Mit ‘George Eastman’ getaggte Beiträge

So ändern sich die Zeiten: Damals war D’Amatos ROSSO SANGUE für mich ein Nägelkauer erster Güte, ein Film, den ich tatsächlich saumäßig spannend fand, während mich andere D’Amatos wahrscheinlich an den Rand des Komas und darüber hinaus getrieben hätte. Heute schaut’s ein bisschen anders aus und ich empfinde seinen Versuch eines „amerikanischen“ Schockers wenn auch beileibe nicht schlecht, so doch durchaus etwas öde in seiner Geradlinigkeit, die wenig Platz lässt für das, was D’Amatos Filme sonst so auszeichnet, und einfach nicht das ist, was er so richtig gut kann.

Es gibt wieder jede Menge selbstzweckhafter Sauereien zu bewundern, wie etwa einen Bohrer oder eine Tischsäge durch einen Kopf und anders als bei ANTHROPOPHAGUS hängen Eastman die Gedärme hier nicht am Ende, sondern schon am Anfang aus der Plauze, aber eigentlich spielt D’Amato hier ein bisschen Hitchcock: Der Film bezieht seine Spannung ganz wesentlich daraus, dass da auf der einen Seite ein junges Mädchen mit einer Behinderung an sein Bett gefesselt ist, auf der anderen ein nahezu unbesiegbares, blutrünstiges Monstrum durch die Landschaft wankt (die offensichtlich in den USA liegen soll, weil alle ständig über ein gerade laufendes Football-Match reden, obwohl man doch deutlich erkennt, dass der Film in Italien gedreht wurde): Es ist klar, worauf das hinauslaufen wird und die Frage, die D’Amato dem Zuschauer aufzwängt, lautet natürlich: Wird es das arme, unglücksselige Mädchen schaffen, sich trotz seiner Behinderung aus dem Bett zu erheben, um dem Monster zu entkommen oder wird es ihm hilf- und schutzlos ausgeliefert sein?

Das ist, wie gesagt, nicht uneffektiv und wird von D’Amato auch mit jener für nervenzerrende Suspense so wichtigen Engelsgeduld und Ausdauer inszeniert, aber für mich scheitert das ganze Konstrukt ein wenig daran, dass die Figur der Mordmaschine letztlich leer bleibt und die Verbindung zu seinem Opfer niemals zwingend ist. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn D’Amato den Abstraktionsgrad seiner Erotikfilme erreichen würde, aber auch das ist hier nicht der Fall. Im Gegenteil bemüht er sich nach Kräften, den Eindruck klassischen Erzählkinos zu erwecken, aber ohne sich eben die Mühe gemacht zu haben, ein entsprechend konstruiertes Drehbuch mitzubringen.

Ich mag den Film nicht schlecht machen, weil ich ihn, auch wenn es diesmal nicht so richtig geklappt hat, irgendwie mag, ihn auch für einen eher ungewöhnlichen Vertreter des Italo-Horrorfilms jener Tage halte. Als letzter Film an einem durch und durch exzessiven Film- und Feierwochenende musste er auch die schwere Bürde tragen, auf einen schon reichlich vollgesogenen Schwammkopf zu treffen. Beim nächsten mal dann also als Opener.

2020texasgladiators-media1Vier Typen – darunter Al Cliver, Harrison Muller jr. und Daniel Stephen – mit freien, ölig glänzenden Oberkörpern, umgehängten Patronengurten und dicken Knarren räumen in einem modrigen Gewölbe auf, in dem ein paar grunzende Mutanten in Priesterroben über ein paar unschuldige Frauen herfallen. Die Kerle entpuppen sich als postapokalyptische Texas Rangers, die nach überstandener Mission einen der ihren kurzerhand rausschmeißen müssen: Als „Catch Dog“ (Daniel Stephen) die leicht bekleidete Maida (Sabrina Siani) erblickt, gehen mit ihm nämlich sogleich die brunftigen Gäule durch, bricht der Vergewaltige in ihm aus. Er zieht brummig von dannen, die dankbare Blonde macht indes dem heldenhaften Nisus (Al Cliver) das Angebot, sie in ihre Heimat zu begleiten, wo ihr Vater damit beschäftigt ist, eine neue Zivilisation aufzubauen. Nisus sagt nach nur kurzem Zögern spontan zu, obwohl es eben noch so schien, als sei sein Job als Gesetzeshüter eine Lebensaufgabe, von der ihn nichts, schon gar nicht eine leicht beschränkt guckende Blondine, abhalten könne.

