Mit ‘George Pan Cosmatos’ getaggte Beiträge

Der US-Katastrophenfilm inspirierte auch andere Nationen nachzuziehen. THE CASSANDRA CROSSING ist eines der prominentesten Beispiele, geht aber durchaus seinen eigenen Weg. Am deutlichsten zeigt sich der Einfluss nicht in der drohenden Zugkatastrophe, sondern vor allem in der beeindruckenden Besetzung, die während der Exposition einem Schaulaufen gleicht: Richard Harris, Burt Lancaster, Ava Gardner, Martin Sheen und Lee Strasberg machen ihre Aufwartung, gefolgt von den etwas „kleineren“ Namen von Lionel Stander, John Philip Law, O. J. Simpson, Ray Lovelock, Ann Turkel, Ingrid Thulin, Alida Valli und Lou Castel. Auch Cosmatos‘ Film widmet sich im weiteren Verlauf ihren Einzelschicksalen, ohne aber die seifige Melodramatik zu erreichen, die man aus den Vorbildern kennt. THE CASSANDRA CROSSING ist eine übervolle, nicht immer geschmackssichere Mischung aus Katastrophenfilm, dem eisigen Agenten- und Politthriller europäischer Prägung, dystopischer Science Fiction und zupackender Action. Man kann gut zwei Stunden seiner Zeit mit ihm vertrödeln: Langweilig wird einem dabei nicht.

Alles beginnt mit einem Terroranschlag zweier Schweden auf die Zentrale der IHO in Genf. Dort infizieren sich beide mit einem gefährlichen Virus, den die USA unter Verschluss halten, bis sie herausbekommen, wie man ihn vernichtet: Einer der Täter wird festgesetzt und verstirbt wenig später, dem anderen (Lou Castel) gelingt die Flucht an Bord eines Zuges, der quer durch Europa fährt. Der Militärmann Mackenzie (Burt Lancaster) nimmt Kontakt zum Wissenschaftler Chamberlain (Richard Harris) auf, der sich an Bord des Zuges befindet und dabei helfen soll, die Seuche einzugrenzen. Neben den medizinischen Bemühungen an Bord will Mackenzie den Zug versiegeln und ihn auf einen abgelegenen Bahnhof in Polen umlenken. Insgeheim hofft er aber, dass er die Überfahrt über die „Cassandra Crossing“, eine seit Jahrzehnten stillgelegte, völlig marode Brücke, nicht schafft …

THE CASSANDRA CROSSING beginnt als Katastrophenfilm mit Science-Fiction-Einschlag, der nach der Etablierung des Grundkonflikts seine große Figurenschar einführt: Da gibt es den Helden Chamberlain, einen einflussreichen Wissenschaftler, dessen Ex-Frau Jennifer (Sophia Loren), die gerade ein für ihn wenig schmeichelhaftes Enthüllungsbuch über ihre Ehe geschrieben hat, insgeheim aber auf Versöhnung hofft, Nicole Dressler (Ava Gardner), die Gattin eines Waffenfabrikanten, die mit ihrem aufschneiderischen Lover Robby (Martin Sheen) durch Europa reist, den Holocaust-Überlebenden Herman Kaplan (Lee Strasberg), den als Priester getarnten FBI-Agenten Haley (O.J. Simpson), eine Gruppe Hippies um das Pärchen Susan (Ann Turkel) und Tom (Ray Lovelock), den Zugschaffner Max (Lionel Stander) sowie etliche weitere. Nach einer Stunde, die Situation an Bord ist mittlerweile allen Zuginsassen klar, kippt der Film dann heftig Richtung Horror: Die Szene, in der mit Schutzanzügen vermummte, schwer bewaffnete Soldaten den Zug auf einem nächtlichen Bahnhof (Nürnberg!) versiegeln, damit kein Infizierter aussteigen kann, und über Lautsprecher autoritäre Befehle durch die Nacht bellen, könnte auch aus Romeros THE CRAZIES stammen – und weckt natürlich historische Assoziationen. Die erkennt auch der Jude Kaplan, der angesichts der Aussicht, erneut nach Polen deportiert zu werden, in verständliche Panik gerät. Zur finsteren Perspektive gesellt sich die Inszenierung der titelgebenden Brücke, eines rostigen Ungetüms, das in drohenden Aufnahmen und mit dissonanten Soundcollagen ins Bild gerückt wird.  Cosmatos ist der Zurückhaltung und Subtilität eher unverdächtig – die Episode um Kaplan erinnert ein bisschen an Hanna Schygullas Auftritt in Golans THE DELTA FORCE -, aber man kann seinem Film gewiss nicht vorwerfen, seine Wirkung zu verfehlen. Das mittlere Drittel des Films tut weh – im positiven Sinne.

