Mit ‘George Nader’ getaggte Beiträge

Der bislang beste Jerry-Cotton-Film – zum abschließenden Urteil fehlt noch DYNAMIT IN GRÜNER SEIDE – ist eine kleine Meisterleistung von Harald Reinl. Nach actiongeladenem Auftakt im Stile der James Bond’schen Pre-Title-Sequenzen, versetzt einem der Sadist auf dem Regiestuhl einen herben Tiefschlag. Ein zögerlicher Killer (Gert Haucke) wird an der Wohnungstür seines Opfers von einem kleinen Mädchen verschreckt: Eine Mutter in Anwesenheit ihrer Tochter zu erschießen, geht ihm dann doch zu weit. Sein Auftraggeber kann ihn jedoch zur Ausführung überreden und wenig später sind sowohl die Mutter als auch die Tochter tot, aus kurze Distanz erschossen. Reinl zeigt zunächst nur den Mord an der Mutter, schockiert dann aber nach dem Schnitt mit dem leblos auf der Treppe sitzenden Mädchenkörper. Im Stile eines Serienmörderfilms folgt DER TOD IM ROTEN JAGUAR dem sanftmütigen, komplexbeladenen Killer, dessen einzige Vertraute die tratschende Vermieterin (Ilse Steppat) ist. Seine Opfer haben keine Chance, weil niemand hinter der weichen Fassade einen kaltblütigen Mörder vermuten würde. Aber Kit Davis, wie der gedungene Killer heißt, ist gewissermaßen nur ausführendes Organ einer auf käuflichen Mord spezialisierten Organisation, der sich Jerry Cotton (George Nader) an die Fersen heftet.

Ich erwähnte den visuellen Reichtum, mit dem Reinl die vormals in furztrockenem Schwarzweiß gehaltene Reihe einer Generalüberholung unterzog, im Text zum zuletzt gesehenen TODESSCHÜSSE AM BROADWAY (vor ihm hatte schon Werner Jacobs mit DER MÖRDERCLUB VON BROOKLYN den ersten Farb-Cotton inszeniert, ohne allerdings an die Klasse von Reinl heranzureichen). Auch DER TOD IM ROTEN JAGUAR geizt nicht mit leuchtenden Farben, atmosphärisch ausgeleuchteten Settings – vor allem reichlich runtergerockte Fabrikgebäude –, interessanten Kameraperspektiven und dieser mittlerweile geliebten Melange aus on location gedrehten establishing shots, Rückprojektionen und mit dem Mute der Verzweiflung als US-amerikanisch ausgegebenen deutschen, genauer Berliner und Hamburger Straßenzügen. Reinl zeigt auch seine ganze Begabung als Action-Regisseur: Eine ausgedehnte Auto-Verfolgungsjagd mündet in die Hatz durch eines jener leerstehenden Fabrikgebäude und eine ausgiebige Keilerei, eine andere in einen Steinbruch, wo Cotton mehrere hundert Meter an einem über die Tiefe gespannten Drahtseil entlangrutscht und sich dann auf einen fahrenden Transporter fallen lässt. Eine Wendung hin zum Horrorfilm bzw. Psychothriller lässt den geneigten Betrachter – also mich – endgültig frohlocken: Die Spur führt Cotton zu einem Psychologen namens Saunders (Carl Lange), einem Spezialisten auf dem Gebiet der Kriminalpsychologie, der im Stile eines mad scientists Mörder für die ominöse Organisation heranzüchtet, die, wie Cottons Partner Phil Decker (Heinz Weiss) später zu verstehen gibt, „generalstabsmäßig“ arbeitet. Es gibt da einen sehr großartigen Moment, wenn Saunders nach Erhalt des neuesten Mordauftrags mit diabolischem Grinsen ein Schiebefenster in seiner Praxis öffnet, das den Blick in einen still und apathisch in einem kargen, gekachelten Raum sitzenden Mann freigibt, und er wie ein stolzer Vater den neuen Schützling aufruft und damit gewissermaßen aktiviert.

