Mit ‘Georges Wilson’ getaggte Beiträge

Damiano Damiani darf als einer der Meister des cinema di denuncia gelten, einer italienischen Spielart des Polit- und Justizthrillers mit durchlässiger Grenze zum Gangster-, Polizei- und Mafiafilm. Meist geht es um die bitteren Erfahrungen eines aufrechten Bürgers, der sich im Kampf gegen herrschende Ungerechtigkeit und Korruption hoffnungslos im Netz von Politik und Wirtschaft verheddert und am Ende erkennen muss, dass er in den Augen der Mächtigen nur ein lächerliches, zudem höchst entbehrliches Rädchen im Getriebe ist. Der typische Beitrag zu diesem Genre ist komplex und labyrinthisch, getragen von einer Vielzahl handelnder Haupt- und Nebenfiguren und meist mit einem desillusionierenden oder tragischen Finale versehen. Trotz seiner detaillierten Darstellung der Verflechtung von organisiertem Verbrechen, Staats- und Wirtschaftsmacht kann man das cinema di denuncia nicht ganz vom Vorwurf des Populismus freisprechen: Der Kontrast zwischen den unbarmherzigen Mächtigen auf der einen und dem persönlichen Einzelschicksal auf der anderen Seite trägt ganz wesentlich zur Affektsteuerung bei. Als Zuschauer muss man sich zwangsläufig auf die Seite des Protagonisten schlagen und die Identifikation fällt selten schwer. Auch in Damiani L’ISTRUTTORIA É CHIUSA: DIMENTICHI, der sich mit dem italienischen Rechtssystem bzw. den Gefängnissen auseinandersetzt, sind die Fronten von Anfang an klar. Aber Damiani verkompliziert die Sache mit der Sympathie …

Der junge Architekt Vanzi (Franco Nero) wird wegen Fahrerflucht angeklagt. Trotz seiner Beteuerungen, unschuldig zu sein, bringt ihn die Last der Beweise zunächst in Untersuchungshaft. Eingepfercht mit Gewaltverbrechern, die in dem Intellektuellen aus gutem Hause ein willkommenes Opfer für ihre bösen Späße und Erpressungsversuche sehen, stößt der sensible Vanzi schnell an seine Grenzen – zumal auch die von seinem Anwalt versprochene Freilassung auf sich warten lässt. Als Vanzi beim ebenfalls inhaftierten Mafiaboss seine Verlegung in eine andere Zelle fordert, legt man ihn zum paranoiden Pesenti (Riccardo Cucciolla): Der glaubt, dass man ihn umbringen wolle, weil er über Wissen verfüge, das bestimmten Würdenträgern schweren Schaden zufügen könne. Vanzi muss bald feststellen, dass Pesenti mitnichten unter Verfolgungswahn leidet, sondern dass seine Ängste mehr als berechtigt sind …

Die Geschichte ist nicht neu, die Konfrontation eines bislang unbescholtenen oder nur durch einen dummen Unglücksfall mit dem Gesetz in Konflikt geratenen Bürgers steht im Zentrum vieler Gefängnisfilme. Bei der Betrachtung von L’ISTRUTTORIA É CHIUSA: DIMENTICHI erkennt man dann auch einige typische Merkmale und Standards des Knastfilms wieder: den selbstherrlich-weltfremden Gefängnisdirektor, der selbst nur Empfehlsempfänger ist, sich in seiner kleinen Welt aber zum Herrscher aufschwingt, den sadistischen Wärter, der hier mit seinen Männern als williger Vollstrecker des Mafia-Willens fungiert, den alten Zausel, der den Protagonisten mit wertvollem Wissen versorgt, den schwerkranken Häftling, der aufgrund der miserablen medizinischen Versorgung verstirbt, den Mafia-Boss, der der eigentliche Herr im Hause ist, sowie natürlich die unzähligen Halsabschneider, die nichts anderes im Sinn haben, als der Hauptfigur die Hölle auf Erden zu bereiten. Hinzu kommen Elemente wie der Gefangenenaufstand, die Folter durch Einzelhaft, die kleinen Gefälligkeiten, die man sich teuer erkaufen kann, darunter etwa das Treffen mit einer attraktiven Prostituierten. Wer mehr als eine Handvoll von Knastfilmen gesehen hat, findet sich in Damianis Film blind zurecht. Bis auf einen kleinen, aber gravierenden Unterschied.