Seinen letzten Stimmungsumschwung erlebt THE CASSANDRA CROSSING in der letzten halben Stunde. Die Passagiere um Chamberlain ahnen, dass man mitnichten gedenkt, sie bloß in Quarantäne zu isolieren: Sie sollen, wenn schon nicht umgebracht werden, so doch durch einen willkommenen Unglücksfall den Tod finden, auf dass der gefährliche Virus auf immer lahmgelegt ist. Es bleibt nur eine Chance: Mit Waffengewalt die Kontrolle über den Zug zu erkämpfen und ihn irgendwie zu stoppen, bevor er die unsichere Brücke erreicht. Das losbrechende Spektakel wird von Cosmatos sehr ansprechend und mit viel Tempo in Szene gesetzt, aber leider fällt der Film zum Showdown dann hinter seine an den Machenschaften des Staats geübte Kritik zurück: Die einzige Chance, die Chamberlain bleibt, wenigstens einige zu retten, besteht darin, einen einzigen Waggon abzukoppeln – natürlich jenen, in dem sich die „wichtige“ Charaktere des Films befinden. Der Großteil der Passagiere findet in einer reichlich sensationsheischenden Sequenz einen grausamen Tod, über den danach nicht weiter geklagt wird. Der Film geht sehr lapidar über diese Opfer hinweg, sie dienen ihm höchstens ans dratsischer Zierrat. Der gnadenlose Utilitarismus, der Mackenzie in den Augen der Wissenschaftlerin Stradner (Ingrid Thulin) zum „Monster“ macht, gereicht Chamberlain zum Heldentum. Da wurde mit zweierlei Maß gemessen.

Der finale „Twist“ – keine Sorge, mit modernen Hirnverdrehereien hat THE CASSANDRA CROSSING nichts am Hut – versöhnt dann aber wieder etwas und zeigt, dass das politische Geschäft mit der Sicherheit ein schmutziges ist, das keine Freunde kennt. Auch Mackenzie ist aus Sicht der Obrigkeiten nur ein Mitwisser, den man aus dem Weg räumen muss, wenn er gefährlich wird. Ganz egal, was er geleistet hat oder nicht. Ganz gewiss ein streitbarer Film, aber auch ein sehr spannender, dem es an Schauwerten gewiss nicht mangelt. Großes Kino anno 1976.

 

 

Über die Rezeption dieses Films hatte ich mich schon im Eintrag zum Vorgänger kurz geäußert: RAMBO: FIRST BLOOD PART II zog heftige Reaktionen nach sich und verursachte einen Proteststurm, der zum Ziel hatte, den Film aus deutschen Lichtspielhäusern zu verbannen. Dahinter stand nicht nur der allgemeine Vorwurf der Gewaltverherrlichung – Mitte der Achtziger tobte die Debatte um die Gefährdung der Jugend durch „Horror- und Gewaltvideos“ und einen neuen Jugendschutz besonders heftig –, sondern auch der der antisowjetischen Propaganda. Einige Jahre zuvor hatten Kritiker mit ähnlichen Protesten schon erwirkt, dass Milius‘ RED DAWN von bundesdeutschen Leinwänden verschwunden war, den Erfolg von RAMBO: FIRST BLOOD PART II (auf Deutsch wenig elegant RAMBO – 2. TEIL: DER AUFTRAG genannt) konnten sie aber nicht verhindern. Kaum verwunderlich: Cosmatos‘ Film ist ein Action-Meisterwerk und setzte neue Maßstäbe in Sachen Bombast, Choreografie, Gewalt und Tempo. Seine Dramaturgie, Schnitt und Aufbau ganzer Sequenzen und Set Pieces, aber auch nur einzelne Ideen und Bilder inspirierten Dutzende von Nachziehern, die sich fleißig bedienten, und prägten das Actionkino der Achtzigerjahre wesentlich.  RAMBO: FIRST BLOOD PART II war ein Kulturphänomen, auch wenn das Viele in den Wahnsinn treiben mag. Dass der von Stallone und James Cameron geschriebene Film inhaltlich höchst brisant und kontrovers war, unterstrich seine durchschlagende Wirkung nur noch. So wie sein Protagonist eine perfekte Tötungsmaschine ist, die sich mit äußerster Konsequenz durch den vietnamesischen Urwald und die sich ihm entgegenstellenden Feindesscharen metzelt, so walzt der Film den Zuschauer unbarmherzig nieder. Wenn man RAMBO: FIRST BLOOD PART II gesehen hat, dann weiß man, warum Film von manchen als Gefahr angesehen wird: Man braucht einen starken Charakter, um ihm zu widerstehen. Größeren Spaß macht es, sich von ihm wegfegen zu lassen.