Ein Voice-over untermalt anschließend die naiv-utopischen Bilder von lachenden, vollauf zufriedenen Menschen, die geschäftig  an einem Kraftwerk im Nichts herumschrauben, das der neue Ursprung allen neuen Lebens sein soll. Nisus, der die rechte Hand von Maidas Papa geworden ist, trägt eine Latzhose und wird immer gerufen, wenn irgendein Tölpel sich an einem zu weit geöffneten Ventil verbrüht hat. Aber das sind nur geringe Sorgen im Vergleich zu dem, was bevorsteht: Die Regierungsfaschos – unter ihnen sowohl der nazieske Anführer (Donal O’Brien) als auch der verräterische Catch Dog – greifen die Anlage an, killen Nisus, machen die braven Utopisten zu ihren Gefangenen und benehmen sich danach wie die Axt im Walde. Aber Nisus‘ Ranger-Kumpel bekommen Wind von der Sache und eilen, ein paar Indianer im Schlepptau, zu Hilfe.

ANNO 2020 – I GLADIATORI DEL FUTURO ist fast noch geiler als D’Amatos auch schon überaus vergnüglicher ENDGAME – BRONX LOTTA FINALE: Ich würde sogar so weit gehen, die Idee, die im Endzeitfilm einverleibten Western-Anleihen wieder nach außen zu kehren, als genial zu bezeichnen (Isaac Florentine hat das 15 Jahre später in COLD HARVEST auf die Spitze getrieben). Wenn am Ende die Indianer (= italienische Pastaliebhaber mit Perücken) hoch zu Pferde und mit Flitzebogen bewaffnet in die Schlacht reiten, die für Kugeln undurchdringlichen „Hitzeschilder“ der feindlichen Armeen mit ihren Pfeilen mühelos durchschlagen, ist das nur der Höhepunkt eines Films, der seine Wildwest-Allusionen mit großer Lust ausformuliert. Einen Kniff wie den, den vermeintlichen Protagonisten nach einer guten halben Stunde aus dem Film zu nehmen, würde ich an dieser Stelle zwar nicht unbedingt mit Hitchcock in Verbindung bringen wollen, aber auch das ist so eine Idee, die dem Billigheimer über die Runden hilft. Mit ENDGAME teilt er indes das Manko etwas gleichförmiger und unspektakulärer Actionszenen: Glaubt man der IMDb, war für sie D’Amato verantworlich, während ein ungenannt bleibender Luigi Montefiori aka George Eastman den Rest besorgte. Ob das so stimmt, kann ich nicht beurteilen, was ich aber mit Bestimmtheit sagen kann, ist dass ANNO 2020 – I GLADIATORI DEL FUTURO eine der Überraschungen meines bisherigen Filmmonats ist.

tc90-3In einer postapokalyptischen Zukunft bevölkern Mutanten den Untergrund, während die Menschen „oben“ einer brutalen Gameshow folgen, in der sich ein Gejagter in einem Kampf um Leben und Tod gegen drei Jäger durchsetzen muss. Im Verlauf der neuesten Ausgabe, bei der der amtierende Champion Ron Shannon (Al Cliver) auf seinen Jugendfreund und erbitterten Rivalen Kurt Karnak (George Eastman) trifft, verübt der faschistoide Zukunftsstaat in Vertretung durch Colonel Morgan (Gordon Mitchell) einen Schlag gegen die Mutanten. Deren Anführerin, eine telepathisch begabte Mutantin namens Lilith (Laura Gemser), nimmt Kontakt zu Shannon auf und bittet ihn um Hilfe: Er soll sie und ihre Freunde aus der Stadt und in Sicherheit bringen ..

