Mit ‘George Armitage’ getaggte Beiträge

Weil das südkalifornische Städtchen Elk Hills nach der Eröffnung einer neuen Ölbohranlage von einer Schwemme raubeiniger Arbeiter überflutet wird, die nach ihrem Feierabend keinen Stein auf dem anderen lassen und für bürgerkriegsartige Zustände sorgen, rekrutiert Ben Arnold (Jan-Michael Vincent) auf Geheiß des Bürgermeisters (Brad Dexter) seinen Bruder Aaron (Kris Kristofferson), einen Kriegshelden, der sich in seinem gegenwärtigen Job nur langweilt. Mit seinen Männern und ebenso einfachen wie effektiven Methoden sorgt Aaron schnell für Ordnung, doch dann beginnt er seinen Status als Sheriff gnadenlos auszunutzen. Unversehens wird der Ordnungshüter selbst zum Tyrannen. Ben bleibt nichts anderes übrig, als den Kampf gegen den eigenen Bruder aufzunehmen …

Für seinen dritten Spielfilm holte Writer/Director George Armitage in den Siebzigerjahren so populäre Selbstjustiz-Thema aus den dunklen Straßenschluchten solcher Metropolen wie New York oder Los Angeles ins sonnig-provinzielle Südkalifornien. Dieser Tapetenwechsel schlägt sich in der gesamten Stimmung seines Films nieder, der der dystopischen Zivilisationsskepsis der Vorreiter über weite Strecken eine heitere, weitaus weniger fatalistische Weltsicht entgegensetzt. Von den marodierenden Arbeitern geht keine echte Bedrohung und schon gar keine zersetzende Kraft für den Staat aus; das ganze Szenario vergnügungs- und trunksüchtiger Latzhosenträger, denen die Kleinstadt nicht gewachsen ist, ist denkbar weit davon entfernt, zur apokalyptischen Untergangsvision zu taugen. Somit richtet sich das Interesse Armitages eher auf die Vigilanten unter der Führung des Vietnamveterans Aaron, dessen Entwicklung als Beleg des bekannten Acton-Zitats „absolute power corrupts absolutely“ dienen mag. Für seine „Heldentaten“ in Vietnam dekoriert, verdient der All-American-Man seine Brötchen mit einem miesen Wachjob, bei dem er von seinem Vorgesetzten auch noch ständig schikaniert wird. Das Angebot Bens, in Elk Hills als Sheriff für Ruhe und Ordnung zu sorgen, dafür gut bezahlt zu werden und nebenbei auch noch den Respekt der Bewohner zu gewinnen, muss für jemanden wie Aaron verlockend klingen; zu verlockend, um den Platz nach getaner Arbeit einfach wieder freizumachen. Und weil Aaron weiß, dass seine Arbeitgeber wehrlos sind – das war schließlich der Grund, warum sie ihn überhaupt rekrutierten -, kann er sich ihnen gegenüber alles erlauben.

Spätestens diese Wendung macht klar, dass Armitages VIGILANTE FORCE eher in der Traditionslinie des Westerns denn in der des urbanen Selbstjustizfilms zu sehen ist: Elk Hills ist mit seiner sprudelnden Ölquelle das zeitgenössische Pendant zu den Boomtowns der Pionierzeit, die randalierenden Arbeiter das Gegenstück zu den berittenen Gangsterbanden und Aaron schließlich ein Nachfahre jener Revolverhelden, denen man einen Sheriffstern anheftete, um sie mit dem Gesindel aufräumen zu lassen, nur um danach festzstellen, dass man sich damit ein noch viel größeres Problem geschaffen hatte. Kris Kristofferson, der kurz zuvor den Westernhelden Billy the Kid für Meister Peckinpah gegeben hatte, ist die Idealbesetzung für Aaron, der mit seinem graumelierten Bart, dem gut ausdefinierten hardbody und dem grummeligen drawl jede Wortäußerung zu einem Manifest der Auf- und Ablehnung erhebt. Wenn er sich mit seiner Bande in einem lerstehenden alten Gebäude in den Bergen verschanzt und Ben und seine Leute den Angriff über die Hügel proben, werden die Westernassoziationen, die Armitage mit seinen sonnendurchfluteten, staubdurchwehten Settings sowieso schürt, noch einmal besonders evident. Daran kann auch das WHITE HEAT-Zitat, in dem Aaron zum Schluss den Tod findet, nichts ändern: Vielmehr zeigt es, dass auch der Gangsterfilm nur eine Verlängerung des Westerns entlang der Zeitachse bedeutete.