Der Film knüpft an eine Debatte an, die seit den Siebzigerjahren unter Nixon schwelte, unter der Präsidentschaft Reagans aber noch einmal neu angeheizt wurde: Es ging um die Frage, ob es noch amerikanische Kriegsgefangene in Vietnam gibt und, wenn ja, was man für Anstrengungen unternimmt, sie zu befreien. Für Ronald Reagan war die Befreiung eventueller POWs eine „nationale Priorität“.  Man muss jedoch vermuten, dass die Versprechen, sich um die Vermissten zu kümmern, vor allem Reagans Machterhalt dienen sollte, denn ein Beweis, dass es sich bei den Vermissten tatsächlich um Kriegsgefangene und nicht bloß um Gefallene handelte, konnte nie erbracht werden. So ließ sich der Historiker  H. Bruce Franklin wie folgt zitieren:  „Every responsible investigation conducted since the end of the war has reached the same conclusion: There is no credible evidence that live Americans are being held against their will in Vietnam, Laos, Cambodia, or China.“ Diese ergebnislosen Untersuchungen nimmt auch RAMBO: FIRST BLOOD PART II zur Kenntnis, doch er nutzt sie ganz im Sinne des Verschwörungstheoretikers zur Bestätigung seines paranoiden, staatskritischen Weltbildes.

Zwar wird der Vietnamveteran und Elitekämpfer John J. Rambo nach Vietnam geschickt, um dort Fotos von in Camps gefangengehaltenen amerikanischen POWs zu machen – von denen alle Verantwortlichen wissen, dass sie noch da sind –, doch soll seine Mission in Wahrheit genau das Gegenteil beweisen. Dass in dem Lager, das er auskundschaften soll, tatsächlich Amerikaner sind, ist gar nicht vorgesehen, sondern einem Fehler geschuldet. Eigentlich hatte man Rambo zu einem leeren Camp geschickt, nicht ahnend, dass die Vietcong ihre Gefangenen regelmäßig umstationieren. Rambos ungewollter „Erfolg“ passt dem Leiter der Mission, dem gewissenlosen CIA-Mann Murdock (Charles Napier), überhaupt nicht in den Kram. Sollte die Mission die leidige Diskussion um Kriegsgefangene eigentlich ein für allemal beenden, indem sie keine Ergebnisse zeitigt, bringt sie die Schreibtischtäter und Paragrafenreiter der Regierung nun in Bedrängnis: Rambo hat nicht nur bewiesen, dass es POWs in Vietnam gibt, sondern auch, dass die Verantwortlichen dies wissen und aus voller Absicht nichts zu ihrer Rettung unternehmen. RAMBO: FIRST BLOOD PART II folgt ganz der durch nichts auszuhebelnden Logik des Paranoiden: Selbst das schlagkräftigste Gegenargument dient letztlich zur Stützung des eigenen Weltbilds, indem es als Beweis für die Indoktrinierung des Gegenübers gewendet oder schlicht als Lüge diffamiert wird. Dass keine Kriegsgefangenen gefunden werden, beweist demnach nicht, dass es keine gibt, sondern nur, wie sehr der Staat seine Bürger belügt und wie gut seine Vertuschung funktioniert. (Eine Argumentation, die umso besser funktioniert, als negative Beweisführung schwierig ist. Man kann schlecht beweisen, dass etwas nicht ist.) RAMBO: FIRST BLOOD PART II untermauert diesen Glauben, indem er die vermeintlichen Machenschaften des Staates aufdeckt. Cosmatos‘ Film strickt hier weiter an einem Mythos, nachdem schon der erste Teil dazu beigetragen hatte, den „Spitting Incident“ im öffentlichen Bewusstsein als Tatsache zu verankern. Das kann (muss?) man schon problematisch finden. (Es sei noch kurz erwähnt, dass RAMBO: FIRST BLOOD PART II nicht der erste Film war, der die Befreiung amerikanischer POWs zum Thema hatte: Sowohl Ted Kotcheffs UNCOMMON VALOR als auch Joseph Zitos MISSING IN ACTION kamen ihm zuvor.)