Joe D’Amatos Beitrag zum Endzeitfilm orientiert sich, wie Fulcis zuletzt besprochener I GUERRIERI DELL’ANNO 2072, an der Brot-und-Spiele- und Menschenjagd-Prämisse für die Norman Jewisons ROLLERBALL und Tom Toelles DAS MILLIONENSPIEL als Vorbilder dienen, aber nur während des Eröffnungsdrittels. Der Sieger der Gameshow ist schnell ermittelt und ENDGAME schlägt neue Pfade ein. Die folgende Geschichte, die man dann als MAD MAX 2-Variante mit leicht übersinnlichen Elementen bezeichnen kann (das geile Finale erinnert an Telekinese-Schocker wie CARRIE, THE FURY oder SCANNER) gewinnt zwar ebensowenig einen Originalitätspreis wie der Auftakt, aber es ist eben diese muntere Mischung der einzelnen Elemente – und natürlich die gleichermaßen billige wie liebevolle Ausstattung – die dafür sorgt, dass ENDGAME nicht langweilig wird. D’Amato, der sich in anderen Filmen ja eher um die Entdeckung der Langsamkeit verdient gemacht hat und ein Meister der in die Länge gezogenen Banalität ist, schmeißt hier eine Idee nach der anderen an die Wand, ohne sich allzu lang mit jeder einzelnen aufzuhalten.

Eine dieser schönen Ideen sind die Mutationen, denen die Protagonisten auf ihrer Reise begegnen, Tiermenschen, die mit Affengesichtern oder Schuppenbewuchs an unsere Ursprünge „vor Hunderten von Millionen von Jahren“ erinnern, wie der enthusiasmierte Wissenschaftler Dr. Levin (Dino Conti) diagnostiziert. Shannon ist da eher pragmatisch: Ganz interessant, aber können wir jetzt bitte weiterfahren? Ungefähr so geht auch D’Amato an das Drehbuch heran. Irgendwann wird die schöne Lilith von einem dicken Fischmenschen vergewaltigt, in der einen obligatorischen Nacktszene, um die die schöne Laura Gemser damals wahrscheinlich einfach nicht herumkam, und man erwartet entsprechende Folgeerscheinungen, die Geburt eines Fischstäbchens o. ä., aber es passiert nicht. Eher vorhersehbar ist der Ausgang der Rivalität zwischen Shannon und Karnak, die dem Film aber dafür ein spitzenmäßiges Freeze-Frame-Ende beschert. ENDGAME hat mich total überzeugt, selbst wenn D’Amato sicher nicht der größte Actionregisseur vor dem Herrn ist. Die breit ausgewalzten Ballereien sind immer etwas ermüdend, weil ohne die ganz große Kinetik inszeniert, aber man kann sich eben sicher sein, dass kurz darauf wieder irgendwas passiert, was einem besser gefällt, wie zum Beispiel die Auftritte der Staatstruppen, deren Uniformen eine Mischung aus SS-Chic und Darth-Vader-Hommage darstellen, oder der Frauen mit dem Ledergeschirr und den Hängebrüsten, die den Fischmann begleiten. Die tollste Szene ist aber die mit dem dicken Kovack (Mario Pedone), der von den Bösen in Beton eingemauert wird, sodass nur noch Kopf und Hände herausgucken. Für den armen Tropf gibt es keine Hoffnung mehr, also geht Karnak hin, um ihn zu erlösen. Er macht das auf die prosaische Art: Indem er ihm den Kopf um 180 Grad verdreht. Handwerk à la D’Amato.

718maneatertitel71g28ANTHROPOPHAGUS dürfte wohl zu den berüchtigtsten Filmen überhaupt gehören. In Deutschland wurde er bundesweit beschlagnahmt und nahm eine besonders prominente Rolle in der Anfang bis Mitte der Achtzigerjahre heißlaufenden Debatte um Horror- und Gewaltvideos ein, aber auch in Großbritannien wurde er mit dem Siegel des „Video Nasties“ gebrandmarkt. Joe D’Amato hatte, was Grenzüberschreitungen und Verletzungen des guten Geschmacks betraf, schon ein Jahr zuvor mit BUIO OMEGA ganze Arbeit geleistet, wusste genau, was man dem Publikum auftischen konnte bzw. musste, um ihm den gewünschten Aufreger zu liefern und vom folgenden Skandal zu profitieren. Das Marketing des deutschen Verleihs leistete ebenfalls ganze Arbeit, prophezeite dem Zuschauer eine unvergessliche Erfahrung, warnte Herzkranke, Kreislaufschwache, Magenkranke, Schwangere, an Schlaflosigkeit Leidende und natürlich Jugendliche unter 18 Jahren vor dem Besuch des Films und lästerte nebenbei gegen die Zombies von der Konkurrenz („Verglichen mit diesem Monster sind Zombies liebliche Geschöpfe“). Wie viele Zuschauer sich damals tatsächlich im Kino einfanden, lässt sich auf die Schnelle leider nicht mehr eruieren (einschläge Websites listen ihn nicht unter den Top 50 seines Kinojahrgangs, was bedeutet, dass er weniger als 500.000 Zuschauer erreichte), aber er wird bei seiner Verwertung auf Video reichlich Geld eingespielt und D’Amato bis zu seinem Lebensende 1999 einen schönen Ruhestand beschert haben. Noch heute ist ANTHROPOPHAGUS ein sicherer Kandidat, wenn es um neue Heimkinoveröffentlichung und Sammlereditionen geht. In Großbritannien wurde er erst 2015 ohne weitere Beanstandungen freigegeben.