DER TOD IM ROTEN JAGUAR ist überaus ruppig geraten, der Body Count ist enorm und es wird manche Figur mitleidlos über den Jordan geschickt, an die man sich schon gewöhnt hatte. Aber selbstverständlich muss man auch auf die schönen Naivitäten nicht verzichten, die diese Filme so liebenswert machen. Zu Beginn wird die Tatsache, dass US-weit sieben (in Zahlen: 7) Morde verübt worden seien, deren Hauptverdächtige ein hieb- und stichfestes Alibi haben, als unwiderlegbarer Beweis für die Existenz einer Profikiller-Organisation interpretiert. Und am Ende, als Jerry Cotton einen Mörder für sich selbst bestellen lässt, um die Schurken in die Falle zu locken, da bekommen seine sonst so abgebrühten Kollegen plötzlich Gewissensbisse und behandeln den FBI-Mann, als sei er lebensmüde, obwohl er doch nur seinen Job macht. Der letzte der manipulierten Killer, den Cotton dingfest macht und zur Mitarbeit überredet (er verständigt sich dann mit ihm über ein als Kugelschreiber getarntes Funkgerät: eine Schau!), wird am Schluss, als der Plan aufgegangen ist, mit einem Handschlag salopp in die Freiheit verabschiedet. Diese Widersprüche – harter Reißer hier, naives Wohlfühlkino da – machen neben dieser geschliffenen Räudigkeit den Reiz dieses wirklich tollen Films aus, der einer von Reinls besten ist.

 

020Bei der DVD-Auswahl ist mir gestern ein Fehler unterlaufen: Anstatt TOD IM ROTEN JAGUAR, den vorletzten Jerry-Cotton-Film in den Player zu schubsen, habe ich zielsicher den letzten gegriffen und so die chronologische Ordnung empfindlich gestört. Zur Beruhigung meiner höchste Akribie und preußische Gewissenhaftigkeit gewöhnten Leser sei gesagt, dass das völlig egal ist, denn erstens fehlt mir mit DYNAMIT IN GRÜNER SEIDE sowieso noch Teil 6 der Reihe (derzeit nur über die vergriffene Box erhältlich, deren anderen 5 Teile ich bereits besitze), und zweitens folgen die Cotton-Filme eh keiner übergeordneten Dramaturgie. TODESSCHÜSSE AM BROADWAY, das letzte Abenteuer des „G-Manns“, endet gar mit dem verheißungsvollen Versprechen eines weiteren Leinwandabenteuers, das dann aber nicht mehr kam. Innerhalb von nur vier, fünf Jahren waren beachtliche acht Filme um den Groschenromanhelden buchstäblich rausgehauen worden und die Umstellung auf Farbe mit Beitrag Nr. 5, DER MÖRDERCLUB VON BROOKLYN, ist so ziemlich die einzige konzeptionelle Neuerung, die man sich in dieser Zeit erlaubt hatte. Auch TODESSCHÜSSE AM BROADWAY ist ein typischer Cotton, visuell vielleicht etwas attraktiver (dieses Licht!) als die eher tristen Vorgänger (der Eindruck mag aber auch daher rühren, dass ich den Film auf Blu-ray gesehen habe), erzählerisch aber genauso bieder und formelhaft wie diese.

Echte Spannung oder gar Begeisterung kommt zu keiner Sekunde auf, aber solche zu erwarten, ist eh der komplett falsche Ansatz. Eher sollte man die Filme so genießen wie das wohltuende Mittagsschläfchen im Lieblings-Schlabberanzug, bei dem man die ideale Position in seiner angestammten Sofamulde findet und sich von Peter Thomas‘ schmoovem Swing sicher ins Reich der Träume begleiten lässt. Man weiß, was man hier bekommt, und ich kann nicht anders, als die in der Reihe etablierte Technik, Second-Unit- und Archivaufnahmen von Schauplätzen wie New York oder Las Vegas zu verwenden, um den in ganz und gar unamerikanisch aussehenden Berliner und Hamburger Industriebrachen und Hafensettings inszenierten Rest zu „authentifizieren“. Kein einziger der Darsteller setzte für TODESSCHÜSSE AM BROADWAY auch nur einen Fuß auf amerikanischen Boden: Das Höchste der Gefühle ist ein aus respektvoller Distanz gefilmtes Double, ansonsten wird auf schöne Rückprojektionen gesetzt, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden lässt. Und was das für Rückprojektionen sind: Wie sich die dunkelhaarige Schöne Heidy Bohlen da in prächtigen Farben und gestochener Schärfe von dem leicht milchigen Empire-State-Building-Footage abhebt, möchte man sich fast einen überlebensgroßen Druck davon an die Wand hängen. Hier findet das make believe, die Freude am Pulp, das Unzureichende des Stils, das mit der Intensität des Traums und der Sehnsucht nach der fremden Welt hinter dem Ozean, einer Welt voller Aufregung und Abenteuer, Hand in Hand geht, seinen idealen Ausdruck. Alles andere ist dann eigentlich egal.