Der Protagonist des Knastfilms ist, wie oben bereits erwähnt, nicht selten ein harmloser, gutmütiger Bürger. Schon die Tatsache, dass er ins Gefängnis gesteckt und dort wie ein gewöhnlicher Verbrecher behandelt wird, zieht den Betrachter auf seine Seite. Die sich meist anschließende Passionsgeschichte verstärkt die Identifikation noch: Je brutaler er gequält wird, je größer seiner Verzweiflung ist, je weniger seine Unschuldsbeteuerungen Gehör finden, umso mehr halten wir zu ihm. L’ISTRUTTORIA É CHIUSA: DIMENTICHI macht es einem nicht ganz so einfach, denn dieser Vanzi ist in der Darstellung von Franco Nero nicht unbedingt ein Sympathieträger. Schon in seiner ersten Szene ist er völlig entnervt, steht da mit rot geränderten Augen vor dem Gefängnisdirektor, als hätte er die ganze Nacht durchgeweint. Diese Weinerlichkeit behält er weitestgehend bei, es gelingt ihm nicht, die Arschbacken zusammenzukneifen und für sich einzustehen. Dafür nimmt er nur zu gern die Annehmlichkeiten entgegen, die er sich mit seinem Geld erkaufen kann: den Aufenthalt auf der Krankenstation mit feinem Essen, den Besuch bei der Prostituierten, schließlich den Deal mit dem Mafiosi, um die Verlegung in eine andere Zelle zu erreichen. Vanzi ist kein Systemgegner wie Pesenti, er nimmt die Vorteile, die ihm als gebildetem, finanziell gut situiertem Bürger in den Schoß fallen, nur zu gern entgegen. Ja, dieser Vanzi ist ein Feigling und Opportunist, wie er im Buche steht. Zwar wacht er am Ende auf, aber auch dann ist er noch nicht bereit, echte Konsequenzen zu ziehen. Er wählt den Weg des geringsten Widerstandes, weil ihm sein eigenes Heil näher ist als die Gerechtigkeit.

Diese Tatsache macht den Film natürlich noch bitterer und wahrscheinlich auch realistischer: Ganz sicher würde jeder normale Mensch versuchen, die Erfahrung „Knast“ so gut hinter sich zu bringen wie irgend möglich, ohne anzuecken und Ärger einfach seine Zeit absitzen, wenn nötig gute Miene zum bösen Spiel machen. Und wenn es darum ginge zu wählen zwischen der posthumen Gerechtigkeit für ein Mordopfer und der eigenen Sicherheit, wahrscheinlich würden wir dann auch so entscheiden wie Vanzi – vielleicht würden wir uns dabei selbst hassen und verachten, aber am Ende könnten wir uns auch mit diesem Gefühl arrangieren. Auch wenn die Frage von Gut und Böse im cinema di denuncia nicht ohne Weiteres zu beantworten ist, so gibt es doch meistens eine Figur, die das moralische Ideal verkörpert. Eine solche Figur ist hier vielleicht Pesenti, aber es ist auch klar, dass er eine krasse Ausnahme von der Regel ist. Der Standard sind solche Typen wie Vanzi, die die Moral gern auch mal aussetzen, wenn es ihnen selbst gelegen kommt. Vielleicht sind sie das eigentliche Problem: die schweigende Mehrheit eben, die sich mit dem Übel arrangiert, weil sie sich von vornherein machtlos wähnt. Das ist sehr wahr an L’ISTRUTTORIA É CHIUSA: DIMENTICHI, aber es macht die Sichtung nicht eben leicht. Damiani präsentiert uns ein ziemlich ungeschöntes Spiegelbild unseres höchst durchschnittlichen Selbst.

 

Der Fall der Beatrice Cenci (1577 – 1599), der Tochter des wohlhabenden Adligen Francesco Cenci, eines brutalen Menschenschinders, die ihren Vater nach mehreren erlittenen Grausamkeiten gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren Brüdern umbrachte, und dafür enthauptet wurde, erregte seinerzeit die Gemüter des italienischen Volkes, beschädigte nachhaltig den Ruf des Papstes Clemens VIII., ging in die italienische Kriminalgeschichte ein und beschäftigte im Laufe der folgenden Jahrhunderte Dichter wie Filmemacher. Die Verfilmung Fulcis stellt, glaubt man der IMDb, bereits die siebte Aufarbeitung des berühmten Falles dar: Unter anderem hatte sich Riccardo Freda 1956 der Geschichte gewidmet.