Dabei ist er, das bestätigt eine erneute Sichtung, heute bezüglich Schockpotenzial längst überholt worden, humpelt den modernen Skandalfilmen reichlich fußlahm und meilenweit abgeschlagen hinterher. Gorebauern der zweiten oder dritten Generation dürfte ANTHROPOPHAGUS kaum mehr als ein müdes Lächeln abringen, wahrscheinlich verwenden sie ihn als beruhigende Einschlafhilfe. Die zärtlichen Worte, die Hahn/Jansen damals in ihrem „Lexikon des Horrorfilms“ für ihn fanden und die mich damals so anspitzten, sind aus heutiger Sicht jedenfalls kaum noch mit ihm in Einklang zu bringen: „Joe D’Amatos widerwärtige, sich genüßlich im Blute suhlende Schlächter-Orgie ist tatsächlich eine dermaßen perfide Attacke auf Magen und Geist, dass es einem schwerfällt, seiner Empörung Ausdruck zu verleihen, ohne in Gossenjargon zu verfallen: Spätestens mit diesem Machwerk ist das Horror-Genre zu einem Spielplatz derjenigen verkommen, die mit starrem Blick aufs Geld nur noch zur Befriedigung der atavistischen Triebe moderner Neandertaler produzieren. Womit man den echten Neandertalern mit Sicherheit noch schweres Unrecht zufügt.“ Es dauert allein eine Dreiviertelstunde, bis der titelgebende Menschenfresser zum ersten Mal zu sehen ist, die wenigen blutigen Szenen waren schon damals eher fadenscheinig und sind zudem so sparsam über den Film verteilt, dass obige Kritik viel eher auf mangelnde Medienkompetenz und Wahrnehmungsstörungen der Betrachter schließen lässt. OK, die Eastman’sche Abtreibung ist superspekulativ und nicht gerade geschmackssicher, aber so durchsichtig inszeniert, dass es eigentlich eher komisch wirkt.

Schaut man sich ANTHROPOPHAGUS mit objektiver Distanz an, fällt doch vor allem auf, wie ruhig und geduldig D’AMATO seine Geschichte aufbaut, dass es ihm weniger um ein Schlachtfest ging, als vielmehr darum, eine niederdrückende Atmosphäre der Traurigkeit, des Todes und der Ausweglosigkeit zu schaffen. Die Farben wirken ausgebleicht, das diesige Wetter lässt eher auf Herbst schließen, als dass es Lust auf den Sommerurlaub weckte, viel Zeit wird darauf verwendet, den ausgestorbenen Ort und die leerstehenden Häuser zu besichtigen, die Spannung ganz langsam auf die Spitze zu treiben. Doch auch, wenn der Menschenfresser dann endlich seine Aufwartung gemacht hat, verfällt ANTHROPOPHAGUS nicht in schrilles Geschrei und blutspritzende Hektik, vielmehr behält er diese gedämpfte, somnambule Stimmung bis zum Ende bei. Großen Anteil daran hat George Eastman als Titelkreatur, der seine Rolle vollkommen stumm absolviert, sich ganz auf seine imposante Statur, den durchdringenden Blick und eben auf die Vorarbeit verlassen kann, die D’Amato geleistet hat. Wenn er dem Final Girl (Tisa Farrow) im Brunnenschacht geradezu aufreizend langsam hinterherklettert, sein Kopf irgendwann am oberen Rand erscheint, jagt einem die unspektakulär-banale Darstellung allein einen Schauer über den Rücken. ANTHROPOHAGUS mag der betörende Glanz großer Regiezauberei abgehen, aber D’Amato ist sehr geschickt in der Wahl seiner Mittel zur Erzeugung jener albtraumhaften Ausweglosigkeit, die seinen Schocker vor allen anderen Dingen auszeichnet. Schön.