moederclub_von_brooklynDrei Millionäre werden von einem Unbekannten zur Zahlung von einer Million Dollar aufgefordert, Zuwiderhandlung soll drakonisch bestraft werden. Natürlich kommen die Geschäftsmänner dem Wunsch des Erpressers nicht nach und müssen wenig später die Entführung ihrer Töchter und deren anschließende Ermordung betrauern. Jerry Cotton (George Nader) und sein Partner Phil Decker (Heinz Weiss) nehmen die Ermittlungen auf und finden erstaunliche Verbindungen zwischen den drei Erpressungsopfern …

Die Farbe, die den potenziellen Besuchern schon auf dem Poster versprochen wurde, lässt erst einmal auf sich warten. Die Pre-Title-Sequenz ist in gewohntem Schwarzweiß gehalten, bevor mit Beginn des Vorspanns „umgeschaltet“ wird. Von nun an glänzt Cottons Frisur noch pomadiger, leuchtet Manhattan in strahlenden Sechzigerjahre-Farben, gerät DER MÖRDERCLUB VON BROOKLYN deutlich poppiger als die vorangegangenen Filme, büßt dabei aber eben auch diesen rohen, ungebügelten Stil ein, der sich doch als solch ideale visuelle Umsetzung der rumpeligen Groschenheft-Prosa erwiesen hatte. Und die Rückprojektionstechnik, die die Reihe in den bisherigen Einträgen zu ihrem wesentlichen Stilmittel erhoben hatte, sieht durch die Umstellung nun sogar noch deutlich künstlicher aus als zuvor: Alle im Vordergrund platzierten Personen und Gegenstände weisen plötzlich eine sich vor dem Hintergrund deutlich abzeichnende „Aura“ auf, wie es meine wunderbare Gattin gestern so treffend bezeichnete.

Das lässt sich ganz gut als gleichnishaftes Bild für den ganzen Film verwenden: Denn der neue Anstrich lässt die Defizite, die DER MÖRDERCLUB VON BROOKLYN andernorts aufweist, deutlich zu Tage treten. Die Geschichte ist einfach nicht so richtig zwingend, schon gar nicht, wenn man den herrlich reißerischen Titel als Maß anlegt, wirkt nach den beiden Vorgängern, die entweder ganz New York in Atem hielten oder aber mit dem größten Raubüberfall der USA aufwarteten, wieder herzlich bescheiden. Ein paar Entführungen, bei denen das FBI (in Dialogen gern auch ohne Artikel verwendet), ganz schön alt aussieht – in einer herrlich absurden Szene harkt eine ganze Armee total unauffällig als Gärtner verkleideter Agenten das Laub im Garten eines der Millionäre, während der Voice-over etwas von top-ausgebildeten Spezialisten schwadroniert –, ein paar skrupellose Morde, die niemanden der Beteiligten wirklich tangieren, sowie die üblichen Plotverwirrungen und spektakulären Enthüllungen im finalen Akt können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Produzenten einen eher mittelspannenden Fall aus dem umfangreichen Heftfundus ausgesucht haben. Dabei beginnt das Abenteuer mit dem bewaffneten Einbruch der maskierten Gangster während eines Empfangs durchaus aufregend und vielversprechend. Ich habe den Film gestern Abend gesehen und kann mich heute, nur wenige Stunden später, schon kaum noch an Details erinnern. Zum Glück erwähnt einer der IMDb-Kommentatoren den tödlichen Sturz eines Schurken in einen schmalen Schacht, der trotz Verwendung einer Puppe reichlich schmerzhaft anzusehen ist und mich gestern kurz das Gesicht verziehen ließ. Jerry-Cotton-Filmkenner freuen sich zudem über die Ausflüge in das verdächtig nach dem Weserbergland oder dem Taunus aussehende Umland von New York, das man von Manhattan aus in einer knapp fünfminütigen Autofahrt zu erreichen scheint, und natürlich gibt es auch wieder eine Ohne-Whiskey-geht-es-nicht-Szene, diesmal mit Heinz Reincke als kleinem, aber durstigem Informanten. Insgesamt schon OK, aber eben auch etwas underwhelming.