Fulci erzählt die berühmte Geschichte nonlinear, beginnt mit den Vorbereitungen zur Hinrichtung, erzählt die Vorgeschichte dann in einer Rückblende, innerhalb derer er immer wieder Details ausspart, die dann erneut rückblickend aufgedeckt werden. Diese Erzählstrategie verstärkt den Eindruck eines schicksalhaften, unabwendbaren Verlaufs der Dinge und entzieht seinen Charakteren Autonomie und Handlungsmacht. Psychologie spielt nur eine sehr untergeordnete Rolle: Gerade die Titelheldin (Adrienne Larussa) bleibt eine Chiffre, bis zum Ende undurchschaubar. Dass die Cencis genug Gründe hatten, ihr Familienoberhaupt auszuschalten, wird als Tatsache mehr oder minder vorausgesetzt, ihre Leidensgeschichte interessiert Fulci eigentlich nicht. Im Vordergrund stehen bei ihm die politischen Implikationen. Auch wenn BEATRICE CENCI in der Neuzeit angesiedelt ist, liegt er mit seiner Thematisierung der Korruption von Politik und Staat doch ganz im Rahmen des in Italien zu jener Zeit so populären Cinema di denuncia.

Francesco Cenci (Georges Wilson) genießt trotz brutaler Verbrechen den Schutz der Kirche, die genau weiß, was sie an dem Mann hat. Jedes seiner Vergehen lässt sie sich von ihm nämlich teuer bezahlen, um sich die Kasse vollzumachen. Seine Zügellosigkeit ist eine willkommene Einnahmequelle und man hat kein Interesse, diese versiegen zu lassen. Eine Art unmoralisches gentlemen’s agreement. Doch sie leistet so der Rache der Familie an dem Mann, der sie quält und demütigt, Vorschub. Alle Versuche Beatrices, ihm zu entkommen, schlagen fehl: Als er erfährt, dass sie in ein Kloster gehen will, sperrt er sie ein und vergewaltigt sie, damit sein Ende besiegelnd (die Vergewaltigung ist historisch nicht bestätigt, wohl aber, dass Cenci einen sexuell ausschweifenden Lebensstil pflegte und sich dabei an beiden Ufern umtrieb). Die Ermordung – verübt mithilfe des in Beatrice verliebten Dieners Olimpio (Tomas Milian) und eines räudigen Banditen (Ignazio Spalla) – wird zwar als Unfall getarnt, dennoch dauert es nicht lang, bis die Täter inhaftiert sind und nach grausamer Folter geständig sind (hier übt Fulci schon für die späteren Splatterfilme, die man leider fast ausschließlich mit ihm verbindet). Dass die Kirche ein so großes Interesse daran zeigt, die Täter zu fassen, und sie dann mit ganzer Härte des Gesetzes bestraft, hat nichts mit der Wahrung der Moral zu tun: Es geht allein ums Geld. Denn die Reichtümer Cencis, die mit seinem Tod nun unerreichbar sind, fallen komplett an die Kirche, nachdem die gesamte Familie ausgerottet ist. Als Krönung der Bigotterie erteilt Clemens VIII. der Mörderin Beatrice just in dem Moment die Absolution, indem er über den Vollzug ihrer Enthauptung unterrichtet wird.

BEATRICE CENCI – in Deutschland völlig irreführend und wohl auf das Bahnhofskino-Publikum abzielend DIE NACKTE UND DER KARDINAL betitelt – ist ein visuelles Fest, dabei jedoch nicht, wie die Monumentalfilme der vorangegangenen Jahrzehnte, von überschwänglichem Pomp, Prunk und Kitsch, sondern vor allem von Dekadenz und Verfall geprägt. Der Adel ist durch und durch verkommen, Francesco Cenci nicht weniger als ein widerliches, kulturloses kapitalistisches Schwein, der Klerus ein Haufen profitgeiler Machtmenschen, die ihr Fähnchen zielsicher in den Wind hängen, die Anwälte der Cencis diskutieren das Ergebnis ihrer gescheiterten Verteidigungsbemühungen stilecht im Puff. Kameramann Erico Menczer fängt das Geschehen in dunklen, meist statischen, dabei aber ungemein dramatischen Bildern ein, die verdeutlichen, dass sich in dieser Welt nichts von allein bewegt, alles gesteuert ist. Ein großartiger Film, einer der besten, die ich von Fulci kenne.

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