im Ohr eines Zombies eine Blutpfütze bildet, als Roger mit einem Schraubenzieher hineinsticht). Die menschliche Dimension des Dramas kommt nicht zuletzt dank der überzeugenden Darsteller deutlich stärker zum Tragen als im in dieser Hinsicht noch etwas schwachbrüstigen NIGHT OF THE LIVING DEAD. Es sind die Gesichter der Protagonisten, in denen die ganze Tragweite der Katastrophe zum Ausdruck kommt: Roger, dem die Übelkeit und der Ekel hochkommen, während er Dutzende von tatenlos herumliegenden Zombies in einem Kellerloch hinrichtet. Francine, die mit Entsetzen und Unverständnis den Wandel ihres Geliebten zur Kenntnis nimmt, ihn irgendwann schließlich gar nicht mehr erkennt. Der Allmachtswahn, der in Rogers Züge kriecht und ihn in eine Comicfigur verwandelt. Schließlich die bodenlose Langweile, die der Luxus und der endlose Müßiggang bei allen auslösen. Es ist nicht nur die Tatsache, dass die Zombies ihre Festung überrannt haben, die Francine und Peter am Ende in den Helikopter und in eine ungewisse Zukunft treiben: Alles ist besser als das Leben in einem Zustand des vorweggenommenen Todes.

[Eine Anmerkung noch zur Editionsphilologie: DAWN OF THE DEAD existiert bekanntermaßen in zahlreichen verschiedenen Versionen, die jeweils wiederum entweder auf die ursprünglich angfertigte US- oder die europäische Schnittfassung zurückgehen. Romero drehte DAWN OF THE DEAD mit vielen Kameras und produzierte so unglaublich viel Material, das dann auch für die unterschiedlichen Länderversionen verwendet wurde, die mithin in einzelnen Einstellungen voneinander abweichen können. Ich bin ausschließlich mit der ca. 140-minütigen Langfassung vertraut, die auf meiner holländischen DVD fälschlicherweise als „Director’s Cut“ ausgewiesen ist. Meiner Auffassung nach handelt es sich eher um eine Art Supercut, gewissermaßen eine längstmögliche Fassung. Dass es kein „Director’s Cut“ ist, beweist in erster Linie der Goblin-Soundtrack, der lediglich in der von Dario Argento verantworteten europäischen Schnittfassung zum Einsatz kam.]