rechnung_eiskalt_serviert_dieVon Minute eins des vierten Jerry-Cotton-Films an ist klar, dass er den enttäuschenden Vorgänger UM NULL UHR SCHNAPPT DIE FALLE ZU um Längen übertreffen wird. Nach den immer wieder gern gesehenen New Yorker Straßenaufnahmen leitet ein Voice-over-Kommentator den folgenden Film bedeutungsschwanger ein: Alles begann, so erzählt die Stimme mit vollem Wissen über die Tragweite der folgenden Ereignisse, als Jerry Cotton eines Abends eine Bar aufsuchte, um „sich einen Whiskey on se rocks zu genehmigen“. Er konnte ja nicht ahnen, dass er infolgedessen in einen der größten Raubüberfälle der US-amerikanischen Geschichte verwickelt werden würde. Es ist gar nicht so entscheidend, dass dieser größte aller anzunehmenden Überfälle sich natürlich der vom klammen Geldbeutel der Produzenten diktierten Ästhetik und Logik der Filmserie anpasst – ja, da wird eine Menge Kohle aus einem Transport des New Yorker Schatzamtes geklaut, der Überfall vom gerissenen Charles Anderson (Horst Tappert) mit einigem Geschick und Know-how organisiert, dennoch muss man erstaunt sein, wie leicht ihm und seinen eher unterdurchschnittlich begabten Schergen das Ganze gemacht wird –, wichtiger ist dieser pulpig-sensationalistisch Ton, den Helmut Ashley etabliert und für den die Verwendung der Requisite „Whiskey“ ganz entscheidend ist. Da fährt der kernige FBI-Agent also nachts mal mit seinem Jaguar aus, um sich in Manhattan einen „Whiskey zu genehmigen“ – was man halt als Kerl so braucht, um nach einem anstrengenden Tag voller Verbrecherjagd und Heldentaten wieder runter- und klarzukommen und die Seele baumeln zu lassen – und findet glücklicherweise gleich einen Parkplatz vor der Pinte du jour. Später, nachdem er in eine Schlägerei vor der Kneipe verwickelt worden ist, und sich einem Streifenpolizisten gegenüber als FBI-Mann ausweist, wird er diesen bitten, zurück zu seinem Whiskey zu dürfen, da er sich so schlecht daran gewöhnen kann, wenn der warm wird, und der Polizist entgegnet neidisch, dass er sofort einen trockenen Hals bekommt, wenn er von Whiskey hört. Whiskey, das ist in der Welt von Jerry Cotton ein Geschenk der Götter an die Männer, ein Lebenselixier, das die Welt zu einem besseren Ort macht und die Last, die sie auf ihren Schultern tragen müssen, wenigstens für ein paar Minuten von ihnen abfallen lässt. Aber zurück zum Film: Die in der Bar anwesenden Kellnerinnen können ihre Verzückung vor dem virilen Mittvierziger mit dem Brillantine-Helm kaum verbergen, aber jemand wie Cotton muss sich nicht mit dem Fußvolk abgeben, weshalb es ihn gleich zur erotischen Sängerin Violet (Yvonne Monlaur) zieht. Deren Freund Tommy (Christian Doermer) ist zwar ebenfalls anwesend, doch glücklicherweise wird der in den Coup Andersons involvierte Chemiker bald schon ermordet, sodass Cotton seine öligen Fänge nach ihr ausstrecken kann. Es gibt nach der Ermordung Tommys eine Szene, in der die Kaltschnäuzigkeit von Cotton einen nur noch schockiert: Er ruft Violet in die Pathologie und verhört sie direkt neben der zugedeckten Leiche ihres vor einigen Tagen verschwundenen Liebhabers, ohne ihr mitzuteilen, dass er tot ist und seine Leiche gleich neben ihr liegt! Im weiteren Verlauf des Films lässt er sie die ganze Zeit in dem Glauben, Tommy lebe noch, obwohl er es besser weiß, und lässt zu, dass sie die traurige Nachricht ganz beiläufig von einer Komplizin Andersons erhält. That’s cold!

Kurz zur Handlung: Die Bande um Charles Anderson plant also, den voll beladenen Transporter des New Yorker Schatzamtes auszurauben. Dabei helfen soll ihnen der Chemiker Tommy Wheeler, der einen bestimmten Rauch entwickelt hat, der es ermöglicht, den einmal lahmgelegten Lkw unbemerkt zu leeren. Der Plan gelingt, Mr. Clark (Walter Rilla), der Chef des Schatzamtes, erwägt es, sich umzubringen, da er die Warnungen Cottons, den Transport zu vertagen, in den Wind geschlagen hatte. Cotton nimmt die ganze Verantwortung auf sich, um Clark aus der Schusslinie zu nehmen, wird daraufhin vom Dienst suspendiert und muss nun – Ehrensache für einen Vollblutkriminalisten – „auf eigene Faust“ ermitteln. Er heftet sich an die Fersen der Bande, die unerwartete Konkurrenz von zwei Trittbrettfahrern bekommt: George Davis, einem Mitarbeiter des Schatzamtes (Ullrich Haupt), und dessen Partner Stanley (Rainer Brandt).