Für relativ unproblematisch halte ich aus heutiger Sicht hingegen die Zeichnung der Russen und des Vietcong, die damals im Mittelpunkt der Kritik stand. Stereotypische Schurkenfiguren allesamt, lassen sie die Spezifika vermissen, die den Vorwurf des Rassismus tatsächlich rechtfertigen würden. Sie übernehmen im Film eine rein strukturelle Funktion als Antagonisten. Wenn sich Rambos Zorn auf sie in einem wahren Amoklauf entlädt, ist das weder seinem Hass auf Russen oder Vietnamesen noch ihrer außergewöhnlichen Schlechtigkeit geschuldet, sondern vor allem eine persönliche Angelegenheit: Es ist die Rache für die Ermordung an seiner vietnamesischen Kontaktperson Co (Julia Nickson), die just in dem Moment erschossen wird, in dem sich die beiden ihre Liebe gestehen und beschlossen haben, Vietnam und den Spätfolgen des Krieges den Rücken zuzukehren und in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Rambo sind Ehnien und Nationszugehörigkeiten einerlei. Russen und Vietcongs sind auch nur ein letztlich austauschbarer Feind. Die wahren Schurken des Films sitzen in den eigenen Reihen: Es sind die Männer, die aus sicherer Distanz über das Leben der Soldaten entscheiden und ihrem Volk die Wahrheit vorenthalten. Der etwas schmerzhafte Schlussmonolog Rambo bringt dies noch einmal – etwas unnötig, weil redundant – auf den Punkt.

Man mag zu dem Film stehen, wie man will. Aber man kaum leugnen, dass er es in der Verfolgung seiner Agenda zu absoluter Perfektion bringt. RAMBO: FIRST BLOOD PART II ist durch und durch manipulativ und man kann sich dem Sog der Bilder, den Cosmatos entfacht, kaum entziehen. Es dürfte sich bei seinem Film außerdem um die vielleicht schönste Meuchelorgie handeln, die je auf Zelluloid gebannt wurde. Kamera-As Jack Cardiff stilisiert den Urwald zu einem in leuchtenden Farben strahlenden Ort des Mythos, seine Bilde würden jeden Reiseführer in ein prachtvolles Coffee-Table-Book verwandeln. Jerry Goldsmith variiert seine Musik aus dem ersten Teil mit verlockend exotischen Klängen und Stallone wirft seinen beängstigend modellierten Körper dazu in markige Posen, die an antike Götterbilder erinnern. Auch wenn die ersten drei Rambo-Filme sich vor konkreten (gesellschafts-)politischen Hintergründen entfalten: Bereits mit dem zweiten Teil vollzieht sich auf der Tiefenebene eine Wandlung hin zum Mythischen. Der an posttraumatischem Stress leidende Veteran des ersten Teils verwandelt sich immer mehr in einen übermenschlichen Krieger, in ein poetisches Ideal, das dazu dient, philosophische Fragen zu verhandeln, mehr als politische. Das wird im dritten und vierten Teil überdeutlich, wenn die Frage nach dem Wesen, der Essenz Rambos in den Mittelgrund rückt. Dieser zweite Teil ist vor allem perfektes Affektkino, ein aus dem Actionkino der Achtzigerjahre weit hinausragender Monolith, der sehr deutlich zeigt, was es mit der Macht der Bilder auf sich hat. Mit allen Konsequenzen.