emanuelle-e-francoise-le-sorelline-movie-poster-1975-1020705807In Deutschland unter dem malerischen Titel FOLTERGARTEN DER SINNLICHKEIT vermarktet, stellte Joe D’Amatos EMANUELLE E FRANCOISE 1975 einen der frühen Versuche dar, sich an den Welterfolg von Just Jaeckins EMMANUELLE anzuhängen. Die Parallelen zwischen beiden Filmen erschöpfen sich aber in kosmetischen Aspekten: Man kann in den beiden Hauptdarstellerinnen Patrizia Gori und Rosemarie Lindt unterschiedliche Züge ihres Vorbilds Sylvia Kristel erkennen – die Gori entspricht mit ihrem Bubikopf dem Bild der jungen, unerfahrenen Emmanuelle aus Jaeckins Film, die Lindt hingegen der in Liebesdingen erfahrenen und „abgebrühten“ Version, zu der diese sich im Verlauf der Vorlage entwickelt -, zudem beschreitet auch D’Amato den schmalen Grat zwischen erotischer Experimentierfreude und körperlicher, sadomasochistischer Gewalt. Zum Ende hin entwickelt sich EMANUELLE E FRANCOISE zum Horrorfilm, bei dem der ca. drei Meter große George Eastman schon einmal für seine spätere Jahrundertrolle als „Man-Eater“ Nikos Karamanlis üben kann.

Er spielt Carlo, ein Bild von einem Mann, aber leider auch ein gewohnheitsmäßiger Spieler und Frauenheld, der nur wenig von Treue hält. Als seine Freundin, die niedliche Françoise (Patrizia Gori) ihn mit einer anderen im Bett erwischt, schmeißt er sie höchst grob und ohne Rücksicht aus der Wohnung. Die Arme, die während ihrer Beziehung mit Carlo zahlreiche Demütigungen über sich ergehen lassen musste, weiß weder ein noch aus und schmeißt sich vor lauter Kummer kurzerhand vor einen Zug. Anlässlich ihrer Beerdigung kommt ihre Schwester Emanuelle (Rosemarie Lindt) in die Stadt – und sinnt auf Rache. Als sie Carlos Treiben auf die Schliche kommt, ködert sie ihn mit ihren weiblichen Reizen, überwältigt ihn, setzt ihn unter Drogen und sperrt ihn in ihrem Haus in eine schalldicht versiegelte Kammer, von der aus er durch einen Einwegspiegel nach draußen schauen kann. Die Orgien, die sie für ihn zelebriert, treiben ihn schier in den Wahnsinn …

Sehr viel gediegener und „erzählerischer“ inszeniert, als man es von späteren Filmen D’Amatos kennt, reiht sich EMANUELLE E FRANCOISE nahtlos in die seinerzeit reüssierenden freigeistig-psychedelischen Sexfilme ein, in denen der Sturz in die körperliche Lust meist mit seelischen Verheerungen einhergeht. Es verwundert daher auch nicht, dass der Film gegen Ende hin immer wilder wird, die Wahnvorstellungen Carlos sich untrennbar mit der Realität vermischen, ein audiovisueller Rausch fast alle Spuren einer linearen Erzählung hinwegspült. EMANUELLE E FRANCOISE kulminiert in einer ganzen Reihe von Halluzinationen Carlos, am schönsten in einem von ihm im Delirium beobachteten Festmahl, bei dem sich Emanuelles Gäste erst rohes Fleisch einverleiben, sich dann gegenseitig unter dem Tisch masturbieren und schließlich übereinander herfallen, während Carlo in seinem Gefängnis nichts anderes tun kann, als sich in seine pochende Erektion zu verkrallen. Es wird immer klarer, dass Emanuelle die Kontrolle über das Spiel, das sie mit ihrem Opfer spielt, verlieren wird, der Druck, dem sie Carlo aussetzt, unweigerlich zum Ausbruch führen muss, und so kommt es dann auch im blutrünstigen Giallo-Finale. Natürlich darf auch Carlo nicht ungeschoren davonkommen, also hat sich D’Amato für ihn eine makabre Schlusspointe ausgedacht, die etwas an die Kurzgeschichten aus der Reihe ALFRED HITCHCOCK PRESENTS oder ähnlicher Formate erinnert. Das Ende ist nicht wirklich überraschend, aber das spielt keine Rolle. George Eastman (ohne Bart) ist eine Schau, wird von D’Amato meist so eingefangen, dass er noch größer wirkt, als er ohnehin schon ist, und als „normaler“ viriler Kraftprotz fast noch furchteinflößender als als Menschenfresser, Endzeitkrieger oder Psychopath. Der Reiz, diesen aus einem Marmorblock geschlagenen Titan dabei zu beobachten, wie er von einer zu allem entschlossenen Frau an den Rand des Wahnsinn und der Ohnmacht geführt wird, trägt den Film mit Leichtigkeit über seine gesamte Laufzeit. Spitze!