Helmut Ashley verbindet die Actionlastigkeit der ersten beiden CottonFilme mit dem eher spannungsorientierten Ansatz von Harald Philipps leider gescheitertem dritten Film. Die erste Hälfte widmet sich sehr ausführlich den Vorbereitungen von Anderson und seiner Männer, integriert gar einen fehlgeschlagenen ersten Versuch, bevor der gelungene Überfall einen ersten, auch inszenatorischen Höhepunkt bildet. DIE RECHNUNG – EISKALT SERVIERT bedient sich hier eindeutig der Mechanismen des Heist Movies, indem er die Planungen in den Mittelpunkt stellt, dem Zuschauer einen Wissensvorsprung gegenüber dem Protagonisten verleiht und ihn sogar etwas mit den Schurken mitfiebern lässt. Die Suspendierung bleibt für den weiteren Verlauf des Films eher folgenlos: Decker (Heinz Weiss) steckt seinem Partner unmittelbar danach seine eingezogene Dienstknarre zu, damit er nicht „nackt“ durch New York laufen muss, und Cotton, dessen Wiedereinstellung natürlich nie wirklich in Zweifel steht, lässt sich von seiner vorübergehenden Arbeitslosigkeit auch nicht sonderlich beeindrucken. Dass Decker und High (Richard Münch) noch weiter in den Hintergrund treten, gibt Ashley vor allem die Möglichkeit, seine Schurken stärker zu konturieren. Horst Tappert ist super als kühler Taktierer, der seine Schergen voll im Griff hat und lediglich die Fassung verliert, wenn seine sich ständig die Nägel feilende Geliebte die Bluse zu weit geöffnet hat („Du weißt doch, dass ich mich nicht konzentrieren kann, wenn du halbnackt herumläufst!“). Zu den weiteren Höhepunkten des Films gehört eine Keilerei Cottons mit zwei lustig aussehenden Catchern, eine unerwartet offenherzige Duschszene besagter Geliebter Andersons und das komplett irrwitzige Finale, bei dem Cotton todesmutig vom Dach eines Wolkenkratzers an die Kufen eines startenden Hubschraubers springt. Neben lustigen Klettereien vor Rückprojektionen gibt es auch einen gewagten Hubschrauber-Wasser-Stunt, der Ashley so gut gefallen hat, dass er ihn gleich zweimal einsetzt. Mit Recht! Am Ende ist alles gut und der schurkische Davis war sogar so nett, ein Papier aufzusetzen, dass Cotton von jeder Schuld an dem Raubüberfall entbindet. Somit ist Raum für den fünften Teil, auf den ich mich nach diesem fulminant unterhaltsamen Reißer wieder sehr gefreut habe.

 

um_null_uhr_schnappt_die_falle_zuEin Transporter mit Nitroglycerin wird gestohlen und mitten in Manhattan geparkt. Die sich anschließende Aufregung nutzt eine Komplizin der beiden Lkw-Diebe, um einen Juwelier auszurauben. Als die Polizei den Transporter öffnet, muss sie jedoch feststellen, dass der Sprengstoff entwendet wurde. Er befindet sich in den Händen des Gangsterbosses Larry Link (Horst Frank), der die Stadt zur Zahlung von einer Million Dollar zwingen will. Eine sich anbahnende Hitzewelle macht schnelles Handeln erforderlich, denn wenn die Kühlung des Nitroglycerins nachlässt, ist der Stoff unkontrollierbar. Jerry Cotton (George Nader) und sein Partner Phil Decker (Heinz Weiss) machen sich auf die Suche …