VIGILANTE FORCE ist kein Pflichtfilm, kein vergessenes Masterpiece, keine Oldschool-Gewaltgranate, kein Muss für jeden Exploitation- oder Actionfreund, sondern ein beinahe gemütlicher, wohlgeformter kleiner Film, dessen Meriten nicht in vordergründigen Effekten oder in einer superoriginellen Geschichte zu suchen sind, sondern in der Ruhe und Gelassenheit, mit der er sich entfaltet. Armitage ist ein guter Mann, musste nach dem Flop dieses Films aber satte 14 Jahre warten, bis er wieder einen Kinofilm inszenieren konnte: MIAMI BLUES ist dann auch gleich ein kleiner Klassiker des sarkastischen Detektivfilms geworden.

miami blues (george armitage, usa 1990)

Veröffentlicht: September 10, 2008 in Film
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Frederick J. Frenger jr. (Alec Baldwin) ist ein Schwerverbrecher und kaum ist er in Miami angekommen, da hat er schon den ersten Mann getötet. Wenig später trifft er die naive Prostituierte Susie (Jennifer Jason Leigh), die er an sich bindet, als er erkennt, wie leicht sie zu manipulieren ist. Als Frenger von dem Polizisten Hoke Moseley (Fred Ward) bedrängt wird, überwältigt er diesen, raubt ihm Waffe und Dienstmarke und beginnt als Polizist getarnt eine Reihe von Raubüberfällen und Raubmorden. Doch Moseley ist ihm bald schon wieder auf der Spur …

George Armitage ist ein Phantom. Leider. Als Regisseur brachte er es seit 1971 auf nur sieben Filme (einer davon nur fürs Fernsehen), sein letzter, THE BIG BOUNCE, datiert auf das Jahr 2004. Seine beiden bekanntesten Werke sind dieser hier und der 1997 entstandene und nicht minder grandiose GROSSE POINT BLANK. Während letztgenannter dem Mitte der Neunzigerjahre losgetretenen Zitatekino Rechnung trägt, ohne freilich in dessen unproduktiven Niederungen zu versinken, orientiert er sich mit MIAMI BLUES, die Verfilmung eines Romans von Charles Willeford, stärker am Film Noir. Sein Hoke Moseley ist ein später Nachfahre von Sam Spade und Phillip Marlowe, vergammelt, erfolglos und mit einer Zahnprothese ausgestattet, die ihm während des Films gleich mehrfach abhanden kommt. Was ihn von seinen berühmten Kollegen unterscheidet: Er scheint weniger in tune mit seiner Umwelt. Zwar ist er wie sie ein Einzelgänger, aber es gelingt ihm nicht, sich mit dieser Rolle zu arrangieren. Moseley ist so ungeeignet für die Rolle des heldenhaften Ermittlers, dass er einen Gutteil des Films bewusstlos in einem Krankenhausbett verbringen muss. Eine sympathische, aber nichtsdestotrotz tragische Figur. Ihm gegenüber steht Frenger: Ein Prolet, der das Verbrechen von Kindesbeinen an aufgesogen hat, ein brutaler Gewaltverbrecher, der in seinen eigenen Verhaltensmustern gefangen und unfähig ist, aus diesen auszubrechen. Aber er ist nicht nur schlecht: „Er hat mich nie geschlagen.“ wird Susie am Ende über ihn sagen und tatsächlich ist seine Beziehung zu der kindlichen Prostituierten eine überaus ungewöhnliche: Will Frenger Susie wirklich nur ausnutzen? Es macht manchmal den Eindruck, aber dann wieder scheint Frenger zu dieser Unbarmherzigkeit nicht in der Lage zu sein. Auch hier ist er ein Gefangener seiner Prägung. Mehr noch als die eigentliche Krimihandlung steht diese Beziehung im Vordergrund von Armitages Film, der in seinen Momenten der Intimität eine entwaffnende Unmittelbarkeit hat, die er durch den Einsatz der Handkamera und die Distanz aufbrechende Close-Ups erreicht. Wie sein Titel andeutet, ist MIAMI BLUES ein lakonischer Film: Traurig, ja, aber immer mit einem lachenden Auge.

Es müsste jetzt noch über die Leistung von Alec Baldwin gesprochen werden, über die Art, mit er seinen Frenger aus einer Bierflasche trinken lässt, darüber, wie er am Tisch sein Essen abschirmt, darüber wie ähnlich sich sein Frenger und Wards Moseley im Kern sind. Und natürlich über Susie und ihre Träume. Darüber, wie ihre Augen leuchten, wenn sie Frenger von ihrem Burgerbuden-Traum berichtet, darüber wie dieses Leuchten plötzlich bricht, als sie merkt, dass ihr Geliebter ihre Träume nicht teilen kann, wie sie sich in dem Bruchteil einer Sekunde von all ihren Hoffnungen verabschiedet, weil sie ihn nicht verlieren, nicht als Dummchen vor ihm dastehen will. Auch sie ist eine Gefangene. Über all das müsste ich hier noch sprechen, aber es würde nur von dem ablenken, was über diesen Film als einziges unbedingt gesagt werden muss: MIAMI BLUES ist großartig, rätselhaft, vielschichtig und wunderschön. Und leider vollkommen unterschätzt. Unbedingt ansehen!