 

le-notti-eroticheWie gut, dass ich diesen Film erst heute, im Trenchcoat-kompatiblen Alter, und nicht damals, während meiner jugendlichen Sturm- und -Drangphase der Splatterfilm-Leidenschaft gesehen habe. Ich hätte seine somnambule, sonnendurchflutete Langsamkeit, seinen wie Luftfeuchtigkeit träge im Raum hängenden Hauch von Plot, der sich verflüchtigt, nachdem er einem nur sanft den Schritt befeuchtet hat, nicht zu schätzen gewusst. Stattdessen hätte ich mich gewiss königlich gelangweilt und mich über die miserablen Make-up-Effekte geärgert, bei denen Meister Schmalhans Küchenmeister war. Ich hätte Joe D’Amato, wie es heute immer noch vielerorts üblich ist, als Dilettanten beschimpft und des frechen Etikettenschwindels bezichtigt. Und den hart und pochend hervorstechenden, dann wieder warme und feuchte Geborgenheit bietenden Verlockungen der Hardcore-Fassung hätte ich mich schon gleich aus Prinzip verschlossen. Ignoranz, das Privileg der Jugend.

Vom lieben Christoph Draxtra von den Eskalierenden Träumen habe ich mir erklären lassen, das LE NOTTI EROTICHE DEI MORTI VIVENTI (deutscher Titel: IN DER GEWALT DER ZOMBIES) zu D’Amatos „dominikanischem Zyklus“ zu zählen ist, einer Gruppe von ca. vier, fünf Filmen (zu denen auch der tolle PAPAYA DEI CARAIBI gehört), die der Meister Ende der Siebziger/Anfang der Achtzigerjahre in der dominikanischen Republik, wahrscheinlich wenigstens teilweise back-to-back gedreht hat. Sofern ich das nach zwei gesehenen Teilen behaupten kann, zeichnen sich diese Filme durch ein sommerliches Urlaubsflair, Improvisation, Langsamkeit und Leere, viel spontan anmutenden Sex und ein sehr entspanntes Verhältnis zu „Handlung“ oder „Dramaturgie“ aus. In beiden Fällen dient die Genrefilmschablone lediglich dazu, den Film in Gang zu schieben, einen Startpunkt zu haben, von dem aus man den losen Lauf der Dinge mal hierhin mal dorthin mäandern lassen kann. Die Darsteller genießen, wahrscheinlich ebenso wie die Crew, Sonne, Meer und die makellose Haut der einheimischen Schönen, die bescheidenen Erfordernisse der Regie und die Beglückungen des trägen Müßiggangs fließen untrennbar ineinander, befruchten sich in einem ausdauernden, zärtlichen Gangbang ständig gegenseitig. LE NOTTI EROTICHE DEI MORTI VIVENTI dürfte der mit Abstand entspannteste und gleichgültigste Zombiefilm aller Zeiten sein, und wenn D’Amato am Ende noch einmal ein bisschen auf die Tube drückt, um die Illusion eines Horrorfilms aufrechtzuerhalten, dann möchte man ihm aus halb liegender Position und mit dem Cuba LIbre in der Hand zurufen: „Mach dich mal locker, Joe! Komm her, setz dich rüber zu uns in den Sand. Wir haben doch Zeit. Und die Laura möchte gern fummeln!“

Ich bin gegen Ende ein bisschen weggeschlummert und wenn ich wieder zu mir gekommen bin, habe ich festgestellt, eigentlich nix verpasst zu haben. Es liegt etwas unheimlich Anheimelndes, Vertrauenerweckendes in diesem Film. Man kann gut bei ihm einschlafen und muss sich nicht fürchten, völlig desorientiert aufzuwachen oder gar von fiesen Geräuschen aufgeschreckt zu werden. Man kann Urlaub machen mit LE NOTTI EROTICHE DEI MORTI VIVENTI. Und wenn man die Zombies nicht ärgert, dann lassen sie einen auch in Ruhe.