Harald Philipp darf nach seinem gelungenen Einstand mit MORDNACHT IN MANHATTAN auch das dritte Abenteuer um den Helden der Groschenheftserie inszenieren. Die schon im Vorgänger unverkennbare Professionalisierung setzt sich hier nahtlos fort: Mit Horst Frank bietet UM NULL UHR SCHNAPPT DIE FALLE ZU einen charismatischen Darsteller als Antagonisten zum straighten George Nader, der dem Film darstellerisches Profil verleiht. Sein Larry Link ist wunderbar schmierig, wie er da barfuß und mit aufgeknöpftem Hemd in seinem mit Wasser gefüllten Wohnzimmer herumgammelt und vom Liegestuhl aus Befehle gibt. Auch die Geschichte um die Sprengstoffbedrohung einer ganzen Stadt markiert gegenüber den Allerweltsverbrechen der vorangegangenen Teile einen deutlichen Quantensprung. Ein Hauch von großem Katastrophenfilm weht durch die kleine deutsche Produktion, die sich wieder einmal viel Mühe gibt, das ohne Schauspieler on location in New York gedrehte Material mit den restlichen Aufnahmen in Einklang zu bringen. Es sind gerade diese heute so schön anachronistisch und nostalgisch anmutenden Szenen, in denen man überdeutlich sieht, dass die Darsteller vor unscharfen, nicht optimal justierten Rückprojektionen agieren, die für UM NULL UHR SCHNAPPT DIE FALLE ZU einnehmen. Ich habe es schon in meinem Eintrag zu MORDNACHT IN MANHATTAN geschrieben: Statt als technische Unzulänglichkeiten möchte ich diese Rückprojektionen und das körnige, nicht immer gestochen scharfe Schwwarzweiß als Stilmittel begreifen, die perfekt dazu geeignet sind, den hingeworfenen, floskelhaften Stil und das billige Papier voller abfärbender Druckerschwärze der Heftserie in das Medium Film zu transportieren. Und im brillanten Score Peter Thomas‘, in dem es vor gescatteten „schubididuhs“ und „bepp-di-du-bopps“ nur so wimmelt, meint man gar das Rascheln der vor fiebriger Spannung ihrer jugendlichen Leser nur so dahinfliegenden Seiten vernehmen zu können, findet der Komponist das perfekte tonale Äquivalent zur sich im rigorosen Wochenrhythmus atemlos von Set Piece zu Set Piece hetzenden Wegwerfkunst.

Wie schade ist es da, dass UM NULL UHR SCHNAPPT DIE FALLE ZU auf erzählerischer Ebene nicht mit dieser formalen Schönheit, die den Pulp der Vorlagen zu fast reinem Kontrast gerinnen lässt, mithalten kann. Wo Philipp im Vorgänger noch eine Actionszene an die nächste reihte und damit beachtlichen Erfolg erzielte, scheitert er hier bei dem Versuch, Spannung und Suspense gerade durch das Herauszögern der kathartischen Ausbrüche zu erzeugen, relativ kläglich. Er scheint mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln an die Grenzen des Möglichen zu stoßen. So wie man auf 65 Heftromanseiten kein Generationen umspannendes Epos unterbringt, ist es eben schwer, den Ausnahmezustand einer Multimillionen-Metropole filmisch abzubilden, wenn man nur ein paar Filmrollen mit Archivmaterial eben jener Stadt im Schrank liegen hat. Vielleicht sollte man ein Auge zudrücken und den Mut der Macher loben, auf die Rahmenbedingungen gepfiffen und den Film trotzdem gemacht zu haben. Böse bin ich ihnen nicht dafür, dass mich UM NULL UHR SCHNAPPT DIE FALLE ZU weitestgehend gelangweilt hat. Ob es zu etwas gut war, wird der nächste Beitrag DIE RECHNUNG – EISKALT SERVIERT zeigen. Den drehte Helmut Ashley, der mir für diesen Stoff genau der richtige Mann zu sein scheint. Ich habe Hoffnung.

mordnacht_in_manhattanManhattan wird von der „100-Dollar-Bande“ (u. a. Peter Kuiper, Siegurd Fitzek, Willy Semmelrogge, Paul Muller und Slobodan Dimitrijevic) unsicher gemacht. Die Schurken überfallen Geschäfts- und Restaurantinhaber und fordern sie unter Gewaltandrohung zur Zahlung eines Schutzgelds von 100 Dollar. Als sich der Besitzer eines italienischen Restaurants weigert zu bezahlen, wird er von den Übeltätern rücksichtslos erschossen. Der kleine Billy (Uwe Reichmeister) hat den Täter gesehen, doch dauert es eine Weile, bis er zu den ermittelnden FBI-Männern Jerry Cotton (George Nader) und Phil Decker (Heinz Weiss) vorgedrungen ist. Und dann schwebt er in Lebensgefahr …

Die vom reißerischen Titel angekündigte „Mordnacht“ finden wohl nur besonders Zartbesaitete in diesem Film. Ein weitaus ehrlicherer Titel hätte von einem „Nachtmord“ gesprochen, sich damit aber auch nur halb so knorke, genau genommen sogar ziemlich bescheuert angehört. Auch beim zweiten Kinoeinsatz von G-Man Jerry Cotton fragt sich der heutige Zuschauer, ob es für einen FBI-Mann vom Schlage eines Jerry Cotton nicht unter seiner Würde ist, sich mit einer Bande herumzuschlagen, die ihre Drittklassigkeit schon in ihrem Namen herumtragen. Um die Provinzialität des Falles zu kaschieren, mit dem man da den angeblich besten Mann betraut, wird aber ordentlich Rabatz gemacht. Der Film hetzt angetrieben von Philipps schwungvoller Regie von Schießerei zu Keilerei, von Explosion zu Verfolgungsjagd und dann gleich wieder zurück. Das macht Laune und sieht dank der diesmal zumindest zum Teil vor Ort eingefangenen New-York-Impressionen von Times Square und 42nd Street auch deutlich besser und spektakulärer aus als noch im visuell vollkommen unprätentiösen Vorgänger SCHÜSSE AUS DEM GEIGENKASTEN. Das bedeutet zwar nicht, dass nicht auch hier mit Einsatz von Rückprojektionen und deutschen Drehorten kräftig geschummelt wurde, trotzdem kommt einfach mehr amerikanisches Großstadtflair auf, was für den Erfolg von MORDNACHT IN MANHATTAN nicht ganz unerheblich ist. Damit man als deutscher Zuschauer kein allzu großes Heimweh oder gar einen Kulturschock erleidet, begibt sich der Film zum Finale dann aber wieder stilecht in eine Kiesgrube, in der Jerry Cotton die Reifen seines Jaguars effektvoll durchdrehen lassen kann.

Inhaltlich hat sich der Film die Naivität aus dem Vorgänger dankenswerterweise bewahrt. Am tollsten ist die Episode um die tapfere Tankstellenbesitzerin Sophie Latimore (Elke Neidhart), die ebenfalls von den Bösewichtern bedroht wird. Kurzerhand gibt sich Cottons Kollege Decker als neuer Tankwart aus, der dem ersten eintrudelnden Geldeintreiber sogleich ein paar kräftige Maulschellen verpasst und ihn dahin schickt, wo der Pfeffer wächst. Eine wirklich schlechte Idee, denn wenig später fliegt die Existenzgrundlage der armen Sophie flammenreich in die Luft und Cotton und Decker schauen dumm aus der Wäsche. Ihre Inkompetenz und Fahrlässigkeit zieht zum Glück für sie aber keine disziplinarischen oder gar rechtlichen Konsequenzen nach sich. Man weiß eben, was man an den beiden hat. Nicht nur in dieser Hinsicht haben sich die Zeiten für Filmhelden massiv geändert.

schuesse_aus_dem_geigenkastenIn Pasadena wird eine Sängerin von einer Ganovenbande überfallen und gemeinsam mit ihrem Produzenten erschossen. Einige Tage später ereilt ein Farmerehepaar in der Nähe von Chicago dasselbe Schicksal. Das FBI findet heraus, dass beide Verbrechen zusammenhängen. Mr. High (Richard Münch) betraut Jerry Cotton (George Nader) und Phil Decker (Heinz Weiss), seine beiden besten Männer, mit der Aufklärung des Falles. Eine Zeugin verrät kurz vor ihrem Tod, dass hinter den Taten ein gewisser Christallo (Hans E. Schons) steckt, der zur Tarnung seiner illegalen Aktivitäten eine Bowlingbahn in New York betreibt. Und er plant schon seinen nächsten Coup, den Einbruch in eine mit Juwelen vollgestopfte Privatwohnung. Zur Ablenkung wollen die Verbrecher einer Bombe in einer nahe gelegenen Schule zünden. Um dies zu verhindern, dient sich Cotton Christallo als Handlanger an …

Die Heftromanserie um den „G-Man Jerry Cotton“ wurde 1954 ins Leben gerufen und begründete den bis heute anhaltenden Erfolg des Bastei-Lübbe Verlags. Auf über 850 Millionen Exemplare beläuft sich angeblich die Gesamtauflage der Reihe bis heute. Vor ein paar Jahren erlebte sie unter dem Titel „Jerry Cotton Reloaded“ gar ein zeitgemäßes Reboot als Hörbuchreihe: Der Anschlag von 9/11 fungiert dort als ideelle und berufliche Geburtsstunde des FBI-Manns. Von solch konkretem Gegenwartsbezug merkt man in dem 1965 entstandenen ersten Jerry-Cotton-Film (sieben weitere sollten bis 1969 im Rekordtempo folgen) nichts. Regisseur Fritz Umgelter hatte in den späten Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren einige Kinofilme gedreht, war aber fast ausschließlich fürs Fernsehen tätig, als er SCHÜSSE AUS DEM GEIGENKASTEN inszenieren durfte (zehn Jahre zuvor hatte er die Live-Aufführungen der Augsburger Puppenkiste betreut). Das erste Leinwandabenteuer des schlagkräftigen FBI-Agenten verwaltet er mit sachlichem Professionalismus, den böse Zungen auch als Mangel an Inspiration bezeichnen könnten. Ganz Unrecht hätten sie nicht: Während die zur selben Zeit im Zuge der James-Bond-Reihe reüssierenden Eurospy-Filme mit poppigen Farben, schönen Frauen und technischen Gimmicks aufwarteten, ist SCHÜSSE AUS DEM GEIGENKASTEN bemerkenswert schmucklos und hemdsärmelig. Selbst der endlos schmissige Score von Peter Thomas klingt mit seinem zu Marschrhythmen fröhlich gepfiffenen Titelthema sehr deutsch, eher nach gemütlichem Feierabend bei Bier, Wurstsemmel und Blauem Bock als nach Todesgefahr, Exotismus und Abenteuer.

Passend dazu ist der Fall, den Cotton und Decker zu lösen haben, eine recht schnöde Serie von Raubmorden, mit der sich schon ein Tatort-Ermittler heute kaum noch rumschlagen würde, dazu von „Profis“ verübt, die ihre finsteren Pläne zu keiner Sekunde verhehlen können und mit dem Feingefühl einer Planierraupe vorgehen. Und wenn der Voice-over-Erzähler zu Beginn Spannung und Atmosphäre aufbauen will, die Überlegenheit des FBI und seiner mit modernster Technik ausgestatteten Agenten im autoritären Wochenschau-Ton lobt, fühlt man sich auch eher an Lehrfilme im Sachkundeunterricht der 3b oder „Die Sendung mit der Maus“ erinnert. Ein Effekt, der durch die in den letzten 50 Jahren vollzogenen technischen Fortschritte, die einen die hoffnungslos rückständigen Methoden der Superkriminalisten doch eher mitleidig begutachten lassen, noch verstärkt wird. Aber genau das macht auch den Charme SCHÜSSE AUS DEM GEIGENKASTEN aus: Während in anderen Filmen auf dicke Hose gemacht und mit viel Enthusiasmus und Laisser-faire über budgetäre Beschränkungen hinweg gegangen wurde, regiert hier eine gewisse Bescheidenheit. Das Schönste  ist aber mit einigem Abstand die Willensleistung, mit der Deutschland respektive Hamburg mithilfe von Stock Footage und Rückprojektionen in New York verwandelt wird. Zu Beginn sorgt das noch für handfeste Erheiterung, wenn dem Zuschauer ein Bauernhof im herbstlich verschlammten Peenemünde als „Farm nahe Chicago“, ein Plattenbau mit Klettergerüsten im Hinterhof als FBI-Ausbildungszentrale in Quantico verkauft werden. Aber im weiteren Verlauf entwickeln die Beteiligten ein beachtliches Geschick, das Archivmaterial mit Selbstgedrehtem verschmelzen zu lassen. Besonders gut hat mir die Kraxelei der Verbrecher auf einem Dachsims gefallen, an das mit viel Spucke das Bild einer New Yorker Häuserschlucht geklebt wurde. Auch wenn der Effekt heute durchsichtig ist, nötigt er dem Betrachter doch Respekt ab.

Ich habe irgendwo gelesen, die frühen Jerry-Cotton-Filme seien irgendwie trist und öde. Ganz von der Hand weisen lässt sich das nicht. Kaum denkbar, dass ein populäres Franchise, wie es Jerry Cotton im Deutschland der Sechzigerjahre ohne Zweifel war, heute eine solch bescheidene Umsetzung erführe und damit auch noch Erfolge feierte. Die naheliegendste Begründung sucht die Ursachen für den Erfolg von SCHÜSSE AUS DEM GEIGENKASTEN wahrscheinlich in der damaligen Kinolandschaft, der noch nicht flächendeckenden Verbreitung des Fernsehens und der damit einhergehenden „Offenheit“ der Zuschauer. Aber der Idealist in mir sagt mir, dass die Menschen einfach die Geradlinigkeit und Ehrlichkeit von Umgelters Film zu schätzen wussten und honorierten, der ihnen 90 Minuten unverstelltes Entertainment bot, eben das filmische Äquivalent zu den nach Druckerschwärze riechenden Heftchen mit den knalligen Titeln. Der erste Jerry-Cotton-Film ist eine schöne, altmodische Räuberpistole, zupackend wie Opas Rechte und so gut eingesessen wie sein Lehnstuhl.